Die Shaolin, das Körpermögliche, Askese und die Weisheit (Teil 3)

Von Fibonaccie. Abgelegt unter Grenzen der Philosophie  |   
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Sleeping Shaolin
Ein schlafender Shaolin ;)

Nachdem ich mich in den letzten Beiträgen recht negativ über die Weisheit der Mönche geäußert habe, vor allem die Weltflucht kritisiert habe, möchte ich nun die angeblichen Leistungen der Shaolin kritisch betrachten. Mein Hauptargument gegen den Rückzug von der Welt war ja schlicht die Zweck-Mittel-Relation. Der Weg zur Erleuchtung absorbiert in der Art zu viele Energien. Der völlige Rückzug von der Welt zeigt keine weltlichen Resultate mehr. Mönche, die dann nur noch mit einem Handfeger herumlaufen, um den Weg zu reinigen, würden in unseren Straßen einfach nur als Irre belächelt werden. Von den Shaolin hingegen werden außergewöhnliche Leistungen vollbracht. Schaolin-Mönche erwerben durch jahrelanges, hartes Training äußerste Körperbeherrschung und zeigen damit die körperlichen Dimensionen ihrer Meditation.

Eine Kanalisierung des Chi soll hier die Leistung ermöglichen. Es heißt die “westlichen Wissenschaften” (was immer das auch bedeuten soll) hätten keine Erklärung dafür. Mit dem Verweis auf schier Unglaubliches sollen wir von der Kraft der Meditation überzeugt werden. Um uns dann den letzten Anstoß zu geben, werden jede Menge Pseudoerklärungen mit Esoterischem Unfug gemixt. So erfahren wir im folgenden Beitrag beispielsweise, dass die Energie bei den Mönchen einfach mal so in den Bauchraum runterfällt. Wahnsinn!

Ahja, die Energie ist jetzt also unten. Nur welche Energie? Hat er etwa das unmessbare Chi gemessen? Läuft das Gehirn jetzt ohne Energie? Was soll das Ganze?
Um es klar zu stellen, solcherlei Zustände können auch durch andere Verfahren erreicht werden (ich weiß natürlich nicht genau, um welche Messung es sich handelte), wobei es nicht notwendig ist, sich auf Chi zu konzentrieren. Erstaunlich ist nur mit welcher bewussten Kontrolle Mönche dieses oftmals vollführen können. Dennoch hier werden einfach ein paar wissenschaftliche Argumentationen mit ein paar schiefen Wörtern in Verbindung gebracht und voilá wir bewundern das Mysterium der Shaolin. Von schlechter Esoterik lässt sich das kaum mehr unterscheiden.

Ungeachtet der esoterischen Darlegung, aber müssen wir fragen, was denn diese Shaolin-mönche nun auszeichnet, was westliche Menschen unter Umständen nicht können sollen. Wenn das Chi denn so kraftvoll ist, dann müssten doch diese Supermeditierer bei den olympischen Spielen jeden Bereich abräumen. Fakt aber ist, dass hier westliche Athleten oftmals auch ohne ihr Chi sehr gute Erfolge ausweisen. Vielleicht haben also die Leistungen der Mönche nichts mit dem Chi zu tun, sondern sind einfach durch Training erreichbar.
Nun liegt die Aufmerksamkeit immer auf den Bruchtests. Mit bloßen Gliedmaßen werden ganze Betonblöcke zertrümmert. Aber könnte es vielleicht sein, dass Eisenstangen auf dem Kopf zu zerschlagen, einfach im Bereich dessen liegt, was mit der richtigen Technik jeder kann? Offenbar bestehen auch andere Menschen spektakuläre Bruchtests, zwar konzentriert, aber wohl ohne Vorstellung vom Chi.

Natürlich respektiere ich die Leistungen der Shaolin. Die Aufopferung und Askese ist bewundernswert, aber es gibt keine nennenswerten Untersuchungen, die die Shaolin von einer guten Akrobatik- oder Kampfsporttruppe aus Köln unterscheiden. Angesichts der generellen Skepsis gegenüber diesen Supermenschen fragen ich nun also: Was ist der Sinn von Meditation. Sind wir dadurch wirklich leistungsfähiger?

Es scheint also, als würde uns die Meditation nur etwas mehr Ruhe im Umgang mit unserem Leben liefern. Ob aber wirklich Leistungsdefizite damit ausgeglichen werden, muss durch gute soziologische Erhebungen untersucht werden. Ob wir dadurch Superkräfte im Körper entwickeln, könnte doch auch an den Sporthochschulen untersucht werden. Wir brauchen einfach mehr Daten und nicht irgendwelche singulären Beobachtungen oder irgendwelche journalistischen Recherchen.

Dennoch möchte ich eins betonen: Ein sehr sinnvolles Kriterium für die Leistung eines Menschen ist für mich das Kriterium der Askese. Askese drückt nämlich die Bereitschaft aus, auf bestimmte Güter zu verzichten, um höhere Ideale zu erreichen. Askese zeigt an, dass etwas nicht leicht zu erhalten ist. Hieran sehen wir, ob es jemand ernst meint und der Wille Leid zu empfangen, um Höheres zu erreichen, stellt für mich den ersten Schritt zur Weisheit dar. Wenn also die Meditation letztlich Askese bedeutet, dann kann diese wohl in gewisser Hinsicht als positiv bewertet werden, denn die Einstellung zielt auf Höheres. Die Frage, die bestehen bleibt, ist schlicht, ob dem Zweck die Mittel angemessen sind. Das heißt Meditation soll nicht den völligen Rückzug aus der Welt bedeuten. Auch Kant warnte uns aus diesen Gründen vor der Introspektion, da diese zu Schwärmerei und Phantasterei führe (http://fibonaccie.blogspot.com/2011/02/kant-und-das-schweigen.html). Ganz so skeptisch sehe ich diese nicht, meine aber Meditation muss weltbezogen bleiben. Warum daher Meditationen nicht als moderne Form der Therapie untersuchen? Der freie Horizont, das Lebensglück des einfachen sich Freiatmens, um noch größere Aufgaben bewältigen zu wollen; nach der inneren Quelle der Motivation, die niemals mehr versiegt, zu graben, was sollte ich daran schlecht heißen? Und dass unter dem wolkenlosen, inneren Himmel der Meditation schließlich auch der Ich-kern schmilzt und das Panorama der Welt zur Ganzheitserfahrung wird, mithin Ethik nun als Lebensaufgabe verstanden wird, das sind alles Dinge, die ich als sehr positiv erachte. Aus diesen Gründen unterschätze ich den Sinn der Meditation nicht, solange dabei nicht sowas herauskommt:

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