Archiv fü Kategorie Philosophie & Geschichte

Die verlorene Wahrheit – Von der Wertlosigkeit der Philosophie

7. Dezember 2016
Nicholas Rescher 2

Rescher, eine lebende Enzyclopädie, picture By Rescherpa (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


Ich hatte heute eine Unterhaltung mit Nicholas Rescher. Der Mann hat seine hundert Bücher und Tausende von Artikeln veröffentlicht. Hat zu dem ein Arsenal an Ehrendoktorwürden (9). Wäre ich er, würde ich darauf bestehen, dass jeder, der mit mir spricht, diese Dr.Titel nennt und falls nicht, würde ich so tun, als hörte ich ihn nicht.

Wie dem auch sei. Die Epistemologie, Reschers Hauptbetätitigungsfeld, die Lehre vom Wissen, ist derweil ein wenig in Verruf gerraten und viele behaupten wir bräuchten diese nicht mehr. Rescher ist nun einer der wenigen, die glauben, dass wir noch die Ausarbeitung einer Epistemologie bewirken müssten und stellt hierzu die These auf, dass es noch koheränter Systeme bedarf.

Ich habe ihn ausgiebig zu einer Epistemologie und ihrer sozialen Relevanz befragt. Ich zweifle zum Beispiel stark daran, dass uns eine bessere Theorie von Dreiecken eine bessere Politik beschert. Ich glaube im Gegensatz, dass das Gute jeder Theorie vorausgesetzt sein muss.

Reschers Buch zur Epistemologie ist eine Zusammenfassung aller epistemologischen Probleme unter der Idee dass wir keine repräsentationalistischen Wahrheitstheorien bedürfen, sondern Koheränzsysteme. Natürlich schreibt der Mann im analytischen Feld (was auch seine erste Frage war, ob ich denn auch analytisch geschult sei). Dennoch ist Rescher im kontinentalen Bereich unglaublich belesen und auf den Hinweis, dass er sich ja auf Leibniz beziehe, antwortete er nur, dass dieser immer noch sein großer Held wäre. Das Buch zur Epistemologie ist Beitrag zur Philosophie und Lehrbuch zugleich:

Was sonst?

Ich habe soviel an Cybermonday nach Thanks Giving gekauft. Nach 6 Jahren kann ich sagen, dass Thanks Giving der wichtigste, amerikanische Feiertag ist, weil hier alle Familien zusammen kommen. Weihnachten wir nicht von allen gefeiert und selbst Christen fliegen eher an Thanks Givin als an Weihnachten nach Hause. Ich habe endlich einen neuen PC, so dass ich meine Fotographie endlich wieder schneller bearbeiten kann. Ich habe mich für ein Mittelklassemodell entschieden und fahre damit wirklich, wirklich gut. Ich denke nach langen Recherchen, dass das wirklich das beste Preisleistungsverhältnis ist:

DSC_0107

Ich suche übrigens auch fake Converse-Schuhe. Ich will hier nicht 50 Dollar für die ausgeben.


Zur gegenwärtigen Bedeutung der Philosophie 

Im folgenden Artikel geht es eben darum, dass die Philosophie ihre epistemologische Zentralfunktion verloren hat.

Kernthese des verlinkten Artikels:

Philosophie wurde gereinigt und zu einer Wissenschaft unter vielen. Damit ist die Philosophie keine Tugend mehr und der Philosoph ein Durchschnittsdetlef, der sich wie ein fauler Beamter in Archiven ein Biotop aus abzuarbeitenden Büchern errichtet hat und in der Zwischenzeit auf einen Monitor starrt.

Bewertung:

Simple Darstellung historischer Zusammenhänge innerhalb der Philosophie. Der Artikel hat beinahe Precht-Niveau. Die historische Transformation der Tugendphilosophie in das Archivars- und Verwaltungsleben ist leider nur allgemein dargestellt. Der Artikel verpasst es, einen reflektierten Standpunkt zu erreichen, das heißt auf die eigenen Voraussetzungen der eigenen historischen Position einzugehen oder interessante Beobachtungen einzustreuen.

Zusammenfassung:

Philosophie wurde insitutionalisiert und damit “gereinigt”. Der Artikel verortet die Abspaltung der Philosophie um 1870. Die Naturwissenschaften  ebenso wie die Sozialwissenschaften werden zu eigenständigen Wissenschaften entwickelt, die sich nicht mehr vor der Philosophie verantworten müssen. Unter dem Druck der Abspaltung muss sich die Philosophie als eigene Wissenschaft rechtfertigen (dies wird als Demarkation bezeichnet). Unter der Neuausrichtung bleiben verschiedene Betätigungsfelder:

  1. Synthese verschiedener Erkenntnisse aus Regionaldisziplinen
  2. Entwicklung des formalen Grundvokabulars (Logik)
  3. Übersetzung von Erkenntnissen für die Gesellschaft
  4. Disziplinspezialisten
  5. Kombination aller

Nach dem Artikel hätte Philosophie niemals gereinigt werden sollen, denn mit dem Fokus auf Wissensproduktion wurde die Philosophie ebenfalls von der Tugend abgegespalten.

“The individual scientist is no different from the average Joe; he or she has, as Shapin has written, “no special authority to pronounce on what ought to be done.” For many, science became a paycheck, and the scientist became a “de-moralized” tool enlisted in the service of power, bureaucracy and commerce.

Philosophie ist zu einem Gehaltsscheck geworden, einem Beruf unter vielen. In diesem Sinne ketten sich Philosophen an ihre Computer und produzieren angeblich wissenschaftliche Artikel, die von ihren peers bewertet werden.

“Today, a hyperactive productivist churn of scholarship keeps philosophers chained to their computers.”

Ich stimme damit überein, dass die Philosophie unnötig, verwissenschaftlicht worden ist, denke aber dass die Reduktion auf den Wahrheitsgehalt problematisch ist. Ich glaube ich habe zuviel Rorty gelesen und kann nur mit einem Zitat von Tom Rockmore zur Relevanz der Theorie enden. Für ihn sind Platon, Kant und Husserl Verteidiger, dass wir nur praktisch handeln können, wenn wir eine gesicherte Wissenschaft haben, während Aristoteles, Hegel und Marx der Praxis den Vorrang geben:

“On the one hand, there are those, such as Plato, Kant, Husserl and even Whitehead […] on the other hand there are those, such as Aristotle, Hegel, and Marx, who are concerned to limit, or even to reject, some claims for the relevance of reason.” (Rockmore, Tom Habermas on Historical Materialism 1989:173)

Sonnenuntergang Winter

Mein Philosophie-Projekt neight sich dem Ende entgegen, sohwohl Dr.-Arbeit als auch die Beschäftigung mit Epistemologie.

 

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Philosophie und der Hunger – Ist Welthunger ein überschätztes Problem? (Teil 1)

8. Oktober 2011

Philosophie und Hunger warum sollten diese beiden “Sachverhalte zueinander passen? Nun die Philosophie beschäftigt sich mit den Grenzen unserer Erkenntnis. Wenn es stimmt, dass die Grenzen unserer Erkenntnis in einer philosophischen Frage, nämlich in der Frage “Was ist der Mensch” verborgen liegt, dann liegt es unter anderem nah die existentiellen Bedrohungsszenarien aufzusuchen und ihren Durchstoß zur so genannten philosophischen Existentialität zu untersuchen. Wie bedroht der Hunger uns Leben und wie erlangt er dadurch philosophische Bedeutung? Gerade für Asketen spielte diese Möglichkeit der philosophischen Selbstzurücknahme immer wieder einen Weg in die philosophische bis religiöse Erkenntnis. Bevor wir diesen philosophischen Weg allerdings gehen, möchte ich zunächst das Problem des Hungers überhaupt betrachten und zeigen, dass wir in unserer Gesellschaft tatsächlich den Hunger zunehmend besiegen.

Hunger als philosophisch-existentiale Bedrohung
Hamsun schreibt in seinem Roman “Hunger”:

„Ich hatte es ganz deutlich bemerkt, immer wenn ich längere Zeit hungerte, war es gleichsam, als rinne mein Gehirn langsam aus dem Kopf und als würde er leer. Das Haupt wurde leicht und abwesend, ich fühlte seine Schwere nicht mehr auf meinen Schultern, und ich hatte das Gefühl, dass meine Augen allzu weit geöffnet glotzten, wenn ich jemand ansah.“

In dem Roman “Hunger” verfolgt der Leser den Bewusstseinsstrom eines Mannes, der unter der psychischen Belastung des Hungers, um ein Leben in Würde kämpft. Der Roman lehrt: Es mag sein, dass einige elegante Männer durch die Welt spazieren. Der Stil zeigt sich aber nicht darin, dass einer sich einkleiden kann, wie es ihm mit unermesslichen finanziellen Möglichkeiten beliebt, sondern, dass er mit der Armut sich noch die entsprechende Würde in einer umfassenden Philosophie zu geben weiß.

Philosophie und der Wahnsinn des Hungers
Natürlich gilt dieses philosophische Gebot der Würde nicht absolut. Als am 20. November 1820 der Walfänger Essex von einem Pottwal gerammt wurde und schließlich sank, begannen die Matrosen, die sich auf kleinen Walfangbooten gerettet hatten, nach mehreren Wochen die ersten Toten zu verspeisen. Bald schon losten die halb verhungerten Seeleute aus, wer als nächstes getötet werden würde. Als sie schließlich von einem anderen Walfänger gerettet wurden, heißt es:

„[D]ie Haut mit Geschwüren übersät, nagten die Schiffbrüchigen mit hohlwangigen Gesichtern an den Knochen ihrer toten Kameraden. Selbst als schon die Retter herbeieilten, wollten sie nicht von ihrem grausigen Mahl lassen.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Essex_%28Walfangschiff%29)

Es steht uns nicht zu, ad hoc über dieses Verhalten philosophisch-moralisch zu urteilen. Die Entscheidung ist die Wahl zwischen Pest und Cholera, entweder elendig sterben oder menschenunwürdig überleben. In der Philosophie heißt es, insofern bei einem Schiffsbruch noch ein Stückchen Holz im Meer treibt und dieses Stückchen Holz nur einen tragen kann, dass jeder das Recht hat, um sein Leben gegen Andere zu kämpfen und so ist es nicht nur philosophisch, sondern auch in unserer Rechtssprechung. Ich erspare dem Leser hier weitere kannibalischen Beispiele, möchte aber anmerken, dass aufgrund solcher Einsichten auch zum Tode Verurteilte rückwirkend begnadigt worden sind. Vorrangig zeigen uns diese Beispiele zumindest philosophisch, dass Hunger den Menschen zurückverwandelt in das Tier, das er ohne die Sicherheit der Kultur wäre. Der Hunger treibt zurück in den Instinkt. Ob weise Philosophen, die ihren Instinkt unter Kontrolle hätten, sich bei einem Schiffsbruch aber geschickter verhalten würden, ist unklar. Womöglich würden Sie darauf bestehen, dem anderen das letzte Stückchen Holz zu überlassen und im endlosen Disput darüber, wer denn nun das Stückchen Holz nehmen solle, ertrinken.

An welche philosophischen Grenzen und der Hunger treibt: Das Floß der Medusa (Le radeau de la Méduse) von Théodore Géricault Quelle: wikimedia

An welche philosophischen Grenzen und der Hunger treibt: Das Floß der Medusa (Le radeau de la Méduse) von Théodore Géricault Quelle: wikimedia

Was Hunger philosophisch für uns bedeutet – Hunger und die Medien

Hunger als Phänomen ist in unserer modernen Gesellschaft in den Hintergrund gerückt. Ich möchte bezweifeln, dass jemand aus Deutschland noch tatsächlich Hungersnöte erleidet, wie es vielleicht nach dem zweiten Weltkrieg der Fall war oder im 19. Jahrhundert als die Versorgungslage in Europa wirtschaftlich noch nicht als stabilisiert galt. In funktionierenden Demokratien, so zeigt es die Statistik, kommt es nur unter extremsten Ausnahmebedingungen zu Hungersnöten. Zunächst ist für eine philosophische Näherung an das Hungerproblem Folgendes relevant: Was wir im Alltag zumeist als Hunger bezeichnen, stellt eigentlich Appetit dar und ist nicht zu vergleichen mit den Qualen, die mit wochenlangem Nahrungsentzug einhergehen. Wir kennen das Problem des Hungers als Bürger reicher Industriestaaten in der Regel nicht mehr und haben maximal eine Ahnung davon. Auch in den Medien werden wir kaum noch mit Hungernden Menschen konfrontiert. Angesichts der 900 Millionen hungernden Menschen (Quelle: Wikipedia) wird nun schnell vermutet, dass die Medienlandschaft stumpf geworden ist, über dieses Problem zu berichten. Wir vermuten, dass unsere abstruse Werbeindustrie ein Problem, das seit Jahrzehnten existiert, nicht mehr als neuartige Information verkaufen kann und daher ignoriert. Nun findet aber in unserer Wahrnehmung ein entscheidender Fehler statt. Wir vermuten doch, dass diese 900 Millionen Hungernde nah am Hungertod darben. Rein logische Überlegungen zeigen aber, dass das nicht der Fall sein kann. Würden nämlich von diesen 900 Millionen jährlich auch nur die Hälfte tatsächlich am Hungertod sterben, so würde sich die Weltbevölkerung schnell um den Anteil der Hungernden dezimieren. Generell würde bei dieser Masse an stark Hungernden die Weltbevölkerung schnell zusammenschrumpfen. Nach 10 Jahren wären die Menschen vom Erdboden verschwunden. Hunger, wie er hier also als Term gebraucht wird, ist aus diesem Grund nicht zu verwechseln mit einer akuten Hungersnot. Tatsächlich bezeichnet Hunger hier “nur” die tägliche Unterversorgung und der Mangel an bestimmten Nahrungsmitteln (http://one.wfp.org/german/?n=32). Mit dieser Umdeutung des Begriffs “Hunger” tritt aber ein erhebliches Interpretationsproblem auf, dessen sich die meisten nicht bewusst sind und dies ist für uns auch philosophisch relevant, denn es interessiert uns ja gerade die Grenzerfahrung des Hungers, derer sich beispielsweise auch viele Asketen wie Philosophen bedienten. Was genau wird nun als Hunger gewertet?

Die Vier apokalyptischen Reiter von Dürer. Quelle: wikimedia. Der Hunger war lange Zeit eine extreme Bedrohung der Menschheit.  Im Mittelalter galt der Hunger noch als eine der Plagen, die die Menschheit vernichten würden. Heute hat er diese apokalyptisch-philosophische Bedeutung verloren

Die Vier apokalyptischen Reiter von Dürer. Quelle: wikimedia. Der Hunger war lange Zeit eine extreme Bedrohung der Menschheit. Im Mittelalter galt der Hunger noch als eine der Plagen, die die Menschheit vernichten würden. Heute hat er diese apokalyptisch-philosophische Bedeutung verloren

 

8,8 Millionen Hungertote jährlich
Welche Versorgung wird als derart vollwertig betrachtet, so dass wir nicht von Hunger reden müssen? In den Medien wird an dieser Stelle immer wieder aufgetischt, dass in den armen Familien zum Beispiel überhaupt kein Fleisch auf den Tagesplan kommt. Fleisch aber ist für eine vollwertige Ernährung nicht notwendig (zumindest wenn eine hohe Lebenserwartung als notwendiges Kriterium gezählt wird, sind die Statistiken eindeutig). Wird Fleisch tatsächlich zu einer vollwertigen Ernährung gezählt, so zählen dann alle Vegetarier auf der Welt als Hungernde? Das wären dann 700 Millionen Hungernde. Das möchte ich dem Hungerindex natürlich nicht unterstellen, aber das Verhältnis von 900 Millionen Hungernden zu 8,8 Millionen tatsächlich Hungertoten wirft die Frage auf, was denn das ganze nun bedeuten soll. Ich gehe nun davon aus, dass wir eher von einem geringer dramatischen Gerechtigkeitsproblem sprechen als von einem tatsächlich akuten Problem, das alle Handlungsgewalt in uns mobilisieren müsste. Ich denke, dass wir im Grunde die Lebensweise der westlichen Welt mit weniger industrialisierten Ländern vergleichen und dabei bemängeln, dass die Versorgung in anderen Staaten viel schlechter ist als bei uns. Selbstverständlich ist dieser Vergleich berechtigt, aber die Ergebnisse sind dann keineswegs so dramatisch, wie es sich zunächst anhört, wenn wir mit Hunger undifferenziert Hungertod verbinden.

Verbesserung der weltweiten Lebensumstände seit dem 19. Jahrhundert weltweit
Es könnte doch sein, dass das weltweite Hungerproblem sich mit der Industrialisierung nicht verschärft, sondern unter gewisser Betrachtung entschärft hat. Das ist natürlich ein Stachel im Genick derer, die die moderne Gesellschaft philosophisch veruteilen und glauben, dass eine in Lagerfeuerromantik getauchte Steinzeitgesellschaft den Tisch von der Natur von selbst gedeckt bekommen hat. Hans Rosling zeigt in seiner genialen Animation hingegen, dass noch im 19. Jahrhundert alle Staaten, was die Lebenserwartung anbelangt, bei einer sehr ähnlichen Ausgangsposition starten. Mit der Industrialisierung verändert sich dann das Lohnniveau vieler Staaten und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Die Lebenserwartung aber steigt auch in den afrikanischen Staaten, bei denen sich das Einkommen nicht verändert. Ich deute das ganze nun so, dass wir davon ausgehen können, dass der weltweite akute Hunger (Hungersnot) so dezimiert worden ist, dass wir gestiegene Lebenserwartungen weltweit haben (die medizinische Versorgung darf dabei natürlich auch nicht unterschätzt werden). Insofern aber gibt es tatsächlich weniger fatalen Hunger als früher.

Wer ein bisschen mit dem Gapminderprogramm von Hans Rosling experimentieren möchte, kann auf folgendem Ling den Gapminder finden. 

Natürlich tritt hierbei ein gewisser Fahrstuhleffekt auf. Da sich die Lebensstandards in den westlichen Staaten dermaßen gewandelt haben, fordern wir diese Lebensstandards auch für die anderen Staaten, denn mit welchem Recht sollte das Privileg der Geburt in einem westlichen Land rechtfertigen, dass es diesen Menschen nun besser gehen dürfe? Eine leistungsgerechte Gesellschaft kann sich diese Ungleichheiten nicht leisten. Wir fordern also von einer höheren Etage, den Standard unserer Lebensweise für alle ein und auch nur dieser Status der Verallgemeinerbarkeit von Lebensweisen sollte als Prüfkriterium für philosophisch-moralische, gerechte Gesellschaften gelten. Das Problem aber am Welthunger nun ist, dass uns falsche Vorstellungen von Drittweltländern vermittelt werden. Es handelt sich nämlich oftmals nicht um akute Probleme über die wir uns den Kopf zerbrechen müssten und unsere Regierungen zum soforten Umlenken bewegen müssten, sondern um weitreichende, komplizierte, strukturelle Änderungen, die durch keine einzelne philosophische Idee, sondern nur durch das Mitwirken vieler Menschen in einem langsamen, aber dafür beständigen Prozess umgesetzt werden können.

Bis hierhin also erstmal, die Fortsetzung findet ihr unter meinen früheren Beitrag, dort werde ich die Frage nach planwirtschaftlicher Umverteilung stellen und auf eine eigentliche Ursache des Hungers, nämlich den Krieg, zu sprechen kommen. Die nächsten Tage werde ich mich dann meinem eigentlichen Ziel zuwenden und den Hunger mit der Philosophie in Verbindung bringen. Gerade für Asketen spielt in der Möglichkeit das Jenseits zu erfahren eine bedeutende philosophische Rolle. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ihr von einer der zahllosen Abo-Möglichkeiten Gebrauch macht oder meinen Beitrag weiterempfehlt.

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Reflexionen zu den Grenzen der Musikphilosophie – Freiheit als Einheit der Musik bei Beethoven

20. September 2011
Craig - 1970

Die Musik innerhalb der geordneten Grenzen einer rein menschlichen Philosophie? (CC_Bild:rchappo2002)

Im letzten Beitrag zum musikphilosophischen Gehalt der Musik haben wir, ich als Philosoph und Kiril Stankow als Dirigent, den Gottesbezug der Musik Bachs herausgestellt. Exemplarisch stand hierfür die Fuge. In jeder Faser einer Fuge war der Bezug auf das Ganze, das nicht erklingende, aber nach Gesetzen in ihr angelegte Höhere, gegeben. Die Akkorde waren kein Geschrammel oder hirnlos aneinandergereiht, sondern aus den einzelnen Melodielinien ergab sich die Sphäre des Harmonischen, das nur aus der göttlichen Entfaltung Ordnung erhielt. So ordnete sich die Freiheit der Melodien doch untereinander in einem zwar nie vollständig klingendem, aber doch in einem angelegten harmonischen Ganzen. Der göttliche Ruhepol war musikphilosophisch die Harmonie des Ganzen. Dieser Ruhepol strahlte undurchdringlich und unzerstörbar im Hintergrund und gab von einem tauben Fleck des Ohres aus der Musik ihre Einheit. Wie ein musikalischer Äther, auf dessen Grund sich Musik nur entfalten konnte, ordnete sich die Musik nach geläufiger philosophischer Wahrheitsauffassung in Gott, der selbst aber nur als notwendiges für das Ganze gedacht, aber nicht selbst Gegenstand war. Da nun Gott weder sinnlich gegeben, noch intellektuell zu einem Zeitpunkt bestimmt war, war der Bezug auf Gott transzendental, das heißt, er war philosophisch gesehen die Bedingung der Möglichkeit, dass Harmonie überhaupt ihre Einheit in der sinnlichen Wahrnehmung fand. Wir können die Frage auch einfacher fassen, warum suchen wir in der Musik nach Harmonie? Warum hören wir in der Welt überhaupt so etwas wie Musik, denn Musik ist doch in ihr niemals direkt enthalten. Der Bach, der Baum, sie machen Geräusche, aber die Musik kommt irgendwie in die Welt, nur wie?

Der Mensch drängt in den Mittelpunkt der Musikphilosophie

Mit dem Durchbruch der Unterhaltungsmusik und der Erkenntnis, dass der Ramsch für die Masse mehr Geld bringt als das filigrane Luxusprodukt für die wenigen intellektuell abgehobenen Reichen, veränderte sich die Musik in ihrem philosophischen Anspruch. Die einsetzende Revolutionen und das Hinterfragen gesetzter Machtansprüche ließ das Sakrale und dessen philosophischen Anspruch in den Hintergrund treten. Fortan sah sich der Mensch nicht mehr vordergründig als Geschaffener, der im Rücken eine unverwundbare Harmonie vorfand, sondern rückte sich als unvollkommener Schöpfer in den Mittelpunkt. Geniekulte entstanden, worin sich vor allem die menschliche Befreiung von Naturgesetzen ausdrückte. Jeder Mensch strebte nach oben in die Freiheit und damit war auch der Grundstein für die Loslösung von den Harmonien gelegt, die sich bis ins 20. Jahrhundert durchsetzte. Dies zunächst intellektuell. Ins Duell mit der Schöpfung trat ein menschlich, schöpfender und in seiner zukünftigen Geschichte unendlicher Geist, der alle Zeitenwenden des Alls nach klassischem Ideal durchwehen sollte. Aus den Dienern der Musik wurden Meister musikalischer Ewigkeitssprachen; Ziel war die Unsterblichkeit im menschlich gefertigten Kunstprodukt der Musik. Ganz übertrieben klassisch-philosophisch ging es um unsterbliche Musik, die aus der Freiheit des Genies entstammte und es mit den Göttern aufnahm und so auch mit den angeblich gottgeschaffenen Harmonien.

Der Mensch wollte sich fortan in den Dimensionen seiner eigenen Schaffenskraft definieren und nicht mehr aus einem fernen Kosmos nur die göttliche Musik als göttliches Geschenk in Empfang nehmen. Mit der Kraft des egozentrischen Weltbildes schwand in parallelen Zyklen auch die bis dahin im Kontinuum währende Geschichte. Geschichte wurde instabil und wie dies für die Philosophien der Völker galt, so wohl auch für die Philosophie der Musik. Revolution bestimmte alle Entwicklung. Schließlich dramatisierte sich die Instabilität der Philosophie und Geschichte bis zu dem Gedanken mit allen Gesetzen zu brechen, was sich schließlich bei Wagner in aller Deutlichkeit zeigen sollte. Zunächst aber war die musikphilosophische Frage, was der Musik überhaupt ihre Einheit gab, wenn denn Gott nicht mehr dabei sein durfte. Das befreiende Element innerhalb der Geschichte sollte dabei selbst als philosophisches Ideal dienen. Befreiung wurde zum wesentlichen Thema der Musik. Nicht mehr Gott war der Grund musikalischer Kraft, sondern der Mensch mit seiner befreienden Schaffenskraft. Idealtypisch kann dies zunächst in seinen Anfängen bei Beethoven gezeigt werden.

Die Freiheit als Ideal der Musikphilosophie bei Beethoven

Bei Beethoven gehen – der Revolution zur Freiheit gemäß – starre Konventionen der Klassik unter, ohne jedoch dass die Stücke an organischer Ganzheit verlieren. Der Tondichtung entsprechend rückt Beethoven die einzelnen Passagen hin und her, um sie dann dennoch in einem organischen Ganzen nämlich unter einer Idee zu verdichten. Zeitgenossen beschreiben wie Beethoven in akribischer Detailarbeit versuchte jede kleinste Nebenstimme mit thematischer Energie aufzuladen. Dabei werden zwar noch Strukturprinzipien der Sonatenhauptsatzform deutlich, aber zugunsten einer organischen Einheit des thematischen Materials gebeugt. Über die erreichte Differenzierung der einzelnen Instrumentengruppen innerhalb der Klassik, gab Beethoven jedem Instrument seine Bedeutung innerhalb einer philosophischen Ganzheit der Musik. Kein Ton ohne seinen Bezug auf ein Ganzes. Da aber der göttliche Äther als einheitlicher Bezugsort verschwunden war, wählte Beethoven den Bezugspunkt der Freiheit, die sich im Menschen verbarg, denn auch wenn die Revolution zur Freiheit aufbrach, so sollte doch Musik nicht einem Chaos übergeben sein.

Beethoven nur ein Tonmaler, der die Welt nachahmt?

Die Vermutung liegt nah, dass die Welt als einheitlicher Klangteppich einen Rahmen für die Musik lieferte. Beethovens Pastorale orientierte sich ja beispielsweise an der Dynamik eines Dorfes. Ein musikalisch-philosophischer Naturalismus bot sich an, nach dem wir nur biologisch auf Musik fixiert seien und ihr letzter Sinn nur das Glücksempfinden bei der harmonischen Einordnung in die Natur sein könne. Demnach lag unser Bezug zur Welt in einem biologisch begründeten Unwohlsein, insofern wir in der Stadt waren, aber tiefe Verbundenheit, wenn wir zu den Ursprüngen zurückkehrten. “Zurück zur Natur”, hatte der Philosoph Rousseau postuliert. Aus der geschichtlichen Entwicklung ergaben sich natürlich auch schon diese ersten technikphilosophische Tendenzen, die in Lagerfeuerromantik das moderne Stadtleben unter Beschuss nahmen. Dies traf aber nicht auf Beethoven wie auch nicht auf die deutsche Philosophie zu.

Beethoven selektierte doch die Klänge aus dieser Welt, aus der Natur heraus. So entschied sich Beethoven bei der Pastorale beispielsweise für den Zusatz „Mehr Ausdruck der Empfindung(en) als Malerei“. Beethoven kopierte nicht einfach nur gedankenlos die Äußere Unordnung der Welt, denn auch der Zusammenhang der Natur findet erst seine Energie in der schöpferischen Betrachtung durch den menschlichen Geist.  Mit Beethovens Ernst der Naturinterpretation kommt auch die Kritik an seinem Lehrer Haydn zum Ausdruck, denn nicht die Melodie als simpelste Einheit der Musik, um die sich dann das Geflecht von Harmonien herumrankt,  steht im Mittelpunkt, sondern die Gesamtheit einer durch Freiheit geleiteten Interpretation. Es ging nicht um die einzelne Stimme, die von einem klappernden Rehlein aus einer kargen Winterlandschaft entlehnt war. Die kleinste musikalische Einheit ist bei Beethoven nichts weiter als das gesamte Stück, das nur unter einer menschlichen Idee seine Einheit findet. Alles hängt mit allem zusammen. Da ist das Dorf nicht einfach nur eine Beschreibung, sondern die Gesamtheit aller Sätze immer auf jede einzelne Phrase der Komposition zurückbezogen und für Beethoven nur gesamtphilosophisch unter der Voraussetzung menschlicher Freiheit zu verstehen. Der Mensch mit seiner Freiheit und nicht die Natur selbst, waren der Grund der Harmonie. Verdeutlichen wir das mal: Es ist doch zum Beispiel sehr fragwürdig, ob Konzerte von klassischen Orchestern für Hunde Erfolg hätten. Verstehen diese denn die menschgeformte Harmonielehre? Auch wenn es eine wohl für die moderne Mülleimerexperementiermusik ein spannendes Experiment wäre, Konzerte für Hund zu veranstalten, die Musik war nur aus einem bestimmten Bewusstsein heraus verstehbar.

Da aber der Mensch erst in Freiheit der Musik in ihrer Gesamtheit ihre Bedeutung gab, konnte die Musik auch nicht schon als musikalischen Trostpflästerchen für blessierte Seelen gelten. Musik drückte eher die Seele selbst in ihrer Freiheit, das Ganze zu geben, aus. Doch wie vereint sich der positive Gedanke der Freiheit mit den vielen düsteren Stimmungen der Werke Beethovens? Freiheit, das war auch immer die Ungewissheit, denn Freiheit ist auch immer ein Mangel an Notwendigkeit. Die philosophische Orientierungslosigkeit war schon immer die Gefahr in der Freiheit selbst. Die Fixierung auf Glücksversprechen, wo Musik als billiges Narkosemittel verstanden wäre, konnte ihrer Rolle bei Beethoven also nicht gerecht werden. Neben dem persönlichen Lebensglück war das unerbittliche Suchen innerhalb der Freiheit immer noch als philosophisch-dialektische Gegenseite des Glücks verortet.

Da nun weder Welt noch Glück im Fokus standen, so ist beispielsweise die sechste Sinfonie, die Pastorale, keinesfalls Programmmusik. Die Welt des Dorfes selbst ist noch nicht Einheit, sondern ungeordnetes Gewühl. Der Mensch gibt dieser Welt ihre Bedeutung und somit ist Musik zu keinem Zeitpunkt Abbildung der Welt, sondern der menschlichen Freiheit entsprungen. Die Wegbereitung des menschlichen Interpretationsdynamik in diesem Werk findet ihren ironischen Ausdruck dann beispielsweise darin, dass der Kuckuck bei Beethovens Pastorale unüblich durch eine große Terz seinen Ausdruck findet. Die Ironie mag nicht auffallen, wird aber umso bedeutender, wenn wir bedenken, dass diese Interpretation Mahler zu einem Kuckuck in seiner 1. Sinfonie inspirierte, der fortan in der Quarte kuckuckte. Welt ist ganz der idealistischen Facon der damaligen Zeit interpretiert.

Die 9.Sinfonie als die philosophische Frage nach der Einheit in der Vielfalt

Im Gegensatz zu der Frage der Tondichtung steht die 9. Sinfonie wohl exemplarischer für das Schaffen Beethovens. Hier zeigt sich deutlicher die Unruhe, die sich doch auch in der Musik ausbreitet, wenn Einheit in der Freiheit nicht sofort gefunden wird. Es mag wohl nicht zu weit philosophiert sein, wenn wir gerade daher den damals unkonventionell letzten Satz mit einem Chor vorfinden, weil hier doch zum Abschluss der Mensch eigens Thema wird. Verfolgen wir die leeren Quinten der Einleitung zu ihrer Ausreifung eines ersten unruhigen Themas durch das Geflecht der vielen unruhigen Stimmen durch alle Sätze hindurch, so erscheint letztlich das Ringen um die Einheit nur in einer menschlichen Befreiung zu liegen. Aus dem ungeordneten Kosmos der Klänge steigt das Thema des freien Menschen auf. Die Revolution der Form kommt zur Revolution der Menschen, die mit den Worten und erst in ihrer Einheit als Menschheit über den Gott über dem Himmelszelt spekulieren kann. Ganz kann der göttliche Horizont musikphilosophisch nicht verschwinden. Zentrum der Harmoniereform, die nun die zukünftige Musikgeschichte bestimmen wird, ist jedoch die Freiheit des schaffenden Menschen. Bei Wagner werden wir dies noch viel deutlicher sehen.

Mit der Frage nach der Einheit in der Vielfalt ist auch bis heute die Grundfrage der Philosophie beschlossen und welche die Postmoderne bei ihren philosophischen Bemühungen der Wahrheitssuche bestimmt. Auch wenn Gott als einendes Thema aus den philosophischen Horizonten der Musik verschwindet, so ist der Einheitsgedanke bei Beethoven in Klarheit enthalten (und damit philosophisch zu Ende gedacht letztlich auch der Gottesbezug). Eine Gewährleistung der Einheit wohl aber gibt es auch bei Beethoven nicht. Freiheit ist kein Garant für eben diese Freiheit und schon gar nicht für Lebensglück. Neben allem Heorismus mischt sich Beethovens Musik immer mit dem gleichzeitigen Überschwang der Emotion, die doch die Fehlschläge von Revolutionen hervorrufen. In der Freiheit liegt eher Gefahr begründet, denn so konnten auch die großen Revolutionen, die ja doch die Freiheit des Menschen feierten, der Welt bis jetzt keine geordnete Einheit geben. Kommunismus, Linke, Gutmenschentum alle philosophischen Ideale waren immer mit metaphysischer Naivität überladen. Noch hadern wir mit den Konsequenzen unserer überschwänglichen Freiheit und suchen die Befreiung. Musik im Gegensatz zu den großen Revolutionären der Weltgeschichte scheiterte aber nur als Komposition ohne große Wunden zu hinterlassen. Und hören wir genau hin, so überbetonte auch Beethoven das Thema der Freiheit nicht als Heilversprechen, sondern als offene Entwicklungsfrage innerhalb der Menschheit und der Musikgeschichte.

Mit dem Gesagten lässt sich nun der  Gehalt von Beethovens neunter Sinfonie mit anderer philosophischer Geisteshaltung hören. Zur Demonstration dieser neunten Sinfonie habe ich ein Beispiel rausgesucht, in der Gott persönlich versucht, das Werk zu entfalten und der philosophischen Frage mit größtmöglicher Klarheit gerecht zu werden. Wohl kann Gott nur Meister des Bombastischen sein und dies ist, wie Musiker im Allgemeinen wissen, Karajan.

Stellen, die nicht für Jugendliche unter 18 Jahren geeignet sind, habe ich gekürzt. Spaß bei Seite, ich habe mal durchgehört und die Reihenfolge stimmt nicht, also müsst ihr euch leider das ganze bei Youtube selbst zusammensuchen.



Demokratiephilosophie und das Spiel “Wer wird Milliardär” in Libyen

31. August 2011
Democracy

Wofür steht die Philosophie der Demokratie? (CC_Foto: PaDumBumPsh)

Eigentlich lassen mich politische Ereignisse als Philosophen kalt. Meistens sind doch die tagespolitischen Ereignisse, wenn einer diese denn aus einer fiktiven Zukunft entgrenzt philosophisch als auch geschichtlich relativ unwichtig. Welche Ereignisse fallen mir denn ein, wenn ich 1000 Jahre zurück denke? Ehrlich gesagt, klafft da bei mir ein dunkles Loch im Gehirn. Blicken wir in die Vergangenheit zurück, so fallen uns zumeist sehr globale Entwicklungslinien ein, kaum einer erinnert sich aber an alle Schlachten der Griechen oder die politischen Tagesereignisse des Mittelalters. Genauso ist für mich das aktuelle Westerwellebashing kaum erwähnenswert. Ein Mann, der auf der Abschussliste, wie ein schmuddliges Klassenkind gemobt wird, interessiert mich als Philosophen herzlich wenig. Rein menschlich finde ich es allerdings unfair. Dennoch verbindet uns der Fall Westerwelle mit sehr spezifischen Ereignissen, die uns sehr deutlich im Gedächtnis verbleiben werden. Wie die Französische Revolution die philosophischen Freiheitsmomente, die in der Philosophie bereits angedacht waren, entgrenzte, dringt nun auch diese Philosophie der Freiheit in die arabischen Grenzen.

Dieser Tage fragen wir uns also, ob in der arabische Flächenbrand ähnliche, geschichtliche Züge wie der Französischen Revolution enthält. Der philosophische Gedanke nach demokratischer Mitbestimmung erfässt die Länder des nahen Ostens. Ich hatte allerdings mehrfach angedeutet, dass allein eine gewaltvolle Machtübernahme nicht alte Strukturen überwindet. Zu einer autoritären Tätergesellschaft gehören mehr Gegner einer Freiheitsphilosophie als nur ein diktatorischer Machthaber. Und so zeigte sich auch schon, dass die französische Revolution in der Art wie sie Europa erfasste über 200 Jahre dauerte bis alle diktatorischen Regime durchgespielt waren und sich eine Demokratie etablieren konnte. Auch in Tunesien und Ägypten zeigt sich, dass die Beseitigung eines Machthabers nicht sogleich Demokratie bedeutet.

Zur westlichen Realisierung von Demokratie müssen wir auch hinzufügen: Natürlich ist auch diese westliche Demokratie eine Diskriminierungsform der politischen Minderheit, was so zum Beispiel gerade bei einem Zweiparteinsystem wie in den USA schnell zu einer schmerzhaften Ohnmachtserfahrung führt. Unabhängig aber von der Annäherung an das philosophische Ideal der Demokratie, ist auch schon die Durchsetzung und Übernahme der Demokratie nur selten eine philosophisch vernünftige.

Gewalt der Freiheitsphilosophie? Demokratie aber wie?

Demokratie Jetzt! Gibt es hier eine Wahl? Denn auch die Forderung nach entgrenzender Demokratie entspringt einem Dilemma, denn Demokratie muss doch in dieser Form immer erst durchgesetzt werden. Ist das aber demokratisch? Und wie setzt sich eine Demokratie eigentlich durch?

Zunächst haben wir doch die Grenzen in einem Staat, der meinetwegen die Bürger vor sich selbst schützt und vielleicht auch den Staat und seine Grenzen nach außen verteidigt. Dass die Grenzen sich in der Philosophie immer als notwendiges Übel des Denkens manifestieren, hatte schon der Philosoph Hegel erkannt, warum aber diese Grenzen in der Wirklichkeit auch Bestand haben, war seine wesentlich philosophische Frage. Grenzen der Staaten sind also mit einem Schlag in der Welt, warum aber? Die wohl historische Erklärung lautet: Grenzen klären Besitzansprüche. Wo einst ein Mann sagte, dies ist meins und es noch niemandem gehörte, dort war der Rechtsanspruch geregelt. Einer wirklichen Philosophie der Freiheit konnte dies aber nicht gerecht werden. Staaten sind Gebilde, die Menschen willkürlich setzen, die in einem Moment der Geschichte entspringen und mit der Willkür immer auch eine Form der vernunftlosen Gewalt enthalten.

Was spielt sich nun in Libyen ab? Es lässt sich durchaus mit Russland vergleichen. Als dort die Demokratie doch wohl philosophisch eingeführt worden war, startete eines der größten Gesellschaftsspiele des Kapitalismus: “Wer wird Milliardär?” Dieses Spiel wurde moderiert von Jelzin und Putin und es schlachteten sich die Russen ab, um am Ende die riesigen Güter eines Landes verteilt zu haben. Historiker vergleichen dieses Gesellschaftsspiel durchaus mit einem Bürgerkrieg. Die Forderung nach Demokratie ist bestimmten Mächtigen genehm, und wie auch in Russland gibt es einen riesigen Schatz in Libyen zu verteilen. War Gaddafi vor kurzem noch der reichste Mann der Erde (vielleicht ist er es mit seinen über 100 Milliarden über windige Kanäle noch immer), so warten schon andere Staaten, Industrielle und wer auch immer auf die “demokratische” Verteilung der Güter.

Demokratie ist ein philosophisches Ideal, die Realisierung aber eine tagespolitische Tragödie, die in verschiedenen Ereignissen historische Ausmaße annehmen kann. Auch eine Demokratie muss durchgesetzt werden. Klar ist, herrschen soll das Volk. Welches Volk aber?

Wenn 10.000 Menschen sich auf einer Versammlung in Kairo zusammen finden, so handelt es sich ja gerade mal um 0,01 % der Bevölkerung. Selbst wenn eine Millionen Gegner auf den Straßen sind, so haben wir es gerade mal mit 1% zu tun. Mit welcher Menge an Protestestierenden ist also der kritische Grenzwert erreicht, da ein Regime sich nicht mehr schützen kann? In jedem Fall aber wird mit einer Masse unter 50% nicht demokratisch darüber abgestimmt, ob Demokratie sinnvoll wäre.

Demokratie soll es also sein, aber wie kommen wir dazu? Abstimmen können wir ja darüber nur, wenn wir Demokratie schon haben. Wir wissen aus der Geschichte, dass sich ein Volk gegen Demokratie entscheiden kann, aber wie entscheidet es sich dafür? Demokratie geht zurück auf Gewalt. Können wir in diesem Falle von Gerechtigkeitsgewalt sprechen? Heiligt der Zweck die Mittel? Demokratie um jeden Preis? In dieser Frage bin ich mir unsicher, wohl aber zeigt sich so, dass die Demokratie ihre Gönner hat. Wahre Demokratie hätten wir wohl erst, wenn die Demokratie nicht mehr durchgesetzt werden müsste, sondern wenn sie ohne Revolution erscheint. Aber wer will darauf hoffen?

Norman Schultz

 

 

Star Trek und die Frage nach den Grenzen von Geschichten

1. August 2011
1966 ... 'Star Trek' set tidy
Wie passen verschiedene Welten zusammen? Fot von x-ray delta one

Mittlerweile haben sich die Geschichten um das Raumschiff Enterprise zu einer Saga entwickelt und werden in 2.000 Jahren vermutlich wie heute die Sagen der Antike erzählt werden. Die Größe der Sage mittlerweile bringt viele Widersprüche mit sich, wobei die Bestrebung besteht, alle Geschichten immer im Rahmen einer großen Ezählungen erzählen zu können. Darüber hinaus soll das Star-Trek Universum nicht nur Zeugnis einer Geschichte sein, sondern alle Science-Fiction-Geschichten unserer Zeit umfassen. So versuchen zumindest Fans, auch artfremde Science-Fiction-Sagas zu integrieren. So könnte sich der Krieg der Sterne nach George Lucas nur in einem anderen Teil zu einer anderen Zeit des Universums abspielen und theoretisch wäre ein Aufeinandertreffen von Spock und Meister Yoda möglich. Theoretisch könnte Darth Vader gegen Captain Jean-Luc Picard zu Felde ziehen. Die Fans gehen gar so weit, dass sie gar “Alf” in ihren Star-Trek-Horizont miteinbeziehen möchten. Daraus ergeben sich vollkommen neue Geschichten. Man überlege sich, dass Captain Picard Alf auf der Enterprise versteckt, um ihn vor Versuchen durch Geheimdienste zu beschützen, während Darth Vader mit dem Todesstern Jagd auf sie macht. Witzig wäre es mit Sicherheit auch, Jerry Seinfeld einzubauen oder Homer Simpson (Klick auf den Link, denn so könnte er aussehen) den technischen Ingenieur sein zu lassen. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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