Philosophie des Schlafes – Nur noch 2 Studen schlafen pro Tag (Teil II)

Die Effizienzphilosophie eines Steve Palina war Thema des letzten Beitrages. Es ging darum, wie der Mensch nur noch zwei Stunden Schlaf brauchen w√ľrde. Das Schlafmodell sieht hier vor, dass im Abstand von 4 Stunden jeweils nur noch 20 Minuten geschlafen wird. Hier gilt es nur noch den REM-Schlaf zu nutzen und schon reicht es, um den ganzen Tag wie ein durchg√§ngig gelebtes Leben zu erf√ľhlen. Selbst die REM-Schlaf-Phasen, hei√üt es, k√∂nnen bewusst getr√§umt werden.

Polyphasenschlaf und Gesundheit

Nat√ľrlich fragt sich der kritische Leser, ob dieser polyphase Schlaf mit der Gesundheit zu vereinbaren sei. Ich erinnere mich an einen Artikel im Spiegel, den ich vor ca. 10 Jahren las. Dort ging es um einen Mann, der seit 6 Monaten nicht geschlafen hatte. Ein Darmbakterium hatte auf wundersame Weise den Weg ins Gehirn angetreten und dort ein bestimmtes Areal lahmgelegt, das f√ľr die Einschlaffunktion zust√§ndig war.¬†Dennoch nach 6 Monaten Schlafentzug erfreute sich dieser Mann bester Gesundheit. Nur seine Konzentration war am Boden. Sein Alltag bestand im Grunde aus¬†Halluzinationen. Das Ph√§nomenale beim polyphasen Schlaf ist allerdings, dass nach einer Eingew√∂hnungszeit von 2 Wochen die Konzentration auf h√∂chstem Niveau bleibt. Steve Palina beschreibt dies als w√ľrde er 24 Stunden bei den Dingen bleiben k√∂nnen. Ich w√§re fasziniert von der Idee nicht mehr von Morpheus die sch√∂nsten Jahre meines Lebens geraubt zu bekommen. Es w√§re endlich Platz f√ľr 24 Stunden Philosophie :)

Einige werden jetzt nat√ľrlich einwenden, dass sie ja sehr gerne schlafen und sich nicht immer dem Druck dieser Effizienzphilosophien aussetzen m√∂chten. Da frage ich mich allerdings, was sie denn davon haben, denn anders als bei anderen T√§tigkeiten, die Vergn√ľgen bereiten, bekommen wir ja vom Schlaf in der Regel nichts mit. Letztlich geht es doch beim Schlaf nur darum ausgeruht zu sein. Ich selbst f√ľhle mich vom Schlaf wie von unangenehmen Besuch bel√§stigt. Wenn ich wei√ü, dass der n√§chste Tag dr√§ngt, aber ich eigentlich noch in der Kreativit√§t zu schaffen habe, dann z√∂gere ich den Schlaf bis zur Ersch√∂pfung hinaus. Entkommen kann ich ihm nicht. Der unangenehme Gast in meinem K√∂rper aber nimmt sich mich wie ein gro√ües ungemachtes Bett und legt sich in mich hinein. Vielen Dank. Ich habe mich schon oft gefragt, wie es wohl w√§re diese Unannehmlichkeit endg√ľltig vermeiden zu k√∂nnen. Wie gesagt:

Was soll diese Weltpause also eigentlich mit uns? Gehört es zur philosophischen Ganzheit?

Auf einschlägigen Seiten finden wir dann Folgendes zum Sinn des Schlafes:

„Die Funktion des Schlafes ist bis heute weitgehend unklar geblieben. Zum Studium der Funktion eines biologischen Ph√§nomens bedient man sich ja h√§ufig eines Entzugsexperiments; aus den Folgen von Nahrungs- oder Fl√ľssigkeitsentzug l√§√üt sich gut die Funktion dieser beiden Vorg√§nge ablesen. In dieser Hinsicht haben die bisher durchgef√ľhrten Schlafentzugsexperimente wenig Erkenntnisgewinn gebracht (zusammenfassende Darstellung in Horne 1988). Schlafentzug √ľber mehrere N√§chte (der Rekord steht bei 12 Tagen) f√ľhrt zu einer Reihe vegetativer und psychischer Symptome; die Probanden werden reizbar, mi√ütrauisch, sie k√∂nnen vor√ľbergehend halluzinieren; vegetative Parameter wie Pulsfrequenz und Atmung werden labiler. Nach einem ausgiebigen „Erholungsschlaf“ sind jedoch all diese Ph√§nomene reversibel; bisher konnten beim Menschen keine dauerhaften Sch√§den durch solche prolongierten Schlafentzugsexperimente festgestellt werden. Diese Befunde aus zeitlich begrenzten Schlafentzugsexperimenten sind nat√ľrlich nur bedingt √ľbertragbar auf die Frage, inwieweit chronischer Schlafmangel (wie etwa bei der chronischen Insomnie) sch√§dliche Folgen hat; dieser Punkt ist bislang nur unzureichend erforscht. Doch zeigen die Ergebnisse aus den Experimenten, da√ü gesundheitliche Sorgen wegen der m√∂glichen Folgesch√§den gelegentlicher schlafloser oder schlafarmer N√§chte vermutlich unbegr√ľndet sind“
http://www.schlafzentrum.med.tum.de/index.php/page/normaler-schlaf

Also keine Panik, das einzige, was ihr riskiert, ist eure Konzentration und ein gesunder Schlafrhythmus. Die rein physische Funktion des Schlafes entf√§llt also, um diesem Sinn zu geben. Vielleicht werden wir nur m√ľde, weil nachts biologisch in unserer Grundausstattung ohnehin nichts zu tun war? Vielleicht w√§ren wir auch mit der Welt kollidiert, wenn wir fr√ľher nachts noch durch die W√§lder gestreift w√§ren und daher gibt uns die Welt absichtlich eine verordnete Zwangspause. Oder nehmen wir an, wir w√ľrden 24 Stunden wach sein, dann h√§tten wir den Planeten bis jetzt mit Sicherheit ein Drittel mehr ausgebeutet.

Einzig frage ich mich aber beim Polyphasenschlaf, ob ich diesen strengen Schlafrhythmus (denn andernfalls wirkt er nicht) durchhalten k√∂nnte. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ungew√∂hnliche Schlafzeiten oftmals mit der Gesellschaft kollidieren. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich mir mit meinem h√§ufigen Schlafmangel immer ein bisschen Schlaf f√ľr langweilige Situationen, die einfach sinnlos sind, aufhebe. Ich z√∂gere nicht mehr, vor langweiligen Professoren ein Nickerchen einzulegen. Wenn es nichts zu tun gibt, schlafe ich. Im Grunde bin ich daher bereits ein Polyphasenschl√§fer, der mit relativ wenig Schlaf auskommt.

Dennoch, was bedeutet Schlaf nun eigentlich? Der vergessene Philosoph Aflred Eisleben (der im wohl produktivsten Milieu der 20er Jahre forschte) hatte hier andere Blickwinkel zu erforschen. Er fragte:

„Schlaf hei√üt es, sei eine kontrollierte Form des Weltuntergangs. Ist es daher Eitelkeit, dass ich nicht Schlafen m√∂chte? Ist es das Warten auf die Unendlichkeit meines Daseins?“ („Von den Enden der Welt“ Alfred Eisleben 1926:51)

Vielleicht also kennzeichnet das Erwachen und Erwecken eher das Aufsteigen der Menschheit aus den Gefilden des Schlafes in die Bewusstheit und vielleicht ist daher das Aufsteigen in den polyphasen Schlaf tatsächlich eine Philosophie.

Norman Schultz

Nachtrag: In seinem neuesten Beitrag verweist Steve Palina auf einen der Vorz√ľge seiner Schlafexperimente: Mittlerweile kann er innerhalb von Sekunden in den Schlaf fallen. Das spart noch mehr Zeit im Leben. http://www.stevepavlina.com/blog/2011/10/polyphasic-sleep-long-term-consequences

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