Warum sich interessieren? Meine Erfahrungen mit der Langeweile

Joseph Ducreux (French - Self-Portrait, Yawning - Google Art Project

Pers├Ânlicher Einschub zum Problem des Interesses

Vor vielen Jahren hatte ich eine interessante Diskussion mit dem Programmchef von Arte bei einer Premierenfeier in Leipzig. Ich fragte ihn, warum Arte stets bereits bekannte Dinge zeige und nicht innovativ nach vorne gehe. Er f├╝hrte aus: Zwar sei das Medium Fernsehen ein Breitenmedium, aber das Problem liege noch tiefer verborgen. Menschen w├╝rden sich so im Fernsehen vor allem f├╝r das interessieren f├╝r das sie sich schon interessierten.

Ich erinnerte mich: In einer Vorlesung in Halle sa├č ich so bei Harald Seubert, der ├╝berraschend eine Professorin f├╝r Theologie aus Polen einband. Ich freute mich keineswegs, denn ├╝ber die gesamte Sitzung hinweg, langweilte ich mich zu Tode. Sie erz├Ąhlte vom Protestantismus in einem katholischen Land in einer piepsigen Stimme und ├╝berzog gnadenlos. Niemand traute sich aufzustehen und als sie ihr Programm beendet hatte und sie allen Ernstes eine Fragerunde er├Âffnete, dachte ich nur innerlich: „Du dummes Ding, wer sollte sich denn in einem Philososphiekurs f├╝r deine piepsige Stimme und dein langweiliges Thema ├╝ber Protestantismus in Polen interessieren?“ Gott hatte keine Gnade mit mir und schon fragte eine Studentin der Professorin L├Âcher in den Bauch, was meine Qual nochmals um eine halbe Stunde verl├Ąngerte. Warum aber konnte sich jemand f├╝r die langweiligste Sache der Welt interessieren?

So ging ich in meinen ersten Semestern in die Vorlesungen von Prof. Dr. Kovtyk, einem alten Professor, der immer noch nerv├Âs war, wenn er vor mehr als drei Leuten sprechen sollte. Nur ganz wenige h├Ârten ihm zu. Stets schaltete er den Overheadprojektor (in Halle den Polylux) an und lie├č sich die gesamte Sitzung von dem grellen Licht in die Augen scheinen. Dabei hantierte er nerv├Âs mit seinem Zeigestock, schraubte ihn zusammen und auseinander. Seine Folien mussten immer mit von seiner Stirn abgeschrieben werden und oft musste ich schmunzeln, wenn zum Beispiel auf seiner Stirn Seeleng├Ąrtchen geschrieben stand. Ich bot jeden Montag um 17:45 Uhr meine volle Konzentration auf, um ihm zu folgen. Versuchte seinen Humor nachzuvollziehen. Am Ende des Semesters als wir in einer Schlange standen, um unseren Schein zu bekommen, nahm er sich meinen Schein und schaute genau hinauf. „So, so Herr Schultz“, sagte er. „Es war mir eine Ehre Sie in meiner Vorlesung gehabt zu haben.“ Ich war verlegen und sagte, man tue, was man k├Ânne, doch er erwiderte „Nein, dieses Semester hat mir sehr viel Spa├č gemacht, da ich bemerkte, dass bei ihnen Reaktionen kommen und sie mit dem Stoff mitgehen.“

Warum erz├Ąhle ich dies? Ich hatte meine Lektionen gelernt. Wenn ich vor den langweiligen Stoffen von Hegel oder anderen┬áPhilosophen┬ásitze, so hole ich das Interessante aus meiner Konzentration. Konzentration ist aber nicht anderes als seinen Verstand arbeiten zu lassen. Da die Welt h├Ąufig redundant funktioniert, aktivieren wir unseren Verstand recht selten.

Das hei├čt nun nicht, dass ihr ├╝berall mit h├Âchster Konzentration den Tag verbringen m├╝sste. Bei vielen Laber-Professoren sch├Ąme ich mich nicht mehr ein Nickerchen zu machen. Aus so mancher Redundanz des Alltags l├Ąsst sich kein Material zum Denken ziehen. Daf├╝r ist mir meine Zeit zu kostbar. Vorlesungen kann ich ├╝brigens aus dem Grund ├╝berhaupt nicht empfehlen. Zumeist kriechen die Professoren durch ihr Fachgebiet ohne es jemals mit interessanten Fragestellungen zu w├╝rzen.

Und dennoch frage ich mich h├Ąufig, warum ich mich f├╝r eine bestimmte Sache interessiere und f├╝r andere nicht. Demzufolge versuche ich mich f├╝r alles zu interessieren und ich denke daf├╝r ist unser Verstand geschaffen. Wir k├Ânnen f├╝r alles offen sein und allein aufgrund des Interesses k├Ânnen wir uns gleichsam f├╝r Musik, Kunst, Philosophie, Physik oder gar f├╝r Mathematik interessieren. Wir sollten es sogar.

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