Fukushima und die Frage nach dem richtigen Handeln – Alltagswelten und komplexe Welten im Vergleich (Teil 1)

Nach Spiegel-Online liegen die Brennst√§be in Fukushima trocken und sind nicht gek√ľhlt (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,762838,00.html) Das ist nat√ľrlich eine sehr schlechte Nachricht, denn, so wird auch auf Spiegel-Online geschlussfolgert, ist davon auszugehen, dass gro√üe Teile der Brennst√§be in Block 1 zu einem Uranklumpen verschmolzen sind, der sich nun auf dem Boden des Reaktordruckbeh√§lters befindet. Desweiteren hei√üt es, dass dieser wom√∂glich schon L√∂cher in die Schwei√ün√§hte am Boden gefressen habe. Eine M√∂glichkeit sei daher, dass der Klumpen sich durch den Stahl weiter nach unten hindurch brenne und es im Kontakt mit Wasser zu einer „verherrenden Dampfexplosion“ kommen k√∂nne. Tepco verweist aber die geringe Au√üentemperatur des Reaktors und gehe daher nicht von dem hei√üen Souffl√©klumpen aus.

Verwirrung
Was also tun? Wenn nur alle Wege richtig wären. Wohl eher nach links, denn 2 Strichmänchen haben Recht ;)

Genau genommen aber g√§be es zu wenig Informationen und so finden sich auch Gegenstimmen, nach denen zu urteilen, eine katastrophale Entwicklung jederzeit noch m√∂glich ist. Zumindest m√ľssen wir aber meiner Meinung festhalten, dass das eher „unwahrscheinliche“ Restrisiko h√∂her ist als jemals zuvor.

Zu meinen vorherigen Fukushima-Artikeln
Ich hatte mich ja im Monat zuvor in vier Artikeln zu Fukushima ge√§u√üert. Vorrangig habe ich mich dabei auf ethische Aspekte angesichts einer Katastrophe, die eine ganze Bev√∂lkerung bedroht, konzentriert (Beitrag zu: Das Leben der Vielen wiegt mehr als das Leben der Wenigen). Ich hatte aber auch das z√∂gerliche Eingreifen der japanischen Regierung angemahnt und dieses mit dem wesentlich effektiverem Eingreifen in Tschernobyl verglichen. Im Nachhinein wirken meine Forderungen zugegebener Ma√üen etwas naiv. Zum Beispiel, dass Tepco die Kontrolle entzogen werden solle und wir die ganze Sache milit√§risch l√∂sen sollten. Es wirkt naiv, da die Lage nun unter Kontrolle erscheint. Ich denke aber, dass die Aspekte weiterhin G√ľltigkeit besitzen, wenn wir √ľberlegen, dass Tepco zwischenzeitlich andachte, alle Arbeiter abzuziehen und die Anlage sich selbst zu √ľberlassen.


Ein kritischer Punkt ist immer wieder der Vergleich mit Tschernobyl. Ein solcher Vergleich wird von vielen Kommentatoren als unseri√∂s abgelehnt. Hier m√∂chte ich jedoch einwenden, dass ein Vergleich jederzeit seri√∂s ist, nur eine entsprechende Gleichsetzung k√∂nnte unseri√∂s erfolgen. Vergleichen hei√üt nicht Gleichsetzen (das sollte sich doch rumgesprochen haben). Das Krisenmanagement der Russen sch√§tze ich nach wie vor als besser ein, zwar wurde erst 48 Stunden nach dem Ereignis die Evakuiierung durchgef√ľhrt. Dieses aber auch, weil in Moskau wenig Informationen zum tats√§chlichen Vorfall bereit standen, sobald die Lage aber klar war, wurden alle m√∂glichen Hebel in Bewegung gesetzt.
√úber diese Frage k√∂nnen wir aber an anderer Stelle streiten. Die Frage nun ist: Was kann ich mit weiteren Blogbeitr√§gen zu diesem Thema leisten? Nun, ich denke, wir k√∂nnen die Katastrophe als Ausgangspunkt nehmen, um √ľber das Verhalten in komplexen Situationen¬†nachzudenken. Ist es sinnvoll so viel wie m√∂glich zu handeln, auch √úberschusshandlungen zu vollziehen oder ist es besser, abzuwarten und Informationen zu sammeln? Bevor ich allerdings diese Frage in Ans√§tzen kl√§ren kann, will ich einen theoretischen Rahmen erarbeiten. Dieses will ich mit Bezug auf Dietrich D√∂rners „Logik des Misslingens“ durchf√ľhren.

Dietrich D√∂rners „Logik des Misslingens“
Nehmen wir an, Sie sind Diktator (ein guter Diktator nat√ľrlich). Sie regieren das Volk der Moros, einer fiktiven Population irgendwo in Ostafrika. Ihnen steht Geld zur Verf√ľgung und sie k√∂nnen entwas gegen die Tsetsefliege unternehmen und damit die Rinderherden pushen, sie k√∂nnen Gesundheitsdienste einrichten. Sie k√∂nnen d√ľngen, verbesserte Getreidsorten anbauen, Weidefl√§chen besser bew√§ssern. Sie k√∂nnen Brunnen bohren. Ihnen stehen alle M√∂glichkeiten offen. Was w√ľrden Sie tun? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und denken Sie dar√ľber nach.

Dietrich D√∂rner hat Ende der 80er solche und √§hnliche Simulationsspiele mit Probanden durchgespielt. In vielen F√§llen gingen die Eingriffe der Probanden allerdings gr√ľndlich schief. Die Versuchsteilnehmer agierten nat√ľrlich mit viel Ehrgeiz und machten sich daran Probleme zu l√∂sen, ohne zu bedenken, welche Konsequenzen eben diese Probleml√∂sungen haben w√ľrden. Man √ľbersah, dass unsere Welt ein „System von interagierenden Teilsystemen“ ist und auch der Morostaat ein solch komplexes Geflecht darstellt (D√∂rner 1989:12). Es gibt keine einfachen Probleme in einer komplexen Welt.

Unser alltägliches Denken und die komplexe Welt
Allein aus evolution√§rer Perspektive erg√§be sich schon, dass unsere Denkmechanik nicht dazu geboren wurde, um die Welt zu erkennen, wie sie ist, sondern um Probleme „ad hoc“ zu bew√§ltigen (vgl. auch D√∂rner 1989:13). Es mag √úbersch√ľsse an ontologischer Einsicht geben; Momente, in denen wir den Kopf zum Horizont heben oder hoch in den Sternenhimmel schauen; im Gro√üem und Ganzem aber ist unser Denken vor allem an die Alltagswelt angepasst. In dem Sonderband der K√∂lner Zeitschrift f√ľr Sozialforschung unterscheidet D√∂rner daher zwischen diesen zwei Welten: zwischen¬† einer Welt auf die unser Denken passt, n√§mlich die Alltagswelt und einer Welt der komplexen, unbestimmten und langsamen Prozesse, kurzerhand KUL-Welt genannt. Bei den Moros, wo Sie ja jetzt Diktator sind, handelt es sich um eine KUL-Welt.

Was bedeutet nun der Fakt, dass es eine Welt der komplexen, unbestimmten und langsamen Prozesse ist? Nun, das hei√üt, dass unser Eingreifen immer mit unsichtbaren Problemen behaftet ist. Zwar hat zum Beispiel das Mann√∂ver, die Tse-Tse-Fliege zu bek√§mpfen den Effekt, dass die H√§ufigkeit der Schlafkrankheit verringert wird und damit der Bestand der Rinder sich erh√∂ht, es ergeben sich aber einer Reihe langfristiger Kehreffekte. Zum Beispiel ist die Vernichtung einer Insektenpopulation ein Eingriff in einen urw√ľchsigen Regelkreis. Verschwindet eine Population wirkt sich dieses auf die R√§uberpopulation aus. Die Ver√§nderung von R√§uberpopulationen hat den Effekt, dass sich wiederrum Konkurrenz und andere Beutepopulation anders entwickeln, die dann das √∂kologische Gleichgewicht ver√§ndern. Zwar wird zun√§chst ein Anstieg der Rinderpopulation erzielt, damit aber wird der Regelkreis der nat√ľrlichen Umwelt sensibilisiert. Zun√§chst hat dies keine Konsequenzen. Mit dem Anstieg der Rinder aber zugleich, erfolgt auch ein Anstieg der Lebenserwartung der Menschen aufgrund verbesserter Nahrungsmittelversorgung. Ohne effektive Geburtenregulation erh√∂ht sich damit der Populationsdruck der Menschen. Das Gesamtsystem kommt also n√§her an den Rand von Kippwerten, unbemerkte Wendepunkte, wo sich ein eigentlich stabiles System mit einem Schlage unwiderruflich ver√§ndert. Zum Beispiel k√∂nnten dann pl√∂tzlich ausfallende Regenf√§lle das nun ver√§nderte System einem Stre√ütest aussetzen. Was aber in dem zuvorigen System h√§tte gut kompensiert werden k√∂nnen, stellt sich f√ľr das neue System als Katastrophe heraus. Eine unmerklich ver√§nderte Vegetation aufgrund der st√§rkeren Beweidung und der ver√§nderten R√§uber-Beutebeziehungen kann wird nun so stark besch√§digt, dass die nun gr√∂√üere Bev√∂lkerung nun pl√∂tzlich mit einer Nahrungsmittelnot konfrontiert wird. Rinderherden sterben weg und auch gro√üe Teile der Bev√∂lkerung. D√∂rner zitiert F√§lle in denen genau dies eingetreten ist.

In den Simulationsspielen sind aufgrund mehrdimensionaler Ursachen die Population nach zwanzigj√§hriger Prorperation oftmals √ľberraschend vermindert worden. Es gab unvorhergesehene Hungerskatastrophen, die fast die gesamte Population √ľberhaupt ausgel√∂scht h√§tten. Nach 20 Jahren lassen sich nat√ľrlich keine eindeutigen Ursachen mehr spezifizieren, wir k√∂nnen dar√ľber nun spekulieren, welche Regelkreise daf√ľr verantwortlich waren. Es ist wie die Frage, was Krebs urspr√ľnglich ausgel√∂st h√§tte: Was wir auf kurze Sicht schnell erkl√§ren k√∂nnen, ist bei langfristigen Problemen aus der Masse der m√∂glichen Ursachen heraus nicht mehr eindeutig zu kl√§ren. Es muss daher keineswegs die beschriebene Ereigniskette sein, die zu √úberlastung des Systems f√ľhrt. Mit jedem Eingriff aber, stellen sich hingenommene und noch nicht erkannte Risiken ein.

Der Umgang mit komplexen Welten muss daher den gew√∂hnlichen Gutmenschenverstand verzweifeln lassen. Das sind jene Menschen, die S√§tze faseln wie: „Die Vernunft darf niemals siegen!“ oder: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Was aber f√ľr die Alltagswelt vielleicht ganz nett klingen mag, darf nicht ohne weiteres auf Systeme der komplexen Umwelt √ľbertragen werden. Leider k√∂nnen wir den Hunger als Systemproblem nicht ohne weiter l√∂sen (hierzu auch mein Artikel zum Welthunger als √ľbersch√§tztes Problem); es ist √§u√üerst schwierig Lebensbedingungen durch aktive Politik zu verbessern. Die neugegr√ľndeten Organisation „Ingenieure ohne Grenzen“ sicher als erg√§nzendes Pendant zu den √Ąrzten ohne Grenzen versuchen nat√ľrlich sehr bedacht Hilfsleistungen mit R√ľcksicht auf die Nebenfolgen zu dosieren, dennoch stellt sich die Frage nach der richtigen Hilfe (Diesen Punkt hatte ich zun√§chst falsch dargelegt und entsprechend korrigiert. Leider finde ich den Zeit-Artikel dazu nicht mehr; eine Aussage war aber, dass Hilfe bedingt, dass Menschen Hilfe als selbstverst√§ndlich annehmen und so zum Beispiel technische Ger√§te auch dementsprechend halbherzig behandeln w√ľrden. Gerade in Sierra Leone w√§re die Ergebnisse daher oftmals ern√ľchternd. Dies schm√§lert aber nicht den Wert solcher Organisationen. Es zeigt nur auf, dass die Frage sehr dringend ist, welche Hilfsleistungen die richtigen sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Entwicklungspolitik seit der Ver√∂ffentlichung von D√∂rners Buch – immerhin Ende der 80er – gewandelt hat. Es w√§re interessant hierzu Einsch√§tzungen zu h√∂ren. Ob aber Nachhaltigkeit prinzipiell m√∂glich ist ist eine andere Frage). Die Komplexit√§t der KUL-Welten √ľbersteigt oftmals leider den guten Willen der Helfer. Hilfreich ist es daher erstmal, die Funktionsweisen von KUL-Welten und Alltagswelten systematisch zu unterscheiden.

Alltagswelt
KUL-Welt
Wir haben es hier mit kurzen so genannten Totzeiten/Reaktionszeiten zu tun. Wenn ich zum Beispiel beim Auto auf das Gaspedale trete, dann beschleunigt es. Der Lichtschalter knipst das Licht an.
Hier k√∂nnen die Totzeiten sehr lang sein. Es kann sein, dass ich eine Ma√ünahme durchf√ľhre, die die erhofften Wirkungen zeigt; Nebenfolgen aber treten erst nach 20 Jahren ein, wobei dann die Ursache, wenn es denn nur eine ist, schwer zu ermitteln ist. Es kann aber auch sein, dass die Reaktionszeiten sehr lang sind. So ist zum Beispiel in der Politik mit den Folgen einer Gesundheitsreform zumeist nicht in einer Legislaturperiode zu rechnen.
Die Eingriffe in Alltagswelten erfolgen unabhängig voneinander. Beim Auto schalte ich das Licht an und dies hat keine Auswirkungen auf die Scheibenwischer oder die Beschleunigung. Alles kann selbstständig geregelt werden.
Die Eingriffe bewirken erw√ľnschte und unerw√ľnschte Ereignisse, denn…, so wie Adorno noch die Indifferenz der Natur zum Ausdruck brachte,: ‚Äě…alles h√§ngt mit allem zusammen.‚Äú In welchem Ma√üe muss nat√ľrlich bestimmt werden. Es ist aber irrig, davon auszugehen, dass es in der Natur viele unabh√§ngige Ereignisse gibt. Nat√ľrlich wird der Fl√ľgelschlag eines Schmetterlings nicht unbedingt einen Wirbelsturm ausl√∂sen. Diese Chaosmos-Theoreme sind maximal St√ľrme im Wasserglas. Es handelt sich aber bei unseren Eingriffen in KUL-Welten meistens um gro√ütechnische Versuche. KUL-Welten zeichnen sich also durch Abh√§ngigkeit aus.
Wir haben es mit starken Kausalketten zu tun. Kurz, wenn ich einen Baum fälle, fälle ich einen Baum. Oder wie Tom Hanks es feststellt:
Die Kausalketten sind hier schwach, das macht es auch so schwierig, diese zu identifizieren. √úberlegen wir uns nur wie schwierig es ist, nachzuweisen, dass die minimale Erh√∂hung von wenigen zehntel Prozent an CO2 in der Stratosph√§re zum Klimawandel f√ľhren soll. Was ist die Ursache, dass Arbeiter X mit seinem Auto zur Arbeit f√§hrt? Oder was ist die Ursache von Arbeitslosigkeit? Es kann aber auch so verstanden werden, dass ein schwacher Grund starke Wirkungen h√§tte. So genannte Trigger-Effekte, wo wir durch unbedachte T√§tigkeit ein System aus den Fugen werfen. Langfristig wirkende Strahlung von Stromnetzen k√∂nnte so etwas sein.
Es gibt kaum relevante Nebenwirkungen.
Da alles irgendwie mit allem zusammenhängt, hat alles Nebenwirkungen und Fernwirkungen.
Das System ist sehr transparent. Wir können schnell Gesetzmäßigkeiten ohne Probleme ableiten.
Intransparenz – Gesetze lassen sich aufgrund der schwachen Kausalketten und der vielen m√∂glichen Gr√ľnde nur schwerlich ausmachen und sind sehr fallibel.
Das ist System ist linear und geordnet.
Das System weist nicht-lineare Lebenszyklen und Funktionsmechanismen auf und kann eher durch den Begriff ‚ÄěChaos‚Äú¬† als durch den Begriff ‚ÄěSystem‚Äú beschrieben werden
Alltagswelten können wir akkumulieren. Das Auto zum Beispiel ist die Summe aller in ihm verschalteten Regelkreise.
Bei KUL-Welten handelt es sich um Netzwerke, wobei das Ganze mehr ist als die Summe aller Teile. Das heißt, so viele Teile wir auch beobachten, fehlt uns der Begriff des Ganzen, ist unsere Betrachtung nie vor Fehlern gesichert. Was also ist zum Beispiel die Umwelt
Alltagswelten ähneln sich.
KUL-Welten reagieren fast immer anders. Sie sind fast nie gleich. Es gibt keine Regeln oder Rezepte.
Der letzte Punkt ist wohl der dramatischste. Wenn wir Probleme behandeln, dann berufen wir uns zumeist auf Erfahrungen; wir bilden Analogien. Diese Analogieschl√ľsse gelten aber nur f√ľr √§hnliche Probleme. Nur weil ein Problem, aber √§hnlich aussieht, hei√üt es nicht, dass es auch √§hnlich ist. √Ąhnlichkeit ist zwar definiert durch viele Gemeinsamkeiten und wenige Unterschiede (andernfalls w√§re es Identit√§t), gerade minimale Differenzen k√∂nnen aber zu einem klassifikatorisch anderem Problemfall f√ľhren. In der Medizin (um ein einfacheres Beispiel zu bem√ľhen) gibt es Krankheiten bei denen die Symptome nahezu identisch sind, Behandlungen f√ľr die eine Krankheit aber zu Todesf√§llen bei der anderen Krankheit f√ľhren k√∂nnen.
Zu den m√∂glichen Eingriffen in KUL-Welten m√∂chte ich im n√§chsten Teil etwas sagen. Wir werden dort das Morobeispiel n√§her erl√§utern und die Fehlerquellen der Handelnden erl√§utern. In einem dritten Teil will ich andere Simulationsspiele erw√§hnen und gemeinsam mit den Leser verzweifeln. Die Mathematisierbarkeit von nicht-linearen, dynamischen und sozialen Systemen steckt n√§mlich noch nicht mal in den Kinderschuhen. Es gibt diffuse, theoretische Rahmen, aber keinen Ansatz mit KUL-Welten √ľberhaupt umzugehen. Mit diesem theoretischen R√ľstzeug, das eher ein sanftes Seidenhemd der Theorie ist, werden wir dann nochmal √ľber Fukushima nachdenken. Zwar werde ich auch keine L√∂sungen anbieten k√∂nnen, meine anfangs naiven Beitr√§ge werden aber dann hoffentlich weniger naiv erscheinen.

F√ľr alle, die sich in das Buch von D√∂rner mal hinlesen m√∂chte, muss es nicht die teure, gebundene Ausgabe sein:

Teil 2 ist unter folgendem Link zu finden und weiterempfehlen nicht vergessen. Bis dann Norman.

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7 Antworten auf Fukushima und die Frage nach dem richtigen Handeln – Alltagswelten und komplexe Welten im Vergleich (Teil 1)

  1. Klaus Waldmann sagt:

    Systemtheorie, Fukushima, Hungersn√∂te, KUL-Welten und Ingenieure ohne Grenzen – selten habe ich einen Artikel gelesen, wo soviele verschiedene Aspekte zusammengemischt wurden und der Autor wirklich von keinem richtig Ahnung hatte…

    Gibt es f√ľr Ihre Thesen irgendwelche Belege? Z.B. f√ľr ein gutes Krisenmanagement der Russen in Tschernobyl? Oder f√ľr fassungslose Ingenieure ohne Grenzen?

    Was bieten Sie als L√∂sung f√ľr eine komplexe Welt an? Verzweiflung?

  2. Fibonaccie sagt:

    Hallo Herr Waldmann,

    die Belege f√ľr das Krisenmanagement der Russen habe ich unter dem entsprechenden Link dargelegt. Das basiert nat√ľrlich auf den Argumentationen dort. Die Frage der "Ingenieure ohne Grenzen" habe ich entsprechend korrigiert, allerdings st√ľtze ich mich dort auf einen Zeitartikel, der von Ern√ľchterung unter den verschiedenen Gruppen der Ingenieure sprach.
    Bei Dörner finden sich einige Beispiele zu den Folgen von intensiven Brunnenbohrungen, diese haben nichts mit den Ingenieuren ohne Grenzen zu tun. Das hatte ich einfach im falschen Zusammenhang dargelegt. Entschuldigen Sie das bitte.

    Tats√§chlich ist im Moment Verzweiflung ein Argument. Zumindest ist die Mathematisierbarkeit von nicht-linearen, dynamischen System noch nicht sonderlich weit. Nat√ľrlich ist die Ausweichm√∂glichkeit sich auf kleine Sachverhalte empirisch zu konzentrieren. Ob aber Technik die L√∂sung verspricht, ist eine noch zu kl√§rende Frage. Nehmen Sie meine Darstellung bitte nicht pers√∂nlich. Die Frage ist doch wie sich Ingenieure ohne Grenzen verstehen. Geht es darum kleinere Probleme zu beheben oder nachhaltig zu arbeiten. Sicher das Zweitere, aber das halte ich f√ľr ein schwieriges Unternehmen. Die Versorgung mit Wasser ist sicher eine gute M√∂glichkeit. Die Konsequenzen diskutiert D√∂rner darauf st√ľtze ich mich und es wird in den n√§chsten Artikeln erscheinen. Da es sich nur um Computersimulationen handelt, muss die G√ľltigkeit in Frage gestellt werden. Ich bin gerne bereit mich auszutauschen, aber bitte lassen sie uns sachlich bleiben und argumentieren Sie etwas genauer.

  3. Fibonaccie sagt:

    Beispiel aus D√∂rners Logik des Misslingens (Seite 12) "Mit einem folgenreichen Fehlschlag von Entwicklungshilfe besch√§ftigen sich Tarina Kleyn und J√ľrgen Jozefowicz in ihrer Reportage "W√ľstenland durch Menschenhand" […] Das Rezept zur wirksamen Bek√§mpfung des Hungers in Teilen des Okavangodeltas im s√ľglichen Afrika war einfach, aber kurzsichtig. Nach Pl√§nen von Wissenschaftlern wurden die dort lebenden Wildtierherden von Nutztieren verdr√§ngt und der karge Boden zur Produktion von Rindfleisch verwendet. Vorher bek√§mpfte man erfolgreich die Tsetse-Fliege, die auf bestimmte Rinderrassen t√∂dliche Krankheiten √ľbertr√§gt.
    Zuerst lief alles wie gew√ľnscht, doch bald zogen Hunderte von Viehz√ľchtern in dieses Gebiet. Die Folge: Durch √úberweidung wurde keines der Tiere satt, und als der regen ausblieb, verfiel das ehemals fruchtbare Land in der Sonnenglut zu Sand und Staub." Es geht mir im wesentlichen um solche F√§lle und keine direkte Kritik an "Ingenieure ohne Grenzen". Dass ich als Alternative nur Verzweiflung anbieten kann, liegt daran, dass ich in der Literatur keine Angaben zur Bew√§ltigung von Problemen in komplexen Welten vorstellen kann. Ich m√∂chte aber zumindest die Schwierigkeit thematisieren und vielleicht auch auf die √ľbersch√§tzte Hoffnung verweisen, durch technische L√∂sungen, Probleme zu verringern als zu vergr√∂√üern.

  4. Klaus Waldmann sagt:

    Hallo Fibonaccie,

    vielen Dank f√ľr Ihre Kommentare zur Richtigstellung.

    Ich bin selber Ingenieur mit ET-Hintergrund. Mit dieser Ausbildung ist ein hoher Anteil an Systemtheorie verbunden (nat√ľrlich eher elektr. als soziale Systeme). Ich habe das Buch von Herrn D√∂rner bereits im Studium gelesen und fand es herausragend. Allerdings sind die Schl√ľsse, die ich nach dem Lesen des Buches ziehe etwas anders, als ich Ihre hier verstehe.

    Es ist auch anders als Sie sagen (z.B. in Ihrer ersten Antwort auf meinen Kommentar), kein mathematisches Problem, dynamische, nicht-lineare Systeme zu beschreiben. Das können Regelungstechniker und Systemtheoretiker seit Jahrzehnten. Das bezieht sich auf Eingrößenregelsysteme genauso wie auf Mehrgrößenregelsysteme. Mathematisch und theoretisch ist das prinzipiell alles klar.

    Es gibt lediglich ein Problem dabei: Die Intuition. Der Mensch tendiert dazu, Dinge einfach sehen zu wollen. Eine schnelle L√∂sung ist oft erw√ľnscht, und dabei verliert man logischerweise die Sicht auf Seiteneffekte.

    Und hier kommen wir zu den Ingenieuren ohne Grenzen (von denen ich einige persönlich kenne, sonst wäre mir Ihr Kommentar nicht so sauer aufgestoßen): Entwicklungshilfe muss sich an diesen Erkenntnissen orientieren. Diese Idee ist auch nicht neu. Sie wird dadurch umgesetzt, dass man
    Рzusammen mit den betroffenenen Menschen nach Lösungen sucht, um Probleme bereits im Vorfeld zu vermeiden
    РLösungen nur in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung umsetzt, damit diese ihre Probleme danach möglichst eigenständig lösen kann
    РMenschen vor Ort ausbildet, damit eine langfristige und dauerhafte Lösung entsteht.

    Daraus folgt nat√ľrlich, dass eine Situation sich nicht von heute auf morgen √§ndert, sondern dass man f√ľr ein erfolgreiches Projekt langfristig denken muss.
    Alle diese Punkte sind aber seit langem bekannt, und aus eigener Erfahrung mit den Mitgliedern von Ingenieure ohne Grenzen, die ich kenne, weiß ich, dass sie dort beachtet werden. In jedem Projekt!

    Der Grundwasserspiegel muss selbstverst√§ndlich vorher in Betracht gezogen werden, bevor man Brunnen bohrt. Unter anderem auch deshalb setzt Ingenieure ohne Grenzen in vielen Projekten auf Zisternen statt auf Brunnen. Der Grundwasserspiegel wird im Normalfall dadurch praktisch nicht beeintr√§chtigt. So etwas w√§re aus meiner Sicht einen Kommentar wert – bitte nicht nur das etwas pauschale "Brunnen bohren kann auch negative Folgen haben". Vor allem deshalb, weil das nat√ľrlich auch vom Projekt abh√§ngt und nicht generell gesagt werden kann.

    Ich habe mir den Spa√ü gemacht, diese Seite mit der sich entspinnenden interessanten Diskussion an die Gesch√§ftsf√ľhrung von Ingenieure ohne Grenzen weiterzuleiten. Dort ist man gerne bereit, mit Ihnen √ľber konkrete Aspekte zur Entwicklungszusammenarbeit und auch √ľber konkrete Projekte zu sprechen. Wenn Sie Interesse haben, wenden Sie sich einfach an pr (at) ingenieure-ohne-grenzen.org .

    Tatsache ist, dass die Verflechtungen in der heutigen Welt zwischen Industriestaaten und Entwicklungsl√§ndern sehr zum Vorteil der ersteren sind. Und deshalb bin ich durchaus der Meinung, dass man als Europ√§er ein bi√üchen eine Verpflichtung hat, das zu √§ndern. Nat√ľrlich, indem man vorher nachdenkt und sich Gedanken macht. Und indem man langfristig ein Projekt begleitet, anstatt etwas hinzubauen und zu verschwinden.

    Sch√∂ne Gr√ľ√üe!

  5. Fibonaccie sagt:

    Hallo Herr Waldmann,

    ich stimme mit Ihnen ganz √ľberein, dass wir die Verpflichtung haben, etwas zu tun. Ich wollte in seinem Engagement niemandem auf die F√ľ√üe treten und bin mir auch sicher, dass diese Systemaspekte von D√∂rner mittlerweile von den Ingenieuren Ber√ľcksichtigung finden.

    Sie m√ľssen wissen tats√§chlich besch√§ftige ich mich mit Systemen allerdings aus einer soziologischen Perspektive. Ich hatte im Sonderband der K√∂lner Zeitschrift f√ľr Sozialforschung zur Umweltsoziologie, der als Grundlagenwerk in diesem Bereich gilt, von Dieckmann/Jaeger Folgendes gelesen: ‚ÄěUm allerdings soziale Systeme tats√§chlich als nichtlineare, komplexe Systeme zu modellieren, werden noch erhebliche Forschungsanstrengungen n√∂tig sein.‚Äú (Dieckmann/Jaeger 1996:21) In diesem Sinne habe ich viel zu ungenau argumentiert. In dem korrespondierenden Artikel von Helga Nowotny ‚ÄěUmwelt, Zeit, Komplexit√§t: Auf dem Weg zur Endosoziologie‚Äú wird dann das Problem diskutiert, inwiefern die Spaltung zwischen Akteur, der auf eine Umwelt einwirkt, und einer Umwelt, die unabh√§ngig existiert, nicht mehr vollzogen werden kann, da die Umwelt als solche immer vergesellschaftet Teil des sozialen Systems ist. Zu dem Problem der Intuition, was sie ja erw√§hnen, kommt daher ein gesellschaftliches Wahrnehmungsproblem. Wie wird Natur reduziert? Wie es Beck zum Beispiel in diesem Band fasst: als robuste Natur des Managers, als sensible Natur des Umweltaktivisten, als Meditationsoase f√ľr den Touristen oder als unbemerkte Natur des Arbeiters? D√∂rner sieht diese Frage in dem Problem (auch in diesem Band), wie das Modell auf die Wirklichkeit passen kann, wie die entsprechenden Variablen isoliert werden. Nowotny geht nun aufgrund der Wechselwirkungen zwischen Natur und Gesellschaft von einer prinzipiellen Unbestimmbarkeit der Zukunft sozialer Systeme und das ist nat√ľrlich eine pessimistische Prognose. Beim Lesen war ich damit auch h√∂chst unzufrieden. Ich hatte nun f√§lschlicherweise zu voreilig diese Prognosen auf das viel kleinschrittigere und bedachtere Vorgehen der ‚ÄěIngenieure ohne Grenzen‚Äú √ľbertragen. Erst als ich im Laufe des Tages die Website dieser mit den vielen kleinen Projekten gesehen habe, sah ich, dass ich mir aufgrund meiner Zeit-Lekt√ľre ein falsches Bild gemacht hatte.

  6. Fibonaccie sagt:

    Viele andere Beitr√§ge in dem Band zur Umweltsoziologie konzentrieren sich √ľbrigens auf Rational-Choice-Ans√§tze, die recht engmaschig kleinere Problemfelder der Umweltsoziologie empirisch aufarbeiten. Hier war K√∂ln mit Prof. Franzen auch lange Zeit einer der zentralen Orte f√ľr diese Forschung und ich verstehe es so, dass diese Rational-Choice-Ans√§tze die ma√ügebende Forschungsrichtung im Moment in der Umweltsoziologie ist.
    Systematisch interessieren mich die Rational-Choice-Paradigmen aber weniger, da sie zwar gut auf kleinere soziale Umweltprobleme (zum Beispiel M√ľllentsorgung in einer Stadt) angewendet werden k√∂nnen, aber diese die Frage nach dem gro√üen Problem der gesamten Umwelt, notwendig au√üer acht lassen m√ľssen. Ich verstehe ja, dass man klein anfangen muss, besch√§ftige mich aber vorrangig mit dem Verhalten von sozialen System hinsichtlich sehr dringender Gro√üprobleme wie zum Beispiel dem Klimawandel. Es erstaunte mich zum Beispiel als ich f√ľr einige Zeit in Amerika war, dass die Amerikaner gro√üfl√§chig nicht an Klimawandel glauben, obwohl das f√ľr mich immer eine unhinterfragte Tatsache darstellte. Ich habe dazu ein paar andere Blogbeitr√§ge geschrieben: http://dergrueneplanet.wordpress.com/2011/03/01/woher-wissen-wir-ob-es-klimawandel-gibt/. Ich habe mich mit den sozialen Bedingungen und nicht nur mit den psychologischen Bedingungen wie bei D√∂rner f√ľr Umweltverstehen auseinandergesetzt. Daher m√∂chte ich keineswegs an dem Sachverstand von Ingenieuren zweifeln, aber die Frage f√ľr mich ist, wie wir √ľberhaupt gerechtfertigtes Wissen √ľber die Umwelt erlangen und da bin ich √§u√üerst skeptisch.

    Aber wissen Sie, ungeachtet der komplexen Wahrnehmungsprobleme, Sie sind ja Ingenieur Ihnen sind die Probleme, die ich hier diskutiere alle wohl vertraut, daher kommt es Ihnen vielleicht auch etwas naiv gestaltet vor. Von einer soziologischen Perspektive kann ich aber sagen, dass die so genannten KUL-Welten keineswegs jedem bekannt sind. Die Gesellschaft verf√ľgt noch keineswegs √ľber das Bildungsniveau und glaubt zumeist, dass wenn man irgendwohin viel Geld steckt, dann schon was Gutes passiert. Daher verstehe ich diese Beitr√§ge auf Ingenieursniveau nicht als fachlich vollst√§ndig informiert, aber ich m√∂chte diese Probleme andenken. Ich glaube wie Sie, dass sich etwas √§ndern soll und muss vor allem in bildungstheoretischer und moralischer Hinsicht, daher sind diese Blogbeitr√§ge und die Diskussion vielleicht auch Werbung f√ľr freiwilliges Engagement.

    Auf jeden Fall aber Danke f√ľr den letzten Kommentar. Er hat mich weitergebracht entscheidende Punkte auseinander zu halten.

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