Facebooks leise Zensur – Facebook und sein Einfluss auf unsere soziale Identität

Still und leise hat Facebook begonnen Posts zu zensieren und Profile zu sperren.

SZ-Beitrag: Wie Facebook Menschen zum Schweigen bringt

Moderne Klickarbeiter überwachen nun die von Facebook generierte Massenkommunikation. Die deutsche Regierung hat bereits eine Taskforce die „Vorschläge für den nachhaltigen und effektiven Umgang mit Hasskriminalität im Internet“ unterbreitet. Dabei steigert sich die Zensurlust ins Absurde. So betätigt sich Facebook als ehemalige Nippelbehörde nun auch als Kunstpolizei. Die prähistorische Darstellung der Brüste einer Frau sind einfach zu anrüchig:

Facebook – Kunstpolizei

Als Antwort auf die Informationskriegsführung hat sich der Social-Media-Monopolist die Aufgabe des Kommunikationshüters zugesprochen. Ehemals als Nippel-Taskforce gegründet, werden nun vor allem linke Websites ohne Hinweise gelöscht. 
Im Social-Media-Universum besitzt Facebook den Thanos-Finger. Viele geschätzte Seiten, über die man sich mit Informationen versorgt hat, sind daher einfach aus dem digitalen Portfolio verschwunden. Ist also Facebooks Ausübung der Eigentumsrechte als Beschneidung der Meinungsfreiheit demokratisch? 
Ich habe auf Facebook die Frage gestellt, was die treffenste Bezeichnung für unsere gegenwärtige Zeit wäre. Meine eigene Antwort dazu konnte ich nicht veröffentlichen. Hier mein zensierter Kommentar:

Norman Schultz the PostPost, the Meme-Age, WorldGenderWar I, The Return of the Conservatives, Trump-Dynasty, The Great Denial oder das Meta-Meta-Meta-Age?

Mit Zensur verbinden wir eigentlich autokratische Systeme. Nun aber ist Zensur leise Teil unserer demokratischen Kultur geworden. Man könnte populistisch einwenden, dass Facebook nichts mit Demokratie zu tun habe, da der freie Raum jenseits der sozialen Konnektivität stattfinde und wirkliches Wissen ohnehin nur im real öffentlichen Raum stattfinde. Doch Facebook ist das Kommunikationsmittel von Milliarden von Menschen und wer hier nicht partizipiert, verliert den Kontakt zu einem Großteil der gegenwärtigen Gesellschaft. Ein paar Beispiele für den demokratischen Einfluss von derartigen Social Media: Die letzten uns bekannten Revolutionen wurden vor allem über Social Media Kanäle organisiert. Flüchtlinge bahnen sich über diesen Austausch den Weg in unsere Länder und erhalten Informationen, die relevant gemacht werden durch eben soziale Interaktionen. Wissen ist immer sozial organisiert, Facebook organisiert daher Schwarmintelligenzen, die vor allem aufgrund der hohen Konnektivität funktionieren. Ereignisse wie ‚Fridays for Future‘ erfahren gerade dadurch soziale Popularität, da sie durch ein Massenmedium Verbreitung finden. Der Kontakt zu vielen Wissenschaftlern lässt sich hierüber aufbauen. Während die Hoffnung, auf einen Brief Antwort zu erhalten, romantisch ist, antworten Wissenschaftler, Politiker etc. auf Facebook regelmäßig. Rezo’s populäre ‚Zerstörung‘ der CDU hatte genau aufgrund von Social Media eine derartige Wirkung entfalten können. In klassischen Medien wäre dies nicht denkbar gewesen. Aufgrund der vielfältigen Wirkung von Social Media haben Regierungen und Unternehmen daher ein Interesse Facebook zu zensieren und so auch Facebook selbst. 

Interessant an der Zensurwelle ist daher auch, dass Twitter Beiträge zur Zensur selbst zensiert. Wenn Zensur selbst nicht thematisiert werden kann, stürzen wir in ein digitales Schweigeloch. Nur wenn wir Gespräche über Zensur haben, können wir Zensur selbst demokratisch legitimieren. Denn all diese Beobachtungen bedeuten doch nicht, dass Zensur nicht auch notwendig wäre, gerade wenn es sich um kriminelle Botschaften handelt. Wir zensieren doch selbst: ob Sexualität, Meinungsäußerung oder eben nur Bekleidung, wir entwickeln genaue Vorstellungen vom regulierten öffentlichen Raum. 

Die Konsequenz der Zensur ist jedoch oftmals, dass die Referenz auf das Übel ebenso verschwindet. Was vorher kommuniziert worden ist, streicht ein anonymer Klickarbeiter aus dem Vokabular. Wer ironisch kommentieren will, muss daher schweigen.

Aber auch Kommentare zur Einwanderungspolitik wurden dabei aus den sozialen Medien entfernt, wobei man hier nun auch gegen Facebook vorgeht:

OLG-Urteil: Meinungsfreiheit wichtiger als Facebook-Grundsätze

Die Internetzensur zeigt wie gewaltig Kommunikation über uns rollt und wie sie unser oberflächlich erworbenes Bildschirmwissen lenkt und stützt. Dieses lässt Nähe zur Informationspolitik anderer Länder erkennen. In Teilen Asiens sieht man im aufgeheizten Internetklima keine Vorteile. Die Gesellschaft will sich auf nationalistische Harmonie einschwören. Verschwörungstheorien kursieren daher nur, insofern sie in das gesunde Bild des jeweiligen Nationalstaates passen. Pole lassen sich in der Art besser bestimmen und kontrollieren.

Von der Polarisierung in Deutschland sind vor allem die Halbstarken unter den Intellektuellen betroffen. Ihr Vokabular ist seit Adornos ‚Kritischer Theorie‘ grundsätzlich negativ geladen. Da es kein Richtiges im Falschen geben kann, wird jeder Schritt von der Perspektive der Unterdrückung aus kommentiert und mit dem Facebook-Verstärker unter die Leute gebracht. Das Vokabular beschränkt sich auf ‚Machthabende‘, ‚Merkel muss weg-Plattitüden‘, richtet sich gegen ‚die da oben‘ und nimmt es vor allem mit dem ‚Kapitalismus‘ auf. Hierbei entsteht eine Meinungsblase, die genauso gut von einer guten AI geschrieben werden könnte. Man muss jedoch hinzufügen: von der minderbemittelten, rechten Polemik ist es noch peinlicher zu zitieren.

Problem aber ist hierbei nicht die Dummheit der Hobbykritiker, sondern es ist mittlerweile statistisch geklärt, dass intelligente Menschen eher auf falsche Theorien hereinfallen:

Why Smart People Still Believe Conspiracy Theories | Time

Aber es sind nicht nur die öffentlichen Posts, die Facebook zensiert, sondern auch interne Nachrichten, wenn sie zum Beispiel links auf illegale Streamingnetzwerke enthalten. Der Einschnitt geht also gar auf private Kommunikation. Man kann keine ‚illegalen‘ Links mehr versenden.
In asiatischen Ländern hat sich auf der anderen Seite ein soziales Netzwerk etabliert, dass die Nutzer komplett durchanalysiert und gar Gesprächsfetzen analysiert, wenn das Handy in der Nähe liegt. Wer dabei aber im Gegenzug auf moderne Mediennutzung verzichtet, wird von den Vorzügen schlichtweg abgeschnitten. Meinen Job habe ich gerade durch diese Netzwerke bekommen. Jobinterviews werden über das Äquivalent von Facebook geführt.
Zensur ist notwendig und problematisch. Leider aber muss man hinzufügen, dass auch die Diskussionen zur Zensur wenig dazu beitragen, den Aspekt zu lösen, sondern nur die Gemüter weiter aufheizen.

Beispiel AKK

Vor Kurzem regten sich Internetgemeinde darüber auf, dass AKK eine Zensur angedacht habe. Die Kritik war dabei selten differenziert. Dabei ist es doch klar: vor der Wahl ist es in klassischen Medien verboten, bestimmte Formen der Wahlwerbung abzusetzen. Tatsächlich dachte AKK daher lediglich an, ob für Youtube ähnliche Regeln gelten müssten. Hier der Ausschnitt aus den Tagesthemen:

Warum also nicht einmal Zensur andenken, vor allem damit nicht so ein Unfug wie bei Facebook rauskommt. Eigentlich ist es doch eher eine linke Position, Unternehmen regulieren zu wollen. Warum also nicht auch das Unternehmen ‚Youtube‘ regulieren? Bei Youtube machen sich derweil zum Beispiel viele Pädophile breit, die sich in den Kommentarspalten vernetzen. Da Kinder auch am Youtube-Geschäft teilhaben, haben die Pädokriminellen es leicht, in ihren Videos zweideutige Positionen zu verlinken und damit einander verfügbar zu machen. Man stelle sich daher auch vor, dass Youtube mit Pornographie oder Gewaltvideos überschwemmt werde und wir hier nicht einschreiten würden. Eigentumsrechte haben hier bereits den Effekt, dass Youtube die Meinungsvielfalt selbst aus vernünftigen Gründen reduziert. Würde Youtube dies nicht tun, so bestünde doch auch Regulierungsbedarf seitens des Staates.
Man stelle sich aber nun vor, einen Tag vor der Wahl eines bedeutenden Staatschefs, würde eine gefälschte Information im Netz verbreitet werden, ohne das betreffende Medien darauf schnell reagieren und richtig stellen könnten. Aufgeheizte Gemüter hören ja häufig erst nach wenigen Wochen zu. Sloterdijk würde sagen, sie hören erst dann zu, wenn sich der Meinungsfächer wieder öffnet. Die falschen Informationen hätten daher einen kurzfristig ‚zerstörerischen‘ Effekt.
Das Szenario ist nicht absurd. Hatte doch die Aufnahme von Ermittlungen gegen Clinton vor der letzten Präsidentschaftswahl in den USA dazu geführt, dass Trump zu seinem Amt kam. Dass wir also unsere Medien kontrollieren und uns so zum Beispiel auch vor ausländischen Einflüssen schützen, ist nicht prinzipiell absurd.
Dass ich das hier andenke, heißt aber nicht, dass ich sage, wir brauchen eine derartige Kontrolle für Youtube oder Facebook. Wir sollten uns stattdessen einen Moment Zeit nehmen und darüber nachdenken, was AKK wirklich gesagt hat. Während AKK daher in das Verteidigungsministerium aufsteigt, nimmt Zensursula sich die nächste Zensur des Internets vor:
Was ist unsere hypernervöse und reizbare Zeit?
Tim Ferriss hat an dieser Stelle ein großes Interesse an Outrage-Porn identifiziert. Wutbürger regen sich gerne auf und oftmals suchen wir dabei nach den entsprechenden Umständen, um unsere Wut zu begründen und ihr Ausdruck zu verleihen. Die Wut aber war vor dem ‚Missstand‘ da, so war der Thymos (Zorn) in der Antike noch Teil der dreiteiligen Gesellschaft und wurde auch als Teil der dreigeteilten Seele verstanden. War damals der Thymos zu stark, sollte er durch eine militärische Mittelschicht im Gefühl der Ehre kompensiert werden, um ihn nicht auf die Scheinwelten des Wahns zu richten. Thymos diente damals zur Identitäsbildung. Gerechtigkeit wurde dann unter anderem auch mit dem Gewaltritual instituiert und kontrolliert.
Heute, da sich für die Freiheit der Kommunikation die Kompensation durch „patriarchalisch-toxische“ Ehre nicht mehr anbietet, muss eine abstrakte Moral das Individuum in jeder Sekunde am ‚demokratischen‘ Gerechtigkeitsideal ‚erziehen‘. Foucault hat bereits gezeigt, wie sich die Eruption von Gewalt in eine leise alles durchgreifende Gewalt verwandelt hat. Die minutiös durchstrukturierte Gesellschaft will daher auch alle Formen des Miteinanders zur Demokratie micromanagen. Dabei entstehen Wirbel verschiedener politischer Fügungen, Social Justice Warriors, Gutmenschen, Men’s Rights Activitsts, Faschisten aller Coleur, Conspiracy-Anhänger, Kritiker, die sich alle samt jedoch nicht genau identifizieren lassen. So wie Veganismus nun eine Lifestyle-Choice ist, die man vielleicht dreimal die Woche praktiziert und auf Instagram als Identität zelebriert, so verhält es sich auch mit politischen Überzeugungen: Morgens ein Arbeiter, Mittags ein Dandy, Nachmittags ein Kapitalist und Abends Kommentator des weltpolitischen Geschehens. Wir switchen die Identität, sind mal diese oder jene Person. Wir sind multiple Persönlichkeiten, die nicht mehr sich selbst festlegen können, verloren in den Netzen unserer Kommunikation, wobei diese Kommunikation nun wie ein Wildwuchs zu Gartenschmuck geschnitten werden soll.
Der Social-Justice-Warrior setzt sich in unkontrollierter Kommunikation an die Spitze des neuen Gesellschaftsapparates und reguliert menschliches Miteinander durch emotionale Appelle an die Gerechtigkeit. Über das Internet lassen sich Mobbing-Attacken als Shitstorms anleiten. So wurde das ZDF vor kurzem Zielobjekt von internetgewaltbereiten Igel-Aktivisten, da es in einer ZDF Sendung einen offensichtlich negativen Kommentar über Igel gab. Schon regte sich Unmut und ein Shitstorm legte die Kommentarfunktionen vom ZDF lahm. Das Problem der Igelwütteriche beschäftigte die Redaktion noch einige Wochen.  
Jede verdächtige emotional ungenormte Handlung wird von dem Social Justice Warrior durch soziale Medien in das Licht der Öffentlichkeit gezehrt. ‚The winner takes it all‘ nach diesem Prinzip verdrängen Radikale die moderaten Stimmen im Social-Media-Gezwitscher. Obwohl der SJW bereits eine Karikatur von sich ist, nehmen wir ihn als erstes wahr, weil er am lautesten die größten Extreme produziert. 
Im Zuge der öffentlichen Emotionalisierung von Gerechtigkeit entdeckt die neue Öffentlichkeit gerade die privat abgeschirmten Aktivitäten. Die ehemals verborgene Sexualität, mittlerweile vielfach in der visuellen Öffentlichkeit ausgebreitet, kann nun kritisiert und soll in Teilen zerstört werden. Sexualität war schon immer der Ankerpunkt um das Abartige zu klassifizieren und das Monster zu zeigen. Kritik an abartiger Sexualität ist zunächst unverdächtig und hier lässt sich auch ‚leicht verständlich‘ die Todesstrafe für die Täter fordern. Zwar wollen jene internetgebildeten Sexualkundler die Erotik bewahren und spielen auf Pluralität, denn vor allem Sexualität gilt nun als Primärfläche der Identität, dennoch kann die moralische Lust sich selbst nicht zurücknehmen und muss Sexualität normieren. Die angeblichen Gefahren von Normabweichlern motiveren geübte Social Justice Warriors überall Monster zu definieren. Waren abartige Monster in den 80er Jahren noch mit einem „Es“ zu vergleichen, finden wir heute Monster in allen Dimensionen. Dass Harvey Weinsteins moralisch fragwürdige Person damit in das Monströse gezehrt wird, sollte eigentlich ein Warnsingnal darstellen.
Weinstein muss sich für seine Vergehen der sexuellen Ausbeutung von Schauspielern in Hollywood verantworten. Doch dort wo wir das Monster in ihm entdecken, endet auch unser Ideal, das Menschliche in den Menschen zu finden. Harvey Weinstein ist kein Monster, sondern eine Identität, die in vielen Facetten in unserer Gesellschaft auftaucht. Deswegen ist es auch leicht, die Form der Kritik selbst wieder in Memen zu verwursten:
Auf der anderen Seite führen Fälle wie diese zu dem Glauben, dass es eine Pizzagate-Verschwörung gebe, der Glaube, dass Hillary Clinton in einer Pizzaria in Washington einen Kinder-Pornographie-Ring leite. Hieraufhin stürmte ein mit Schnellfeuergewehren bewaffneter Mann die Pizzaria, um die Kinder zu befreien.
Der jüngste Fall des Milliadärs Epstein macht die Sache nicht einfacher. Da wo Macht ist, gibt es auch Menschen, die die Macht missbrauchen, aber die Schlussfolgerung sind meistens zu weit und zu schnell. Alle Formen der Minimalenabweichung werden nun als Teil des großen Vergewaltigungsnarrativs umgedeutet. Wenn bei Heraklit alles fließt, wird nun alles Vergewaltigung. Die ontologische Frage erfährt ihre Transformation in das ethische Extrem. Gerade an den Rändern der Kultur muss die Abgrenzung vom Monströsen radikal festgezurrt werden. Wir leben in einer Vergewaltigungskultur. Diese Abgrenzung vom Monströsen motiviert wie der Thymos. Es ist eine göttliche Gerechtigkeit, die in unserer Brust wohnt. Sie ist Zorn. Deswegen reagieren Netzaktivisten auch verständnislos, dass gerade das Brock-Turner Meme von Facebook zensiert wird:
Der Fall ‚Brock Turner‘ steht für das ‚weiße Privileg‘ bei Vergewaltigung nur eine 6-monatige Haftstrafe bekommen zu haben, von der nur 3 Monate verbüßt worden sind. Bemerkenswert ist hier, dass die Internetgemeinde sich weniger mit den Details des Prozesses befasst hat. Tatsächlich ist die Straftat der Vergewaltigung im Falle Turners schwer nachzuweisen. Es gab keinen Genitalkontakt. Turner behauptet, dass das Opfer mit der Einführung von Fingern, welches erst nach der Tat und aufgrund der Tat als Vergewaltigung klassifiziert wurde, einverstanden war. Das Opfer gibt an, keine Erinnerung zu haben und gibt an, dass Turner daher die Narrativgewalt habe. Der Grad der Bewusstlosigkeit des Opfers ist anzweifelbar. Beide waren jedoch stark alkoholisiert.
Die Vermonsterung durch die Gesellschaft zeigt sich an Amerikas System der Bestrafung. Die Amerikaner stellen bereits 30 Prozent der weltweiten Gefängnisbevölkerung. Liest man die gängigen Kommentarspalten, könnte man fast annehmen, dass mit einer Todesstrafe für Brock Turner viele liberale Amerikaner darauf hoffen, diese Form der staatlichen Kontrolle zu reduzieren. Weniger Gefangene durch Todesstrafe. 
Nach dem Urteil muss Turner lebenslang als Sex-Offender registrieren. Überall wo er hinzieht, muss er in der Nachbarschaft alle Anwohnenden informieren, dass er ein Sexualstraftäter ist. Auswandern ist für Turner keine Option, da sein Führungszeugnis immer mit dieser Klassifikation belastet ist. Die Klassifikation als Monster dient hier der überragenden gesellschaftlichen Kontrolle. Brock Turner wird immer und überall, wo er hingeht, ein Monster sein.
Das Ideal einer harmonischen Gesellschaft greift hier als Leitbild für unsere Zensurkultur, die das Monströse nicht in sich, sondern immer vor sich oder neben sich sieht. Wenn die Monster woanders sind als wir, dann müssen wir die positiven Identitäten sein. An diesem Selbstbild der sogenannten Gutmenschen bilden sich Gegenströmungen, konträre identitätsstiftende Maßnahmen. Die Gewalt der Männer offenbart sich in den Kommentarspalten, aber ist bereits kontrolliert. Reintegriert in den Diskurs kommt sie dann nur als „verstörte Männlichkeit“ zum Ausdruck. Fragile Maskulinität wird wie der Social Justice Warrior karikiert. Jede Strömung wird in diesem Prozess sofort in Memen hyperbolisiert. Das Internet zeigt dabei wieviele Strömungen als endlose Gegenbewegungen ineinander wirbeln, sich gegenseitig produzieren und doch nur ein Wirbel sind. Man könnte daher tatsächlich glauben, dass wir ohne Facebook besser leben würden. Doch die Probleme, die wir vorher hatten, wiederholen sich hier auf anderer Ebene. Die Monster werden nun digitalisiert.
Im neuen Internetslang sind die vereinfachenden Meme Hypoerbolen, um das moralisch fragwürdige sichtbar zu machen. So zumindest im Slang der Memer, denjenigen, die Meme produzieren. Auf der anderen Seite ist mit der virtuellen Realität aber alles auch schon Realität. Die ironsiche Verschwörungstheorie, dass Vögel nicht real und Kontrolldrohnen sind, findet nun zum Beispiel tatsächlich Anhänger. Aus Hyperbolen entstehen daher wirksame Ideologien. Dass Vögel nicht echt sind, ist ähnlich absurd wie die Theorie, dass die Erde eine Scheibe sei, doch was als Scherz beginnt, wird Wahnsinn. Gemeinschaften finden sich in allen Nieschen.
„Wake up! Sheople!“
Wenn also der Social Justice Warrior dem fragilen Cis-male-Troll gegenübertritt so sind beide Karikatur und zugleich auch Realität. Beide sind von Gesellschaftsidealen der Gerechtigkeit überladen, kämpfen nun im Internet und verschieben dabei die Bedeutung von Realität. Wir können sogar soweit gehen zu sagen, dass es den Social Justice Warrior oder Antifemministen nur selten gibt, aber das Gesamtphänomen ist ein virtueller Klumpen aus verschiedenen Stimmen, die im Internet eine eigene Identität ausbilden, die es so im Alltag überhaupt nicht gibt. Privat sind wir Wesen, die durch Identitäten switchen. Im Internet aber ist dieser eine Moment, dasjenige, was uns vor anderen als real definiert.
Doch auch das Multiple der Identitäten lässt sich auflösen. Im Internet zeigt sich, dass Individuen zu bestimmten Glaubensstrukturen neigen. Das gegenwärtige Individuum und seine Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen lässt sich gut mit einer Verschwörungsmatrize  beschreiben. Wir können fragen: Impfen (ja/nein), Genderpay-Gap (Ja/nein), Glyphosat (ja/nein), Klimawandel (ja/nein), freies Internet (ja/nein). Die einst wissenschaftlichen Fragen zum Status der Welt ersetzen nun die religiöse Frage ‚Gott (ja/nein)‘. Individuen definieren sich nun im Spannungsfeld ihrer ausgewählten Verschwörungstheorien. Es sind nicht mehr nur Linke oder Rechte, die wir gruppieren müssen und bei Demonstrationen klar getrennt voneinander fernhalten. Nun haben wir eine abstrakte Internetgemeinde, die auf der Straße als Normalos getarnt sind und sich selbst gar als Normalos verstehen, eben als Normalos, die sich keiner Agenda zuordnen lassen, sondern selbst ‚eigentlich‘ ’nur‘ ‚kritisch‘ sind. Aber eben jener Umstand lässt sich in gut getakteten Momenten beschwören, löst dann Shitstorms aus, erschafft Monster und kann Wahlen beeinflussen.
Zur Kritik der Kritik
Schlimmer ist dabei noch, dass sich gerade Verschwörungstheoretiker als besonders kritisch ansehen. Kritisches Denken ist dabei eine Facette, die sich bereits jeder zuschreibt, aber selten durchgeführt wird. Kant als Großvater der Kritischen Theorie hatte noch betont, dass es darum geht, zu unterscheiden, was wir wissen können und was wir nicht wissen können. Gerade bei der Spekulation müssen wir daher vorsichtig sein. Eine Theorie, die selten bedacht wird.
Ich selbst aber habe häufig erlebt, wie Studenten, von der Kraft des neu entdeckten Denkens überwältigt, in die Spekulationsfalle tappten. Aus der kritischen Einstellung entsteht dann oftmals eine wenig selbstkritische Verschwörungstheorie. Ganz im Duktus der Kritischen Schule kann der gewöhnlich Bürostuhlkritiker nichts Richtiges mehr im Falschen entdecken.

Kritik selbst aber ist eine Form, die komplex wandelbar und auch geschult werden muss. Kritisch sein ist heute nicht mehr genug. Aber was hat das noch alles mit Zensur zu tun? Wir alle brauchen Zensur, um uns selbst vor falschen Identitäten zu schützen. Das Kantische Resultat seiner Kritik war: wir dürfen nicht alles denken, denn manche Gedanken sind falsch, auch wenn dieses Falsche, schwer zu entdecken ist. Weil es aber schwer zu entdecken ist, muss die Frage nach Zensur demokratisch geführt werden. Ein schlichtes ‚Nein‘ kann es genausowenig geben wie ein einfaches ‚Ja‘. Vor allem aber brauchen wir weniger Ideologien, weniger Identitäten, sondern vielmehr gemeinsame Kommunikation, die sich nicht in Extreme verkehrt. Facebook kann cross-identity bedeuten, wenn sie die Verschwörungsnarrative- demokratisch legitimiert– ausschaltet und Menschen zur wirklichen Kommunikation verpflichtet. Facebook bedeutet dies allerdings nicht, wenn diese Zensur selbst nicht transparent und demokratisch erfolgt.

In Heidelberg

Dr. Norman Schultz, Mainz, Julie 2019.

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Nachrtrag: Ich schaue mir gerade noch eine Dokumentation von Impfgegnern an. Dazu fällt mir Folgendes ein: Ich selbst war mit einem der Ärzte befreundet, der mit Steve Jobs‘ Fall betraut war. Steve Jobs wollte nach seiner Aussage seinen Krebs mit Karottensaft kurieren. Dabei hatte er wohl den einzigen Pankreas-Krebs, den man hätte gut heilen können. Der Arzt selbst ist weltweiter Experte für Pankreas und revolutioniert gerade die genetische Vorsorge-Erfassung von Krebserkrankung und arbeitet hieran in einem der besten Krankenhäuser der Welt. Er selbst aber glaubt, dass die Erde eine Flut erlebt habe, vor 6000 Jahren erschaffen wurde und ist steifer Republikaner und Kapitalist. Ich erkläre mir das so. Unsere Existenz ist eine kosmische Absurdität. Es war so unwahrscheinlich, dass wir geboren werden. Wesentlich unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto. Und weil wir selbst aus einem Abgrund der Absurdität entsprungen sind, neigen wir dazu zu glauben. Verschwörungstheoretiker – die sich so selbst natürlich nicht gerne so nennen – verwenden dieselben Floskeln, die sich in allen Verschwörungen finden lassen. Sie wollen das Absurde erklären und verfallen dabei auf ihre eigenen Spekulationen. Sie lassen sich irreführen von der Kraft logischer Schlüsse. Die Anti-Impf-Dokumentation zeigt daher Menschen, die nicht dumm sind, sondern eine komplexe Theorie entwickeln, aber leider ist es verknüpft mit der falschen existentiellen Hoffnung, die aus unserer Absurdität entspringt. Sie hoffen die Welt ganzheitlich erklären zu können. Dabei beladen sie sich mit irrationalen Theorien, dass der Mensch gut in die Natur integriert wäre. Wir hätten eine Natur, die uns liebt und unseren Körper mit dem entsprechenden Gesundheitswall gegen die Feinde der Natur ausgestattet hätte. Doch Natur arbeitet ohne Ziel und ohne Wünsche. Wenn wir Menschen aussterben, dann wird es einfach passieren, ohne dass ein kosmischer Geist seine Tränen weinen muss. Theorien von derartigen metaphysikbelasteten Theoretikern sind derart komplex, dass wir sie nicht gleich widerlegen können und im Sozialen überzeugen sie sich mit ihren Argumenten gegenseitig. Einen Apell an die Wissenschaftlichkeit kontern sie mit der Antwort, dass die Wissenschaft selbst nicht wissenschaftlich genug sei. Wir werden es schwer haben, mit diesen komplexen Kommunikationsmustern umzugehen.

Ein Problem besteht auch darin, dass wir mit der Popularisierung von Universitätsabschlüssen immer mehr Durschnittsbürger mit Kompetenzinsignien versorgen. In der Dokumentation treten nunmal auch Ärzte auf. Wem aber soll man dann noch vertrauen? Der irrationale Teil der Gesellschaft hat sich erfolgreich gegen die Wissenschaft immunisiert und ihren Status nach langen Debatten erodiert. Die Frage ist, ob wir mit der Beseitigung der Wissenschaft uns am Ende selbst beseitigen.

Noch ein ‚Birds-Are-Not-Real‘-Anhänger und ich kann nicht entscheiden, ob er es satirisch meint oder es ernst meint. Es ist ähnlich wie die Partei.

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