Archiv fü Kategorie Grenzen der Menschheit

Ein kurzes Gespräch zur Zeit mit Alfred Eisleben – Über das kausale Verständnis der Gesellschaft und Trump

26. Dezember 2016

Lässt sich der Trend der Globalisierung zurückdrehen? Können wir zu nationalstaatlichem Denken zurückkehren? Ich glaube, dass hier die Einfalt eines Kausaldenkens dominiert, dass sich nicht auf komplexe Gesellschaftsmuster übertragen lässt. Im Folgengenden daher ein fiktes Gespräch mit Peter Sloterdijk, mir un Alfred Eisleben

Zu einer Theorie der Kaualität in Gesellschaft:

Norman Schultz: Aus wissenschaftlicher Perspektive erkennen wir die Komplexität von Realitätsstrukturen. Wir interpretieren viel, können jedoch wenig voraus sagen. Donald Trumps Wahlsieg war von wenigen vorhergesagt, die sich nun als Propheten rühmen. Wie können wir unser Umfeld, den Staat, Staaten und soziale Gebilde verstehen?

Alfred Eislebe

n: Da das Soziale keine eindimensionale Kausalität besitzt, lässt es sich auch nicht mit üblichen Experimenten erfassen. Wir können nicht kausal bestimmen, was einen Krieg bedingt oder eine Revolution entstehen lässt. Kausalität ist gemacht für ein Universum, zusammengesetzt aus Billiardkugeln. Unsere soziale Realität hingegen ist ein Wechselwirkungsfeld, wobei vielleicht ein gutes Maß an Zufall mit hineinwirkt. Es ist wie mit einem Baum, bei dem sich nicht sagen lässt, ob die Blätter der Grund für die Wurzeln oder die Wurzeln der Grund für die Blätter sind. Donald Trump hat gewonnen. Nun aber einzelne Ereignisse als kausal zu bestimmen ist schwierig und ist eher ein weniger intelligentes Unterfangen. Die Ironie an der Sache ist, dass Trump sich dieser Erklärungsmuster gerne bedient.

Sloterdijk: “Es gibt in den Sozial- und Politikwissenschaften seit Langem ein gewisses Bedauern darüber, dass man mit Gesellschaften, Kulturen und Staaten im Ganzen keine kontrollierten Experimente durchführen kann. Stets bleibt man auf die Beobachtung von Originalgeschehnissen aufgrund wirklichkeitsbildender Entscheidungen angewiesen, ohne eine vergleichbare Zweitwirklichkeit studieren zu können, in der alternative Entscheidungen zu anderen Geschehnissen führen.” würden.” http://www.zeit.de/campus/2012/04/kapitalismus-liebe-soziolgie/komplettansicht

Alfred Eisleben: Das kontrollierte Experiment ist eben auch nur ein Erfindung und das Experiment “Experiment” scheitert an der Komplexität der Gesellschaften. Hier lassen sich erstens aufgrund aller Risiken keine Experimente durchführen. Die ethischen Konsequenzen wären einfach zu dramatisch. Zweitens sind die Ereignisse ohnehin nicht durch korrekte Beobachtung isolierbar. Stattdessen leben wir in einer Zweitwirklichkeit der Gedanken und fragen uns ständig in Gedankenexperimenten, wie die Welt denn nun wirklich aussieht oder hätte aussehen können. Unser diskursives Denken führt entlang relativ starrer Schienen und selbst viele, die sich kritischen Denkens rühmen, fallen dabei auf diese Strukturen herein.

Norman Schultz: Der Witz ist ja gerade der, dass gerade gebildetere Menschen sich schneller aufgrund einer bestimmten, vermeintlich besseren Grundausbildung zu einem radikalen Paradigma bekennen. Das Bildung daher eine kritische Dimension besitzt, gilt mittlerweile als empirisch problematisch. Es ist eher so, dass je gebildeter ich bin, desto geschickter wähle ich die passende Antwort oder Statistik. Ein ähnlicher Fall sind die Treppenwitze. Im intellektuellen Kapazitätsvergleich verfolgt uns ständig ein zu spät gekommenes Genie, das die zuvorige Situation schon hätte richtig behandeln können. Später auf der Treppe fällt uns dann der richtige Witz ein. In der Reflexion korrigieren wir kognitive Dissonanzen und führen unsere Argumente unter der Dusche zu Ende.

Sloterdijk: “Konjektural-Geschichte”, die Frage nach dem “[w]as wäre gewesen, wenn”. Das sind die “rationalen Spekulationen”, die versuchen, die “Plastizität des Zufälligen in der Geschichte” zu verstehen. Aber in Wirklichkeit ist das “Reale selbst variantenträchtig”. In den “Centenar-Veröffentlichungen zum “Ausbruch” des Ersten Weltkrieges” “wird die Geschichte eines “völlig überflüssigen” Krieges klar, “dessen Auslösung der Zufall, die Fahrlässigkeit und die Verblendung” war.

Alfred Eisleben: Das Wirkliche ist in seiner Explosion in die Möglichkeit eben nicht vollständig entschlüsselbar. Die Geschichtssplitter fliegen uns wie von einer Explosion ausgelöst um die Ohren. Wir versuchen noch in einer gewaltigen Anstrengung die Vergangenheit zu ordnen und zu erfassen. Daher kann ich auch die Zukunft nicht vollständig prognostizieren, wir sind noch immer mitten im Urknall der Geschichte involviert. Es kommt daher darauf an, in dieser Chaoswelle intelligent zu raten.

Norman Schultz: Sloterdijk referiert an dieser Stelle pathetisch auf Macbeth und betont, dass “das Leben [...] ein Märchen [sei], erzählt von einem Idioten, voller Klang und Raserei, signifying nothing.” Es sei ein “offene[s] Spiel des Werden-Könnenden auf dem Weg zur Gerinnung ins Faktische”. Alfred Eisleben sieht daraufhin die Zeit als eine Temperaturbewegung, einen Kältesturm, der über eine heiße Gegenwart hinwegfegt, die ein gefrorenes Eismeer von Faktizität hinterlässt. Dieser “gefrorene Eisblock der Vergangenheit” ist auch in der Menschheit angelegt, die sich daraus eine Art Zeitpalast gebaut hat, der durch die Tore von Archiven betreten wird. Zeit wird für den Menschen nutzbar und instrumentalisierbar. Geschichten sind Propagandainstrumente, die Völker kausal gegen imaginäre Feinde mobilisieren. In der Tat aber werden sie gegen sich selbst mobilisiert, wenn sie dann den Diktatoren ihre Stimme leihen.

In der Krise werde uns allerdings bewusst, dass diese Geschichten nur endliche Fabrikate des Menschen sind. Sloterdijk argumentiert zum Beispiel: Krisen bedeuten, dass “das komplizierte System der Stützen und Halterungen, die das unüberschaubare Ganze verfugen, viel deutlicher hervortritt als zu ‘normalen Zeiten’.” In der Krise werden die Experten dankbar in ihr Amt gehoben: “Das gibt den Experten für politische Dinge einen Zuwachs an Deutungskompetenz.”

Alfred Eisleben: Der Experte hat allerdings keine Deutungskraft, sondern ist ein fahrlässiger Urlaubsreisender, der gerne Anhalter mitnimmt und sie wie eine Oma berät.

Sloterdijk stimmt zu: [Der ] “Baader-Meinhof-Komplex [sei] eine systemisch bedingte Niederlage des Journalismus, ja des Mediensystems im Ganzen [...]. Faktisch funktionierte die mediale Spiegelung der Anschläge als der intensivste Terror-Reklame-Service.”

Norman Schultz: Experten sind also Nutznießer, Parasiten des eigentlichen Weltbetriebes?

Alfred Eisleben: “Da das Fernsehen in seinem 24 Stunden-Betrieb Informationen erzeugen muss, werden verschiedene Ereignisse ins Licht gezerrt, die statistisch eine untergeordnete Rolle spielen müssen. Was die Menschheit am Ende bedroht ist nicht der Terror, sondern die Umwälzung des Ökosystems. Die wahren Massenverbrechen sind in der Ausbeutung des Tieres und der Pflanzen zu suchen. Experten aber spezialisieren sich auf emotionale Nahkatastrophen. Darüberhinaus widmet sich die Blogosphäre der Produktion von Aufmerksamkeit. Hier wird eine irreale, zuweilen surreale Zweitwirklichkeit monetarisiert. Monetarisierung bedeutet aber die Zweitwirklichkeit des Internets in eine Erstwirklichkeit umzubauen.

Norman Schultz: Sloterdijk empfiehlt “Lenins Dekrete über den Roten Terror von 1918 wieder zu lesen, um zu begreifen, dass Terror nichts anderes als eine Version der Publizistik darstellt.”
Terror ist ein historisches Fabrikat, das Böse hat sich in den Bereich der Medien übersetzt. Mit kausaler Deutungshoheit übernimmt Trump daher sein Amt.
Wir werden einer neuen geschichtlichen Radikalisierung entgegen gehen. Die Diversifizierung im wissenschaftlichen Bereich bedeutet auch eine Amplifikation des Debilen, der Dummheit. Die intellektuellen Unterschichten haben diese Medien unter Kontrolle gebracht. Leider bedeutet eine Revolution der Masse auch immer eine Revolution der intellektuell Herausgeforderten. Selbst Bildung kann dabei nicht mehr die kritische Funktion in unserer Gesellschaft übernehmen.

Für das Hintergrundrauschen und eine Erinnerung an die Komplexität empfehle ich den Nasa Lifestream, der bei mir jetzt regelmäßig als Bildschirmschoner läuft.

Ansonsten ist meine Photographie nun auf meinem Instagram-Account zu entdecken:


Doktorarbeit:

Meine Doktorarbeit ist etwas ins Stocken geraten. Ich versuche gerade darzustellen, dass der frühe Marx zwischen Idealismus und Materialismus in Auseinandersetzung mit Hegel anzusiedeln ist. In diesem Sinne untersuche ich Habermas, der Marx in “Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus” als Materialisten voraussetzt. Lesen wir Marx derart, so wird er von einer philosophischen Auseinandersetzung mit der Entfremdung durch Arbeit abgetrennt und als Empiriker betrachtet. Ich halte das für problematisch, denn ich glaube, dass Marx doch normative Gehalte vertritt, die sich nicht empirisch begründen lassen.

Norman Schultz

Pittsburgh 2016

Grenzen der Menschheit (Links)

8. September 2012

Die Zeit rückt fort und ich studiere hier in Pittsburgh (Foucault, Phänomenologie, Brandom und Kant) so für meinen Doktortitel vor mich hin. Die Kurse haben ein gewaltiges Lesepensum und da Englisch nicht meine erste Sprache ist, lese ich deutlich langsamer als meine Konkurrenten (ja Philosophie ist hier schon ein harter Wettbewerb). Ich habe eine Klasse dreimal die Woche, die ich unterrichten soll, aber vorher werde ich merkwürdig unterwiesen, worüber ich noch schreiben muss. Die Zeit rück fort und darüber hinaus habe ich wenig Zeit. Dennoch will ich hier mal wieder eine kleine Linkliste mit sehenswerten Links zu den Grenzen des menschlichen Könnens zusammenstellen.

Fritz Beinke Die Schulschwänzer

Befreiung von der Schule By Fritz Beinke (1842-1906) (Dorotheum) Public domain, via Wikimedia Commons

Natürlich aber verweise ich zuerst wieder auf meinen, neuen Blog. Dort geht es auch um Grenzerweiterungen, allerdings auf einem deutlichen praktischeren Level: Solltet ihr euch zum Beispiel bis zu 100-stellige Zahlen merken wollen oder eine Technik haben, mit der ihr euch einen Fundus an Geschichtsdaten aufbauen könnt, den ihr nicht mehr so schnell vergesst, so präsentiere ich euch dort eine Technik genau dafür. Grob gesagt geht es darum, sich eine Route zu legen und dort mittels einer Verschlüsselungstechnik Bilder abzulegen. Das ganze ist einfacher als ihr denkt und die Grenzen sind mit Kreativität um ein vielfaches erweiterbar. Ebenso habe ich begonnen einen Palast zu bauen und ein Königreich zu errichten, was das bedeutet? Am besten ihr schaut mal in den Artikel rein.

Darüberhinaus habe ich mich mit meiner Schulzeit auseinandergesetzt. Ich war damals besonders gut darin, diese schlecht zu absolvieren und blieb schließlich aus Blödheit einmal wie Kaugummi an der Schulbank kleben. Ich schlage in diesem Artikel außerdem vor, Philosophie als erste Wissenschaft schon in der Schule und zwar von der Grundschule an zu unterrichten, allerdings geht es mir hier weniger um den ethischen Bereich, sondern um die erkenntnistheoretischen Gründe. Die genaueren Gründe dafür lege ich in dem Artikel dar.

Ich habe außerdem noch die neue Sendung von Richard David Precht unter die Lupe genommen und muss sagen, dass er und der Hirnforscher Hüther versagt haben, mal ein neues Konzept von Schule wirklich zu diskutieren. Erstens referieren sie kaum auf Fakten, was ihre Thesen schwammig und allgemein macht und zweitens ist auch von geisteswissenschaftlicher Dialekt (was noch rechtfertigbar wäre) nichts zu spüren. Sie schieben sich eigentlich nur Parolen über den Tisch, die letzten Endes die Schule derart schlecht machen, dass wir glauben sollten, wir wären alle in der Schule verblödet. Aber schaut selbst. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Kratzen, Beißen, Haare ziehen Babyblogger-Rüpel bei der Blog-EM

14. Juni 2012

Leon Rugilo

Fußball-Blog-EM By Template:Revista Siete Días Ilustrados - 1972 [Public domain

Bei der Blog EM gab es also den zu erwartenden Eklat. Die Blogger pöbeln nun frivol gegen Konkurrenten und auch der UEFA-Blog-Vorsitzende Peer Wandiger bekommt in der Kommentarspalte sein Fett weg. Den Europameistern im Bloggen eilt nun ein angeblich negativer Ruf voraus, denn die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Krabbelgruppe, dass die Babyblogs die EM gewinnen.

Was war passiert: Vorzeige-Existenz-Blogger Peer Wandiger hat einiges an Aufwand betrieben und vor allem die bösen und immer erfolglosen Misch-Blogs und auch Babyblogs oder egal was aufgenommen und zugelassen. Ein solches Blogturnier ist durchdacht, denn so kommen doch einige Links zusammen, die den Blog von Peer bei Google-Rankings pushen (wir wollen ja alle im Googlehimmel einen Platz neben Big Brother bekommen). Auf der anderen Seite finden auch neue Blogger auf den Blog von Peer und der Name Peer Wandiger prägt sich, prägt sich, prägt sich. Dies ist die normale Eigenwerbung und es ist überhaupt nichts Verwerfliches daran. Peer veranstaltet eine Mehrwertblog-EM, die mir tatsächlich Spaß macht. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Zur Philosophie und zum Veganismus – Wir brauchen die billige Sojawurst

11. Januar 2012
Majas Sojawursttest

Majas Sojawursttest

Da Maja sich nun auch zur Sojawurst bekennt, ist natürlich auch die Philosophie aus ihrer formalen Halsstarre zu zwingen und endlich ein lange ausgebliebener Blick auf die Ethik des Philosophen zu werfen. Aber erst mal zum Thema:

Maja stellt auf ihrem Blog www.pusteblumenbaby.de sehr richtig fest, dass den meisten es womöglich nicht an Verstand fehle, sondern an Überwindungskunst und Gewohnheit. Bei der Frage nach veganer Ernährung sei dies ähnlich, hinzukommt, dass Menschen hier womöglich auf Genuss verzichten müssten. Daher besteht wohl wenig Hoffnung, dass sich an der Massentierhaltung etwas ändert. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Sido und Bushido bei Lanz – Egophilosophie und Sozialisierung

25. November 2011
Bad Religion

Ego-Philosophen ist angeblich nichts heilig - Bushido und Sido konnten ihre Religion bei Lanz nicht verteidigen

Moralphilosophie im Hinblick auf die Sozialisierung unserer Kinder ist immer wieder ein angeblich heißes Eisen auch die Frage der Integration sei Zündstoff. Markus Lanz hat für diese moralphilosophischen Themen sozialen Sprengstoff in die Talkshow geladen. Der Mann aus Dynamit (Peter Maffay) sowie die Bordsteinaufsteiger Sido und Bushido waren dabei, um ganz üblich über den Zerfall unserer Gesellschaft zu debattieren. Um die Sendung philosophisch zu rahmen, wurde noch der von den Medien erwählte Pressesprecher der modernen Philosophie, Richard David Precht geladen.

Vorüberlegung zur philosophischen Fragestellung, ob Kinder geistig verarmen

Mit der recht amüsanten Diamantbesetzung kamen die beiden Ego-Philosophen Sido und Bushido nicht zu Recht. „Danke Hamburg, kein Danke an Lanz und gleich hallo Berlin“ hieß es schon vor Ausstrahlung der Sendung auf Bushidos Twitter-Seite. Auch Leidensgenosse Sido konnte nicht anders: „Alta Schwede!! Dieser Lanz hat uns nur eingeladen, um uns auseinander zu nehmen!?!?“ Ganz so war es natürlich nicht, denn mit den “Künstlern” wurde noch viel zu seicht argumentiert. Problematisch ist wohl, warum Bushido beispielsweise einen Bambi bekommt. Precht hatte jedoch ganz Recht, wenn er feststellte, dass der Bambi keinen großen Wert besitze und diesen jeder Hollywoodstar bekomme, wenn er gerade zufällig in Deutschland sei. Auch mit der Tatsache, dass Integration bei Bushido und Sido eine Verweichlichung im Fahrwasser des Kapitalismus bedeute, da diese letztlich nur mit Geld integriert wurden, hat Precht sicher Wahres ausgesprochen. Bevor wir das aber diskutieren noch ein paar allgemeinere Anmerkungen. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Sebastian Runde ist der klügste Deutsche? Zur Philosophie der Klugheit

29. Oktober 2011
Do you find my brain? - Auf der Suche nach meinem Gehirn

Der klügste Deutsche? Philosophie der Klugheit (CC_Foto: Daniela Hartmann)

Wer wird der klügste Deutsche? Die Antwort hat jetzt die ARD mit einer pseudointellektuellen Wissensshow nach Telefon-Ted (!!!) beantwortet: Es ist der Duisburger Student Sebastian Runde, der nach der angeblichen Intelligenz der Vielen durch Telefon-Ted ermittelt worden ist. In der Begründung zum Telefon-Ted heißt es, dass die Klugheit vor allem etwas sei, was einem zugeschrieben wird. Aber mal ehrlich: Unter dem Kriterium könnte ja selbst Verona Feldbusch aufgrund der angeblichen Klugheit ihre Dummheit vorzutäuschen gewinnen. Warum sollte denn gerade Klugheit von außen entschieden werden? Würde es sich dann nicht eher um Charisma oder Täuschungsvermögen handeln? Der Telefon-Ted ist nur ein Casting-Gag, der von einem honorierten Professor auch noch in Szene gesetzt wurde. Aber kommen wir mal zur Sache:

Natürlich durfte sich jeder bewerben, ob Hausfrau, Professor oder womöglich gar Philosoph. Mit überragenden Fähigkeiten hat die Show allerdings wenig zu tun, denn in der Regel werden einfach nur Fragen zum Allgemeinwissen gestellt. Zudem gibt es immer noch einen selten dämlichen Praxistest, der wohl vor allem als Showelement bestechen soll. Komplexe Probleme werden dabei kaum aufgeworfen. Daher ist der Gewinner auch niemand Bedeutendes, der schon irgendetwas Großes geleistet hätte. Sebastian Runde ist einfach nur ein Gewinner in einer Show, die mehr mit Glück und Sympathie als mit Klugheit zu tun hat. Im Übrigen war ich überrascht, dass nicht der FIDE-Meister Michael Burscher gewonnen hat.

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Philosophie und Gott – Vom Mann, den niemand kannte

28. Oktober 2011
Pyramid – Sphinx – Granite Temple

Taxonomisch war Gott schon immer der Gipfel, die Spitze der Seinspyramide (CC_Foto Boston Public)

Der Gottesbegriff hat in der Ideenlandschaft der Philosophie wohl eine einzigartige Stellung. So kann die Philosophie und somit jeder Mensch keinen höheren Begriff als “Gott” denken. In einer Taxonomie, gleich ob wir an diesen Mann aus dem Jenseits nun glauben oder nicht, können wir niemals über das, was diese Taxonomie erst begründet hinausgehen. Der höchste Punkt, der allen Schatten wie eine Sonne erst die Kontur gibt, kann nur ein Gott sein. Insofern wir systematisch philosophieren und denken, haben wir daher den Begriff “Gott” immer schon in Anspruch genommen, denn wenn unser Philosophieren auf eine Sache zielt, dann auf die Gesamtheit der Welt und damit auch auf ihren letzten Grund, der als nicht kausal bedingt weder Ding noch Nichts ist.

Die Denkwidersprüche in der Philosophie

Wie dem auch sei, von diesem höchsten Punkt “Gott” entfalten sich sogleich die ersten Denkwidersprüche in der Philosophie: Wäre der Mann aus dem Jenseits doch ein kausal bewegender, so müsste etwas in ihm selbst beweglich sein und somit kausal betrachtet ein Ding unter Dingen. Wäre er nicht Ding, so könnte er nicht kausal bewirken. Doch wäre er Ding, was wäre dann seine Ursache? Kann Gott ein Ding in einer Ecke des Universums sein? So als hätte er sich einen Planeten als Paradies reserviert? Der Zweifel ist nicht auswischbar und wir können Gott nicht nach seinem Personalausweis fragen.  Captain Kirk hatte ja eigens eine ähnliche Diskussion mit einem Gott.

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Philosophie des Schlafes – Nur noch 2 Studen schlafen pro Tag (Teil II)

24. Oktober 2011

Die Effizienzphilosophie eines Steve Palina war Thema des letzten Beitrages. Es ging darum, wie der Mensch nur noch zwei Stunden Schlaf brauchen würde. Das Schlafmodell sieht hier vor, dass im Abstand von 4 Stunden jeweils nur noch 20 Minuten geschlafen wird. Hier gilt es nur noch den REM-Schlaf zu nutzen und schon reicht es, um den ganzen Tag wie ein durchgängig gelebtes Leben zu erfühlen. Selbst die REM-Schlaf-Phasen, heißt es, können bewusst geträumt werden.

Polyphasenschlaf und Gesundheit

Natürlich fragt sich der kritische Leser, ob dieser polyphase Schlaf mit der Gesundheit zu vereinbaren sei. Ich erinnere mich an einen Artikel im Spiegel, den ich vor ca. 10 Jahren las. Dort ging es um einen Mann, der seit 6 Monaten nicht geschlafen hatte. Ein Darmbakterium hatte auf wundersame Weise den Weg ins Gehirn angetreten und dort ein bestimmtes Areal lahmgelegt, das für die Einschlaffunktion zuständig war. Dennoch nach 6 Monaten Schlafentzug erfreute sich dieser Mann bester Gesundheit. Nur seine Konzentration war am Boden. Sein Alltag bestand im Grunde aus Halluzinationen. Das Phänomenale beim polyphasen Schlaf ist allerdings, dass nach einer Eingewöhnungszeit von 2 Wochen die Konzentration auf höchstem Niveau bleibt. Steve Palina beschreibt dies als würde er 24 Stunden bei den Dingen bleiben können. Ich wäre fasziniert von der Idee nicht mehr von Morpheus die schönsten Jahre meines Lebens geraubt zu bekommen. Es wäre endlich Platz für 24 Stunden Philosophie :) Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Philosophie mit Roboterdenkern und Universalsprachen verabschieden

19. Oktober 2011

Tribute To Guitarist Pat Martino - Scan/Edit 03 07

Pimp my Brain (Effizienzphilosophie fürs Gehirn) (CC_Foto: Mikey G Ottawa)

Mein philosophsiches Plädoyer für Hollywood lässt sich also fortführen. Wer einmal in Kalifornien war, der weiß, dass die dortigen Menschen viel Philosophie getankt haben, um diese in alle Bereiche auch tatsächlich einfließen zu lassen. Philosophie ist dort zwar elitär, aber andererseits wollen auch alle elitär sein, ohne dabei abzuheben. Ein vierstelliger IQ wie im Film “Ohne Limit” wäre mit Sicherheit auch in der Philosophie von großem Nutzen. Die Frage ist nur wofür.

Wir wissen, dass in der Philosophie nicht der scharfe Verstand, die Einheit unseres Wissens gibt, sondern die Vernunft in ihrer dialektischen Aufdeckung durch die Geschichte hinweg. Verstand ist immer ein bisschen weniger als das gesamtphilosophische Vermögen unserer Vernunft. Unser Verstand allein begreift nicht, warum es sinnlos ist, über das Vorher des Urknalls nachzudenken. Unser Verstand begreift nicht, dass er immer nur mit den Verstandeskategorien über sich selbst philosophiert und dabei unvermeidliche Fehler immer und immer wieder produziert.

Diese Einsicht der Philosophie geht auch unserem Protagonisten in “Ohne Limit” ab. Die philosophische Einsicht durch diesen Filmverbleibt wohl nun darin: Auch Intelligenz schützt offenbar nicht vor Dummheit. Anstatt über die Fragehorizonte der Philosophie zu den wirklichen Fragen aufzusteigen, versucht der Protagonist sein soziales Umfeld zu kontrollieren und dies ziemlich naiv. Einer fragt sich, warum er, wenn er eine Sprache nur vom Hören lernen kann und Klavier in Perfektion innerhalb weniger Tage erlernt, nicht sofort die Pillen klont, dafür aber einen ahnungslosen Laboranten beauftragt. Einer fragt sich, warum er so komplizierte Wege gehen muss, um Geld zu verdienen. Einer fragt sich, warum er all (ich betone ALLE seine restlichen Pillen) in einer wahnsinnig geheimen Manteltasche aufbewahrt und diesen Mantel aus der Hand gibt. Peinlich dämlich zeigen sich die auf Superintelligenz gepimpten Drogenabhängigen in zu vielen Situationen. Die Schlussfolgerung lautet daher: Intelligente Menschen sind auch nicht unbedingt intelligenter.

Ach, aber für eine gelungene Dramaturgie braucht Hollywood immer noch das Blöde und wer eine ausgepfeilte Philosophie lesen will, der muss sich wohl immer noch mit den Philosophen Platon, Aristoteles, Kant, Hegel und Heidegger herumschlagen. Wenn dann aber einer akzeptiert, dass Superintelligente auch ziemlich blöd sein können, dann ist der Film aufgrund seiner grandiosen Idee ein philosophisches Highlight. Zudem motiviert der Film zu eigenem Nachdenken.

Philosophie des Verstehens

Was also können wir mit unserem Gehirn da oben anfangen? Die Philosophie fragt ja nach den Grenzen unserer Erkenntnis. Nun ich bin der Überzeugung, dass wir allein sehr wenig können. Das meiste Wissen ist soziales Wissen, was sich über eine lange Geschichte in unseren Sozialsystemen angesammelt hat. Dann kommt der Moment in der Menschheitsgeschichte, da verstehen wir unser Gehirn. Nach all meine Recherchen bin ich skeptisch geworden, dass einzelne Erleuchtete das Welttheater betreten und uns die Philosophie gründlich darlegen; es bedarf einer gemeinschaftlichen Philosophie des Verstehens. Die Hermeneutik hat ihr schon einiges geleistet.

Natürlich ist es Quatsch, dass wir nur 20% unseres Gehirns nutzen und es möglich wäre, mehr davon in Gebrauch zu nehmen. All die esoterischen Heilsversprechen der 90er sind mächtig überzogen. Zum Genie gehört vor allem eins: Arbeit. Der Philosoph Kant beispielsweise hat auch nicht mehr als eine ungeheure Verdichtung vorangegangener Philosophien erreicht. Ein hellerleuchtetes Gehirn, das bewirken eigentlich nur chemische Waffen, die die Dimension von epileptischen Anfällen bei Weitem übersteigen. Arbeiten könnten wir damit nicht mehr, sondern würden uns womöglich im Schmerz oder Autismus verlieren; uns zu Rechenidioten oder blindwütigen Sammlern verformen.

So wie nach den richtigen Meditationstechniken geforscht wird, forschen Forscher schon lange nach der richtigen Chemokeule zur Intelligenzerhöhung. Bei Youtube gibt es dann interessante Dokumente, wie CIA-Mitarbeiter auf LSD auf Bleistifte starren und einfach mal ihren LSD-Flash schieben. Die Gedanken zur Aktivierung unseres Gehirnpotenzials übersehen folgenden Aspekt: Die Reduktion auf das Wesentliche im Gehirn gibt Orientierung, nicht die Nutzung aller Synapsenenden.

Zu Computern in unserem Gehirn.

Dennoch glaube ich, dass bald schon Computer unsere Künste in der Philosophie überragen werden. Computer werden intelligenter und ich sehe keinen Grund anzunehmen, warum sie nicht irgendwann den Leistungen des Menschen auf allen Ebenen gleichziehen und sie dann überholen. Für mich stellt sich eher die Frage, ob die Rasse der Menschheit sich in Selbstkränkung zurückzieht oder den philosophisch-moralisch fragwürdigen Versuch der Bioaugmentation unternimmt. Wenn wir tatsächlich auf die Überlegenheit der Computer setzen, die uns positiv nützen werden, dann werden wir uns vielleicht auch – als dritte Option – irgendwann wie Zootiere selbst halten, weil wir die Beherrschbarkeit der Welt durch Computer selbst nicht mehr durchdringen können. Computer werden uns womöglich mit undurchdringbarer Rechenpower vorgeben, was wir nicht verstehen könn. Vielleicht liegt aber auch eine positive Hoffnung aus dem Dialog von Mensch und Maschine lernen zu können. Der Philosoph Heidegger versuchte dies ja als das Wesen der Technik zu bestimmen.

Zu den philosopischen Grenzen der Sprachen durch Superintelligenz

Als ich mich fragte, was ich harmloser Philosoph wohl mit der Superpower eines Megabrains machen würde, kam mir der Gedanke, dass ich einige Sprachen lernen würde. Dann fragte ich mich, wie wohl eine Gesellschaft aussehen würde, in der alle diese kleinen Pillen schlucken würden. Welche menschlichen Horizonte des Verstehens könnten wir dann durchbrechen? Wäre dies der nächste Schritt in unserer Wissensexpansion?

Mit diesen Intelligenzpillen könnten wir wie im Film “Ohne Limit” Sprache erlernen, indem wir sie einfach nur hören. Dies würde letzten Endes bedeuten, dass wir überhaupt keine Sprache mehr lernen müssten, weil wir uns jeder Zeit sofort auf die Sprache des anderen einstellen könnten. Dies wäre wohl die größte Hoffnung der Philosophie endlich zu einer Universalsprache durchzudringen, die nur noch das Sagbare und Verstehbare enthält und alles Geschwätz in sich dialektisch verabschiedet. Die Folge wäre, dass wir keine Sprachen mehr hätten, sondern einfach nur noch miteinander sprechen müssten.

Fremdsprachen zu erlernen, wäre ab sofort kein kommerziell rentables Geschäft mehr. Dennoch scheint sich der Studiengang der Fremdsprachen auch ohne Wunderpillen zu verabschieden. Da ich gerade viel Zeit investiere, um Chinesisch zu lernen, schockiert mich etwas folgendes Video:

Douglas Adams Bubblefish lässt grüßen. Dieser kleine Fisch wird im Ohr der Anhalter in der Galaxis eingesetzt und übersetzt fortan alle Sprachen. Mit Google brauchen wir also bald keine Ultraintellegenz mehr, weil auch hier uns ein Computer das ganze intellektuelle Gedöhns einfach mal abnimmt. Irgendwann fangen Computer auch an für uns zu denken und zu philosophieren. Die Frage ist nur, was ich dann als armer Philosoph dann machen soll, wenn Philosophieroboter mir meine Professorenstelle klauen. Wenn die Kränkung durch Technik zu tief geht, muss ich wohl auch Komiker des seicht Menschlichen werden, soll heißen, ich werde Esoteriker werden müssen.

Norman Schultz

Philosophie und der Hunger – Ist Welthunger ein überschätztes Problem? (Teil 1)

8. Oktober 2011

Philosophie und Hunger warum sollten diese beiden “Sachverhalte zueinander passen? Nun die Philosophie beschäftigt sich mit den Grenzen unserer Erkenntnis. Wenn es stimmt, dass die Grenzen unserer Erkenntnis in einer philosophischen Frage, nämlich in der Frage “Was ist der Mensch” verborgen liegt, dann liegt es unter anderem nah die existentiellen Bedrohungsszenarien aufzusuchen und ihren Durchstoß zur so genannten philosophischen Existentialität zu untersuchen. Wie bedroht der Hunger uns Leben und wie erlangt er dadurch philosophische Bedeutung? Gerade für Asketen spielte diese Möglichkeit der philosophischen Selbstzurücknahme immer wieder einen Weg in die philosophische bis religiöse Erkenntnis. Bevor wir diesen philosophischen Weg allerdings gehen, möchte ich zunächst das Problem des Hungers überhaupt betrachten und zeigen, dass wir in unserer Gesellschaft tatsächlich den Hunger zunehmend besiegen.

Hunger als philosophisch-existentiale Bedrohung
Hamsun schreibt in seinem Roman “Hunger”:

„Ich hatte es ganz deutlich bemerkt, immer wenn ich längere Zeit hungerte, war es gleichsam, als rinne mein Gehirn langsam aus dem Kopf und als würde er leer. Das Haupt wurde leicht und abwesend, ich fühlte seine Schwere nicht mehr auf meinen Schultern, und ich hatte das Gefühl, dass meine Augen allzu weit geöffnet glotzten, wenn ich jemand ansah.“

In dem Roman “Hunger” verfolgt der Leser den Bewusstseinsstrom eines Mannes, der unter der psychischen Belastung des Hungers, um ein Leben in Würde kämpft. Der Roman lehrt: Es mag sein, dass einige elegante Männer durch die Welt spazieren. Der Stil zeigt sich aber nicht darin, dass einer sich einkleiden kann, wie es ihm mit unermesslichen finanziellen Möglichkeiten beliebt, sondern, dass er mit der Armut sich noch die entsprechende Würde in einer umfassenden Philosophie zu geben weiß.

Philosophie und der Wahnsinn des Hungers
Natürlich gilt dieses philosophische Gebot der Würde nicht absolut. Als am 20. November 1820 der Walfänger Essex von einem Pottwal gerammt wurde und schließlich sank, begannen die Matrosen, die sich auf kleinen Walfangbooten gerettet hatten, nach mehreren Wochen die ersten Toten zu verspeisen. Bald schon losten die halb verhungerten Seeleute aus, wer als nächstes getötet werden würde. Als sie schließlich von einem anderen Walfänger gerettet wurden, heißt es:

„[D]ie Haut mit Geschwüren übersät, nagten die Schiffbrüchigen mit hohlwangigen Gesichtern an den Knochen ihrer toten Kameraden. Selbst als schon die Retter herbeieilten, wollten sie nicht von ihrem grausigen Mahl lassen.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Essex_%28Walfangschiff%29)

Es steht uns nicht zu, ad hoc über dieses Verhalten philosophisch-moralisch zu urteilen. Die Entscheidung ist die Wahl zwischen Pest und Cholera, entweder elendig sterben oder menschenunwürdig überleben. In der Philosophie heißt es, insofern bei einem Schiffsbruch noch ein Stückchen Holz im Meer treibt und dieses Stückchen Holz nur einen tragen kann, dass jeder das Recht hat, um sein Leben gegen Andere zu kämpfen und so ist es nicht nur philosophisch, sondern auch in unserer Rechtssprechung. Ich erspare dem Leser hier weitere kannibalischen Beispiele, möchte aber anmerken, dass aufgrund solcher Einsichten auch zum Tode Verurteilte rückwirkend begnadigt worden sind. Vorrangig zeigen uns diese Beispiele zumindest philosophisch, dass Hunger den Menschen zurückverwandelt in das Tier, das er ohne die Sicherheit der Kultur wäre. Der Hunger treibt zurück in den Instinkt. Ob weise Philosophen, die ihren Instinkt unter Kontrolle hätten, sich bei einem Schiffsbruch aber geschickter verhalten würden, ist unklar. Womöglich würden Sie darauf bestehen, dem anderen das letzte Stückchen Holz zu überlassen und im endlosen Disput darüber, wer denn nun das Stückchen Holz nehmen solle, ertrinken.

An welche philosophischen Grenzen und der Hunger treibt: Das Floß der Medusa (Le radeau de la Méduse) von Théodore Géricault Quelle: wikimedia

An welche philosophischen Grenzen und der Hunger treibt: Das Floß der Medusa (Le radeau de la Méduse) von Théodore Géricault Quelle: wikimedia

Was Hunger philosophisch für uns bedeutet – Hunger und die Medien

Hunger als Phänomen ist in unserer modernen Gesellschaft in den Hintergrund gerückt. Ich möchte bezweifeln, dass jemand aus Deutschland noch tatsächlich Hungersnöte erleidet, wie es vielleicht nach dem zweiten Weltkrieg der Fall war oder im 19. Jahrhundert als die Versorgungslage in Europa wirtschaftlich noch nicht als stabilisiert galt. In funktionierenden Demokratien, so zeigt es die Statistik, kommt es nur unter extremsten Ausnahmebedingungen zu Hungersnöten. Zunächst ist für eine philosophische Näherung an das Hungerproblem Folgendes relevant: Was wir im Alltag zumeist als Hunger bezeichnen, stellt eigentlich Appetit dar und ist nicht zu vergleichen mit den Qualen, die mit wochenlangem Nahrungsentzug einhergehen. Wir kennen das Problem des Hungers als Bürger reicher Industriestaaten in der Regel nicht mehr und haben maximal eine Ahnung davon. Auch in den Medien werden wir kaum noch mit Hungernden Menschen konfrontiert. Angesichts der 900 Millionen hungernden Menschen (Quelle: Wikipedia) wird nun schnell vermutet, dass die Medienlandschaft stumpf geworden ist, über dieses Problem zu berichten. Wir vermuten, dass unsere abstruse Werbeindustrie ein Problem, das seit Jahrzehnten existiert, nicht mehr als neuartige Information verkaufen kann und daher ignoriert. Nun findet aber in unserer Wahrnehmung ein entscheidender Fehler statt. Wir vermuten doch, dass diese 900 Millionen Hungernde nah am Hungertod darben. Rein logische Überlegungen zeigen aber, dass das nicht der Fall sein kann. Würden nämlich von diesen 900 Millionen jährlich auch nur die Hälfte tatsächlich am Hungertod sterben, so würde sich die Weltbevölkerung schnell um den Anteil der Hungernden dezimieren. Generell würde bei dieser Masse an stark Hungernden die Weltbevölkerung schnell zusammenschrumpfen. Nach 10 Jahren wären die Menschen vom Erdboden verschwunden. Hunger, wie er hier also als Term gebraucht wird, ist aus diesem Grund nicht zu verwechseln mit einer akuten Hungersnot. Tatsächlich bezeichnet Hunger hier “nur” die tägliche Unterversorgung und der Mangel an bestimmten Nahrungsmitteln (http://one.wfp.org/german/?n=32). Mit dieser Umdeutung des Begriffs “Hunger” tritt aber ein erhebliches Interpretationsproblem auf, dessen sich die meisten nicht bewusst sind und dies ist für uns auch philosophisch relevant, denn es interessiert uns ja gerade die Grenzerfahrung des Hungers, derer sich beispielsweise auch viele Asketen wie Philosophen bedienten. Was genau wird nun als Hunger gewertet?

Die Vier apokalyptischen Reiter von Dürer. Quelle: wikimedia. Der Hunger war lange Zeit eine extreme Bedrohung der Menschheit.  Im Mittelalter galt der Hunger noch als eine der Plagen, die die Menschheit vernichten würden. Heute hat er diese apokalyptisch-philosophische Bedeutung verloren

Die Vier apokalyptischen Reiter von Dürer. Quelle: wikimedia. Der Hunger war lange Zeit eine extreme Bedrohung der Menschheit. Im Mittelalter galt der Hunger noch als eine der Plagen, die die Menschheit vernichten würden. Heute hat er diese apokalyptisch-philosophische Bedeutung verloren

 

8,8 Millionen Hungertote jährlich
Welche Versorgung wird als derart vollwertig betrachtet, so dass wir nicht von Hunger reden müssen? In den Medien wird an dieser Stelle immer wieder aufgetischt, dass in den armen Familien zum Beispiel überhaupt kein Fleisch auf den Tagesplan kommt. Fleisch aber ist für eine vollwertige Ernährung nicht notwendig (zumindest wenn eine hohe Lebenserwartung als notwendiges Kriterium gezählt wird, sind die Statistiken eindeutig). Wird Fleisch tatsächlich zu einer vollwertigen Ernährung gezählt, so zählen dann alle Vegetarier auf der Welt als Hungernde? Das wären dann 700 Millionen Hungernde. Das möchte ich dem Hungerindex natürlich nicht unterstellen, aber das Verhältnis von 900 Millionen Hungernden zu 8,8 Millionen tatsächlich Hungertoten wirft die Frage auf, was denn das ganze nun bedeuten soll. Ich gehe nun davon aus, dass wir eher von einem geringer dramatischen Gerechtigkeitsproblem sprechen als von einem tatsächlich akuten Problem, das alle Handlungsgewalt in uns mobilisieren müsste. Ich denke, dass wir im Grunde die Lebensweise der westlichen Welt mit weniger industrialisierten Ländern vergleichen und dabei bemängeln, dass die Versorgung in anderen Staaten viel schlechter ist als bei uns. Selbstverständlich ist dieser Vergleich berechtigt, aber die Ergebnisse sind dann keineswegs so dramatisch, wie es sich zunächst anhört, wenn wir mit Hunger undifferenziert Hungertod verbinden.

Verbesserung der weltweiten Lebensumstände seit dem 19. Jahrhundert weltweit
Es könnte doch sein, dass das weltweite Hungerproblem sich mit der Industrialisierung nicht verschärft, sondern unter gewisser Betrachtung entschärft hat. Das ist natürlich ein Stachel im Genick derer, die die moderne Gesellschaft philosophisch veruteilen und glauben, dass eine in Lagerfeuerromantik getauchte Steinzeitgesellschaft den Tisch von der Natur von selbst gedeckt bekommen hat. Hans Rosling zeigt in seiner genialen Animation hingegen, dass noch im 19. Jahrhundert alle Staaten, was die Lebenserwartung anbelangt, bei einer sehr ähnlichen Ausgangsposition starten. Mit der Industrialisierung verändert sich dann das Lohnniveau vieler Staaten und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Die Lebenserwartung aber steigt auch in den afrikanischen Staaten, bei denen sich das Einkommen nicht verändert. Ich deute das ganze nun so, dass wir davon ausgehen können, dass der weltweite akute Hunger (Hungersnot) so dezimiert worden ist, dass wir gestiegene Lebenserwartungen weltweit haben (die medizinische Versorgung darf dabei natürlich auch nicht unterschätzt werden). Insofern aber gibt es tatsächlich weniger fatalen Hunger als früher.

Wer ein bisschen mit dem Gapminderprogramm von Hans Rosling experimentieren möchte, kann auf folgendem Ling den Gapminder finden. 

Natürlich tritt hierbei ein gewisser Fahrstuhleffekt auf. Da sich die Lebensstandards in den westlichen Staaten dermaßen gewandelt haben, fordern wir diese Lebensstandards auch für die anderen Staaten, denn mit welchem Recht sollte das Privileg der Geburt in einem westlichen Land rechtfertigen, dass es diesen Menschen nun besser gehen dürfe? Eine leistungsgerechte Gesellschaft kann sich diese Ungleichheiten nicht leisten. Wir fordern also von einer höheren Etage, den Standard unserer Lebensweise für alle ein und auch nur dieser Status der Verallgemeinerbarkeit von Lebensweisen sollte als Prüfkriterium für philosophisch-moralische, gerechte Gesellschaften gelten. Das Problem aber am Welthunger nun ist, dass uns falsche Vorstellungen von Drittweltländern vermittelt werden. Es handelt sich nämlich oftmals nicht um akute Probleme über die wir uns den Kopf zerbrechen müssten und unsere Regierungen zum soforten Umlenken bewegen müssten, sondern um weitreichende, komplizierte, strukturelle Änderungen, die durch keine einzelne philosophische Idee, sondern nur durch das Mitwirken vieler Menschen in einem langsamen, aber dafür beständigen Prozess umgesetzt werden können.

Bis hierhin also erstmal, die Fortsetzung findet ihr unter meinen früheren Beitrag, dort werde ich die Frage nach planwirtschaftlicher Umverteilung stellen und auf eine eigentliche Ursache des Hungers, nämlich den Krieg, zu sprechen kommen. Die nächsten Tage werde ich mich dann meinem eigentlichen Ziel zuwenden und den Hunger mit der Philosophie in Verbindung bringen. Gerade für Asketen spielt in der Möglichkeit das Jenseits zu erfahren eine bedeutende philosophische Rolle. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ihr von einer der zahllosen Abo-Möglichkeiten Gebrauch macht oder meinen Beitrag weiterempfehlt.

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