Wie deutsche Professoren über ihre Studenten denken

Auguste Rodin - Grubleren 2005-02Über den Pop-Philosophen Sloterdijk lästert die Fachwelt gerne. Aus dem Mondzentrum der Philosophie werden dann astronomische Tritte nach unten verteilt. Mit rigoroser Wissenschaft habe der Pöbelkönig aus Karlsruhe nämlich wenig zu tun und so kann nur die strahlende Stringenz des Philosophenadels wie ein überirdisches Gericht ein gerechtes Urteil sprechen. Als würde die Universitätsphilosophie, wo sich Philosophen gerne selbst aussuchen und in die Ämter klüngeln, sich tatsächlich um ernsthafte Hypothesen kümmern. Dort wo die Philosophie ihre Aufgaben nicht definieren kann, da lobt der Professor nun doch gerne, was ihm ohnehin gefällt. Die Universitätsphilosophie basiert auf einem perfiden Sozialdarwinismus. Dies fängt schon bei den Studenten an und das werden wir sogleich auch am Professor Strasser sehen, der die angebliche Blödheit von Sloterdijk vor allem durch blöde Studenten erklärt. Professoren geht es nämlich zumeist nicht um Bildung, das heißt die Frage, was die Studenten schließlich wirklich lernen, sondern darum, wer am Ende durch Leistungsverfahren ausgesiebt wird. Wer bleibe also übrig von den „strohdummen Studenten“, wie sie Kollege Straßer gerne bezeichnet?

Der Sozialdarwinismus setzt sich fort in den Professorengilden, die sich selbst gerne gegenseitig zitieren und sich dann eben auch gegenseitig schätzen. Wer bleibt übrig? Genau die Herren, die in den Duktus des Geben und Nehmens von Gründen irgendwie nicht passen und die sind dann natürlich Wanderhuren der Medien. Die Auslese der Professoren erfolgt nach starren und oberflächlichen Maximen eines Professorenknigges. Diese Philosophie gibt es schon seitdem die Deutsche Universität ihre Geisteswissenschaften in die Welt gehoben hat. Die angeblichen Think-Tanks, die schwerbewaffnet mit Argumenten wie Panzern in die Schlachten ziehen, sind dann eher doch Menschen, die sich kaum verstehen und wie eingebedildete Gockel durch die Flure huschen. Ich behaupte allen Ernstes die Philosophie verpasst die Chance überhaupt den Gegenstand darzulegen, den sie erklären will. Hätten die deutschen analytischen, antiken, phänomenologischen oder auch idealistischen Professoren einmal auch die andere Seite des Rheins studiert, wären sie den Argumenten des Historismus einmal gefolgt, dann wären die Problemlandschaften einer eben französischen Tradition auch nicht so weltfremd. Ob nämlich überhaupt etwas anderes als Pragmatismus möglich ist, das heißt strenge Philosophie, ist meines Erachtens immer noch eine der großen Fragen. Stattdessen sind die Philosophen sobald sie untereinander sind ganz höflich geworden und eher der Stich mit dem Messer von hinten entscheidet, wer letztlich in die Behörde seinen Schreibtisch mit schlechten Familienfotos und Büsten von Klassikern schmücken darf.

Die Elite zieht ihre Konsequenz, wenn die Studenten dann vornherein als dumm gelten. Seit 1963 nach den Experimenten von Rosenthal ist jedoch klar, dass vor allem Lehrer, die von ihren schlechten Schülern das Schlechteste erwarten, auch tatsächlich mit schlechten Schülern belohnt werden. Schlechte Studenten wem schlechte Studenten gebühren. Die Gleichung ist ganz einfach, Professoren, die über immer dümmere Studenten schimpfen, fehlt die Einsicht, dass sie eben nur den Spiegel im Lernenden vorgehalten bekommen. Wer es nicht schafft, seine Studenten zu bilden, der korrigiert sich am Ende selbst ohne es zu merken. Wenn ein Professor einem lebendigen Studenten, tatsächlich eine Fehlleistung attestieren muss, dann attestiert er diese vor allem sich selbst, nur dass der Professor leider als unkündbar gilt. Der Adlige räumt ja auch selten freiwillig den Thron und so bestätigt sich der deutsche Philosophieprofessor über immer mehr dumme Studenten.

Aber kommen wir zum Punkt: Der Professor Strasser hat im Feuilleton einiges über Sloterdijk, Zizek und Precht zu verkünden, wobei ich den Ausführungen über Precht beinahe zustimmen möchte, anstatt aber mit Argumenten zu arbeiten, müssen vor allem seine dummen Studenten herhalten.

Für Professor Strasser ist so also der „Begriffsbombastiker“ aus Karlsruhe nicht mehr als ein romantisch-verblödeter Student, der noch glaubt in der Philosophie sei eine Lebensweise angesprochen. Der Universitätsprofessor hier begklagt sich aber erstmal über seine Beamtenkarriere. 200 niederdrückende Arbeiten von Studenten müssten noch von seinem Beamtenschreibtisch wegkorrigiert werden. Eine Last, die einem Nettogehalt von mindesten 4000 Euro im Monat natürlich nicht aufgebürdet werden dürfte, schließlich muss der Mann ernsthaft forschen. Die armen deutschen Beamtenprofessoren, die sich über unkreative Bachelorstudenten beschweren, würden in Amerika wahrscheinlich am ersten Tag an einem Herzinfarkt sterben. 200 Essays korrigieren, das ist in einem Monat keine Seltenheit. Glaubt der Professor dann vielleicht, dass ich mich tatsächlich darüber freue, Arbeiten korrigieren zu dürfen?

Im Artikel heißt es dann in üblicher Beamtenstimmung klagend über Sloterdijk:

„Einer, der sich über Tausende von Seiten mit Begriffen aufdonnert, hinter denen nichts steckt als immerfort er selbst, Mister Bombastik, ein übergewichtiger Mensch mit einem pompösen Kopf, aus dem zwei listige Äuglein kynisch hervorlugen, während ihm die Haare strähnig herunterhängen: ein cool verschmuddeltes Restzitat der Neunzehnachtundsechziger.“

Lesen wir hier schon ein Argument? Aus gleichen Gründen könnten wir schon dazu aufrufen, Merkel nicht zu wählen. Es ist bezeichnend, dass der Kritiker Mr.Bombastik sogleich bei der Körperlichkeit packt. Der Professor lästert aber auch sogleich über seine Studenten:

„Da läuft mir eine meiner legasthenischen Dissertantinnen über den Weg – meinen Kreuzweg hin zu meinen 200 unerledigten Klausuren – bloß, um mich mit einer begeisterten Suada über Slavoj Žižek zu nerven.“

Sehr schön, die Studenten sind natürlich gleichsam der angehäufte Unfug der Gesellschaft. Professoren und „Kollegen“ hier, die sich über ihre dämlichen Studenten beklagen, kenne ich zuhauf und es wundert mich nicht, dass sie eben die schlechten Studenten haben und ich die Guten. Weil nun aber alle doof sind, so gelangt der Professor auch zu der Einsicht, dass „der Erfolg meines begriffsbombastischen „Kollegen“ ein Irrtum seiner Leser sein muss“. Diese leiden nämlich an einer Bildungskrankheit und verwechseln die doch ernste Philosophie mit den Komödien der Hofnarren und so ist für den Professor auch klar, wer eigentlich den Unfug kauft:

„Ach ja, es gibt diese ganze Mischpoche einer beim langen Marsch durch die dekonstruktivistischen Seminare unserer sinnlos gewordenen Geistes- und Kulturwissenschaften total verblödeten Intelligenz, die sich gern selbst Sachen sagen hört, die ihr krass subversiv vorkommen – zum Beispiel, dass Stalin (nach Lacan, Deleuze, Irigaray etc. pp.) ein multischizoider Teddybär war –, während das total verkommene Herrenreiterfeuilleton dem Edelschmierantentum applaudierend die Steigbügel hält.“

Das Siebeverfahren hat dem Professor wohl zugesetzt und weil jener Professor nun auch noch als graue Eminenz im Busfahreranzug von Elke Heidenreich bezeichnet wurde, so kann er sich schlussendlich nur an seinen Studenten rächen:

Mir reicht’s. Ich nehme mir die Arbeit jener strohdummen Person noch einmal vor. Mag der Meisterphilosoph der höheren Dummheit seine Freiheit realisieren, indem er mit Ideen, die er nicht hat, glänzt, so realisieren wir, die Busfahrerphilosophen, unsere eigene, indem wir den Rotstift, den wir haben, zücken und dekretieren: „Nicht genügend!“

Bei derartiger Beamtenwillkür frage ich mich, ob Schüler, die von ihren Lehrern schlechtes denken, am Ende tatsächlich auch mit schlechten Lehrern belohnt werden. Derartige Professoren brauchen wir jedenfalls nicht und ich glaube, es wird viele geben, die Herr Professor Strasser bitten möchten, seinen Platz für ehrliche, wache Geister wie Sloterdijk zu räumen. Ich gehöre dazu.

Norman Schultz

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3 Antworten auf Wie deutsche Professoren über ihre Studenten denken

  1. Felix sagt:

    Ich dachte bei den Philosophiestudiengängen wäre das ein bisschen anders als bei anderen Fächern, aber das sind ja auch nur Menschen. Bei uns haben manche Professoren sogar regelmäßig Studentinnen belästigt und völlig willkürlich Examen gestellt und bewertet. Es hat sich trotzdem erst nach einiger Zeit was getan. Also das deutsche Hochschulsystem ist verglichen mit dem Niederländischen (welches ich durch ein Auslandsstudium kenne) sehr marrode und mehr als Reformbedürftig. Das betritt ja leider nicht nur die Hochschulen sondern auch das Gesundheitswesen, Bildungswesen insgesamt, Verwaltung etc. Es tut sich meiner Meinung nach deswegen nichts, weil die Menschen die es zu Einfluss gebracht haben konservativ werden um alles so zu lassen wie es ist damit ihre Macht nicht gefährdet wird….

    • Ich glaube es sind Machtstrukturen, die die Gesamtheit bedingen. Reformen etablieren im Grunde andere Machtstrukturen. Ich verabscheue ja nicht die Systeme und erkenne die bisherigen Leistungen an.

  2. Anka-Hanka sagt:

    Habe über den Vergleich Sloterdijk- Merkel sehr gelacht.

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