Ist Kunst Kunst? Alfred Eisleben zur Dialektik der Kunst zwischen Materie und Form (Teil 2)

Da Vinci Vitruve Luc ViatourNorman Schultz: Wir f√ľrchten dabei das Rohe, Kunstlose in den Religionen. (Fortsetzung des ersten Teils)

Alfred Eisleben: Das gro√üe Schweigen, das sich √ľber die westlichen Medien legt, feiern bestimmte Religionsf√ľhrer als Erfolg ihres Gottes. Ein gro√üer Gott aber sollte doch mit Gelassenheit reagieren, wenn Menschen endliche Pl√§ne machen und mit Endlichkeit in Unendlichkeit teilhaben wollen. Ohnehin wie k√∂nnte ein Mensch einen Gott verh√∂hnen? Ein gro√üer Gott verbietet keine Wochenendausfl√ľge ins Jenseits, die uns die Kunst erlaubt. Diese Ausfl√ľge ins Jenseits, sind vielleicht mit den Sternwarten vergleichbar, die gerade mal einen Blick von der Unendlichkeit des Universums erhalten. √úberhaupt: Wenn Gott unendlich ist, ¬†dann sind die Endlichkeitsspiele, die wir in unseren Gesellschaften erfinden, ohnehin nicht vergleichbar, denn im Unendlichen ist jede endliche Gr√∂√üe, und sei sie noch so gro√ü, unendlich klein.

Norman Schultz: Versuchen wir aber doch beim Thema zu bleiben. Was bedarf Kunst?

Alfred Eisleben: Zeit ist eine Ressource, die sich, wenn sie vorhanden ist, in Kreativit√§t wie ein Gewitter entl√§dt. Erreichen Gesellschaften ein Gem√ľtlichkeitsniveau werden √úberschussenergien wie eben Freizeit reinvestiert und zwar in zwei Arten von Sinnlosigkeit: Kunst und Hobbies. Gibt es diese Frei-Zeit nicht, wird das Leben ein reiner Mechanismus. In diesem Sinne unterscheiden wir Menschen uns dann nicht von einem Vulkanausbruch, einem Erdbeben oder einem Meteoriteneinschlag. Wir sind dann Naturgewalten, die wie sich einst das Meer √ľber die Erde legte eben mit ihrem Fleisch an den Planeten schmiegen und ihn wie Naturgewalten langsam verwittern lassen. Gibt es jedoch Kunst, so wird das Leben und das Umfeld sanft, sinnvoller. Kunst erf√ľllt in diesem Sinne keinen Sinn selbst und ist der reine Gegensatz zur kriegerischen oder roh-religi√∂sen Verwaltung der Welt. Sie ist sinnlos und darin besteht ein Sinn. Ihre Sinnlosigkeit setzt nicht auf Material oder Verbrauch, sondern auf Erhalt.

Norman Schultz: Wie meinen sie das Kunst sanft macht?

Alfred Eisleben: Wir k√∂nnten wohl noch am ehesten von den Umweltaktivisten als K√ľnstler sprechen. Sie haben ein Interesse daran, etwas zu bewahren, das keinen direkten Profit bringt. Zudem m√ľssen wir auch sagen, dass wer ewige Wahrheiten will, sich auch noch am ehesten um die Verg√§nglichkeit der Welt sorgen muss. Wer in seiner Kunst Ewigkeit finden will, sollte dieser nicht genauso um die Ewigkeit der Welt bem√ľht sein?

Norman Schultz: Aber Welt ist materiell und sind nicht auch Materialien immer treibende Kraft der Kunst gewesen? Materieller Fortschritt hat mehr Entfaltungsmöglichkeiten gebracht.

Alfred Eisleben: Wie gesagt, ich bin mir da nicht ganz so sicher. Selbstverst√§ndlich, wer sich nicht dem Material zuwendet, der findet keine N√§he in der Kunst. Derjenige bleibt abstrakt im Gedankenpalast zur√ľck. Ohne Materie sind die Dinge nicht wirklich, aber das hei√üt im Umkehrschluss nicht, dass die Dinge materiell sind. Wir k√∂nnen mit dem geringsten Aufwand Kunst produzieren. Hier ein paar Beispiele: H√∂hlenmaler¬†hatten nicht viele Farben zur Auswahl. In diesem Sinne stand den H√∂hlengenies nur eine beschr√§nkte Gestaltungsdimension zur Verf√ľgung. Doch Gestaltungsdimensionen des Materials sind mit grenzenloser Virtuosit√§t √ľberschreitbar. Nehmen sie die Salzmalerei, die die Perspektivit√§t der Ebene mit dem simpelsten Material ergr√ľndet.

Heutzutage wird mit allem gemalt. Im amerikanischen B√ľrgerkrieg diente Kaffee, der andere malt mit Ketchup, wieder ein anderer glaubte sich ganz existentialistisch zu kennen und musste sein Blut nehmen. Mit der Tinte unter der Haut und dem Herz auf der Stirn, so verkehrte Hugo Ball noch die Dimensionen des Materiellen. Aber schauen wir weiter: Es sind nicht nur die Materialien: Die Merzbauten eines Kurt Schwitters, all diese Dadaisten, die die √úberbleibsel einer beginnenden Konsumgesellschaft verarbeiteten. Das war die Vorlage zur Recycle-Kunst, einer Idee, das Materialien nicht einfach auf M√ľllhalden verschwinden sollten, sondern ihren Wert als Teil der Materie behalten. Dieser Wert kam aber nicht von der Materie. Dann zupfen andere wieder auf Seiten und erzeugen Ger√§usche. Die Musik aber entsteht dabei nicht im Instrument, sondern in uns. Am eindrucksvollsten ist dann aber die Reduktion auf kleinste Graphith√ľgeleien oder digitale Rechenpakete, Poetik und Twitter nutzen ein Minimum an Material, aber niemals ist das Material allein da, sondern es ist eindrucksvoll kontextualisiert und sei es durch unseren biologischen Mechanismus, der wir sind.

F√ľr mich ist √ľberraschend, dass feiner Sand ein Medium ist, dass die Tiefe aller Perspektiven zul√§sst. Den Sand aber d√ľrfte es auch schon zu anderen Zeiten gegeben haben. Daher kann es sein, dass auch die H√∂hlenmaler schon zu einigen perspektivischen Leistungen in der Lage waren. Die Materialsteigerung war also nicht alleiniger Grund f√ľr das¬†Kunstverm√∂gen.¬†Auf dern anderen Seite zeigen uns die¬†Malereien des Mittelalters, die ja nun mehr Materialien zur Verf√ľgung hatten, dass simple Methoden, die selbst 16 J√§hrige heute schon beherrschen, erst entdeckt werden mussten und nicht das Material ausschlaggebend war, sondern die Geschichte der Menschen. Wir erweitern unsere Grenzen des Geistes und nicht das Material gibt uns die M√∂glichkeit zu ferneren Grenzen vorzudringen, sondern unser Verh√§ltnis zur Geschichte des Geistes im Einklang mit verschiedenen Materialien. Nur wer seine Geschichte dann im Material bewahrt, entwickelt sich weiter! Deswegen nochmal: Es geht um Ewigkeit.

Norman Schultz: Sie widersprechen also Aristoteles, dass wir die Formen aus den Dingen gewinnen?

Alfred Eisleben: Nein, das tue ich nicht. Aber die Frage ist, wann wir sie aus den Dingen abgewinnen. Dies ist eine geschichtliche Frage und es passiert nicht einfach so.

Norman Schultz: Was also hat die Grenzen der Malerei erweitert?

Alfred Eisleben: Ja, das sind Fragen! Wie ist es dem Menschen m√∂glich √ľber seine physische Umwelt, die vorrangig aus begrenzten Ressourcen und Materialen besteht, hinauszukommen? Offensichtlich begrenzt das Material nicht absolut. Es begrenzt relativ zu unserer geschichtlichen Entwicklung. Warum also sind K√ľnstler heute zu so vielem in der Lage? Ist es vielleicht die neue Auswahl an Talenten bei Milliarden von Menschen? Oder katapultieren wir uns in¬†eine sich unendlich √ľberbietende Kultur, die einfach aus der st√§ndigen Aufbietung von neuen¬†Memen¬†besteht? Den Einwand, dass sich¬†die gro√üen Genies der Steinzeit¬†uns nicht √ľberliefert haben, glaube ich nicht, denn auch die Meister des Mittelalters zeichneten noch eindimensional. Ich glaube, wir haben tats√§chlich eine geschichtliche Entwicklung durchgemacht.

Norman Schultz: Der These w√ľrden viele widersprechen angesichts der Zunahme von Kriegen.

Alfred Eisleben: Das m√∂chte ich auch √ľberhaupt nicht verneinen. Aber mit dem ungeheuren Potenzial der Selbstvernichtung ist zugleich das ungeheure Potenzial der Selbstbewahrung gewachsen. Es bleibt nach wie vor eine Wahl zwischen Gutem und B√∂sem.

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Norman Schultz

Pittsburgh, Mai 2015

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