Meine letzten Monate in Deutschland, Pittsburgh und die Eishockeymeisterschaft und Einfachheit im Verhältnis zum Terrorismus

Von Fibonaccie. Abgelegt unter Grenzen der Philosophie  |   
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Pittsburgh at the Convention Center during the 5th Play-Off-Game

Pittsburgh und die Penguins - Pittsburgh will die Eis-Hockey-Meisterschaft gewinnen

1. Was geschah in den letzten Monaten?

 

  • Pittsburgh versucht sich gerade in diesem Moment daran, die Eishockey-Meisterschaft mit den Penguins zu gewinnen.
  • Wir haben den dritten Platz in der Trivia-Stadt-Meisterschaft (100 Dollar) belegt: Ellen (Frankreich, Philosophin), Roly (Großbritanien, Philosoph), Ashok (Indien-Amerika, Statistiker), Ben (Cancer-Research, Amerikaner), John Harvey (Philosophie-Professor, Amerikaner).
  •  Habe bei der Pittsburgh Piano-Group Rachmaninoffs Cis Moll- Prelude vorgetragen
  • Wurde zum Hot Professor gerated, dazu gleich mehr
  • Dr. Swindal hat meine Stunde abgenommen, meinte dass ich ein natürliches Unterrichtstalent hätte
  • Habe sehr gute Ratings für meinen Unterricht bekommen
  • Mitgliedschaft bei den Moral Conversations
  • Philosophie Trivia für die Philosophie-Party vorbereitet
  • Im Mai war ich in Deutschland zum Hegel-Kongress und habe gute Kommentare für meinen Vortrag bekommen (dazu wann anders mehr)
  • Semester Abschlussparty organisiert und dazu ein Philosophie-Trivia veranstaltet (dazu auch wann anders mehr)

          Ich war mit Emily und Mireille im Frick Park hiken. Hier sind die Bilder.

Tree-Roots-Movement

ansonsten bereite ich das Fantasy-Impromptu von Chopin vor. Ansonsten? Ich möchte über Einfachheit sprechen, die ja ein Kriterium der Wissensvermittlung ist. Wobei die Einfachheit meiner Kurse stets angezweifelt wird, auch wenn ich auch andererseits sehr gute Evaluationen bekomme:

“Schultz is super laid back and comes off as a very boring man, but don’t be fooled, Normy is the boy. He is super easy and does not really care about the grades. He really cares that you will learn. As I was writing this he came in with a mini pizza, looked at one of the students and just went “Haha it’s a pizza”. You’ll like him.” “Love him! He started the class and said he was a very boring person, but he’s actually hilarious!”

Immerhin erfülle ich das studentische Hotness-Kriterium. Wie unterrichte ich? Ich fange das Semester tatsächlich mit der bedeutungsschwangeren Frage an, warum wir eigentlich hier sind, was die Studenten regelmäßig amüsiert. Danach führe ich dann aus, dass ich eigentlich zu den langweiligsten Personen der Welt gehöre und ich mit meiner Doktorarbeit an der Lizenz zum Langweilen arbeite. Wenn ich sie aber zu sehr langweile, so führe ich zumeist aus, könne ich ihnen auch wirklich coole Bilder von Schachfiguren zeigen. Nun ja, aber warum sage ich das alles? Ich will bei meinen Studenten Akzeptanz schaffen, dass, obwohl ich ein wirklicher Easy-Grader bin, ich keine Rücksicht nehme auf konzeptionelle Schwierigkeiten. Der interessante Stoff ist nicht einfach und gerade hier lernen wir. Meine Kurse sind schwierig und schwer verständlich, vor allem, wenn man sich nicht hineindenken will. Dass meine Kurse schwierig sind, bedeutet jedoch im Gegensatz nicht, dass ich viele, schlechte Noten verteile. In der Regel bekommen meine Studenten alle ein A, wobei ich mein Grading im Laufe der Jahre im mehr in diese Richtung verschoben habe, die Resultate im gleichen Sinne, aber auch immer besser geworden sind.

 

2. Der Glaube an einfache Erklärungsmodelle macht anfällig für Extremismus

In dem Buch Engineers of Jihad wird die These untersucht, ob ein vereinfachendes Denken zu Terrorismus führe.

„Engineers of Jihad“. The Curious Connection between Violent Extremism and Education, Princeton University Press 2016).

- 45% Ingenieure bei allen Terrorangriffen. 1% Ingenieure an Gesamtbevölkerung.

“Vergleiche zwischen gewaltbereiten und friedlichen Islamisten sowie zwischen religiösen und laizistischen Widerstandsgruppen in Entwicklungsländern führen auf denselben Umstand: Überproportional ist die Beteiligung der Ingenieure an gewaltbereiten Gruppen und am religiösen Extremismus.” (Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/viele-terroristen-sind-scheinbar-ingenieure-14148612-p3.html)

Erklärungshypothese:

Neigung zu simplen Lösungen. Ingenieure haben ein mechanisches Weltbild, das den Glauben an simple Erklärungen begünstigt. Hieraus folgt eine “größere Irritierbarkeit durch [...] abweichendes Verhalten, Normverstöße [und] Regellosigkeit” (Quelle, siehe oben) Angenommen die Hypothese ist richtig, so sollte dies auch eine längere Betrachtung der Verschwörungsnaivität nach sich ziehen. Verschwörungstheorien, so raffiniert sie manchmal erscheinen, verfahren zumeist nach einem simplen Erklärungsmuster, wonach einzelne Akteure das Weltgeschehen direkt beeinflussen. Soziologisch wird diese These stark bezweifelt und gilt in vielen Bereichen als unwissenschaftlich, denn soziale Komplexe funktionieren nicht kausal, sondern durch eine Vielzahl an schwer identifizierbaren Wechselwirkungen, so dass sie in der Soziologie zumeist nur durch schwache Korrelationen identifiziert werden können. Im Gegensatz dazu halte ich folgende These für angemessen: Realität ist ein Komplexist, den es nicht zu durchschauen gilt, sondern mit dem wir umgehen müssen.

Beispiele für Einfahcheitsglauben
a) ‘Professor Whitcomb’ und der Bibelglaube:
  • Leiter des UPMC im Bereich Bauchspeicheldrüsenkrebs und Diagnostik von Leber und Nieren-Krankheiten
  • Weltweit geachteter Experte
  • Im Gegensatz starker  Bibelglaube, um die Entstehung der Welt erschöpfend zu erklären
  • Whitcombs Vater veröffentlichte eine sehr dichte “ingenieurstheoretische” Abhandlung (vorgelegt in den 60ern) zur Kritik der Evolutionshypothese
  • Bei Bibelkundlern gilt diese seit den 80er Jahren als Standard (siehe auch:https://en.wikipedia.org/wiki/John_C._Whitcomb)
  • Jene Wissensanhäufung lässt sich für Laien aufgrund der ingenieurstheoretischen Komplexität schwer widerlegen, entspricht aber dennoch einem simplizistischen Weltbild
Aus dem Gespräch mit Dr. Whitcomb habe ich auch erfahren, dass er angeblich Steve Jobs sehr leicht hätte retten können.
b) Steve Jobs
  • verlässt sich bei der Bekämpfung seines Krebses auf Möhrensafttherapie
  • Nach Dr.Whitcomb können jene Krebsvarianten wie Steve Jobs sie hatte in 95% der Fälle erfolgreich therapiert werden
  • Selbst nachdem Jobs eine neue Niere bekommen habe, hätte er seinen Krebs nicht mit der üblichen Chemotherapie bekämpfen wollen
  • Krebs ist ein komplexes Gebilde und das Wort ‘Krebs’ ist der Sammelbegriff für viele, verschiedene Zellwucherungen, die unterschiedliche Ursachen haben
  • Eine eindeutige Vitamin- oder Fruchtsafttherapie entspricht daher einem simplizistischen Weltbild
Auch diese Vitamintheorien folgen hier einem ingenieurstheoretischen Erklärungsmodell.
c) Klimawandelskeptiker
  • Vertreter können hohe Universitätsabschlüsse haben und ihre Argumente sind für Laien schwer zu verstehen noch zu durchschauen
  • Im Gegensatz aber haben selbst Klimaforscher kein abschließendes Wissen und keinen eindeutigen Beleg (Siehe meine Artikel zum Klimawandel hierzu)
  • Im Gegenteil: Wissen um den Klimawandel speist sich aus dem Diskurs speist und nicht die Argumente, sondern die Resultate des Diskurses belegen Klimawandel
  • Diskursresultate sind keine verstehbaren und perfekt rekonstruierbaren Theorien, sondern entstehen in einem Diskurszusammenhang, der auf freier Wissenschaft basieren muss
Klimawandelskeptiker reduzieren einen komplexen Diskurs auf wenige, für sie klare Argumente.
Der Glaube an einfache Regeln ist Grundlage für terroristische Ansichten.
Das ganze begegnet einem übrigens auch im Alltag. Nachts war ich mit dem Fahrrad in Pittsburgh unterwegs:
Passant: “Why don’t you ride on the street, you fuckin’ asshole?”
Ich: “I am sorry.”
Passant: “I said, why don’t you ride on the street, you fucking asshole?”
Ich bleibe stehen und rufe: “Because the cardrivers shout at me: Get of the fuckin’ street you fuckin’, you dumb shit.”
Er ruft zurück “Huh, what’s wrong with you get off the fucking sidewalk, you fuckin’ asshole!”
Ich rufe zurück “You asked me for a reason. Do you have Tourette-syndrom?”
“You fucking asshole.”
Ich fahre weiter. Episodische Erkenntnis ich weiß. Dennoch glaubt er, dass jemand der auf der Straße fährt, einfach die Straßenverkehrsordnung bricht und deswegen ein Arschloch sein muss. Simple Erklärung: Wer Gesetze in dieser Art und Weise bricht ist unwürdig und kann verbal attackiert werden.
Nun, ich behaupte, dass vorherige Beispiele alle miteinander zusammenhängen. Sie sind alle Konsequenzen von einem nur analytischen Denken, wobei hier die Gründe für bestimmte Erscheinungen mechanistisch reduziert werden. Darüber hinaus behaupte ich, dass alle, die sich eingehend mit Verschwörungstheorien beschäftigen, zum Erfolg von Dummheit beitragen.
Hiermit meine ich im Übrigen nicht die kritische Auseinandersetzung mit tatsächlichen Vorfällen, wie diese Sendung verwechselt:

Problem an der Sendung ist, dass sie versucht Verschwörungstheorien zu immunisieren. Die Sendung behauptet, dass die Kritik an Verschwörungstheorien dem Establishment dient. Die Verschwörungstheoretiker stilisieren sich mit solcherlei Aussagen als Außenseiter, die sich gegen das Establishment abarbeiten. Den Erfolg dieser Immunisierungsstrategie sehen wir nun bei der AfD oder auch bei Donald Trump. Bei der AfD glaubt man mit Verschwörungstheorien die Wahrheit zu vertreten, die zum Beispiel ein SPD oder CDU-Wähler stillschweigend ignoriert.
Abschließende Thesen daher:
  • Alle, die sich mit Verschwörungstheorien beschäftigen und diese weiterspinnen, beteiligen sich an einer simplizierenden Verblödung der Gesellschaft, die schließlich auch zu dem Weltbild der AfD führt. Die AfD folgt genau der Vorstellung, dass komplexe Sachverhalte mit simplen Verschwörungstheorien erklärt werden können oder dass es für komplexe soziale Missstände einfache Lösungen geben würde.
  • Generell gilt daher: Beteilige dich nicht an Verblödung, aber bleibe kritisch. Beteilige dich nicht an Verschwörungstheorien, sondern nutze deine Energien eher um positive Sachverhalte zu schaffen wie zum Beispiel Tich Na Than sagt: Wir müssen den Krieg erst in uns selbst beenden.
So viel dazu, ich mache mich dann mal auf den Weg nach Downtown um die Feier über den Sieg zu sehen :)

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Norman Schultz

Pittsburgh, Mitte Junie 2016

 

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