Archiv fü Kategorie Philosophie

Die verlorene Wahrheit – Von der Wertlosigkeit der Philosophie

7. Dezember 2016
Nicholas Rescher 2

Rescher, eine lebende Enzyclopädie, picture By Rescherpa (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


Ich hatte heute eine Unterhaltung mit Nicholas Rescher. Der Mann hat seine hundert Bücher und Tausende von Artikeln veröffentlicht. Hat zu dem ein Arsenal an Ehrendoktorwürden (9). Wäre ich er, würde ich darauf bestehen, dass jeder, der mit mir spricht, diese Dr.Titel nennt und falls nicht, würde ich so tun, als hörte ich ihn nicht.

Wie dem auch sei. Die Epistemologie, Reschers Hauptbetätitigungsfeld, die Lehre vom Wissen, ist derweil ein wenig in Verruf gerraten und viele behaupten wir bräuchten diese nicht mehr. Rescher ist nun einer der wenigen, die glauben, dass wir noch die Ausarbeitung einer Epistemologie bewirken müssten und stellt hierzu die These auf, dass es noch koheränter Systeme bedarf.

Ich habe ihn ausgiebig zu einer Epistemologie und ihrer sozialen Relevanz befragt. Ich zweifle zum Beispiel stark daran, dass uns eine bessere Theorie von Dreiecken eine bessere Politik beschert. Ich glaube im Gegensatz, dass das Gute jeder Theorie vorausgesetzt sein muss.

Reschers Buch zur Epistemologie ist eine Zusammenfassung aller epistemologischen Probleme unter der Idee dass wir keine repräsentationalistischen Wahrheitstheorien bedürfen, sondern Koheränzsysteme. Natürlich schreibt der Mann im analytischen Feld (was auch seine erste Frage war, ob ich denn auch analytisch geschult sei). Dennoch ist Rescher im kontinentalen Bereich unglaublich belesen und auf den Hinweis, dass er sich ja auf Leibniz beziehe, antwortete er nur, dass dieser immer noch sein großer Held wäre. Das Buch zur Epistemologie ist Beitrag zur Philosophie und Lehrbuch zugleich:

Was sonst?

Ich habe soviel an Cybermonday nach Thanks Giving gekauft. Nach 6 Jahren kann ich sagen, dass Thanks Giving der wichtigste, amerikanische Feiertag ist, weil hier alle Familien zusammen kommen. Weihnachten wir nicht von allen gefeiert und selbst Christen fliegen eher an Thanks Givin als an Weihnachten nach Hause. Ich habe endlich einen neuen PC, so dass ich meine Fotographie endlich wieder schneller bearbeiten kann. Ich habe mich für ein Mittelklassemodell entschieden und fahre damit wirklich, wirklich gut. Ich denke nach langen Recherchen, dass das wirklich das beste Preisleistungsverhältnis ist:

DSC_0107

Ich suche übrigens auch fake Converse-Schuhe. Ich will hier nicht 50 Dollar für die ausgeben.


Zur gegenwärtigen Bedeutung der Philosophie 

Im folgenden Artikel geht es eben darum, dass die Philosophie ihre epistemologische Zentralfunktion verloren hat.

Kernthese des verlinkten Artikels:

Philosophie wurde gereinigt und zu einer Wissenschaft unter vielen. Damit ist die Philosophie keine Tugend mehr und der Philosoph ein Durchschnittsdetlef, der sich wie ein fauler Beamter in Archiven ein Biotop aus abzuarbeitenden Büchern errichtet hat und in der Zwischenzeit auf einen Monitor starrt.

Bewertung:

Simple Darstellung historischer Zusammenhänge innerhalb der Philosophie. Der Artikel hat beinahe Precht-Niveau. Die historische Transformation der Tugendphilosophie in das Archivars- und Verwaltungsleben ist leider nur allgemein dargestellt. Der Artikel verpasst es, einen reflektierten Standpunkt zu erreichen, das heißt auf die eigenen Voraussetzungen der eigenen historischen Position einzugehen oder interessante Beobachtungen einzustreuen.

Zusammenfassung:

Philosophie wurde insitutionalisiert und damit “gereinigt”. Der Artikel verortet die Abspaltung der Philosophie um 1870. Die Naturwissenschaften  ebenso wie die Sozialwissenschaften werden zu eigenständigen Wissenschaften entwickelt, die sich nicht mehr vor der Philosophie verantworten müssen. Unter dem Druck der Abspaltung muss sich die Philosophie als eigene Wissenschaft rechtfertigen (dies wird als Demarkation bezeichnet). Unter der Neuausrichtung bleiben verschiedene Betätigungsfelder:

  1. Synthese verschiedener Erkenntnisse aus Regionaldisziplinen
  2. Entwicklung des formalen Grundvokabulars (Logik)
  3. Übersetzung von Erkenntnissen für die Gesellschaft
  4. Disziplinspezialisten
  5. Kombination aller

Nach dem Artikel hätte Philosophie niemals gereinigt werden sollen, denn mit dem Fokus auf Wissensproduktion wurde die Philosophie ebenfalls von der Tugend abgegespalten.

“The individual scientist is no different from the average Joe; he or she has, as Shapin has written, “no special authority to pronounce on what ought to be done.” For many, science became a paycheck, and the scientist became a “de-moralized” tool enlisted in the service of power, bureaucracy and commerce.

Philosophie ist zu einem Gehaltsscheck geworden, einem Beruf unter vielen. In diesem Sinne ketten sich Philosophen an ihre Computer und produzieren angeblich wissenschaftliche Artikel, die von ihren peers bewertet werden.

“Today, a hyperactive productivist churn of scholarship keeps philosophers chained to their computers.”

Ich stimme damit überein, dass die Philosophie unnötig, verwissenschaftlicht worden ist, denke aber dass die Reduktion auf den Wahrheitsgehalt problematisch ist. Ich glaube ich habe zuviel Rorty gelesen und kann nur mit einem Zitat von Tom Rockmore zur Relevanz der Theorie enden. Für ihn sind Platon, Kant und Husserl Verteidiger, dass wir nur praktisch handeln können, wenn wir eine gesicherte Wissenschaft haben, während Aristoteles, Hegel und Marx der Praxis den Vorrang geben:

“On the one hand, there are those, such as Plato, Kant, Husserl and even Whitehead […] on the other hand there are those, such as Aristotle, Hegel, and Marx, who are concerned to limit, or even to reject, some claims for the relevance of reason.” (Rockmore, Tom Habermas on Historical Materialism 1989:173)

Sonnenuntergang Winter

Mein Philosophie-Projekt neight sich dem Ende entgegen, sohwohl Dr.-Arbeit als auch die Beschäftigung mit Epistemologie.

 

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Vom Superphilosophen David Precht und der Entlassung von Peter Sloterdjik beim ZDF

21. Mai 2012
Von den Superphilosophen: Raffaello Sanzio (1509)

Von den Superphilosophen: Raffaello Sanzio (1509)

Richard David Precht ist so etwas wie Deutschlands demokratisch gewählter Philosoph (jedenfalls glauben das die meisten). Der Mann ist bei ARD und ZDF eigentlich per Telefon-Ted (wie auch schon der Klügste Deutsche) in die Riege der Philosophen gewählt worden. Irgendwann saß er auf einmal in den Talk-Runden und erzählte mit Klassensprecherbesserwissermentalität wie der Kapitalismus denn funktioniere. Seit einem halbwegs amüsanten, aber seichten Buch über Neurophilosophie wurde Precht auf einmal zu allem befragt, was irgendwie das Etikett “Laberwissenschaft” trug und obwohl er einen Doktortitel in Germanistik besaß, kündigten ihn alle nur noch als Philosophen an. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Die Philosophie und die Rechengenies – von Zahlenbänder und Recheninseln

12. Oktober 2011

Wir hören den philosophischen Zauber eines scheinbar unzertrennlichen Zahlenbandes, das am Gehör entlang rast. Ein Zahlenkaninchen, das der Magier aus dem Hut, aus seinem Gehirn, aus einer Philosophie des Ganzen hervorzaubert. Rüdiger Gamm einer der Savants, die keine nennenswerten autistischen Defizite aufweisen. Dennoch war er als Rechengenie schlecht in der Schule. War er unterfordert?

Der philosophische Sinn unserer Grenzleistungen

Seien wir mal ehrlich: Was bringt uns das Kalenderrechnen, das heißt wie Gamm zu jedem beliebigen Datum den passenden Wochentag zu wissen? Was bringt es uns, in die Dimensionen der Zahlen vordringen zu können? Im Gehirn hat er Ergebnisse von 200.000 Zwischenlösungen gespeichert, nur was würde uns diese Rechenausstattung wirklich nutzen? Für eine Philosophie Platons wären es Schattenspiele an der Wand, ohne zu erkennen, dass die Sonne im Rücken noch überhaupt nicht erkannt worden ist. Die Genies können daher nur Philosophen sein, die so zum Beispiel versuchen den Seinsgrund der Mathematik zu entbergen. Dieses philosophische Unterfangen ist wohl der eigentliche Mount Improbable, zum Rechengiganten aufzusteigen hingegen, heißt doch gleichzeitig zum Zahlenidioten zu werden, der womöglich den philosophischen Bezug zum Ganzen verliert.

Der Rechenidiot ist eine Insel der menschlichen Naivität, die auf einem Zahlenmeer schwimmt. Er ist Sklave einer entkoppelten, inneren, unnachgiebigen Welt des Rechnens, ein beständiger innerer Rechenschieber, der das Leuchtfeuer seiner Neuronen im Glanz der Mathematik nicht aufhalten kann. Philosophisch besehen müssen wir uns daher keinem Zahlenreich unbewusst ausliefern und nur mit der Unendlichkeit des Rechnens innerlich möblieren. Wir wollen doch philosophisch mehr sein als die sturre innere Notwendigkeit der Rechenregeln in uns zu erforschen. Gewiss mit den Primzahlen kommen gewisse Zahlengeheimnisse in unsere innere Zahlenwelt und allein das System der Dekadik bringt uns einen Schleier der Zahlenmystik, aber auch das sind nur Schatten an den Wänden der Welt und keine Philosophie. Es geht natürlich um mehr als nur um das Rechnen.

Es heißt hinter jedem Phänomen versteckt sich die Welt der Zahlen, aber könnte es nicht auch genau umgekehrt sein, dass die Phänomene (Phänomene sind philosophisch das nur Erscheinende) uns die Welt der Zahlen zufällig liefern, die wirkliche Welt aber eine ganz andere ist.

Die Welt des Rechnens als realerer Teil einer doch manchmal ausufernden abstrakten Mathematik lässt uns nach diesen Zahlen auch in der Wirklichkeit suchen, aber sind Zahlen real? Ist alles Zahl wie es Pythagoras noch philosophisch mutmaßte? Dies wäre die philosophische Frage und dies wäre Philosophie.

 

Fotothek df tg 0000047 Architektur ^ Mathematik ^ Allegorie ^ Waage ^ Vermessungsinstrument ^ Messzirke

Kein Gedankenmessi, sondern die Ordnung des philosophischen Geistes soll uns leiten!

Ich bewundere Gamm für seine Fähigkeit und wünschte mir auch diese enormen Fähigkeit, aber was würde ich dann als Philosoph tun? Draußen die Blätter an den Bäumen zählen, die Muster der Tapeten genau kennen? Würde es mir nützen, mich erfolgreicher im Beruf und Privaten machen? Würde es der Menschheit auf ihrem Weg in die Demokratie und Gerechtigkeit nutzen? Auf der Spur der Genies also fragen wir, was uns denn wirklich nützt, denn verschrobene Spezialbegabungen gibt es in Hülle und Fülle. Ich frage stattdessen, welches Genie ist wirklich als Genie zu bewerten und da glaube ich, warten wir noch auf die richtigen Philosophen. Der Maßstab der Nützlichkeit gilt hier natürlich auch als problematisch. Denn es heißt auch bei Philosophen immer wieder, wir interessieren uns in den Wissenschaften für die Dinge ohne Grund  und aus purer Neugier. Dieses sei das geheime Band, das alle Wissenschaften zusammenhält. Neugier halte gegen die Nützlichkeit her.

Ist das aber philosophisch schon plausibel? Denn wenn ein Mathematiker behauptet, er interessiere sich zunächst für Formeln aus purer Neugier, so glauben wir doch, dass diese Form seines Interesses höher zu bewerten ist als das Interesse des alten Ehepaars, das in ihren Vitrinen Tassen und Teddybären sammelt. Wir bewerten den Mathematiker höher als den Idioten, der die Schmelzpunkte aller Materialien auswendig lernt. Und wenn uns jemand erklärt, er wolle für läppische 30 Milliarden etwas über den Ursprung des Universums in Erfahrung bringen, würde uns aber im gleichen Atemzug versichern, dass dieses uns niemals etwas nützen würde, warum sollten wir diese Ausgaben tätigen? Mir würden Unmengen an Projekten einfallen, die ich unterstützen könnte. Wir wollen doch keinen Gedankenmessis, die jeden Gedanken, weil sie sich mit anderen verknüpfen abspeichern. Wir wollen die Ordnung aller Teile in einem Ganzen und dies ist Philosophie. Letztlich ist es also nicht Neugier, sondern der höchste Seinsgrund, der uns treibt.

Da wir als Menschen aber nur begrenzte Zeit haben, wäre es ein verfehltes Leben, wenn sich herausstellen würde, das unsere gesamte Rechenschieberei nur das gleichsam ästhetische Werk von emsigen Ameisen war, die einer nie gesehenen Königin gedient haben. Wer wollen wir also sein? Diese philosophische Frage steht in Kontakt zu unserem täglichen Handeln. Es ist unsere eigene Grenze, denn wir müssen uns fragen, was wir mit unserem Leben tun wollen, weil wir nur begrenzte Zeit haben. Dies ist auch eine philosophische Frage nach dem Ganzen. Der Sinn des Seins liegt in der Zeit, die wir haben. Und nach diesem Maßstab müssen wir auch das Genie bewerten. Denn sinnlose Fähigkeiten gibt es überall, welches sind aber die Fähigkeiten und Innovationen, die die Menschheit wirklich braucht? Hier lautet meine Antwort: Wir brauchen Philosophie!

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Schnelllesen – Philosophie und die Grenzen des Lesbaren (Teil 3)

7. Oktober 2011
Reading monk - Lesender Mönch in Dharamsala

Schnelllesen heißt vor allem effizien lesen (CC_Foto:Von alles-schlumpf)

Schnelllesen erscheint mir als eine sehr elitäre Veranstaltung. Offensichtlich ist dieses Bildungsgut für eine Oberschicht reserviert, die auch das nötige Kleingeld hat (12.000 Euro für einen Seminar mit unzureichender Erfolgsaussicht? Selbst Juristen haben da höhere Erfolgsaussichten während ihres Studiums). Philosophisch betrachtet ist das nicht gerecht, denn trotz meiner vorherigen Kritik Schnelllesen ist eine Technik, die höchst effektiv ist, andererseits aber wohl wenig bekannt. Mein Lösung wäre es hier Trainingsprogramme von staatlicher Seite kostengünstig bis kostenlos einzurichten . Erfolgreiche Teilnehmer verpflichten sich dann in weiteren Seminaren dieses Wissen an andere weiterzugeben, insofern sie kostenlos teilnehmen. Der komparative Vorteil für unsere Gesellschaft wäre immens.

In den letzten Beiträgen hatte ich zu diesen elitären Veranstaltungen ja noch zusätzlich angemerkt, dass die Geschwindigkeiten von 6.000 Wörter pro Minute nicht für jedwede Literatur gelten vor allem nicht für Philosophie. Unser Verstehen diktiert die Geschwindigkeit. Philosophisch betrachtet ist das Verstehen die Grenze der Welt. Bei belletristischer Literatur allerdings ist unser Verstehen oftmals unterfordert. Wir kämpfen uns vor allem durch ein Gestrüpp von Redundanz (ein Grund, warum ich das Lesen von nicht-philosophischen Romanen nie wirklich genießen konnte). Mit der amerikanischen Philosophie allerdings kommt ein Zug in die Philosophie, wobei behauptet wird, dass Texte besonders einfach sein müssten. Zu gewissen Graden stimme ich diesem Sachverhalt auch zu, wir sollten immer bestrebt sein Sachverhalte so einfach wie möglich darzustellen. In der Regel aber sind die einfachen Dinge, auch die Dinge, die jeder schon weiß. In der Folge sind die einfachen Dinge auch oftmals die langweiligen Dinge. Ohne Herausforderung geht einer durch die Ödnis der Gedanken. Mein Philosophieprofessor sagte zu uns Studenten immer, es tue ihm leid, er interessiere vorrangig für die schweren Texte. Erst diese Texte ermöglichen das Vorankommen.

Der Trend zur Einfachheit führt zu vielen Papierbergen. Philosophische Bibliotheken beispielsweise werden zu grenzenlosen Papierlandschaften. Wer sollte das alles lesen? Kim Peak, der als Autist eine enorme Geschwindigkeit beim Lesen hatte, las jeweils mit einem Auge eine Buchseite, aber selbst er schaffte es “nur” auf 10.000 Bücher in seinem Leben. Der Schlüssel zum Erfolg liegt daher nicht unbedingt in unserer Lesegeschwindigkeit, sondern in unserer Leseeffizienz. Was aber sollten wir daher lesen? Die möglichst einfache Literatur? Wo nicht mehr die Klassiker in ihrer Strukturtiefe erforscht werden, sondern immer nur wieder das dargestellt wird, was ohnehin schon klar ist, dort werden wir keine interessanten Gedanken finden. Dort werden wir uns langsamer bewegen als wir könnten.

 Was ist Redundanz?

Ich selbst konnte meine Schnelllesegeschwindigkeit auf 1000 Wörter pro Minute steigern, dies war allerdings nur für sehr redundante Literatur möglich, wo ich aus dem Zusammenhang den nächsten Schritt immer schnell erschließen konnte. Daher müsste die Angabe genauer heißen: Ich habe einen Range von ca. 30 – 1000 Wörtern pro Minute. Um das mal zu verdeutlichen: Euch ist bestimmt dieser Text bekannt:

"Nach eienr Stidue der Cmabridge Uinverstiaet, ist es eagl in wlehcer Reiehnfogle die Bchustebaen in Woeretrn vokrmomen.  Es ist nur withcig, dsas der ertse und lettze Bchusatbe an der ricthgien Stlele snid. Der Rset knan total falcsh sein und man knan es onhe Porbelme leesn. Das ist so, wiel das mneschilcge Geihrn nihct jeedn Bchustbaen liset sodnern das Wrot als gaznes."

Sehr überzeugend oder? In der Erklärung heißt es dann ganz plausibel, dass das Gehirn immer nur den ersten und letzten Buchstaben brauche, um ein Wort zu identifizieren. Nun wer das glaubt, ist einem klassischen Plausibilitätsargument aufgesessen, denn er versuche sich mal an folgendem Text:

“Der ainemglele Gtarusdnz alelr drei Aoiglnean buehrt auf der neoitgenwdn Eenhiit der Atepropeipzn, in Asnhnueg alles mcghiöeln eehipsrimcn Btsuewenißs, (der Wemnhhnaurg,) zu jdeer Zeit, fcilolgh, da jene a priroi zum Grunde lgeit, auf der stnhysihetecn Eniheit aellr Encnhsurigeen ncah irehm Vesihtsrnäle in der Zeit. Dnen die uhrnrgclspüie Azptipeerpon bziheet sich auf den ienernn Sinn (den Iebngriff alelr Vtruonengllse), und zwar a priroi auf die Form dlseebsen, d. i. das Vilärneths des meilgninaafgtn eihirspemcn Buwistßenes in der Zeit. In der uihrrpcüglsenn Apetizporepn soll nun alle deeiss Magnliantfgie, senien Zäveihetslsrntein nach, veiriegnt wrdeen; denn dseeis sagt die tnannredtalzese Eihenit dlersbeen a prorii, utenr wehlcer alels steht, was zu meneim (d. i. meienm eiineng) Ernnsistekne greeöhn slol, mtihin ein Getnesgand für mich wdeern knan. Disee scnyesthihte Eihinet in dem Zrslsnhetiieätve alelr Whhnnrueeamgn, wchlee a poirri bmmeistt ist, ist aslo das Getsez: daß alle eehpiimrscn Zimtbngimuseteen uentr Regeln der aengebn Zmnsietbteiumg stehen msesün, und die Aigaleonn der Ehrraufng, von dneen wir jetzt hleadnn weolln, messün delrgecihen Relegn sein.”

Dieser Textabschnitt zeigt Kants philosophische Behandlung der Analogien der Erfahrung und ich glaube kaum, dass ihr durch diesen Text durchgekommen seid. So viele Fremdwörter enthält er nicht, allerdings ein geringes Maß an Redundanz. Kant argumentiert philosophisch streng logisch, dies hat zumindest den Vorteil, dass sich nicht ganz so vieles wiederholt. Nun die Interpretation solcher Textabschnitte füllt selbst wieder Bände, aber nicht weil der Philosoph Kant sich unbedingt so kompliziert ausdrückte, sondern weil das Problem selbst unglaublich schwer zu fassen ist. Immerhin nimmt die “Kritik der reinen Vernunft” 700 Seiten in Anspruch. Kant selbst formulierte, dass man es ihm verzeihen möge, dass er auf Beispiele an der ein oder anderen Stelle verzichtet hätte, aber es war ihm daran gelegen, den wissenschaftlich-philosophisch erforschbaren Ansatz erstmal aufzuschreiben, damit wir dann daran weiter forschen können. Bei schwierigen Problemen müssen wir daher zunächst auch durch die Dunkelheit einer noch unfertigen Sprache. Worte müssen für diese Probleme noch erfunden werden und hier spielt sich der texteffiziente Inhalt der Philosophie ab, es geht um eine Grenzbestimmung dessen, was wir noch nicht kennen können.. 

Beim Lesen solltet ihr also effizient erkennen, was ist relevant und was ist redundant. Wer dieses schafft, ist schon ein gutes Stück weiter und spart viel Zeit. Lesegeschwindigkeit ist nicht alles, auch wenn ich es gerne in der Weise von Kim Peak oder Sean Adams könnte.

 Norman Schultz

Der Philosoph Kant für die Hand – Grenzen der Didaktik

5. Oktober 2011

Die Systematik des Philosophen Kant ist mit Sicherheit ein überkomplexes Schraubengewinde. Beim Lesen der oftmals unnötig komplex verschachtelten Sätze bleibt nicht viel in den Hirnwindungen hängen. Unter allen Philosophien empfinde ich daher die Philosophie Kants als eine der schwersten. So ist es gut, dass nun endlich auch der Philosoph Kant für die Hand erscheint.

Uns sind ja schon seit vielen Jahren sinnlose Werkzusammenstellungen wie “Rilke für Gestresste” oder “Mit Kant am Strand” bekannt. Ich habe mal unten Affiliate-Links genommen, um das darzustellen, da ich so für die Bilder keine Urheberrechtsverletzung begehe. Wenn ihr wollt, könnt ihr natürlich trotz meiner schmähenden Kritik diese kaufen ;)

Das Wortspiel verzückt jeden anderen Philosophen, den ihr am Strand trefft

Das Wortspiel verzückt jeden anderen Philosophen, den ihr am Strand trefft

Wer bitte liest bei Streß philosophische Gedanken von Rilke?

Wer bitte liest bei Streß philosophische Gedanken von Rilke?


 

 

 

 

 

 

 

 

Dies sind natürlich nicht die einzigen Bücher aus der Reihe “Wir kombinieren den Namen eines Philosophen mit einem werbewirksamen Reim“. In meiner Sammlung fehlen mir allerdings noch ”Auf einen Kaffee mit Kafka“, “Chillen mit Schiller“, “Goethe für Blöthe“, “Mit Hegel beim Segeln” und der Straßenfeger “Niemand ist so hart wie Kierkegaard“. Ihr denkt so dumm geht es nun auch nicht? Dann würde ich euch doch einen Spaziergang empfehlen, bei dem ihr mit der richtigen Musik darüber meditiert:

Ich stelle mir schon vor, wie ich mit der richtigen Musik im Wald, davon walke. Für die Marketingstrategen hätte ich da noch weitere Titel im Angebot, die ich allerdings zensieren muss, so zum Beispiel “Kxxxxx mit Khachaturijan” oder  ”Bxxxxx mit Bach”


Gut belassen wir es bei dem Brachialhumor. Dennoch Hanno Depners “Kant für die Hand” ist etwas anderes. So geht er doch an die Philosophie mit dem Anspruch, diese auch sinnlich erfahrbar zu machen. “Kant für die Hand” ist ein ausklappbarer Würfel, der das System der “Kritik der reinen Vernunft” darlegt.

Depners Werk hat dabei tatsächlich didaktische und philosophische Qualitäten. Was die philosophische Phänomenologie schon lange wusste, dass unser Denken immer aus dem Zusammenspiel von existentialer Körperlichkeit und Räumlichkeit in Bezug auf Zeithorizonte bestimmt ist, macht er hier eigens zum Thema. Eine dreistündige Bastelerfahrung soll in eine der größten Philosophien der Geschichte einleiten. Der ornamentreiche Würfelbau illustriert die Kantische Philosophie in ihrem Wunsch nach Exaktheit. Der Übergang von der Unmöglichkeit Gott zu beweisen hin zu einer Philosophie der Freiheit, stellt Depner mit zwei eigenen Kästen im ausgeklappten Würfel vor. Er kombiniert dies mit dem philosophischen Anspruch ein System abzuliefern. Dieses System findet seine Einheit in einem aufgeräumten barockschen Gebäude, das den Schnörkeln der Kantischen Philosophie aus mehr als gerecht wird und worin jedes Phänomen seinen Platz hat und zwar nach der Idee des Gebäudes selbst.

Ein Gebäude des eigenen Denkens zu errichten, das war der erste Anklang der Klassik. Die Philosophie legte ja seit Descartes immer wieder Wert auf das richtige Fundament und den funktionalen Aufbau ihrer Argumentationen in Bezug auf ein Ganzes. Das Haus der Philosophie gibt den Menschen erst dann die Möglichkeit in Freiheit zu leben, wenn sie denn das Fundament errichtet haben (der korrekte Anfang des Denkens) und nach den Gesetzen der Statik (Logik), dann dieses Gebäude auch errichten. Der Philosoph Kant als Vorläufer einer Systemphilosophie kommt in diesem Würfel also vor allem in der architektonischen Grundlage seines Hauptwerkes zur Geltung, aber seht selbst:

Die Kürze der Zeit verhinderte wohl die Präzision Depners, dennoch ist es faszinierend, wie wir in die Welt eines Philosophen vordringen, indem wir sein System plastisch darstellen.

Natürlich fragt sich der Durchschnittsbürger, warum er einen Nachmittag damit verbringen soll, Kants philosophisches System nachzubauen. Der Jahrhundertphilosoph Kant von vielen als Meilenstein der Unverständlichkeit bezeichnet, fand nicht den Weg durch didaktische Bestimmungen, so dass er heute auch als philosophischer Meilenstein verstanden ist. Der Philosoph Kant kam nie bei der Gesellschaft an, anders ist es nicht zu erklären, dass in den Wissenschaften wie der Physik immer noch geglaubt wird, das Ganze der Welt sei durch das physikalisch phänomenale Teilchen eines Teilchenbeschleunigers aufweisbar.

Ein Plädoyer für den Philosophen Kant
Kant zeigte wie kein anderer die Rätsel der Vernunft an uns selbst. Dieses Hineinfragen in die Prämissenlandschaften unseres gesamten Denkens kann schließlich auch der Würfel nicht aufzeigen, sondern nur das Philosophieren zwischen Menschen leisten. Zudem wesentlichsten Erfolg Kantischer Philosophie gehörte es wohl die transzendentale Perspektive des Ich zu entdecken. Dieser Fluchtpunkt, der nur ein transzendentales Ich übrig lässt, das im physikalischen Sinne keine empirische Realität besitzt, war eine Errungenschaft, die der alten Debatte zwischen Rationalismus und Empirismus ein philosophisches Ende setzte.

Der Philosoph Kant entdeckte hinter allen Zirkeln des Denkens und allen Verwirrungen der äußeren Sinneseindrücke die einende Kraft eines größeren Ganzen, das nur wir selbst sein können. Diese Durchgängigkeit des Ganzen wirkt mit uns und bringt überhaupt alle Gegenstände des Denkens, Innen als auch Außen, in die konzeptionelle Fassung des transzendentalen Ideals. Es mutet schwer an sich sich diesen Gedanken zu nähern und tatsächlich muss sich der Leser, um diese Fragen zu verstehen, durch einen umständlichen Apparat an kategorialen Voraussetzungen und Überlegungen zur Anschauung kämpfen. Dennoch die Einsichten in unser Selbstverständnis lohnen sich, denn am Ende kann der Leser genauer unterscheiden, welche Aussagen (gleich wo geäußert) sich auf tatsächliches Wissen berufen können. Der genuinen Frage der Philosophie, nämlich der Frage nach Wahrheit, hatte der Philosoph Kant damit bis heute seinen Stempel aufgedrückt. Ich bezweifle allerdings, dass jemals eine Einleitung oder ein Würfel dieser Philosophie in vollem Umfang gerecht werden wird, daher bleibt nur der Weg des Philosophierens. Didaktik erübrigt sich, wenn Menschen mit Verständnis Diskurse führen.

So wer bis hierher durchgehalten hat, der kann belohnt werden, so er es denn möchte. Ich verlose einmal das Sinnlosbuch “Heidegger für Barbesucher”. Also einfach einmal im Kommentar laut “HIER” schreien, insofern Interesse besteht.

Was ist Philosophie? An der Grenze zwischen Naturwissenschaft und Religion

30. September 2011
Buddha's Light

Grenzen zwischen Religion und Philosophie CC_Bild: h.koppdelaney)

Im Moment heißt es, sei es still in der Philosophie. Ein paar Kandidaten werden gehandelt, die noch geheime Lösungen auf Weltinterpretation versprechen. Brandom zum Beispiel gibt vor, zu wissen, was Welt sei. Aber kann er angesichts der ungeheuren Forschungserfolge der Naturwissenschaften noch bestehen? Sicher ist, dass die Erforschung der Welt durch die Naturwissenschaft nur das größte Ablenkungsmanöver aller Zeiten ist und es sollte uns eher interessieren, wie wir in die Welt als Welt vordringen, indem wir zu uns als eigentlicher Grenze vordringen. Nein, ich bin kein Technikfeind, aber das Wesen der Technik wird nur zu selten entborgen. Dies aber ist Philosophie, nämlich die Welt in Bezug zum Voraussetzenden zu setzen, das nur die Welt denkt und seine Einheit in der Möglichkeit aller Gegenstände des Denkens überhaupt in Gott finden kann. Wesensforschung ist Philosophie. Und alle Philosophie strebt beständig zu den unbeantworteten Fragen der Religion. In der offenen Frage, so formulierte es daher der Philosoph Heidegger, sei die Frömmigkeit des Denkens.

Die Konstruktionsphantasien der Naturwissenschaften allerdings sind heute heroischer geworden; nur dass wir nicht mehr mit Gott konkurrieren, der wird funktional einfach nicht mehr integriert. Ein plumper Atheismus weiß schon sehr genau, dass es diesen stilisierten Mann nicht gäbe und so wird die wichtigste Frage all unseres Denkens, das jedwede Form von Diskurs überhaupt möglich macht, von funktionalen Diskussionen ersetzt. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ein Transportsystem hätten, dass das ganze Universum möbliert oder überhaupt das Universum im Universum 1:1 nachbauen könnten oder einen Teilchenbeschleuniger in die Welt setzen, der so groß wäre, dass wir darin tatsächlich den Urknall nachstellten? Denken wir noch an Archimedes, der meinte, wenn ihm jemand einen Hebel gäbe, der groß genug wäre, könnte er die Welt aus den Angeln heben, so stellt sich die Frage, aber in welcher Welt wollten wir überhaupt solche gigantischen Projekte durchführen? Wir haben in der Regel zu wenig Platz oder zuwenig Welten, um die Welt kurz bei Seite zu stülpen und mal wie unter einem Sofa nachschauen, was da so drunter liegt. Die Philosophie ist hier bescheidener. Der philosophische Reisende sucht sich sein Besteck und geht das Fleischstückchen „Welt“ auf seinem Teller zivilisierter an. Öffnen wir aber den Instrumentenkoffer des Philosophen Husserl zum Beispiel und schneiden wir mit diesen Instrumenten etwas herum, so merken wir schnell, dass es sich hier nicht um chirurgisches Besteck für feine Schnitte handelt. Manchmal kommt es einem vor als würde dieser Philosoph mit Motorsägen versuchen feine Arterien zu untersuchen. Jede Kommunikation darüber wird übrigens vom groben Motorengeräusch der Sprache übertönt. Letztlich wollen wir ja, wenn wir die Welt als Ganze untersuchen, auch das Besteck eigentlich selbst untersuchen. Ein abstruses Unterfangen, aber das ist auch Philosophie. Die Welt an ihren Grenzen zu untersuchen, heißt immer schon, über sie hinauskommen zu wollen.

Was gibt uns also heute noch die Philosophie?  Das einzige Erkenntnismittel, was wir letztlich besitzen, eine fundierte Sprache mit ihren verästelten Argumentationen in den verschiedenen Diskursen: Mathematik, Physik, Psychologie und Theologie. Alle Wege laufen über die Religionsphilosophie zu allen Fragen, die wir haben hinab. Aber die Sprache ist selbst durchdrungen von gegebener Welt und deren Ausweisung mit sprachlichen Mitteln führt dann zu ähnlichen Momenten wie sich an der Zungespitze zu lecken oder mit dem Finger seinen Finger zu berühren, mit den Ohren das Hören zu hören, mit den Augen das Sehen zu sehen, das Schmecken zu schmecken, das Reisen bereisen, das Denken zu denken, schließlich das eine Wort der Sprache, das Ursprachliche zu entdecken, kurz: philosophisch überhaupt in das Unvordenkliche zu gelangen. Religionsphilosophie bleibt aufgrund der Schwierigkeit des Vorhabens noch auf lange Zeit, das erste und wichtigste Thema.

Die Arbeitsseite von Entgrenzen und meiner Philosophie

17. September 2011

Wer sich für die Erarbeitung meiner Artikel interessiert, der kann gerne auf meine tumblr-Entgrenzen-Seite gehen (www.entgrenzen.tumblr.com), wo ich regelmäßig Links zu Videos, Bildern und anderen Dinge poste, die ich in meinem Blog auf Entgrenzen in irgendeiner Weise verarbeiten will. Eine sicher interessante Zusammenstellung verschiedenster Themenbereiche ohne Grenzen und mit gefüllt mit Philosophie.

Die Arbeitsseite von Entgrenzen und meiner Philosophie

Die Arbeitsseite von Entgrenzen und meiner Philosophie

Grenzen zwischen Notwendigkeit, Zufall und Lebensschicksal (Grundbegriffe der Philosophie)

27. August 2011

Mit meiner philosophischen Darlegung zur Notwendigkeit, zum Zufall und zum Schicksal plane ich nicht das Weltenei (Abbildung unten) neu zu legen, zu schützen oder zu begründen. Ich sage nur Folgendes, um die Welt zu verstehen, sie in ihrem unaufhaltsamen Lauf zu begründen, müssen wir sie als notwendig denken. Das heißt, wir müssen die Welt immer als eine Welt annehmen, die Gesetzen folgt und damit kausal geschlossen ist (seht hierzu auch meinen Blogbeitrag zu der Vorstellung, dass das Universum die größte Kettenreaktion aller Zeiten seit dem Urknall ist).

Um aber dieses Prinzip der Notwendigkeit philosophisch zu denken und in Anwendung zu bringen, müssen wir das Gegenteil, den Zufall, zumindest in Betracht ziehen. Die strikte Notwendigkeit postulieren wir nur mit Nachdruck, wenn nicht doch auch die Möglichkeit eines Zufalls bestehen könnte. Das Dilemma erklärt sich also so, dass wir einerseits alles nach Gesetzen denken müssen, da wir es andernfalls nicht verstehen; andererseits kennen wir die Gesetze nicht und wir können Zufall für ebenso möglich halten. Wir wissen also nicht, was in Zukunft kommt und versuchen daher die Zukunft vorauszuahnen, nicht aber in der Art, dass uns ein Indianer oder Inder Visionen verkündet. Es hat gute Gründe, warum wir Nostradamüssen nicht mehr vertrauen (obwohl die Esoterik natürlich auf dem Vormarsch ist). Wir wollen Gründe haben, warum etwas in der Zukunft auch notwendig so sein soll. Die Zukunft soll nach Gesetzen entstehen.

Umgang mit dem Ungewissen (unsere Philosophie des Unbegrenzten)

Aufgrund dieser Schwierigkeiten mit unseren Gesetzen spannt sich auch eine Diskussion um den Klimawandel, ob dieser wirklich oder nicht wirklich ist. Weil die Gründe nicht mit lückenloser, logischer Konsequenz einsichtig sind, weil die Realität einfach noch zuviele Variablen offenlässt (wir können ja nichmal das Wetter für die nächsten sieben Tage sicher vorhersagen) und wir immer nur mit Gründen abschätzen, sind leicht Zweifel zu streuen. Und auch weil wir nie sicher sind, dürfen Forscher gegen alle Theorien Einwände erheben.

Jedoch relativiere ich hiermit nicht die Forschung, denn auch die Einwände müssen wohlbegründet sein. Bei diesen Einwänden müssen sich die Forscher darauf einlassen, dass die Welt notwendig zu begründen sei. Es ist ihnen nicht erlaubt, zu fragen. “Was wenn sich morgen die Welt durch Zufall in eine Nichtsblase verwandelt?” Sie argumentieren im Universum der Gründe und die Welt ist durch diese Gründe von unserem unterstellten Prinzip der Notwendigkeit begleitet. Selbst die Philosophie muss dieses Prinzip immer irgendwie in Anspruch nehmen

Triumphwagen der Welt
Philosophie des Realismus oder Philosophie des Idealismus

Entweder Menschen entscheiden sich für einen Realismus, das heißt die Welt folge notwendigen Gesetzen oder aber sie entscheiden sich für einen philosophischen Idealismus, demnach müssen wir das Prinzip der Notwendigkeit annehmen, um eine einheitliche Welt zu erzeugen, was Welt wirklich ist, wissen wir aber nicht). In beiden Fällen aber schrammen die Menschen damit tatsächlich an einem philosophischen Verständnis der Grenzen ihres Denkens vorbei, da die Frage zunächst hinsichtlich ihres Standpunktes geklärt werden müsste, so wir sie stellen wollten.

Ist der Glaube an Realismus nun aber der Glaube an Materie als letztgültiges Prinzip? Nein, denn so schreibt Nikolaus Cybinski beispielsweise: “Es gibt Zufälle, an denen sind noch die Fingerabdrücke Gottes.“ So schön dieser Aphorismus klingt, er drückt aus, dass der Zufall eben diesmal auf einen hyperphysischen Grund zurückgeführt wird, das heißt einen notwendigen Grund, der außerhalb der Welt liegt, nämlich Gott. Philosophisch betrachtet ist dies auch ein Realismus, denn der Zufall wird als Notwendigkeit gedacht. Die Gesetze existieren unabhängig vom Denken. Es mag für manche Naturwissenschaftler ernüchternd klingen, dass die Philosophie Gottvertreter auch in ihren erlauchten Club der Realisten mitaufnimmt.

Physiker sind keine Realisten, sondern betreiben nur angewandte Philosophie

Im Gegensatz dazu hat es die Physik irgendwann geschafft, unser starres Notwendigkeitsdenken abzulegen. Als sie mit der Entdeckung der Quantenphysik den Welle-Teilchen-Dualismus überwand, stellte sie die Welt nicht mehr klassisch, bestehend aus kleinen roten Bällen bestehend vor, sondern verlegte sich darauf, die Welt einfach nur zu beschreiben. Sie enthielt sich also einer so genannten metaphysischen Entscheidung. Die Quantenmechanik basiert auf der Idee einer statistischen Vorhersagbarkeit von Ereignissen, wobei kein Grund in einem bestimmten Moment ausgemacht wird. Das heißt nicht, dass es keinen Grund gibt, aber die Physik enthält sich kluger Weise einer genauen Beurteilung und dies ist Philosophie. Es kann sowohl Zufall, als auch verschleiert Notwendigkeit sein, warum sich Elektronen oder meinetwegen auch andere Teilchen so verhalten, wie sie sich verhalten, in jedem Fall aber können wir es beobachten und mittels Wahrscheinlichkeit annähernd beschreiben. Einstein missfiel diese Herangehensweise und er antwortete “Ich bin überzeugt ER würfelt nicht.” Er wollte wie unsere Aphoristiker die Welt als prinzipiell geschlossenen Notwendigkeitszusammenhang im Geiste Gottes denken. Demnach war Einstein philosophisch betrachtet Realist, also auch kein Philosoph, denn Philosophen machen keine Aussagen über das Unbegrenzbare und Sich-Entgrenzende.

Der Realismus in der Statistik (Statistik ist allein auch keine Philosophie)
Das Wahrscheinlichkeitsdenken setzt sich mittlerweile jedoch zunehmend durch. Die Instrumente der Statistik ersetzen zuverlässig die doch oft unzuverlässigen Plausibilitätsargumente. Doch auch hier kommt wieder eine unzulässige Verallgmeinerung ins Spiel. Mittlweiler schauen ganze Scharen an Hobbymathematikern mitleidig auf die armen Seelen der Glücksspielsüchtigen und Lottospieler. War früher noch Fortuna, die Göttin des Glückes, den Menschen hold, so lässt sich Glück fortan berechnen. Und Lottospielen ist ab sofort purer Nonsense. Der Realismus der Statistik ist aber auch keineswegs philosophisch und begrenzt das Denken metaphysisch.

Oh Boy, eigentlich kann ich dazu nicht viel sagen, denn ich bin der schlechteste Lottospieler der Welt. Ich habe zwar immer verschiedene Zahlen richtig, aber immer tippe ich knapp an einem Dreier vorbei. Wenn ich mich einfach nur “zusammenreißen” würde und alle verschiedenen Lose an einem Tag zu einem Richtigen Supergewinn zusammenfügen würde. Naja wenigstens kann ich durch das Lottospielen meine Traumlandschaften ausstaffieren. In dieser Welt fahre ich einen Lamborghini Diablo und feiere Partys ohne Ende. Der Statistiker rät uns saloppen Philosophen allerdings vom Lottospielen ab, denn die Wahrscheinlichkeit beträgt bei 6 Richtigen und Superzahl ganze 0,00000072%. Da ist es schon schwierig nicht eine Null zu vergessen. 1 : 132.000.000 beträgt die Chance den Jackpot zu knacken. Rausgeworfenes Geld behauptet der Statistiker. Es ist vollkommen sinnlos zu spielen, dumm sogar. Ich fragte einst, einen Mathematiker, ob er dieses auch noch vor einem Gewinner, der ein paar Milliönchen gewonnen hätte, rechtfertigen würde. Er sagte: “Natürlich”. Was mir schon sehr ungewöhnlich erschien. Ich hätte noch fragen sollen, ob er mit diesem Wissen an der Stelle des Gewinners nicht gespielt hätte. Wahrscheinlich hätte ich auch ein Ja bekommen. Hier macht jeder der behauptet Lotto zu spielen sei sinnlos, einen entscheidenden Fehler: Er vergisst die Schicksalhaftigkeit unseres Lebens. Egal wie zufällig etwas auch sein mag, für uns wird es Realität, wenn es passiert. Der Zufall des Lebens, der all unsere Philosophie der Gesetzmäßigkeit durchdringt, kann aber nicht hinreichend erklärt werden.
Die über-welt-igende Wirkung des Zufalls auf unser Schicksal wird in den statistischen Berechnungen nicht erfasst. Wenn ich in ein Flugzeug steige und Angst habe, dass es abstürzt, so habe ich nicht Angst vor dem Risiko, was tatsächlich sehr gering ist, sondern vor den Konsequenzen, nämlich dass ich sterben werde. Wenn mir die Statistik sagt, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich im zarten Alter an Magenkrebs erkranke, so ist das nicht beruhigend, wenn ich denn Magenkrebs bekomme.

Mit Sicherheit ist es daher falsch, wenn wir Gesellschaften politisch nach der Hoffnung auf das große Los lenken – hier bedarf es der Statistik der Soziologie – aber das Leben selbst verfährt anders. Für das einzelne Leben ist der unwahrscheinlichste Zufall oftmals lebensbejahend und damit gehört der nicht eingrenbare Zufall in die Grenzen des Einzelnen und seine Philosophie. Hier ein paar Beispiele, wo der Zufall leben gerettet hat oder zumindest Unglaubliches für den Einzelnen ausgelöst hat.




Unsere eigene Wirklichkeit können wir nicht nach der Gesetzlosigkeit des Zufalls verstehen. Natürlich ist es nicht notwendig, dass ich die große Liebe finde und es wäre absurd diese vorherzusagen. Umgekehrt ist es aber genauso absurd das eigene Leben nicht unter den Zeichen des Zufalls zu interpretieren. Somit gilt: Mit der Notwendigkeit erhalten wir Gesetze und verstehen die Welt, durch den Zufall aber entsteht der Spielraum für die Interpretation.

Philosophie der Notwendigkeit und des Zufalls
Die Grenze der Menschheit ist die Frage, wie sie alle ungewollten Zufälligkeiten durch die Kenntnis von der Notwendigkeit aus der Welt schaffen können. Darüberhinaus aber erfährt jeder Einzelne sein Leben unter dem überraschenden Schicksal, im Negativen wie im Positiven, das eine vereinheitlichte Sicht auf Statistik nicht erklären kann.

Können wir die Natur nach Gesetzen erfassen? Fragen nach der Komplexität eines Systems

15. Mai 2011

Wie kommt es eigentlich, dass wir die Natur überhaupt erkennen können? Es ist doch merkwürdig, dass sich für alle Naturdinge, die uns begegnen, ein Begriff (um genau zu sein, ein empirischer) finden lässt. Es ist doch auch so, wenn uns etwas begegnet, das wir noch nie gesehen haben, wir dann nicht etwa einen unbekannten Fleck sehen, sondern sogleich diesem Gegenstand die ontologischen Eigenschaften seiner Beschaffenheit überstulpen. Denken wir über Zeit oder Räume nach, so sagen wir uns, dass diese Repräsentation des Gegenstandes als etwas auf Prinzipien der Materie zurückzuführen sei. Wir gehen von einem natürlichen Dawider der Welt aus. Dieses Dawider muss aber doch durch uns auch erst in seiner Gegenspannung gesetzt sein. Ein Dawider der Welt setzt ein Dawider von uns voraus.


Das Dawider der Welt
Das gegenseitige Dawider bedeutet nur: Der Mensch passt in die Natur, wie die Natur gleichsam nur zu ihm passt. Und so schlussfolgert Kant beispielsweise ganz richtig: Weil die Natur prinzipiell immer beschreibbar und reflektierbar sei, sich diese auch als das zugrunde liegendes System unserer Urteilskraft vorstellen lasse. Die Bedingungen der Gegenstände sind daher nicht in einem außen, sondern in uns zu suchen. Das heißt, um nochmals einfacher zu sagen, überall wo der Mensch hinsieht, erkennt er die dazugedachten, abstrahierten Zusammenhänge. Die Bedingungen für die Natur können also auch in unserem Denken selbst untersucht werden. Es wäre schön, wenn die Natur aus diesen Zusammenhängen des Denkens dann tatsächlich bestehen würde. Ob dieses aber tatsächlich der Fall ist, lässt sich nicht letztgültig beweisen. Die Fibonacci-Zahlen zum Beispiel sind wohl die beeindruckensten numerischen Größen, die sich in der Welt finden lassen und ein Beweis für die zumindest partielle Harmonie der Natur mit unserem Denken, ob aber letztlich alles Zahl sei, wissen wir nicht.

Heißt das aber, dass die Natur nur nach Zahlen strukturiert wäre? Oder passt es nur sehr häufig sehr gut? Wenn wir Natur denken, dann versuchen wir sie stets reduktiv zu denken, was bedeutet, dass wir die Komplexität ihres Systems auf ein einfacheres System herunterklären wollen. Die Physik verbleibt dabei das gewünschte mathematisierte Endprodukt. Hiernach lassen sich dann alle Naturerscheinungen und auch sozialen Phänomene grundsätzlich auf die Prinzipien der Quantentheorie heruntertransformieren. Aber so einfach ist die Sache leider noch nicht.

Einwände gegen die Erfahrungswissenschaft der Physik

Wir müssen doch erstmal festhalten, dass Beobachtungswissenschaften wie die Physik induktiv arbeiten. Das heißt sie leiten aus der Beobachtung von Vergangenheit die Zukunft ab.

         Gestern ging die Sonne auf.
         Heute geht die Sonne auf.
         Also geht die Sonne morgen wieder auf.

 Anhand von beobachteter Phänomene wird die Zukunft erschlossen. Dieses schließt aber nicht aus, dass die Reihe der Phänomene einen Abbruch erleidet, aus welchen Gründen auch immer. Vereinfachen wir das mal: Wenn beim Roulette dreimal die 0 erscheint, gehen wir ja auch nicht davon aus, dass dieses wieder geschieht. Die Physik vermutet nun Kräfte, die die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung zwar erhöhen, diese Kräfte leitet sie aber immer nur anhand von beobachtbaren Phänomenen ab. Die Kräfte selbst sind nicht beobachtbar, sondern werden durch unseren Verstand hinzu gedacht, um die Phänomenabfolgen überhaupt denken zu können. Es könnte aber auch sein, dass wir es genau falsch gedacht hätten und einem Pseudozusammenhang aufgesessen sind. So wie der Roulettespieler beispielsweise glaubt ein System der Zahlen zu erkennen oder der Wünschelroutengänger sich selbst von seiner Fähigkeit überzeugt, so überzeugt sich der Physiker von der Gültigkeit seines Denkens an Erfahrungsphänomenen. Gültigkeit ist aber nicht durch eine Andemonstration von passenden Beispielen zu erreichen, sondern nur durch die Begründung des Vorgehens überhaupt. Das Vorgehen der Physik ist jedoch immer fallibel. Schauen wir uns erstmal an, wie der Wünschelroutengänger widerlegt wird. Achtet dabei bitte darauf, an was der Physiker jedoch glaubt:

Die Plausibilität verleitet uns oftmals etwas als real anzunehmen. Nur weil aber etwas schlüssig (plausibel) ist, ist es noch lange nicht wahr. Selbst wenn der Physiker hier also an ein geschlossenes Universum glaubt, weil es plausibel ist, heißt das daher nicht, dass es auch so ist. Es könnte durchaus Wünschelrutengänger geben, deren Wunderkraft nicht mit den Gesetzen der Physik erklärbar ist. Ich sage “könnte”, ich behaupte nicht, dass es diese gibt. Eines aber muss für Wünschelrutengänger gelten, wenn es sie denn gibt: Sie müssen im Experiment statistisch ihre Kräfte nachweisen können. Das aber können Wünschelrutengänger bisher nicht (genauso wie übrigens auch die Homöophatie nicht nachgewiesen ist).

Egal aber, was nun Wünschelrutengänger betrifft, bei vielen Wissenschaftler herrscht partielle Unkenntnis über den logischen Sachverhalt, dass auch sie nicht beweisen können, dass die Welt durch Gesetze bestimmt ist. Sie haben nur den entscheidenden Vorteil, dass ihre Gesetze häufig zutreffen und sind damit höher zu bewerten. Es könnte aber immer noch auch einen unverortbaren Zufall oder eben Wunder geben. Alfred Eisleben hat dieses wunderbar in seinen Reflexionen über die Natur und das Denken festgehalten.

“Ein Stein in meiner Hand fällt zu Boden und Sie sagen mir, Sie hätten es kommen sehen. Aber was wenn er nicht zu Boden gefallen wäre? Sind wir verrückt die Welt als Welt zu glauben oder ist die Welt so verrückt unserem Denken zu glauben?”

Als ich in Köln Professor Nattermann (Professor für theoretische Physik) diesbezüglich fragte, wie er Phänomene behandeln würde, die nun seinen Annahmen überraschend widersprechen würden, da sagte er, dass nach allen Beobachtungen im Mikro- und Makrobereich des Universums er die Wahrscheinlichkeit mit 0 für solche Phänomene ansetze. Aber nach welchem Gesetz setzt er diese Wahrscheinlichkeit mit 0 an? Gesunder Menschenverstand?

Da wir nur 40 Milliarden Lichtjahre des Universums sehen, was womöglich 300 Milliarden Lichtjahre groß ist und nur 15 Millliarden Jahre alt ist, kann es genauso sein, dass wir viele Phänomene noch überhaupt nicht gesehen haben. Die Physik kann keine Letztbegründung des Wissens liefern, da sie einfach bei den Phänomenen ihren Ausgang nimmt und mit dem induktiven Schlussverfahren niemals apriorische Letztbegründung erreichen kann. Das heißt natürlich nicht, dass ich eine praktische Leistungsfähigkeit der Physik ausschließe. Bisher leitet sie aus den Beobachtungen statistisch sehr treffsichere Gesetzmäßigkeiten ab, die für uns den normativen Status von Gesetzen haben und uns den Alltag technisch erleichtern. Dieses ist aber kein Beweis.

Was leistet die Philosophie?
Die Philosophie ist nun die Wissenschaft, die in die Bedingungen der Phänomene hineinfragt. Wieso könenn wir Phänomene erkennen und welche Bedingungen gehören dazu. Dadurch ist sie für die Physik die Grundlagenwissenschaft, die zugleich die Physik vor Anmaßung bewahrt. Die Philosophie fragt, ob die Gesetzmäßigkeiten auch strengen Gesetzen folgen oder ob es zum Beispiel in unserem Universum Emergenz gibt, dass heißt, gibt es mögliche Gesetze, die nicht notwendig aus unterkomplexen Gesetzen folgen müssen. Sie fragt auch hypothetisch: Wandeln sich etwa die Gesetze und zwar nicht gesetzmäßig? Sind die Gesetze zufällig? In diesem Falle wäre nämlich mit den Gesetzen der Physik überhaupt nichts erklärt als die Phänomene bei denen sie funktioniert. Das ist auch der Grundgestus einer Theorie: Sie passt genau dort, wo sie passt, so wie der Stein mit Präzision genau auf die Stelle zufliegt, an der er aufschlägt.

Emergente Phänomene und Alternativen zur Physik
Da wir nicht wissen, ob es auch Gesetze gibt, die nicht notwendig aus den Gesetzen der Quantenphysik folgen, ist es sinnvoll, Soziologie, Politikwissenschaft, Sprachwissenschaft oder andere Wissenschaften zu betreiben. Diese arbeiten zwar auch in gewisser Weise reduktiv, aber sie nehmen ihren Ausgang von einer anderen Phänomenebene. Eine Wissenschaft ist daher immer durch die jeweilige Beobachtungsebene bestimmt und es steht noch die Frage aus, ob sich alle Wissenschaften in einem großen Gesetz vereinen ließen, wonach sich alle und wirklich alle Phänomene des Universums beschreiben ließen. Die Physik setzt dies ja einfach nur voraus. Ab und an kann die Physik natürlich hilfreich zur Seite springen. Ich will hier schließlich keine Anti-Interdisziplinarität verbreiten. Angesichts aber einer komplexen Umwelt, wobei wir noch nicht mal unsere eigenen Handlungen am Finanzmarkt mit Gesetzen als vorhersagbare Phänomene beschreiben können, ist jeder Systemglaube an die Geschlossenheit des Universums erstmal fehl am Platze. Wir müssen uns eher fragen, wie wir mit der noch nicht erfassten Komplexität umgehen lernen.

Management of Complexity
Von Michael Heiss und die Frage ob Komplexität erfassbar und behandelbar ist.

Mögliche Komplexität der Umwelt

In meinen nächsten Beiträgen möchte ich daher, die Komplexität in Bezug auf Umwelthandeln darstellen. Dieses Thema ist auch der Grund, warum ich mich hier im Blog nicht zu Wort gemeldet habe. Und vielleicht auch absehbar wenig Zeit dafür zur Verfügung habe. Wie gehen wir mit der Komplexität der Umwelt um, die wir noch nicht in ein eindeutiges System einfügen können? Wobei nichts dringlicher wäre als dieses.

Ich durchforste im Moment die empirischen Weiten der soziologischen Forschung nach den Regelkreisen des gesellschaftlichen Umweltbewusstseins. Ich weiß natürlich, dass viele voraussetzen, dass wir die Umwelt schon kontrollieren könnten und uns nur noch die Technik fehle. Aber dieser Technikglaube setzt schon voraus, dass wir Umwelt verstehen. Warum das kompliziert ist, möchte ich darlegen.  Klimawandel, wie ich hier schon dargestellt habe, ist ja zum Beispiel keineswegs leicht zu erschließen. Immer wieder begegnen uns zur Debatte des Klimawandels Menschen, die mit physikalischem Rüstzeug schnell vom Gegenteil überzeugen: antropgenen Klimanwandel gibt es nicht. Daher analysiere ich im Moment, welche Bedingungen für Gesellschaften überhaupt dazugehören, um über die Umwelt (oder weiter gefasst die Natur) nachdenken zu können. Im Alltagsverstand wird Umwelt nun als sehr simpler Sachverhalt angenommen, der vor allem linear nach dem Ursache- Wirkungsmechanismus (physikalisch) funktioniere. Das kann so sein, muss aber nicht so sein. Es könnte auch sein, dass Umwelt chaotisch offenes System ist, dass nur in Sonderfällen funktioniert und in diesen Fällen Bedingung unserer technischen Welt ist. Genau in diesen Sonderfällen, wäre der Klimawandel nur eine Frage des Wirtschaftswachstums. Umwelt ist aber vorrangig komplex, denn es konnte noch nicht auf eindeutige Regelkreise reduziert werden.

Aber auch die Gutmensch-alltags-hypothese, dass die Natur sich im Gleichgewicht befände und den Menschen, der das Chaos mit sich und seiner Technik bringe, möchte ich behandeln. Diese ist nämlich ebenso voraussetzungsreich, wenn ausgesagt wird: Es gibt natürliche Gleichgewichte. Wie kann das aber geschlussfolgert werden, wenn 98% der Arten bisher ausgestorben sind? Leben ist eine kurze Erfolgsgeschichte, die auch einfach in einem Misserfolg verpuffen kann. Ich möchte nur daran erinnern, dass jede noch so große Karriere bisher zumindest mit einem Misserfolg geendet hat: dem Tod. Wo würden wir hier vom Gleichgewicht sprechen?

Ich argumentiere also weder für technische Lösungen des Umweltproblems, noch für Einsichtshandlungen des bescheidenen, umweltgerechten Lebens, sondern will zunächst nur das Problem der Umwelt überhaupt thematisieren. Ich hoffe, dass dieses den Lesern dieses Blogs mit gleicher Neugier am Herzen liegt.

Viele Grüße und wenn ihr es noch nicht habt, abonniert meinen Blog oder empfehlt mich weiter, Norman ;)

Schicksalsphilosophien von Manager – Grenzen zwischen Zufall und Notwendigkeit – (Teil Zwei)

1. Februar 2011

In einem meiner Beiträge hatte ich ja bereits über das Grenzen zwischen Zufall und Notwendigkeit im eigenen Lebensschicksal aus philosophischer Perspektive geschrieben. Wir können den Lottogewinn nicht einfach in das Reich der statistischen Unmöglichkeit verbannen, denn an uns selbst könnte sich der Zufall ja materialisieren. Insofern ist es nicht irrational auf das Beste zu hoffen, sondern Teil einer wahren Philosophie. Wie groß ist aber nun unser Beitrag dazu?

Montag:          Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.
Dienstag:        Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.
Mittwoch:      Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.
Donnerstag:  Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.

Es vergingen Jahre des Betens bis mich irgendwann eine Stimme wie aus einem jenseitigen Off anfuhr: „Dann spiel doch endlich Lotto!“

Wie also verstehen wir unser Lebensschicksal aus philosophischer Perspektive? Ist es Zufall oder Notwendigkeit, was uns zustößt und widerfährt?

Hufeland 1797

Der Faden des Schicksals - Von wem wird er abgeschnitten?

Ist der Mensch eine gewebte Textur aus den Strängen des Universums, ein Lebensfaden, der uns aus dem Unverfügbaren (unbegrenzten) uns gegeben ist? Und ist der Mensch, der wir sind, ebenso unverfügbar mit all sein vermeintlich freien Entscheidungen, die wir eben nur vermeintlich frei nennen? Sind wir also nur Beobachter unseres eigenen Lebens und wird irgendwann ohne unser Zutun der Lebensfaden einfach abgeschnitten? Dies sind Fragen, die die Philosophie schon Jahrtausende begleiten und auch deshalb, weil sie immer nur wieder in den Grenzen einer einzelnen Person für sich philosophischgelöst werden können.

Oder sind wir als Menschen, wie der Philosoph Nietzsche es formulierte, das Seil über einem Abgrund, worauf wir zugleich als Hinübergehende das eigene Leben in die eigene Hand nehmen können und unser Lebensschicksal aus eigener Kraft verwirklichen?

Wir sind doch, selbst wenn wir alle unsere Erscheinungen unseres Lebens als notwendig erachten, zu gewissen Graden in Freiheit uns selbst übergeben. Das heißt selbst wenn wir vorgeblich philosophisch an den Determinismus glauben, müssen wir uns den ganzen Tag entscheiden und wollen auch von anderen zumindest doch als freie Person behandelt werden. Wir sagen zum Beispiel dem Ober im Restaurant nicht, dass er noch warten soll, bis sich unser Gehirn entscheidet, was wir essen. Darüberhinaus aber können wir gar entscheiden, wann wir unser Leben beenden. Inwiefern dies nun deterministisch in den Genen angelegt sein sollte, ist mir ein Rätsel.

Gut, die Blicke in unsere philosophisch vorausgesetzte Seele sind uns vom Geröll unserer eigenen Begriffe verstellt. Wir können selbst nicht zuverlässig beurteilen, ob die Denkmöglichkeit unserer Freiheit auch Wirklichkeit ist. Gleichsam setzen wir diese Freiheit ständig voraus, wenn wir uns entscheiden. Vor allem, wenn wir fragen, was wir tun oder wie wir handeln sollen. Gerade hier gehen wir dann ja auch davon aus, dass es gute und schlechte Entscheider gibt. Und glauben wir nicht an diese Entscheider? Es heißt, gerade im Management käme es nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern im richtigen Moment richtig zu entscheiden. Top-Manager sind doch Top-Entscheider. Aber was ist eigentlich unsere elitäre Gemeinschaft aus Entscheidern und Bestimmern? Dieser Frage möchte ich mich im Folgenden widmen.

Top-Manager haben irgendwann ihr eigenes Leben in die Hand genommen. Sie sind Herren ihrer Grenzen. Sie sind uns überlegen, denn sie haben die richtigen Entscheidungen getroffen. Sie sind Selfmademillionäre, die immer am Limit, am Rande der Gefahr leben. Sie sind mit ihrem Risikobewusstsein der Wirklichkeit immer einen Schritt voraus. Sie leben aus dem Bauch und dominieren noch den intelligentesten Superschurken.

Aber denken wir kurz nach: Sind Manager wirklich die Besten? Wenn VW einen neuen Top-Manager sucht, wen werden sie aus dem Schwarm der Lebensschicksale herausfischen? Den Besten, so mögen wir unterstellen, denn warum sollte ein Unternehmen nicht tatsächlich den Besten auswählen?

Tatsache ist, dass erfolgreiche Manager nicht die Intelligentesten sein müssen. Schauen wir uns die verschiedenen Biografien an, so haben diese zwar oftmals eine gute Bildungskarriere hinter sich, aber sie selbst zählten zumeist nie zu den Besten (ich muss hier den Einschub machen, dass ich keine empirischen Studien kenne, dieses aber durch Falsifikation der These, dass Top-Manager zugleich die intelligentesten Erdenbewohner sind, an diversen minderwertigen ARD-Talkshows überprüft habe). Aber warum ist Intelligenz nicht wichtig? Intelligenz müsste doch eigentlich die ideale Voraussetzung sein, um ein Unternehmen zu leiten. Nehmen wir an, dass Intelligenz das Vermögen bezeichnet, die Notwendigkeit in der Welt zu erkennen und so die drohenden Folgen abzuschätzen, sogleich aus dieser Erkenntnis auch das richtige Handeln umzusetzen, so wäre dies ja eine ideale Voraussetzung für Manager. Doch wir machen hier einen ganz entscheidenden Fehler, wenn wir auch nur im Ansatz unserer Gesellschaft vertrauen, dass in diesem Sinne der Beste ausgewählt worden ist. Manager werden nämlich nach Erfolg ausgesucht. Es werden Biografien beurteilt und dieses ist der entscheidende Fehler. Eine Wissensphilosophie spielt hier keine Rolle, sondern alles wird entschieden innerhalb falscher, pragmatischer Grenzen.

Nehmen wir also an, VW angelt sich in dem Fall also den Erfolgreichsten und macht diese, indem sie seine Biografie beurteilen. Der Erfolgreichste ist derjenige, der in seiner Vergangenheit bei anderen Unternehmen gute Entscheidungen getroffen hat. Gut, heißt hier, dass die anderen Unternehmen von seiner Entscheidung maßgeblich profitiert haben. Nun ist es aber so, dass wenn wir eine Millionen Affen täglich Entscheidungen treffen lassen würden, wir irgendwann einen Affen übrig hätten, der im Lauf seiner „Karriere“ immer alles richtig gemacht hätte. Insofern könnte VW nach diesem Auswahlkriterium auch durchaus einen Affen versehentlich anstellen (Denn sie stellen ja den an, der alles richtig machte und das heißt nicht, dass er auch intelligent ist). Das Lebensschicksal anderer also als Verwirklichungsgeschichte einer eigenen überlegenen Nutzung ihrer Freiheit zu betrachten, ist ein entscheidender Fehler. Es kann nämlich auch sein, dass der tatsächlich Beste, sich nach allen Gesetzen des Verstandes immer korrekt entscheidet, aber dennoch den Zufall gegen sich hat und damit eine minderwertige Karriere verlebt. Anhand des Lebensschicksals können wir nicht über Menschen urteilen, lautet die philosophische Konsequenz.

Ich hoffe, dass dieses philosophische Argument einsichtig macht, warum wir den Managern im TV nicht vertrauen müssen, denn ihre Lebensgeschichte muss nicht Zeichen ihres Könnens sein, sondern stellt aufgrund der Vielfalt der unterschiedlichen Lebensschicksale auf diesem Planeten nur ein Ausgewähltes dar.

Noch ein Beispiel: Wir hören ähnliches über den Vorzeige-Milliardär Howard Hughes aus Amerika. Dieser habe es verstanden seinen Verstand mit einem Höchstmaß an Risikofreude zu verbinden und so aus einem bescheidenen Ölerbe ein Flug- und Medienunternehmen von Weltrang aufzubauen. Doch ich möchte zu bedenken geben, dass es durchaus möglich ist, dass es Milliarden von Howard Hughes auf dieser Welt gab, die jedoch an der Grenze ihres Lebensschicksals alle gescheitert sein mögen. Wenn es denn nur einer schaffte, sollten wir diesen als hervorragendes Beispiel für eine ganze Gesellschaft auswählen?

*lach* Hervorragend. Amerikaner lieben das Risiko, heißt es. Sie leben an der Grenze. Aber eigentlich interessieren sie sich nur für die, die das Risiko überlebt haben. Die gleiche Idiotie erleben wir bei den russischen Milliardären, die den Anarcho-Turbokapitalismus der 90er überlebt haben und nun behaupten sie wären eben die Stärksten gewesen. Dass aber aus einer Menge von vielen Millionen Russen notwendig ein paar Milliardäre übrig bleiben müssen, bedenken sie dabei nicht.

Wenn wir über die Grenzen der Menschheit aus Sicht der Philosophie nachdenken, müssen wir also die Kriterien zur Bewertung der Leistungsfähigkeit überdenken. Herausragende Biografien sind hiermit kein Schlüssel, um Menschen zu bewerten, denn in einem Universum durchzogen von undurchdringbarer Zufälligkeit (ob nun nur scheinbar oder wirklich) muss es notwendig herausragende Biographien geben.

Dank an alle, die mich bereits unterstützt haben.

Norman Schultz

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