Bildung um jeden Preis? Warum wir Bildung generell kritisieren müssen

Ist Bildung die Lösung für unsere gesellschaftlichen Probleme? Oftmals halten wir Bildung hoch und glauben, dass diese die Lösung für alle Probleme sei. Doch Bildung ist auch eine Urbarmachung und Ausbeutung des Selbsts. Der Bildungsanspruch wird trotz allem Anspruch auf kritisches Denken kaum kritisiert. In folgendem Artikel möchte ich das Probleme dieses Bildungsimperativs diskutieren.

Wie erlangte Bildung seine heutige Funktion?

Obwohl Bildung selbst auf das Universale zielt, das heißt, das, was für alle Dinge gilt, so muss Bildung sich auch immer im konkreten, historischen Kontext bewähren. In diesem Sinne durchlief Bildung verschiedene, historische Stufen. Jedesmal jedoch wurde sie durch verschiedene Ideale oder praktische Ansprüche korrumpiert.

Zunächst kam Bildung wesentlich die Domestizierung und Zähmung des vielköpfigen Biests zu (Plato), diese Zähmung ging einher mit dem Stutzen der wilden Triebe des Menschen (Christianisierung) und führte uns auf die Wege der Moralität. Die Triebe wurden so zum Beispiel gerne im Rahmen einer Sexualitätsbildung kontrolliert.

Foucault diskutiert die Geschichte der Bildung eben als eine Geschichte der Kontrolle. Das Buch ist prinzipiell zu empfehlen und ein Investment in einen diversifizierten Standpunkt:

Eine Radikalisierung der Bildungsidee, wie es auch Foucault beschreibt, zeigt sich schließlich in der Idee der vollständigen Formbarkeit des menschlichen Rohmaterials. Schon die Aufklärung schreibt gerne auf der unbeschriebenen Seite, was letztlich zur Einrichtung moderner Schulfabriken und Bildungspressen führte. Im Rahmen der Überpopulation des Planeten, bedeutet menschliche Kultur nun mehr und mehr, den Menschen im Menschengarten wachsen und gedeihen zu lassen. Moderne Schulen gleichen Blumenbeeten, wo tatsächlich schöne Gewächse wachsen und ‚Unkraut‘ entfernt wird.

Die Entwicklung hin zur menschlichen Kultivierung hat sich bis in das 20. Jahrhundert hinein verschärft. Der Bildungsweg wurde alternativlos. Während Klassenmobilität zunächst durch Bildung garantiert wurde, Bildung historisch zunächst die Chance bedeutete, aus dem wilden Elend zu entkommen, dient sie nun den Absturz vom Bildungsplateau zu verhindern. Menschen haben keine Chance mehr, sich gegen unsere Institution der Bildung zu wehren. Du sollst eine wunderschöne Blume werden.

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Wie wurde Bildung zur Bildungsangst und zum Bildungsdruck?

Während Kreativität dabei zunächst bedeutete, sich zu entwickeln, ist Kreativität nun ein weiterer, belastender Anspruch an den Menschen. Es ist daher nicht mehr die Frage nach Aufstiegschancen, nach der Schönheit durch Bildung gegen die Institution, sondern es ist der Druck zur Kreativität motiviert durch die Angst vor dem Abstieg, vor dem Fall aus dem Bildungssystem. Die Angst, die Freiheit zu verlieren, ist keine Freiheit.

Parallel zur Abstiegsangst etablierte sich das Freiheitsmantra der Formbarkeitsformel: „Du kannst alles werden!“ Der Golem aus Bildungslehm steht unter dem Todesurteil alles werden zu müssen. Bildung ist nun nicht mehr die Aufzucht in vorherbestimmten Klassen, Bildung ist nun das Kreativitätsdispositiv, die vermeintliche Freiheit, sein Leben selbst zu entscheiden, eine eigene Klasse der Selbstkontrolle zu bilden. Der Aufstieg des Menschen hat damit eine neue Grenzen erreicht. Nun geht es darum, vom Hochplateau der Bildungskultur nicht mehr herunterzustürzen – Höhenangst der Freiheit.

Aus der neuen Angst heraus, kontrolliert der Mensch sich selbst. Keine Diktatur ist hierzu mehr nötig. Selbstkontrolle ist schlichtweg effizienter. Der Wunsch nach Kreativität ist der Wille zur Freiheit, der ihn gleichzeitig beschränkt. So schreibt die ZEIT:

„Die Ressourcenwerdung des Selbst im Hinblick auf möglichen symbolischen Kapitalgewinn wird begleitet und befördert vom Wegfall ökonomischer Ressourcen der Mittelschicht. An dieser Stelle setzen pädagogische Kulturtechniken des kreativen Selbst an, die im Fall von Unleash The Power Within das Disziplinierungsgestell zu all den gouvernementalen Anreizverfahren und Zielvorgaben bilden – die schwarze Pädagogik des angeblich so sanft und organisch sich entfaltenden Kreativitätsdispositivs.“ (ZEIT-Artikel)

Kreativität ist nun nicht mehr das sanfte Wasser, dass den Menschen umspült und nach und nach wie einen Stein im Fluss glättet, ihn zu einem an und für sich guten Menschen macht. Die Flut der Bildungsmechanismen reißt die Individuen davon in ein unbekanntes, offenes Meer, wo sie in ihrer Freiheit im Schwarm der Intelligenz um Bildungsabschlüsse wie um Rettungsringe kämpfen.

Was sind die Folgen des Bildungs- und Kreativitätsdispositivs?

Bildung muss sich rentieren, in diesem Sinne ist Bildung bereits korrumpiert. Meine Studenten in Amerika zum Beispiel bezahlten 45.000 Dollar pro Jahr (natürlich kommen die Opportunitätskosten oben drauf). Im Grunde war es die Pacht für einen stetig wachsenden Zinsenberg, denn das Abzahlen gestaltet sich selbst bei niedrigen Zinsen als schwierig:

Andere interessante Tweets zum Bildungsnotstand finden sich hier.

Aufgrund der zunehmenden finanziellen Belastung, muss Bildung sich daher rentieren. In diesem Sinne sind Bildungsstätten, Ausbildungszentren geworden, in denen die Frage nach Rentabilität zunehmend mehr im Mittelpunkt steht. Wer kann in den USA daher wirklich ein Philosophiestudium empfehlen? Bildungsoptimisten empfehlen zwar immer noch das Studium der Geisteswissenschaften, was mit zunehmenden Kosten allerdings eine Risikoinvestition wird. Sollten wir nicht eher alle Informatik studieren? Auf der anderen Seite, insofern wir tatsächlich Philosophie wählen, schlägt das Kreativitätsdispositiv zu. Nun müssen wir auf einmal kreativ sein. Kreativität ist keine Befreiung mehr, sondern Zwang zur Freiheit.

Das nächste große Problem aber besteht in der Frage nach der Zukunft der Bildung, denn falls künstliche Intelligenz tatsächlich den Bildungsmarkt bestimmen sollte, dann erübrigen sich die ökonomischen Entscheidungen sich zu bilden. Dann ist Bildung vielleicht wieder der Wert der Bildung an sich. Mehr dazu auf meinem Blog zur Zukunft

Quantenüberlegenheit und Bildung – Wie müssen wir uns in Zukunft bilden?

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Dr. Norman Schultz, Jinan (China), Oktober 2019

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