Haben Sie schon mal die Natur gesehen? Überlegungen zum sozialen Wissen von der Natur

Earth Asia Terminator View
Was können wir über komplexe Welten wissen?

Dass eine Veränderung des Umweltbewusstseins nicht zu einer Veränderung des Umweltverhaltens führt, gilt in der Soziologie als weiterer Beleg für die generelle Theorie der Einstellungs-Verhaltens-Relation. Der lange Weg vom Kopf zur Hand kann als Beleg gewertet werden, dass teure Aufklärungskampagnen nur minimale Effekte bei Verbrauchern auslösen. Inwieweit können wir also nun Verbraucher zum nachhaltigen Umwelthandeln bewegen? Durch Sanktionen und Anreize lautet die Lieblingsantwort der Rational-Choice-Theoretiker. Sanktionen und Anreize werden aber nur erhoben, wenn auch politischer Wille gegeben ist, zum Beispiel der Wille Klimaziele einzuhalten. Der politische Wille aber ist wieder umgekehrt von den Einstellungen der Bürger abhängig (Bei der AKW-Abschaltungsdebatte können wir dies ja jetzt sehen). Daher kann es nicht Unsinn sein über Umweltbewusstsein zu reden, denn beim Einzelnen hat es vielleicht keine Konsequenzen, aber es hat Auswirkungen auf die Gestaltungen der Rahmenbedingungen unseres Systems.


Nachdem wir also die Intuitionsprobleme Dörners im Hinblick auf KUL-Welten analysiert haben, kommt nun die eigentliche Schwierigkeit. Die Frage, wie wir die KUL-Welt überhaupt, nämlich unsere Erde, in den Blick bekommen und wie wir als Gesellschaft reagieren auf mögliche Umweltprobleme. Ich glaube daher nicht, dass Dörner nur ein Intuitionsproblem diskutierte, so wie Klaus Waldmann eine mögliche Interpretation vorschlug. Nach Dörners Darlegungen im Band zur Umweltsoziologie denke ich, dass auch die Frage, wie wir strategisch mit KUL-Welten umgehen zur Debatte steht.

Dualismus von Natur und Gesellschaft
Während natürlich Ingenieure sich mit den dramatischen Schwierigkeiten in Drittweltländern herumschlagen (was wichtig ist), dabei aber Bedingungen des Handelns noch gut isolieren können, kommen wir zu der Frage, wie wir mit einem überkomplexen von uns konstruierten System umgehen. Dieses wird in der Umweltsoziologie sogar so weit gefasst, dass wir nicht nur von einer abgetrennten Natur sprechen, sondern von einer Natur, die nur vergesellschaftet und symbolisch vermittelt existiert. Zum Beispiel die Natur des Manager, des Touristen, des Naturwissenschaftlers oder des Öko-aktivisten. Dieses erschwert nochmals die Bezugnahme auf die Natur, weil es sie als offenen Gegenstand, der nur in Gesellschaftskreisen existiert, nochmals komplexer macht. Warum das? Nun wissen Sie, was Realität ist? Wir kennen doch nur einen Teil von der Welt, aber wollen diese sogleich doch so behandeln als wüssten wir, wie sie funktioniert. Weil wir aber die Natur als Ganzes nur annehmen, können wir die Natur nicht mehr als Gegenstand außer uns behandeln, sondern behandeln auch immer zugleich die Natur, wie sie für uns als Bewusstsein erscheint. Genau genommen behandeln wir auch unser Bewusstsein, so wie Hegel es dachte, dass wer einmal angefangen hat Wissenschaft zu betreiben, bei den ständigen Korrekturen durch das wissenschaftliche Arbeiten, irgendwann vom Selbstbewusstsein zum absoluten Geist kommen würde. Wir diskutieren hier also vorrangig unsere Vorstellungen von der Natur und nicht die Natur. Diese Vorstellung von der Natur werden ständig im Verbund mit hinzukommenden Vorstellungen korrigiert, so dass wir nicht in einen bodenlosen Konstruktivismus abdriften. Zwar ist uns das An-Sich der Natur nicht zugänglich, aber es wirkt im Hintergrund unseres beständigen Korrigierens unserer Betrachtungen und Bezugnahmen. Beim Umwelthandeln müssen wir also auch immer unsere Gesellschaft und ihren Bezug auf die Natur verstehen.

Wir wollen also unsere gesamte Gesellschaft verstehen, die untrennbar mit dem Schicksal der Natur verbunden ist und selbst nochmal ein Stück zweiter Natur ist, daher fragen wir vereinfacht: Wie kommt unsere Gesellschaft zum Umweltbewusstsein? Wie gewinnt das Umweltbewusstsein der Bürger Einfluss auf die Politik? Wie kann die Politik Umwelt behandeln, wenn sie denn nur nach unseren Vorstellungen von der Natur reagiert? Ich möchte zunächst die erste Frage thematisieren (ich weiß nicht, ob ich irgendwann die anderen Fragen behandeln kann):

Die Vorstellung der Natur als endliche Kugel
Wir müssen doch überlegen, dass das Umweltbewusstsein schon allein eine herausragende Leistung der Moderne ist. Ein Mensch im Mittelalter dachte wohl noch, dass die gesamten Ausdünstungen, die die Menschheit produzierte, wohl eher in der Unendlichkeit der Welt und des Alls verdampfen würden. Als die Welt noch so groß war, dass sie nur als Scheibe einen Sinn „machte“, gab eine scheinbar unerschöpferliche Natur selten Anreize über diese als Ganze nachzudenken. Aber das Unendliche wurde mit Kolumbus und später mit den Blicken von Nils Armstrong auf den blauen Mutterplaneten nach und nach durch Begriffe der Endlichkeit ersetzt. Heute glaubt doch nur noch der rein profitbesessene, hartgesottene, amerikanische Republikaner an die Unerschöpflichkeit der Natur. Da es für viele schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist, müssen wir nochmal überlegen, dass Umweltbewusstsein keineswegs selbstverständlich ist und dann stellt sich ja auch noch die Frage, welches Umweltbewusstsein wir wollen.

Global Warming. The Earth became the newest Waterworld.
Wir wissen vielleicht dass die Erde eine abgeschlossene Kugel ist, behandeln sie aber wie eine grenzenlose Scheibe Foto von Cherrylynx

Die Frage nach dem Weg von Öffentlichkeit mit Umweltbewusstsein zu einer Politik sind nun sehr komplex. Luhmann betrachtet zum Beispiel die verschiedenen Systeme Politik und Öffentlichkeit als unterschiedlich codiert (Ein Bankautomat versteht zum Beispiel nur Zahlen und Nicht-Zahlen. Wenn der Bankautomat nicht-zahlt, so haben wir keine Möglichkeit das mit dem Bankautomaten auszudiskutieren. Wie wir kommunizieren und Bankautomaten sind unterschiedliche Systeme.) Auch die Politik sei demnach binär codiert (Wiederwahl oder Nichtwahl) und reagiere daher nach ihren Systembedingungen. Die Diskrepanzen bei den Bürgern zwischen langfristigen Wünschen nach umweltgerechten Bedingungen des Lebens und deren kurzfristigen Interessen an finanziellem Wohlstand lassen Entscheidungen der Politik eher in Richtung Wirtschaft tendieren, da Legislaturperioden ja relativ kurz sind. Dieses zeigt sich im Übrigen, dass in Phasen des Wohlstands Menschen das Umweltthema in politischer Hinsicht als höher bewerten und die Politik Umweltthemen eher auf die Agenda hebt. Nach Luhmann hat das Politiksystem daher nur eine geringe Resonanz für das System der Öffentlichkeit und nur in Ausnahmesituationen öffnen sich diese Systeme.

Soziales Wissen von der Natur
Dieses Thema aber müsste noch gesondert bearbeitet werden. Bevor wir allerdings als Bürger etwas von der Politik erwarten, steht die Frage aus, wie wir gesellschaftlich Umweltprobleme überhaupt in den Blick bekommen. Da diese Umweltprobleme als Bestandteil von KUL-Welten nicht direkt wahrnehmbar sind, ist hier eine Vermittlung durch Medien und eine Darlegung aus der Wissenschaft nötig. Dieses aber bedeutet auch, dass wir keine sinnliche Gewissheit mehr von der Umwelt erlangen. Wir denken über sprachliche Konstrukte nach, die sich nach wissenschaftlichen Methoden irgendwie auf Welt beziehen sollen. Wir erzeugen das Wissen über die Natur sozial. Ich nenne es daher soziales Wissen. Wir erzeugen wir aber dieses Wissen? Wenn es zum Beispiel nur noch um geringe CO2-Konzentrationen ist es weither mit eindeutigen Kausalitäten. Wir gehen dann eher von Grenzwerten und Risiken aus. Dieses möchte ich später diese Woche in den Blick heben.

Amerikaner und der Klimawandel
Das heißt nun, wenn Wissen sozial ist, dass der Wissensstand von der Gesellschaft abhängig ist. Und tatsächlich: Im Denken eines durchschnittlichen Europäers ist der antropogene Klimawandel zum Beispiel beschlossene Sache, während bis zu 50% der Amerikaner noch nicht mal an Klimawandel glauben. Es gibt Reportagen, die die Argumente von Klimaskeptikern so gut verdichten, dass selbst der gut gebildete Bürger das Gefühl bekommt, Klimawandel gibt es nicht. Ich habe mich mit diesem Problem auf einem anderen Blog (der grüne Planet) auseinandergesetzt. Da selbst der IPCC (Intergovermental Panel of Climate Change) medial diskreditiert wird (es heißt, es werden nur Wissenschaftler, die die These des antropenen Klimawandels vertreten, ausgewählt und Gegenstimmen verschwiegen), stellt sich die Frage, warum wir uns einbilden, über Klimawandel Bescheid zu wissen. Viele meiner Freunde (Biologen, Physiker, Mathematiker) argumentieren dann schnell, dass dies so offensichtlich wäre, so als würden wir uns ans Fenster stellen und die Hitzewellen und Feuerstürme am Horizon sehen. (An anderen Tagen wird dann im Übrigen die Frage diskutiert, wann es mal wieder richtig Sommer werde, so wie er früher einmal war.) Offenbar ist der Klimawandel nicht Teil unserer Warhnehmung, denn es können ja nicht 50% der Amerikaner an Fehlwarhnehmungen ihrer Umwelt leiden. Klimawandel ist ein schleichendes, langsam wirkendes Gift, dass wir nur mit Instrumenten, Statistiken und mit Bildung erfassen. Es ist ähnlich wie wir wie die Belastung mit Giften oder Radioaktivität nicht spüren.

Verschwörungstheorien und der Klimawandel
Aber selbst wenn wir annehmen, dass Klimawandel gut wahrnehmbar wäre, so stellt sich die Frage, warum wir glauben, dass dieser vom Menschen verursacht wäre.Verschwörungstheoretiker glauben beispielsweise, dass eine solch geringe Menge von CO2 in der Athmosphäre niemals Klimawandel auslösen würde und halten das Ganze für eine breitangelegte Verschwörung. Hier mal ein Beispiel (hört mal kurz tein)

Nun ja zu dem Herren Conrebbi und seinen Argumentationsstrategien werde ich im Juli kommen. Da werde ich zu vielen Argumentationen der Verschwörungstheoretiker Bezug nehmen. Aber eins will ich hier mal andeuten: Nur weil etwas plausibel ist, heißt das noch nicht, dass es auch der Wahrheit entspricht. Wir werden das dann diskutieren. Eine Lösung für das Wahrnehmungsproblem liefert das Gallup-Institut, die 10.000 Klimawissenschaftler in den USA befragt haben. Demnach glauben über 90% der Wissenschaftler, dass es Klimawandel gibt. Wenn wir uns auf solche Statistiken berufen, können wir davon ausgehen, dass wir entsprechend wahres Wissen haben, auch wenn es nicht auf unserer Eigenwarhnehmung beruht. Allerdings müssen wir mit dem Vertrauen in die Wissenschaft auch vorsichtig sein, wie ich diese Woche noch über Grenzwerte argumentieren werde, heißt nicht, nur weil Wissenschaftler keinen Zusammenhang zwischen bestimmten Schadstoffen und Krebs zum Beispiel korellieren können, dass dort kein Zusammenhang ist. Wir müssen es bei den Wissenschaften so nehmen, wenn die Wissenschaften Zusammenhänge nachweisen, dann können wir das als sehr gesichert annehmen, wenn die Wissenschaften etwas noch nicht nachweisen, heißt das für uns einfach mal nichts. Zu den Gründen komme ich dann.

Eine wesentliche Frage aber ist jetzt: Wie entsteht eine dermaßen große Diskrepanz zu der Meinung der Bevölkerung in Amerika und den Wissenschaftlern in Amerika? Nun dazu müssten wir wahrscheinlich Medien- und Politikanalysen durchführen. Unterste Ursache ist aber, dass wenn wir über Umwelt sprechen, nicht über Erfahrungswissen reden, sondern über institutionelles Wissen, darunter verstehe ich Wissen, dass wir nur durch Institutionen erreichen können. Und dieses Wissen ist schneller diskreditierbar als Erfahrungswissen.

Lieber Leser, Sie merken schon, ich komme aus dem präliminieren meiner Überlegungen zum Umwelthandeln nicht hinaus. Es ist ein komplexes Thema, wie ich es nicht erwartet hatte, aber hätte erwarten sollen. In der Regel denken wir doch, wenn wir alle schon recyceln und weniger Energie verbrauchen klappt das schon. Die Sachverhalte sind anders. Ich werde diese Woche noch viel zu diesem Thema veröffentlichen, bevor ich zu anderen Fragen zurückkomme.

Abschließend möchte ich Ihnen noch folgenden, kleinen Artikel empfehlen. http://fibonaccie.blogspot.com/2011/05/die-risikogesellschaft-und-der-das-ende.html

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