Von Volkswirtschaften, Experten und Märchen

Money!

Das liebe Geld, darüber nachzudenken, macht nicht unbedingt glücklich Foto:Tracy O

Im letzten philosophischen Quartett vor der Sommerpause gab Peter Sloterdijk zur Finanzkrise ein philosophischen Märchen zum Besten:

Es ist ein trüber Tag in einer kleinen irischen Stadt, es regnet, die Straßen sind leer gefegt, die Zeiten sind schlecht, jeder hat Schulden, alle leben vom Kredit. An diesem Tag fährt ein betuchter deutscher Tourist durch die Stadt, hält an einem kleinem Hotel, legt einen 100-Euro-Schein auf den Tresen der Rezeption. Er sagt dem Eigentümer, dass er Zimmer anschauen möchte, um vielleicht eines für die Übernachtung zu mieten. Der Hotelmanager gibt ihm einige Schlüssel, kaum ist der Besucher die Treppen hinaufgegangen, nimmt der Hotelier den 100-Euro-Schein, rennt zum nächsten Haus und bezahlt seine Schulden beim Schlachter. Der Schlachter nimmt die 100 Euro, rennt die Straße hinunter, bezahlt den Schweinezüchter. Der Schweinezüchter nimmt die 100 Euro, bezahlt seine Rechnung beim Futter- und Treibstofflieferanten. Der Mann nimmt den 100-Euro-Schein, rennt zur Kneipe, bezahlt seine Getränkerechnung. Der Kneipenwirt schiebt den Schein zu einer an der Theke sitzenden Prostituierten, die dem Wirt einige Gefälligkeiten auf Kredit gegeben hatte. Die Prostituierte rennt zum Hotel und bezahlt die ausstehende Zimmerrechnung mit dem 100-Euro-Schein. Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen, sodass der wohlhabende Reisende nichts bemerken würde. In diesem Moment kommt der Deutsche die Treppe herunter, nimmt den 100-Euro-Schein und meint, dass ihm die Zimmer nicht gefallen, er steckt den Schein ein und verlässt die Stadt. Nun ist die Stadt ohne Schulden, und man schaut mit großem Optimismus in die Zukunft.“ (Als Audioversion das Märchen von der Finanzkrise)

Wie ich mich schon in vielen Beiträgen mit den Grenzen einer ökologischen Wirtschaft auseinandergesetzt habe, so habe ich mich nun entschieden überhaupt den Bereich des Geldes  anzudenken. In Köln habe ich mich (neben meiner Dissertation) für ein Studium der Volkswirtschaft eingeschrieben. Geld wird also im Mittelpunkt meiner Überlegungen der nächsten Monate stehen. Kann ein Philosoph hier aber nicht eigentlich nur das Schlimmste vom Schlimmsten anrichten? Hatte Marx nicht schon gezeigt, dass mit einem Idealismus (der fälschlicherweise immer als Materialismus dargeboten wird) des Geldes, das heißt dem Nachweis, dass Wertschöpfung beim Menschen stattfindet, nicht schon die falschen humanistischen Entwertungspiralen der Materie in Gang gesetzt? Ist der verkrampfte Idealismus eines Philosophen hier nicht fehl am Platze, wo es doch um harte Währungen und reale Realitäten geht? In der Berliner Morgenpost heißt es so auch zu Sloterdijks Märchen arrogant:

„Erst die globale Finanzkrise, jetzt die Euro-Krise: Selbst Wirtschaftsexperten haben Schwierigkeiten, noch durchzusteigen. Nicht einmal in der Analyse der Problematik ist man sich in der Fachwelt einig. Da ist es gut, wenn sich fachfremde Intellektuelle furchtlos in die Debatte stürzen und dem breiten Publikum die Lage der Dinge in einfachen Worten erklären.“ (Morgenpost und Sltoerdijk)

Verehrte Morgenpost, das ist antidemokratisch. Dass sich niemand in der Finanzwelt einig ist, ist ein alter Hut, der im Mindesten genauso alt ist wie die Finanzwelt. Mit den Finanzen haben wir es mit einem super-komplexen Teil der menschlichen Welt zu tun. Ich betrachte es dementsprechen auch nur als Teilbereich der Soziologie.  Hinzu kommt: Superkomplexe Probleme sind nicht die Probleme von angeblichen Experten. So wie die Entscheidung über Atomkraftwerke nicht in den Händen von Experten liegt, so ist auch die Finanzwelt nicht etwas, das von Theoretikerfachwissen beherrscht wird oder werden sollte. Eine breit angelegte gesellschaftliche Diskussion, die immer tiefgreifender analysiert, ist wünschenswert und gerade bei einem Problem, das selbst nur in Teilaspekte zerlegbar ist, bietet sich das Eingreifen von fachfremden Interpreten an. Als Experten dürfen Sie sich mit Sicherheit an diesem Diskurs als Experten beteiligen, aber nicht über diesen gebieten.

Was heißt hier fachfremd?

Dennoch frage ich mich, ob mit der Formulierung „fachfremd“ der Autor nicht schon seinen Kompetenzbereich verlassen hat. Die Ablehnung „fachfremd“ erscheint mir wie ein Machtwort oder ein Urteil, das der Autor verhängt. Es ist ein „Basta“, das den Mund verbieten soll. Die Philosophie aber ist die eigentliche Wissenschaft des Ganzen, die nicht in Fächer dividiert, sondern alle Fächer auf einander bezieht. Daher ist es unabdingbar, dass Philosophen sich in dieser Debatte zu Wort melden. Genaugenommen haben nämlich die Experten nur als Philosophen das Recht weiterreichende Schlüsse für das menschliche Wohl zu ziehen (als welche sie sich unter Einhaltung der philosophischen Minimalbedingungen von Metaphysikfreiheit und des Ziels nach Widerspruchsfreiheit gerne verstehen dürfen. Leider tun sie das zumeist nicht und geben nur ihre zumeist wirtschaftsliberale Einstellung kund, welche metaphysisch ist). Experten, die nicht die Märkte analysieren und sich auf wissenschaftliche Vorhersagen beschränken, sind im Grunde keine Experten mehr. Für mich erscheint es daher beinah ironisch, dass die Experten gerade durch die Finanzkräfte enthront werden, für die sie sich ja zu Experten wähnen und das schon immer und immer wieder. Aber keine Sorge liebe Finanzexperten, diese Ironie ihrer Disziplin ist nicht fachgebunden. So wie ein Arzt nur Experte sein kann für die Krankheiten, die er zu heilen oder zu lindern vermag, so ist ein Finanzexperte nur Experte für Probleme, die er beschreiben und verhindern oder lösen kann. Was verbleibt ist daher nur Philosophie als Wissenschaft des Ungewussten und dem weisen Umgang mit diesem Nichtwissen. Genaugenommen gibt es nicht die Experten, gleichwohl Menschen, die bei Teilproblemen behilflich sein dürfen und sich hier mehr oder weniger, aber immer wieder neu qualifizieren müssen. Aus diesem Grund halte ich es nicht für verkehrt, dass ich mir in Zukunft die volkswirtschaftlichen Grenzen aus kritischer Perspektive eines Philosophen zu erschließen.

Zum Vorwurf Sloterdijk vergesse die Regeln der Bilanz

Zu dem Märchen von Sloterdijk sei natürlich angefügt, dass er hier ein Ideal beschreibt und die Bilanz des Dorfes tatsächlich außer Acht lässt. Die Bilanz war nämlich auch vor Ankunft des Deutschen ausgeglichen. Aber mehr als alle Kommentaren der verschiedenen Zeitungen lässt sogar ein trockener Einführungsband zum Thema Rechnungswesen hier mehr Humor zu. Sloterdijk drückt nur einen Irrwitz unserer Tauschgesellschaft aus, die sich an abstrakte Konten gebunden fühlt. Diese Kontoführung haben Affen nicht, sondern nur Wesen, die sich in ihrer Sprache mit dem Ideal des Bilanzierens auseinandersetzen.

Und so einfach ist die Bilanzierung in vielen Fällen dann nicht. Es handelt sich bei unserer gesamten Finanzwelt nicht um ein separierbares Unternehmen, das seinen Ausdruck in einer durchsichtigen Bilanz findet, wo dann die Schlussfolgerung am Ende heißt: Pleite!. Viel eher handelt es sich um die Bilanz, die in Beziehung zu ihrer Anwendung im wirtschaftlichen Kontext überhaupt steht und damit auch verbunden ist mit den Idealen wie wir mit verschuldeten Staaten umgehen oder wie wir überhaupt Schulden zulassen. Das Thema der Erfindung des Geldes leitet daher meine nächsten Artikel und ich schließe um vorherige These, dass jeder Einführungsband mehr Humor aufweist als Experten der Welt oder der Morgenpost mit einem Zitat aus eben solch einem Einführungsband zum Thema Rechnungswesen:

„Nach den neuesten Forschungen besteht das deutsche Volk aus drei Stämmen: den Pleitionen, den Schnorrmanen und den Prolongobarden. Sie gehören sämtlich zur Konfession der Wechsel-Protestanten. Kürzlich haben sie ihr Heiligtum in der Berliner Börse eingeweiht. Über einer Verkehrstreppe erhebt sich in der Mitte das Grabmal des unbekannten Solventen. Es ist rechts flankiert durch die Statue der heiligen Konkursela, links von einem Standbild des heiligeen Insolvenzel. Am Sockel des Grabmals befinden sich zwei allegorische Figuren: Die verschleierte Bilanz und die nackte Pleite, die ihre Blöße mit der Treuhand bedeckt.“ (Camphausen: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre Oldenburg 2008:213)

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