Die Grenzen des Kochens – Sternek√ľche und Philosophie

Ern√§hrungsdruck bestimmt uns seit unserer Kindheit: Mund auf, ad√§quates Nahrungsprodukt infiltriet den Mundraum, Bewertung, schlucken, repeat, ges√§ttigt.¬†Verwerflich ist daran nichts, allerdings w√ľrde eine Ern√§hrungspille f√ľr diese Form des Menschseins gen√ľgen.

Soylent ist ein solches Produkt, wobei die Bewertung des Produkts durch Ern√§hrungswissenschaftler und nicht unsere Geschmacksnerven bestimmt wird.¬†Soylent als Zukunft des Essens¬†sei nach dem Erfinder f√ľr eine wachsende Weltpopulation geschaffen.¬† Alle N√§hrstoffe, die der K√∂rper bed√ľrfe seien in Soylent enthalten und aufbereitet f√ľr effiziente Nahrungsaufnahme.¬†

https://soylent.com/

Eine Freundin, die als Anwältin wenig Zeit hatte, aß Soylent tatsächlich täglich und meinte so ihre Arbeitsproduktivität zu steigern. Ernährung zum Zweck des Essens werde optimiert, während wir uns dann auf gutes Essen am Wocheende konzentrieren können. Doch beschränkt die vollständige Rationalisierung des Essens unseren Bezug zum wirklichen Produkt?

Essen als Sättigung

Auf einer Party in K√∂ln wurde mir einst von einer jungen Frau erkl√§rt, dass am Essen der Moment der totalen S√§ttigung die wirkliche Befriedigung verschaffe und die sogenannten Gourmets¬†w√ľrden die Tats√§chlichkeit und Bodenst√§ndigkeit des Essens verkennen. Jede Woche w√ľrde sie sich mit ihrer Familie den Bauch vollschlagen und dann einfach nur noch richtig satt – und sie sagte das mit einer auffallend breiten Betonung – richtig satt auf der Coutch liegen. Ich stellte mir vor wie Vater, Mutter und Tochter mit dicken B√§uchen, die unter den T-Shirts hervorlucken, auf der Couch liegen und wie die Fleischf√§den von ihren Z√§hnen h√§ngen w√ľrden. Die Reduktion des Essens auf blo√üe K√∂rperfunktionen stie√ü mich damals ab.

Nahrung als Vollstopfen hat seine Grenze in der Auff√ľllbarkeit des K√∂rpers. Die Grenzen der S√§ttigung wurden bereits hinreichend in Wettbewerben erprobt:

Was kommt daher nachdem der Körper sein Maß der Sättigung gefunden hat? Wiederholen wir den Sättigungsreflex jedes Wochenende? 

Während die Chinesen ihre Fettleibigkeit erst entdecken und langsam aufholen, wenden sich die westlichen Gesellschaften von der Sättigung als Lebensgrundlage ab. Hier muss die Tugend des Geschmacks beginnen. Studien zeigen, dass gerade Fasten eher Heilung verspricht als Völlerei. Weniger essen, isst mehr. 

Hinschmecken?

Oftmals werden die kleinen Porti√∂nchen auf den Tellern der Sternek√ľche bel√§chelt. Sie glauben S√§ttigung, das eigentliche Gef√ľhl, werde dem Prestige geopfert.¬†Doch die Sternek√ľche ist kein Modetrend zum Miniaturkochen:

Die Frage ist: Was ist dieses philosophische, ganzheitliche Erlebnisse, das sich eben nicht um Sättigung dreht? 

Sternek√ľche hat einen √§hnlichen Anspruch wie klassische Musik. Wir d√ľrfen es hier nicht einfach auf ein Gef√ľhl reduzieren und keinesfalls auf S√§ttigung. WenChing, eine Freundin aus Taipei,¬† spielte Harfe. Ihre Aufgabe war es ein theoretisches Produkt von den Noten in Leben umzuwandeln. Sie betonte oftmals, dass es ihr um das Gef√ľhl der Musik ginge. Doch wenn wir nur klassische Musik h√∂ren, weil es uns dem Gef√ľhl nach befriedige, dann k√∂nnten wir doch jede Musikkonserve verdauen. Popmusik ist in diesem Sinne oftmals das Soylent der Unterhaltungsindustrie und bedient ein oberfl√§chliches Verlangen nach musikalischer S√§ttigung. Wenn es nur darum geht, dass wir S√§ttigung erreichen, dann schmei√üt man die Klassik mit der Gourmetk√ľche weg. Die Existenzberechtigung von Klassik und der Sternek√ľche ist daher nicht die S√§ttigung, sondern der intellektuelle Anspruch, eine zweite Wirklichkeit in uns zu erschaffen.

Was hei√üt es aber entgegen dem S√§ttigungsreflex genauer hinzuschmecken? Wir besitzen doch mit unserem Mund einen undenkbaren Sinn, der Gerichte wie eine Sonate, wie ein Gem√§lde, wie eine Skulptur entschl√ľsseln kann. Vor der geistigen Zunge verwandelt sich ein Produkt in eine Farbe, ein Aroma, eine Tonart, einen Film, ein Gef√ľhl, eine zweite Wirklichkeit. Diesen geistigen Anspruch des Essens m√ľssen wir allerdings zun√§chst lernen.

Nat√ľrlich gibt es in der Sternek√ľche verschiedene Anspr√ľche: Die K√∂che des Folgenden Videos zum Beispiel haben im El Bullie gelernt, einer der Kaderschmieden des modernen Kochens. Ihr Anspruch ist es mit jedem Gericht das Essen neu zu erschaffen.

Zur Verwissenschaftlichung und Philosophie des Kochens

Die Sternek√ľche kommt aber dennoch kaum in die schwarzen Zahlen und gute K√∂che, sofern sie nicht im ZDF repr√§sentabel sind, verdienen keine Spitzengagen. Wie dem auch sei, die Grenzen der F√§higkeit, sich vollzustopfen, interessieren uns nicht, sondern eben diese untersch√§tzte und teilweise unterbezahlte Philosophie des Kochens. Und gerade hier hat sich eine neue Wissenschaft aufgetan. Wie sieht das perfekte Spiegelei aus, die perfekte Textur, Viskosit√§t eines Gerichtes, der genau bemessene Salzanteil, die Feuchtigkeit, W√ľrze? Was sind Grenzen des Kochens, der Zutaten, was ist kombinierbar? Wie brate ich perfekt? Soviel kann ich nach Recherche verraten: Bei 140 Grad Celsius verbinden sich Zucker und Proteine und geben ein einzigartiges R√∂staroma, diesen Moment gilt es abzupassen. Verpassen bedeutet: das wohlende Bauchgef√ľhl einer perfekten Kreationen zu riskieren. Wir wollen zum Beispiel das perfekt denaturierte Spiegelei.

Weit ist diese Forschung noch nicht. Der Sternekoch Kurti sagt etwa: ‚ÄěEs ist absurd, dass wir √ľber die Temperatur im Zentrum der Sonne mehr wissen als √ľber jene im Inneren eines Souffl√©s.‚Äú (Kochphilosophie bei Wikipedia) Mit der Molekulark√ľche hat sich jedoch eine Wissenschaft hervorgetan, die eben dieses Geschmackserlebnis erforscht, mit wissenschaftlichen Methoden die Perfektion erreichen will. Die Perfektion treibt dabei zu immer neuen Zutaten, zu immer neuen Kreationen, um so schlie√ülich das philosophische Seinsmoment in der Nahrung zu erschaffen. So sagt Adria auch im Hinblick auf die Erfahrbarkeit des Essens: „Gl√ľcklich sein durch Neues“

Kochen wird zu einer eigenen Sprache mit allen Facetten: Freude, Wissenschaft, Kunst, Poesie, Sch√∂pfung, Musik, Erfahrung, Philosophie und vor allem Erlebnis. Keine Rezepte bei Adria, die √§lter sind als 1 Jahr, tausende von Gerichten, 10 bis 20 G√§nge: Melonenkaviar, B√§rlauchespuma¬†(Schaum), S√ľ√üe Fr√ľhlingsrolle mit Pina Colada Espuma-Gelkapseln aus klarer Tomatenbouillon mit frittiertem Basilikum, Weinbergpfirsich, Verveineeis in Sonnenblumenkernhippen auf Brombeerculis mit Chili-AprikosenespumaNitro, Blumenkohlespuma mit Erdbeeren & PopcornSpargelessenz mit B√§rlauchnudeln Spooncocktail Aperol mit Orange, Melonenkaviar oder Gurkenkaviar, Fake KaviarKarambolesorbet auf Erdbeerragout mit Ingwerespuma, Wollmispel – Culis und karamellisiertem Rhabarber. (Rezepte f√ľr die Molekulark√ľche)

Wom√∂glich ist es unm√∂glich, dass alles der Molekulark√ľche gemocht wird, aber es gibt hier Erlebnisse zu entdecken, die die Grenzen unserer bisherigen Ern√§hrungsweise aufzeigen und uns selbst zu den philosophischen Seinsmomenten des Essens, zu einer Philosophie des Geschmacks bringen k√∂nnen. Mit der Molekulark√ľche von Adria tat sich ein ganzer Forschungstzweig auf, der die Erforschung der Esskreationen zum Ziel hat. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass nicht wie urspr√ľnglich angenommen, die Kochtemperatur zum Herstellen von Br√ľhen relevant ist, sondern der Moment der Salzzugabe (Nachgesalzen)

Auch beim Kochen also ist der menschlichen Natur noch keine klare Grenze gezogen, sondern mit der Entdeckung der eigenen Geschmacksfunktionen ein weites Feld der Experimente er√∂ffnet. Doch √ľberall wo dieses Unbegrenzte uns begegnet, k√∂nnen wir auch von einer Philosophie sprechen, einer Philosophie, wo wir uns selbst entgrenzen.

 

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Neubrandenburg, März 2019
√úberarbeitete und aktualisierte Version von 2010

 

Ergänzung: Nachdem Adria behauptet hat, dass aufgrund der intensiven Forschung, die McDonalds in seinen Hamburger gesteckt hat, die 10 besten Köche der Welt keinen besseren Burger zu dem Preis herstellen könnten, untersucht der Kritiker Dollase die Burger mal etwas genauer: 

Die Gew√ľrzso√üe des Hamburgers ist f√ľr Dollase das Problem der industrialisierten S√§ttigungsindustrie.¬†

Wo steht die Deutsche K√ľche?

In der deutschen Kochschule sehen wir ein „Befreiung von ‚Äěklassischen Gourmettempel-Insignien‚Äú. Deutschland „emanzipiere sich „als kulinarische Nation“. Es wird ein „Verschwinden traditioneller, meist franz√∂sischer Luxusingredienzien zugunsten heimischer Spitzenprodukte“ registriert. Doch Kritik gibt es auch: ‚ÄěImmer mehr K√∂che verfallen der sch√∂nen, bunten Instagram-Welt, in der plakative Optik wichtiger ist als guter Geschmack und bestes Handwerk.‚Äú“¬†https://www.faz.net/aktuell/stil/essen-trinken/das-sind-die-koeche-des-jahres-2019-15885194.html

Hier Tim Raue, der zum 37 besten Restaurant der Welt zählt.

Hier Instagramw√ľrdige Gourmettempel. 3 Sterne-Restaurants sind aber mit Sicherheit nicht nur instagramtauglich.

 

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Grenzen der Kunst – Zur Philosophie von Material und Fortschritt

1972, Umberto Mariani, Joseph Beuys, Jean Pierre Van Tieghem, Documenta 5, Kassel
Mariani [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]


Kunst konnte sich in ihrer heutigen Profession nur entwickeln, weil mit der Zeit Materialien g√ľnstiger wurden. Erst die verschiedenen Materialien erm√∂glichten Malern ihr Potenzial auf Leinw√§nden in einfach verf√ľgbaren Farben zu entfalten. H√∂hlenmaler mussten im Gegensatz sich in einer technisch beschr√§nkten Gestaltungsdimension orientieren. Die Frage nach der Beziehung von Material und Kunst ist daher eine Frage ihrer Geschichte und ihrer M√∂glichkeiten. Dabei mussten H√∂hlenmaler bereits Verst√§ndnis f√ľr technische Abfolgen entwickelt haben:

„Meist wird die Hand als Schablone auf die Wand gelegt, und mit der oben beschriebenen Verspr√ľhtechnik wird  Farbe aus  Holzkohle,  R√∂tel  oder  Ocker, mit Wasser anger√ľhrt, auf die Wand gespr√ľht.“ (Wikipedia)

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Serienempfehlung: Better Call Saul

Ich habe gerade Better Call Saul beendet der Spin-off (Ableger) der erfolgreichen Dramaserie Breaking Bad. Vom philosophischen Standpunkt her, geht es darum, wie unser Umfeld und unsere Ambitionen uns zum Schlechten bewegen k√∂nnen. In Breaking Bad zum Beispiel kann ein Chemielehrer seine Tumortherapie nicht bezahlen. Das Amerikanisches Krankenkassensystem! Daraufhin beginnt er mit einem Sch√ľler Chrystal Meth zu kochen und es zu verkaufen.

Crystal Meth
Ein Amphetamin mit hohem Abhängigkeitspotential. Bildnachweis: Radspunk [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

In kurzer Zeit steigt er zum Drogenbaron „Heisenberg“ auf. Aus einem harmlosen Lehrer, der eigentlich nur seine Tumortherapie bezahlen will, wird so ein skrupelloser Killer.

Das w√§re dann die Serie, wenn Breaking Bad in Canada spielen w√ľrde. Dort wird die Behandlung schlicht von den Kassen √ľbernommen.
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Ein Gesichtsverbrechen √ľber das die USA streiten

Seit kurzem hat ein Gesichtsverbrechen die USA ‚ersch√ľttert‘ und zeigt ‚wie gespalten das Land ist.‘ Eigentlich aber zeigt es nicht die Spaltung des Landes, sondern deutet Probleme der sogenannten Schwarmintelligenz an, die leider h√§ufig auch nur ein Herdentrampeln ist. Es geht darum, dass Teenager, einige davon mit Make-America-Great-Again-Basecaps (MAGA), einen Ureinwohner Amerikas bel√§stigt haben sollen.

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Von der Globalisierung und dem Verschwinden unserer Kultur – Interview mit Alfred Eisleben

Ich bin wieder zur√ľck in Deutschland. Derzeit f√ľhre ich ein paar Interviews und konzentriere mich aufs Publizieren. So wird ein Artikel von mir zur Sloterdijk-Habermas-Debatte in Philosophy Today erscheinen.

Alfred Eisleben

Hier ist ein Interview-Ausschnitt von Gespr√§chen, die ich derzeit mit dem Philosophen Alfred Eisleben f√ľhre. Es geht um den Zustand unserer Kultur:

Norman Schultz: Glauben Sie, es gibt unsere Zeit noch?

Alfred Eisleben: Ich bin nicht der J√ľngste, aber ich habe manchmal das Gef√ľhl, dass bis in die 90er noch ein distinktives Lebensgef√ľhl vorherrschte. Sicher war dies auch eine mit Plattit√ľden √ľbers√§ttigte Kultur, doch ab ab dem Jahr 2005 setzte eine Art internationale Multiplizit√§t ein: Keine gemeinsame Musik, eine unglaubliche Diversifizierung in unendliche Subkulturen, so dass Subkulturen selbst verschwanden.

Norman Schultz: Das heißt, es gibt unsere Zeit nicht mehr?

Alfred Eisleben: Enzensberger sagte schon, dass die Realit√§t ein P√ľree sei. Wom√∂glich ist es aber so, dass wir unsere Zeit erst mit Abstand erkennen. Wir sind einfach zu nah am Bild, um im Bild zu sein.

Norman Schultz: Aber könnten wir nicht sagen, dass unsere Zeit gerade in der Diversifizierung besteht?

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DoktorUpgrade – Auf der Suche nach neuen Ideen

Vor ungefähr 6 Jahren habe ich meine Doktorarbeit in den Vereinigten Staaten begonnen. Zunächst mit einer Assistentenstelle, später dann mit einer Ergänzungsstelle (adjunct professor). Genug zum Leben.

Mit dem Abschluss meiner Dissertation bin ich froh, dass Pittsburgh mittlerweile als das Zentrum der Philosophie gilt. Ich bin froh, dass ich meine Dissertation zu einigen der zentralen Figuren der heutigen Philosophie- Geschichte schreiben konnte und ich bin dankbar, ich bin wirklich dankbar, dass ich das Leben in Amerika erleben durfte. Ich habe gesehen wie Obama President geworden ist und ich habe auch gesehen, wie Trump ihn abgelöst hat. Das sind gut 10 Jahre Erfahrungen aus erster Hand in einem Land, das so gespalten ist, wie kein Zweites.

Mein Dissertationskommitee. Dean Swindal, Dr. Selcer und Dr. Rockmore. Ich bin sehr froh, dass Dr. Rockmore es von der Beijing university geschaft hat, meine Dissertation zu besuchen.

Und nun? Weiterlesen

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Zur Forderung nach einer neuen Intellektuellenkultur – Warum Sloterdijk doch besser als Precht ist.

Reader

Die Alphabetisierung war ein intellektuelles Programm, dass sich nicht an den praktischen Bed√ľrfnissen der damaligen Gemeinschaft orientierte. Photographer: Ichut Title: Reader Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0)

Wir brauchen eine neue Intellektuellen-Kultur schreibt Krisha Kops in The European, dem Debattenmagazin. Schlie√ülich, so werden wir anekd√∂telnd eingef√ľhrt, w√ľrde es auch Ernst Cassirer so sehen, der damals Albert Schweitzer als einen „Mann der Tat“ entdeckte. Kops Thesen sind simpel und alt. Wir h√§tten das Gleichgewicht von Theorie und Praxis verloren. Im Moment w√ľrde die Theorie regieren. Ganz im Gegensatz br√§uchten wir wieder Philosophen mit ‚ÄěSchwielen an den H√§nden‚Äú. Philosophen, die wieder die Sprache ihrer Mitmenschen sprechen. Denn, wie sagte Schweitzer, ‚Äě[a]lles Tiefe ist zugleich ein Einfaches und l√§√üt sich als solches wiedergeben, wenn nur die Beziehung auf die ganze Wirklichkeit gewahrt ist.‚Äú Eigentlich ein Text, der in jedes Jahrhundert passt. Beispiele oder soziologische Evidenz f√ľhrt Kops daher nicht an. Ein wenig Plausibilit√§t gen√ľgt. Ein Text, der plausibel genug ist, um auf einer kurzen Fahrt von der Arbeit nach Hause zu √ľberzeugen. Wie eben auch bei Argumenten f√ľr Hom√∂opathie, gegen die EU oder f√ľr Trump ist dies eine ausreichende Strategie. Hier ein Thesen√ľberblick:

  • Unsere Zeit wird von Theoretikern beherrscht.
  • ¬†Die Wirklichkeit sei im Grunde genommen einfach.
  • ¬†Philosophen m√ľssen Praktiker sein.

  Jede These ist problematisch, lässt sich aber bei allgemeiner Akzeptanz wunderbar in einen Syllogismus verpacken:

  • Pr√§misse (1): Theoretiker missverstehen die Wirklichkeit
  • ¬†Pr√§misse (2): Die Wirklichkeit ist ein einfach und durch Praxis zu verstehen.
  • ¬†Konklusion: ¬† Philosophen m√ľssen Praktiker sein.

¬†Das gesamte Textkonstrukt ist schon ein wenig naiv. Als erstes w√§re schlie√ülich die Frage zu stellen, warum Theorie und Praxis √ľberhaupt in einem extremen Verh√§ltnis zueinander stehen k√∂nnen. Wie kommt es, dass wir Theorie und Praxis √ľberhaupt gegeneinander ausspielen k√∂nnen? Hier m√ľssten wir eigentlich auf ein bew√§hrtes Konzept der Philosophie zur√ľckgreifen: Dialektik. Wenn Philosophie n√§mlich die R√ľckkehr von den Extremen ist, wie es seither in der Dialektik der Fall ist, dann m√ľsste Kops zun√§chst erstmal auf die Gr√ľnde reflektieren, warum Theorie und Praxis als Gegenspieler auftreten. Stattdessen zitiert er, wie bei diesem Thema schon Standard, die These Feuerbachs (nicht etwa die Engels‘ oder Marx‘):¬†

„Es komme auf die „Marx‚Äôsche (und Engel‚Äôsche) These an, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie tats√§chlich zu ver√§ndern.“

Nun ist Marx mit seiner Frage nach der Revolution jedoch nicht so einfach einzuordnen. Klar ist, dass er irgendwie meinte Hegel vom Kopf auf die F√ľ√üe zu stellen.¬†So weit die simple Interpretation von Marx.¬†Die sp√§te Publikation der fr√ľhen Manuskripte von Marx im Jahre 1932 entfaltete sich jedoch als eine Revolution in der Marx-Exegese. Zeigte sich doch, dass Marx zutiefst Hegelianischer Denker war. Praxis und Theorie waren in einer Weise aufeinander bezogen und verschlungen, die er von Hegel lernte und dann an dessen Logik kritisierte. Marx war somit eben auch ein zutiefst theoretischer Denker, der Dialektik von Hegel nicht als These, Antithese und Synthese verstand, so wie es oftmals von den Marxisten falsch verstanden worden ist. Ganz im Gegensatz konnte er Hegels Ph√§nomenologie fortf√ľhren. Das hei√üt, er verstand Hegels Dialektik, n√§mlich eine Theorie aus der praktischen Beobachtung heraus zu entwickeln und die gewonnenen Einsichten immer nur als vorl√§ufig anzusehen. Gegen die Misinterpretation der an den Universit√§ten herrschenden Rechtshegelianer verstand Marx es daher die Dialektik an der Gesellschaft nachzuvollziehen. Das hei√üt, Marx war erstens kein Praktiker und zweitens waren seine Thesen eben auch nicht einfach, sondern wissenschaftlich komplex. Nun gut, auch Kops geht √ľber seine Einfachheitsthese hinaus: „Sie [die Gesellschaft] wiederum lediglich ver√§ndern zu wollen, ist, wie die Geschichte bezeugt, auch nicht die L√∂sung.“ Die Einsicht in die Komplexit√§t von Ver√§nderung bringt Kops daher zu seiner Schlussfolgerung, es m√ľsse Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis geben.

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Photographer:Kim, Title: A Reader, Paris 2017 Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Mit jener Position kann er dann auch √ľber Sloterdijk und Precht urteilen. Da Sloterdijk im Elfenbeinturm wohne, w√§re er abzulehnen. Precht als Praktiker (warum er nun Praktiker ist erschlie√üt sich mir nicht) w√§re demnach vorzuziehen. Sloterdijk, ganz im Gegensatz zu Kops Beurteilung und Vorgehen, erkennt jedoch, dass Philosophie eben die R√ľckkehr von Extremen ist. Bei Weitem ist er Kops simpler Forderung nach mehr Praxis √ľberlegen. F√ľr Sloterdijk w√§re sofort klar, dass die Philosophie weder in Praxis noch in Theorie anzusiedeln ist, sondern das beides Begriffe sind, die erst einer philosophischen √úberlegung entspringen. Hier ist auch das Problem mit Precht, den Kops ja lobend hervorhebt. Ganz im Gegensatz zu Kops These ist Precht Theoretiker, der sich als Praktiker verkauft, weil er Dinge einfach sagt. Wenn man nun jedoch Dinge einfach sagt, die in Wahrheit kompliziert sind, dann abstrahiert man zu stark, ein Fehler, der eigentlich dem Theoretiker widerf√§hrt. Wie verh√§lt es sich aber dar√ľber hinaus mit Kops These, dass die Welt eigentlich ganz einfach ist? Erwarten wir wirklich, dass ein hochkomplexer, mathematischer Beweis einfach ist? Es ist sch√∂n, wenn er vereinfacht werden kann, aber es ist nicht notwendig der Fall, dass Mathematik am Ende einfach ist? Einfachheit ist nicht notwendig ein Kriterium f√ľr Wahrheit. Dinge, die wir behaupten, sollten eher in einer bestimmten Weise wahr sein. Lieber etwas Kompliziertes, das wahr ist als etwas Einfaches, das falsch ist.

Kops hingegen folgt seiner Einfachheitsthese und benutzt die steife und simple Unterscheidung von Schul- und Weltbegriff, eine wenig reflektierte Unterscheidung, um die Situation auf den Begriff zu bringen:

Schulbegriff: „die streng akademische, fachorientierte, mit Fachtermini durchsetzte Philosophie“ (Kant).

Weltbegriff: „fach√ľbergreifenden, f√ľr alle (oder zumindest viele) relevante Thematiken auseinandersetzt“

Gemessen an der simplen und ihm n√ľtzlichen Unterscheidung, kann Kops dann ihm genehm schlussfolgern: der „‚Äěpublic intellectual‚Äú, ist hierzulande oft mehr dem Schul- als dem Weltbegriff verschrieben.“ Weltbegriffsphilosophen wie Richard David Precht wiederum w√ľrden f√ľr ihre Popphilosophie von den Schultheoretikern angefeindet werden. „Dabei…“, so Kops weiter, „versucht er genau das, was Schweitzer tat und Cassirer forderte: das thematisieren, was alle betrifft, und zwar mit einem Duktus, der nicht nur f√ľr eine Bildungselite zug√§nglich ist.“ Ein paar Argumente streut Kops dann: „Precht hat sicherlich mehr Menschen dazu gebracht, √ľber ihren Fleischkonsum oder das archaische Schulsystem nachzudenken.“

Ein paar Beweise zur Wirksamkeit von Precht w√§ren schon ganz hilfreich. Und Schulreformen gibt es leider schon immer und bei allen Zeiten haben Philosophen √ľber starre akademische Betriebe geschimpft. Dass Precht sich die Schule als Kritikgegenstand herausgreift, ist daher kein Novum. Ob Philosophie im √úbrigen wirklich Menschen zum Vegetarismus inspiriert, ist ebenso fragw√ľrdig. Die Freiheit unserer Erscheinungen determiniert sich an vielen Objekten unserer Umgebung. Lebenswandel sucht sich seine Gr√ľnde. Ich bezweifle daher, dass ein allein philosophisches Argument Leben so grundlegend ver√§ndert. Ich glaube eher Leben ver√§ndern sich und dann finden wir philosophische Argumente in der Reflexion. Precht wird vor allem von Vegetarieren zustimmend verdaut. Letztlich sind es Ideen, die uns ergreifen und zur Praxis bewegen, die hat aber Precht nicht erfunden, sondern sie zirkulieren in unseren Debatten.

Aber gut, wie sieht es damit aus. Sollte ein Philosoph einfache Lebensmaximen vorgeben? Kops These dazu: Intellektuelle (Weltbegriffbesitzer) m√ľssen den Massen praktisch helfen. Er schreibt konkret:

„Die Aufgabe der Intellektuellen sei es daher, die Massen intellektuell zu f√∂rdern, um so die erw√ľnschte Ver√§nderung in der Gesellschaft bewirken zu k√∂nnen.“

Hegel war schon immer skeptisch gegen den √ľberaktiven Weltverbesserer. Nicht, dass er diesen als Gutmenschen disqualifiziert h√§tte. Das ethische Leben ist auch notwendig, weil es einem inneren Willen folgt. Problematisch ist jedoch, wenn der einzelne Intellektuelle glaube, mit seiner Idee die Gesellschaft zum Besseren zu ver√§ndern. Das Problem des Radikalismus spielt hier hinein, worauf Sloterdijk zum Beispiel sehr weise in seinem Buch ¬†Die schrecklichen Kinder der Neuzeit¬†hinweist: Wir haben vielleicht mehr zu verlieren als nur unsere Ketten, verweist er einem seiner Artikel. Hegel w√ľrde hier fortf√ľhren, dass wir Individuen maximal Konzepte sch√∂pfen, die sich praktisch vielleicht im weiteren Weltgeschehen √ľber die Jahrhunderte realisieren. F√ľr Hegel sch√∂pft sich Ver√§nderung daher beim praktischen Theoretisieren. Der Theoretiker, der die Welt erst verstehen will, bevor er √ľber sie urteilt, ist Ursprung der Ver√§nderung. Precht hingegen will nicht verstehen, sondern ver√§ndern oder besser Ver√§nderung fordern.

Am Ende wird klar, dass Kops sich eher einer populistischen Argumentation bedient, um letztlich die Eliten abzuurteilen. Seine Thesen: Aufgrund verschwindender Klassen, und dem Aufkommen der Popkultur tendieren nach Kops die Eliten zum asketischen R√ľckzug. Zur Kunst formuliert er folgende These: „Kunst wird intellektualisiert und l√§sst ‚Äěungebildeten‚Äú, anders als in der klassischen Moderne, gar nicht erst einen Schritt in das Museum oder die Galerie wagen.“

F√ľr meine Gegenthese w√§re es nicht schwer Argumente zu finden: Es gibt sehr wohl noch Kunst, die es mit der Gegenwart aufnimmt. Ganze Sinfonische Orchester verkaufen ihre Zeit an Popmusik und Kollaborationen sind an der Tagesordnung.

Weitere These Kops um R√ľckzug der Eliten ins Unverst√§ndliche: „Das Gedicht hermetisiert sich zunehmend, hinterl√§sst immer mehr Wei√ü auf dem Papier und Unverst√§ndnis beim Leser.“

Meine Gegenthese: Gedichtformen haben sich pluralisiert. Es wird mit mehr und mehr Formen des Ausdrucks experimentiert. Hip Hop ist alltäglich.

Warum Kops nun gerade, die Forschung am Instrument und am Wort in den Mittelpunkt r√ľckt ist fragw√ľrdig. Sollen wir alle Kindergedichte schreiben und nur noch Hip Hop veranstalten? Sollen sich sinfonische Orchester lieber um den ESC sorgen? Oder darf es noch erlaubt sein, auch im lyrisch- und musikalisch-praktischen Sinn zu „forschen“?

Letztlich ist auch Kops Elitebegriff absurd. Das Gedicht war doch noch nie Teil der Elite. Eliten sind doch eher diejenigen, die Marktglitches ausbeuten und sich daran ungerechter Weise bereichen. Wahrscheinlich haben nur Robert Gernhard und Hans Magnus Enzensberger Geld mit Gedichten verdient, ansonsten sind die geschm√§hten Theoretiker des Gedichts und der Musik eher Hungerk√ľnstler und keine wirklichen Eliten. Diese Eliten ins Visier zu nehmen hilft nun wirklich niemanden. Sollten wir so zum Beispiel Kant, einem der Gr√ľndungsv√§ter der aufkl√§rerischen Freiheit, seine Intellektualit√§t vorwerfen?

Fazit: Kritik am Establishment ist alt, unglaublich alt. Kritik an der Theorie ist mindestens ebenso alt. Daher eine Gegenfrage: Was wäre wohl aus unserer Gesellschaft, wenn Kant sich dazu entschieden hätte ein Precht seiner Zeit zu werden? Kop bedient sich einer einfachen Analyse um der Denkfaulheit eines Populargebildeten das Wort zu reden. Weniger Pop und ein mehr and Intellektualität wäre seiner Analyse jedoch nicht abträglich.

Warum ist Peter Sloterdijk also die interessantere Figur? Weil Precht einfache Antworten mit simplen Analysen anbietet, welche zu h√§ufig zu sehr simplifizieren. Sloterdijk bietet weniger L√∂sungen, sondern baut gro√üartige Analysen. Im Hegelianischen Sinne bedeutet dies, der Gesellschaft neue Konzept f√ľr die Zukunft zur Verf√ľgung zu stellen.

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Sonnenuntergang Winter

Mein Philosophie-Projekt neigt sich dem Ende entgegen, sowohl Dr.-Arbeit als auch die Beschäftigung mit Epistemologie.

Norman Schultz, Pittsburgh Juni 2017 (155, 45)

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Ein kurzes Gespräch zur Zeit mit Alfred Eisleben РÜber das kausale Verständnis der Gesellschaft und Trump

L√§sst sich der Trend der Globalisierung zur√ľckdrehen? K√∂nnen wir zu nationalstaatlichem Denken zur√ľckkehren? Ich glaube, dass hier die Einfalt eines Kausaldenkens dominiert, dass sich nicht auf komplexe Gesellschaftsmuster √ľbertragen l√§sst. Im Folgengenden daher ein fiktes Gespr√§ch mit Peter Sloterdijk, mir un Alfred Eisleben

Zu einer Theorie der Kaualität in Gesellschaft:

Norman Schultz: Aus wissenschaftlicher Perspektive erkennen wir die Komplexit√§t von Realit√§tsstrukturen. Wir interpretieren viel, k√∂nnen jedoch wenig voraus sagen. Donald Trumps Wahlsieg war von wenigen vorhergesagt, die sich nun als Propheten r√ľhmen. Wie k√∂nnen wir unser Umfeld, den Staat, Staaten und soziale Gebilde verstehen?

Alfred Eislebe

n: Da das Soziale keine eindimensionale Kausalit√§t besitzt, l√§sst es sich auch nicht mit √ľblichen Experimenten erfassen. Wir k√∂nnen nicht kausal bestimmen, was einen Krieg bedingt oder eine Revolution entstehen l√§sst. Kausalit√§t ist gemacht f√ľr ein Universum, zusammengesetzt aus Billiardkugeln. Unsere soziale Realit√§t hingegen ist ein Wechselwirkungsfeld, wobei vielleicht ein gutes Ma√ü an Zufall mit hineinwirkt. Es ist wie mit einem Baum, bei dem sich nicht sagen l√§sst, ob die Bl√§tter der Grund f√ľr die Wurzeln oder die Wurzeln der Grund f√ľr die Bl√§tter sind. Donald Trump hat gewonnen. Nun aber einzelne Ereignisse als kausal zu bestimmen ist schwierig und ist eher ein weniger intelligentes Unterfangen. Die Ironie an der Sache ist, dass Trump sich dieser Erkl√§rungsmuster gerne bedient.

Sloterdijk: „Es gibt in den Sozial- und Politikwissenschaften seit Langem ein gewisses Bedauern dar√ľber, dass man mit Gesellschaften, Kulturen und Staaten im Ganzen keine kontrollierten Experimente durchf√ľhren kann. Stets bleibt man auf die Beobachtung von Originalgeschehnissen aufgrund wirklichkeitsbildender Entscheidungen angewiesen, ohne eine vergleichbare Zweitwirklichkeit studieren zu k√∂nnen, in der alternative Entscheidungen zu anderen Geschehnissen f√ľhren.“ w√ľrden.“ http://www.zeit.de/campus/2012/04/kapitalismus-liebe-soziolgie/komplettansicht

Alfred Eisleben: Das kontrollierte Experiment ist eben auch nur ein Erfindung und das Experiment „Experiment“ scheitert an der Komplexit√§t der Gesellschaften. Hier lassen sich erstens aufgrund aller Risiken keine Experimente durchf√ľhren. Die ethischen Konsequenzen w√§ren einfach zu dramatisch. Zweitens sind die Ereignisse ohnehin nicht durch korrekte Beobachtung isolierbar. Stattdessen leben wir in einer Zweitwirklichkeit der Gedanken und fragen uns st√§ndig in Gedankenexperimenten, wie die Welt denn nun wirklich aussieht oder h√§tte aussehen k√∂nnen. Unser diskursives Denken f√ľhrt entlang relativ starrer Schienen und selbst viele, die sich kritischen Denkens r√ľhmen, fallen dabei auf diese Strukturen herein.

Norman Schultz: Der Witz ist ja gerade der, dass gerade gebildetere Menschen sich schneller aufgrund einer bestimmten, vermeintlich besseren Grundausbildung zu einem radikalen Paradigma bekennen. Das Bildung daher eine kritische Dimension besitzt, gilt mittlerweile als empirisch problematisch. Es ist eher so, dass je gebildeter ich bin, desto geschickter w√§hle ich die passende Antwort oder Statistik. Ein √§hnlicher Fall sind die Treppenwitze. Im intellektuellen Kapazit√§tsvergleich verfolgt uns st√§ndig ein zu sp√§t gekommenes Genie, das die zuvorige Situation schon h√§tte richtig behandeln k√∂nnen. Sp√§ter auf der Treppe f√§llt uns dann der richtige Witz ein. In der Reflexion korrigieren wir kognitive Dissonanzen und f√ľhren unsere Argumente unter der Dusche zu Ende.

Sloterdijk: „Konjektural-Geschichte“, die Frage nach dem „[w]as w√§re gewesen, wenn“. Das sind die „rationalen Spekulationen“, die versuchen, die „Plastizit√§t des Zuf√§lligen in der Geschichte“ zu verstehen. Aber in Wirklichkeit ist das „Reale selbst variantentr√§chtig“. In den „Centenar-Ver√∂ffentlichungen zum „Ausbruch“ des Ersten Weltkrieges“ „wird die Geschichte eines „v√∂llig √ľberfl√ľssigen“ Krieges klar, „dessen Ausl√∂sung der Zufall, die Fahrl√§ssigkeit und die Verblendung“ war.

Alfred Eisleben: Das Wirkliche ist in seiner Explosion in die M√∂glichkeit eben nicht vollst√§ndig entschl√ľsselbar. Die Geschichtssplitter fliegen uns wie von einer Explosion ausgel√∂st um die Ohren. Wir versuchen noch in einer gewaltigen Anstrengung die Vergangenheit zu ordnen und zu erfassen. Daher kann ich auch die Zukunft nicht vollst√§ndig prognostizieren, wir sind noch immer mitten im Urknall der Geschichte involviert. Es kommt daher darauf an, in dieser Chaoswelle intelligent zu raten.

Norman Schultz: Sloterdijk referiert an dieser Stelle pathetisch auf Macbeth und betont, dass „das Leben […] ein M√§rchen [sei], erz√§hlt von einem Idioten, voller Klang und Raserei, signifying nothing.“ Es sei ein „offene[s] Spiel des Werden-K√∂nnenden auf dem Weg zur Gerinnung ins Faktische“. Alfred Eisleben sieht daraufhin die Zeit als eine Temperaturbewegung, einen K√§ltesturm, der √ľber eine hei√üe Gegenwart hinwegfegt, die ein gefrorenes Eismeer von Faktizit√§t hinterl√§sst. Dieser „gefrorene Eisblock der Vergangenheit“ ist auch in der Menschheit angelegt, die sich daraus eine Art Zeitpalast gebaut hat, der durch die Tore von Archiven betreten wird. Zeit wird f√ľr den Menschen nutzbar und instrumentalisierbar. Geschichten sind Propagandainstrumente, die V√∂lker kausal gegen imagin√§re Feinde mobilisieren. In der Tat aber werden sie gegen sich selbst mobilisiert, wenn sie dann den Diktatoren ihre Stimme leihen.

In der Krise werde uns allerdings bewusst, dass diese Geschichten nur endliche Fabrikate des Menschen sind. Sloterdijk argumentiert zum Beispiel: Krisen bedeuten, dass „das komplizierte System der St√ľtzen und Halterungen, die das un√ľberschaubare Ganze verfugen, viel deutlicher hervortritt als zu ’normalen Zeiten‘.“ In der Krise werden die Experten dankbar in ihr Amt gehoben: „Das gibt den Experten f√ľr politische Dinge einen Zuwachs an Deutungskompetenz.“

Alfred Eisleben: Der Experte hat allerdings keine Deutungskraft, sondern ist ein fahrlässiger Urlaubsreisender, der gerne Anhalter mitnimmt und sie wie eine Oma berät.

Sloterdijk stimmt zu: [Der ] „Baader-Meinhof-Komplex [sei] eine systemisch bedingte Niederlage des Journalismus, ja des Mediensystems im Ganzen […]. Faktisch funktionierte¬†die mediale Spiegelung der Anschl√§ge¬†als der intensivste Terror-Reklame-Service.“

Norman Schultz: Experten sind also Nutznießer, Parasiten des eigentlichen Weltbetriebes?

Alfred Eisleben: „Da das Fernsehen in seinem 24 Stunden-Betrieb Informationen erzeugen muss, werden verschiedene Ereignisse ins Licht gezerrt, die statistisch eine untergeordnete Rolle spielen m√ľssen. Was die Menschheit am Ende bedroht ist nicht der Terror, sondern die Umw√§lzung des √Ėkosystems. Die wahren Massenverbrechen sind in der Ausbeutung des Tieres und der Pflanzen zu suchen. Experten aber spezialisieren sich auf emotionale Nahkatastrophen. Dar√ľberhinaus widmet sich die Blogosph√§re der Produktion von Aufmerksamkeit. Hier wird eine irreale, zuweilen surreale Zweitwirklichkeit monetarisiert. Monetarisierung bedeutet aber die Zweitwirklichkeit des Internets in eine Erstwirklichkeit umzubauen.

Norman Schultz: Sloterdijk empfiehlt „Lenins Dekrete √ľber den Roten Terror von 1918 wieder zu lesen, um zu begreifen, dass Terror nichts anderes als eine Version der Publizistik darstellt.“
Terror ist ein historisches Fabrikat, das B√∂se hat sich in den Bereich der Medien √ľbersetzt. Mit kausaler Deutungshoheit √ľbernimmt Trump daher sein Amt.
Wir werden einer neuen geschichtlichen Radikalisierung entgegen gehen. Die Diversifizierung im wissenschaftlichen Bereich bedeutet auch eine Amplifikation des Debilen, der Dummheit. Die intellektuellen Unterschichten haben diese Medien unter Kontrolle gebracht. Leider bedeutet eine Revolution der Masse auch immer eine Revolution der intellektuell Herausgeforderten. Selbst Bildung kann dabei nicht mehr die kritische Funktion in unserer Gesellschaft √ľbernehmen.

F√ľr das Hintergrundrauschen und eine Erinnerung an die Komplexit√§t empfehle ich den Nasa Lifestream, der bei mir jetzt regelm√§√üig als Bildschirmschoner l√§uft.

Ansonsten ist meine Photographie nun auf meinem Instagram-Account zu entdecken:


Doktorarbeit:

Meine Doktorarbeit ist etwas ins Stocken geraten. Ich versuche gerade darzustellen, dass der fr√ľhe Marx zwischen Idealismus und Materialismus in Auseinandersetzung mit Hegel anzusiedeln ist. In diesem Sinne untersuche ich Habermas, der Marx in „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ als Materialisten voraussetzt. Lesen wir Marx derart, so wird er von einer philosophischen Auseinandersetzung mit der Entfremdung durch Arbeit abgetrennt und als Empiriker betrachtet. Ich halte das f√ľr problematisch, denn ich glaube, dass Marx doch normative Gehalte vertritt, die sich nicht empirisch begr√ľnden lassen.

Norman Schultz

Pittsburgh 2016

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Die verlorene Wahrheit – Von der Wertlosigkeit der Philosophie

Nicholas Rescher 2

Rescher, eine lebende Enzyclopädie, picture By Rescherpa (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


Ich hatte heute eine Unterhaltung mit Nicholas Rescher. Der Mann hat seine hundert B√ľcher und Tausende von Artikeln ver√∂ffentlicht. Hat zu dem ein Arsenal an Ehrendoktorw√ľrden (9). W√§re ich er, w√ľrde ich darauf bestehen, dass jeder, der mit mir spricht, diese Dr.Titel nennt und falls nicht, w√ľrde ich so tun, als h√∂rte ich ihn nicht.

Wie dem auch sei. Die Epistemologie, Reschers Hauptbet√§titigungsfeld, die Lehre vom Wissen, ist derweil ein wenig in Verruf gerraten und viele behaupten wir br√§uchten diese nicht mehr. Rescher ist nun einer der wenigen, die glauben, dass wir noch die Ausarbeitung einer Epistemologie bewirken m√ľssten und stellt hierzu die These auf, dass es noch koher√§nter Systeme bedarf.

Ich habe ihn ausgiebig zu einer Epistemologie und ihrer sozialen Relevanz befragt. Ich zweifle zum Beispiel stark daran, dass uns eine bessere Theorie von Dreiecken eine bessere Politik beschert. Ich glaube im Gegensatz, dass das Gute jeder Theorie vorausgesetzt sein muss.

Reschers Buch zur Epistemologie ist eine Zusammenfassung aller epistemologischen Probleme unter der Idee dass wir keine repr√§sentationalistischen Wahrheitstheorien bed√ľrfen, sondern Koher√§nzsysteme. Nat√ľrlich schreibt der Mann im analytischen Feld (was auch seine erste Frage war, ob ich denn auch analytisch geschult sei). Dennoch ist Rescher im kontinentalen Bereich unglaublich belesen und auf den Hinweis, dass er sich ja auf Leibniz beziehe, antwortete er nur, dass dieser immer noch sein gro√üer Held w√§re. Das Buch zur Epistemologie ist Beitrag zur Philosophie und Lehrbuch zugleich:

Was sonst?

Ich habe soviel an Cybermonday nach Thanks Giving gekauft. Nach 6 Jahren kann ich sagen, dass Thanks Giving der wichtigste, amerikanische Feiertag ist, weil hier alle Familien zusammen kommen. Weihnachten wir nicht von allen gefeiert und selbst Christen fliegen eher an Thanks Givin als an Weihnachten nach Hause. Ich habe endlich einen neuen PC, so dass ich meine Fotographie endlich wieder schneller bearbeiten kann. Ich habe mich f√ľr ein Mittelklassemodell entschieden und fahre damit wirklich, wirklich gut. Ich denke nach langen Recherchen, dass das wirklich das beste Preisleistungsverh√§ltnis ist:

DSC_0107

Ich suche √ľbrigens auch fake Converse-Schuhe. Ich will hier nicht 50 Dollar f√ľr die ausgeben.


Zur gegenwärtigen Bedeutung der Philosophie 

Im folgenden Artikel geht es eben darum, dass die Philosophie ihre epistemologische Zentralfunktion verloren hat.

Kernthese des verlinkten Artikels:

Philosophie wurde gereinigt und zu einer Wissenschaft unter vielen. Damit ist die Philosophie keine Tugend mehr und der Philosoph ein Durchschnittsdetlef, der sich wie ein fauler Beamter in Archiven ein Biotop aus abzuarbeitenden B√ľchern errichtet hat und in der Zwischenzeit auf einen Monitor starrt.

Bewertung:

Simple Darstellung historischer Zusammenhänge innerhalb der Philosophie. Der Artikel hat beinahe Precht-Niveau. Die historische Transformation der Tugendphilosophie in das Archivars- und Verwaltungsleben ist leider nur allgemein dargestellt. Der Artikel verpasst es, einen reflektierten Standpunkt zu erreichen, das heißt auf die eigenen Voraussetzungen der eigenen historischen Position einzugehen oder interessante Beobachtungen einzustreuen.

Zusammenfassung:

Philosophie wurde insitutionalisiert¬†und damit „gereinigt“. Der Artikel verortet die Abspaltung der Philosophie um 1870. Die Naturwissenschaften ¬†ebenso wie die Sozialwissenschaften werden zu eigenst√§ndigen Wissenschaften entwickelt, die sich nicht mehr vor der Philosophie verantworten m√ľssen. Unter dem Druck der Abspaltung muss sich die Philosophie als eigene Wissenschaft rechtfertigen (dies wird als Demarkation bezeichnet). Unter der Neuausrichtung bleiben verschiedene Bet√§tigungsfelder:

  1. Synthese verschiedener Erkenntnisse aus Regionaldisziplinen
  2. Entwicklung des formalen Grundvokabulars (Logik)
  3. √úbersetzung von Erkenntnissen f√ľr die Gesellschaft
  4. Disziplinspezialisten
  5. Kombination aller

Nach dem Artikel hätte Philosophie niemals gereinigt werden sollen, denn mit dem Fokus auf Wissensproduktion wurde die Philosophie ebenfalls von der Tugend abgegespalten.

„The individual scientist is no different from the average Joe; he or she has, as Shapin has written, ‚Äúno special authority to pronounce on what ought to be done.‚ÄĚ For many, science became a paycheck, and the scientist became a ‚Äúde-moralized‚ÄĚ tool enlisted in the service of power, bureaucracy and commerce.

Philosophie ist zu einem Gehaltsscheck geworden, einem Beruf unter vielen. In diesem Sinne ketten sich Philosophen an ihre Computer und produzieren angeblich wissenschaftliche Artikel, die von ihren peers bewertet werden.

„Today, a hyperactive productivist churn of scholarship keeps philosophers chained to their computers.“

Ich stimme damit √ľberein, dass die Philosophie unn√∂tig, verwissenschaftlicht worden ist, denke aber dass die Reduktion auf den Wahrheitsgehalt problematisch ist. Ich glaube ich habe zuviel Rorty gelesen und kann nur mit einem Zitat von Tom Rockmore zur Relevanz der Theorie enden. F√ľr ihn sind Platon, Kant und Husserl Verteidiger, dass wir nur praktisch handeln k√∂nnen, wenn wir eine gesicherte Wissenschaft haben, w√§hrend Aristoteles, Hegel und Marx der Praxis den Vorrang geben:

‚ÄúOn the one hand, there are those, such as Plato, Kant, Husserl and even Whitehead [‚Ķ] on the other hand there are those, such as Aristotle, Hegel, and Marx, who are concerned to limit, or even to reject, some claims for the relevance of reason.‚ÄĚ (Rockmore, Tom Habermas on Historical Materialism¬†1989:173)

Sonnenuntergang Winter

Mein Philosophie-Projekt neight sich dem Ende entgegen, sohwohl Dr.-Arbeit als auch die Beschäftigung mit Epistemologie.

 

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Kinoreflexionen: Suicide Squad, Jason Bourne und Bicycle Thieves

Jason Bourne – CIA-M√ľll, st√§ndiger Alzheimer-Patient, Elitem√∂rder mit moralischen Anfl√ľgen kehrt ein korruptes System gegen sich selbst. Jason Bourne in der Wiederholungsschleife, ein 2 st√ľndiger Crash-Kurs in amerikanischer Au√üenpolitik. Jason Bourne eine Verschw√∂rungsphantasie auf Leinwand, ein bewegliches Stillleben. Ein durchtrainierter, potentieller Edward Snowden mit Bud-Spencer-Faust-Niveau.

Drei Bourne-Filme machten insgesamt 1 Milliarde Dollar.

Als Zwischenspiel ein Bourne-Spektakel ohne Jason Bourne. Die Hollywood-Reste-Verwertung kapitalisiert: 125 Millionen Kosten, Einspielergebnis: $276,144,750 (8 November 2012).

Investoren, die sich schnell ihr Geld vermehren wollen, gibt es genug. Als Otto-normal-Investierer, keine Chance! Der neue Born bei 138 Millionen Kosten, Einspielergebnis: $194,078,274 (7 August 2016).

Der Plot gibt nichts Neues her: Bourne, der sich nach eigener¬†Aussage an alles bereits erinnerte, findet nun in einer Ged√§chtnisrumpelkammer heraus, dass sein Vater, der mysteri√∂s, mysteri√∂s in einem Autounfall ums Leben kam, in die √ľblichen CIA-Umtriebe verstrickt war. Was folgt sind ein paar gebrochene Kiefer, gesplitterte Arme, Platzwunden, Tote, geschrottete Autos und demolierte Hausfasaden. Folgende Fragen stellen sich dabei:

  • Nachdem Bourne nun schon so viele¬†alte¬†CIA-Verschw√∂rer get√∂tet hat, wieviele Strippenzieher und Puppenspeiler bleiben da noch √ľbrig um eine Fortsetzung zu¬†inszenieren?
  • Kann der CIA wirklichauf¬†alle¬†Kameras der Welt zugreifen und spontan¬†in jede Wohnung hineinspionieren? Hacker haben unwahrscheinliche F√§higkeiten, die alle Szenen wie Pokemon-Jagd aussehen lassen. Verschwommene Gesichter werden dabei schnell mal mit einem „Enhance“ kenntlich gemacht. Die sollten mal Photoshop entwickeln, k√∂nnten wahrscheinlich mehr verdienen als mit so plumpen Bourne-Filmen
  • Warum hat der Kameramann von Bourne-Filmen¬†Parkinson?
  • Protestgruppen in Griechenland protestieren wild durch die Stra√üen ohne¬†konkret f√ľr etwas zu sein. Keine Schilder, keine Symbole. Passt schlie√ülich nicht¬†in dieVermarktungsstrategie
  • Bourne hat bereits viele¬†Sch√ľsse in den Prequels weggesteckt. Neuerdings kann¬†er auch¬†Sch√ľsse in seinen Bauch verdauen.
  • Wieviele Erinnerungsbruchst√ľcke sind noch in Bournes Gehirn vergraben? Spontan erinnert er sich daran, dass das Auto seines Vaters explodiert ist? Der Plot f√ľr die Fortsetzung ist damit gekl√§rt, denn wir wissen noch nichts √ľber seine Mutter

Bicycle Thieves: Meine Meme Meme dazu hier.

Credentials:

Plot: Verzweiflung in Rom nach dem zweiten Weltkrieg. Man bekommt Arbeit, aber braucht ein Fahrrad. Seine Gattin verkauft das letzte Gut. Den nächsten Tag wird sein Fahrrad während der Arbeit gestohlen. Mit seinem Sohn macht er sich auf die Suche nach dem Fahrrad. Seine Verzweiflung wirkt sich zunehmend mehr auf seine Werte und die Beziehung zu seinem Kind aus.

Fazit: Es ist schwer einzusehen, warum dieser Film einer der besten Filme aller Zeiten sein soll. Das Erz√§hltempo des Films ist sehr tr√§ge.Gem√§√ü des Neo-Realismus verwendete der Regisseur nur Laienschauspieler und verzichtete Rom gro√ü in Szene zu setzen. Was den Film aber dar√ľber hinaus einzigartig macht, ist einerseits der Einblick in das Nachkriegsrom und andererseits die intime Vater-Sohn-Beziehung. Der Vater, der letztlich zum Fahrraddieb wird, kann doch noch auf die Unterst√ľtzung seines vielleicht 5 j√§hrigen Kindes hoffen und das obwohl er seinen Sohn mehr und mehr vernachl√§ssigt hat. W√§hrend Antonio zun√§chst als umsichtig und f√ľrsorglich f√ľr seine Familie dargestellt wird, wirkt sich seine Verzweiflung auf seine Empathie aus. In einer der Szenen fliehen Antonio und sein Sohn vor dem Regen, w√§hrend sein Sohn ausrutscht und auf den Boden f√§llt. Antonio bemerkt dieses nicht mehr, weil er zu sehr von den existentiellen Problemen, einen Lebensunterhalt zu verdienen, abgelenkt ist. Sein Sohn aber rettet ihn schlie√ülich vor der Strafverfolgung. In der letzten Szene gehen beide in den Abend und der Sohn ergreift die Hand seines Vaters.

Suicide Squad – Gewalt im MTv-Format, √§sthetisch-erotisch inszeniert, ¬†√ľberladen mit Macker-Spr√ľchen, f√ľr die sich arm-ritzende Emos und die zuhausgebliebenen Gamer warm halten. Wer wegen Chemtrails nicht mehr auf die Stra√üe geht, bekommt hier seine gr√ľndliche Portion Verschw√∂rungspudding f√ľrs Puddinggehirn serviert. Die Idee ist nicht schlecht: Superschurken m√ľssen Welt retten. Aber ethische Kompromisse muss man als Zuschauer nicht eingehen, weil alle Schurken nur eine harte Schale, aber doch ein Emo-Herz zu verschenken haben. Das Gute gewinnt und der Dumme ist der B√∂se.

„Sympathy for the Devil“, „Bohemian Rhapsody“ als Wohlf√ľhlmucke f√ľr den Punk-Metaller = Vekraufsstrategie der Studios.

6 ¬†tiefgr√ľndig-abgr√ľndige Superschurken, zu viel Material f√ľr Charaktereinf√ľhrungen. Fast wirkt die Mehrzahl unserer Superschurkenhelden wie aufgelesene Streuner von der Stra√üe. Daher: Viele Charaktere habe ich vergessen und einige machen absolut keinen Sinn: Boomerang? Der Mann wirf Boomerangs und soll unsere letzte Waffe gegen Superman-B√∂sewichte sein? Da h√§tte ich auch noch gut in die Truppe gepasst.

Will Smith als ProfiKiller darf wieder seine Rolle als Mr. Nice Guy √ľbernehmen. Wirklich √ľbel kann man ihm ja auch seine schlechten Filme nicht nehmen. Nicht einmal f√ľr seine nepotistische Kinopromotion seines untalentierten Wunderknabensohnemanns, der bei Gefahr die Augenbrauen hoch und bei Traurigkeit tief stellen kann. Aber egal, Will Smith ist obercool, so wie der Film, alles obercool, alles Pallettie daher auch gutes Einspielergebnis bisher:¬†$161,087,183 (USA) (9 August¬†2016), bei einem Kostenpunkt von¬†$175,000,000 (estimated), nicht schlecht Herr Specht.

Am Wichtigsten? Hinter schwedischen Gardinen verknallt sich Harley Quinn in einen alzu starren Joker (wahrscheinlich wegen der Gebissprothese mit breitem Grinsen aber geschm√§lerter Ausdruckskraft (Leto- leider kein Oscar diesmal)). Die Squad-Mitglieder tragen wie Harley Quinn auff√§llig bunte Kost√ľme und lieb√§ugeln mit plumpen Accessoires. Baseballschl√§ger und Holzhammer, Boomerang und Einhorn, das alles, um eine Zombie-Armee niederzukn√ľppeln, die sonst allen Special-Forces standh√§lt. Sorry aber das macht absolut keinen Sinn: Warum kann eine aufgegeilte Clownsgehilfin ohne Superkr√§fte eine Zombie-Armee kurz und klein schlagen, w√§hrend die amerikanische Armee wie Ameisen zertreten wird?

Egal, denn je weiter wir uns in der Story verlieren, desto sinnloser und l√ľckenhafter wird der Film. Selbst beim Cutting wurde man faul. Der finalen Szene fehlt deutlich die Rhythmik. Gerade nach dem Endkampf fragt man sich, wieso Superhelden eigentlich so viel Zeit haben, sich zu unterhalten, w√§hrend der st√§rkste Gegener aller Zeiten wie ein Sparringspartner um sie herumt√§nzelt? Die schreiben da glatt ihre Memoiren nieder. Auch die B√∂sewichtin f√§llt am Ende aus der Rolle, indem sie einem Mitglied des Squads vorwirft, keine Eier zu haben. Hallo, die Dame kommt aus dem Urwald hat sich aber unseren Unterschichtenslang schon angew√∂hnt? Die Idee von Suicide Squad wurde also grundlegend versaut.


Andere Filme, die es noch gilt zu √ľberstehen:

Batman and Friends – Neuester Trend: Buddyhelden auf der Leinwand zu versammeln und mit Spr√ľchen fehlenden Plot kitten.

Zudem ganzen Bandenkram kommt dann noch eine andere Buddy-Kom√∂die hinzu. Leider nicht mehr mit der Musik von Bernstein. Daf√ľr wurden die Charaktere als sozialer Sprengstoff erweitert. Das Remake von „The magnificent Seven“ (das Remake von Kurosawas „Seven Samurai“, wahrscheinlich schauen wir die alle in Folge) bald in ihren Kinos:

Soviel dazu… Ich fotografiere so vor mich her.

Outdoor Meditation Techniques

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Norman Schultz, Pittsburgh, August

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