Kultur als endliches Prinzip im unendlichen Prinzip der Natur: Interview mit Prof. Dr. Eisleben

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Seit nunmehr 40 Jahren lebt der Deutsche Alfred Eisleben mit seiner Frau Adele Sch√ľmer in seinem freigew√§hlten Exil in Island. Nach dem zweiten Weltkrieg hat es ihn aus Deutschland fortgetrieben. Als Winterprofessor an der Carlson University (Pittsburgh) hat er mir ein Interview zum Begriff Kultur gegeben.

Entgrenzen: Herr Prof. Eisleben, Sie haben gut 80 Jahre Geschichte bewusst erlebt, wie schätzen Sie die Leistungen der menschlichen Zivilisation in diesem Zeitabschnitt ein?

Eisleben: Kulturleistungen sind nach Aristoteles Umgestaltungen der Natur. Das hei√üt, wir implementieren in die Natur der Natur fremde Prinzipien, und das obwohl die Natur ein Prinzip der Bewegung in sich selbst enth√§lt. Es ist eine gef√§hrliche Operation am offenen Herzen. Wir w√ľhlen in diesem lebendigen Leib der Natur herum. Schlie√ülich geht es dahin, das Herz der Natur ein f√ľr alle Male austauschen zu wollen.

Entgrenzen: Wenn ich da kurz einhaken darf. Sie meinen also, Kultur ist ein Eindringling in die Natur?

Eisleben: In einem gewissen Sinne dr√§ngen wir in unbeherrschte R√§ume. Aber so einfach ist das nat√ľrlich nicht. Kultur, dieses der Natur fremde Prinzip, dieses Herzst√ľck kann doch aber die Natur nur nachahmen. Verstehen sie, auch wenn sie ein k√ľnstliches Herz einpflanzen, es muss doch die gleiche Struktur haben, andernfalls funktioniert das ganze nicht. Dieses k√ľnstliche Herz soll die Bewegungen, die in der Natur sind, imitieren und muss sie imitieren. Das bedeutet, die Kultur ist an sich kein eigenst√§ndiges Prinzip, sondern wie eben ein Herzst√ľck in die Natur eingebettet. F√ľr uns hei√üt das, wir leben nicht auf Wolken der Freiheit, sondern so weit wir auch √ľber die vermeintlichen Grenzen der Natur hinaus tr√§umen, wir stehen mit unseren Beinen in der Wirklichkeit. Wir sind Teil eines lebendigen Organismus, der wirklich leidet und sich freut, sich selbst ver√§ndert, aber stets doch nicht die endliche Einrahmung, diese Einklammerung in eine Naturgewalt √ľbersteigt. Was sind also Kulturleistungen? Es sind Freuden- und Schmerzensschreie einer sich in Prinzipien entwickelnden und dr√§ngenden Natur. Ein st√§ndiges Schlagen dieses einen Herzens ins uns, der Natur und allem was so unerkannt unser fremdes Sein durchwaltet.

Entgrenzen: Das hei√üt, wenn ich das zusammenfassen darf: Wir k√∂nnen eigentlich nicht das tun, was wir wollen, denken oder phantasieren, sondern eigentlich nur, was die Natur ohnehin schon zul√§sst. Das hei√üt Kultur ist etwas Fremdes f√ľr uns, so wie wir uns auch selbst fremd sind. Dennoch versuchen wir √ľber die Natur hinaus zu kommen. Sind Kulturleistungen nicht der Ausbruch aus den Eink√∂rperungen der Natur?

Eisleben: Wenn dann sind Kulturleistungen h√∂chstens Grenzverschiebungen? Diese Weltspende, das fremde Herz in uns, bleibt doch auch vertraut. Verschiebungen zwischen Fremden und Eigenem bewegen sich dann in den Auf- und Untergangsrhythmen der Herz-Zeit. Wir befreien uns nicht von der prinzipiellen Eingeschlossenheit in die Weltspende, sondern sind ihr lebendiges Prinzip. Wir k√∂nnen diese erkenntnistheoretische Einkapselung in Endlichkeit nicht durch einen kontr√§ren Schritt ins Unendliche √ľberwinden. Wir sind verloren in den Grenzen des unendlich Gegebenen als elende Endlichkeit. Wir sind Endlichkeit und Unendlichkeit zugleich.

Bei dieser Verkaspeslung erlebt selbst der diamantene Realit√§tskern, ich meine die Logik, st√§ndig neue Kompressionen. Dieser Realit√§tskern der Logik ist so zwischen den gro√üen Horizontlinien der menschlichen Erkenntnis zerrieben, dass es mir beinah falsch erscheint von der Welt als in Stein geschlagen auszugehen. Das Denken sollte doch eher fl√ľssiger erscheinen. Aber auch das Fl√ľssige hat seine Viskosit√§t und Textur.

Hei√üt das aber, dass wir deswegen eine unendliche Reise ins √únm√∂gliche antreten? Unm√∂glich weil jeder Schritt zu den Horizonten den Horizont einen Schritt in die Ferne treibt? Ach verstehen Sie! Wenn Menschen davon tr√§umen mit Lichtgeschwindigkeit zu reisen, so leben sie in einem Innenraum, der mit der realen Ent√§u√üerung des Geistes wenig zu tun hat. Wir wissen so wenig √ľber unsere zuk√ľnftigen M√∂glichkeiten, aber Lichtgeschwindigkeit k√∂nnen wir aus unseren gegenw√§rtigen M√∂glichkeiten zu tr√§umen streichen.

Entgrenzen: Sind nicht vielleicht diese unmöglichen Phantasiereisen das Gefährliche am Menschen? Wäre die Natur nicht besser, wenn sie in Einsamkeit dahinvegetierte?

Tokyo Skytree view

Umgestaltung aller nat√ľrlichen Horizonte - Nur noch mensch-manipuliertes Milieux

Prof. Eisleben: Ich kann das nicht hören, dass die Natur den Menschen nicht verdient hätte, denn die Natur ist im Menschen und alles, was der Mensch tut, ist ebenso in der Natur. Die Grausamkeit der Welt, ist die Grausamkeit, die in uns als Welt ist und sich als Welt nach eisernen Gesetzen des Leids zulässt. Die Menschheit begreift das Sein vor den Horizonten des Leides und des Seins, aber diese Momente sind nicht voll und ganz auf unser Konto verbuchbar.

Entgrenzen: Mit dem Thema sprechen sie auch ihr Buch an, das als eine Art buddhistische Replik auf „Sein und Zeit“ von Heidegger daher kommt: „Sein und Leid„.

Prof. Eisleben: Nun sie haben Recht, mir erscheint das Leid der Welt ist ein wesentlicherer Kern des Seinsverständnisses als Heideggers permanentes Entwerfen auf Möglichkeiten hin.

Doch verstehen sie den Titel nicht falsch, der schlie√ülich nur ein Teil einer breiteren Lebensanalyse ist, denn auch die Gnade geh√∂rt zu uns, n√§mlich die Idee, dass wir nicht allen vermeinten Naturfordernissen entsprechen m√ľssen. ¬†Dieses versteht die Egophilosophie der Rational-Choice-Amerikaner nicht, ebenso wie es das Heer der Menschenverachter nicht genau versteht.

Dass Menschen sich entscheiden, macht √ľberhaupt erst m√∂glich, dass wir den Menschen verw√ľnschen. Ich glaube, dass daher die Natur schlie√ülich alle Lebewesen vor diese Fragen bringt. Nach uns sind ja dann nach futuristischen Modellen die Kakerlaken dran, das moralische Gewicht der Welt zu stemmen. Aber sagen wir es einfacher: Am Menschen ist das Gef√§hrliche zugleich auch das, was die Vision der Rettung ist und Rettung ereignet sich in den Utopien einer menschlichen Gn√§digkeit allen Wohlstand zu g√∂nnen, ohne auf ihre angebliche Leistung herabzublicken. Schauen Sie jede Technologie, die Negatives bringen sollte, entdeckten Menschen auch als Ressource. Atomkraft vermochte dieses sein, denn sie war urspr√ľnglich nur im Dienst der Bombe. Ich hatte damals noch als junger Wissenschaftler Kontakt zu Oppenheimer, grausam, was diese Frage mit ihm machte. Daher bevor wir hier dem Zukunftsoptimismus das Wort reden und bevor wir in eine eindeutige Metaphysik des Optimus abdriften, muss ich auf die Untert√∂ne verweisen. Die Hoffnungen der Menschheit, die positiven Technologien geraten zu Machtinstrumenten und produzieren sehr schnell auch Ungleichgewichte. Dann kommt das Sein nicht ohne Leid aus. Nehmen Sie zum Beispiel das Internet, wie es sich nun langsam aus einem Sinnstrahl der Hoffnung in ein Instrument der Kontrolle verwandelt, so geht es zwischen den M√∂glichkeiten hin und her. Deswegen m√ľssen wir Heidegger ermahnen: Es geht nicht nur um Entwerfen auf M√∂glichkeiten hin, sondern es geht auch um das Leben √ľberhaupt.

Aber auch noch Eines: Wir machen stets einen Fehler in unseren Analyse: Wir glauben hinter diesem Weltenpendel st√ľnden dunkle M√§chte. Das B√∂se aber entsteht im Schwung aus dem Guten. Meine erste Replik auf Heidegger sollte dieses in den Nachkriegswirren zum Ausdruck bringen, aber wer k√∂nnte den Wandel von Krieg und seine Transformationen wirklich aufhalten?

Entgrenzen: Heidegger hat ihr Buch nach eigener Aussage nicht gelesen. Sinngem√§√ü, da wir alle w√ľssten, dass sie seinen Ansatz nur ausdifferenziert h√§tten.

Eisleben: Ja, das ist das Schicksal der verpassten Chancen w√§hrend des zweiten Weltkriegs. Die Rezeptionsphase war mir nicht geg√∂nnt und Heidegger, der heimliche K√∂nig, hat dabei nat√ľrlich eine passiv aggressive Rolle gespielt. Aber das ist alles Historie und „seinsgeschichtlich“ nat√ľrlich uninteressant.

Entgrenzen: Ich werte dies als ironisch. Aber kommen wir zur√ľck zum Thema: Sie meinen also die Natur ist ein Prinzip, dass Kultur in Entscheidungsk√§mpfe zwingt?

Prof. Eisleben: Ja, das möchte ich so sagen.

Entgrenzen: Die Natur ist also das höhere Prinzip vor der Kultur?

Prof. Eisleben: Ich glaube wir bewegen uns evolutionsgeschichtlich eigentlich nicht von der Natur weg, sondern in die Natur als ihr wirkliches Wesen hinein. Das heißt, wir erforschen die Dimensionen der Unendlichkeit der Natur durch die Endlichkeit unserer Kultur.

Entgrenzen: Haben sie f√ľr eine solche Teleologie ein Beispiel?

Prof. Eisleben:¬†Schauen Sie, wir glauben, wir k√∂nnten die Natur durch einfache Prinzipien zum Ausdruck bringen. Dieses mag im logischen Raume der Metaphysik gelten. Wir wissen, dass die Welt sich nach der Bildung von m√∂glichen Oppositionen beschreiben l√§sst und machen uns das h√§ufig zu Nutze. Die Farbe gr√ľn muss zum Beispiel Gegens√§tze haben, ansonsten w√ľrden Sie nur graue Suppe sehen, mit anderen Worten: Nichts. Diese formale Dimension der Metaphysik kann aber nicht an die tats√§chliche Differenzierung der Natur heranreichen. Nehmen sie ein Gem√§lde. Ich kann sehr wohl das Prinzip meiner optischen Umgebung verstehen und ein verl√§ssliches Bild dieser Umgebung erstellen. Im Hyperrealismus ist das sogar mit erstaunlichen Ausma√üen m√∂glich [unter folgendem Link finden sich solche hyperrealistischen Bildwerke], aber der Unterschied zwischen einem hyperrealistischem Bild von einem Baum oder gar einer Fotografie von einem Baum und einem wirklichen Baum ist doch ersichtlich. Der Baum hat eine elementare Unendlichkeit nach innen. Ich kann heran gehen und in die Tiefe unendlich hinabsteigen. Bei einem Bild im Gegensatz entdecke ich irgendwann nur noch Pixel, Farbe, die selbst nur Natur ist. Wir verstehen hier nur mit einem Prinzip der Gegens√§tze: Farben haben Oppositionen etc. Bis jetzt kommen wir damit aber nur bis zur Kunst, nicht aber in die Natur hinein und schon √ľberhaupt nicht √ľber die Natur hinaus.

Entgrenzen: Ich verstehe, Sie meinen also, dass wir die Natur nicht in ihrer F√ľlle erfassen, aber das ihre Erfassung ein Ziel ist…

Prof. Eisleben: Ja, das meine ich. Es ist daher nicht die Ver√§nderung der Natur, der unser Sinn ist, sondern die Natur selbst. Ich behaupte gar, dass der Begriff der Natur ein Gestr√ľpp und unentzifferbares Geflecht in uns ist. Ein Dschungel der Prinzipien. Dennoch aber tappen wir zu h√§ufig in die Falle der Selbst√ľbersch√§tzung. Der Durchschnittsverbraucher glaubt zum Beispiel, dass der menschliche K√∂rper sich aus ein paar Organen und chemischen Reaktionen zusammensetzt. Wir begegnen dann im Alltag sehr schnell den esoterischen √úberzeugungen, dass die Medizin versagt, weil die Grundprinzipien ja sehr schlicht w√§ren. Versagen der Medizin erkl√§rt sich der Durchschnittsb√ľrger dann schnell durch b√∂se Pharmakonzerne, die die Grundprinzipien einer heilen und harmonischen Welt nicht einsehen wollen. Nun verneine ich nat√ľrlich nicht, dass in der Pharmaindustrie solcherlei Hinterm√§nner am Werk sein m√∂gen. Aber diese Erkl√§rung ger√§t zu einer Universalerkl√§rung. In anderen Worten solche Verschw√∂rungstheorien sind eigene Zentren der Macht. Tats√§chlich kann es aber auch sein, dass Krankheiten nicht nur Erfindungen von der Pharmalobby sind, sondern tats√§chlich vorkommen.

Entgrenzen: Was hat das aber mit Selbst√ľbersch√§tzung des Menschen zu tun?

Prof. Eisleben: Nun, wir tendieren dazu, unsere einfachen Hypothesen f√ľr die Wahrheit zu nehmen, obwohl diese Wahrheit wie der eben erw√§hnte Baum superkomplex ist, unendlich nach innen,und nicht mit den Bildkarten unserer Phantasie vollst√§ndig verstanden werden kann. Bei den ganzen Esoterikern erscheint es mir, als w√ľrden ein paar Menschen Sammelkarten von Wirklichkeitsausschnitten auf dem Schulfhof tauschen. Mehr ist das meines Erachtens nicht, was da h√§ufig passiert.

Entgrenzen: Können sie etwas konkreter werden?

Prof. Eisleben: Durchaus. Der Verdacht gegen die Pharmalobby erscheint mir psychologisch einem Einfachheitsglauben zu entspringen. Ein anderes Beispiel: Viele glauben, es w√ľrde allein eine Steinzeitern√§hrung reichen, wobei wir einfach auf Zucker verzichten und schon w√ľrden wir alle nahezu unsterblich sein.

Entgrenzen: Das ist aber √ľbertrieben!

Prof. Eisleben: Es ist nicht √ľbertrieben, wenn diese Esoteriker glauben, jede Krankheit lie√üe sich damit heilen oder wir k√∂nnten uns davor bewahren. Hier liegt die Selbst√ľbersch√§tzung in der vermuteten Einfachheit der Welt: Wir abstrahieren ein Prinzip und strapazieren schnell die M√∂glichkeiten seiner Anwendung. Esoteriker haben jedoch nur ein Bild vom menschlichen K√∂rper. Wissenschaftler hingegen betrachten ihn aus verschiedenen Perspektiven.¬†Gehen wir beispielsweise in die Gegenwartsforschung hinein. Eine befreundete Wissenschaftlerin versucht hier die verschiedenen Anti-K√∂rper-Reaktionen im Immunsystem speziell im Magen von Pferden zu erforschen. Doch bei der Superkomplexit√§t tut sich sogleich ein Gebiet auf, dass den menschlichen Geist rein zeitlich √ľberragt. Wir wissen, dass wir mit einer Kategorisierung dieser Immunsysteme noch lange nicht √ľberhaupt ein grundlegendes Verst√§ndnis erreicht haben. Die Natur ist nun mal nach innen ein offener Horizont. Wom√∂glich ist der Versuch diese Immunssysteme zu kategorisieren √§hnlich erfolglos wie das Vorhaben, jedem Menschen auf der Welt im Leben die Hand zu sch√ľtteln. Es gibt einfach zu viele Ver√§stelungen an Gattungen, denen wir folgen m√ľssten. Das hei√üt die Welt ist alles andere als einfach. Esoteriker aber machen uns wei√ü, dass die Welt im Grunde einfachen Prinzipien folgt. Dieses Denken ist mir zu provinziell. Nehmen Sie Thorwald Detlefsen. In seiner Literatur versucht dieser tats√§chlich Kranken einzureden, dass sie mit einer schlechten Lebenseinstellung an ihrem Schicksal selbst schuld w√§ren. Wenn dann Menschen untereinander gerade die Kranken einer Gesellschaft nach diesen simplen Weltbildern behandeln, dann handelt es sich um Selbst√ľbersch√§tzung. Selbst√ľbersch√§tzung die uns kulturell an den Rand der lebensbedrohlichen Verzweiflung treibt.

Entgrenzen: Sie sagen also, dass wir im Hinblick auf die Welt ohne letztg√ľltiges Wissen verbleiben und dass unsere M√∂glichkeiten, Wissen zu erreichen notwendig begrenzt sind? Der Mensch ist hinsichtlich seiner Natur offen, aber hinsichtlich seiner Kultur begrenzt?

Prof. Eisleben: Im Hinblick auf das Verst√§ndnis der Natur, ja. Da sind wir begrenzt. Im Hinblick auf unsere Kultur: Nein. Auch die Kultur des Menschen ist wie die Natur unendlich nach innen. Die Natur gibt einen Rahmen, den wir nicht letztg√ľltig erforschen k√∂nnen, innerhalb dessen wir aber agieren. Die Kultur nutzt die Rahmenbedingungen innerhalb des nat√ľrlichen Rahmens und rekombiniert auf unendliche Arten Gegebenes. Es w√§re aber absurd √ľber die Natur hinaus kombinieren zu wollen. Dieses f√ľhrte ich ja zuvor schon aus.

Was uns daher wirklich begrenzt¬† sind unsere, starren Meinungen, die keine Begr√ľndung haben. Aristoteles wusste schon, dass unsere Meinungen [Anmerk. Red.: Aristitoles, Metaphysik, Buch XII, 10] in keinem gesunden Verh√§ltnis zum Wissen stehen. Mit anderen Worten Meinungen sind ungesund, denn Meinungen beruhen auf ungerechtfertigten Annahmen, die eben oftmals leider falsch sind.

Entgrenzen: Aber in unserer Demokratie ist es doch löblich eine Meinung zu haben?

Prof. Eisleben: Die Meinungs√§u√üerung ist tats√§chlich nicht zu verbieten und es w√§re falsch zu glauben, wir k√∂nnten Krankheiten des Geistes durch Verbote besiegen. Es verbietet ja auch niemand AIDS, weil es absurd ist. Wie also mit Meinungen umgehen? Ich sage nur anstelle von einer falschen Meinung habe ich doch lieber √ľberhaupt keine Meinung oder was denken sie?

Entgrenzen: Jetzt bin ich mir nat√ľrlich unsicher.

Prof. Eisleben: Gerade diese Unsicherheit sollten wir doch kultivieren. Stattdessen verlangen wir von politischen F√ľhrern wie Angela Merkel oder Obama, dass sie sich bekennen soll und endlich mal eine Meinung br√§uchten. Das sind aber nichts anderes als politische Strategien, die erfolgreich in den W√§hlern implementiert wurden.

Entgrenzen: Sie sind also ein CDU-Wähler.

Prof. Eisleben: Nein, das bin ich ganz und gar nicht. Ich nutze mein demokratisches Recht und gehe nicht wählen.:

Entgrenzen: Das heißt Sie sind ein Antidemokrat.

Prof. Eisleben: Wenn ein Staat seine B√ľrger vor die Wahl stellt, dann muss es doch auch ein Recht sein, keine Meinung zu haben. Bedeutet denn Wahlrecht, antidemokratisch zu sein, wenn ich mich entscheide nicht zu w√§hlen? Bedeutet Meinungsfreiheit, dass ich eine Meinung haben muss?

Entgrenzen: Nun ja, Sie ignorieren eine Chance, die viele Menschen in anderen Ländern gerne hätten.

Prof. Eisleben: Ich glaube das ist ihre Meinung, aber f√ľr mich h√§ngen da viele Fragen dran, die es zun√§chst zu analysieren gilt. Als erstes ist doch die Frage, ob wir mit unseren Meinungen etwas ver√§ndern.

Entgrenzen: Aber was wenn alle so denken w√ľrden…?

Prof. Eisleben: Sie meinen wohl, wenn alle so denken w√ľrden und nicht w√§hlen gehen?

Entgrenzen: Ja.

Prof. Eisleben: Na, dann w√ľrde ich w√§hlen gehen, weil dann k√∂nnte ich ja etwas mit meiner Wahl bewirken und tats√§chlich kompetente Personen w√§hlen.

Entgrenzen: Sie haben mich in eine rhetorische Falle gelockt.

Prof. Eisleben: Nein, das habe ich nicht. Es ist nur das Problem von Mikro- und Makroebene, dass wir hier nicht sonderlich gut verstehen.

Entgrenzen: Nun, das verstehe ich nat√ľrlich auch nicht.

Prof. Eisleben: Ach, im wesentlichen besagt es nur, dass wir auf Ereignisse, die auf Aggregatsebene geschehen, das hei√üt auf der Ebene, wo wir das gesammelte Verhalten von Individuen erfassen, keinen Einfluss haben. Individuelle Entscheidungen bewirken nichts in Aggregaten und Sie als einzelner sind unerheblich, wenn sie keine √Ėffentlichkeitshebel haben. Geben Sie mir einen √Ėffentlichkeitshebel der gro√ü genug ist, und ich hebe Ihnen die Politik aus den Angeln. Da ich aber keine Hebel besitze bleibt mir nur der Wert der individuellen Entscheidung.

Entgrenzen: Und was ist dann die individuelle Entscheidung?

Prof. Eisleben: Die individuelle Entscheidung ist eine Moralische. Will ich zum Beispiel moralisch handeln, dann könnte es unter gewissen Prämissen notwendig sein, wählen zu gehen.

Entgrenzen: Das hei√üt dann aber, dass sie w√§hlen gehen m√ľssten.

Prof. Eisleben: Ja, da haben sie schon Recht. Es erscheint mir moralisch, wählen zu gehen. Aber nicht jede moralische Handlung ist notwendig.

Entgrenzen: Das heißt Sie können moralische Handlungen auch unterlassen?

Prof. Eisleben: Ja und zwar dann, wenn meine individuelle Handlung keinen Einfluss auf das Gesamtergebnis hat. Dies ist bei Wahlen zu h√§ufig der Fall. Weil ich aber W√§hlen als prinzipiell moralisch empfinde, w√ľrde ich keinen √Ėffentlichkeitshebel benutzen, um Leuten zu sagen, nicht zu w√§hlen. Das w√§re tyrannisch.

Entgrenzen: Bei aller Bescheidenheit der √Ėffentlichkeitswirkung dieses Blogs aber: Bedienen Sie nicht gerade einen Hebel?

Prof. Eisleben (lacht): Da haben Sie mich ertappt, aber hier ist doch auch zu erkl√§ren, weshalb Politiker sagen m√ľssen, dass Leute w√§hlen gehen sollen, auch wenn sie im Geheimen wissen, dass der Einzelne irrelevant ist.

Aber wissen Sie, ich glaube dennoch, dass wir das W√§hlen hier zu stark betonen. Ich glaube Demokratien funktionieren anders und wir haben genug Systeme, die zwar Wahlen zulassen, aber dennoch Tyranneien sind. Das hei√üt, W√§hlen kann zwar als moralisch bestimmt werden, ist aber aus anderen Gr√ľnden moralisch vernachl√§ssigbar. In unseren Kulturen glauben wir tats√§chlich, eine Demokratie setze sich haupts√§chlich durch Wahlfreiheit und Meinungsfreiheit zusammen. Jedenfalls sind diese beiden G√ľter das, was wir in der Regel auf den Stra√üen zelebrieren. Tats√§chlich aber sind die Meinungen nur dazu da, um Unzufriedenheit mit den Wahlen medial zu kompensieren. Der autokratischen Staatenmechanik schaden weder Wahlen noch freie Meinungen, wenn die Wahlen und Meinungen in einem System gut kapitalisiert werden k√∂nnen. Das ist heute der Fall, auch wenn es nicht die Dimensionen einer vollst√§ndigen Neoliberalisierung annimmt.

F√ľr mich ist daher etwas anderes an Demokratien wichtig und das sind Handlungen, die nicht moralisch vernachl√§ssigbar sind: Engagiere ich mich zum Beispiel sozial, respektiere ich Gesetze, habe ich Zivilcourage, trete ich f√ľr Schwache in meinem Umfeld ein oder kann ich andere Lebensweisen tolerieren? Was bedeutet mir Gewaltenteilung oder wie wichtig ist es mir, dass es ein breites Meinungsspektrum gibt, das auf die Ausbildung von tiefgr√ľndigeren Wissen hinwirkt?

Entgrenzen: Sie meinen also diese Dinge sind wichtiger als freie Wahlen?

Prof. Eisleben: Nun, ich habe dazu noch nicht gen√ľgend geforscht, denn ich bin ja auch nicht prim√§r Soziologe. Wenn wir aber eins in den letzten 100 Jahren gelernt haben sollten, dann dass ein Land mit freien Wahlen noch lange nicht demokratisch ist. In Afghanistan wissen die Leute wenig anzufangen mit den Wahlen, da sich eben alles noch √ľber die sozialen Strukturen organisiert, die wenig mit unserer Sozialkultur zu tun haben. Da sind Lords aufgrund von Abstammungslinien traditionell wichtiger, als was ein paar Meinungsbefreier meinen. Daher gehe ich davon aus, dass freie Wahlen f√ľr Demokratien weniger relevant sind.

Entgrenzen: Das heißt also sie glauben, dass Demokratie ein kulturspezifisches Produkt ist?

Prof. Eisleben: Nein, mit meinem fr√ľheren Freund Jaques Derrida teile ich die Ansicht, dass Demokratie vielleicht das einzige Konzept ist, dass wir universalisieren k√∂nnen, und dies da es als einziges eine radikale Kritik zul√§sst. Sobald wir Kritik nicht mehr zulassen, so haben wir auch die Wahrheit aufgegeben. Da ich aber nach Wahrheit suche, w√§re es abstrus f√ľr mich, die Demokratie aufzugeben.

Entgrenzen: Womit wir wieder beim Thema w√§ren, denn sie wollten mir noch urspr√ľnglich die Frage beantworten, ob sie Angela Merkel unterst√ľtzen.

Entgrenzen: Das heißt Sie denken also, dass Angela Merkel das kann.

Prof. Eisleben: Nun Sie ist eine intelligente Physikerin, ihr Mann ist Professor. Ich glaube schon, dass Sie dem Normalb√ľrger etwas voraus hat, so elit√§r dieser Wissenschaftsglaube auch klingen mag. Sie denkt in kleinen Schritten und legt sich nicht all zu schnell fest. Dadurch hat sie auch nicht immer eine Meinung. Aber ich m√∂chte mich hier auch nicht festlegen und ich kann mir vorstellen, dass nun einige schon Ihre Meinung von mir haben, nachdem ich dies gesagt habe. Aber sehen Sie, das war auch nicht der Punkt. Der Punkt war, dass Menschen Sie eben daf√ľr kritisieren, dass sie keine Meinung hat. Wenn Sie aber tats√§chlich keine Meinung hat und alles kurzfristig entscheidet, dann sage ich, genauso stelle ich mir intelligente Praxis in einer Kultur vor. Etwas tun, schauen was passiert und mit den Ergebnissen weiter arbeiten.

Entgrenzen: Damit beantworten sie eigentlich auch schon meine letzte Frage. Wie sieht denn Ihrer Meinung nach eine bessere Kultur aus?

Prof. Eisleben: Eine Impfung gegen die Zivilisationskrankheit Kultur kann eigentlich nur durch Wissen erfolgen, aber ich sehe nicht, dass Wissen derart von Interessen befreit werden könnte, dass es nicht auch irgendwo jemanden nutzt. Hierzu gibt es tatsächlich sehr viel zu sagen, denn mir ist auch klar, dass Wissen sich zu schnell in Machtstrukturen wandelt. Wir haben das ja bereits oben diskutiert.

Entgrenzen: Sie meinen Wissen könnte schlecht sein?

Prof. Eisleben: Selbstverst√§ndlich kann Wissen schlecht sein. Schauen Sie doch nur auf ihr Projekt zum bewussten Lernen [bewusstes-lernen.de, Anmerkung der Redaktion], hier geht es darum, wie wir effizienter werden. Das ist nicht unbedingt verkehrt, aber lebenslanges Lernen klingt wie eine Verurteilung und mehr noch, Sch√ľler sollen heute nicht mehr etwas Substantielles lernen, sondern lernen zu lernen. Das bedeutet aber, dass sie lernen, sich st√§ndig zu ver√§ndern. Sie werden damit formbare Masse f√ľr Marktstr√∂me. Ihr Wissen hat dann keinen Eigenwert mehr f√ľr ein gelungenes Leben, f√ľr eine gelungene Kultur, sondern ihr Wissen ist nur noch eine Rechengr√∂√üe. Mit ihrem Blog bringen Sie den Leuten Wissen und doch bringen Sie ihnen nur Selbstverleugnung und Selbstverachtung. Ich sehe allerdings auch keine Wege. Adorno sagte mir damals schon, dass in dem Herrschaftsglauben an die menschliche Technik, die Natur schlie√ülich durch die Technik in uns zur√ľckschl√§gt. Diese These versuche seit meinem gesamten Leben zu erforschen und im Hinblick auf die Intelligenzrevolution versuche ich meine letzten Lebensjahre noch darauf zu konzentrieren.

Entgrenzen: Herr Prof. Eisleben, vielen Dank f√ľr das Gespr√§ch.

In eigener Sache: Wenn ihr bis hierhin durchgehalten habt, dann klickt doch einfach mal auf den Like-Button unten, denn offensichtlich hat es euch doch gefallen oder? Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Facebook¬†oder¬†abonniert mich per¬†E-mail. Per E-mail verpasst ihr keinen Beitrag mehr. Oder tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Ein¬†RSS-Feed¬†ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen.

Norman Schultz

Pittsburgh, Dezember 2014

 

0Shares
Dieser Beitrag wurde unter Grenzen der Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Kultur als endliches Prinzip im unendlichen Prinzip der Natur: Interview mit Prof. Dr. Eisleben

  1. Angelika Herrmann sagt:

    Sehr gelungenes Interview fast ein kleines Porträt bedenkenswerte und weiträumige Fragen zum Nachdenken im eigentlichen Sinne, danke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert