Das Unglück von Tschernobyl und Fukushima im Vergleich – Zögerliches Eingreifen Japans

Langsam schwelen die Reaktorkerne in Fukushima vor sich her. Niemand hat Erfahrungen mit dieser partiellen Schmelze, niemand weiß, welche Ausmaße, der japanischen Bevölkerung und der Welt noch bevor stehen. Im Moment aber wird die Lage wohl deutlich unterschätzt, so heißt es in der Zeit:

„Der Atom-Experte Najmedin Meshkati von der University of Southern California sagte, die Situation sei deutlich ernster, als angegeben. „Das ist deutlich mehr als das, was eine Nation alleine bewältigen kann.“ Meshkati forderte ein Eingreifen des UN-Sicherheitsrates.“ (Zitat vom Handelsblatt entnommen, aber auch auf vielen anderen Seiten zu finden http://www.handelsblatt.com/politik/international/kernschmelze-bestaetigt-strahlungswerte-extrem/3995164.html)

Die Forderung nach einem Eingreifen der UN war absehbar und ich habe sie schon am 16. März formuliert (http://limits-of-human-nature.blogspot.com/2011/03/un-mandat-fur-katastrophenschutz-als.html). Konkretere Pläne für ein drastischeres Vorgehen in Fukushima gibt es auch seit vorgestern auf http://www.heise.de/tp/r4/artikel/34/34432/1.html. Um so unverständlicher wirkt das zögerliche Handeln der Regierung Japans. Gerade mal 100 Arbeiter oder weniger sollen in Fukushima sein, um die Lage zu begrenzen. Wenn es aber tatsächlich eine teilweise Reaktorschmelze gegeben hat, könnten sich die Kosten noch in ungeahnte Höhen schrauben. Vor 2 Wochen noch als die Strahlung niedrig war und auch jetzt, wo die Strahlung Arbeiten noch erlaubt, sollte Japan alle Kräfte mobilisieren, um die Katastrophe klein zu halten. Was passiert stattdessen? Sollte das russische Krisenmanagement in Tschernobyl die Diszipliniertheit der Japaner etwa bei weitem in den Schatten stellen? Warum wurden bis jetzt kein russischer Rat mit herangezogen? Warum wird Tepco nicht entmachtet und das ganze komplett in die Hände der UN übergeben oder zumindest der japanischen Regierung? Warum zögert Japan?

Ich möchte an dieser Stelle nochmal die Entschlossenheit der Russen den Ereignissen in Fukushima gegenüberstellen, denn das entschlossene Eingreifen hat letztlich ganz Europa gerettet. Dieses werde ich im Folgenden zeigen. Parallel dazu stellt sich immer die Frage, was in Japan passiert.


Tschernobyl und die gegenwärtige Situation in Fukushima im Vergleich

Nach Tschernobyl war die Lage weitaus dramatischer als in Fukushima. In der Zeit heißt es hierzu:
„Die österreichischen Spezialisten schätzen den Ausstoß an Radioaktivität in Fukushima verglichen mit Tschernobyl auf 10 bis 20 Prozent für Jod-131 und 20 bis 60 Prozent für Cäsium 137 (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-03/japan-atomkrise-medien).
 Aber auch wenn es geringere Mengen in Fukushima sind, so weiß doch niemand, was noch mit dem Reaktor passieren wird. Auch die Betreiberfirma Tepco vermittelt hier wenig Sicherheit. Als diese den japanischen Präsidenten darum bat, die Arbeiter vom Kernkraftwerk abziehen zu dürfen, reagierte dieser harsch, dass es hier nicht mehr um Tepco ginge, sondern darum, dass Japan nicht zusammenbreche. Wenn also selbst schon Tepco bereit wäre, den Reaktor aufzugeben, so müssen wir uns fragen, was dort eigentlich noch gearbeitet wird. Ein Vergleich mit dem Krisenmangement der Russen ist also durchaus angemessen, denn diese haben sofort das gesamte Areal dekontaminiert und alle Maßnahmen ergriffen, um die Strahlungsquelle unschädlich zu machen.
Natürlich war es eine andere Situation als in Fukushima, da in Fukushima noch kein Nuklearbrand wie in Russland wütet, aber wer schließt aus, dass es dazu noch kommen könnte? Japan sollte daher jetzt eine Armee bereit stellen, die unter immensem technischem Aufwand ein neues funktionierendes Kühlsystem errichtet. Warum vertraut man in diesem Punkt einer handvoll Techniker?
Weiträumige Dekontaminationsmaßnahmen in Tschernobyl
Als die Armee in Tschernobyl war die Strahlung bereits spürbar. Alle hatten diesen metallischen Geschmack im Mund. Die Evakuierungsmaßnahmen wurden sofort umgesetzt und das gesamte Areal von der Armee weiträumig gesäubert. Was passiert in Fukushima? 100 Leute, die mit Taschenlampen bewaffnet, durch radioaktives Wasser waten müssen.
In der Landschaft um Tschernobyl herum liefen umfangreiche Dekontaminationsmaßnahmen an. Alle Tiere wurden geschossen, da sie die Liquidatoren hätten verstrahlen können. Dörfer eingeebnet und unter Sand begraben. In Fukushima beschränkt man sich darauf Strahlung zu messen.

Hubschraubereinsätze zur Reaktorrettung
Doch die Dekontaminationmaßnahmen halfen nichts, wenn das Feuer im Reaktor, die Kernschmelze nicht unterbunden werden konnte. Aus dem Reaktor in Tschernobyl stiegen Unmengen an radioaktivem Dampf auf. Diesen galt es als erstes einzudämmen, denn ohne die Beseitigung der Strahlenquelle wäre jede andere Arbeit nutzlos gewesen. General Antochkin befehligte ein Geschwader von 80 Helikoptern, dessen Auftrag es war, 70 Kilo Sandsäcke ins atomare Feuer abzuwerfen. Die Piloten wurden von der afghanischen Front zu dem weitaus gefährlicheren Einsatz abgezogen. Selbst in einer Höhe von 200 Metern gab es noch eine Strahlenbelastung von 1000 Röntgen, der doppelten tödlichen Dosis pro Stunde. Am ersten Tag wurden 110 Einsätze geflogen; am zweiten 300. Einige Piloten flogen 33 Einsätze pro Tag, die Hitze war so hoch, dass sie nach 6 Säcken, die sie ins Feuer warfen, schweiß gebadet waren. Nach den Einsätzen mussten sie sich übergeben. Alle 600 Piloten sind nach den Einsätzen gestorben. In Fukushima mutet man ähnliche Aufgabe dem Militär, das ja eigentlich zum Schutz der Bevölkerung da ist, nicht zu und wartet ab, bis es zum richtigen GAU kommt, um dann bei weitaus höherer Strahlung zu agieren, wenn überhaupt. Könnte es sein, dass ein ganzes Land, sich mit einem strahlenden Areal zufrieden gibt?

Trotz der Hubschraubereinsätze in Tschernobyl kühlte sich das Magma aus Plutonium nicht ab, der Sand war unter der Hitze mittlerweile verglasst, daraufhin entschlossen sich die Behörden Blei in den Reaktor abzuwerfen, woraufhin große Teile der Brennelemente in die Athmosphäre verdampften. Diese Methode wurde stark kritisiert, doch das Problem konnte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr anders gelöst werden, das Magma musste heruntergekühlt werden. Tatsächlich bewirkte das Blei eine baldige Kühlung des Reaktorinneren. Doch weitere Maßnahmen aus der Luft konnten das Problem nicht weiterlösen. Es musste am Boden weitergearbeitet werden.

Der Bluttropfen und die Zeichen für die Strahlung stehen für den mutigen Einsatz der Liquidatoren in Tschernobyl

Löschwasser unter dem Reaktor
Löschwasser hatte sich unter dem Beton angesammelt. Wenn die Betondecke unter dem Reaktor gebrochen wäre, und das Löschwasser verdampft wäre, dann wäre es zu einer zweiten Explosion gekommen, die mit einer Stärke von 3-5 Megatonnen noch das 320 Kilometer weit entfernte Minsk ausgelöscht hätte. Europa wäre unbewohnbar geworden Das Wasser unter dem Explosionskrater musste also abgepumpt werden. Im Blog der Tagesschau heißt es hierzu, dass Feuerwehrmänner sich mit Rohren an den Reaktor heranrobbten, um Rohre zu installieren, wodurch das Wasser abgepumpt werden konnte (http://blog.tagesschau.de/2011/03/07/25-jahre-nach-tschernobyl-ii-die-liquidatoren/).In Fukushima lässt man in der radioaktiven Brühe im Reaktor nicht mehr arbeiten. Erfolge werden gefeiert, wenn das Licht in den Kontrollräumen wieder funktioniert. Somit haben dürfen wir dann wohl einer beleuchtete Kernschmelze in Superzeitlupe beiwohnen.

Bergbauarbeiten
Die Gefahr einer weiteren Explosion lag in Tschernobyl nun nur noch bei bei 5- 10 %, aber weiterhin drohte das Magma in den Boden abzusickern und schließlich das Grundwasser zu vergiften. Also begann man bereits 17 Tage nach dem Unfall (und man überlege sich, was bis hierhin in Fukushima geschehen ist) unter dem Kraftwerk einen Raum auszuheben, um den Reaktor von unten zu kühlen. 10.000 Bergleute wurden herangefahren und begannen damit einen 140 Meter langen Tunnel und einen Raum für eine Kühlstation auszuheben. Der Raum war schließlich 2 Meter hoch und maß jeweils 30 Meter in der Breite. In dem Schacht war es unerträglich heiß, 50° Celsius. Die Bergleute verzichteten auf Mundschutz und tranken aus offenen Flaschen. Niemand von ihnen wurde älter als 40. In einem Monat und 4 Tagen grub sie einen 150 Meter langen Tunnel, der unter normalen Bedingungen 3 Monate benötigt hätte. Zu den Gefahren äußert sich ein Bergarbeiter: „Irgendwer musste es doch machen […] Ich bereue nichts“. Schließlich entschied man sich, kein Kühlsystem zu installieren, sondern den Raum mit Beton auszufüllen. In Fukushima hofft man derweil noch darauf, dass die Kernschmelze abgewendet werden kann. Wenn sie dann allerdings geschieht, so geht man davon aus, dass der steinige Untergrund das Magma hält. Warum aber werden nicht wenigstens schon bautechnische Vorbereitungen für den Fall der Fälle getroffen? Die Zeit der Hoffnung wird wohl noch ausgeschöpft bis diese dann stirbt und man sich fraglos anschaut.
Bau des Sarkophags
Die schwierigste Aufgabe aber stand in Tschernobyl noch bevor. Ein 170 Meter langer und 66 Meter hoher Sarkophag sollte schließlich den Reaktor 4 vollkommen ummanteln. Doch es war nur minutenweise Arbeit möglich (teilweise nur sekundenweise). Zwar arbeitete man mit ferngesteuerten Maschinen, doch Menschen mussten die Maschinen in Position bringen. Träger mit 70 Metern und 140 Tonnen wurden herangefahren. Mit Blei gepanzerte Fahrzeuge wurden eigens gefertigt. Das größte Problem aber war das Dach des Reaktorsgebäudes, wo noch die bei der Explosion herausgeschleuderten Graphitstücke des Reaktors lagerten. Ein einziges Graphitstück konnte einen Menschen innerhalb einer Stunde töten. Zunächst versuchte man daher mit Robotern den Schutt vom Dach zu schieben und unten mit anderen Roboter zu vergraben. Doch bald schon wurden die Schaltkreise von den Maschinen beschädigt (das dürfte die Hoffnung auf japanische Roboter beseitigen). Auch weil diese Roboter nicht mehr eingesetzt werden konnten, bekamen die Liquidatoren schließlich den zynischen Namen „Bioroboter“.

Eine sehr gute Dokumentation, die den Einsatz der Liquidatoren umfassend darstellt.

Für den Einsatz auf dem Dach mussten die Soldaten ihre eigenen Bleianzüge verfertigen. Bleischürze, Helm, Maske. Aufgrund des vielen Bleis hatte die Uniform schließlich 26 – 30 Kilogramm. Die darauf folgenden zwei Wochen bedeuteten die Hölle, für die Soldaten, obwohl jeder Soldat die Hölle nur 2-3 Minuten ertragen musste. Der gewaltige Einsatz einer ganzen Armee, die bei weitem die Größe der Deutschen Armee (228.043 Soldaten) übersteigt, machte es möglich, dass verschiedene Teams jeweils für 45 Sekunden auf dem Dach arbeiten konnten. Bei Sirenenlärm stürmten 8 Soldaten auf das Dach und schafften in 45 Sekunden soviel Schutt wie möglich hinunter. Dieses entsprach einer Belastung von 7000 Röntgen pro Stunde. 10 Tage lang dauerte der Einsatz und alle 10 Minuten wurden neue Mannschaften aufs Dach geschickt. Sie hoben Teile mit 1500 Röntgen mit der Hand auf. Nach einem Tag Arbeit schmerzen den Arbeitern die Hände und sie konnten diese nicht mehr zur Faust ballen.Viele bekamen nach den Einsätzen Nasenbluten und wurdes sofort ins Krankenhaus gebracht. Ein Überlebender äußert sich: „Als wir vom Dach kamen, fühlten als hätten uns Vampire das Blut ausgesaugt.“ und fügt dann doch hinzu: „Wir alle wollten durchhalten.“ Selbst 20 Jahre später kann er das Blei im Mund noch schmecken. Die Strahlung auf dem Dach konnte dennoch nur um 35% reduziert werden. Später stellt sich heraus, dass die Belastung 10 – 12.000 Röntgen für die Arbeiter betrug. In Fukushima sollten mehrere Arbeiter eingesetzt werden, um die Strahlenbelastung gering zu halten. Wer weiß, welche Arbeiten nun in Fukushima nötig sind, wir hoffen, dass es nicht weiter ausartet und ein solcher Einsatz wie in Tschernobyl notwendig wird, daher sollte Japan jetzt soviele Kräfte wie möglich mobilisieren und nicht nur 100 Arbeiter.Finanzielle Kosten
Als Zeichen der Dankbarkeit beakam jeder der Arbeiter vom Dach damals umgerechnet 100 US-Dollar. Der Lohn für 10.000 -12.000 Röntgen pro Stunde und ein geschädigtes Leben. 18 Milliarden Rubel kostete die Reinigung in Tschernobyl insgesamt. Ein ungeheures Budget für damalige Verhältnisse. Welche Kosten auf Japan zukommen, lässt sich nur erahnen. Hinzukommen wirtschaftliche Folgekosten und der Verlust eines riesigen Wohnraums von möglicherweise 80 km Radius.

Maßnahmen in Fukushima
Nachdem die Russen in den ersten 14 Tagen nach der Katasrophe bereits einige der großen Aufgaben erledigt hatten, ist man in Fukushima noch damit beschäftigt den Strom wiederherzustelllen. 100 Mann seien für diese Aufgabe gewachsen. Es ist jedoch unklar wie das strahlende Reaktorgehäuse behandelt werden soll, offenbar tritt eine erheblich belastete Brühe aus dem Reaktor aus, wie sollte diese in Zukunft eingedämmt werden? Aufgrund der geringer gewordenen Medienberichterstattung stellt sich das Gefühl ein, dass die Lage unter Kontrolle sei, aber dies ist bei weitem noch nicht der Fall. Im Spiegel äußert sich der Atomexperte Helmut Hirsch daher:

„Überall höre ich, dass da gerätselt wird, ob es noch zum GAU kommt. Dabei ist er längst da, der GAU.“ http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,753586-2,00.html

Der GAU auf Raten wiegt uns in trügerischer Sicherheit. Die Radioaktivität wird sich ohne Dekontamination noch lange in der Nahrungskette halten. Noch heute muss zum Beispiel das Fleisch jedes fünften geschossenen Wildschweins aufgrund von zu hoher Strahlung weggeworfen werden (vgl.http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753398,00.html). Die Japaner entwickeln stattdessen dieser fundamentalen Probleme andere Sorgen. Notunterkünfte nehmen nur Flüchtlinge aus der 20-Kilometer-Zone um das AKW auf, die sich einer Strahlenuntersuchung unterzogen haben. Ärzte verteilen nun Zertifikate für strahlungsfreie Menschen.
Diese Angst sollte stattdessen richtig kanalsiert werden. Die Bevölkerung sollte von der Regierung endlich die Verstaatlichung von Tepco fordern und die Staatshoheit über das Katastrophenareal aufgeben, um den Sicherheitsrat eingreifen zu lassen. Natürlich kann dies übertriebener Alarmismus sein und zwar genau dann, wenn sich in zwei Jahren herausstellt, dass alles gerade so gut gegangen ist, für den Fall der Fälle aber sollten wir jetzt handeln.

 

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