Dörner Logik des Misslingens (Teil 2 zur Frage nach dem richtigen Handeln in komplexen Systemen)

In Dörners „Logik des Misslingens“ befindet sich ein Negativbeispiel zu den Konsequenzen von gut gemeinten großtechnischen Eingriffen in so genannte KUL-Welten (KUL-Welten sind Welten, die entgegen unserer mit dem Verstand leicht erschließbaren Alltagswelt vor allem lange Reaktionszeiten besitzen und damit schwer zu kontrollieren sind):

complexity
Komplexe Wirklichkeit lässt mich verzweifeln Foto: Jaybird

„Mit einem folgenreichen Fehlschlag von Entwicklungshilfe beschäftigen sich Tarina Kleyn und Jürgen Jozefowicz in ihrer Reportage „Wüstenland durch Menschenhand“ […] Das Rezept zur wirksamen Bekämpfung des Hungers in Teilen des Okavangodeltas im südlichen Afrika war einfach, aber kurzsichtig. Nach Plänen von Wissenschaftlern wurden die dort lebenden Wildtierherden von Nutztieren verdrängt und der karge Boden zur Produktion von Rindfleisch verwendet. Vorher bekämpfte man erfolgreich die Tsetse-Fliege, die auf bestimmte Rinderrassen tödliche Krankheiten überträgt.
Zuerst lief alles wie gewünscht, doch bald zogen Hunderte von Viehzüchtern in dieses Gebiet. Die Folge: Durch Überweidung wurde keines der Tiere satt, und als der Regen ausblieb, verfiel das ehemals fruchtbare Land in der Sonnenglut zu Sand und Staub.“ (Dörner 1989:12)“
Es geht nun in Dörners Überlegungen darum, warum solche Fälle überhaupt passieren. Dieses möchte ich im Folgenden anhand seiner Tanalandsimulation zum Volk der Moros weiter ausführen.

Im letzten Beitrag wurde mir ja von Herrn Waldmann Ahnungslosigkeit vorgeworfen, wobei ich viele verschiedene Aspekte zusammenmixe. Ganz unberechtigt sind diese Vorwürfe natürlich nicht. Das Zusammentragen verschiedener Theorien und Informationen halte ich dabei nicht für problematisch, da diese jeder kritisch auf Plausibilität prüfen kann. Problematisch war eher, dass ich „Ingenieure ohne Grenzen“ in einem schlechten Licht dastehen lassen habe. Dieses ist mir erst im Laufe des Tages aufgefallen, was ich dann entsprechend korrigiert habe. Ich hatte mich dabei auf einen Artikel in der Zeit aus dem Kopf bezogen, den ich vor 3 Monaten las. Dadurch kam es zu einer unglücklichen Formulierung. Ich muss hier gewissenhafter arbeiten. Ich gehe davon aus, dass mir Herr Waldmann aus diesem Grund etwas erbost Ahnungslosigkeit unterstellt hatte. Ich habe aber soweit auch weniger ein Problem mich zur Ahnungslosigkeit zu bekennen, da ich es so verstehe, dass ich die Artikel zur kritischen Prüfung vorlege. Bitte entschuldigen Sie also Herr Waldmann, ich denke natürlich über den Vorwurf nach, da ich ja auch nicht sinnlos vor mir her brabbeln will ;)

Diktator in Tanaland (Dörners Experiment)
Zurück zum Thema also: Dörners Versuch bestand ja darin, dass verschiedene Probanden Diktator in Tanaland über das Volk der Moros (Viehzüchter) und der Tupis (Ackerbauern) spielen durften. Die Frage im letzten Beitrag bestand darin, was nun in diesem Land als KUL-Welt („KUL-Welt“ habe ich hier erläutert) zu tun sei. In diesem Versuch hatten die Probanden zu sechs frei wählbaren Zeitpunkten die Möglichkeit, Informationen zu sammeln, Maßnahmen zu planen und Entscheidungen zu treffen (vgl. Dörner 1989:22).

Die vorläufigen Ergebnisse einer durchschnittlichen Versuchsperson waren dabei zunächst sehr befriedigend. Die Bevölkerungszahl stieg, da das Nahrungsangebot und die medizinische Versorgung verbessert wurden.  Ab dem 88. Monat aber kam es zu einer nicht mehr auffangbaren Hungerskatastrophe.

Dörner sah den Grund für die katastrophale Entwicklung nun in einer linearen Entwicklung des Nahrungsangebots, während die Bevölkerung allerdings exponentiell steigt. Dieser Zusammenhang wurde von den Versuchsteilnehmern egal welchen Bildungsgrades nur selten berücksichtigt (wie andere Versuche zeigen, sind Menschen ganz gut darin lineare Zusammenhänge zu schätzen, aber bei exponentiellen Zusammenhängen sind die Schätzungen schnell stark abweichend. Nicht-lineare Systeme sind daher ein Problem für das Alltagsdenken).

Verhalten der Probanden

Dörner analysiert nun das Verhalten der Probanden und es zeigt sich, dass diese zunächst sehr vorsichtig agieren und viel reflektieren. Sobald aber ihr Verhalten durch die zunächst positiven Ergebnisse bestätigt wird, wandeln sich diese von „zögerlichen Philosophen zu entscheidungsfrohen Tatmenschen“ (Dörner 1989:29).

Die Reaktionen auf die Hungersnot fielen dann bei den Probanden entsprechend zynisch aus, nach anfänglicher Betroffenheit und ernüchternden Lösungsversuchen kam es zu Aussagen wie „Die müssen halt den Gürtel enger schnallen und für ihre Enkel leiden!“ oder „Sterben muss jeder mal!“

Es ist natürlich problematisch diese doch kleine Stichprobe von 12 Versuchspersonen zu verallgemeinern, aber ähnliche Probleme zeigt Dörner auch bei weniger plastischen Experimenten, wo Versuchspersonen zum Beispiel ein Kühlhaus manuell steuern sollen und immer stark entfernt von möglichen Optimallösungen liegen. Der Aktionismus ist nach einer ersten Reflexionsphase dabei oftmals zu groß.

Natürlich war es im Tanalandversuch auch möglich, die langfristigen Fernwirkungen von zu starkem Eingreifen zu verhindern. Dieses betraf allerdings nur wenige Versuchspersonen, die kaum in das System eingriffen und äußerst vorsichtig agierten. Dieses könnte einen Hinweis liefern, dass ein Nichteingreifen in natürliche Systeme geboten wäre, da wir die Fernwirkungen unserer Handlungen prinzipiell nicht abschätzen können, macht aber auch die Voraussetzung, dass es natürliche Gleichgewichte in natürlich Systemen gibt (auch einer der Gründe, warum Amerikaner so sehr auf die Kraft des Marktes vertrauen. Die gewöhnliche Marktsituation schwebt demnach in einem ursprünglichen Gleichgewicht. Eingriffe des Staates wären nur störend). Dörner zeigt nun aber in einem anderen Experiment, dass Personen, die wenig Entscheidungen treffen auch ins Abseits geraten können. In dem so genannten Lohnhausen-Experiment, wo die Probanden nun Bürgermeister einer Kleinstadt sind, musste eine andere Lösungsstrategie als im Tanaland-Experiment gewählt werden. Diese Strategie zeichnete sich durch hohe und spezifische Aktivität aus.

Keine Patentrezepte
Dörner schlussfolgert nun weiter, dass es keine Patentrezepte für komplexe Probleme gibt. Zu der Frage, wie nun die richtige Strategie gefunden werde, sagt er daher nicht viel. Er sagt auch nicht, dass es überhaupt Lösungen oder Idealzustände für KUL-Welten gibt. Verzweiflung könnte daher tatsächlich ein unvermeidbares Resultat seiner Ergebnisse sein.

Verzweiflung liegt natürlich nicht in dem Horizont dessen, was ich mir wünschen würde; der Optimismus aber, dass wir die Welt mit dem nötigen Wissen kontrollieren könnten, hat ebensowenig empirische Beweise wie der Pessimismus. Verzweiflung könnte zum Beispiel dann gerechtfertigt sein, wenn wir bestimmte Kippwerte bei der Klimaveränderung schon überschritten haben. Es könnte sein, dass die abnehmende Eismasse weltweit zu einer Verringerung des Albedoeffekts führt und dieses eine Erhöhung der Wassertemperatur weltweit zur Folge hat, was wir nun langfristig und technisch einfach nicht rückgängig machen könnten. Da wir dies aber auch nur als Möglichkeiten diskutieren, bleibt uns nichts anderes übrig als nach Lösungen zu suchen. Es geht mir hier aber nicht darum, die Frage zwischen Pessimismus und Optimismus zu entscheiden, sondern ich halte KUL-Welten nach Darlegung von Dörner für schwerlich beherrschbar. Ich empfände es aber ähnlich ernüchternd wie wahrscheinlich jeder andere auch, wenn KUL-Welten tatsächlich nicht beherrschbar sind. Gerechtfertigtes Wissen habe ich davon nicht, ich denke aber die Möglichkeit an, die auch nicht widerlegt ist.

Inadäquate Denkmuster beim Umgang mit KUL-Welten
Dörner zeigt nun noch in dem Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Sozialforschung zur Umweltsoziologie ein paar inadäquate Denkmuster beim Umgang mit KUL-Realitäten auf:

  • Reduktive Hypothesenbildung – meint, dass die KUL-Welten nach Alltagswelten begriffen werden und die unterschiedlichen Phänomene als unabhängig behandelbare Probleme begriffen werden. Dieses bezeichnet Dörner auch als „Handeln nach dem „Reperaturdienstprinzip“
  • Einkapselung in einen gut bekannten Themenbereich (so haben sich Ökonomen wohl auf Gewinn- und Verlustrechnungen beim Rinderhandel in Tanaland fokussiert und sich alle anderen Hypothesenbildungen erspart).
  • Einkapselung trete häufig nach Phasen des thematischen Vagabundierens (auch horizontale Flucht genannt) auf, wo verschiedene Probleme nacheinander aufgegriffen werden, aber immer sofort wieder fallengelassen werden.
  • Vertikale Flucht, was nach Dörner das Abheben auf die Meta-Ebene bezeichnet, wo über die Probleme als solche nachgedacht werde und über die Frage reflektiert werde, ob Probleme überhaupt welche wären (zugegeben den Punkt verstehe ich nicht ganz)
  • Fehlende Lernbereitschaft (?) – Dörner zeigt, dass es eben schwierig ist, den Umgang mit komplexen Systemen im Alltag zu erlernen, so würde ein Polizeipräsident zum Beispiel nur eine Geiselnahme in seinem Leben erleben
  • Was Lernen allerdings auch verhindere sei eine immunisierende Marginalkonditionierung (Misserfolge werden demnach auf marginale, zufällige Ereignisse zurückgeführt, auf die die Versuchsperson ohnehin keinen Einfluss haben könnte (das Ausbleiben von Regen beispielsweise)
  • Dem entgegen stellt Dörner die progressive Konditionalisierung, wobei der Probanden die Lösungsidee als richtig einschätzen, die Umsetzung aber schlecht kritisieren
  • Als letzten Punkt erwähnt Dörner schlicht Realitätsverweigerung

 Dörner spricht im weiteren noch Ursachen an, warum wir KUL-Welten nicht ohne weiteres behandeln können oder warum wir sie übersehen. So betrachtet er unser Denken als langsam und sieht darin nur eine geringe Kapazität. Er meint weiter, wir hätten kein verlässliches Organ zur Wahrnehmung von Zeitabläufen. Fernliegende Ereignisse könnten wir daher nur noch schwer in Zusammenhang bringen. Zukünftige Probleme, die zum Beispiel nach intensiven Brunnenbohrungen erst in 20 Jahren erscheinen, erzeugen noch keinen Leidensdruck, daher werde darüber auch nicht nachgedacht. Zudem würden wir eher dazu tendieren, uns auf Probleme zu konzentrieren, von deren Lösbarkeit wir überzeugt sind, als Probleme zu bedenken, die wir lösen sollten.

Schlussfolgerungen
Es mag nun sein, dass ich als verkapselter Philosoph in Ahnungslosigkeit vor mir hertreibe. Die Darstellung von Dörner halte ich zumindest für plausibel und in gewissen Graden an empirischen Versuchen gewonnen. Natürlich hinterfragt Dörner auch die Leistungsfähigkeit von Computersimulationen, hebt aber sogleich hervor, dass die Aufstellung eines solchen Models auch schon ein Mehrwert für sich sei, da so der Versuch unternommen werden müsste, KUL-Welten auf mathematische Formeln herunterzubrechen. Für Naturphänomene wie die Tanaland-Umgebung mögen wir denken, dass die Auflösung dieser KUL-Welt schon nicht so kompliziert sein kann, weil uns vielleicht Bilder dieser Welt vor Augen schweben. Bei der Mathematisierbarkeit von Finanzmärkten oder verlässlichen Prognosen für das Wirtschaftswachstum zeigt sich aber, welche Schwierigkeiten bestehen, Entwicklungen vorrauszusagen. Ich behaupte, dass die Prognose für eine bestimmte Region in Brasilien auf 30 Jahre hinaus schwierig ist. Bleibt uns aufgrund dieser Schwierigkeiten vielleicht nur Reperaturdienstverhalten? Oder wollen wir wirklich in KUL-Welten intensiv eingreifen? Die Frage von Klaus Waldmann, ob ich stattdessen tatsächlich Verzweiflung vorschlage, ist vielleicht als sanfte ironische Ohrfeige gemeint, aber tatsächlich glaube ich, dass vielleicht auch Verzweiflung angebracht ist. Die Soziologie hat sich mittlerweile zu einer Wissenschaft verformt, die nicht mehr von einer Vorhersagbarkeit von Makrophänomenen ausgeht (zum Beispiel bei den Scheidungsraten). Stattdessen verlagert man sich nun aufs Beschreiben. Nichts desto trotz ist natürlich die Arbeit der „Ingenieure ohne Grenzen“ nicht abzuwerten, nach Kant zählt ja ohnehin nur die moralische Gesinnung. So negativ will ich das natürlich auch nicht auf allein eine positive Gesinnung reduzieren. Bei den Projekten handelt es sich ja auch nicht um großtechnische Eingriffe in Regionen, sondern verbessern kleinschrittig Lebensbedingungen. Dennoch stellen sich Fragen, die zynisch klingen: Angenommen eine Verbesserung der Lebensbedingung führt zu einem Anstieg der Geburtenraten. Dörner würde nun anmahnen, dass hier über Regulation nachgedacht werden müsste, da womöglich das Land sich in der momentanen Situation in einem Gleichgewicht befinde. welche Entwicklungshilfe ist also die richtige? Natürlich sind diese Überlegung weit von einer empirischen Realität entfernt, ich habe kein genaues Bild von den Lebensbedingungen in Sierra Leone und auch keine Vorstellung von den kulturellen Realitäten dort. Ich denke aber, dass Anfragen und auch gewagte Hypothesen im Diskurs erlaubt sein müssen.

Das nächste mal möchte ich das Dargelegte in Bezug auf Fukushima spezifizieren. Nun könnte natürlich ein Vorwurf lauten, dass ich nicht das nötige, physikalische Wissen hätte, um mich zu Fukushima äußern zu können. Dass sich natürlich Expertenkulturen demokratisch von anderen Expertenkulturen, von politischen Bürgern und unpolitischen Privatpersonen entfernen, mag sein. Der Anspruch muss aber sein, dass wissenschaftliches Denken in die Sphäre der Demokratie der Bürger und in die Sphäre der Privatpersonen zurückgeholt wird, andernfalls driften wir in eine Diktatur der Forschung und der intransparenten Politik (wie es bei der Festlegung von Grenzwerten, der Gentechnik teils schon der Fall ist oder bei Stuttgart 21 auch ohne Beteiligung der Bevölkerung geschieht). In einer Demokratie aber darf jeder seine Einwände äußern. Ideal muss das in der Form gewährleistet sein, dass niemand Sanktionen für solche Äußerungen befürchten sollte. Die einzig zulässige Sanktion ist nach Habermas daher der zwanglose Zwang des besseren Arguments.

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