Durch Philosophie der Kausalität und den Grenzen der Welt entkommen

Die Philosophie steht ja kritisch dem Begriff (oder auch der Kategorie) „Kausalität“ gegenüber, denn in einem „kausal“ geschlossenen Universum wäre alles nur eine riesige Kettenreaktion. Ohne Grenzen würden wir in dieser unendlichen Kettenreaktion nur wie Dominosteine in und aus unserem Leben fallen. Wir könnten uns demnach glücklich schätzen, dass unser Gehirn uns Huckpack genommen hat, um uns zumindest an einem Teil dieser größten Kettenreaktion der Welt (die Welt selbst) philosophisch erfreuen zu lassen.

Aber woher käme dann diese Kettenreaktion? Nun, der größte Erbauer überhaupt hat einen Dominostein angestoßen und wir dürfen live bei einem Teil dabei sein. Größter Erbauer? Mag sein, dass dieser Gott nur Zufall heißt, zumindest aber scheint uns bei dem Gedanken an Kausalität immer ein erster Anfang vorzuschweben, womit zugleich die Kausalität doch außer Kraft gesetzt wird. In der Philosophie die Kausalität zumindest als eine der ersten Kategorien anzunehmen ist denkerischer Betrug, denn der erste Anfang der Kausalität wäre nicht kausal bedingt, womit wir ein anderes Prinzip vor der Kausalität philosophisch einführen würden. Daher machen wir bei dem Gedanken an die Kausalität auch immer schon eine Ausnahme oder gar wir behaupten es gibt keinen Anfang. Woher begründeten wir aber diese Behauptung philosophisch? Würden wir es aus der Kausalität selbst herleiten, so hätten wir einen ungültigen Zirkelschluss und diese mag der Philosoph als Wissenschaftler in der Regel überhaupt nicht.

Gleich aber ob Kausalität jetzt von Anfang an dabei war oder nicht, in beiden Fällen liegt doch einiges an Befremdung dabei, wenn wir uns selbst nur als die Kette von physischen Ereignissen betrachten und uns absprechen, Neues aus uns wie ein Zauberer aus dem Nichts ohne Grenze hervorzaubern zu können. Was wäre dann Kunst, Ästhetik und Liebe anderes als nur das Zusammenspiel der biologischen Kräfte in uns. Welchen Sinn hätte dann die Ästhetik einer Kettenreaktion wie im folgenden Beispiel selbst?

Gut auch diese Kette aus dem Beispiel ist letztlich einer schon vorher da gewesenen Welt entlehnt. Die Welt selbst kippt sich durch uns in diese Kettenreaktion hinein. Sind wir in unseren philosophischen Phantasien nur das Glied in der Kette von Erscheinungen, die sich in diesem Jetzt-Punkt manifestiert? Warum es dann aber überhaupt subjektive Jetzt-Punkte (Jetzt-Momente) geben soll, reißt dann eine gravierende Verständnislücke. Denn wenn alles nur eine riesige Kettenreaktion wäre, dann wäre es doch zugleich auch gleichgültig, ob ich es Jetzt denke oder nicht, denn ich könnte auch einfach als bloßer, kausal bedingter Automat meinen Dienst verrichten. Ich wäre somit philosophisch betrachtet, nichts als ein nutzloser Beobachter der Kettenreaktion. Gut wir dringen nicht weiter ein in die philosophischen Strickmuster, die sich aus diesen Gedanken ergeben.

Domino Spiral

Aber so ist es doch, dass einige versuchen, dieser Reaktion zu entkommen und überhaupt das Ende dieser ewigen Kettenreaktion „Welt“ herbeisehnen. Sie versuchen durch Reisen zunächst dem Moloch der industrialisierten Alltäglichkeit zu entkommen, wo die Kettenreaktion noch am ehesten spürbar ist und suchen die Enden, die Grenzen der Welt auf:

Kann jemand vor der Welt als Kausalität davon reisen? Uwe Johnson formulierte dazu philosophisch lakonisch „Da geht einer in die Fremde ärgerlich auf den Leib, da wird sie Nähe.“ (Mutmaßungen über Jacob S.58) Ein Reisen, um der Welt zu entkommen, heißt auch immer sich selbst, dem Stückchen persönlicher Fleischwelt entkommen zu wollen. Dieses Ding, womit uns ein Unbekannter behangen hat. Physischer Rest und Grenze, das ,wenn wir die große Befreiung des ewig Verketteten erreicht haben, wie eine Last von uns genommen wird. Der Wunsch nach Entkommen aus den Ecken und Winkeln der Welt bringt so schließlich nur in die Gefahr des Selbstmordes: Einer Entledigung der Welt durch die Entledigung des ständigen Ballasts – uns selbst. Der Heißluftballon „Geist“ wirft seinen letzten körperlichen Ballast über Bord und steigt auf zu den Himmeln der Philosophie und transzendiert. Was aber, wenn die Welt so nicht zu beseitigen wäre? Die Gefahr in eine Hölle zu kommen oder vielleicht auch als Schwein in einem Mastbetrieb wiedergeboren zu werden, besteht. Vielleicht gibt es kein Entrinnen vor der Kausalität und doch versucht es die Freiheit in der Philosophie.

Die Angst vor dem Tod als Glied in der kausalen Kette kann aber auch nur als Sicherung der Kettenreaktion in sich selbst gedacht werden. Denn es wäre ja fatal, wenn wir alle mit einem Male ausstiegen, dann käme in uns eine angestoßene Kette zum Erliegen. Wir haben also Angst vor dem Nichts einer nicht kausalen Welt und wollen lieber unter den Bedingungen der Welt verbleiben und dieses ist gar bedingt durch die Welt selbst. Zwar haben wir hier nicht Macht, aber Freiheit uns auf die Welt zu beziehen und diese doch in minimalster Weise zu verändern, zumindest suggeriert uns dies die Welt. Doch genau benommen: Selbst wenn diese Freiheit, in der Welt verbleiben zu wollen, selbst wieder durch die Welt bedingt wäre, dann hätte die Welt Angst vor einer Freiheit in uns. Denn nach dieser Argumentation muss die Kausalität etwas gegen unseren potentiellen Weltausbruch unternehmen.

Der Selbstmord aber gibt dennoch Weisung an die Philosophie: Wir sind eine freie Grenze. Wir haben Freiheit, doch diese liegt nicht in der Beendigung der Kausalität, sondern in unserer Freiheit uns für oder gegen die Kausalität zu entscheiden.

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