Oberflächliche Ideen und konzentriertes Arbeiten im Detail – Zum Stand meiner Dissertation in Pittsburgh

Vierter Juli, das ist schon etwas vorbei, ja, ich schreibe selten und mittlerweile weicht sich das Profil auf, mit dem ich hier ursprünglich begonnen hatte zu schreiben. Mein eigentliches Projekt war es ja Grenzen der Menschheit anzudenken. Das war vor 5 Jahren und in der Zwischenzeit habe ich einen Magister, was mich wohl auch damals zu dem Thema bewogen hat, und außerdem arbeite ich mittlerweile an meiner Dissertation. Was also passiert hier nun? Zunächst muss ich sagen, dass sich in Pittsburgh das Gefühl von amerikanischer Unabhängigkeit einstellt. Ich war zum ersten Mal im Sommer hier und bin nicht zurück nach Deutschland geflogen und so habe ich auch den Unabhängigkeitstag zum ersten Mal als wirklich nationales Event kennengelernt.

Im Weiteren ist meine Tochter nun eingetroffen und wir haben ein paar Kinder eingeladen und ihren Geburtstag nachgefeiert.

Hier sind sie beim Versteckspiel:

Außerdem, wie man sehen kann, habe ich mir für diesen Anlass eine neue Linse für meine Kamera besorgt. Eine Feststelllinse mit der ich bestimmte Unschärfeeffekte hervorrugen kann und darüber hinaus, das Licht sehr gut einstellen kann.

Nun aber zum eigentlichen: Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, hier weniger über meine philosophische Arbeit zu berichten und stärker reflektierende Kulturphilosophie zu betreiben. Dies hatte auch einen einfachen Grund: Philosophisches Handwerk ist in den konkreten Begriffen zäher als ungekochte Schuhsohle. Mir fiel schon seit längerer Zeit auf, dass sich dabei philosophische Werke einerseits aus leicht zu verstehenden Slogans, andererseits aus konkreter Detailarbeit zusammensetzen. Mit Slogans meine ich Schlachtrufe, wie „zu den Sachen selbst“, eine Husserlianische Aufforderung, die verstaubten Begriffe von Gott sowie haltlose Spekulation hinter sich zu lassen, der Slogan „Identität der Identität und Differenz“, eine kompliziertere Deutsch-idealistische Formulierung, die davon ausgeht, dass Sein sich nur verstehen lässt, wenn wir eine Einheit aus Sein und Nicht-Sein konstruieren, was natürlich auch Slogans wie das parmenidische „Alles ist Eins“, was eben diese Differenz in der Identität nicht zulässt, oder Slogans wie das heraklitische „Alles fließt“ umfässt, wobei die Heraklitische Idee besagt, dass es keine stabilen Realitäten gibt, sich alles verändert und somit neben der Differenz keine Identität sein darf. Von hier aus ist es nicht weit bis zur Hausfrauenapothekenphilosophie: Wo Licht ist, ist auch Schatten, wo Sonne ist, muss es auch Regen geben oder man muss das alles ganzheitlich sehen.

Problematisch ist, dass wir mit solchen Slogans für gewöhnlich unsere Weltbilder zimmern. So ist zum Beispiel das Wort „ganzheitlich“ zum tödlichen Schlagwort für Impfgegner und ihre Rechtfertigung in der Regel nicht mit Details begründen, sondern auf Slogans hereinfallen. Daher fällt mir nur immer wieder ein, was mein erster Professor Rainer Enskat damals sagte, dass Wissenschaft bei der Genauigkeit beginne. Ich glaube, ich verstehe das von Jahr zu Jahr besser. Im Gegensatz zur Hausfrauen- oder meinetwegen Hausmannphilosophie ist die Philosophie die Wissenschaft vom Ganzen und beschränkt sich nicht nur darauf, verschiedene Slogans in einen Topf zu werfen und dann einmal kräftig zu rühren. Es geht auch nicht um Schlagworte wie „ganzheitlich“, denn ich behaupte, dass jeder der genuin an Wissen interessiert ist, auch eine ganzheitliche Betrachtung verfolgt. Vielleicht ist gerade der im Unrecht, der eine ganzheitliche Perspektive für sich ohne Weiteres in Anspruch nimmt?

Nun bemerke ich bei meinen Texten, dass ich oftmals diesen Sloganbrei selbst zusammenrühre und die konkrete Arbeit am Begriff hinterherhinkt. So weiß ich zum Beispiel, dass Brandom eine pragmatische Integration der Referenz-Semantik anstrebt, wie er das aber konkret mit anaphorischen Begriffen macht, habe ich noch nicht ganz erarbeitet. Auch seine Unterscheidung zwischen De-Re und De-Dicto-Aussagen ist noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Dennoch weiß ich: Making it Explicit ist Brandoms Meilenstein, was die ganzheitliche Ausarbeitung in Bezug auf das Repräsentationsproblem angeht und selbst Habermas überschüttet es gerne mit Lob. Aber das ist Oberfläche.

Aber damit tauche ich auch schon in die Schwierigkeiten. Also abgesehen von diesen Slogans hat mich immer schon das Detail interessiert. Hier aber kommen wir in eine Welt, die sich vom ersten Anschein verabschiedet und in einen haltlosen Boden driftet. Warum das? Wo Erklärungen immer wieder überworfen werden und keine Wahrheiten bestehen bleiben, weil sich im Detail der Slogan einfach als zu oberflächlich zeigt, dort bleiben wir nicht bei Resultaten stehen. Die Befriedigung, die sich oftmals im Alltag einstellt, weil ein gemeinsamer Nenner gefunden wurde, ist nicht unbedingt das Resultat der Philosophie. Mittlerweile kann ich sagen, das Vorsicht bei Menschen geboten ist, die einem simple Wahrheiten verkaufen. Dabei ist übrigens auch jene angebliche Wahrheit, dass Wahrheit einfach sei, ziemlich verdächtig. Es haben sich schon viele mit Ockhams Rasiermesser geschnitten (Vorsicht: Kalauer).

Nun ja aber warum das alles? Eigentlich hatte ich einen Nachruf auf meinen Professor aus Köln verfasst und dort viele Slogans zusammengezimmert. Leider habe ich vergessen zu speichern. Auf jeden Fall ist der Artikel jetzt mal weg und die Zeit drängt. Nun, was passiert also gerade in meiner Philosophie? Ich frage mich wirklich, ob es Individuen wie Stühle gibt. Das ist natürlich bescheuert, denn natürlich gehen wir damit tagtäglich um und stellen sie von A nach B, aber abgesehen von diesem Resultat, dass wir mit Phänomenen wie „Stuhl“ operieren, erscheint mir die Überlegung, dass es Dinge an sich gibt oder dass dort Materie sein soll, doch sehr abstrakt.

Moment ich sage nicht, dass es keine Materie gibt oder keine Gegenstände, aber ist mit den Worten „Materie“ und „Dinge“ schon alles oder überhaupt etwas gesagt? Wie man die Brille auf seiner Nase nicht mehr sieht, ein hochkomplexes Gerät, ebenso wie man sein Auge nicht sieht oder ebenso wie viele Menschen im Mittelalter nicht wussten, dass sie ein Gehirn haben, so erscheint mir auch der Begriff „Materie“ als nahezu unbekannt, denn wir haben Materie einfach nicht erfahren. Es ist ein äußerst schwammiger Begriff, der keine genaue Bestimmung hat. Irgendwie verfahren wir mit dem Resultat, dass Aristoteles unter dem Stichwort Hyle (Holz) als erstes fasste. Ja damals hieß Materie noch Holz, was ein Ausdruck einer Verlegenheit ist, aber diese Verlegenheit haben wir mittlerweile auch wegen der Informationsfülle unserer Alltagswelt vergessen (Wer das Internet benutzt, fühlt sich dabei oftmals nur schlauer, wie Forscher jetzt herausfanden. Das habe ich übrigens gegoogelt und ich fühle mich jetzt tatsächlich schlauer). Was aber soll Materie sein?

Eine Studentin im Seminar bei mir zeigte sich ganz schockiert, dass ich den Begriff Materie nicht voraussetze und ihn auch herleiten möchte. Sie schaute mich an und meinte, dass doch alle Dinge Materie hätten. Daraufhin fragte ich sie, ob sie mir Materie mal zeigen könnte oder ob sie welche zu Hause hätte und mal mitbringen könnte.

Mir erscheint, dass hier oftmals vieles auf sogenannter externer Reflexion fußt, zum Beispiel, dass wir mit Dingen umgehen als wären sie Materie. Was aber heißt „mit einem Ding umgehen“? Und was ist ein Ding? Ich sage dabei nicht, dass es diese nicht gibt, aber wie Russel zum Beispiel behauptet, er habe eine Eimer-mit-Schrot-Theorie während Hegel eine Schüssel-voll-Marmelade-Theorie hätte, so erscheint es mir absurd, zu behaupten, unser Universum wäre ein Eimer gefüllt mit individuellen Schrot-teilchen, denn wie stehen diese Teilchen in Beziehung? Hegel behauptet übrigens nicht, dass gemäß einem Marmeladentopf alles zusammenklebt, sondern seine Kritik entspringt eher daran, einen unbegründeten Atomismus zu behaupten, eben diesen den Russel gleich wieder beginnt, nachdem Russel Hegel wie eine wehrlose Strohpuppe abgeschossen hat (eine sehr gute Analyse des Gründungsmythos bietet hier Redding).

Nun ist es bei Hegel tatsächlich so, dass er sich von einem semantischen Atomismus verabschiedet und damit einen sogenannten holistischen Pragmatismus vorwegnimmt. Für ihn müssen Dinge auch in ihrer Relation geklärt werden. Wäre zum Beispiel dieser Stuhl nur für sich, ein In-sich-sein, dann würde er nicht in Bezug auf anderes sein können. Er würde wie Sein in sich zusammenstürzen, keine Beziehung zu nichts aufweisen und wäre damit für uns nichts. In-sich-sein wie Sein wäre dann epistemologisch nichts. Es würde wie Leere zerfallen, daher muss eine Differenzierung ein Übergang zu dem Sein-für-anderes stattfinden. Der Kniff aber an Hegels Theorie ist nicht, dass er nun behauptet, dass der Stuhl nicht an-sich in-sich wäre, sondern dass Hegel terminologisch einfach die Herkunft unserer Begriffe begründen will, wobei diese Selbstbewegung des Begriffes die ihm angenehme Ontologie und den Inhalt jeder Logik ausmacht. Wir reden also nicht über Identitäten, sondern erst einmal über differente Dinge, die uns auffallen und versuchen sie in immer höherer Auflösung zu beschreiben. Das wäre dann die Arbeit am Detail und stattdessen einen Slogan von Realität vorauszusetzen, versuche ich diese Details mit ein paar historischen Slogans in Berührung zu bringen. Das ist gerade Gegenstand meiner Dissertation.

Soviel also zu dem, was mich philosophisch gerade beschäftigt, ansonsten ist, wie oben gesagt, meine Tochter hier, die sich übrigens von einem Genie drei Dinge wünschen würde: ein Einhorn, eine Prinzessin zu sein und eine Banane.

Weil sie gekommen ist, habe ich die neue Linse gekauft, die diese Unschärfeeffekte gut erzeugen lässt und ich habe auch eine Party für sie gemacht.

Gil, ist übrigens Musiker und wir bei unserer nächsten Party einen Musikworkshop mit alternativen Instrumenten organisieren.


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Norman Schultz, Pittsburgh Juli 2015

Norman Schultz

Pittsburgh, Juni 2015

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