Vom Superphilosophen David Precht und der Entlassung von Peter Sloterdjik beim ZDF

Von den Superphilosophen: Raffaello Sanzio (1509)

Von den Superphilosophen: Raffaello Sanzio (1509)

Richard David Precht ist so etwas wie Deutschlands demokratisch gew√§hlter Philosoph (jedenfalls glauben das die meisten). Der Mann ist bei ARD und ZDF eigentlich per Telefon-Ted (wie auch schon der Kl√ľgste Deutsche) in die Riege der Philosophen gew√§hlt worden. Irgendwann sa√ü er auf einmal in den Talk-Runden und erz√§hlte mit Klassensprecherbesserwissermentalit√§t wie der Kapitalismus denn funktioniere. Seit einem halbwegs am√ľsanten, aber seichten Buch √ľber Neurophilosophie wurde Precht auf einmal zu allem befragt, was irgendwie das Etikett „Laberwissenschaft“ trug und obwohl er einen Doktortitel in Germanistik besa√ü, k√ľndigten ihn alle nur noch als Philosophen an.

Die Banalit√§t seiner Aussagen verwechselte der Durchschnittsverbraucher mit der F√§higkeit, Dinge auch mal ganz einfach zu sagen. Mit dr√∂ger Sprache, aber viel √Ąu√üerlichkeit stierte Precht sich pl√∂tzlich in die Herzen der Frauen. Offener Hemdkragen und sch√∂ne Frisur (Dinge bei denen ein Sloterdijk nicht so schnell mith√§lt) sind wohl Markenzeichen einer Philosophie die n√§her am Look ist (das ganze ist gleich noch im Video zu bewundern).

Wie sehen dementsprechend seine Sendungen aus? Kl√§glich wie folgendes Beispiel demonstriert. Offensichtlich verwendet der Sender mehr Zeit f√ľr dramatische, elaborierte Musik und pseudokreative Perspektiven auf den neuen, gestylten Superphilosophen als f√ľr die Ausarbeitung der Inhalte.

Um es kurz zu sagen, der Mann ist eine intellektuelle Unterforderung und eher f√ľr die Sendung mit der Maus geeignet. Im Grunde habe ich mit ihm kein Problem, nur die Wahl zu Deutschlands Super-Philosphen irritiert mich so sehr und wohl auch der Fakt, dass nun „Das Philosophische Quartett“ auch zu Gunsten einer (erhofft) publikumswirksameren Sendung abgesetzt worden ist.

Aber bevor wir das diskutieren, schauen wir uns nochmal den Beitrag an. Der Mann leitet also seinen intellektuellen Beitrag zur Freiheitsproblematik mit einem kreativen Einstieg, wie wir ihn in der Grundschule nicht besser gelernt hätten, ein:

„T√ľtensuppen [PAAAUUUSSSEEE] Wieviel T√ľtensuppen braucht der Mensch? [Pause] Brauchen wir das alles?“

Soweit so gut, die Grundsch√ľler hat er mit diesem kreativen „Ohr√∂ffner“ im Boot. Der T√ľtensuppeneinstieg hat meine Aufmerksamkeit auf sonderbare Weise gefesselt, so wie ein Unfall, wo man nicht wegschauen kann. Doch den Argumentationsstrick legt er sich um den Hals, wenn er so tut, als w√§re Freiheit nur eine Idee des 18. Jahrhunderts gewesen, eine Art Hirngespinst also, was wir uns nur im Hochofen des Idealismus wirklich denken konnten, was aber f√ľr (freie) aufgekl√§rte Neurowissenschaftler nur noch eine Halbwahrheit ist. Die Idee der Freiheit, die Kant noch in seiner Philosophie als Grundlage f√ľr die Erkenntnis von allen partiellen Kausalit√§tsreihen sah, die wir mit dem Gerichtshof der Vernunft in die Welt brachten und die uns zugleich immer¬†bef√§higt, die Welt als Welt zu verstehen, diese Freiheit kann bei Precht nur eine Idee sein, der wir bald nicht mehr folgten. Wir zitieren das Ganze mal:

„Freiheit, ein sch√∂nes Wort. Das Lieblingswort der Philosophen im 18. Jahrhundert. Und die Idee war, je mehr Freiheit der Mensch hat, umso gl√ľcklicher sollte er werden. Ein unaufhaltsamer Aufstieg [welch knackige Wortwahl] zum Gl√ľck.“

So oder so √§hnlich war das also im 18. Jahrhundert. Freiheit war nicht etwa bei Kant Grund aller systematischen Erw√§gungen, das Ich war in seiner freiheitlichen Vernunftverfassung nicht etwa die Selbstgesetzgebung f√ľr alle empirischen Erfahrungen, alle Welterkenntnis und die Grenze aller Erkenntnis dar√ľber hinaus. Nein, Freiheit war selbst schlicht eine Frage der Wahl. Freiheit hie√ü blo√ü zwischen Gegebenem w√§hlen und nicht erst das Gegebene zu erm√∂glichen und als Teil in der Welt irgendwie zu verstehen. Freiheit eines der h√∂chsten denkbaren Konzepte ist bei Precht nicht mehr als eine Phantasie. Hier beginnt eigentlich die Philosophie, doch die umschifft Precht gekonnt, indem er suggeriert, dass die hohen Konzepte der Philosophen irgendwie doch einfach nur altmodisch waren.

Precht hat wohl die H√∂hepunkte des 18. Jahrhundert nicht so recht verstanden, selbst die pragmatisch-analytische Philosophie eines Brandom, eines Amerikaner also kehrt nun zu Kant und Hegel zur√ľck, aber irgendwie passt dies nat√ľrlich nicht so ganz zu locker sitzenden Hemdkragen. Wie kommt Precht also darauf? Richard David Precht hat wohl irgendeinen Richard David Precht aus dem 18. Jahrhundert gefragt [wahrscheinlich Peter M√ľller], was denn philosophisch so gelaufen ist.

Der eigentliche Faux Pas bei dem Video ist aber einer anderer. F√ľr die Darstellung des Videos m√ľssen nat√ľrlich einige Konsumenten im Real in K√∂ln als d√§mliche Statisten herhalten. Wir schauen mal auf die Sekunde 1:33 im Video. Wir sehen drei gew√∂hnliche Deppen, die sich nicht entscheiden k√∂nnen und wie Hans Wurst vorm Wurstregal stehen:

Nun drei gew√∂hnliche Idioten im Supermarkt, die sich nicht entscheiden k√∂nnen? Dramaturgisch gut gemacht, vor allem um Precht in Szene zu setzen. Leider aber wei√ü der Zuschauer ein entscheidendes Detail nicht. Der erste der drei ist √Ėzg√ľr Aktok, der gerade seine Dissertation zu „Ontologischen Paradigmen“ fertigstellt und n√§chstes Jahr seine Professur in Istanbul antreten wird. Warum also Precht dabei gerade ihn als D√ľ√übaddel ausw√§hlt, wissen wir nicht. Ehrlich gesagt frage ich mich ernsthaft, ob √Ėzg√ľr gefragt worden ist und die E-mail ist auch schon unterwegs an ihn.

Sind wir denn alle so bl√∂d, dass wir glauben, Precht erz√§hlt schlaue Dinge? Der neue Intendant Thomas Bellut setzt nun tats√§chlich „Das Philosophische Quartett“ mit Sloterdijk und Safranski (die weitaus kreativer als Precht schreiben) vor die T√ľr und gibt Precht den Sonntag Abend f√ľr die Philosophie, denn offensichtlich sieht Precht charmant, elegant und eifrig aus. Keine Schlafm√ľtze f√ľrs Nachtprogramm also.

Das ZDF verabschiedet also gerade einen Intellektuellen, der weltweit (au√üer in Deutschland) als Philosoph der deutschen Postmoderne gehandelt wird, dessen Impulse gerade an weltweitem Einfluss gewinnen und nimmt jemanden hinein, der die Welt der Philosophie so einfach und doch banaler als bei Kinderquatsch mit Michael erz√§hlt. F√ľr meinen philosophischen Geschmack war dies ein Fehler. Gleichwohl ich stets analytische Philosophie und knochentrockene, kontinentale Philosophie studiert habe, habe ich gerade Sloterdijk als DEN deutschen Philosphen erachtet und zwar noch vor Habermas, √ľber den ich meine Magisterarbeit schrieb, der gleichwohl auch den beachtlichen Entwurf zur Diskurstheorie vorgelegt hat. Gerade aber die Art wie Sloterdijk und Safranski abgew√§hlt worden sind, spricht wohl nicht f√ľr das „neue“ ZDF, das sich mit Sachverstand auch dem Ernsten, also der Philosophie widmen m√∂chte. Sloterdijk und Safranski sind daher die bl√∂den Statisten, die in Zukunft in Prechtbeitr√§gen im Hintergrund auftreten d√ľrfen. Wenn Precht in aller Banalit√§t lamentiert, was wir so f√ľr Ideen im 20. Jahrhundert hatten, d√ľrfen die wirklichen Philosophen dann bei ARD und ZDF in der ersten Reihe Platz nehmen. Ab und an gibt es dann noch von Precht ein paar Seitenhiebe, warum ihn die „anderen“ Philosophen nicht ernst nehmen und dass die ja ohnehin alles so kompliziert machen und das war es dann mit der Philosophie. Sendungen √ľber Freiheit und T√ľtensuppen interessieren mich jedenfalls nicht.

Der Beitrag zur Sloterdijk-Entlassung lässt sich in der Zeit nochmal nachvollziehen:
http://www.zeit.de/2012/20/Interview-Sloterdijk-Safranski

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