Antarktis – Die andere Welt in unserer Welt (Teil 1)

„Das ist nicht nur eine Fernsehproduktion. Das ist ein wahres Gemetzel.“ sagte Hermann Maier, der Doppelolympiasieger im Riesenslalom und Super-G. Im Wettlauf zum Südpol tritt der österreichische Herminator nun gegen das Deutsche Team unter Führung von Markus Lanz und Joe Kelly an (Joe Kelly ist irgendwie immer dabei, wenn es um Extreme geht). Der 400 km Gewaltmarsch ist ab sofort jeden Dienstag um 20:15 Uhr im ZDF zu bewundern. Und tatsächlich ist die Sendung nicht zu unterschätzen. Anscheinend handelt es sich nicht um das Weichspülfernsehen von RTL und dessen Ausruhdschungelcamp, sondern um den ernsthaften Versuch an die Grenzen der eigenen Leistung zu gehen. Markus Lanz, meines Erachtens einer der besten Talkshowgastgeber im Deutschen Fernsehen, weil er im Gegensatz zu Maischberger, Illner und Plasberg vernünftige, kritische und oftmals auch heikle Fragen stellt und sich selten mit ungenauen Antworten zufrieden gibt, zeigt hier, dass er nicht nur jemand ist, der gut aussieht und sich im Durchschnittsfernsehen profiliert. Er zeigt, dass er als ganze Persönlichkeit ernst genommen werden sollte, ernster zumindest als viele andere gehypte Moderatoren.
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Land ohne Leben, die Antarktis (Quelle: wikimedia)
Natürlich stellen sich hier sogleich kritische Fragen. Zum Beispiel, ob dies nur der Beginn der touristischen Erschließung der Pole ist. Es sind nun mal nicht mehr viele Flecken auf der Erde übrig, die kein menschmanipuliertes Milieu darstellen und somit eine Herausforderung sind. Doch wenn sich auf einer kleiner werdenden Erde und ihrer technischen Erschließung die Popularisierung nicht aufhalten lässt, so ist der Vorteil, dass der Weg an die Grenzen der Leistung entsprechend dokumentiert wird. Zudem wartet noch ein ganzes Weltall auf uns, das noch viel härtere Bedingungen zu bieten hat ;)
Der härteste Ort der Welt, aber ist zunächst die Antarktis. Das Klima vergleichbar mit einer Höhe von 3000 Metern (30% weniger Sauerstoff) und die tiefen Temperaturen, sowie Stürme werden kaum an anderen Orten erreicht. Selbst der Nordpol, so heißt es, sei gemütlicher. Während der Sendung ermahnt der englischer Führer die Gruppe, die angesichts der harten Bedingungen langsam ihre Motivation verliert, schließlich: „Ihr müsst überlegen, das ist die kälteste, windigste und lebensfeindlichste Gegend der Welt, deswegen seid ihr doch hergekommen.“ Nun drängt sich die Frage auf: Warum aber gehen Menschen in die Gegenden, die selbst nicht mehr lebbar sind? Warum an die Grenzen stoßen, und einmal durch die Hölle gehen, wenn im Hades nicht mal die Geliebte wartet? In unserem Wohlstand könnten wir es uns doch bequem machen. Die Askesen sind dem Wohlständler fremd. Dabei gibt es an den Grenzen der Welt, so heißt es, die Grenzen des Körpers zu erleben und das kann weit aus mehr sein als die Grenzen des Kölner Nachtlebens ;)
Zugegeben mein Verweis auf die Askese als Grund ist noch zu ungenau. Auszüge aus dem Tagebuch von Reinhold Messner, der 1989-1990 zusammen mit Arved Fuchs die erste Antarktis Durchquerung zu Fuß erreichte, geben weitaus bessere Einsichten (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13507440.html). Im Gegensatz zu dem ZDF-Team legten die beiden eine Laufstrecke von 2800 km und nicht nur 400 km zurück.

Zunächst schreibt Messner einiges über die Gefahren und die Kälte. Die Aufzeichnung enthalten dabei ein Minimum an Gejammer. Das Schlimmste scheint für Messner zu sein, dass er Arved ständig motivieren muss, weiter zu gehen, ansonsten beklagt er sich über den Wind.  Die Tagebuchaufzeichnungen könnten dabei aber auch tatsächlich meine sein, als ich im Winter in Pittsburgh jedes mal 20 Minuten durch die Kälte eine Brücke (-10° Celsius) überqueren musste und einen kleineren Berg hinaufsteigen musste, um zur Universität zu gelangen. Ich bin schon ein Jammerlappen. Der Eintrag zum 6. Februar gibt Aufschluss über Gründe einer solchen Antarktisexpedition:

„Dienstag, 6. Februar: Nordwind und Hunger! Wir laufen zwei Stunden und viermal 75 Minuten. Wenn ich bedenke, daß wir 80 Schritte in der Minute laufen und jeder Schritt Schmerzen im Fuß, im Knie, in den Hüftgelenken, in den Schultern, in den Ellenbogen verursacht [Anmerkung von mir: Die Schlitten sind sehr schwer, ein Schlitten ist gebrochen und die Gurte sind nicht optimal eingestellt und scheuern; am Grad des Gejammers könnte es bis hierin übrigens  noch aus meinem Tagebuch sein], sind das bei 6000 Schritten pro Stunde zu viele Schmerzen, um sie zu ertragen. Würde mich jemand zwingen, diese elende Schinderei zu Ende zu gehen, ich hätte schon aufgeben. Aber wir taten und tun es freiwillig.“
Die Quintessenz lautet also: Durch Zwang und äußere Gründe sind Extremleistungen nicht zu erreichen, sondern nur durch die Freiheit in uns. Auch wenn es keine Gründe geben mag, um eine solche Expedition in Angriff zu nehmen (und ich schließe aus, dass in diesen Extremen Anerkennungssucht eine Rolle spielt, wie vielleicht bei Amundsen dem ersten Südpolbezwinger unterstellt werden könnte, der allerdings auch ein größeres Team, sowie Schlittenhunde dabei hatte). Die Freiheit des Menschen ist unser einziger Grund, eingewöhnte Lebensräume zu verlassen und das, was nicht notwendig ist, in Angriff zu nehmen. Nur in dieser Freiheit, so Messner, birgt sich unser Schutz vor Verzweiflung. Doch diese Freiheit müssen wir wählen und wir können sie nur im Nicht-Notwendigen wählen.
Die Antarktisexpeditionen werden im Übrigen im Winter durchgeführt. Da ist es wärmer auf der Südhalbkugel. -30° Celsius sind leichter zu ertragen als -87° Celsius in der Spitze. Die Ausnahmetemperatur kann als Condition I im folgenden Video bewundert werden. Es sieht ungefähr so aus als würde jemand die Tür zur Hölle öffnen:

In den nächsten Beiträgen werde ich noch ein bisschen mehr zu den Antarktisexpedition schreiben und auch auf den grandiosen Roman von Stan Nadolny “Die Entdeckung der Langsamkeit” zu sprechen kommen. Bis dahin ;)
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