DoktorUpgrade – Auf der Suche nach neuen Ideen

Vor ungefähr 6 Jahren habe ich meine Doktorarbeit in den Vereinigten Staaten begonnen. Zunächst mit einer Assistentenstelle, später dann mit einer Ergänzungsstelle (adjunct professor). Genug zum Leben.

Mit dem Abschluss meiner Dissertation bin ich froh, dass Pittsburgh mittlerweile als das Zentrum der Philosophie gilt. Ich bin froh, dass ich meine Dissertation zu einigen der zentralen Figuren der heutigen Philosophie- Geschichte schreiben konnte und ich bin dankbar, ich bin wirklich dankbar, dass ich das Leben in Amerika erleben durfte. Ich habe gesehen wie Obama President geworden ist und ich habe auch gesehen, wie Trump ihn abgelöst hat. Das sind gut 10 Jahre Erfahrungen aus erster Hand in einem Land, das so gespalten ist, wie kein Zweites.

Mein Dissertationskommitee. Dean Swindal, Dr. Selcer und Dr. Rockmore. Ich bin sehr froh, dass Dr. Rockmore es von der Beijing university geschaft hat, meine Dissertation zu besuchen.

Und nun?

Ich suche nach neuen Ideen. Deswegen will ich jede Woche 5 neue Ideen zusammenfassen, die mir √ľber den Weg laufen.

Mein Leben wird sich auch ver√§ndern. Mir scheint China ist der aufsteigende Markt. Was bedeutet es f√ľr die Menschen eines Landes, in einer sozialistischen √Ėkonomie zu leben? Im Gegensatz zum Staatsprofil sind fast alle meiner chinesischen Freunde Kapitalisten, denen der finanzielle Erfolg wichtiger ist als alles andere. Dennoch gilt China als sozialistische Markt√∂konomie:

The¬†socialist market economy¬†is the economic model employed by the¬†People’s Republic of China. It is based on a predominant¬†state-owned sector¬†within an¬†open market economy¬†originating in the¬†Chinese economic reforms¬†introduced under¬†Deng Xiaoping. The ideological rationale for this system is that China is in the¬†„primary“ or „preliminary“ stage of socialism, an early stage within the¬†socialist mode of production, and therefore has to adapt¬†capitalist¬†techniques to thrive in a global market system. Despite this, the system has widely been cited as a form of¬†state capitalism.

China¬†hat die zweitgr√∂√üte √Ėkonomie der Welt.¬†Mich interessiert, was China wirklich ist. Ich denke, wir k√∂nnen das nicht im Hinblick auf das √∂ffentliche Profil, noch im Hinblick auf Chinesen, die wir als Ausl√§nder treffen, beurteilen. Den chinesischen Medien k√∂nnen wir ebenfalls nicht vertrauen. Deswegen will ich nach China. An China zeigt sich ein grunds√§tzlicher Unterschied zwischen individuellen Befindlichkeit und gro√üstaatlichen Bewegungen. Das m√∂chte ich verstehen.

2. Deutschland ist nur noch drittbestes Land der Erde

W√§hrend China zu einer fragw√ľridgen Macht aufsteigt, geht es abw√§rts in Deuschland. Jedenfalls sehen es Kulturpessimisten so. Ich selbst bin ja in einem Pessimismushaushalt aufgewachsen. √Ąngste dominieren dabei die eigene Entwicklung, so dass man eher nicht investiert oder experimentiert. Pessimismus ist eine Art Hemmung, die uns unsere Eltern oder Geschwister uns antrainieren. Im Gegensatz glaube ich, dass wir als Kinder experimentierfreudig sind. Wenn man sich hingegen fr√ľh f√ľr sich selbst sch√§men muss, blockiert das die Entwicklung. Was entsteht ist eine Art Negativhaltung zu allem, was uns begegnet.

Im Gegensatz zu den Kulturpessimismus belegt Deutschland jedoch aus Sicht von Entrepeneuren Platz 1. Deutschland besitze eine sehr innovative √Ėkonomie (https://www.usnews.com/news/best-countries/germany).

Zu den gegenw√§rtigen Geflogenheiten geh√∂rt es dennoch, Merkel jegliche Kompetenz abzusprechen. Zwar ist es nicht falsch Merkel zu kritisieren, aber manch Hobbypopulist mit jener pessimistischer Neigung sieht in Merkel nichts, √ľberhaupt nichts Gutes. Hierin unterscheiden sich jene Pessimisten nur wenig von den AfD-Kandidaten. Ob links oder rechts, die Thesen richten sich nur an einem anderen politischen Spektrum aus. Kulturpessimisten erscheinen weniger verd√§chtig, weil sie doch sozial akzeptierte Standards des Humanismus annehmen. Ich folge jedoch eher einer Hufeisentheorie.
Political spectrum horseshoe model

Je mehr sich die Perspektiven an Extremen ausrichten, desto mehr n√§hern sie sich an. Ich sehe in Deutschland eine √§hnliche Propaganda, die es Trump erm√∂glich hat, Hillary als korrupt darzustellen. Sicher ist Hillary¬† nicht gerade sympatisch, jedenfalls gilt das f√ľr mich. Dennoch k√∂nnen wir sie nicht mit Trump vergleichen. Kulturpessimisten haben allerdings zwei Grundlagen f√ľr den Erfolg von Trump gelegt. Erstens haben sie Hillary so stark besch√§digt, dass Trump keinen wirklichen Gegner hatte. Zweitens konnte Trump leicht den Mythos vom schwachen Amerika aufgreifen.

√Ąhnlich verh√§lt es sich in Deutschland. Wer einen undifferenzierten Kulturpessimismus pflegt, besch√§digt den Fortschritt. Diese These wird auch von Steven Pinker gest√ľtzt.

3. Intellektueller Pessimismus unterst√ľtzt Populisten

Steven Pinker argumentiert, dass unsere negativen Einstellungen populistische¬†Bewegungen st√§rken. Unter dem Eindruck, dass alles schlechter werde, w√ľrden wir eine¬†L√∂sung f√ľr Probleme verlangen, die im Grunde nicht existieren. Damit w√ľrden wir aber nur eine¬†Abl√∂sung der gegenw√§rtigen Linie verlangen. Nach Pinker ist es jedoch Tatsache, dass die Welt besser werde, somit w√ľrden wir die Abl√∂sung dessen verlangen, was Fortschritt bringe. Die Konsequenz ist, dass der Pessimismus der Progressiven Populismus unterst√ľtze.

Ich war ja nun gut 3 Jahre nicht mehr in Deutschland und lebe bereits seit 6 Jahren durchgehend in den USA. Donald Trump konnte den Amerikanern verkaufen, dass es der Wirtschaft nicht gut ginge. Dabei konnte er sich auf die Unterst√ľtzung des extremen Linken Fl√ľgels verlassen, deren Anh√§nger stets alles in negativem Licht betrachten. Der Pessimismus ist offenbar N√§hrboden f√ľr populistische Bewegungen. √Ąhnliches passiert in Deutschland. Obwohl ich nicht sagen will, dass es falsch ist Angela Merkel zu kritisieren, die allgemeine Kritik hat selten etwas mit Sachkritik zu tun. Sie ist unn√∂tig √ľberspitzt. Das f√§ngt mit Plakaten wie „Merkel muss weg“ an. Das Paradoxe ist, dass linke Positionen dann dazu f√ľhren, dass damit gegenteilige Positionen des anderen extremen Spektrums gest√§rkt werden.

4. Sloterdijik РDer Kampf um Realität

F√ľr Sloterdijk scheint dies alles f√ľr die Apokalypse des Realen zu sprechen, welche im 20. Jhd. einsetzte.¬†Das 20. Jhd. stellt f√ľr Sloterdijk eine Abfolge von Gewaltexzessen dar, die jedoch nicht unter einer einheitlichen Geschichte subsumiert werden k√∂nnen. In diesem Sinne habe es DAS 20. Jhd. nicht gegeben. Das Phantomwerden des 20. Jhd. kann noch am Ehesten als der Sieg des Konsumismus √ľber die Tr√§ume der Linken verstanden werden. In jedem Fall aber zeigt sich, dass nicht mehr die Realit√§t dasjenige ist, was erstrebenswert sei.¬†Das Sein werde keineswegs mehr als das Gute verstanden, sondern wir m√ľssen ihm das Gute erst abringen (Sloterdijk, Peter: Was geschah im 20. Jahrhundert, 95)

Nach einem Durchgang der Selbstzerst√∂rung sind unsere Staaten jedoch zu keiner ad√§quateren Auffassung unseres Selbst gelangt (Sloterdijk 101). Unter dem Stichwort der „neuen Un√ľbersichtlichkeit“ wurde alles gesagt und von allem auch das Gegenteil behauptet. Am Ende zeigte sich das 20.Jhd. in dem Willen, das Wahre im Hier und Jetzt zu aktivieren. Die Wahrheit des Realen sei fast schon da, es m√ľsse nur noch gegen das „Schein-Reale“ aktiviert werden (Sloterdijk 108). Es gehe bei Wahrheit also nicht mehr um eine Entsprechung von Natur und Denken, sondern um eine Steigerung der Ursachen in der Natur, um ein gr√∂√üeres Reales in Bewegung zu setzen (vgl. Sloterdijk 111). Dasjenige, was ist, muss daher falsch sein, der Grundgestus des Pessimismus.

5. Sandell Lectures:

Interessanter ist es dabei sich zunächst mit den grundsätzlichen Problemen der Ethik auseinanderzusetzen. Um den Ereignishorizont der Fragen zu klären.

Michael Sandel ist dabei einer der Rockstar-Philosophen. Jedenfalls verkauft Harvard ihn so auf ihrer Website. Er bringe Philosophie zu den Massen und wurde in China bereits zum einflussreichsten Ausl√§nder des Jahres gew√§hlt. Ich denke, dass die folgende Lecture-series leicht verst√§ndlich ist und die gegenw√§rtigen Probleme der Ethik auf den Punkt bringt. Auch f√ľr Fortgeschrittene wirklich sehr unterhaltsam. Dabei enth√§lt er sich einem zu starken Kulturpessimismus, sondern l√§sst Studenten ohne Vorurteil ihre Sichtweisen ausargumentieren. Ich versuche meinen Kursen eine √§hnliche Struktur zu geben.

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Ansonsten könnt ihr mich gerne anschreiben oder einen Kommentar hinterlassen. Norman Schultz, Pittsburgh Januar 2018

 

 

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