Archiv fü Kategorie Philosophie der Sinnlichkeit

Philosophie und Taubblindheit – Von der sinnlichen Hautwand in die Freiheit der Sprache

2. März 2012
Die taubblinde Philosophin Helen Keller

Was wir von Taubblinden lernen können (CC_Foto: wikimedia)

Philosophie schöpft ihre Begründung und Berechtigung aus Behinderung. In dem Unwissen unserer doch merkwürdigen Eingegrenztheit in unseren Körper jedoch versuchen wir zumeist, uns mit Wissen, Macht, Liebe oder weiß Gott etwas zu entgrenzen. Wir sehen die Behinderung nicht, die wir selbst sind. Die Auseinandersetzung mit den Grenzen ist allerdings unerlässlich für ein umfassendes, philosophisches Verständnis und so bleibt die Geiselnahme durch den Körper ein reduzierendes, wenngleich auch befreiendes Moment unseres Lebens, denn aus diesem Konflikt zwischen Determination durch die Welt und der Freiheit alle Kausalketten zu unterbrechen entspringt die Philosophie. Einerseits begrenzt der Körper und ist wie eine Wanne voll von Hormonen, taucht uns in Depressionen, Glückstaumel, Liebe und Hass; andererseits befreien wir uns in der tiefen philosophischen Reflexion von dem fleischigen Stück Determination, das wir sind.

Im Hinblick auf die Entgrenzung von unserem Körper verbleibt aber die Einsicht: Wir sind alle Krüppel. In diesem Sinne haben wir alle sehr ähnliche Horizonte, um uns der Philosophie zu nähern.

Und dennoch das Interesse für die Sache der Befreiung in der Philosophie unterscheidet uns. Der eine will Liebe, der andere Macht und nur die wenigen wollen Freiheit im Sinne einer Philosophie. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Von der Sprache in uns – Zur Philosophie in der Taubblindheit

27. Februar 2012
Landkarten auf dem Körper - von der philosophisch-begrifflichen Dimension der Berührung

Landkarten auf dem Körper - von der philosophisch-begrifflichen Dimension der Berührung

Behinderung ist eine generelle Grundkonstitution von Menschen. Diesen philosophischen Gedanken habe ich versucht, in den letzten Beiträgen auszubauen. Es ging darum Behinderung aus seiner Minderqualifizierung herauszuheben und das Wort “Behinderter” als eindeutige Bezeichnung für Lebensqualität herauszuheben (Es geht dabei nicht um behinderte Menschen). Die Beiträge waren:

 Taubblindheit geriet schließlich als Behinderung in einen Hauptfokus, wobei ich andere Behinderungen bald wieder in den Blick nehmen werde. Taubblindheit erscheint uns als lebendiges Grab. Wir können uns intuitiv nur schwer vorstellen, wie sich auch in diesen Menschen der gleiche Himmel an Begriffen aufspannt. Leergeräumt gilt uns ihre Welt. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Von der Philosophie des Denkens in der Taubblindheit

20. Februar 2012

Philosophie, Welt und Sinnlichkeit [By Hansdoller (Own work) CC-BY-SA-3.0

[/caption]Wir sind alle Behinderte. Diese philosophische Grundüberlegung versuche ich auszubauen. Allein die Tatsache geboren zu sein, bringt demnach die Nachteile der Körperlichkeit mit sich. Weil wir uns aber ständig im Vergleich zu einer normierenden Mitwelt bewegen, glauben wir, der eine sei mehr, der andere weniger behindert. An dieser Stelle sehe ich allerdings eine mögliche Umkehrung der Verhältnisse: Wenn wir den Grundgestus jedweder Lebensphilosophie in den Blick nehmen, so ist der Behinderte stets jemand, der die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit in sich aufnimmt und als erstes erlebt. Wir haben diese Spannungen auch, aber im Vergleich zu einer sozialen Mitwelt sind wir übervorteilt. Philosophische Fragen treten erst an den Horizonten auf, wo die Grenzen unserer Macht erscheinen und wir Freiheit nur innerhalb unserer Möglichkeiten erreichen. Das heißt: Behinderte sind wir in dem Moment, wo unser Streben nach Macht an die Welt angrenzt. Wir bemerken, dass wir nicht alles können. So ist auch die asiatische Glücksüberzeugung viel eher, dass wir erst Leid (Grenzen) erfahren haben müssen, um wirklich glücklich zu sein. Dieses können wir auf unsere Menscherfahrung übertragen: Bewusstheit der Grenzen, dies bedeutet Behinderung. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Philosophie und der Hunger – Ist Welthunger ein überschätztes Problem? (Teil 1)

8. Oktober 2011

Philosophie und Hunger warum sollten diese beiden “Sachverhalte zueinander passen? Nun die Philosophie beschäftigt sich mit den Grenzen unserer Erkenntnis. Wenn es stimmt, dass die Grenzen unserer Erkenntnis in einer philosophischen Frage, nämlich in der Frage “Was ist der Mensch” verborgen liegt, dann liegt es unter anderem nah die existentiellen Bedrohungsszenarien aufzusuchen und ihren Durchstoß zur so genannten philosophischen Existentialität zu untersuchen. Wie bedroht der Hunger uns Leben und wie erlangt er dadurch philosophische Bedeutung? Gerade für Asketen spielte diese Möglichkeit der philosophischen Selbstzurücknahme immer wieder einen Weg in die philosophische bis religiöse Erkenntnis. Bevor wir diesen philosophischen Weg allerdings gehen, möchte ich zunächst das Problem des Hungers überhaupt betrachten und zeigen, dass wir in unserer Gesellschaft tatsächlich den Hunger zunehmend besiegen.

Hunger als philosophisch-existentiale Bedrohung
Hamsun schreibt in seinem Roman “Hunger”:

„Ich hatte es ganz deutlich bemerkt, immer wenn ich längere Zeit hungerte, war es gleichsam, als rinne mein Gehirn langsam aus dem Kopf und als würde er leer. Das Haupt wurde leicht und abwesend, ich fühlte seine Schwere nicht mehr auf meinen Schultern, und ich hatte das Gefühl, dass meine Augen allzu weit geöffnet glotzten, wenn ich jemand ansah.“

In dem Roman “Hunger” verfolgt der Leser den Bewusstseinsstrom eines Mannes, der unter der psychischen Belastung des Hungers, um ein Leben in Würde kämpft. Der Roman lehrt: Es mag sein, dass einige elegante Männer durch die Welt spazieren. Der Stil zeigt sich aber nicht darin, dass einer sich einkleiden kann, wie es ihm mit unermesslichen finanziellen Möglichkeiten beliebt, sondern, dass er mit der Armut sich noch die entsprechende Würde in einer umfassenden Philosophie zu geben weiß.

Philosophie und der Wahnsinn des Hungers
Natürlich gilt dieses philosophische Gebot der Würde nicht absolut. Als am 20. November 1820 der Walfänger Essex von einem Pottwal gerammt wurde und schließlich sank, begannen die Matrosen, die sich auf kleinen Walfangbooten gerettet hatten, nach mehreren Wochen die ersten Toten zu verspeisen. Bald schon losten die halb verhungerten Seeleute aus, wer als nächstes getötet werden würde. Als sie schließlich von einem anderen Walfänger gerettet wurden, heißt es:

„[D]ie Haut mit Geschwüren übersät, nagten die Schiffbrüchigen mit hohlwangigen Gesichtern an den Knochen ihrer toten Kameraden. Selbst als schon die Retter herbeieilten, wollten sie nicht von ihrem grausigen Mahl lassen.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Essex_%28Walfangschiff%29)

Es steht uns nicht zu, ad hoc über dieses Verhalten philosophisch-moralisch zu urteilen. Die Entscheidung ist die Wahl zwischen Pest und Cholera, entweder elendig sterben oder menschenunwürdig überleben. In der Philosophie heißt es, insofern bei einem Schiffsbruch noch ein Stückchen Holz im Meer treibt und dieses Stückchen Holz nur einen tragen kann, dass jeder das Recht hat, um sein Leben gegen Andere zu kämpfen und so ist es nicht nur philosophisch, sondern auch in unserer Rechtssprechung. Ich erspare dem Leser hier weitere kannibalischen Beispiele, möchte aber anmerken, dass aufgrund solcher Einsichten auch zum Tode Verurteilte rückwirkend begnadigt worden sind. Vorrangig zeigen uns diese Beispiele zumindest philosophisch, dass Hunger den Menschen zurückverwandelt in das Tier, das er ohne die Sicherheit der Kultur wäre. Der Hunger treibt zurück in den Instinkt. Ob weise Philosophen, die ihren Instinkt unter Kontrolle hätten, sich bei einem Schiffsbruch aber geschickter verhalten würden, ist unklar. Womöglich würden Sie darauf bestehen, dem anderen das letzte Stückchen Holz zu überlassen und im endlosen Disput darüber, wer denn nun das Stückchen Holz nehmen solle, ertrinken.

An welche philosophischen Grenzen und der Hunger treibt: Das Floß der Medusa (Le radeau de la Méduse) von Théodore Géricault Quelle: wikimedia

An welche philosophischen Grenzen und der Hunger treibt: Das Floß der Medusa (Le radeau de la Méduse) von Théodore Géricault Quelle: wikimedia

Was Hunger philosophisch für uns bedeutet – Hunger und die Medien

Hunger als Phänomen ist in unserer modernen Gesellschaft in den Hintergrund gerückt. Ich möchte bezweifeln, dass jemand aus Deutschland noch tatsächlich Hungersnöte erleidet, wie es vielleicht nach dem zweiten Weltkrieg der Fall war oder im 19. Jahrhundert als die Versorgungslage in Europa wirtschaftlich noch nicht als stabilisiert galt. In funktionierenden Demokratien, so zeigt es die Statistik, kommt es nur unter extremsten Ausnahmebedingungen zu Hungersnöten. Zunächst ist für eine philosophische Näherung an das Hungerproblem Folgendes relevant: Was wir im Alltag zumeist als Hunger bezeichnen, stellt eigentlich Appetit dar und ist nicht zu vergleichen mit den Qualen, die mit wochenlangem Nahrungsentzug einhergehen. Wir kennen das Problem des Hungers als Bürger reicher Industriestaaten in der Regel nicht mehr und haben maximal eine Ahnung davon. Auch in den Medien werden wir kaum noch mit Hungernden Menschen konfrontiert. Angesichts der 900 Millionen hungernden Menschen (Quelle: Wikipedia) wird nun schnell vermutet, dass die Medienlandschaft stumpf geworden ist, über dieses Problem zu berichten. Wir vermuten, dass unsere abstruse Werbeindustrie ein Problem, das seit Jahrzehnten existiert, nicht mehr als neuartige Information verkaufen kann und daher ignoriert. Nun findet aber in unserer Wahrnehmung ein entscheidender Fehler statt. Wir vermuten doch, dass diese 900 Millionen Hungernde nah am Hungertod darben. Rein logische Überlegungen zeigen aber, dass das nicht der Fall sein kann. Würden nämlich von diesen 900 Millionen jährlich auch nur die Hälfte tatsächlich am Hungertod sterben, so würde sich die Weltbevölkerung schnell um den Anteil der Hungernden dezimieren. Generell würde bei dieser Masse an stark Hungernden die Weltbevölkerung schnell zusammenschrumpfen. Nach 10 Jahren wären die Menschen vom Erdboden verschwunden. Hunger, wie er hier also als Term gebraucht wird, ist aus diesem Grund nicht zu verwechseln mit einer akuten Hungersnot. Tatsächlich bezeichnet Hunger hier “nur” die tägliche Unterversorgung und der Mangel an bestimmten Nahrungsmitteln (http://one.wfp.org/german/?n=32). Mit dieser Umdeutung des Begriffs “Hunger” tritt aber ein erhebliches Interpretationsproblem auf, dessen sich die meisten nicht bewusst sind und dies ist für uns auch philosophisch relevant, denn es interessiert uns ja gerade die Grenzerfahrung des Hungers, derer sich beispielsweise auch viele Asketen wie Philosophen bedienten. Was genau wird nun als Hunger gewertet?

Die Vier apokalyptischen Reiter von Dürer. Quelle: wikimedia. Der Hunger war lange Zeit eine extreme Bedrohung der Menschheit.  Im Mittelalter galt der Hunger noch als eine der Plagen, die die Menschheit vernichten würden. Heute hat er diese apokalyptisch-philosophische Bedeutung verloren

Die Vier apokalyptischen Reiter von Dürer. Quelle: wikimedia. Der Hunger war lange Zeit eine extreme Bedrohung der Menschheit. Im Mittelalter galt der Hunger noch als eine der Plagen, die die Menschheit vernichten würden. Heute hat er diese apokalyptisch-philosophische Bedeutung verloren

 

8,8 Millionen Hungertote jährlich
Welche Versorgung wird als derart vollwertig betrachtet, so dass wir nicht von Hunger reden müssen? In den Medien wird an dieser Stelle immer wieder aufgetischt, dass in den armen Familien zum Beispiel überhaupt kein Fleisch auf den Tagesplan kommt. Fleisch aber ist für eine vollwertige Ernährung nicht notwendig (zumindest wenn eine hohe Lebenserwartung als notwendiges Kriterium gezählt wird, sind die Statistiken eindeutig). Wird Fleisch tatsächlich zu einer vollwertigen Ernährung gezählt, so zählen dann alle Vegetarier auf der Welt als Hungernde? Das wären dann 700 Millionen Hungernde. Das möchte ich dem Hungerindex natürlich nicht unterstellen, aber das Verhältnis von 900 Millionen Hungernden zu 8,8 Millionen tatsächlich Hungertoten wirft die Frage auf, was denn das ganze nun bedeuten soll. Ich gehe nun davon aus, dass wir eher von einem geringer dramatischen Gerechtigkeitsproblem sprechen als von einem tatsächlich akuten Problem, das alle Handlungsgewalt in uns mobilisieren müsste. Ich denke, dass wir im Grunde die Lebensweise der westlichen Welt mit weniger industrialisierten Ländern vergleichen und dabei bemängeln, dass die Versorgung in anderen Staaten viel schlechter ist als bei uns. Selbstverständlich ist dieser Vergleich berechtigt, aber die Ergebnisse sind dann keineswegs so dramatisch, wie es sich zunächst anhört, wenn wir mit Hunger undifferenziert Hungertod verbinden.

Verbesserung der weltweiten Lebensumstände seit dem 19. Jahrhundert weltweit
Es könnte doch sein, dass das weltweite Hungerproblem sich mit der Industrialisierung nicht verschärft, sondern unter gewisser Betrachtung entschärft hat. Das ist natürlich ein Stachel im Genick derer, die die moderne Gesellschaft philosophisch veruteilen und glauben, dass eine in Lagerfeuerromantik getauchte Steinzeitgesellschaft den Tisch von der Natur von selbst gedeckt bekommen hat. Hans Rosling zeigt in seiner genialen Animation hingegen, dass noch im 19. Jahrhundert alle Staaten, was die Lebenserwartung anbelangt, bei einer sehr ähnlichen Ausgangsposition starten. Mit der Industrialisierung verändert sich dann das Lohnniveau vieler Staaten und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Die Lebenserwartung aber steigt auch in den afrikanischen Staaten, bei denen sich das Einkommen nicht verändert. Ich deute das ganze nun so, dass wir davon ausgehen können, dass der weltweite akute Hunger (Hungersnot) so dezimiert worden ist, dass wir gestiegene Lebenserwartungen weltweit haben (die medizinische Versorgung darf dabei natürlich auch nicht unterschätzt werden). Insofern aber gibt es tatsächlich weniger fatalen Hunger als früher.

Wer ein bisschen mit dem Gapminderprogramm von Hans Rosling experimentieren möchte, kann auf folgendem Ling den Gapminder finden. 

Natürlich tritt hierbei ein gewisser Fahrstuhleffekt auf. Da sich die Lebensstandards in den westlichen Staaten dermaßen gewandelt haben, fordern wir diese Lebensstandards auch für die anderen Staaten, denn mit welchem Recht sollte das Privileg der Geburt in einem westlichen Land rechtfertigen, dass es diesen Menschen nun besser gehen dürfe? Eine leistungsgerechte Gesellschaft kann sich diese Ungleichheiten nicht leisten. Wir fordern also von einer höheren Etage, den Standard unserer Lebensweise für alle ein und auch nur dieser Status der Verallgemeinerbarkeit von Lebensweisen sollte als Prüfkriterium für philosophisch-moralische, gerechte Gesellschaften gelten. Das Problem aber am Welthunger nun ist, dass uns falsche Vorstellungen von Drittweltländern vermittelt werden. Es handelt sich nämlich oftmals nicht um akute Probleme über die wir uns den Kopf zerbrechen müssten und unsere Regierungen zum soforten Umlenken bewegen müssten, sondern um weitreichende, komplizierte, strukturelle Änderungen, die durch keine einzelne philosophische Idee, sondern nur durch das Mitwirken vieler Menschen in einem langsamen, aber dafür beständigen Prozess umgesetzt werden können.

Bis hierhin also erstmal, die Fortsetzung findet ihr unter meinen früheren Beitrag, dort werde ich die Frage nach planwirtschaftlicher Umverteilung stellen und auf eine eigentliche Ursache des Hungers, nämlich den Krieg, zu sprechen kommen. Die nächsten Tage werde ich mich dann meinem eigentlichen Ziel zuwenden und den Hunger mit der Philosophie in Verbindung bringen. Gerade für Asketen spielt in der Möglichkeit das Jenseits zu erfahren eine bedeutende philosophische Rolle. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ihr von einer der zahllosen Abo-Möglichkeiten Gebrauch macht oder meinen Beitrag weiterempfehlt.

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Über die Grenzen unserer Sinne hinwegsehen – Kleine Sehschule der Philosophie (Teil2)

21. August 2011
Focus of Attention

Sehen - eine entgrenzbare Grenze (Foto: h.koppdelaney)

In meinem ersten Artikel über die Grenzen unseres Sehens hatte ich ja bereits dargestellt, dass die Welt nicht aus Bildern besteht. Dies ist ein Aberglaube, der sich aus Sicht der Philosophie nicht halten lässt. Die Welt ist keine Fotostrecke, die unser Gehirn als Digitalkamera fotografiert und in einem Kasten abheftet. Vielmehr ist jedes Bild eine beständige Erzeugungsleistung unseres Denkens. Das Bild wäre ein zu begrenzter Gedanke. So ist eine Rose nicht ein Bild, sondern das Ganze ihres Seins.

In ähnlicher alltäglicher Ablehnung behandeln wir wiederum die Behinderung. Wir glauben oftmals, dass die Fülle und Unbegrenztheit des Seins nur aus der Vollständigkeit der Sinne ableitbar wäre. Taubblinde Menschen lehren uns daher den philosophischen Wert unserer Gedanken. Sie lehren uns Entgrenzen. Wie ich bereits in einem anderen Artikel darlegte, gibt es unter Menschen eigentlich keine Behinderungen, sondern nur angebliche Normalitätsgrade. Im philosophischen Denken sind die angeblich “Begrenzteren” näher an der Philosophie, weil sie bereits die wesentlichen Kulissenwelten der eigenen Körperlichkeit oder auch der eigenen Sinne in Auseinandersetzung mit den angeblich Normalen umgehen müssen.

So gibt es für uns “Normale” Unglaubliches, Beeindruckendes, Faszinierendes, weil es Menschen gibt, die zum Beispiel ohne unsere Alltagsideologie des bildhaften Seins existieren können. Ich meine Blinde und spreche zum Beispiel vom Fledermausmann:

Okay, Verzeihung! Ein kleiner Witz meinerseits, aber auch schon ein Verweis auf den Superheldenbeitrag, den ich bald schreiben werde (eine Vorsuperheldenstimmung macht sich breit). Hier also der richtige Fledermausmann:

Trotz Blindheit kann er also Radfahren und sich orientieren. Das Echolotverfahren erlaubt dabei ähnlich wie bei der Fledermaus eine Abbildung des Raumes. Aus dem Gegegenen wird durch ein wie auch immer geartetes “Denken” (aktiv oder passiv) ein Bild erzeugt.

Sehen heißt Denken

Wie können wir uns das also bei einem Blinden vorstellen? Wir könnten auch in Anspielung auf Nagels philosophischen Aufsatz „What is like to be a bat?“ fragen: „How is it to be like a Batman?“ Diese philosophische Frage des Blinden allerdings können wir leichter beantworten als die Fledermausfrage, da wir hier noch innerhalb der Grenzen der menschlichen Natur sind.

Blinde sind noch erforschbar: Es gibt zum Beispiel Fälle, wo Menschen vermittels technischer Apparaturen Geräusche auf die Ohren gespielt bekommen, wobei die Geräusche durch unterschiedliche Lautstärken das Umfeld abbilden sollen. Diese Blinden berichten nach einiger Zeit der Anwendung von ähnlichen Eindrücken, wie sie diese früher beim Sehen empfunden hatten. Andere Apparaturen übertragen die Reize auf die Zunge und erzeugen ebenso “Bilder” im Kopf oder zumindest, was wir in der Regel für Bilder halten. Sehen entspricht nämlich , so viel können wir nach diesen Experimenten sagen, nicht einfach nur einer sensitiven Reizung von Auftrittsflächen, was Evidenzen erzeugt, sondern das, was Sehen ist, ist eine innere Rekonstruktion, die wir vielleicht nicht aktiv mit vollziehen, die aber doch, ganz Kantisch gedacht, in uns erzeugt wird. Sehen ist demnach eine Art von Denken.

Was heißt Sehen philosophisch?

Wenn wir nun fragen, wie wir hier eigentlich Sehen erzeugen, so würde eine Kantische Antwort so ausfallen: Wir reproduzieren das Gegebene nach Aufnahme wieder und wieder, erkennen es im Begriff und haben so eine klare Verknüpfung, die als Gegenstand immer schon in der Welt ist. Was uns Kant hier in einer doch strengeren Deduktion zeigt, ist eine tiefgehende Einheit zwischen gegebener Wirklichkeit und Sprache, anders gesagt, zwischen so genannten Bildern und Sprache. Diese Unauflösligkeit ist mit Sicherheit eine Grenze der Philosophie kann aber in einer letzten transzendentalen Wendung wenigstens angedacht werden. Das heißt (um zu unserem Rosenbeispiel zurückzukommen) wir verstehen die Rose nicht unmittelbar, sondern nur so, wie wir sie als Gegenstand erzeugen. Die Rose ist kein Bild. In diesem Fall lehrt uns die Erfahrung, die ja keineswegs ein Bild ist, dass eine Rose, entsteht, wird, vergeht und stirbt. Wir verknüpfen. Das Sehen ist also als inneres Sehen ein Verstehen, das uns immer begleitet und ohne das wir nicht sein können. Aus diesem Grund verstehen auch Blinde zu gut, was Sehen heißt. Sehen heißt Denken.

Die Blindheit ist vorbei, sobald wir erkennen, dass Blinde als Menschen nicht wirklich blind sind.

Ein Blinder, der sehen kann

Ziehen wir hierzu noch das viel beeindruckendere Beispiel heran: Er kann Videospiele spielen, Skaten, Gegenstande ausfindig machen, Objekte klassifizieren. Er unterscheidet sich kaum von Sehenden.

Was ist Philosophie?

Wir müssen die Grenze des Sehens ausweiten und nach dem wirklichen Sehen forschen und nachphilosophieren. Nein, ich will hier nicht propagieren, dass wir in uns selbst zurückgehen müssen, aber doch soviel sagen, dass wir mit dem Glauben an die Sinne die Problematik der Sinnlichkeit noch gar nicht berühren. Diese vorliegenden Geschichten lehren uns daher zunächst eines: Wir müssen über unsere physischen Grenzen hinaus denken und zu den tatsächlichen Erzeugungsleistungen unserer Vernunft einkehren. Es geht nicht um Sinne, sondern um Sinnlichkeit und schließlich um Sinnhaftigkeit. Die bildlichen Grenzen eines Körper sind daher niemals Grenzen seiner Bedeutung. Und so ist auch der Mensch als bildlich gedachte Natur nicht in seiner Bedeutung erfasst. Die gegebene menschliche Natur ist immer eine Herausforderung, das Unmögliche möglicher zu machen und das heißt sich überwinden, verwinden und sich selbst ständig als sich Erneuernder zu begreifen. Dieses aber geschieht in einer Aneignung der eigenen Grenzen – dies aber ist die höchste Form der Philosophie und mit diesem Artikel beginnen wir erst die kleine Sehschule. Physische Blindheit oder gar Taub-blindheit ist hierbei keine Grenze mehr. Philosophieren kann daher jeder.

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Norman Schultz

Eine Ablehnung der Minderwertigkeitsphilosophie – Wir sind alle Krüppel!

8. August 2011

Claustrophobia by Nina Valetova

Durch die Welt zur Normalität (Behinderung und Philosophie)

Krüppel, dies ist politisch inkorrekt. Ein Schimpfwort? Wie kann es sein, dass die Benachteiligung eines Menschen sich zu einer Beschimpfung umformen konnte? Erleben wir nicht dieselbe Verformung bei dem Wort Opfer, so dass Menschen, die schwere Überfälle oder Missbräuche erlebt haben, diesen Begriff mittlerweile ungern benutzen und sich als Betroffene bezeichnen? So auch beim Krüppel, er wurde zum Behinderten, bald zum Andersbegabten, mal als Sorgenkinder bezeichnet und von einer nicht genannten Organisation zwangsläufig zum Menschen (und zwar in einer Aktion) umgetauft (vgl. Sloterdijk. Du musst dein Leben ändern 2008). Verlegenheit macht sich breit, aber warum betrachten wir die Behinderung mit so starker Negativität? Wird dies den Behinderten eigentlich gerecht?

Unser Denken setzt die Grenze

Keine Diskriminierung also, wenn wir von Krüppeln reden! Es ist keine Diskriminierung, da wir alle Krüppel sind. Diese Sichtweise der Gleichheit bildet sich nämlich genau dann heraus, wenn wir den Vergleichspunkt erhöhen. Wieso sollten uns gerade zwei Arme und Beine ermöglichen, um Höheres zu spielen? Wenn wir die Welt in ihrem Sinn durchforschen, so sind alle unsere Gedanken ähnlich bescheiden. Hellen Keller, taublinde Philosophin, muss ich beinah als Kurriousum erwähnen, aber es sollte doch eine Alltäglichkeit sein, dass körperlich Behinderte sich genau in den Bereichen engagieren, die immer offen bleiben. Philosophie ist nicht die Wissenschaft der Gesunden und so müssen wir eine Welt ansteuern, in der es nicht speziell Berufe für Behinderte gibt. Behindertenwerkstätten mögen ihren Sinn erfüllen und Menschen einen geregelten Arbeitstag geben, aber es reintegriert in Beschäftigungsfelder, die nicht unbedingt den Behinderten als Menschen gerecht werden.

Natürlich es stimmt! Menschen ohne Behinderung haben gesellschaftlich bessere Chancen.  Es ist hier die Aufgabe eines Staates für Ausgleich zu sorgen. Müssen Behinderte aber gesellschaftlich auf ihre Behinderung reduziert bleiben? Wir sollten eher die Felder erforschen, wo sie es nicht sind. Natürlich ist es bei den Behinderten (Krüppeln) oftmals der Kampf um Normalität, das heißt ein Leben wie die anderen führen zu können. Während wir meinen, um das Höhere zu ringen, wollen sie erst auf das Plateau der Normalität. Dabei sind sie jedoch schon normal. Ihr denken zieht die Grenze ihres Körpers; sie messen sich mit Körperkonturen an der Welt. Doch die Schablonen der Körper können keine Grenze sein für die einzige Befreiung. Nur eine Philosophie nach innen kann von diesem Unsinn der Körper befreien.

Eine Philosophie der Behinderung?

Ich halte die Einstellung eines Kampfes um Normalität für falsch, wenn auch gesellschaftlich für notwendig. Zwar muss der Staat Behinderten ihr Leben erleichtern, aber es darf nicht ihr Kampf sein. Der Kampf um die Normalität verhindert die Zeit für die Kämpfe um die Kunst und die Philosophie des Lebens, die den anders Behinderten bereits frei stehen. Auch Krüppel sind mit uns auf Augenhöhe bei denselben Fragen um das Leben. Nur dort haben Behinderte und “Unbehinderte” die gleiche Fallhöhe. Es bleibt die Frage, was ist eigentlich eine Behinderung? Ist der Wirtschaftsingenieur, der sein Leben an der Börse mit ethisch bedenklichen Derivaten verdient nicht viel stärker behindert und zwar in seinem Denken als der, der mit seinem Körper hadert?

Stattdessen bewundern wir Menschen, die sich in unsere nutzlose Normalität der Ungerechtigkeit zurückkämpfen, auch wenn dies keineswegs ein Vorwurf an den Behinderten ist, sondern ein Vorwurf an die Bewunderer:

Wir feiern die Erfolgsgeschichte eines Menschen, der sich die Normalität erkämpft. Ungeachtet der ungeheuren Lebensleistung ist damit aber für eine Philosophie nicht viel gewonnen. Sollen wir jetzt etwa schätzen, dass wir schließlich Arme und Beine hätten und uns daher nicht beschweren über das, was das Leben aus uns macht? Ist die Bewunderung dann nicht eine geheuchelte, wenn wir es mit dem Blick auf die Mehrwertigkeit tun? Eine Bewunderung aus Überlegenheit? Wenn wir Nick Vujciic dafür schätzen, dass er sich einen Platz neben uns erkämpft hat, dann schätzen wir ihn nicht wirklich. Aber Nick Vujicic kann mehr als andere. Er erschließt sich neben dem Alltag die Felder, die für ein Menschenleben angemessen sind: Die Frage nach dem Geist, der Kunst, die Frage nach dem Ganzen, nach der Philosophie. Damit ist er bei weitem sogar mehr als wir mit Armen und Bein sind un das ist Punkt, worauf es ankommt.

Der Behinderte als Übermensch

Damit ist der Behinderte weiter als der anders Behinderte, denn erweitern wir nur den Standpunkt unserer Erfahrung um die Möglichkeit einer höheren, besser ausgestatteten Existenz, so erfahren wir uns selbst als Kränkung: Ein Menschengeschlecht, das nur aus Haut und Knochen besteht! Die Grenze des Körpers besteht für Behinderte und anders Behinderte. Die Grenze ist also keineswegs im Körper zu suchen und daher sind die Benachteiligungen auch nicht als solche zu betrachten. Die Kranken und Schwachen, die Behinderten sind somit in bestimmten Fällen die starken unserer Gesellschaft und wenn wir bedenken, dass der Starke überlebt, dann könnten wir eigentlich nur mit ihnen überleben. Benachteiligungen geben die eigentliche Aufgabe frei, sich von der Hülle seiner alltäglichen Bedrängnisse zu befreien und sich dem eigentlichen Reichtum zu öffnen, nämlich der Freiheit.

Genaugenommen sehe ich hier also in Nick Vujcic kein Motivationsschicksal. Es geht nicht darum aus einer Minderwertigkeit das Beste zu machen, sondern darum überhaupt das Richtige in Angriff zu nehmen. Hierin und nicht im Erfolg sind wir gleich und bewundernswert.

Vielen Dank für das Lesen, ihr könnt auch gerne weiterempfehlen oder verlinken. Wenn ihr ähnliche Artikel habt, dann schreibt mir und ich verlinke euch im Text.

Norman Schultz

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Philosophie und der Hunger – Ist Welthunger ein überschätztes Problem? (Teil 2)

20. März 2011

Umverteilung und kommunistische Revolution als Lösung?
Nach Wikipedia leben die meisten Hungernden in Asien und der Pazifikregion (524 Millionen), danach kommt Afrika südlich der Sahara mit 206 Millionen Hungernden. Lateinamerika hat noch 52 Millionen und der nahe Osten 38 Millionen. Die meisten Hungernden leben demnach in den Entwicklungsländern (820 Millionen). In den Schwellenländern seien es hingegen nur 25 Millionen, wobei es in den Industrieländern noch 9 Millionen Hungernde gibt.

Weltkarte des Hungers Quelle:wikimedia

Ich hatte bereits angedeutet, dass diese Zahlen zunächst nur geringfügig Aufschluss über das tatsächliche Problem des Hungers geben, denn da es “nur” 8,8 Millionen Hungertote gibt, so fragt sich doch, was uns diese Zahlen sagen sollen. 8,8 Millionen Hungertote im Jahr bedeutet nämlich “nur” 0,34% der Weltbevölkerung. Natürlich sind die absoluten Zahlen der tatsächlich Leidenden nicht zu vernachlässigen und es muss gelten, jeden vermeidbaren Tod eines Menschen zu verhindern, aber stellt es sich womöglich heraus, dass der Hungertod ein Randphänomen unserer Gesellschaft geworden ist und nicht mehr zu den Vorboten der Apokalypse gezählt werden muss? Wenn wir strukturell über 0,34% der Bevölkerung nachdenken, so dürfte sich bei der tatsächlichen Großräumigkeit der Welt dieses Problem schwerlich durch Spenden beheben lassen, denn die Frage ist: Wohin mit dem Geld? Umgekehrt wird eine Umverteilung der weltweiten Reichtümer von Superreichen vielleicht mehr Gerechtigkeit ermöglichen, wohl kaum aber ausreichen, um die Welt mit umfassendem Wohlstand zu versorgen. (Ich werde bei Gelegenheit konkrete Berechnungen dazu vorstellen. Mit relativ groben Schätzungen gehe ich davon aus, dass wir mit einer weltweiten Revolution und der Entmachtung der Reichen ungefähr 1000 Euro für jeden Erdenbürger im Jahr mehr zu Verfügung hätten, müsste dieses aber nochmal konkret überprüfen. Vielmehr springt zumindest nicht für den Einzelnen heraus. Es gibt leider sehr wenig Reichtumsforschung. Der kommunistische Gedanke aber, dass eine Umverteilung Wohlstand für alle bedeuten würde, ist meines Erachtens falsch. Wir würden stattdessen mehr Leistungsgerechtigkeit vielleicht herstellen können, ob dieses aber ungerechte Revolutionen mit Gewalt rechtfertigt, die mit viel Blutvergießen geführt werden müssten oder ob überhaupt der Aufwand einer Revolution mit den Resultaten aufgerechnet werden kann, habe ich in meine Überlegungen noch garnicht berücksichtigt. Es ist zumindest problematisch, Revolutionen zu fordern, auch wenn sie eine gerechtere Gesellschaft, als wir sie jetzt haben, erzeugen würden, denn Revolutionen sind teurer und der Ertrag ist gering.)

Planwirtschaftliche Vorhaben
Zunächst hört sich die Hungerdebatte sehr alarmierend an, doch wenn dann einer das Problem angehen will, so ist sogleich unklar, wo es angegangen werden soll. Es geht nämlich nicht um Nahrungslieferungen in Krisengebiete (die finden statt). Bei dem Problem des Welthungers geht es viel eher um die Frage eines Wirtschaftsprogramms für die ganze Welt und ob dieses überhaupt planwirtschaftlich gelöst werden kann. Die größte Hungerskatastrophe der Welt fand in China im Jahre 1959-61 statt. Da man dachte, dass eine zentrale Planungsstelle die vielen kleinen Ortschaften regulieren könnte und so große unnatürliche Umsiedlungsprojekte in Gang brachte, starben in der Folge ca 15 bis 45 Millionen Menschen (http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Sprung_nach_vorn).
“Der große Sprung nach vorn” entpuppte sich als einer der grausamsten Flops zentraler Planwirtschaft. Größere Hungerskatastrophen hatte die Welt zuvor noch nicht gesehen.

Die Parteien hatten durchaus positives im Sinn, doch auch der Glaube an die Kontrollierbarkeit der Staaten entspringt derselben Quelle wie der Glaube an die Kontrollierbarkeit der Natur.

Hier zeigt sich gerade der Vorteil einer freien Marktwirtschaft, dass der Einzelne nah dran ist und Risiken viel besser kalkulieren kann, weil er sie auch immer für sich selbst mitkalkuliert. 7 Milliarden Menschen können nun mal besser rechnen als eine zentrale Planungsstelle. Dass auf der anderen Seite eine vollkommen freie Marktwirtschaft dieses Prinzip wieder mit der Bildung von Großkonzernen und niemals rechtfertigbaren Gehältern ad absurdum führt, muss natürlich kritisiert werden. Die Zeschlagung von Kartellen ist hier überaus notwendig. Die Tatsache aber, dass eine vollkomen freie Marktwirtschaft nicht funktioniert, ist noch kein Grund auf die unsichtbare Hand der Selbstorganisation im unteren Bereich zu verzichten. Selbst Kuba geht nun diesen Weg der unteren Selbstorganisation. Damit aber müssen wir womöglich einsehen, dass die Hungerproblematik ebenso ein diffizielles, strukturelles Problem darstellt, das sich nicht durch Plakataktionen lösen lässt. Das Problem des Hungers ist meines Erachtens nur die Konsequenz der größten volkswirtschaftlichen Frage: Wie bauen wir eine gerechte und funktionierende Welt? Diese Frage lässt sich nicht allein mit dem Glauben an Umverteilung beantworten, sondern bedarf auch einer noch besseren funktionierenden Wirtschaft weltweit. Denn eines wird von den Linken oftmals vergessen: Die Wirtschaftlichkeit dient dem Menschen, indem Lebensbedingungen verbessert werden. Es muss nur verhindert werden, dass Einzelne Ungerechtigkeiten innerhalb dieses Systems ausnutzen. Aber gut auch diese Vorschläge sind grob und nur schemenhafte Skizzen, mir kommt es allerdings auch einfach nur darauf an Hunger nicht als das Ziel dunkler Männer im Hintergrund auszudeuten, sondern als ein Problem, das nur durch bessere Wirtschaftlichkeit beseitigt werden kann.

Bürgerkriege als Ursachen mangelnder Wirtschaftlichkeit in Afrika
Schnell werden für den Welthunger europäische Agrarsubventionen und Rohstoffspekulanten als Ursachen herangezogen. Diese vielleicht konkreten Ursachen erklären vielleicht, warum die Existenzbedingungen von Bauern in den Regionen bedroht sind, nicht aber, warum es zu Hunger als strukturellem Problem kommt, denn genug Nahrung gibt es auf der Welt. Wenn Essen günstiger produziert werden kann, dann ist es auch sinnvoll dieses zu tun, da so generell auch mehr Essen für alle Bevölkerungsschichten bereitgestellt werden kann. Die Wirtschaftskraft wird gestärkt, da mehr Arbeitskapazitäten für andere Arbeiten zur Verfügung stehen. Die Frage ist nur: Was machen die Afrikaner mit den komparativen Vorteilen? Sie investieren es in unnötige Kriege. Statt Investionen in Bildung zu tätigen, zerstören Bürgerkriege die Möglichkeit, die Gesellschaft fundamental vom bloßen Agrarproduzenten zu lösen. Und erst diese Abhängigkeit vom Agrarmarkt bedingt die unsicheren existentiellen Umstände. Hilfslieferungen von Nahrungsmitteln bringen da nicht weiter und auch nicht die Reduzierung von Agrarsubventionen (obwohl das natürlich gerecht wäre). Die Abhängigkeit bliebe dieselbe.

Es stellt sich bei der Hungerbekämpfung tatsächlich die Frage, wie sich die von Hunger bedrohten Gesellschaften strukturell verändern sollten. In der Moderne zeigt sich, dass gerade Länder, in denen es viele Rohstoffe gibt, Opfer von Bürgerkriegen werden. Die Frage der Verteilung der Rohstoffe überfordert zumeist die Regierungen und löst verschiedenste Konflikte zwischen den Staaten aus, die um große Rohstoffreserven konkurrieren. Die vielen verschiedenen Ethnien in den afrikanischen Staaten, die vielen Bevölkerungsschichten verursachen Bürgerkriege. Es könnte also sein, dass das Welthungerproblem in Afrika weniger mit einer postkolonialistischen Politik der Industriestaaten zu tun hat, als vielleicht vielmehr mit der Organisationskraft dieser Länder nach innen. Eine einheitliche Stimme Afrikas würde einiges nützen, dies setzt aber voraus, dass die vielen Länder lernen, Differenzen zu überwinden und sich als ein Kontinent zu begreifen. Gerade in den letzten Jahren zeigt sich ein Erstarken der wirtschaflichen Kraft in Afrika aufgrund genau dieser spärlichen Anfänge der Geschlossenheit. Wirtschaftlicher Aufschwung ist wie es Roslin gezeigt hat das beste Mittel gegen Armut, wie dieses allerdings durchzusetzen ist, lässt sich bei Millionen von Akteuren schwer berechnen und vorhersagen. Hier sollte niemand seinen eigenen Sachverstand überschätzen, denn die Interaktionen von Millionen von Menschen vorherzusagen, ist für den normalen Verstand ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist aber genauso abstrus zu behaupten, dass einzelne Männer in Europa oder Amerika die Kleinhaltung dieser Staaten durchsetzen könnten. Natürlich gibt es Menschen, die ihre Interessen vertreten, ein einheitliches Afrika könnte aber weder von Amerikanern, von Russen, Europäern oder Chinesen unterdrückt werden.


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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Ich werde das Hungerproblem noch unter dem Aspekt des Hungerkünstlers behandeln. Zunächst aber war es mir wichtig, diesen Beitrag als Frage nach der Grenze der eigenen Existenz zu stellen und die Bedeutung des Hungers in einer modernen Gesellschaft zu hinterfragen. Dabei hat sich gezeigt, das Welthunger zunächst ein überschätztes Problem ist und zum Anderen ein Problem, das langfristiger Lösungsstrategien bedarf. Zumindest können wir meines Erachtens nicht behaupten, dass Probleme wie derzeit in Japan als akute Probleme medial ungerechtfertigt Aufmerksamkeit verlangen und Hunger aufgrund von Desinteresse unter den Tisch fallen. Ich freue mich über andere Meinungen, also kommentiert :)

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Grenzen des Sehens und optische Täuschungen – Kleine Sehschule der Philosophie (Teil 3)

6. Januar 2011

Da wir unserem Sehsinn in der Regel die erste Welterkenntnis zuordnen, so “sehen” wir nicht, dass wir uns mit den Sinnen eben auch nur eine sinn-konstruierte Welt aneignen. Die Grenzen der Philosophie bedenken wir hier nicht. Es mag sein, dass wir die Welt niemals anders denken können als durch die Vorstellung des Sehens, den Moment des Gegebenen, dennoch (wie in meinem Artikel zur Blindheit gezeigt) wir verstellen uns den klaren Blick auf die Grenzen unseres Wissens und diskriminieren den sogar den Blinden und sprechen ihm die geordnete Welterfahrung ab.

Besteht die Welt aus Bildern (philosophische Sehschule)

Die Welt besteht nicht aus Bildern, die an unserem Auge vorbei huschen. Aus Gegenständen vielleicht, aber selbst hier ordnen wir nur ein Gewühl von wahrscheinlichen Affektionen zur einer einheitlichen Strukturen. Das Folgende Bild verdeutlicht daher, womit unser Gehirn eigentlich die ganze Zeit beschäftigt ist, während wir mit unseren Augen durch die Welt wandern. Es ordnet und strukturiert und manchmal verwirrt es sich dabei selbst.

http://farm3.static.flickr.com/2281/2255015074_18dfeb3cdd.jpg

Für Erklärungen und mehr dieser Illusionen siehe auch: http://www.michaelbach.de/ot/mot_rotsnake/index.html

Das erste Mal als ich diese Bewegungen der endlos rollenden Räder sah, stellte ich mir in meiner Verblüffung einen Menschen aus dem Mittelalter vor, dem ich voller Stolz dieses magische Objekt auf einem Blatt Papier zeigen würde. Für alle, die es also nicht glauben können: Es ist keine Animation, druckt euch das Ganze auf Papier aus und seid einfach nur von der “Animation” eines ruhenden Objektes beeindruckt. Ist das Ganze nun ein Sinneseindruck?

Was macht unser Gehirn beim Sehen

Was passiert? Nun, so wie es in den Artikeln heißt, passiert beim Sehen weit mehr, als nur das Einnehmen einer starren Perspektive, denn wir müssen ständig unseren Körper und seine Bewegungen zum Sehen selbst vermitteln, sowie auch die Bewegung unserer Augen. Wenn ich zum Beispiel auf diesen Monitor hier schaue und ständig meine Augen bewege, welch verwackeltes Bild mag das ergeben, wenn ich dieses auf euren Monitor jetzt übertragen würde? Einen guten Film würde die Sehrichtung mit Sicherheit nicht ergeben. Wir hätten noch verwackeltere Bilder als uns Handykameras weltweit ohnehin schon auf Youtube liefern. Aus dem selben Grund müssen wir bei der Malerei auch erst das Sehen lernen, lernen unser Sehen zu verstehen (wie bereits in meinem Blogbeitrag zu den Maltechniken angedeutet)

Philosophie des Sehens

Warum erscheint uns die Welt also nicht ganz und gar verwackelt? Weil unser Gehirn ständig unsere eigenen Bewegungen und die Bewegungen der Augen herausrechnet, aber das hat nun mal seine Grenzen. Bilden wir uns also ganz philosophisch eine Theorie vom Sehen, dann müssen wir bedenken, dass der Begriff “Theorie” selbst abgeleitet von einem Sehbegriff nämlich von der Anschauung ist. Folgende etymologische Klärung zeigt dies auf:

“Die Etymologie lehrt, dass der Begriff Theorie bereits sehr alt und dem Griechischen entlehnt ist: théa bezeichnet “das Anschauen”, horáein meint “sehen”. Dabei ist die Verwandtschaft zum griechischen Wort für “Gott”, théos, kein Zufall. Er ist derjenige, der unablässig auf die Menschheit herabschaut. Das Adjektiv theoretikós beschreibt eine innere Geisteshaltung, etwas gedanklich zu erfassen. Heute manifestiert sich diese Haltung beim Theoretiker.” (Quelle: http://www.wissenschaft-online.de/astrowissen/theorie.html)

Wir versuchen also wie ein Gott auf eine Welt herabzublicken, vergessen aber, dass wir mit der Blickrichtung als gedachtes, unabhängiges Subjekt plötzlich weltlos sind. Die Philosophie kann sich aber nicht zu einem neutralen Beobachtungspunkt verkleinern, wenn dann nur eine so genannt transzendentale Perspektive eröffnen. Aber Philosophen, die die Welt nicht in den Blick bekommen, sind metaphysisch obdachlos. Ist es also möglich die Welt in den Blick zu bekommen?

Die Welt in den Blick bringen (Sehschule der Philosophie)

Der Philosoph Apel würde sagen, wir verbleiben im zweiten Bewusstseinsparadigma, wenn wir immer nur die Welt durch bildlich konstituierte Objekte vorstellen würden und dazu einen subjektiven, weltlosen Beobachter dächten. Stattdessen empfiehlt er uns, das dritte Paradigma, was die Welt durch Begriffe und Sprache weiter entschlüsseln soll. Keineswegs bedeutet dies, dass die Welt sprachlich ist, aber Sprache ist die letzte Ebene, so meint Apel zu beweisen, auf der wir uns Welt überhaupt vorstellen können und auch mit höherer Sicherheit vorstellen können als es eine bloße Bildtheorie erlaubt. Ich will diese Philosophie der Transzendentalpragmatik hier nicht weiter erläutern, aber sie bildete auch die Grundlage für das moderne Verständnis der Bundesrepublik, da der Philosoph Habermas diese mit seiner Diskursethik stark in die Frankfurter Schule integrierte. Und die Frankfurter Schule ist mit Sicherheit ein Herzstück unseres Denkens, wenn auch zuweilen ein ungeliebtes.

Was sehen Blinde?

Wir können die Frage auch vereinfachen: Was sieht also ein Blinder, wenn er denkt? Achja richtig, für uns, die eben an den einen Sinn gefesselt sind, bleibt scheinbar nur übrig zu glauben, dass er immer nur auf eine schwarze Leinwand glotzt und generell einer beeindruckenden ontologischen Eigenschaft beraubt ist.

Wir diskriminieren Blinde, wenn wir behaupten wir dächten in Bildern. Stattdessen behaupte ich: Wir konstruieren! Wie diese Gegenstandskonstitution möglich sei, ist eine kompliziertere Frage. Wir würden gerne wie Gott aus dem Olymp auf uns herabschauen und unser endloses Sisyphos-Denken zur Konstruktion der Konstruktion der Konstruktion der Konstruktion der Konstruktion… (ad infinitum) beenden. Und so rollen wir oft den Stein der Weisen auf die Weltbühne und posaunen, dass wir nichts wissen können. Mit diesem Stein kommen wir aber auch nicht einfach den Berg hinauf. Vielleicht gibt es noch so genannte reflexive Projekte, die zumindest Teilerkenntnis liefern, darüber möchte ich jetzt aber nicht philosophieren. Persönlich sage ich nur so viel: ich glaube schon, dass wir zu wissen im Stande sind, aber dieses Wissen ist nicht als Seiendes in der Vergangenheit, sondern will als Ereignis immer wieder neu gedacht sein. Schon gar nicht ist unser Wissen aber reines Sehen.

Nochmal zum Punkt, wenn wir also sehen, so denken wir bereits. Wir erzeugen die Welt, indem wir alles um uns herum vermitteln. Wenn ich zum Beispiel auf die Tischecke hier schaue, so weiß ich, dass das ganze ein 90° Winkel ist, aber ich sehe sie nicht als 90° Winkel. Was ein Maler sofort weiß, muss ich erst in mir ergründen. Ich würde sagen es ist ein spitzer Winkel oder ein stumpfer? Der Gegenstand ist immer schon mit meiner Raumerfahrung verknüpft und untrennbar von dieser. Deswegen geraten wir in Verlegenheit, wenn uns so unbekannte Dinge wie die rollenden Räder auf Blättern begegnen. Die Welt ist eine vermittelte und nicht unmittelbare und das ist auch der einzige Grund, warum wir uns über die Welt Gedanken machen müssen. Wir sehen die Welt nicht, sie ist nicht einfach da und ein Bild. Sie liegt nicht zu unseren Füßen, sondern verwebt sich mit uns und ist verschmolzen in uns. Dabei versucht sie doch auch nur sich selbst zu fassen, wenn sie denn nur Teil in uns wird. Die Welt ist ein mit der Geburt sich öffnendes Auge in uns, dass versucht sich selbst zu sehen und das Leuchten des eigenen Sinnes erst wieder vergessen muss. Diese Gedanken aber sind nichts weiter als die Suche der Philosophie.

Was ist die Welt innerhalb der Grenzen unserer Philosophie?

Die Grenze der Menschheit ist nicht ihre Sinnlichkeit, sondern die Vermitteltheit durch Sinne. Eine Auseinandersetzung mit der Welt zählt und nicht das starre Glotzen. Unser Körper ist da viel näher als der Gedanke des Bildes. An anderer Stelle, in einem anderen Beitrag müssen wir aber auch noch von diesem Körper abstrahieren. Bis dahin schauen wir uns aber an, was uns ein blinder Körperbeherrscher uns zeigen kann. Al Pacino verkörptert den gewöhnlichen Liebhaber im blinden Tangotänzer. So gut im Übrigen, dass er einen Oscar gewinnt und wir uns selbst nicht mehr sicher sind, was von den Dreien, größter Liebhaber, Tangotänzer, Blinder denn nur gespielt sein soll. Nach langem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er nur eines von dreien ist. Entweder ist er blind, ein Frauenheld oder Tänzer. Aber welches nur?

Die Dialogszene auf Deutsch

http://www.youtube.com/v/dBHhSVJ_S6A

Die Bewegung selbst sehen wir nicht im Bild, nur die Vermitteltheit der Bilder lässt uns Bewegung erfahren. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Norman Schultz

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Über die Grenzen unserer Sinne hinwegsehen – Kleine Sehschule der Philosophie (Teil1)

19. Dezember 2010

http://www.flickr.com/photos/foxtongue/2657434642/

Es gibt philosophische Fragen, die, so abstrus und hypothetisch diese auch sind, sich jeder schon irgendwie einmal gestellt hat. So auch diese Frage: „Auf welchen ihrer fünf Sinne würden Sie verzichten?

Unterhalb der Sichtbarkeitsgrenze

Auf das Sehen wird wohl niemand verzichten, denn das Sehen gilt doch als der direkteste Eindruck vom Raum und als Grundlage für Orientierung in einer gegebenen Welt, und so kann doch nicht auf diesen Sinn verzichtet werden. Und verwendete nicht sogar unser Over the Top- Philosoph Kant in seiner so genannten Transzendentalen Ästhetik den Begriff „Anschauung“ als Grundlage einer jeglichen Erkenntnis? “Anschauung”, einen doch wohl eindeutigen Sehbegriff! Aber ist dies ein eindeutiger Sehbegriff innerhalb der Philosophie? Er meinte hiermit wohl eher das Gegeben-Sein eines Gegenstandes überhaupt, der doch dann erst für unseren Verstand unendlich (entgrenzt) differenzierbar wird. Nicht aber, dass wir etwas als Bild direkt sehen. Es scheint den unachtsamen Lesern nur oftmals so, als meinte der Philosoph Kant das Sehen eines Gegenstandes, so, dass wenn ich zum Beispiel eine Rose sehe, gleichzeitig auch ein vollständiges Bild von ihr besitzen würde. So simpel war es bei dem Philosophen allerdings nicht, denn mein Gehirn wäre demnach nichts weiter als ein Fotoapparat, der die Welt als Fotoalbum digitalisiert. Vielmehr geht es aber um die erwähnte Tatsache, dass ich die gesammelten und von mir erzeugten “Bilder” zerteilen und wieder zusammensetzen kann. So auch die Rose: Dornen und Blüte, Blattfasern und Blatt, Größe und Farbe. Mit anderen Worten: Mit der gesehenen Rose schauen wir eine uns unendlich differenzierbare gegebene Größe an. Wir setzen die Grenzen, in der Art wie wir die Welt begrenzen.

Die Grenze des Alltagsverstandes: (Ein Bild hält uns gefangen)

In unserem Alltagsverstand sagen wir jedoch grob, wir sähen ein Bild. Dieses sagen wir aber vor allem, weil wir denken, das Sehen gäbe uns Bilder. Wir denken die Bilder würden aus einer Realität kommen, die auch wesentlich Bild sei und deswegen sei auch der Raum selbst gefüllt mit Dingen, die nur bildhaft sein können. Allein aber durch die Tatsache, dass wir Dinge gegeben haben, folgt noch nicht, dass wir sie differenzieren können. Dier Philosoph Kant schlussfolgert daher, dass das Bild, was wir auseinandernehmen können, ja doch aus Teilen als Ganzes zusammengesetzt sein muss. Der Mechanismus der Zusammensetzung findet daher nicht im Sehen statt, sondern innerhalb der Grenzen des menschlichen Denkens.

Philosophische Askese: Wie wäre es nicht zu sehen?

Wenn wir nun aber vom Bilder-Sehen ausgehen, wie dunkel und leer geräumt, stellen wir uns dann den Raum eines Blinden vor. Er tappt permanent im Dunkeln. Wir stellen es uns so vor, als hätte jemand die Augen geschlossen und als würde dieser dabei versuchen, von A nach B zu kommen. [Das Experiment kann ich übrigens nicht empfehlen. Als ich klein war, versuchte ich mal von der Schule auf diese Weise nach Hause zu kommen. Nicht nur, dass ich mich hoffnunglos in irgendwelche Richtungen schickte, ich wäre gar fast von den Autos über die Grenzen der Zeit (soll heißen umgebracht) katapultiert worden.] Die unbegrenzte Dunkelheit hält den Blinden angeblich gefangen.

Aber mehr noch als die Unmöglichkeit eines Blinden sich in einer Welt vorzustellen, ist es für uns zu glauben, dass diese Blinden Qualitäten wie „rot“ oder „blau“ denken könnten. Noch schlimmer trifft es die Taub-Blinden, die nach unseren Maßstäben von der Welt vollständig abgeschnitten sind. Eingegrenzt in dem leeren Quaree des Nichts von sich selbst. Als Kind beispielsweise konnte ich mir nie vorstellen, dass diese sich überhaupt eine philosophische Vorstellung vom Sein machen könnten. Ich dachte, sie wären in ein dunkles Körperverlies eingelassen, ohne jegliche Differenzierungskraft dazu verurteilt, die Muster an der inneren Gehirntapete zu zählen. In unserem Biologiebuch war immer eine Abbildung einer Taubblinden für die ich nicht mehr als Mitleid empfand. Um so erstaunlicher empfand ich es, dass es sogar eine taubblinde Philosophin (Helen Keller) gäbe, die über eine Handtastsprache kommuniziere und von allem sich eine Vorstellung machen könne, auch von Ontologie. Eine Entgrenzung im Geist, der doch die Welt immer wieder in sich erklärt und damit nur philosophisch sein kann.

Vielleicht haben wir es also garnicht mit Bildern zu tun (Hier beginnt die Philosophie)?

Wir entwickeln schnell ein gewisses Überlegenheitsdenken, aufgrund des einfachen Sehens und formulieren dann unseren Groll, wenn die Welt mal nicht damit übereinstimmt. So gibt es beispielsweise Gruppen wie „Du redest in Worten, ich denke in Bildern“ oder gar nur “Ich denke in Bildern!”. Wenn wir aber nur den Bildern vertrauen, dann können wir wohl nur sehr schwer zu reifen Erkenntnissen kommen. Der Weg zur Philosophie wäre verstellt. Denken in Bildern, da frage ich mich, was Leonard Euler die letzten zwanzig Jahre seines Lebens tat. Vollkommen erblindet, blühte sein mathematisches Denken auf. Es zählt als seine produktivste Schaffensperiode, der wir angeblich auch Zahlen wie e verdanken. Eine Entgrenzungsleistung in der Blindheit. Ich glaube nun nicht, dass die “Ich denke in Bildern!”-Menschen dieses Verhältnis e in der Natur schon so gesehen hätten, es ist eine Relation, die erst der Verstand in die Welt setzt.

Sagen wir es so: Wir haben zwar etwas Gegebenes, aber gleichwohl ist es doch zu imprägniert mit Denken und Sprache, dass wir diese beiden Gegebenes und Sprache (Denken) nicht ohne weiteres auseinanderhalten können.

Bildsprache (Philosophie der Sprache)

Ein Monument der Bildsprache hat dabei übrigens Terry Pratchett in die Welt gestellt. Sätze wie „Das Gedächtnis ballte die Faust und rammte sie in die Magengruben des Gewissens“ erzeugen Bilder, die noch weit über den erfahrbaren Grenzen eines Sehenden liegen und zeigen, dass die Welt mehr als ein raumartiges Ge-Bild-e ist.
[In einer bemerkenswerten Fleißarbeit legt übrigens der Autor der folgenden Seite alle Wortbilder von Terry Pratchett dar: http://www.die-scheibenwelt.de/pratchett-sib.html (Nur für die, die Zeit zum Stöbern haben.)]

Mit den Wortbildern von Pratchett zeigt sich Folgendes: Die Welt ist mehr als nur Bild, nämlich zunächst eine für unsere Erkenntnismittel unauflösliche Legierung aus Sprache und Gegebenem [ich folge hier einem internen philosophischen Realismus von Hilary Putnam nach Kantischer Deutung (nur für die, die sich für die philosophischen Hintergründe interessieren)].

Das heißt: Eine Rose ist zwar gegeben, aber in ihr Bild fällt doch nicht nur ihre Existenz, sondern auch das ganze Spektrum ihrer Möglichkeiten: das Nicht-Sein, das werdende Sein, das Vergehen, die Verortung in einer Welt als Ganzes mit ihren Grenzen. Und dieses Ganze der Zeiten (der Erfahrung), dass wir immer mit jedem Gedanken voraussetzen müssen, passt wohl kaum in Bilder; es ist nur schwer begrenzbar. Wie wir es drehen und wenden, die Rose ist nicht nur ein Bild, sondern das Ganze ihres Seins in einem noch größeren Sein und wird daraus für uns erst verständlich. (Wuh und das Sein in einem noch größeren Sein – genug Mystik? Ich will die Gedanken hier nicht dröge entwurschteln)

Die Grenzen der Welt sind keine Bilder

Ach, liebe Leser, ich weiß, ich werde zu philosophisch und in meinen Fingern juckt es schon Kant und Hegel, als auch Heidegger heranzuziehen. Aber soviel sei noch dazu gesagt: Der Glaube, dass die Welt aus Bildern bestünde, geht meines Erachtens auf einen Fehlschluss zurück.
Weil wir in einem jahrtausendewährenden Prozess herausgefiltert haben, wie wir eine Augenrealität auf Papieren nachkonstruieren, Bilder malen, glauben wir nun auch die Welt bestehe aus Bildern. “Klar…”, heißt es “…was auf einem Bild abbildbar sei, muss auch selbst ein Bild sein.” Jedem, der aber schon mal unter Mühen versucht hat, sich eines Bildes in den Gegenständen zu bemächtigen, weiß, dass die eigentliche Erzeugungsleistungen darin liegt, unser Auge erstm einmal zu verstehen. Und unsere Jahrtausende währende Kultur hat das in der Malerei zum Beispiel erreicht. Wer aber immer noch glaubt, dass die Dinge so einfach wie Bilder wären, solle sich fragen, warum die Ägypter immer so merkwürdig in der Gegend rumstanden. Denn diese Bilder müssten ja der Realität entsprechen.
Und selbst, wenn wir nun auf unser inneres Sehen zu sprechen kommen, sage ich nur noch soviel: Dieses Auge, das innere Sehen, ist mehr als nur ein Bild-en. Der Philosoph Wittgenstein formulierte zu der Problematik: „Ein Bild hielt uns gefangen…“, das heißt die Grenze des menschlichen Seins und des Denken ist keineswegs die Bildhaftigkeit, aber sie nimmt uns ein, vielleicht unentwirrbar. Kant erfasste diese schwer zu differenzierende Legierung aus Gegeben-Sein und Denken, als er sinngemäß sagte die Begriffe sind ohne Anschauungen leer, aber noch schlimmer die bloßen Anschauungen ohne Begriffe (ohne Denken) sind blind. Die Blindheit liegt also nicht in unserem Sinn verborgen, sondern in unserem Denken. Die Anschauungen bei dem Philosophen Kant, was wir zunächst fälschlich als Bild verstehen, drückt nur den Status des Gegegeben-Seins aus, der sinnvolle Begriff aber einer Rose etwa, kann von uns nur gedacht werden. Die Rose ist kein Bild. Wir sehen also irgendwie schon Bilder, ja, aber das Bild ist ein wesentliches Erzeugnis des Denkens durch die Einbettung des Gegebenen in all unsere Erfahrung. Das Gegebene verstehen wir nur in den Grenzen des Denkens und erst dort können wir es entgrenzen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn Sie diesen Blog abonnieren. Den zweiten Teil zu den Grenzen des Sehens können sie auch gerne auf diesem Blog lesen, aber auch die Beiträge zur Behinderung sollten für sie interessant sein.

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