Wie Körper tanzen – Philosophie und Bewegung


Ben Aaron war gerade dabei, den Sport zu suchen, der unsere Muskeln wie Unkraut sprießen lässt, aber dabei so locker ist, wie auf der Couch Schokolade auszupacken. Tiefsinnend ging er durch die Straßen, dann jedoch sah er einen Mann, der ihm im lockeren Tanzschritt entgegen kam. Aaron tat das, was jeder vernünftige Mensch in dieser Situation tun würde: Er tanzte mit.

Dancing on the beachNach einigen Minuten der ausgelassenen Bewegungen, tanzte der Mann seinen Weg einsam weiter und auch Ben Aaron war wieder allein. In der Folge stellte er das Video von diesem Dancewalker ins Internet. Überall auf der Welt fingen die Menschen plötzlich an zu dance-walken.

Philosophie und der Zerfall zwischen Körperwahrnehmung und Körperbeherrschung

Nichts hat die Philosophie vor größere Probleme gestellt als der Zerfall zwischen Körpererfahrung (Empirie) und Körperüberwindung (rationale Metaphysik). Der Körper ein Vollrausch an Hormonen einerseits, andererseits eine Instanz, die von ganz woanders her mit Askese überwunden und kontrolliert werden will. Der Körper ist einerseits das empirische Faktum, dass sich wie ein Streichholz an der Welt entzündet und dem Gehirn Signale sendet, auf der anderen Seite kann das Gehirn über den Körper hinaus: Es kann die Welt denken (oder haben Sie schonmal die Welt gesehen), es kann ideale Gegenstände wie Quadrate ersinnen oder es kann über die Unendlichkeit nachdenken, die der Körper wohl auch kaum erfahren hat. Die Schnittstelle zwischen Geist und Welt, zwischen Willen und Erfahrung ist der Körper. Dieser Körper will dann einerseits als Körper genossen sein, andererseits als Körper beherrscht werden. Beim Tanzen gibt es daher zweierlei Ausprägungen dieses Körperdenkens.

Der Körper als Instrument des Geistes

Unser Körper ist ein Instrument: Laufen bedeutet beispielsweise irgendwie den fallenden Körper, doch in seinem Fall zu steuern und zu verstehen, ein Schritt folgt nach dem anderen. Im Vergleich von dem gezielten Fall von A nach B ist Tanzen dabei noch eine erweiternde Dimension der Steuerung. Wir könnten es allerdings so verstehen, dass wir versuchen jeder Körperbewegung ein Gewicht und einen Ausdruck nach außen zu geben. Jede Bewegung soll noch mehr an unsere Bewusstheit herangrenzen und keine Bewegung soll mehr dem Nichts entspringen, sondern zumindest durch unsere Planung auf ein Ziel hingesteuert sein. So wie alle Effizienzschulen hat der Tanz dann das Ziel, den Moment im Leben zu steuern. So ist der Tanz der direkte Ausdruck von durchdachtem Körpersein.

Dies erinnert schließlich auch an die buddhistischen Schulen, wo doch jede zufällige Bewegung von den Schülern in einen Lebensplan integriert werden sollte. Jede Bewegung sollte ein Ziel ausdrücken. Selbst die zu gehenden Wege waren so durch einen wachenden Geist choreografiert. Bei den Tanzbewegungen durch den Alltag, kommt eine ähnliche Befreiung von der Alltagslast der Wege zum Ausdruck. Bei diesem Tanz ist letztlich keine Bewegung im Lebensplan überflüssig.

Der Körper als Medium der Erfahrung

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Doch Tanz bleibt die direkte Auseinandersetzung mit dem Zerfall in zwei Hemisphären des Selbst: Das Wollen und das Können. Der Geist fällt stets hinter die physische Gebundenheit des Körper zurück. Es heißt, so zum Beispiel: In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Aber nicht: Ein gesunder Geist besitze stets einen gesunden Körper. Der Kranke weiß, um die Einschränkungen, die ihm sein kranker Körper wie ein Feind in der eigenen Haut auferlegt. Aus diesen Gründen gibt es noch eine zweite unterscheidbare Form des Tanzes. Zum einen ist es der Tanz, bei dem der Geist dem Körper in Planung und Überlegung voraus sein soll, andererseits aber – und das ist die zweite Form – soll im Tanz der Körper Rhythmen einer spontan überzeugenden Welt, die aus dem Körper in den Körper zurückfließt, erhalten.

Lebenseffizienz mit Tanzen?

Es spricht nicht viel dagegen auch das Leben der Effiziensgesellschaft als Tanz aufzufassen, denn schließlich wollen die Gurus jede Bewegung durch einen freien Geist derart optimiert sehen, dass keine Bewegung mehr zufällig aus dem Körper heraussprudelt. Jede Bewegung ist auf ein Ziel zugerichtet. Wer seinen Tag durchplant, plant letztlich jede Bewegung und dies ist dann Tanz der ersteren Kategorie.

Selbstverständlich führen wir im Zeitmanagement Wege effizient aus. Der Weg zur Arbeit, der Weg ins Büro, alle Wege können in dieser Weise aber auch gelebt werden. Tanzen als der sanfte Weg zum Sport, führt zwar dabei die Bewegungen nicht mit höchstmöglicher Effizienz aus, gibt allerdings Körper- und Lebensgefühl so wie eine längere Lebenserwartung zurück. Die zweite Kategorie des Tanzens würde somit in die erste Kategorie integriert werden.

Sehen wir bald Dance-Walker auf unseren Straßen?

Die Tanzbewegung schließlich brachte Aaron dazu, diesen Mann zu suchen, denn der Erfolg der Bewegung war nicht seiner. Wer war der geheimnisvolle Tänzer, der den Trend auf die brachte. Ben Aaron suchte den namenlosen Dance-Walking-Guru-Master, verteilte Flugblätter, machte Street-Dance-Events bis er ihm eines Tages entgegen kam. Nun ist diese Geschichte wie alle schönen Geschichten gepusht. Doch es nicht auszuschließen, dass aus einer anfänglichen Tendenz, ein größerer Trend erwächst und schließlich eine gesellschaftliche Veränderung wie beim Joggen geschieht. Wir warten.

Norman Schultz

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