Bewirken freie Märkte per se qualitatives Wirtschaftswachstum?

Chomsky
Meistzitierter Mann der Welt und Rockstar der Intellektualität: Noam Chomsky

Chomskys gefeierter Besuch in Köln hat mich wieder dazu gebracht, mehr über Wirtschaft nachzudenken (schließlich wollte ich ihm dazu ja eine Frage stellen – aber dazu in einem anderen Beitrag mehr). Chomsky konzentrierte sich in seinem Vortrag darauf, die amerikanische Politik, die weltweit die wirtschaftliche Hegemonialstellung als Free-Market erhalten will, zu kritisieren. Chomsky bestach dabei wie gewohnt durch seine enorme Detailkenntnis. Für Europäer ist die Amerikakritik natürlich ein alter Hut; für Amerikaner ist aber der Gedanke der Einschränkung eines freien Marktes immer noch strenger Sozialismus und Chomsky gilt damit vielen als Feind Amerikas. Selbst Obama, der hier in Deutschland Politik am rechten Rand der CDU betreiben würde, gilt in Amerika ja als Sozialist.

Der freie Markt führt zu merkwürdigen Konstellationen in den USA: Ich musste dort selbst erleben, wie trotz Krankenversicherung der Eigenanteil an einer Magenspiegelung 500 Dollar kostete. Die unbegrenzte Wirtschaft hat in Amerika das Krankenwesen ruiniert. Wie Chomsky darstellte, könnte selbst das deutsche Krankensystem, in den USA angewendet, den USA ihr riesiges Defizit von jetzt auf Gleich einsparen. Stattdessen hat die Wirtschaft einen Werbefeldzug gegen Obamas Politik begonnen und Obama wird zu einem weiteren Abziehbild amerikanischer Durchschnittspräsidenten. Im Mittelpunkt der amerikanischen Politik wird weiterhin das Wirtschaftswachstum stehen. Doch was ist das eigentlich – Wirtschaftswachstum?
 
Zweifel am Wirtschaftswachstum
Mittlerweile setzt sich ja in den europäischen Wirtschaftswissenschaften auch die Entdeckung der Glücksforschung durch. Nach dem so genannten Easterlinparadox zeigt sich nämlich, dass nach einer gewissen Steigerung des Wirtschaftswachstums sich das Glück der Menschen nicht mehr in gleicher Weise steigert. Während Glück und Einkommen bis zu einem Bruttosozialprodukt von ca. 15.000 Dollar pro Kopf noch gut korrelieren, verliert diese Korellation darüberhinaus an Bedeutung. Aus diesem Grund hat es viele Wissenschaftler gegeben, die eine Politik forderten, die sich nicht nur am Wirtschaftswachstum orientiere (Layard – als Wissenschaftler eines zentralen „Glücksinstituts“ in Großbritanien und als Berater der Blaire Regierung wäre hier zu nennen).

Das Schaubild zeigt die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens und des Glücksempfindens in den USA. Quelle: Layard, R., a.a.O., S. 44
Ein Beispiel für das Easterlin-Paradox: Die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens und des Glücksempfindens in den USA. Quelle: Layard, Richard, Die glückliche Gesellschaft, Frankfurt/New York 2005:44

 

Qualitatives Wirtschaftswachstum 
Wirtschaftswachhstum sieht der Politiker per se immer als etwas Gutes. Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Nehmen wir mal das Beispiel der Prostitution: Man mag nun über Prostitution denken, was man will. Die Legalisierung in Deutschland mag in Anbetracht des Grundsatzes der sexuellen Selbstbestimmung des Menschen noch rechtfertigbar sein. Wir alle wissen aber, dass die Möglichkeit der Versteuerbarkeit eines legalen Gewerbes, die politischen Entscheidungen in diesem Bereich erheblich beschleunigt hat. Wie sieht es aber aus mit der Wirtschaftlichkeit der Prostitution? Viele mögen nun argumentieren, dass die Prostituierten ja Geld verdienen und damit dem Staat Steuern einbringen; andererseits werde das eingenommene Geld ausgegeben und damit die Wirtschaft in Schwung gehalten. Die Vorstellung vom Geld als Blut im Wirtschaftskreislauf dominiert hier. Diese Vorstellung ist allerdings nur bedingt richtig, wenn wir überlegen, dass die Prostitution damit nämlich ein zusätzliches Organ ist, durch das Blut gepumpt werden muss, umgekehrt aber wenig dazu beiträgt, dass andere Organe dadurch ihre Produktivität erhöhen. So müssen wir es doch so sehen, dass genau für diese Zeit, da das Blut im Organ der Prostitution ist, das Blut in anderen Organen fehlt. Wer sich dann überlegt, warum notwendige Investitionen in Krankenhäusern etc. fehlen, könnte sich überlegen, dass eine schnellere richtige Zirkulation des Geldes im Kreislauf durch produktivere Organe mehr Ertrag bringt. Wir brauchen daher qualitatives Wirtschaftswachstum, doch daran hat der freie Markt nur bedingt Interesse. Welche Prostituierte würde zum Beispiel aus diesem Grund ihren Job aufgeben? Gut das Beispiel der Prostitution ist nun etwas überbelastet, aber überlegen wir uns mal, was alles verkauft werden kann. Zum Beispiel:  
Nehmen wir also an, die ganze Welt fände diese „most useless“ Maschine unglaublich komisch und jeder würde diese kaufen. Nehmen wir an, Deutschland hätte das Monopol darauf und würde nun anfangen, dieses in Milliardenstückzahlen zu produzieren und zu verkaufen. Dieses würde natürlich ein riesiges Wirtschaftswachstum für Deutschland bedeuten, ohne aber dass es tatsächlich das Wirtschaftswachstum in Deutschland oder anderen Ländern langfristig unterstützen würde. Denn dieses Gerät erhöht nicht die Produktivität. Es wäre ein bedeutungsloses Strohfeuer und hätte nicht den Effekt einer nützlichen Erfindungen wie zum Beispiel die Einführung des Handybezahlsystems in afrikanischen Staaten. So verzeichnet Kenia ein enormes Wirtschaftswachstum, weil die Männer nicht mehr ewig zurück in ihr Dorf fahren müssen, um das Geld abzuliefern, sondern es schnell transferieren können und so mehr Zeit haben zum Arbeiten. Leistung ist schon nach physikalischer Definition Arbeit geteilt durch Zeit. Wahres Wirtschaftswachstum ist daher nachhaltig, wenn wir immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit verrichten können. 
 Weitere Überlegungen zu einem Wirtschaftswachstum, das auch ökologische Konsequenzen miteinbezieht, müssten wir bedenken. Hinsichtlich der Wirtschaft teile ich daher Chomskys These: „All our democratic institutions can run, but we have to make them run.“ Wenn wir also schneller die Grenzen der Menschheit erweitern wollten, dann müssten wir uns fragen, wie wir unsere Wirtschaft tatsächlich wachsen lassen und nicht nur die kurzfristigen Entscheidungen von singulären Marktteilnehmern zulassen. Das ist natürlich nicht einfach; ohne Staat, wie es viele Amerikaner gerne hätten, geht es meiner Meinung aber nicht. Für Europäer nichts Neues, denke ich.
 Bis dann Norman.

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