Über die Grenzen unserer Sinne hinwegsehen – Kleine Sehschule der Philosophie (Teil1)

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Es gibt philosophische Fragen, die, so abstrus und hypothetisch diese auch sind, sich jeder schon irgendwie einmal gestellt hat. So auch diese Frage: „Auf welchen ihrer fünf Sinne würden Sie verzichten?

Unterhalb der Sichtbarkeitsgrenze

Auf das Sehen wird wohl niemand verzichten, denn das Sehen gilt doch als der direkteste Eindruck vom Raum und als Grundlage für Orientierung in einer gegebenen Welt, und so kann doch nicht auf diesen Sinn verzichtet werden. Und verwendete nicht sogar unser Over the Top- Philosoph Kant in seiner so genannten Transzendentalen Ästhetik den Begriff „Anschauung“ als Grundlage einer jeglichen Erkenntnis? „Anschauung“, einen doch wohl eindeutigen Sehbegriff! Aber ist dies ein eindeutiger Sehbegriff innerhalb der Philosophie? Er meinte hiermit wohl eher das Gegeben-Sein eines Gegenstandes überhaupt, der doch dann erst für unseren Verstand unendlich (entgrenzt) differenzierbar wird. Nicht aber, dass wir etwas als Bild direkt sehen. Es scheint den unachtsamen Lesern nur oftmals so, als meinte der Philosoph Kant das Sehen eines Gegenstandes, so, dass wenn ich zum Beispiel eine Rose sehe, gleichzeitig auch ein vollständiges Bild von ihr besitzen würde. So simpel war es bei dem Philosophen allerdings nicht, denn mein Gehirn wäre demnach nichts weiter als ein Fotoapparat, der die Welt als Fotoalbum digitalisiert. Vielmehr geht es aber um die erwähnte Tatsache, dass ich die gesammelten und von mir erzeugten „Bilder“ zerteilen und wieder zusammensetzen kann. So auch die Rose: Dornen und Blüte, Blattfasern und Blatt, Größe und Farbe. Mit anderen Worten: Mit der gesehenen Rose schauen wir eine uns unendlich differenzierbare gegebene Größe an. Wir setzen die Grenzen, in der Art wie wir die Welt begrenzen.

Die Grenze des Alltagsverstandes: (Ein Bild hält uns gefangen)

In unserem Alltagsverstand sagen wir jedoch grob, wir sähen ein Bild. Dieses sagen wir aber vor allem, weil wir denken, das Sehen gäbe uns Bilder. Wir denken die Bilder würden aus einer Realität kommen, die auch wesentlich Bild sei und deswegen sei auch der Raum selbst gefüllt mit Dingen, die nur bildhaft sein können. Allein aber durch die Tatsache, dass wir Dinge gegeben haben, folgt noch nicht, dass wir sie differenzieren können. Dier Philosoph Kant schlussfolgert daher, dass das Bild, was wir auseinandernehmen können, ja doch aus Teilen als Ganzes zusammengesetzt sein muss. Der Mechanismus der Zusammensetzung findet daher nicht im Sehen statt, sondern innerhalb der Grenzen des menschlichen Denkens.

Philosophische Askese: Wie wäre es nicht zu sehen?

Wenn wir nun aber vom Bilder-Sehen ausgehen, wie dunkel und leer geräumt, stellen wir uns dann den Raum eines Blinden vor. Er tappt permanent im Dunkeln. Wir stellen es uns so vor, als hätte jemand die Augen geschlossen und als würde dieser dabei versuchen, von A nach B zu kommen. [Das Experiment kann ich übrigens nicht empfehlen. Als ich klein war, versuchte ich mal von der Schule auf diese Weise nach Hause zu kommen. Nicht nur, dass ich mich hoffnunglos in irgendwelche Richtungen schickte, ich wäre gar fast von den Autos über die Grenzen der Zeit (soll heißen umgebracht) katapultiert worden.] Die unbegrenzte Dunkelheit hält den Blinden angeblich gefangen.

Aber mehr noch als die Unmöglichkeit eines Blinden sich in einer Welt vorzustellen, ist es für uns zu glauben, dass diese Blinden Qualitäten wie „rot“ oder „blau“ denken könnten. Noch schlimmer trifft es die Taub-Blinden, die nach unseren Maßstäben von der Welt vollständig abgeschnitten sind. Eingegrenzt in dem leeren Quaree des Nichts von sich selbst. Als Kind beispielsweise konnte ich mir nie vorstellen, dass diese sich überhaupt eine philosophische Vorstellung vom Sein machen könnten. Ich dachte, sie wären in ein dunkles Körperverlies eingelassen, ohne jegliche Differenzierungskraft dazu verurteilt, die Muster an der inneren Gehirntapete zu zählen. In unserem Biologiebuch war immer eine Abbildung einer Taubblinden für die ich nicht mehr als Mitleid empfand. Um so erstaunlicher empfand ich es, dass es sogar eine taubblinde Philosophin (Helen Keller) gäbe, die über eine Handtastsprache kommuniziere und von allem sich eine Vorstellung machen könne, auch von Ontologie. Eine Entgrenzung im Geist, der doch die Welt immer wieder in sich erklärt und damit nur philosophisch sein kann.

Vielleicht haben wir es also garnicht mit Bildern zu tun (Hier beginnt die Philosophie)?

Wir entwickeln schnell ein gewisses Überlegenheitsdenken, aufgrund des einfachen Sehens und formulieren dann unseren Groll, wenn die Welt mal nicht damit übereinstimmt. So gibt es beispielsweise Gruppen wie „Du redest in Worten, ich denke in Bildern“ oder gar nur „Ich denke in Bildern!“. Wenn wir aber nur den Bildern vertrauen, dann können wir wohl nur sehr schwer zu reifen Erkenntnissen kommen. Der Weg zur Philosophie wäre verstellt. Denken in Bildern, da frage ich mich, was Leonard Euler die letzten zwanzig Jahre seines Lebens tat. Vollkommen erblindet, blühte sein mathematisches Denken auf. Es zählt als seine produktivste Schaffensperiode, der wir angeblich auch Zahlen wie e verdanken. Eine Entgrenzungsleistung in der Blindheit. Ich glaube nun nicht, dass die „Ich denke in Bildern!“-Menschen dieses Verhältnis e in der Natur schon so gesehen hätten, es ist eine Relation, die erst der Verstand in die Welt setzt.

Sagen wir es so: Wir haben zwar etwas Gegebenes, aber gleichwohl ist es doch zu imprägniert mit Denken und Sprache, dass wir diese beiden Gegebenes und Sprache (Denken) nicht ohne weiteres auseinanderhalten können.

Bildsprache (Philosophie der Sprache)

Ein Monument der Bildsprache hat dabei übrigens Terry Pratchett in die Welt gestellt. Sätze wie „Das Gedächtnis ballte die Faust und rammte sie in die Magengruben des Gewissens“ erzeugen Bilder, die noch weit über den erfahrbaren Grenzen eines Sehenden liegen und zeigen, dass die Welt mehr als ein raumartiges Ge-Bild-e ist.
[In einer bemerkenswerten Fleißarbeit legt übrigens der Autor der folgenden Seite alle Wortbilder von Terry Pratchett dar: http://www.die-scheibenwelt.de/pratchett-sib.html (Nur für die, die Zeit zum Stöbern haben.)]

Mit den Wortbildern von Pratchett zeigt sich Folgendes: Die Welt ist mehr als nur Bild, nämlich zunächst eine für unsere Erkenntnismittel unauflösliche Legierung aus Sprache und Gegebenem [ich folge hier einem internen philosophischen Realismus von Hilary Putnam nach Kantischer Deutung (nur für die, die sich für die philosophischen Hintergründe interessieren)].

Das heißt: Eine Rose ist zwar gegeben, aber in ihr Bild fällt doch nicht nur ihre Existenz, sondern auch das ganze Spektrum ihrer Möglichkeiten: das Nicht-Sein, das werdende Sein, das Vergehen, die Verortung in einer Welt als Ganzes mit ihren Grenzen. Und dieses Ganze der Zeiten (der Erfahrung), dass wir immer mit jedem Gedanken voraussetzen müssen, passt wohl kaum in Bilder; es ist nur schwer begrenzbar. Wie wir es drehen und wenden, die Rose ist nicht nur ein Bild, sondern das Ganze ihres Seins in einem noch größeren Sein und wird daraus für uns erst verständlich. (Wuh und das Sein in einem noch größeren Sein – genug Mystik? Ich will die Gedanken hier nicht dröge entwurschteln)

Die Grenzen der Welt sind keine Bilder

Ach, liebe Leser, ich weiß, ich werde zu philosophisch und in meinen Fingern juckt es schon Kant und Hegel, als auch Heidegger heranzuziehen. Aber soviel sei noch dazu gesagt: Der Glaube, dass die Welt aus Bildern bestünde, geht meines Erachtens auf einen Fehlschluss zurück.
Weil wir in einem jahrtausendewährenden Prozess herausgefiltert haben, wie wir eine Augenrealität auf Papieren nachkonstruieren, Bilder malen, glauben wir nun auch die Welt bestehe aus Bildern. „Klar…“, heißt es „…was auf einem Bild abbildbar sei, muss auch selbst ein Bild sein.“ Jedem, der aber schon mal unter Mühen versucht hat, sich eines Bildes in den Gegenständen zu bemächtigen, weiß, dass die eigentliche Erzeugungsleistungen darin liegt, unser Auge erstm einmal zu verstehen. Und unsere Jahrtausende währende Kultur hat das in der Malerei zum Beispiel erreicht. Wer aber immer noch glaubt, dass die Dinge so einfach wie Bilder wären, solle sich fragen, warum die Ägypter immer so merkwürdig in der Gegend rumstanden. Denn diese Bilder müssten ja der Realität entsprechen.
Und selbst, wenn wir nun auf unser inneres Sehen zu sprechen kommen, sage ich nur noch soviel: Dieses Auge, das innere Sehen, ist mehr als nur ein Bild-en. Der Philosoph Wittgenstein formulierte zu der Problematik: „Ein Bild hielt uns gefangen…“, das heißt die Grenze des menschlichen Seins und des Denken ist keineswegs die Bildhaftigkeit, aber sie nimmt uns ein, vielleicht unentwirrbar. Kant erfasste diese schwer zu differenzierende Legierung aus Gegeben-Sein und Denken, als er sinngemäß sagte die Begriffe sind ohne Anschauungen leer, aber noch schlimmer die bloßen Anschauungen ohne Begriffe (ohne Denken) sind blind. Die Blindheit liegt also nicht in unserem Sinn verborgen, sondern in unserem Denken. Die Anschauungen bei dem Philosophen Kant, was wir zunächst fälschlich als Bild verstehen, drückt nur den Status des Gegegeben-Seins aus, der sinnvolle Begriff aber einer Rose etwa, kann von uns nur gedacht werden. Die Rose ist kein Bild. Wir sehen also irgendwie schon Bilder, ja, aber das Bild ist ein wesentliches Erzeugnis des Denkens durch die Einbettung des Gegebenen in all unsere Erfahrung. Das Gegebene verstehen wir nur in den Grenzen des Denkens und erst dort können wir es entgrenzen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn Sie diesen Blog abonnieren. Den zweiten Teil zu den Grenzen des Sehens können sie auch gerne auf diesem Blog lesen, aber auch die Beiträge zur Behinderung sollten für sie interessant sein.

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