Grenzen des Sehens und optische Täuschungen – Kleine Sehschule der Philosophie (Teil 3)

Da wir unserem Sehsinn in der Regel die erste Welterkenntnis zuordnen, so „sehen“ wir nicht, dass wir uns mit den Sinnen eben auch nur eine sinn-konstruierte Welt aneignen. Die Grenzen der Philosophie bedenken wir hier nicht. Es mag sein, dass wir die Welt niemals anders denken können als durch die Vorstellung des Sehens, den Moment des Gegebenen, dennoch (wie in meinem Artikel zur Blindheit gezeigt) wir verstellen uns den klaren Blick auf die Grenzen unseres Wissens und diskriminieren den sogar den Blinden und sprechen ihm die geordnete Welterfahrung ab.

Besteht die Welt aus Bildern (philosophische Sehschule)

Die Welt besteht nicht aus Bildern, die an unserem Auge vorbei huschen. Aus Gegenständen vielleicht, aber selbst hier ordnen wir nur ein Gewühl von wahrscheinlichen Affektionen zur einer einheitlichen Strukturen. Das Folgende Bild verdeutlicht daher, womit unser Gehirn eigentlich die ganze Zeit beschäftigt ist, während wir mit unseren Augen durch die Welt wandern. Es ordnet und strukturiert und manchmal verwirrt es sich dabei selbst.

http://farm3.static.flickr.com/2281/2255015074_18dfeb3cdd.jpg

Für Erklärungen und mehr dieser Illusionen siehe auch: http://www.michaelbach.de/ot/mot_rotsnake/index.html

Das erste Mal als ich diese Bewegungen der endlos rollenden Räder sah, stellte ich mir in meiner Verblüffung einen Menschen aus dem Mittelalter vor, dem ich voller Stolz dieses magische Objekt auf einem Blatt Papier zeigen würde. Für alle, die es also nicht glauben können: Es ist keine Animation, druckt euch das Ganze auf Papier aus und seid einfach nur von der „Animation“ eines ruhenden Objektes beeindruckt. Ist das Ganze nun ein Sinneseindruck?

Was macht unser Gehirn beim Sehen

Was passiert? Nun, so wie es in den Artikeln heißt, passiert beim Sehen weit mehr, als nur das Einnehmen einer starren Perspektive, denn wir müssen ständig unseren Körper und seine Bewegungen zum Sehen selbst vermitteln, sowie auch die Bewegung unserer Augen. Wenn ich zum Beispiel auf diesen Monitor hier schaue und ständig meine Augen bewege, welch verwackeltes Bild mag das ergeben, wenn ich dieses auf euren Monitor jetzt übertragen würde? Einen guten Film würde die Sehrichtung mit Sicherheit nicht ergeben. Wir hätten noch verwackeltere Bilder als uns Handykameras weltweit ohnehin schon auf Youtube liefern. Aus dem selben Grund müssen wir bei der Malerei auch erst das Sehen lernen, lernen unser Sehen zu verstehen (wie bereits in meinem Blogbeitrag zu den Maltechniken angedeutet)

Philosophie des Sehens

Warum erscheint uns die Welt also nicht ganz und gar verwackelt? Weil unser Gehirn ständig unsere eigenen Bewegungen und die Bewegungen der Augen herausrechnet, aber das hat nun mal seine Grenzen. Bilden wir uns also ganz philosophisch eine Theorie vom Sehen, dann müssen wir bedenken, dass der Begriff „Theorie“ selbst abgeleitet von einem Sehbegriff nämlich von der Anschauung ist. Folgende etymologische Klärung zeigt dies auf:

„Die Etymologie lehrt, dass der Begriff Theorie bereits sehr alt und dem Griechischen entlehnt ist: théa bezeichnet „das Anschauen“, horáein meint „sehen“. Dabei ist die Verwandtschaft zum griechischen Wort für „Gott“, théos, kein Zufall. Er ist derjenige, der unablässig auf die Menschheit herabschaut. Das Adjektiv theoretikós beschreibt eine innere Geisteshaltung, etwas gedanklich zu erfassen. Heute manifestiert sich diese Haltung beim Theoretiker.“ (Quelle: http://www.wissenschaft-online.de/astrowissen/theorie.html)

Wir versuchen also wie ein Gott auf eine Welt herabzublicken, vergessen aber, dass wir mit der Blickrichtung als gedachtes, unabhängiges Subjekt plötzlich weltlos sind. Die Philosophie kann sich aber nicht zu einem neutralen Beobachtungspunkt verkleinern, wenn dann nur eine so genannt transzendentale Perspektive eröffnen. Aber Philosophen, die die Welt nicht in den Blick bekommen, sind metaphysisch obdachlos. Ist es also möglich die Welt in den Blick zu bekommen?

Die Welt in den Blick bringen (Sehschule der Philosophie)

Der Philosoph Apel würde sagen, wir verbleiben im zweiten Bewusstseinsparadigma, wenn wir immer nur die Welt durch bildlich konstituierte Objekte vorstellen würden und dazu einen subjektiven, weltlosen Beobachter dächten. Stattdessen empfiehlt er uns, das dritte Paradigma, was die Welt durch Begriffe und Sprache weiter entschlüsseln soll. Keineswegs bedeutet dies, dass die Welt sprachlich ist, aber Sprache ist die letzte Ebene, so meint Apel zu beweisen, auf der wir uns Welt überhaupt vorstellen können und auch mit höherer Sicherheit vorstellen können als es eine bloße Bildtheorie erlaubt. Ich will diese Philosophie der Transzendentalpragmatik hier nicht weiter erläutern, aber sie bildete auch die Grundlage für das moderne Verständnis der Bundesrepublik, da der Philosoph Habermas diese mit seiner Diskursethik stark in die Frankfurter Schule integrierte. Und die Frankfurter Schule ist mit Sicherheit ein Herzstück unseres Denkens, wenn auch zuweilen ein ungeliebtes.

Was sehen Blinde?

Wir können die Frage auch vereinfachen: Was sieht also ein Blinder, wenn er denkt? Achja richtig, für uns, die eben an den einen Sinn gefesselt sind, bleibt scheinbar nur übrig zu glauben, dass er immer nur auf eine schwarze Leinwand glotzt und generell einer beeindruckenden ontologischen Eigenschaft beraubt ist.

Wir diskriminieren Blinde, wenn wir behaupten wir dächten in Bildern. Stattdessen behaupte ich: Wir konstruieren! Wie diese Gegenstandskonstitution möglich sei, ist eine kompliziertere Frage. Wir würden gerne wie Gott aus dem Olymp auf uns herabschauen und unser endloses Sisyphos-Denken zur Konstruktion der Konstruktion der Konstruktion der Konstruktion der Konstruktion… (ad infinitum) beenden. Und so rollen wir oft den Stein der Weisen auf die Weltbühne und posaunen, dass wir nichts wissen können. Mit diesem Stein kommen wir aber auch nicht einfach den Berg hinauf. Vielleicht gibt es noch so genannte reflexive Projekte, die zumindest Teilerkenntnis liefern, darüber möchte ich jetzt aber nicht philosophieren. Persönlich sage ich nur so viel: ich glaube schon, dass wir zu wissen im Stande sind, aber dieses Wissen ist nicht als Seiendes in der Vergangenheit, sondern will als Ereignis immer wieder neu gedacht sein. Schon gar nicht ist unser Wissen aber reines Sehen.

Nochmal zum Punkt, wenn wir also sehen, so denken wir bereits. Wir erzeugen die Welt, indem wir alles um uns herum vermitteln. Wenn ich zum Beispiel auf die Tischecke hier schaue, so weiß ich, dass das ganze ein 90° Winkel ist, aber ich sehe sie nicht als 90° Winkel. Was ein Maler sofort weiß, muss ich erst in mir ergründen. Ich würde sagen es ist ein spitzer Winkel oder ein stumpfer? Der Gegenstand ist immer schon mit meiner Raumerfahrung verknüpft und untrennbar von dieser. Deswegen geraten wir in Verlegenheit, wenn uns so unbekannte Dinge wie die rollenden Räder auf Blättern begegnen. Die Welt ist eine vermittelte und nicht unmittelbare und das ist auch der einzige Grund, warum wir uns über die Welt Gedanken machen müssen. Wir sehen die Welt nicht, sie ist nicht einfach da und ein Bild. Sie liegt nicht zu unseren Füßen, sondern verwebt sich mit uns und ist verschmolzen in uns. Dabei versucht sie doch auch nur sich selbst zu fassen, wenn sie denn nur Teil in uns wird. Die Welt ist ein mit der Geburt sich öffnendes Auge in uns, dass versucht sich selbst zu sehen und das Leuchten des eigenen Sinnes erst wieder vergessen muss. Diese Gedanken aber sind nichts weiter als die Suche der Philosophie.

Was ist die Welt innerhalb der Grenzen unserer Philosophie?

Die Grenze der Menschheit ist nicht ihre Sinnlichkeit, sondern die Vermitteltheit durch Sinne. Eine Auseinandersetzung mit der Welt zählt und nicht das starre Glotzen. Unser Körper ist da viel näher als der Gedanke des Bildes. An anderer Stelle, in einem anderen Beitrag müssen wir aber auch noch von diesem Körper abstrahieren. Bis dahin schauen wir uns aber an, was uns ein blinder Körperbeherrscher uns zeigen kann. Al Pacino verkörptert den gewöhnlichen Liebhaber im blinden Tangotänzer. So gut im Übrigen, dass er einen Oscar gewinnt und wir uns selbst nicht mehr sicher sind, was von den Dreien, größter Liebhaber, Tangotänzer, Blinder denn nur gespielt sein soll. Nach langem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er nur eines von dreien ist. Entweder ist er blind, ein Frauenheld oder Tänzer. Aber welches nur?

Die Dialogszene auf Deutsch

http://www.youtube.com/v/dBHhSVJ_S6A

Die Bewegung selbst sehen wir nicht im Bild, nur die Vermitteltheit der Bilder lässt uns Bewegung erfahren. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Norman Schultz

Dieser Beitrag wurde unter Philosophie der Sinnlichkeit abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.