Archiv fü Kategorie Grenzen der Wirtschaftsphilosophie

Das Nichts vermarkten: Der Philosoph Herr Tutorial

19. Januar 2012
Nothing is Accomplished

Nichts (CC_Foto: Von Rafael Peñaloza)

Während die westliche Philosophie ihre Gedankenkraft aus der Grundlegung des Seins bezog, weidete sich die östliche Philosophie, an einer Philosophie des Nichts. Erst der Philosoph Hegel erkannte die metaphysische Oszillation zwischen beiden Konzepten und empfahl eine Philosophie des Werdens und entwickelte daher die Idee einer vermittelten Unmittelbarkeit, einem immer schon vollzogenen Übergang zwischen Sein und Nichts. Eine Philosophie des Nichts wie es der Buddhismus für sich beanspruchte, war daher vielleicht religiös, aber diese Religion konsistent vor philosophischen Ansprüchen aufrecht zu erhalten, erscheint auch mir ein Ding der Unmöglichkeit, da das Nichts immer in ein Seiendes umschlägt, insofern es postuliert wird.

Es ist wie die Geschichte vom Meister (aus dem zweiten Buch des Philosophen Sua Ten), der nach jahrzehntelanger, erfolgloser Meditation, um das Nichts zu erfahren, schließlich mit den Worten “Nichts” verstarb. Dennoch gehört der angedeutete Überschlag ins Nichts zu unserer Welt, denn vor allem im Internet zeigt sich, dass gerade Hohlheit, die Umschließung von Nichts, das heißt reines Marketing Erfolgsmöglichkeiten bietet. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

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Bahnphilosophie und das Transportgut “Mensch”

22. Dezember 2011
Die Bahn ruft zur Moral aus Marketingründen

Ich suche auch den Mitarbeiter mit Herz bei der Bahn, allerdings nicht aus Marketinggründen, wie es vielleicht die Bahn auf dem Poster oben verfolgt.

Über den Sinn der Bahn lässt sich vielfach spekulieren und philosophieren. Genau benommen ist die  Bahn ja nur ein leblos stählerner Transportschlauch, der Menschen flexibilisiert bei ihrem Wunsch in der großen, weiten Welt zu arbeiten. Da nun aber ganze Menschenströme durch diese Röhren fließen, so möchte die Bahn doch auch immer mehr sein als nur das Vehikel, das Menschen nützt. Neben einer Institution also, die für das Wohl der Bevölkerung bestimmt ist, etabliert sich der Gedanke, dass mit der Bahn Gewinne eingefahren werden können. Ganz klar heißt dies: Die Bahn nimmt mehr ein, als sie kostet. Im Zuge des Neoliberalismus der letzten Jahrzehnte haben sich wohl Menschen, die gerne in Amerika studierten, genau dieses gedacht und so wurde die verschlafene Behörde mit Rekordverlusten zu einer Unternehmensstruktur umgepolt, die dieses Jahr einen Rekordgewinn von 2,6 Milliarden Euro ansteuert. Je weiter also die Wirtschaftsinstitution sich erhebt, desto irrelevanter werden Fahrpreiserhöhung und müssen nicht gerechtfertigt sein. Gleich gegenüber den Gewinnen ist die Bahn daher daher auch dieses Jahr teurer geworden. Das Wirtschaftsunternehmen “Bahn” mit der Philosophie des Erfolgs stört das wenig. Bisher teilten die Bahnmitarbeiter mir immer selbstbewusst mit, sie seien schließlich ein Wirtschaftsunternehmen, womit dann der Transport der Menschen nur Mittel zum Zweck wäre.

Ohnehin hatte ich mich gewundert, dass im Jargon der Bahn überhaupt noch zwischen Güterverkehr und Personenverkehr unterschieden wird. Vor allem sind Menschen doch nach Maßgabe der Wirtschaft verrechenbare Güter, die dementsprechend auch abgerechnet werden. Der Sinn der Trennung mag nur in den unterschiedlichen Anforderung beim Transport der Fracht liegen. Klar, eine Kiste mit Schrott muss anders geladen werden als ein paar Menschen.

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Grenzen des Geldes – ein erster philosophischer Abriss über das Wesen des Geldes

18. August 2011
Lover

Die Welt ist dominiert von Spekulationsblasen in allen Bereichen (Foto:Hartwig)

Die Leistungskraft der Reichen zeigt sich in höheren Löhnen wieder. Diese Philosophie ist, wie ich im letzteren Artikel zu den Grenzen des Reichtums gezeigt habe, auch insofern legitim, als dass die Leistung des Einzelnen, die nur im Rahmen der Gesellschaft möglich ist, immer auf die Gesellschaft zurück bezogen bleibt. Es kommt auf eine soziale Kosten-Nutzen-Rechnung an, ob Reichtum gerecht ist oder nicht. Das heißt, vor allem die Frage, was kann eine Gesellschaft an Reichtümern zulassen, steht im Mittelpunkt. Wieviel kostet der Reiche die Gesellschaft und wieviel gibt er der Gesellschaft vor allem mit der Erwirtschaftung seines Reichtum zurück? Was sind die Grenzen seines Reichtums? Zur Beurteilung dieser Frage spielt dabei eine geringere Rolle, ob ein Reicher spendet. Um dies zu verdeutlichen mal folgendes Beispiel: Angenommen ein Gaddafi, der reichste Mann der Welt mit geschätzten 80 Milliarden, spendet. Würden wir hier sagen: Immerhin einer tut etwas? Nein, denn dieses Geld hat er doch der Gesellschaft zuvor durch ungerechtfertigte Macht entwendet. Wie sich bei Gaddafi also die Frage nach seinem Vermögen stellt, so stelle ich bei jedem Reichen die Frage, wie er sein Geld verdient hat. Die philosophische Frage nach einer Wirtschaftsethik kommt also auf. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass nicht aller Reichtum, den Gesellschaften heute als legal behandeln, tatsächlich moralisch ist. Gesellschaften müssen sich in Zukunft entscheiden, was Reichtum sein soll. Dies ist vor allem eine Frage der Gerechtigkeit, die kein Volkswirtschaftswissenschaftler ohne philosophische Überlegungen beantworten kann. Doch genauso wie die Volkswirtschaftswissenschaftler sich auf die Philosophie zu bewegen müssen, möchte ich mich umgekehrt auf die Volkswirtschaftslehre zu bewegen. Wie verdient der Mensch also?

Externalisierung von Kosten in die Natur

Die meisten Superreichen haben nicht nur von der Gesellschaft ihre Reichtümer erwirtschaftet, sondern auch in zweifacher Hinsicht aus der Natur entlehnt. Einerseits sind Rohstoffe zumeist das Rohmaterial zur Wertschöpfung. Eine Ausbeutung der Natur kann dabei eine große Rolle spielen (dies hatte ich bereits in meinem Artikel zum Externalisierung der Industrie von Risiken in die Umwelt dargestellt); andererseits ist auch der höhere Ressourcenverbrauch eines Reichen bedenklich. Zwar ist zumeist in den gehobenen Einkommensklassen ein höheres Umweltbewusstsein vorhanden, paradoxer Weise schlägt sich das allerdings nicht in der CO2-Bilanz nieder. Der arme Umweltrowdy ist da leider dem umweltbewussten Oberschichtler überlegen, weil er einfach weniger verbraucht. Der Reiche erbeutet und verbraucht also und erschwert damit die Zukunft der Menschen. Einen Verdienst erkenne ich dabei zunächst selten.

Reiche verbrauchen, ohne dass sie es bemerken. Dabei ist ihre größte Wertanlage der Planet. Allerdings ist am Planeten nicht die wirtschaftsethische Philosophie im Vordergrund, sondern der kurzfristige oder mittelfristige Gewinn dominiert das Geschehen. Aber kümmert dies notwendig den Reichen? Es ist davon auszugehen, dass bei etwaigen Umweltkatastrophen durch angehäuften Reichtum auch die Zukunft der reichen Kinder gesichert ist. Gerecht ist das nicht, denn als Menschen haben wir ideal alle die gleichen Rechte. Dieses ist nicht abhängig vom Verdienst gerät aber auch durch ungerechtfertigten Reichtum in Schieflage.

Kann es eine gerechte Gesellschaft geben?

Nun mag die Argumentation lauten: Insofern wir alles gleich verteilen würden, dann hätten wir vielleicht morgen, vielleicht übermorgen und wenn nicht, dann überübermorgen wieder dieselbe Verteilung. Wir würden irgendwann wieder Reiche und Arme haben. Dieses aber liegt nicht an individuellen Vorzügen der Reichen, sondern an systematisch günstig besetzten Positionen. Um das mal ganz einfach zu sagen: Es ist schon sehr wichtig, an welcher Stelle ich mich in einem System wieder- oder auffinde. Wäre ich im Kongo geboren, würde ich diese Zeilen hier mit aller Wahrscheinlichkeit nicht schreiben (was für den ein oder anderen eine Erleichterung sein mag, den ein oder anderen aber auch überhaupt nicht juckt – vor allem die im Kongo). Ich hatte schon an der Biografie eines Managers die Schwierigkeit aufgezeigt, einen Beweis, dass bestimmte Eigenschaften notwendig zu Erfolg führen, zu erbringen. Zum Erfolg gehören im Durschnitt immer noch Beziehungen, eine gut betuchte Familie und Glück. Das heißt nun nicht, dass ein Einzelner es nicht auch anders schaffen kann, ob er es aber aufgrund von hervorragenden Eigenschaften schafft oder ob Glück im Spiel ist, lässt sich wissenschaftlich nicht am Einzelfall bestimmen. Meines Erachtens zeigen uns daher all diese Überlegungen, dass die Stelle, die wir im System einnehmen, eher eine Bedeutung hat, als spezifische Charaktereigenschaften und daher ist die nicht wünschenswerte Anballung von amoralischen Reichtümern eine Systemfrage (dennoch bezweifle ich nicht, das bestimmter Reichtum, die notwendigen Voraussetzungen von Charakterstärke enthält. Dies heißt aber nicht, dass jeder der Charakterstärke hat, es schafft, sondern nur umgekehrt, dass wer keine Charakterstärke hat, es mit Sicherheit nicht schafft.) Das heißt für mich ist oben und unten durch ein System bedingt und nicht unbedingt durch Leistung. Wer das System in Ansätzen versteht, hat Vorteile; nicht wer etwas leistet, schafft es notwendig. So ist es auch zu erklären, dass unsere Bildungselite nicht mehr in die Leistungsberufe investiert, sondern sich in Wirtschaftsschulen überlegt, wie Geld anzulegen sei. Die Systemfrage nach dem Reichtum kann daher auf den volkswirtschaftlichen Bereich des Geldes bezogen werden.

Geld

Geld hat Vorteile, aber es bringt auch erhebliche Nachteile mit sich. Das tatsächliche Wesen des Geldes ist nur sehr schwer zu erfassen. Wer weiß schon, wo es her kommt? Ein paar Zahlen auf dem Konto, ein paar Papierfetzen und Metallstücke in der Hand. Aber überlegen wir mal, hätte in unserem System niemand Geld, wer sollte es zunächst bekommen? Nun bei Wikipedia heißt es dazu:

“Geld kann durch das Zusammenspiel von Zentralbank, Kreditinstituten, Unternehmen, privaten Haushalten und öffentlicher Hand geschaffen werden. Der häufigste Weg der Geldschöpfung basiert auf der Gewährung von Krediten. Bargeld (Münzen, Banknoten) kann nur von der Zentralbank geschaffen werden, Buchgeld auf Sichtguthabenkonten (Giralgeld) sowohl von der Zentralbank wie auch den Kreditinstituten.”

Da ich mich noch der Thematik annähere, halten wir das Ganze mal zunächst einfach:

Geld – ein Phänomen der dritten Art

An dem Video stört mich die eindeutige Personifizierung. Ich halte das ganze Finanzdebakel eher für ein Phänomen der dritten Art. Das heißt: Die Form des Geldes haben wir, weil viele Menschen sich zunächst für bestimmte Wertschöpfungsmechanismen unter Berücksichtigung ihrer Interessen entscheiden. In der Summe der Handlungen lässt sich dann makrosoziologisch ein gewisser Kapitalstrom messen, das heißt Menschen verwenden Geld, damit es Geld bringt. Diesen Kapitalstrom muss niemand der Akteure intentional wollen, er ist aber indirektes Produkt der Wechselwirkung der Akteure beim Austausch von Geld. Dies ist ein Phänomen der dritten Art.  Wir können uns dieser Phänomene nun bewusst werden. Auf der Ebene der politischen Hebel haben wir Möglichkeiten. Ebenso haben aber dann viele verschiedene Kräfte ein wirtschaftliches Interesse daran, dass dieser Kapitalstrom in genau dieser Weise erhalten bleibt. Dies sind politische Gegenhebel, die dort ansetzen. Gerade weil sich hier mit manchmal dubiosen Mitteln kurz- oder mittelfristig Wert schöpfen lässt, haben auch bestimmte Gesellschaftsschichten ein Interesse, dieses System zu erhalten. Es lässt sich aber hier kaum eindeutig identifizieren, wer für welches Geldwertesystem verantwortlich ist. Eindeutige Aussagen in diese Richtung halte ich für unseriös. Dennoch gehe ich davon aus, dass es sich um eine Form der organisierten Unverantwortlichkeit handelt. Das heißt Schuldanteile werden so weit reduziert, so dass jeden Akteur nur eine Minimalschuld betrifft, die gerichtlich irrelevant ist. Zum Vergleich kann unser Umweltverhalten herangezogen werden. Niemand würde beispielsweise Autofahren als kriminell bezeichnen, obwohl es im Aggregat zukünftige Generationen nachhaltig schädigt.

Wir können durchaus vermuten, dass gerade die Reichen deren Reichtum nicht durch die anfangs erwähnte soziale Kosten-Nutzen-Relation gedeckt ist, ein Interesse daran haben, dass ein ungerechtes System der organisierten Unverantwortlichkeit Bestand hat. Tatsächlich verurteile ich diese Form von Reichtum. Hier können mit gewissem Recht einige Reiche zur Verantwortung gezogen werden. Hier meine ich vor allem die Reichen, die die fehlerhafte Funktionsweise unseres Geldsystems manipulativ ausnutzen.

Was ist unser Geld als System?

Geld, das ist vor allem Sichtguthaben, das heißt Geld, dass wir auf unserem Bankauszug oder in Form von Banknoten sehen können. Wir können dieses bekommen, indem die Bank Kredite vergibt. Dafür brauchen wir Sicherheiten (Hypotheken auf GrundstückeWertpapiere Quelle: Wikipedia-Artikel “Geld”). Durch diesen Vorgang schaffen wir Geld. Wer bekam demnach in der Menschheitsgeschichte das erste Geld? Die, die schon Besitztümer hatten. Aber natürlich lässt sich auch anders Geld vermehren und zwar, wenn ertragreiche Industrie aufgebaut wird, die weiter mit Hypotheken oder ähnlichem belastet werden könnte. Daher ist es auch nicht unbedingt schlimm, wenn ein Staat sich verschuldet, solange die Bilanz stimmt. Wo ist nun aber das Problem?

Das Leben mit der Krise

Ungedeckte Wertschöpfung sind ein Problem. Werden Kredite vergeben, die nicht durch tatsächlich gute Hypotheken gesichert sind, so bläht sich eine Blase auf. Springt ein Anleger rechtzeitig ab, so hat er viel verdient, während die anderen Anleger, die den richtigen Moment verpassen unter die Räder kommen. Aus genau diesem Grund haben einzelne Anleger ein Interesse an Finanzblasen und letztlich gleicht es dann mit den Spekulationen auf Spekulationsblasen tatsächlich einem Finanzcasino. Diese Finanzjongleure sind für mich amoralisch. Bestimmte Finanzgeschäfte verbietet dieses Moralempfinden und mit solcherlei Finanztransaktionen würde ich persönlich niemals mein Geld verdienen wollen. Hier würde ich meine “mittelständische” Armut jederzeit vorziehen. Aber schauen wir noch weiter, wie diese Finanzspekulation funktioniert.

Kapital der Banken

Die Kreditvergabe eines Kreditinstituts sichert das Eigenkapital und die Einlagen. Wie im Film gezeigt, verlangen selten alle Kunden ihr Geld. Daher kann die Bank Gelder verleihen, die eigentlich nur Leihgaben sind. Doch auch die Hypotheken gelten dabei als Kapital der Bank. Bei Wikipedia heißt es hierzu:

“Da das neu geschaffene Geld den Kreditinstituten wieder als Basis für weitere Geldschöpfung dienen kann, gibt es theoretisch keine obere Grenze für die Menge des von den Kreditinstituten geschaffenen Geldes. Um diese Geldschöpfung in Grenzen zu halten, gibt es neben Bilanzvorschriften für die Kreditinstitute (keine Überschuldung, minimale Eigenkapitaldeckung der Bank) je nach Land die Verpflichtung, bei der Zentralbank eine Mindestreserve an Zentralbankguthaben zu halten, die einen bestimmten Prozentsatz der bei ihnen liegenden Sichtguthaben ihrer Kunden ausmacht, das „fraktionale Reservesystem“.”

Der spekulativen Wertschöpfung muss als die Regulation durch Staaten, das heißt eine rechtlich vorgeschriebene Bilanz,notwendig beachtet werden. Und trotz aller Vorschriften erfinden Finanzjongleure Formeln und Anlagevarianten, die die Bilanzen so undurchsichtig machen, dass am Ende niemand mehr weiß, wo der eigentliche Wert von Hypotheken noch zu verorten ist. Eine Finanzblase entsteht, die irgendwann, insofern bei einer Bank ungedeckte Hypotheken entdeckt werden oder insofern einige “Kunden” Kredit unerwartet nicht zurückzahlen, platzt. Dann bekommen wir den Salat, den wir jetzt haben. Womöglich ist aber das Problem nicht diese oder jene Krise, sondern begründet in der Form wie wir Geld momentan noch als Gegenwartswährung gebrauchen. Die Frage nach dem Geld zumindest soll meine Überlegungen daher für die nächste Zeit binden.

Ausblick

So wie es für mich jetzt aussieht, muss die Krise zumindest als Dauerzustand in unserer Gesellschaft akzeptiert werden, denn Spekulationen werden nur geringfügig kontrolliert und die gegenwärtige Krise ist nur eine von möglichen Krisen. Letztlich erscheint mir die Frage nach der gegenwärtigen Krise wohl sehr Recht als die Frage nach dem richtigen System. Im Zuge der Globalisierung hat sich ein deregulierter Kapitalismus an den Finanzmärkten eingestellt, diesen halte ich ganz sozialdemokratisch für falsch.

Eigentlich ist mein Bereich eher die Frage nach Gerechtigkeit als die Frage nach der Funktionsweise eines abstrakten von Menschen gebrauchten Systems. Hier handelt es sich meines Erachtens eher um eine empirische Frage, die sich in den Details verzweigt und nicht von immer gültigen Idealen bestimmt ist wie die Philosophie. Daher ist irgendwann dem Denken des Philosophen eine Grenze gezogen und die Erfahrungserkenntnis müsste greifen. Eine Erfahrungswissenschaft sollte daher VWL sein. Erfahrungen aber sind bei einmaliger Anwendung eines Systems wie dem des Kapitalismus leider nicht viele vorhanden. Wir haben noch nicht viele Erfahrungen im Umgang mit unseren Finanzsystemen und damit bekommt die Philosophie wieder einen gesonderten Platz in der Frage nach dem richtigen System. Die Gefahren werden von allen Seiten und so auch von der Philosophie zusammengetragen.

Aber auch, da die Welt dem Wesen des Menschen entsprechen sollte, behält die Philosophie Berechtigung die Finanzwirtschaft zu kritisieren. Die Philosophie hält die Frage nach dem wahren Reichtum des Menschen im Blick. Im Hinblick auf die Menschlichkeit ist mir das gegenwärtige Geldsystem nach philosophischem Ermessen betrachtet, zuwider. Da ist mir der Kommunismus von Star Trek lieber. Dort verzichtet die Menschheit auf Geld, wobei klar ist, dass Donald Trump hier einen Herzinfarkt bekommen hätte. Was ist dann bei Star Trek aber der wahre Reichtum und was ist dann die Herausforderung, Herr Piccard?

Grenzen des Reichtums – philosophische Betrachtungen Teil 1

16. August 2011
Global Player
Eine homo oeconomicus spielt mit der Welt – ein modernes Puppenmärchen der Wirtschaftsexperten Foto:Daniela Hartmann

Die aktuelle Krise an den Börsen ist eine Krise der Staaten, die ihr Verschuldungsproblem niemals in den Griff bekamen. Dies aber ist nur die halbe Wahrheit. Dass bei der letzten Krise, die Staaten an ihre Finanzierungsgrenzen kamen, indem sie Banken retteten und die Wirtschaft mit milliardenschhweren Projekten unterstützten, ignorieren die Liberalen geflissentlich. Sie erkennen nicht, dass die Akkumulation von Reichtümern bei Wenigen ein Problem sein könnte.

Tatsache ist doch, dass Wirtschaftskreisläufe nur zirkulieren, wenn die Gelder beständig umverteilt werden (der Zusatz muss aus ethischer Perspektive lauten: nach gerechten Priznipien). Wenn wir tatsächlich bei der überstrapazierten Metapher des Blutkreislaufes bleiben, dann können wir durchaus auch formulieren, dass sich an Ort und Stelle ganze Blutgerinsel gebildet haben, die zunehmend zu einer Gefahr für die Finanzwirtschaft werden. Reichtum kann in einer Gesellschaft nicht die geschickte Anhäufung von Geld sein, sondern muss immer in Bezug auf die tatsächliche und zukünfigte Leistung stehen. Reichtum ist etwas, das Gesellschaft für sich erst entdecken und legitimieren müssen. Reichtum ist auch kein festgefügtes Kapital, wie jeder Reiche, der seinen Reichtum gerne stabiliseren möchte, bereits weiß. Nein, der Reichtum auf den Banken oder in Börsenpapieren ist immer nur so viel Wert, wie die Gesellschaft zu leisten vermag und daher steht es auch der Gesellschaft zu, hier Gerechtigkeit walten zu lassen. Daher muss nun nachdem ein Jahrzehnt Banken Gewinne fahren konnte, auch wieder eine stärkere Besteuerung der Reichen stattfinden.

Der naive Glaube an den netten Unternehmer
Nun mag der ein oder andere Liberale glauben, dass ein deregulierter Markt sich selbst reguliert. Der Glaube an die unsichtbare Hand ist dabei wie ein Glaube an Gott. Doch so wie Betrüger im Alltag einen armen Tropf an der Haustür mit windigen Schneeballsystemen reinlegen, so sehe ich keinen Grund, warum ähnliches nicht auch an den Börsen passieren sollte. So wie wir Verbraucher hin und wieder von der Industrie getäuscht werden und Produkte kaufen, die vorne und hinten nicht stimmen, so ist dies auch durchaus in großen Wirtschaftssystemen möglich. Dies ist allerdings verborgener, da wir solcherlei Bewegungen zumeist nur in Zahlen erkennen. Wie reagiert daher ein durchschnittlicher Amerikaner (und damit habe ich viele Erfahrungen gemacht)?

Nun, er behauptet stolz und steif, dass große Unternehmen kein Interesse daran haben, Anleger und Investoren reinzulegen, denn sie würden damit ihr Unternehmen riskieren. Dieses stimmt nur in gewisser Hinsicht, denn wenn ich mit einem Unternehmen kurzfristige Gewinne einstreichen kann und dieses nach dem ich es vollkommen ausbluten lassen habe, es verlasse, dann mache ich den Gewinn für mich. Das Unternehmen spielt dabei eine geringfügige Rolle. Je nachdem welche Gesetzeslage dann existiert, so kann ich als Krimineller gelten oder nur als moralisch bedenkliche Heuschrecke, wenn ich denn in der Gesamtheit der Masse von Heuschrecken überhaupt entdeckt werde und was sollte daran falsch sein, genau das zu tun, was alle tun?

Nun bin ich wahrlich kein Experte, aber so wie es Betrüger auf unseren Straßen gibt, so gibt es mit Sicherheit auch findige Betrüger in den Büros und dort schlägt dann der Betrug stärker zu Buche, da die Dimensionen des Betrugs unsere gesamte Gesellschaft treffen.


Reichtum ist auf die Gesellschaft zurückbezogen
Ein anderer Punkt ist, dass die Wirtschaft immer zurückbezogen ist auf die gesamte Gesellschaft. Das heißt, es kann keinen Reichen geben, ohne dass andere ihm diese Möglichkeit verschaffen. Dies zu verdeutlichen ist ganz einfach. So können wir zum Beispiel fragen: Wäre Warren Buffet auch der reichste Mensch der Erde geworden, wenn er auf einer einsamen Insel gelebt hätte? Welchen Reichtum hätte er dort erwirtschaften können? Vielleicht hätte er ein Haus aus Holz bauen können? Die immensen Reichtumer sind nur in Gesellschaften möglich und daher ist es sehr wohl richtig Leistung und gesellschaftliche Schuld zu verbuchen und damit rechtfertigen sich auch die Steuern, die gegen Reiche erhoben werden.

Welcher Reichtum ist gerecht?
Die volkswirtschaftliche Frage ist natürlich wie diese Verbuchung aussehen soll. Diese Verbuchung ist mit Sicherheit immer wieder neu zu bestimmen, da das Ausmaß der Leistung auch variiert und in Einzelfällen ganz erheblich abweichen kann. Während zum Beispiel Bill Gates das hilfreichste Werkzeug aller Zeiten mit erfunden hat, so hat ein Mark Zuckerberg maximal eine Infrastruktur für das Internet auf den Weg gebracht, die nicht gerade durch ihre Innovationskraft besticht. Hinzu kommt: Mark Zuckerberg hat an dieser Stelle viel stärker von bereits existierenden Reichtümern profitiert, so nämlich dem weltweiten Aufbau eines Telefonnetzes, der Verbreitung von Internetanschlüssen und der Leistungsfähigkeit von Programmiersprachen (und dies sind nur einige Faktoren, auf denen sich sein Reichtum begründet). Dass er nun für eine minimal innovative Idee, die er in 4 Wochen umgesetzt hat, Milliarden kassiert, relativiert für mich alle Leistungen, die andere viel intelligentere Menschen vollbracht haben. Wo müsste auf diese Skala der Reichtum eines Einsteins oder eines Kants verbucht werden? Wieviel Reichtum stünde ihnen zu? Unser System honoriert Leistungen, die nicht wirklich Leistungen sind.

Da wir nun nicht davon ausgehen können, dass die Superreichen die Abhängigkeit ihrer Leistungen auch eingestehen, ist ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs sinnvoll. Über Reichtum kann nur demokratisch entschieden werden.

Dabei ist es aber auch sehr rational und verständlich, dass die Wirtschaft in der Weise argumentiert, dass sie höhere Besteuerungen ablehnen. Nach Luhmanns Systemhypothese ist es unmöglich, dass Wirtschaften prinzipiell ethisch entscheiden, da sie ethische Entscheidung nur instrumental treffen, das heißt sie entscheiden nach Profitabilität einer Entscheidung. Das heißt: Natürlich hat die Wirtschaft ein Interesse an ethischen Entscheidungen, aber nur, wenn es sich kurzfristig, mittelfristig und manchmal auch langfristig anhand der Bilanzen refinanziert. Das Problem dabei ist, dass eine ethische Entscheidung nicht immer profitabel ist und genau in diesen Punkten hat die Wirtschaft wenig Interesse. Wirtschaften müssen daher reguliert werden.

Dass die Superreichen sich hier ins eigene Fleisch schneiden, hat mittlerweile auch Warren Buffet verstanden. Spiegel Online zitiert Buffet:

“Meine Freunde und ich wurden lange genug vom milliardärsfreundlichen Kongress verhätschelt. Es wird Zeit, dass unsere Regierung endlich die Lasten gerecht verteilt.”

Und Buffet erkennt noch mehr im Hinblick auf die tatsächlich erbrachten Leistungen. Zwar trägt er ein unternehmerisches Risiko (das er bei seinem Vermögen bereits nicht mehr direkt fürchten muss), im Vergleich zum existentiellen Risiko der Armen und Mittelklasse ist dies aber nicht zu vergleichen.

“Während die Armen und die Mittelklasse für uns in Afghanistan kämpfen und viele Amerikaner sich mühen, um über die Runden zu kommen, bekommen wir Superreichen weiter unsere Steuererleichterungen”

Hinzu kommen mit Sicherheit die Risiken, die Arme im Hinblick auf ihre Gesundheit tragen, denn dort ist das amerikanische System so eingestellt, dass derjenige eine bessere Gesundheit hat, der auch mehr Geld besitzt. Über andere Menschenrechte wie Bildung möchte ich erst garnicht reden. 

Die Statistiken von Spiegel Online zum Reichtum in den USA  zeigen im Übrigen sehr deutlich, wie die Demokraten sich mit den Verschuldungen der Republikaner in den letzten 30 Jahren regelrecht abmühen mussten.

Und natürlich sehe ich weltweit einen Anstieg des Wohlstands, aber wie Ulrich Beck bereits feststellte, handelt es sich um Fahrstuhleffekte. Das heißt der Abstand zu den Reichen ist in ungerechtfertigter Form geblieben. Angesichts solcher Tatsachen wundere ich mich beständig, wie viele Menschen ein uneingeschränktes Loblied auf eine sich selbst antreibende Wirtschaft singen. Vielleicht fürchten sie die Alternative eines übermächtigen Staates, der als grober Klotz nicht mehr so flexibel wie ein kleiner Unternehmer reagiert und dann aufgrund von Grobschlächtigkeit sich eigene Gliedmaßen nach und nach abhakt. Dieses Vorurteil ist sicher berechtigt, aber wir reden hier nicht vom Ultra-Kommunismus, sondern von Gerechtigkeit, die an Realitäten umgesetzt werden soll. Dazu gehört es aber zunächst die gegenwärtige Ungerechtigkeit festzustellen. Nur weil ein paar Unternehmer jetzt mit ihren Leistungen spenden, spenden, spenden, so müssen wir doch dennoch fragen, wo denn die Gelder eigentlich herkommen, die sie da spenden. Dann müssen wir auch fragen, was mit jenen Unternehmern passiert, die einfach mal mit Absicht ganze Staaten an die Wand fahren wollen oder Unternehmen bis auf den letzten Tropfen auspressen. Aber dies ist der Vorteil, wenn in einem selbstregulierenden Wirtschaftssystem etwas schief geht, gibt es keinen Schuldigen. Schuld ist dann das System oder der generalisierte Andere wie es so schön heißt.

Und dies sei auch noch gesagt “Reichtum” im Rahmen der Gerechtigkeit ist nichts verkehrtes, aber es gibt drei Arten von Reichtümern im Hinblick auf Kapital. Kapital das aus bereits kriminellen Kreisläufen stammt (Prostitution, Drogen, Onlinebetrug, Kinderpornografie), Kapital, das aus Quellen stammt, die die gesellschaftliche Lücken der Gerchtigkeit ausnutzen und Kapital, das tatsächlich durch wahre Leistung für die Gesellschaft verdient ist.

Durch viele gute Überlegungen besticht dieser Artikel mit Sicherheit noch nicht, aber ich muss auch noch in das Thema eindringen, bis dahin könnt ihr gerne abonnieren.

Norman Schultz

Von Volkswirtschaften, Experten und Märchen

15. August 2011
Money!

Das liebe Geld, darüber nachzudenken, macht nicht unbedingt glücklich Foto:Tracy O

Im letzten philosophischen Quartett vor der Sommerpause gab Peter Sloterdijk zur Finanzkrise ein philosophischen Märchen zum Besten:

Es ist ein trüber Tag in einer kleinen irischen Stadt, es regnet, die Straßen sind leer gefegt, die Zeiten sind schlecht, jeder hat Schulden, alle leben vom Kredit. An diesem Tag fährt ein betuchter deutscher Tourist durch die Stadt, hält an einem kleinem Hotel, legt einen 100-Euro-Schein auf den Tresen der Rezeption. Er sagt dem Eigentümer, dass er Zimmer anschauen möchte, um vielleicht eines für die Übernachtung zu mieten. Der Hotelmanager gibt ihm einige Schlüssel, kaum ist der Besucher die Treppen hinaufgegangen, nimmt der Hotelier den 100-Euro-Schein, rennt zum nächsten Haus und bezahlt seine Schulden beim Schlachter. Der Schlachter nimmt die 100 Euro, rennt die Straße hinunter, bezahlt den Schweinezüchter. Der Schweinezüchter nimmt die 100 Euro, bezahlt seine Rechnung beim Futter- und Treibstofflieferanten. Der Mann nimmt den 100-Euro-Schein, rennt zur Kneipe, bezahlt seine Getränkerechnung. Der Kneipenwirt schiebt den Schein zu einer an der Theke sitzenden Prostituierten, die dem Wirt einige Gefälligkeiten auf Kredit gegeben hatte. Die Prostituierte rennt zum Hotel und bezahlt die ausstehende Zimmerrechnung mit dem 100-Euro-Schein. Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen, sodass der wohlhabende Reisende nichts bemerken würde. In diesem Moment kommt der Deutsche die Treppe herunter, nimmt den 100-Euro-Schein und meint, dass ihm die Zimmer nicht gefallen, er steckt den Schein ein und verlässt die Stadt. Nun ist die Stadt ohne Schulden, und man schaut mit großem Optimismus in die Zukunft.” (Als Audioversion das Märchen von der Finanzkrise)

Wie ich mich schon in vielen Beiträgen mit den Grenzen einer ökologischen Wirtschaft auseinandergesetzt habe, so habe ich mich nun entschieden überhaupt den Bereich des Geldes  anzudenken. In Köln habe ich mich (neben meiner Dissertation) für ein Studium der Volkswirtschaft eingeschrieben. Geld wird also im Mittelpunkt meiner Überlegungen der nächsten Monate stehen. Kann ein Philosoph hier aber nicht eigentlich nur das Schlimmste vom Schlimmsten anrichten? Hatte Marx nicht schon gezeigt, dass mit einem Idealismus (der fälschlicherweise immer als Materialismus dargeboten wird) des Geldes, das heißt dem Nachweis, dass Wertschöpfung beim Menschen stattfindet, nicht schon die falschen humanistischen Entwertungspiralen der Materie in Gang gesetzt? Ist der verkrampfte Idealismus eines Philosophen hier nicht fehl am Platze, wo es doch um harte Währungen und reale Realitäten geht? In der Berliner Morgenpost heißt es so auch zu Sloterdijks Märchen arrogant:

“Erst die globale Finanzkrise, jetzt die Euro-Krise: Selbst Wirtschaftsexperten haben Schwierigkeiten, noch durchzusteigen. Nicht einmal in der Analyse der Problematik ist man sich in der Fachwelt einig. Da ist es gut, wenn sich fachfremde Intellektuelle furchtlos in die Debatte stürzen und dem breiten Publikum die Lage der Dinge in einfachen Worten erklären.” (Morgenpost und Sltoerdijk)

Verehrte Morgenpost, das ist antidemokratisch. Dass sich niemand in der Finanzwelt einig ist, ist ein alter Hut, der im Mindesten genauso alt ist wie die Finanzwelt. Mit den Finanzen haben wir es mit einem super-komplexen Teil der menschlichen Welt zu tun. Ich betrachte es dementsprechen auch nur als Teilbereich der Soziologie.  Hinzu kommt: Superkomplexe Probleme sind nicht die Probleme von angeblichen Experten. So wie die Entscheidung über Atomkraftwerke nicht in den Händen von Experten liegt, so ist auch die Finanzwelt nicht etwas, das von Theoretikerfachwissen beherrscht wird oder werden sollte. Eine breit angelegte gesellschaftliche Diskussion, die immer tiefgreifender analysiert, ist wünschenswert und gerade bei einem Problem, das selbst nur in Teilaspekte zerlegbar ist, bietet sich das Eingreifen von fachfremden Interpreten an. Als Experten dürfen Sie sich mit Sicherheit an diesem Diskurs als Experten beteiligen, aber nicht über diesen gebieten.

Was heißt hier fachfremd?

Dennoch frage ich mich, ob mit der Formulierung “fachfremd” der Autor nicht schon seinen Kompetenzbereich verlassen hat. Die Ablehnung “fachfremd” erscheint mir wie ein Machtwort oder ein Urteil, das der Autor verhängt. Es ist ein “Basta”, das den Mund verbieten soll. Die Philosophie aber ist die eigentliche Wissenschaft des Ganzen, die nicht in Fächer dividiert, sondern alle Fächer auf einander bezieht. Daher ist es unabdingbar, dass Philosophen sich in dieser Debatte zu Wort melden. Genaugenommen haben nämlich die Experten nur als Philosophen das Recht weiterreichende Schlüsse für das menschliche Wohl zu ziehen (als welche sie sich unter Einhaltung der philosophischen Minimalbedingungen von Metaphysikfreiheit und des Ziels nach Widerspruchsfreiheit gerne verstehen dürfen. Leider tun sie das zumeist nicht und geben nur ihre zumeist wirtschaftsliberale Einstellung kund, welche metaphysisch ist). Experten, die nicht die Märkte analysieren und sich auf wissenschaftliche Vorhersagen beschränken, sind im Grunde keine Experten mehr. Für mich erscheint es daher beinah ironisch, dass die Experten gerade durch die Finanzkräfte enthront werden, für die sie sich ja zu Experten wähnen und das schon immer und immer wieder. Aber keine Sorge liebe Finanzexperten, diese Ironie ihrer Disziplin ist nicht fachgebunden. So wie ein Arzt nur Experte sein kann für die Krankheiten, die er zu heilen oder zu lindern vermag, so ist ein Finanzexperte nur Experte für Probleme, die er beschreiben und verhindern oder lösen kann. Was verbleibt ist daher nur Philosophie als Wissenschaft des Ungewussten und dem weisen Umgang mit diesem Nichtwissen. Genaugenommen gibt es nicht die Experten, gleichwohl Menschen, die bei Teilproblemen behilflich sein dürfen und sich hier mehr oder weniger, aber immer wieder neu qualifizieren müssen. Aus diesem Grund halte ich es nicht für verkehrt, dass ich mir in Zukunft die volkswirtschaftlichen Grenzen aus kritischer Perspektive eines Philosophen zu erschließen.

Zum Vorwurf Sloterdijk vergesse die Regeln der Bilanz

Zu dem Märchen von Sloterdijk sei natürlich angefügt, dass er hier ein Ideal beschreibt und die Bilanz des Dorfes tatsächlich außer Acht lässt. Die Bilanz war nämlich auch vor Ankunft des Deutschen ausgeglichen. Aber mehr als alle Kommentaren der verschiedenen Zeitungen lässt sogar ein trockener Einführungsband zum Thema Rechnungswesen hier mehr Humor zu. Sloterdijk drückt nur einen Irrwitz unserer Tauschgesellschaft aus, die sich an abstrakte Konten gebunden fühlt. Diese Kontoführung haben Affen nicht, sondern nur Wesen, die sich in ihrer Sprache mit dem Ideal des Bilanzierens auseinandersetzen.

Und so einfach ist die Bilanzierung in vielen Fällen dann nicht. Es handelt sich bei unserer gesamten Finanzwelt nicht um ein separierbares Unternehmen, das seinen Ausdruck in einer durchsichtigen Bilanz findet, wo dann die Schlussfolgerung am Ende heißt: Pleite!. Viel eher handelt es sich um die Bilanz, die in Beziehung zu ihrer Anwendung im wirtschaftlichen Kontext überhaupt steht und damit auch verbunden ist mit den Idealen wie wir mit verschuldeten Staaten umgehen oder wie wir überhaupt Schulden zulassen. Das Thema der Erfindung des Geldes leitet daher meine nächsten Artikel und ich schließe um vorherige These, dass jeder Einführungsband mehr Humor aufweist als Experten der Welt oder der Morgenpost mit einem Zitat aus eben solch einem Einführungsband zum Thema Rechnungswesen:

“Nach den neuesten Forschungen besteht das deutsche Volk aus drei Stämmen: den Pleitionen, den Schnorrmanen und den Prolongobarden. Sie gehören sämtlich zur Konfession der Wechsel-Protestanten. Kürzlich haben sie ihr Heiligtum in der Berliner Börse eingeweiht. Über einer Verkehrstreppe erhebt sich in der Mitte das Grabmal des unbekannten Solventen. Es ist rechts flankiert durch die Statue der heiligen Konkursela, links von einem Standbild des heiligeen Insolvenzel. Am Sockel des Grabmals befinden sich zwei allegorische Figuren: Die verschleierte Bilanz und die nackte Pleite, die ihre Blöße mit der Treuhand bedeckt.” (Camphausen: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre Oldenburg 2008:213)

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