Von der Weisheit und den Mönchen (Teil 2)

Der letzte Beitrag war mit dem Wort „Weisheit“ betitelt, stattdessen ging es aber um das innere Erleuchtungsfeuer der Mönche, das oftmals mit Weisheit gleichgesetzt wird. Auch heute werden wir noch über die Mönche nachdenken.

Im Meer der Meditation versunken, schwimmen Mönche auf dem See der inneren Seele und tauchen in die Tiefen ihrer Wirklichkeit. Dort finden sie die in sich ruhende Flamme der Zufriedenheit – eine Flamme, die auf dem Weg des Seins nur sich selbst verbraucht. Ich thematisierte diese innere Flamme und hinterfragte die ontologische Gewähr für das Leuchten aus den Tiefen des Seelengewässers. In den Elementen von Feuer und Wasser sollte die Einheit für die Zufriedenheit liegen. Zwar lässt nun aber dieses helle Feuer den Seelentaucher umso intensiver erkennen, wie dunkel die Schatten der Sinnlichkeit sind, doch woher wissen wir, dass das innere Erleuchtungsfeuer, das wie eine olympische Fackel der Weisheit an Generationen von Suchenden weitergegeben wird, nicht selbst Täuschung ist? Diese innere Zufriedenheit, die die Meditierenden erfahren, lenkt doch die Schüler der Weisheit aus der Wanderung in die unbekannte Welt ab. Anstatt verweilen die Suchenden in der Ernüchterung eines streblosen Meditierens vor Steinen und weißen Wänden. Zufriedenheit verkommt dabei zur Selbstunterdrückung des strebenden Weltgeistes. Das aber rechtfertigen die Mönche mit der Einsicht in die Harmonie. Fortan ist die Welt schön. Im Gleichklang aller Gefühle mit dieser inneren Schönheit verliert die wirkliche Welt ihre Bedeutung. Und hier haben wir angeschlossen, warum sollte dieses Positive auch gut sein?

Dzogchen
Die Welt leuchtet im Innern des Meditierenden

Ich möchte mal ein biologisches Argument bringen. Es könnte doch sein, dass der Hang zur Unzufriedenheit zwar keine persönliche Bedeutung besitzt, wohl aber wichtig ist für das Überleben der menschlichen Gattung. Die These würde besagen: Nur durch die Unzufriedenheit gab es in der menschlichen Gattung Wesen, die immer geneigt waren Bestehendes zu kritisieren und somit Verbesserungen anregten. Dadurch aber konnte die menschliche Gattung überhaupt überleben, da sie immer auf potentielle Gefahren vorbereitet blieb. Die Konsequenz ist nun, dass das persönliche Unglück zwar tragisch ist, aber für die Entwicklung der Menschheit von entscheidender Bedeutung war. Somit könnte es sein, dass wir die Unzufriedenheit in uns gar nicht kurieren können. Gut, dieses Argument ist biologisch und ich argumentiere nur nach der Denkmöglichkeit einer Unzufriedenheit. Ich versuche mit einem biologischen Argument der Unzufriedenheit einen Sinn zu geben. Ob das tatsächlich der Fall ist, das weiß ich nicht.

Ich möchte zudem einwenden, dass vor allem die Einsicht in das Erdulden des eigenen Lebensschicksals auch hervorragend zu den Machtstrukturen in autoritären Systemen passt. Warum die Dinge verändern wollen, wenn wir sie einfach in Zufriedenheit akzeptieren können?

Die Frage transformiert sich also: Ist es möglich, dass Mönche von ihren inneren Entdeckungen zum Narren gehalten werden? Dass alles Wissen, das sie hält, nur ein okkultes Objekt ist und sie eigentlich von der wirklichen Welt abhält? Was wäre meine Alternative? Es scheint als würde ich für eine Mobilmachung im Bereich des Wirklichen plädieren, einen grenzenlosen Erfindergeist, der sich über die Lethargie der inneren Schwärmerei hinweg auf die Welt konzentriert. Und tatsächlich ich bin der Meinung, dass wir als Menschen die Anlage haben, uns durch Übung ständig über uns hinaus zu heben. Ich denke, dass genau diese Fähigkeit Quell der menschlichen Kulturgeschichte ist. Wir wollen das Bessere in die Welt bringen und dieses Unterfangen ist in uns grenzenlos – eine Besteigung der inneren Berge, der Kampf mit den Schweinhunden unserer Unterwelt. Wir kämpfen mit unserer Zufriedenheit der Faulheit und orientieren uns über diese Welt in die Zukunft hinein. Zufriedenheit lässt uns in die Mittelmäßigkeit zurückfallen.

Wir könnten meine Mobilmachungsansprüche auch noch größer denken: Wir wollen das Universum optimieren. Wir wäre es beispielsweise, wenn eine zukünftige Supermenschheit alle Gegenstände im Universum einsammelt und wohlgeordnet nach eigenen Zwecken auslegt? Ein umgebautes Universum also. Das ist eine irrsinnige Phantasie, aber was trieb wohl Mendelejew an, als er das Periodensystem der Elemente strukturierte? Die Wohlordnung des Universums hat er hiermit begonnen, indem er bereits ein Ordnungsprinzip für die auffäligen Elemente unserer Wirklichkeit zurechtlegte. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß es auch nicht. Ist denn bei dieser Phantasie nicht ebenso die Zufriedenheit an der Struktur am Werke, und zwar die Zufriedenheit, die die Mönche bereits in sich gefunden hatten?

Und dennoch: Die Phantasien unserer inneren Kraft denken die Welt immer ein Stückchen weiter als sie ist. Wo Chaos war, soll das Licht der inneren Erkenntnis leuchten und nicht nur verschlossen im Seelenkämmerchen des Meditierenden vor sich hinflackern. Wir träumen mit den Lampen der Wissenschaft in uns andere hellere Wirklichkeiten, die wir auch umsetzen. Wir richten die Scheinwerfer unserer Vernunft weiter als dieses innere Seelenleuchten und nutzen es als innere Energie, um zu wirken. Wir sind Menschen, die sich an die Grenzen des physisch Machbaren aus einem Innen herantasten und mit ihren Handlungen eingefleischte Wirklichkeiten zerfasern und neu gruppieren. Ich behaupte damit, dass das Innere sinnvoll an einem Außen sein kann und zwar dann, wenn es wirkt. Das Außen, so wie es uns begegnet reibt an dem was Inneres ist, nämlich unseren Träumen und Wünschen und aus dieser Grundspannung heraus sind wir. Im Außen einfach zu zerfließen, bedeutet sich das Außen, so wie es ist, als das Richtige einzureden. Aber Menschen können dieses Außen in ihrer Anlage überbieten und neu formieren, verändern, neues entdecken und erforschen. Dieses entfällt bei den Meditationsreligionen.

Ich gebe dem Meditierenden daher nicht Recht, dass alles zerstaubt in ein Nichts zurückfällt. Gut, vielleicht ist es der Menschheit nicht vergönnt, jemals über ihre Grenzen hinauszukommen und wir irren verzweifelter als Odysseus durch die Welt, wobei wir im Gegensatz zu Odysseus die Heimat noch nicht kennen oder gar keine haben. „Metaphysische Obdachlosigkeit“ nennt das der Philosoph übrigens. Sollte tatsächlich der Reichtum des Menschen wirklich zu Staub zerfallen, so haben die meditierenden Mönche Recht gehabt. Doch sie können hierfür keine Gewissheit liefern, nur Scholastik des Verstandes. Warum aber sollte es die Menschheit nicht doch in die Ewigkeit schaffen? Der nihilistische Pessimismus der Mönche betrachtet diese Gedanken letztlich als ein Glasperlenspiel von unreifen Seinskindern. Wir bauen ein paar Sandburgen. Das Imperium aus Dreck ist unser Zuhause. Aber unabhängig davon, ob es Menschenschicksal ist unsterblich zu werden oder in die hohle Hand des Nichts zurückzufallen, ist vielleicht das Experimentieren an der Welt mehr als der innere Rückzug. Vielleicht haben die Phänomene, auch wenn sie wieder im Dunkel der Zeit zurücksinken, doch eine befreiende phänomenologische Kraft, die sie in uns entfalten. Ich möchte daher zwei Kunstbewegungen gegenüberstellen. Die Kunst der Mönche und die Kunst, die sich in den Arbeitsmeditationen der westlichen Welt profiliert hat.

Wir sehen hier, wie die Mönche ein in stundenlanger Kleinstarbeit mit Sand gezeichnetes Mandala zurück in den Staub werfen. Eines können sie dabei aber nicht auslöschen, die innere Qualität, die sie dabei alle in sich gesammelt haben und auch in uns gesetzt haben. Diese innere Qualität hat sich aber am Außen bewährt und erst aufgebaut.

So möchte ich hier die Parallele zur Kochkunst ziehen – der Investition von Stunden in ein Moment, dass uns nicht nur satt machen soll. Kochen ist wie das gezeichnete Mandala, nur dass es in uns kulturgeschichtlich gewürdigt wird als eine Leistung der Menschenvernunft auf ihrem Weg durch das Sein und vielleicht sogar als Moment auf dem Weg in die Unsterblichkeit (so pathetisch das klingen mag)

Mit dem Außen des Kochens möblieren wir unser Inneres und machen es reicher. Wir träumen dabei nicht nur von der Kunst, sondern die Kunst bewährt sich an der Welt und als ein Außen an unserem Innen. Damit aber sind die westlichen Künste in ihren Meditationen weitervorgedrungen als die Mönche, denn unsere Meditationskünste sind auf die Welt gerichtet, die mit ihren Qualitäten niemals nur als ein Nichts gedacht werden kann.

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