Schwarmintelligenz – Wir bauen das größte Gehirn aller Zeiten

„Wir bauten das größte Gehirn aller Zeiten, wir vernetzten uns in einem globalen Geflecht aus Datenleitungen zu einem Supergehirn, dessen Nervensystem das Internet war und wir tanzten wie kleine fensterlose Monaden darin. Wir befeuerten uns mit Informationen. Eine Information die reizte hatte Aktivierungspotenzial und aus einer Tendenz wurde ein Trend, aus einem Trend eine Entwicklung, aus einer Entwicklung entstammte Wandel. Aus dem Wandel ging die Emergenz des größeren Seins hervor, ein eigenständiges Sein, das anders als wir war.“ (Aus Eisleben, Alfred: Kriege der neuen Welt. Stuttgart 2009:52)

Längst ist der Schwarm der Gedanken über die Welt hereingebrochen. Unablässig denkt das Menschengeschlecht hierbei über eine gedankliche Ausdehnung ihrer Grenzen nach, unbewusst jedoch. Was noch ungeformte Materie ist, soll bald unter dem Bannstrahl des Denkens Gedanke werden. Alles Umgebende transformieren wir dabei zu einem menschlichen Milieu. Und so kann einer noch so weit wandern, immer waren vor ihm schon Menschen da, die im Mindesten Wege angelegt haben und die Welt anverwandelt haben. So sitzen wir mittlerweile in mit uns redenden Räumen, die so sprachlich aufgepumpt sind, dass wir kaum noch einen Gegenstand finden, den wir als natürlich bezeichnen würden.

A Bergfinken 105
Nach welchen Prinzipien bilden sich Schwärme in der Natur?

Diesen Prozess der Umwandlungen erkannte Richard Dawkins (teilweise) als er die kulturellen Gedankeneinheiten, die sich über den Planeten hinwegbewegen und produzieren, „Meme“ nannte. Ein Mem ist dabei alles, was sich von selbst an Gedanken durch die Menschheit hinwegreicht. Dazu gehören Bücher, Wissen, Musik, Bewegungen, Ideen und vieles mehr. Doch welche von diesen Memen überleben? Meme unterliegen wie auch die Gene einem natürlichen Selektionsprozess. Wir produzieren tagtäglich viel Ausschuss an Memen. Wenn die Berechnungen der Verhaltensforscher stimmen, so kämen wir auf einen Anteil von über 99% an Wiederholungen. Jedes Neugeborene ist da kreativer, wenn es einfach nur rum liegt. Wenig Neues begleitet uns also, und wenn dann etwas neu sein soll, dann muss es eine leicht zu reproduzierende Information sein, damit das angebundene Mem überlebt. Dieses kann dann im Übrigen alles sein. Selbst ein verkehrt herum aufgesetztes Basecap, das, so besagt es die Legende, nach einem Spiel in den USA aus den 60er seinen Siegeszug bis zu den Feldarbeitern nach China zurücklegte. Aber auch Beethovens Einleitung zur 5. Sinfonie wäre ein solches Mem.

Angesichts der neueren Entwicklungen wird der Gedanke der Meme nun modifiziert und erhält die Bezeichnung „Teme“. Teme sind die reproduzierten Einheiten der Technik, die ihren Siegeszug ansetzen ohne dabei von Menschen bewusst hervorgebracht zu werden. Die von uns nach kulturellen Maßstäben transformierte Natur entwickelt ein Eigenleben, das uns nicht mehr nur geistig erfasst, sondern tatsächlich reale eigenständig funktionierende Substrate besitzt. Der Dämon der Technik verselbstständigt sich, wird lebendig. Wenn wir so wollen, könnten wir uns tatsächlich vorstellen, dass wir mit all unseren Interaktionen in der Welt des Internets einen Superorganismus erzeugen, der zwar uns als Verstoffwechsler bedarf, selbst aber als eigene Einheit angesehen werden muss. Irgendwann, so könnte die These lauten, bedarf er unserer nicht meht. Stanislaw Lems Solaris entwirft ja diese Phantasie von einem Planeten, der mit einer gallertartigen Masse überzogen ist, deren einziges Sein im pausenlosen Berechnen und Erdenken besteht. „Solaris“ erzählt die Geschichte einer unreflektierten Wissenschaftsforschung, wobei der Planet mit der rechnenden Masse das leblose Pendant zu den hoffnungslosen Wissenschaften bildet. Ja, Teme sind ein erschreckender Gedanke, weil hier das Bedenken des Seins eine untergeordnete Rolle bekommt und damit auch die Menschlichkeit in ihrem Wert gemindert wird. Die Gefahr besteht, dass dieses Bedenken des Menschen überhaupt verschwindet. Diese technikkritischen Gedanken aber sollen uns hier nicht weiter interessieren.

Was sich nun mit der kollektiv gespeisten Intelligenz der Meme offenbart sind natürlich soziale Prozesse. Das Entstehen von Wikipedia, das viele einzelne Interessen vereint, dennoch aber höchstkomplex von niemand Einzelnem mehr überschaut wird, stellt ein Tem dar. Wenn jemand sich den Spaß macht und in Wikipedia einen Artikel mit grobem Unfug ausstattet, so ist dieser in Minuten wieder repariert und es ist dabei unerheblich, wer es gewesen ist. Immunologisch ist Wikipedia wohl ganz gut ausgestattet, ein gigantischer Organismus mit allerlei Funktionen im Leib. Wir sind dabei nicht mal mehr Organ, sondern nur noch Verstoffwechsler. Die Technik benutzt uns in diesem Sinne, um zu leben. Die Schwarmintelligenz der Internetnutzer bringt ganz neuartige Formationen des Netzseins hervor. Dabei löst Facebook langsam das Fernsehen, das Radio und die Zeitung als Leitmedien ab. Die Internetriesen sammeln ananym Informationen, wobei auch nicht mehr bekannt ist, wer hinter diesen Strategien eigentlich steckt. Aus diesem Grund wirkt wohl der folgende Sketch auch komisch wie unheimlich zugleich.

Das verstreute Wissen der Menschheit wird in einem Superorganismus gebündelt, dessen expansive Größe noch nicht erforscht ist. Was wäre wenn das Internet eines Tages Bewusstsein entwickelt und uns nicht mehr braucht? *lach* Ich weiß das ist lächerlich, aber warum nicht? Die Anformung des Universums an den Geist hat erst begonnen und wir mögen uns vorstellen, dass das Universum in einer riesigen Singularität verschmolzen nur noch ein einziges Superhirn ist. Natürlich macht diesen rumspinnen Spaß (:

Interessant sind aber die realen Konsequenzen: Wer hätte gedacht, dass vermittelst eines einfachen Wikis eine ganze Doktorarbeit im Null komma Nichts auf Plagiate abgeprüft wird? Ein einzelner Wissenschaftler hätte hierzu mehrere Monate gebraucht (vgl. http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Plagiate) und mit Sicherheit nicht so viele Plagiate gefunden.
Die Seite Lobbypedia listet auf, welcher große Staatsmann zu welcher Organisation zuzuordnen ist (www.lobbypedia.de/index.php/Hauptseite). Des Weiteren lässt Facebook mit seiner Öffentlichkeit für die Massen, die Staatsmächte der Welt zittern.

Soziale Vernetzung befördert Demokratie und bringt mehr Gerechtigkeit – bis jetzt. Die Schwarmintelligenz entwickelt Formen auf die wir als Einzelne wie in einem Vogelschwarm nur noch wenig Einfluss haben:

Es bleibt also abzuwarten, was sich aus den Internetformationen an Gebilden hervortun wird. Zu dem Guttenbergfall können wir definitv festellen, dass die Resultate positiv waren. Betrügern wird es in Zukunft schwer, sich vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen, wie es auch schon Wikileaks gezeigt hatte. Die Frage ist nur, was hier wie ein Eigenleben entwickelt.

Zu dem Wikiprinzip und dem Guttenbergskandal empfehle ich noch meinen anderen Blog http://auf-der-hoehe-der-zeit.blogspot.com/2011/02/plagiate-bei-guttenberg-und-klimawandel.html
Ansonsten sind hier noch ein paar interessante Videos zu dem anonymen Google-Riesen:

0Shares
Dieser Beitrag wurde unter Grenzen der Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Schwarmintelligenz – Wir bauen das größte Gehirn aller Zeiten

  1. Pingback: Systemphilosophie des Internetschwarms – Erste Grenzbestimmung – Philosophie EntGrenzen – Die Wissenschaft der Wissenschaften

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.