Der Mensch als Risikofabrikant (Becks Risikogesellschaft)

Risk Factory
 Finanzindustrie vergibt Großauftrag – Foto von Kyz

Da wir nun in komplexe Welten eingreifen (KUL-Welten) geht Ulrich Beck davon aus, dass Gefahren sich darin räumlich, zeitlich und sozial nicht mehr vollständig eingrenzen lassen. Gefahren verschwimmen an den Grenzen unseres Wissens und des Wissbaren. Sie werden zu Risiken; überall, zugleich betreffen sie einfach alle. Wir kennen Fernwirkungen und Nebenwirkungen nicht mehr genau. Kausalitäten lassen sich nicht mehr eindeutig zuordnen.

Risiken, die wir hier eingehen, sind dabei keineswegs Wirklichkeit, sondern wesentlich Möglichkeit. Es ist etwas womit jeder rechnen muss, aber eigentlich niemand rechnen will. Außer die Finanzindustrie, die zu gewissen Graden ein Dealer der Risiken geworden ist. Gerade das Unberechenbare bietet sich als Form eines seriösen Wettmarktes an. Risiken sind daher erwünscht. Welches Risiko besteht aber bei Eingriffen in die Natur? Wir sehen ja keine direkte Gefahr, ansonsten würden wir die Finger davon lassen. Was meinen wir also mit Risiko?

Wir meinen die Unsicherheit, die wir uns bei jeder Handlung unter Unsicherheit stellen müssen. Die Antwort über die Größe des Risikos aber hängt ab von kulturellen Einflüssen und Interpretationen, denn wir beziehen uns nicht mehr auf die Natur an-sich, sondern diese hängt, wie im Artikel über die Konstruktion der Natur gezeigt, von den Interpretationen der gesellschaftlichen Gruppe und den Lebensräumen ab. Damit aber bewegen wir uns im Rahmen von konstruierten Wirklichkeiten, die vielleicht entscheidende Details weglassen. Welche Variablen isolieren wir und welche haben wir womöglich vergessen?

Auch die Gefahr ist abhängig von der Lebensweise des Menschen
Aber nicht nur das Risiko, sondern auch schon die Gefahr ist ursprünglich in Abhängigkeit von uns strukturiert. Unter dem Eindruck der Gefährlichkeit deuten wir Umweltphänomene um. So wird ein Erdbeben auf der Erde zu einer Katastrophe, während Wüstenstürme auf dem Mars eigentlich niemanden interessieren. Natürlich was unser Leib und Leben gefährdet ist eine Gefahr. Damit sind Gefahren nicht direkt konstruiert, aber dennoch werden die Gefahren indirekt von der Gesellschaft konstruiert. Im gesellschaftlichen Maßstab transformiert sich ein nüchterner Prozess in ein gefährliches Ereignis. So sind Tsunamis zum Beispiel deswegen ein Problem, weil wir Gesellschaftsgruppen haben, die zu nah am Wasser gebaut haben. In diesem Sinne ist die Realität der Bedrohung vom Konstruktionspotenzial der Menschen abhängig. Zu einem gewissen Maße entscheidet die Menschheit, welche möglichen Gefahren sie in Form von Risiken bereit ist, einzugehen. Risiko und Gefahr sind daher zu gewissen Graden auf das Verhalten von modernen Gesellschaften zurückzuführen. Sie sind selbst fabriziert.

Die Natur der Gesellschaft oder die Gesellschaft der Natur? – Zum Dualismus
Aufgrund verschiedener Lebensstile und gesellschaftlicher Gruppen gibt es verschiedene Naturwahrnehmungen (das haben wir ja schon ausführlich unter „Haben Sie schon die Natur gesehen“ dargelegt): Die sensible Natur der Umweltaktivisten, die Natur des Touristen, die robuste Natur des Managers und wesentlich für unsere Überlegungen die Natur der Naturwissenschaftler. Nach Beck interessiert uns die Natur an sich jedoch relativ selten (vielleicht den einsamen Sternenforscher in der Sternwarte, wenn er nicht gerade vom weltweiten Ruhm träumt oder ein Sternensystem für die eingeschränkte Ewigkeit der Menschheit nach sich benennen möchte), sondern uns interessieren in der Regel nur verschiedene Vergesellschaftungsformen und symbolische Vermittlungen der Natur. Eine Erkenntnis ohne Interesse scheint mir schwerlich vorstellbar (ich folge dabei Habermas‘ grundlegender Streitschrift der 60er Jahre „Erkenntnis und Interesse“). Natur und Gesellschaft verschmelzen daher nach Beck, was das Erkenntnisproblem dramatisch verschärft. Wir haben es nicht mehr mit einem Ingenieur zu tun, der sich überlegt, wie er mit konkreten Problemen umgeht, sondern wir denken darüber nach, wie die Menschheit eigentlich Gefahren und zwar nur durch Anwesenheit produziert und dann auch Gefahren fabriziert, wenn versucht wird einzugreifen. Wir haben daher zwei Gefahren, die Gefahren, die wir durch bloße Anwesenheit hervorrufen und dann die Gefahren, die wir durch konkretes Verhalten als Risiken aufbrinen. Da wir sowohl die Natur als auch die Folgen unseres Verhaltens nicht kennen, sind wir vor eine doppelte Ungewissheit gestellt.

Becks Risikogesellschaft
Das Relfexivwerden der Moderne in Form des Umweltbewusstseins zeigt diese Bewegung unserer Gesellsschaft. Atomschlagartig ist es für Politik und Industrie auf einmal wichtig, auf die Umwelt zu achten. Wenn die Industrie daher mit Rücksicht auf die Umwelt produziert, so können wir hier von einer Reflexion sprechen. Dennoch sind diese Reflexionen institutionell zu gewissen Teilen fehlgeleitet. Hierzu lese ich gerade das Buch „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck. Morgen gibt es mehr dazu.

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