Archiv fü Kategorie Grenzen der Wahrheit

Die verlorene Wahrheit – Von der Wertlosigkeit der Philosophie

7. Dezember 2016
Nicholas Rescher 2

Rescher, eine lebende Enzyclopädie, picture By Rescherpa (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


Ich hatte heute eine Unterhaltung mit Nicholas Rescher. Der Mann hat seine hundert Bücher und Tausende von Artikeln veröffentlicht. Hat zu dem ein Arsenal an Ehrendoktorwürden (9). Wäre ich er, würde ich darauf bestehen, dass jeder, der mit mir spricht, diese Dr.Titel nennt und falls nicht, würde ich so tun, als hörte ich ihn nicht.

Wie dem auch sei. Die Epistemologie, Reschers Hauptbetätitigungsfeld, die Lehre vom Wissen, ist derweil ein wenig in Verruf gerraten und viele behaupten wir bräuchten diese nicht mehr. Rescher ist nun einer der wenigen, die glauben, dass wir noch die Ausarbeitung einer Epistemologie bewirken müssten und stellt hierzu die These auf, dass es noch koheränter Systeme bedarf.

Ich habe ihn ausgiebig zu einer Epistemologie und ihrer sozialen Relevanz befragt. Ich zweifle zum Beispiel stark daran, dass uns eine bessere Theorie von Dreiecken eine bessere Politik beschert. Ich glaube im Gegensatz, dass das Gute jeder Theorie vorausgesetzt sein muss.

Reschers Buch zur Epistemologie ist eine Zusammenfassung aller epistemologischen Probleme unter der Idee dass wir keine repräsentationalistischen Wahrheitstheorien bedürfen, sondern Koheränzsysteme. Natürlich schreibt der Mann im analytischen Feld (was auch seine erste Frage war, ob ich denn auch analytisch geschult sei). Dennoch ist Rescher im kontinentalen Bereich unglaublich belesen und auf den Hinweis, dass er sich ja auf Leibniz beziehe, antwortete er nur, dass dieser immer noch sein großer Held wäre. Das Buch zur Epistemologie ist Beitrag zur Philosophie und Lehrbuch zugleich:

Was sonst?

Ich habe soviel an Cybermonday nach Thanks Giving gekauft. Nach 6 Jahren kann ich sagen, dass Thanks Giving der wichtigste, amerikanische Feiertag ist, weil hier alle Familien zusammen kommen. Weihnachten wir nicht von allen gefeiert und selbst Christen fliegen eher an Thanks Givin als an Weihnachten nach Hause. Ich habe endlich einen neuen PC, so dass ich meine Fotographie endlich wieder schneller bearbeiten kann. Ich habe mich für ein Mittelklassemodell entschieden und fahre damit wirklich, wirklich gut. Ich denke nach langen Recherchen, dass das wirklich das beste Preisleistungsverhältnis ist:

DSC_0107

Ich suche übrigens auch fake Converse-Schuhe. Ich will hier nicht 50 Dollar für die ausgeben.


Zur gegenwärtigen Bedeutung der Philosophie 

Im folgenden Artikel geht es eben darum, dass die Philosophie ihre epistemologische Zentralfunktion verloren hat.

Kernthese des verlinkten Artikels:

Philosophie wurde gereinigt und zu einer Wissenschaft unter vielen. Damit ist die Philosophie keine Tugend mehr und der Philosoph ein Durchschnittsdetlef, der sich wie ein fauler Beamter in Archiven ein Biotop aus abzuarbeitenden Büchern errichtet hat und in der Zwischenzeit auf einen Monitor starrt.

Bewertung:

Simple Darstellung historischer Zusammenhänge innerhalb der Philosophie. Der Artikel hat beinahe Precht-Niveau. Die historische Transformation der Tugendphilosophie in das Archivars- und Verwaltungsleben ist leider nur allgemein dargestellt. Der Artikel verpasst es, einen reflektierten Standpunkt zu erreichen, das heißt auf die eigenen Voraussetzungen der eigenen historischen Position einzugehen oder interessante Beobachtungen einzustreuen.

Zusammenfassung:

Philosophie wurde insitutionalisiert und damit “gereinigt”. Der Artikel verortet die Abspaltung der Philosophie um 1870. Die Naturwissenschaften  ebenso wie die Sozialwissenschaften werden zu eigenständigen Wissenschaften entwickelt, die sich nicht mehr vor der Philosophie verantworten müssen. Unter dem Druck der Abspaltung muss sich die Philosophie als eigene Wissenschaft rechtfertigen (dies wird als Demarkation bezeichnet). Unter der Neuausrichtung bleiben verschiedene Betätigungsfelder:

  1. Synthese verschiedener Erkenntnisse aus Regionaldisziplinen
  2. Entwicklung des formalen Grundvokabulars (Logik)
  3. Übersetzung von Erkenntnissen für die Gesellschaft
  4. Disziplinspezialisten
  5. Kombination aller

Nach dem Artikel hätte Philosophie niemals gereinigt werden sollen, denn mit dem Fokus auf Wissensproduktion wurde die Philosophie ebenfalls von der Tugend abgegespalten.

“The individual scientist is no different from the average Joe; he or she has, as Shapin has written, “no special authority to pronounce on what ought to be done.” For many, science became a paycheck, and the scientist became a “de-moralized” tool enlisted in the service of power, bureaucracy and commerce.

Philosophie ist zu einem Gehaltsscheck geworden, einem Beruf unter vielen. In diesem Sinne ketten sich Philosophen an ihre Computer und produzieren angeblich wissenschaftliche Artikel, die von ihren peers bewertet werden.

“Today, a hyperactive productivist churn of scholarship keeps philosophers chained to their computers.”

Ich stimme damit überein, dass die Philosophie unnötig, verwissenschaftlicht worden ist, denke aber dass die Reduktion auf den Wahrheitsgehalt problematisch ist. Ich glaube ich habe zuviel Rorty gelesen und kann nur mit einem Zitat von Tom Rockmore zur Relevanz der Theorie enden. Für ihn sind Platon, Kant und Husserl Verteidiger, dass wir nur praktisch handeln können, wenn wir eine gesicherte Wissenschaft haben, während Aristoteles, Hegel und Marx der Praxis den Vorrang geben:

“On the one hand, there are those, such as Plato, Kant, Husserl and even Whitehead […] on the other hand there are those, such as Aristotle, Hegel, and Marx, who are concerned to limit, or even to reject, some claims for the relevance of reason.” (Rockmore, Tom Habermas on Historical Materialism 1989:173)

Sonnenuntergang Winter

Mein Philosophie-Projekt neight sich dem Ende entgegen, sohwohl Dr.-Arbeit als auch die Beschäftigung mit Epistemologie.

 

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Grenzen zwischen Notwendigkeit, Zufall und Lebensschicksal (Grundbegriffe der Philosophie)

27. August 2011

Mit meiner philosophischen Darlegung zur Notwendigkeit, zum Zufall und zum Schicksal plane ich nicht das Weltenei (Abbildung unten) neu zu legen, zu schützen oder zu begründen. Ich sage nur Folgendes, um die Welt zu verstehen, sie in ihrem unaufhaltsamen Lauf zu begründen, müssen wir sie als notwendig denken. Das heißt, wir müssen die Welt immer als eine Welt annehmen, die Gesetzen folgt und damit kausal geschlossen ist (seht hierzu auch meinen Blogbeitrag zu der Vorstellung, dass das Universum die größte Kettenreaktion aller Zeiten seit dem Urknall ist).

Um aber dieses Prinzip der Notwendigkeit philosophisch zu denken und in Anwendung zu bringen, müssen wir das Gegenteil, den Zufall, zumindest in Betracht ziehen. Die strikte Notwendigkeit postulieren wir nur mit Nachdruck, wenn nicht doch auch die Möglichkeit eines Zufalls bestehen könnte. Das Dilemma erklärt sich also so, dass wir einerseits alles nach Gesetzen denken müssen, da wir es andernfalls nicht verstehen; andererseits kennen wir die Gesetze nicht und wir können Zufall für ebenso möglich halten. Wir wissen also nicht, was in Zukunft kommt und versuchen daher die Zukunft vorauszuahnen, nicht aber in der Art, dass uns ein Indianer oder Inder Visionen verkündet. Es hat gute Gründe, warum wir Nostradamüssen nicht mehr vertrauen (obwohl die Esoterik natürlich auf dem Vormarsch ist). Wir wollen Gründe haben, warum etwas in der Zukunft auch notwendig so sein soll. Die Zukunft soll nach Gesetzen entstehen.

Umgang mit dem Ungewissen (unsere Philosophie des Unbegrenzten)

Aufgrund dieser Schwierigkeiten mit unseren Gesetzen spannt sich auch eine Diskussion um den Klimawandel, ob dieser wirklich oder nicht wirklich ist. Weil die Gründe nicht mit lückenloser, logischer Konsequenz einsichtig sind, weil die Realität einfach noch zuviele Variablen offenlässt (wir können ja nichmal das Wetter für die nächsten sieben Tage sicher vorhersagen) und wir immer nur mit Gründen abschätzen, sind leicht Zweifel zu streuen. Und auch weil wir nie sicher sind, dürfen Forscher gegen alle Theorien Einwände erheben.

Jedoch relativiere ich hiermit nicht die Forschung, denn auch die Einwände müssen wohlbegründet sein. Bei diesen Einwänden müssen sich die Forscher darauf einlassen, dass die Welt notwendig zu begründen sei. Es ist ihnen nicht erlaubt, zu fragen. “Was wenn sich morgen die Welt durch Zufall in eine Nichtsblase verwandelt?” Sie argumentieren im Universum der Gründe und die Welt ist durch diese Gründe von unserem unterstellten Prinzip der Notwendigkeit begleitet. Selbst die Philosophie muss dieses Prinzip immer irgendwie in Anspruch nehmen

Triumphwagen der Welt
Philosophie des Realismus oder Philosophie des Idealismus

Entweder Menschen entscheiden sich für einen Realismus, das heißt die Welt folge notwendigen Gesetzen oder aber sie entscheiden sich für einen philosophischen Idealismus, demnach müssen wir das Prinzip der Notwendigkeit annehmen, um eine einheitliche Welt zu erzeugen, was Welt wirklich ist, wissen wir aber nicht). In beiden Fällen aber schrammen die Menschen damit tatsächlich an einem philosophischen Verständnis der Grenzen ihres Denkens vorbei, da die Frage zunächst hinsichtlich ihres Standpunktes geklärt werden müsste, so wir sie stellen wollten.

Ist der Glaube an Realismus nun aber der Glaube an Materie als letztgültiges Prinzip? Nein, denn so schreibt Nikolaus Cybinski beispielsweise: “Es gibt Zufälle, an denen sind noch die Fingerabdrücke Gottes.“ So schön dieser Aphorismus klingt, er drückt aus, dass der Zufall eben diesmal auf einen hyperphysischen Grund zurückgeführt wird, das heißt einen notwendigen Grund, der außerhalb der Welt liegt, nämlich Gott. Philosophisch betrachtet ist dies auch ein Realismus, denn der Zufall wird als Notwendigkeit gedacht. Die Gesetze existieren unabhängig vom Denken. Es mag für manche Naturwissenschaftler ernüchternd klingen, dass die Philosophie Gottvertreter auch in ihren erlauchten Club der Realisten mitaufnimmt.

Physiker sind keine Realisten, sondern betreiben nur angewandte Philosophie

Im Gegensatz dazu hat es die Physik irgendwann geschafft, unser starres Notwendigkeitsdenken abzulegen. Als sie mit der Entdeckung der Quantenphysik den Welle-Teilchen-Dualismus überwand, stellte sie die Welt nicht mehr klassisch, bestehend aus kleinen roten Bällen bestehend vor, sondern verlegte sich darauf, die Welt einfach nur zu beschreiben. Sie enthielt sich also einer so genannten metaphysischen Entscheidung. Die Quantenmechanik basiert auf der Idee einer statistischen Vorhersagbarkeit von Ereignissen, wobei kein Grund in einem bestimmten Moment ausgemacht wird. Das heißt nicht, dass es keinen Grund gibt, aber die Physik enthält sich kluger Weise einer genauen Beurteilung und dies ist Philosophie. Es kann sowohl Zufall, als auch verschleiert Notwendigkeit sein, warum sich Elektronen oder meinetwegen auch andere Teilchen so verhalten, wie sie sich verhalten, in jedem Fall aber können wir es beobachten und mittels Wahrscheinlichkeit annähernd beschreiben. Einstein missfiel diese Herangehensweise und er antwortete “Ich bin überzeugt ER würfelt nicht.” Er wollte wie unsere Aphoristiker die Welt als prinzipiell geschlossenen Notwendigkeitszusammenhang im Geiste Gottes denken. Demnach war Einstein philosophisch betrachtet Realist, also auch kein Philosoph, denn Philosophen machen keine Aussagen über das Unbegrenzbare und Sich-Entgrenzende.

Der Realismus in der Statistik (Statistik ist allein auch keine Philosophie)
Das Wahrscheinlichkeitsdenken setzt sich mittlerweile jedoch zunehmend durch. Die Instrumente der Statistik ersetzen zuverlässig die doch oft unzuverlässigen Plausibilitätsargumente. Doch auch hier kommt wieder eine unzulässige Verallgmeinerung ins Spiel. Mittlweiler schauen ganze Scharen an Hobbymathematikern mitleidig auf die armen Seelen der Glücksspielsüchtigen und Lottospieler. War früher noch Fortuna, die Göttin des Glückes, den Menschen hold, so lässt sich Glück fortan berechnen. Und Lottospielen ist ab sofort purer Nonsense. Der Realismus der Statistik ist aber auch keineswegs philosophisch und begrenzt das Denken metaphysisch.

Oh Boy, eigentlich kann ich dazu nicht viel sagen, denn ich bin der schlechteste Lottospieler der Welt. Ich habe zwar immer verschiedene Zahlen richtig, aber immer tippe ich knapp an einem Dreier vorbei. Wenn ich mich einfach nur “zusammenreißen” würde und alle verschiedenen Lose an einem Tag zu einem Richtigen Supergewinn zusammenfügen würde. Naja wenigstens kann ich durch das Lottospielen meine Traumlandschaften ausstaffieren. In dieser Welt fahre ich einen Lamborghini Diablo und feiere Partys ohne Ende. Der Statistiker rät uns saloppen Philosophen allerdings vom Lottospielen ab, denn die Wahrscheinlichkeit beträgt bei 6 Richtigen und Superzahl ganze 0,00000072%. Da ist es schon schwierig nicht eine Null zu vergessen. 1 : 132.000.000 beträgt die Chance den Jackpot zu knacken. Rausgeworfenes Geld behauptet der Statistiker. Es ist vollkommen sinnlos zu spielen, dumm sogar. Ich fragte einst, einen Mathematiker, ob er dieses auch noch vor einem Gewinner, der ein paar Milliönchen gewonnen hätte, rechtfertigen würde. Er sagte: “Natürlich”. Was mir schon sehr ungewöhnlich erschien. Ich hätte noch fragen sollen, ob er mit diesem Wissen an der Stelle des Gewinners nicht gespielt hätte. Wahrscheinlich hätte ich auch ein Ja bekommen. Hier macht jeder der behauptet Lotto zu spielen sei sinnlos, einen entscheidenden Fehler: Er vergisst die Schicksalhaftigkeit unseres Lebens. Egal wie zufällig etwas auch sein mag, für uns wird es Realität, wenn es passiert. Der Zufall des Lebens, der all unsere Philosophie der Gesetzmäßigkeit durchdringt, kann aber nicht hinreichend erklärt werden.
Die über-welt-igende Wirkung des Zufalls auf unser Schicksal wird in den statistischen Berechnungen nicht erfasst. Wenn ich in ein Flugzeug steige und Angst habe, dass es abstürzt, so habe ich nicht Angst vor dem Risiko, was tatsächlich sehr gering ist, sondern vor den Konsequenzen, nämlich dass ich sterben werde. Wenn mir die Statistik sagt, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich im zarten Alter an Magenkrebs erkranke, so ist das nicht beruhigend, wenn ich denn Magenkrebs bekomme.

Mit Sicherheit ist es daher falsch, wenn wir Gesellschaften politisch nach der Hoffnung auf das große Los lenken – hier bedarf es der Statistik der Soziologie – aber das Leben selbst verfährt anders. Für das einzelne Leben ist der unwahrscheinlichste Zufall oftmals lebensbejahend und damit gehört der nicht eingrenbare Zufall in die Grenzen des Einzelnen und seine Philosophie. Hier ein paar Beispiele, wo der Zufall leben gerettet hat oder zumindest Unglaubliches für den Einzelnen ausgelöst hat.




Unsere eigene Wirklichkeit können wir nicht nach der Gesetzlosigkeit des Zufalls verstehen. Natürlich ist es nicht notwendig, dass ich die große Liebe finde und es wäre absurd diese vorherzusagen. Umgekehrt ist es aber genauso absurd das eigene Leben nicht unter den Zeichen des Zufalls zu interpretieren. Somit gilt: Mit der Notwendigkeit erhalten wir Gesetze und verstehen die Welt, durch den Zufall aber entsteht der Spielraum für die Interpretation.

Philosophie der Notwendigkeit und des Zufalls
Die Grenze der Menschheit ist die Frage, wie sie alle ungewollten Zufälligkeiten durch die Kenntnis von der Notwendigkeit aus der Welt schaffen können. Darüberhinaus aber erfährt jeder Einzelne sein Leben unter dem überraschenden Schicksal, im Negativen wie im Positiven, das eine vereinheitlichte Sicht auf Statistik nicht erklären kann.

Über die Grenzen unserer Sinne hinwegsehen – Kleine Sehschule der Philosophie (Teil2)

21. August 2011
Focus of Attention

Sehen - eine entgrenzbare Grenze (Foto: h.koppdelaney)

In meinem ersten Artikel über die Grenzen unseres Sehens hatte ich ja bereits dargestellt, dass die Welt nicht aus Bildern besteht. Dies ist ein Aberglaube, der sich aus Sicht der Philosophie nicht halten lässt. Die Welt ist keine Fotostrecke, die unser Gehirn als Digitalkamera fotografiert und in einem Kasten abheftet. Vielmehr ist jedes Bild eine beständige Erzeugungsleistung unseres Denkens. Das Bild wäre ein zu begrenzter Gedanke. So ist eine Rose nicht ein Bild, sondern das Ganze ihres Seins.

In ähnlicher alltäglicher Ablehnung behandeln wir wiederum die Behinderung. Wir glauben oftmals, dass die Fülle und Unbegrenztheit des Seins nur aus der Vollständigkeit der Sinne ableitbar wäre. Taubblinde Menschen lehren uns daher den philosophischen Wert unserer Gedanken. Sie lehren uns Entgrenzen. Wie ich bereits in einem anderen Artikel darlegte, gibt es unter Menschen eigentlich keine Behinderungen, sondern nur angebliche Normalitätsgrade. Im philosophischen Denken sind die angeblich “Begrenzteren” näher an der Philosophie, weil sie bereits die wesentlichen Kulissenwelten der eigenen Körperlichkeit oder auch der eigenen Sinne in Auseinandersetzung mit den angeblich Normalen umgehen müssen.

So gibt es für uns “Normale” Unglaubliches, Beeindruckendes, Faszinierendes, weil es Menschen gibt, die zum Beispiel ohne unsere Alltagsideologie des bildhaften Seins existieren können. Ich meine Blinde und spreche zum Beispiel vom Fledermausmann:

Okay, Verzeihung! Ein kleiner Witz meinerseits, aber auch schon ein Verweis auf den Superheldenbeitrag, den ich bald schreiben werde (eine Vorsuperheldenstimmung macht sich breit). Hier also der richtige Fledermausmann:

Trotz Blindheit kann er also Radfahren und sich orientieren. Das Echolotverfahren erlaubt dabei ähnlich wie bei der Fledermaus eine Abbildung des Raumes. Aus dem Gegegenen wird durch ein wie auch immer geartetes “Denken” (aktiv oder passiv) ein Bild erzeugt.

Sehen heißt Denken

Wie können wir uns das also bei einem Blinden vorstellen? Wir könnten auch in Anspielung auf Nagels philosophischen Aufsatz „What is like to be a bat?“ fragen: „How is it to be like a Batman?“ Diese philosophische Frage des Blinden allerdings können wir leichter beantworten als die Fledermausfrage, da wir hier noch innerhalb der Grenzen der menschlichen Natur sind.

Blinde sind noch erforschbar: Es gibt zum Beispiel Fälle, wo Menschen vermittels technischer Apparaturen Geräusche auf die Ohren gespielt bekommen, wobei die Geräusche durch unterschiedliche Lautstärken das Umfeld abbilden sollen. Diese Blinden berichten nach einiger Zeit der Anwendung von ähnlichen Eindrücken, wie sie diese früher beim Sehen empfunden hatten. Andere Apparaturen übertragen die Reize auf die Zunge und erzeugen ebenso “Bilder” im Kopf oder zumindest, was wir in der Regel für Bilder halten. Sehen entspricht nämlich , so viel können wir nach diesen Experimenten sagen, nicht einfach nur einer sensitiven Reizung von Auftrittsflächen, was Evidenzen erzeugt, sondern das, was Sehen ist, ist eine innere Rekonstruktion, die wir vielleicht nicht aktiv mit vollziehen, die aber doch, ganz Kantisch gedacht, in uns erzeugt wird. Sehen ist demnach eine Art von Denken.

Was heißt Sehen philosophisch?

Wenn wir nun fragen, wie wir hier eigentlich Sehen erzeugen, so würde eine Kantische Antwort so ausfallen: Wir reproduzieren das Gegebene nach Aufnahme wieder und wieder, erkennen es im Begriff und haben so eine klare Verknüpfung, die als Gegenstand immer schon in der Welt ist. Was uns Kant hier in einer doch strengeren Deduktion zeigt, ist eine tiefgehende Einheit zwischen gegebener Wirklichkeit und Sprache, anders gesagt, zwischen so genannten Bildern und Sprache. Diese Unauflösligkeit ist mit Sicherheit eine Grenze der Philosophie kann aber in einer letzten transzendentalen Wendung wenigstens angedacht werden. Das heißt (um zu unserem Rosenbeispiel zurückzukommen) wir verstehen die Rose nicht unmittelbar, sondern nur so, wie wir sie als Gegenstand erzeugen. Die Rose ist kein Bild. In diesem Fall lehrt uns die Erfahrung, die ja keineswegs ein Bild ist, dass eine Rose, entsteht, wird, vergeht und stirbt. Wir verknüpfen. Das Sehen ist also als inneres Sehen ein Verstehen, das uns immer begleitet und ohne das wir nicht sein können. Aus diesem Grund verstehen auch Blinde zu gut, was Sehen heißt. Sehen heißt Denken.

Die Blindheit ist vorbei, sobald wir erkennen, dass Blinde als Menschen nicht wirklich blind sind.

Ein Blinder, der sehen kann

Ziehen wir hierzu noch das viel beeindruckendere Beispiel heran: Er kann Videospiele spielen, Skaten, Gegenstande ausfindig machen, Objekte klassifizieren. Er unterscheidet sich kaum von Sehenden.

Was ist Philosophie?

Wir müssen die Grenze des Sehens ausweiten und nach dem wirklichen Sehen forschen und nachphilosophieren. Nein, ich will hier nicht propagieren, dass wir in uns selbst zurückgehen müssen, aber doch soviel sagen, dass wir mit dem Glauben an die Sinne die Problematik der Sinnlichkeit noch gar nicht berühren. Diese vorliegenden Geschichten lehren uns daher zunächst eines: Wir müssen über unsere physischen Grenzen hinaus denken und zu den tatsächlichen Erzeugungsleistungen unserer Vernunft einkehren. Es geht nicht um Sinne, sondern um Sinnlichkeit und schließlich um Sinnhaftigkeit. Die bildlichen Grenzen eines Körper sind daher niemals Grenzen seiner Bedeutung. Und so ist auch der Mensch als bildlich gedachte Natur nicht in seiner Bedeutung erfasst. Die gegebene menschliche Natur ist immer eine Herausforderung, das Unmögliche möglicher zu machen und das heißt sich überwinden, verwinden und sich selbst ständig als sich Erneuernder zu begreifen. Dieses aber geschieht in einer Aneignung der eigenen Grenzen – dies aber ist die höchste Form der Philosophie und mit diesem Artikel beginnen wir erst die kleine Sehschule. Physische Blindheit oder gar Taub-blindheit ist hierbei keine Grenze mehr. Philosophieren kann daher jeder.

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Norman Schultz

Grenzen zwischen Zufall und Notwendigkeit und die Philosophie

8. Januar 2011

http://www.youtube.com/embed/wrsrMTJWmoA

Es gibt Dinge, die nennen wir “Zufall” und in der Regel drückt dieses Wort eine Gegebenheit aus, die wir nicht erklären können oder zumindest noch nicht erklären können. Wir meinen damit aber zwei Sachverhalte. Zum Einen meinen wir, wenn etwas auch hätte anders passieren können und wir unter keinen Umständen eine wissenschaftliche Vorhersage des Ereignisses hätten treffen können. Zum Anderen meinen wir, dass wir etwas noch nicht erklären können, da wir annehmen, dass es für alles einen rationalen Grund geben muss, sei es ein physischer Grund (die Welt) oder ein hyperphysischer Grund (Gott). Vor diesem doch philosophischen Grund stehen auch die Aphoristiker Schlange, nur um uns zu erklären, dass der Zufall ja eigentlich eine noch nicht erkannte Notwendigkeit sei.

Aphorismen zum Zufall und zur Notwendigkeit

So formuliert Marie von Ebner-Eschenbach, eine österreichische Schriftstellerin Zufall sei, “die in Schleier gehüllte Notwendigkeit.” Ambrose Bierce weiß es noch genauer und ergänzt, Zufall sei “ein unvermeidliches Ereignis, das auf unveränderlichen Naturgesetzen beruht”. Und auch ein Philosoph wie Voltaire meldet sich zu Wort und schreibt: “Zufall ist ein Wort ohne Sinn; nichts kann ohne Ursache existieren.“ Eines haben alle Aphorismen gemeinsam: Sie sind alle mehr oder weniger falsch. Gut, das ist etwas hart formuliert, doch alle behaupten, dass der Zufall immer durch eine wie auch immer geartete Naturnotwendigkeit erklärbar wäre. Das philosophische Problem aber an der Sache ist doch: Woher weiß ich, dass ein mir begegnendes Phänomen tatsächlich von einer kausalen Ursache abgeleitet werden kann, also, dass Zufall tatsächlich einen Grund hat?

Das Wissen über den Zufall (ein Problem der Philosophie)

Nun ich weiß, dass etwas kein Zufall ist, wenn ich die Ursache kenne. Wenn ich aber die Ursache kenne, dann macht es keinen Sinn mehr überhaupt von Zufall zu sprechen, denn dann ist es Notwendigkeit. Ich kann daher nicht entscheiden, ob die Phänomene, die ich als zufällig einschätze, tatsächlich zufällig sind oder aber einer höheren Notwendigkeit folgten. Alle unsere philosophischen Aphoristiker hier ignorieren also, dass sie angesichts einer anscheinend unerschöpflichen Welt in Verlegenheit geraten sind und nun meinen sie erkennen es noch nicht, aber es sei dennoch Notwendigkeit. Statt diese Verlegenheit einzugestehen, wollen sie die Welt nach nur einem Gesetz denken, nämlich diesem: Alles was ist, hat einen notwendigen und hinreichenden Grund. Der berühmte Satz vom Grunde der Philosophie also, der uns als vierter Grundsatz der Logik über den Weg läuft. Im Gegensatz zu den ersten drei Sätzen der Logik hat dieser einen besonderen Status. Der Satz vom Grunde ist nämlich ein halb logischer und halb empirischer Satz. Oh ja, während wir die ersten 3 Sätze der Logik aus einem hermetisch gegen die Welt verschlossenen Hirn heraus denken können und so zum Beispiel alle Sätze der Mathematik, ohne die Welt zu kennen, in diesem Hirn, bewaffnet mit den 3 logischen Sätzen, zu Stande bringen können, so denken wir im Gegensatz mit dem Satz vom Grunde auch immer schon die Welt. Und mehr noch, wir brauchen diesen Satz um Welt überhaupt zu denken und vorzustellen. Achja ich weiß, das mag für den ein oder anderen jetzt philosophisch zu kompliziert werden, aber einer stelle sich doch eine Welt vor, die eben nicht nach dem Satz vom Grunde geschehe, also eine Welt, in der nichts Ursache von etwas wäre, aber alles dennoch irgendwie ist.

Chaos-Goeree

Die Grenzen der Ordnung und die philosophische Vorstellung vom Chaos

Eine Welt ohne Gründe also: Wir müssten uns ein Chaos denken, was also keiner grundhaften Ordnung entsprechen dürfte. Keine Unordnung würde diese Szenerie zum Ausdruck bringen, denn die Unordnung der weltlichen Dinge ist auch eine Ordnung. Alles Seiende ist schon ein Zuviel, wenn Chaos vorgestellt werden soll. Versuchen Sie doch lieber Leser, sich drei Farben vorzulegen und diese so chaotisch wie möglich anzuordnen. Und jedes Kind wird sofort sagen, dass sie aber ein schönes Muster produziert hätten. Die obige Darstellung versucht deswegen, mit der Vorstellung einer Nichtsblase zu operieren, aber auch da kommt der Verstand an seine Grenzen und muss, um den Gegenstand überhaupt behaupten zu können, wieder seine Ordnungsmuskeln spielen lassen: Das chaotische Nichts ist doch so noch gebannt in einer Kugel, die über einer Welt der Verwüstung schwebt. Nichts ist noch weniger als der kleinste Gedanke vom Nichts, den wir denken können. Verstand, Vorstellung, alles zuviel. Selbst die Philosophie kann hier nicht weiterhelfen.
Die Jahreszeiten, die Chronos mit dem Glück ihrer Geburt für seine gestiftete Ordnung huldigen
Die Jahreszeiten, die Chronos mit dem Glück ihrer Geburt für seine gestiftete Ordnung huldigen

Der philosophische Blick auf das Chaos

Dennoch sehen wir: Chaos ist dem Verstand doch im Mindesten Nichts und aus diesem Nichts-Chaos, Urknall sei dank, entsteht so etwas wie Ordnung. Diese Ordnung aber lässt als unhintergehbares Prinzip keine noch so philosophische Vorstellungen von einem Davor vom Chaos zu. Wir leben im goldenen Zeitalter der Ordnung, wo wir mit dem Verstand alle Zufälle zu ihrer Notwendigkeit bringen wollen und müssen, wenn wir die Welt nur begreifen wollen und nicht selbst in Phantasmen leben wollen. Doch wieso haben wir dann doch eine Idee vom Chaos? Schauen wir mit dem Blick der Philosophie in die Mythologie. Das Chaos verwirkte sich, um doch irgendwie zu sein und brachte Chronos hervor, der fortan den Dingen ihren “chrono-logischen” Lauf gab (Bild oben von Bartolomeo Altomonte cc_by_sa 2.0 Quelle: wikicommons). Diese Reste des Chaos, welches nun erst in der Ordnung ist, sind noch in uns, wenn wir denn philosophisch hinter die Ordnung der Dinge zurückfragen. Was war denn vor der Erde? Was war vor dem Sonnensystem? Was war vor der Galaxis? Was war vor dem Universum? Was war vor der Zeit? Was war vor dem Urknall? Der Verstand und sein “chronisches” Denken schickt uns stets einen Grund weiter in den Ab-Grund der Unendlichkeit. Ohne Beginn befinden wir uns mit einem Schlage in den unendlichen Weiten einer Ordnung. Doch dann fragen wir: Was war vor der Ordnung? Und auch, wenn wir keine Antwort haben, so ahnen wir, dass es selbst nicht Ordnung war. Die Ordnung kann sich als Prinzip nicht selbst ordnen, begründen. Und so begreifen wir die Welt, wir tragen Sie mit unserer Logik, können aber den Grund der Logik selbst nicht in dieser Logik sehen. Und nun wissen wir nicht mehr: Denkt denn nur unser Verstand die Erscheinungen der Welt als notwendig aneinander gereiht und sind sie tatsächlich einfach nur Zufall oder sind die Erscheinungen der Welt wirklich notwendig? Da wir aber die Erscheinungen, so wie wir sie denken, all zu oft unkritisch als wirklich annehmen, stoßen sich nur wenige Philosophen an dieser Frage. Ich will es nochmal so formulieren: Es könnte doch auch sein, dass alle als notwendig-gedachten Phänomene in Wirklichkeit nur die Abfolge des Zufalls wären und so kommen wir zu dem umgekehrten Ergebnis, nämlich nicht “Der Zufall ist die in Schleier gehüllte Notwendigkeit”, sondern “Die Notwendigkeit ist der in Schleier gehüllte Zufall.”
Wie ist nun zu entscheiden zwischen Zufall und Notwendigkeit? Am konkreten Objekt können wir es nicht beweisen, so zeigte aber doch zum Beispiel der Philosoph Kant, dass es notwendige Bedingungen der Möglichkeit von Gegenständen geben muss, damit wir überhaupt Erkenntnisse haben können. Dieses aber, wie auch den Aspekt des Zufalls werde ich an anderer Stelle weiterbehandeln
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