Archiv fü Kategorie Musikphilosophie

Sido und Bushido bei Lanz – Egophilosophie und Sozialisierung

25. November 2011
Bad Religion

Ego-Philosophen ist angeblich nichts heilig - Bushido und Sido konnten ihre Religion bei Lanz nicht verteidigen

Moralphilosophie im Hinblick auf die Sozialisierung unserer Kinder ist immer wieder ein angeblich heißes Eisen auch die Frage der Integration sei Zündstoff. Markus Lanz hat für diese moralphilosophischen Themen sozialen Sprengstoff in die Talkshow geladen. Der Mann aus Dynamit (Peter Maffay) sowie die Bordsteinaufsteiger Sido und Bushido waren dabei, um ganz üblich über den Zerfall unserer Gesellschaft zu debattieren. Um die Sendung philosophisch zu rahmen, wurde noch der von den Medien erwählte Pressesprecher der modernen Philosophie, Richard David Precht geladen.

Vorüberlegung zur philosophischen Fragestellung, ob Kinder geistig verarmen

Mit der recht amüsanten Diamantbesetzung kamen die beiden Ego-Philosophen Sido und Bushido nicht zu Recht. „Danke Hamburg, kein Danke an Lanz und gleich hallo Berlin“ hieß es schon vor Ausstrahlung der Sendung auf Bushidos Twitter-Seite. Auch Leidensgenosse Sido konnte nicht anders: „Alta Schwede!! Dieser Lanz hat uns nur eingeladen, um uns auseinander zu nehmen!?!?“ Ganz so war es natürlich nicht, denn mit den “Künstlern” wurde noch viel zu seicht argumentiert. Problematisch ist wohl, warum Bushido beispielsweise einen Bambi bekommt. Precht hatte jedoch ganz Recht, wenn er feststellte, dass der Bambi keinen großen Wert besitze und diesen jeder Hollywoodstar bekomme, wenn er gerade zufällig in Deutschland sei. Auch mit der Tatsache, dass Integration bei Bushido und Sido eine Verweichlichung im Fahrwasser des Kapitalismus bedeute, da diese letztlich nur mit Geld integriert wurden, hat Precht sicher Wahres ausgesprochen. Bevor wir das aber diskutieren noch ein paar allgemeinere Anmerkungen. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

Schlagwörter: ,

Reflexionen zu den Grenzen der Musikphilosophie – Freiheit als Einheit der Musik bei Beethoven

20. September 2011
Craig - 1970

Die Musik innerhalb der geordneten Grenzen einer rein menschlichen Philosophie? (CC_Bild:rchappo2002)

Im letzten Beitrag zum musikphilosophischen Gehalt der Musik haben wir, ich als Philosoph und Kiril Stankow als Dirigent, den Gottesbezug der Musik Bachs herausgestellt. Exemplarisch stand hierfür die Fuge. In jeder Faser einer Fuge war der Bezug auf das Ganze, das nicht erklingende, aber nach Gesetzen in ihr angelegte Höhere, gegeben. Die Akkorde waren kein Geschrammel oder hirnlos aneinandergereiht, sondern aus den einzelnen Melodielinien ergab sich die Sphäre des Harmonischen, das nur aus der göttlichen Entfaltung Ordnung erhielt. So ordnete sich die Freiheit der Melodien doch untereinander in einem zwar nie vollständig klingendem, aber doch in einem angelegten harmonischen Ganzen. Der göttliche Ruhepol war musikphilosophisch die Harmonie des Ganzen. Dieser Ruhepol strahlte undurchdringlich und unzerstörbar im Hintergrund und gab von einem tauben Fleck des Ohres aus der Musik ihre Einheit. Wie ein musikalischer Äther, auf dessen Grund sich Musik nur entfalten konnte, ordnete sich die Musik nach geläufiger philosophischer Wahrheitsauffassung in Gott, der selbst aber nur als notwendiges für das Ganze gedacht, aber nicht selbst Gegenstand war. Da nun Gott weder sinnlich gegeben, noch intellektuell zu einem Zeitpunkt bestimmt war, war der Bezug auf Gott transzendental, das heißt, er war philosophisch gesehen die Bedingung der Möglichkeit, dass Harmonie überhaupt ihre Einheit in der sinnlichen Wahrnehmung fand. Wir können die Frage auch einfacher fassen, warum suchen wir in der Musik nach Harmonie? Warum hören wir in der Welt überhaupt so etwas wie Musik, denn Musik ist doch in ihr niemals direkt enthalten. Der Bach, der Baum, sie machen Geräusche, aber die Musik kommt irgendwie in die Welt, nur wie?

Der Mensch drängt in den Mittelpunkt der Musikphilosophie

Mit dem Durchbruch der Unterhaltungsmusik und der Erkenntnis, dass der Ramsch für die Masse mehr Geld bringt als das filigrane Luxusprodukt für die wenigen intellektuell abgehobenen Reichen, veränderte sich die Musik in ihrem philosophischen Anspruch. Die einsetzende Revolutionen und das Hinterfragen gesetzter Machtansprüche ließ das Sakrale und dessen philosophischen Anspruch in den Hintergrund treten. Fortan sah sich der Mensch nicht mehr vordergründig als Geschaffener, der im Rücken eine unverwundbare Harmonie vorfand, sondern rückte sich als unvollkommener Schöpfer in den Mittelpunkt. Geniekulte entstanden, worin sich vor allem die menschliche Befreiung von Naturgesetzen ausdrückte. Jeder Mensch strebte nach oben in die Freiheit und damit war auch der Grundstein für die Loslösung von den Harmonien gelegt, die sich bis ins 20. Jahrhundert durchsetzte. Dies zunächst intellektuell. Ins Duell mit der Schöpfung trat ein menschlich, schöpfender und in seiner zukünftigen Geschichte unendlicher Geist, der alle Zeitenwenden des Alls nach klassischem Ideal durchwehen sollte. Aus den Dienern der Musik wurden Meister musikalischer Ewigkeitssprachen; Ziel war die Unsterblichkeit im menschlich gefertigten Kunstprodukt der Musik. Ganz übertrieben klassisch-philosophisch ging es um unsterbliche Musik, die aus der Freiheit des Genies entstammte und es mit den Göttern aufnahm und so auch mit den angeblich gottgeschaffenen Harmonien.

Der Mensch wollte sich fortan in den Dimensionen seiner eigenen Schaffenskraft definieren und nicht mehr aus einem fernen Kosmos nur die göttliche Musik als göttliches Geschenk in Empfang nehmen. Mit der Kraft des egozentrischen Weltbildes schwand in parallelen Zyklen auch die bis dahin im Kontinuum währende Geschichte. Geschichte wurde instabil und wie dies für die Philosophien der Völker galt, so wohl auch für die Philosophie der Musik. Revolution bestimmte alle Entwicklung. Schließlich dramatisierte sich die Instabilität der Philosophie und Geschichte bis zu dem Gedanken mit allen Gesetzen zu brechen, was sich schließlich bei Wagner in aller Deutlichkeit zeigen sollte. Zunächst aber war die musikphilosophische Frage, was der Musik überhaupt ihre Einheit gab, wenn denn Gott nicht mehr dabei sein durfte. Das befreiende Element innerhalb der Geschichte sollte dabei selbst als philosophisches Ideal dienen. Befreiung wurde zum wesentlichen Thema der Musik. Nicht mehr Gott war der Grund musikalischer Kraft, sondern der Mensch mit seiner befreienden Schaffenskraft. Idealtypisch kann dies zunächst in seinen Anfängen bei Beethoven gezeigt werden.

Die Freiheit als Ideal der Musikphilosophie bei Beethoven

Bei Beethoven gehen – der Revolution zur Freiheit gemäß – starre Konventionen der Klassik unter, ohne jedoch dass die Stücke an organischer Ganzheit verlieren. Der Tondichtung entsprechend rückt Beethoven die einzelnen Passagen hin und her, um sie dann dennoch in einem organischen Ganzen nämlich unter einer Idee zu verdichten. Zeitgenossen beschreiben wie Beethoven in akribischer Detailarbeit versuchte jede kleinste Nebenstimme mit thematischer Energie aufzuladen. Dabei werden zwar noch Strukturprinzipien der Sonatenhauptsatzform deutlich, aber zugunsten einer organischen Einheit des thematischen Materials gebeugt. Über die erreichte Differenzierung der einzelnen Instrumentengruppen innerhalb der Klassik, gab Beethoven jedem Instrument seine Bedeutung innerhalb einer philosophischen Ganzheit der Musik. Kein Ton ohne seinen Bezug auf ein Ganzes. Da aber der göttliche Äther als einheitlicher Bezugsort verschwunden war, wählte Beethoven den Bezugspunkt der Freiheit, die sich im Menschen verbarg, denn auch wenn die Revolution zur Freiheit aufbrach, so sollte doch Musik nicht einem Chaos übergeben sein.

Beethoven nur ein Tonmaler, der die Welt nachahmt?

Die Vermutung liegt nah, dass die Welt als einheitlicher Klangteppich einen Rahmen für die Musik lieferte. Beethovens Pastorale orientierte sich ja beispielsweise an der Dynamik eines Dorfes. Ein musikalisch-philosophischer Naturalismus bot sich an, nach dem wir nur biologisch auf Musik fixiert seien und ihr letzter Sinn nur das Glücksempfinden bei der harmonischen Einordnung in die Natur sein könne. Demnach lag unser Bezug zur Welt in einem biologisch begründeten Unwohlsein, insofern wir in der Stadt waren, aber tiefe Verbundenheit, wenn wir zu den Ursprüngen zurückkehrten. “Zurück zur Natur”, hatte der Philosoph Rousseau postuliert. Aus der geschichtlichen Entwicklung ergaben sich natürlich auch schon diese ersten technikphilosophische Tendenzen, die in Lagerfeuerromantik das moderne Stadtleben unter Beschuss nahmen. Dies traf aber nicht auf Beethoven wie auch nicht auf die deutsche Philosophie zu.

Beethoven selektierte doch die Klänge aus dieser Welt, aus der Natur heraus. So entschied sich Beethoven bei der Pastorale beispielsweise für den Zusatz „Mehr Ausdruck der Empfindung(en) als Malerei“. Beethoven kopierte nicht einfach nur gedankenlos die Äußere Unordnung der Welt, denn auch der Zusammenhang der Natur findet erst seine Energie in der schöpferischen Betrachtung durch den menschlichen Geist.  Mit Beethovens Ernst der Naturinterpretation kommt auch die Kritik an seinem Lehrer Haydn zum Ausdruck, denn nicht die Melodie als simpelste Einheit der Musik, um die sich dann das Geflecht von Harmonien herumrankt,  steht im Mittelpunkt, sondern die Gesamtheit einer durch Freiheit geleiteten Interpretation. Es ging nicht um die einzelne Stimme, die von einem klappernden Rehlein aus einer kargen Winterlandschaft entlehnt war. Die kleinste musikalische Einheit ist bei Beethoven nichts weiter als das gesamte Stück, das nur unter einer menschlichen Idee seine Einheit findet. Alles hängt mit allem zusammen. Da ist das Dorf nicht einfach nur eine Beschreibung, sondern die Gesamtheit aller Sätze immer auf jede einzelne Phrase der Komposition zurückbezogen und für Beethoven nur gesamtphilosophisch unter der Voraussetzung menschlicher Freiheit zu verstehen. Der Mensch mit seiner Freiheit und nicht die Natur selbst, waren der Grund der Harmonie. Verdeutlichen wir das mal: Es ist doch zum Beispiel sehr fragwürdig, ob Konzerte von klassischen Orchestern für Hunde Erfolg hätten. Verstehen diese denn die menschgeformte Harmonielehre? Auch wenn es eine wohl für die moderne Mülleimerexperementiermusik ein spannendes Experiment wäre, Konzerte für Hund zu veranstalten, die Musik war nur aus einem bestimmten Bewusstsein heraus verstehbar.

Da aber der Mensch erst in Freiheit der Musik in ihrer Gesamtheit ihre Bedeutung gab, konnte die Musik auch nicht schon als musikalischen Trostpflästerchen für blessierte Seelen gelten. Musik drückte eher die Seele selbst in ihrer Freiheit, das Ganze zu geben, aus. Doch wie vereint sich der positive Gedanke der Freiheit mit den vielen düsteren Stimmungen der Werke Beethovens? Freiheit, das war auch immer die Ungewissheit, denn Freiheit ist auch immer ein Mangel an Notwendigkeit. Die philosophische Orientierungslosigkeit war schon immer die Gefahr in der Freiheit selbst. Die Fixierung auf Glücksversprechen, wo Musik als billiges Narkosemittel verstanden wäre, konnte ihrer Rolle bei Beethoven also nicht gerecht werden. Neben dem persönlichen Lebensglück war das unerbittliche Suchen innerhalb der Freiheit immer noch als philosophisch-dialektische Gegenseite des Glücks verortet.

Da nun weder Welt noch Glück im Fokus standen, so ist beispielsweise die sechste Sinfonie, die Pastorale, keinesfalls Programmmusik. Die Welt des Dorfes selbst ist noch nicht Einheit, sondern ungeordnetes Gewühl. Der Mensch gibt dieser Welt ihre Bedeutung und somit ist Musik zu keinem Zeitpunkt Abbildung der Welt, sondern der menschlichen Freiheit entsprungen. Die Wegbereitung des menschlichen Interpretationsdynamik in diesem Werk findet ihren ironischen Ausdruck dann beispielsweise darin, dass der Kuckuck bei Beethovens Pastorale unüblich durch eine große Terz seinen Ausdruck findet. Die Ironie mag nicht auffallen, wird aber umso bedeutender, wenn wir bedenken, dass diese Interpretation Mahler zu einem Kuckuck in seiner 1. Sinfonie inspirierte, der fortan in der Quarte kuckuckte. Welt ist ganz der idealistischen Facon der damaligen Zeit interpretiert.

Die 9.Sinfonie als die philosophische Frage nach der Einheit in der Vielfalt

Im Gegensatz zu der Frage der Tondichtung steht die 9. Sinfonie wohl exemplarischer für das Schaffen Beethovens. Hier zeigt sich deutlicher die Unruhe, die sich doch auch in der Musik ausbreitet, wenn Einheit in der Freiheit nicht sofort gefunden wird. Es mag wohl nicht zu weit philosophiert sein, wenn wir gerade daher den damals unkonventionell letzten Satz mit einem Chor vorfinden, weil hier doch zum Abschluss der Mensch eigens Thema wird. Verfolgen wir die leeren Quinten der Einleitung zu ihrer Ausreifung eines ersten unruhigen Themas durch das Geflecht der vielen unruhigen Stimmen durch alle Sätze hindurch, so erscheint letztlich das Ringen um die Einheit nur in einer menschlichen Befreiung zu liegen. Aus dem ungeordneten Kosmos der Klänge steigt das Thema des freien Menschen auf. Die Revolution der Form kommt zur Revolution der Menschen, die mit den Worten und erst in ihrer Einheit als Menschheit über den Gott über dem Himmelszelt spekulieren kann. Ganz kann der göttliche Horizont musikphilosophisch nicht verschwinden. Zentrum der Harmoniereform, die nun die zukünftige Musikgeschichte bestimmen wird, ist jedoch die Freiheit des schaffenden Menschen. Bei Wagner werden wir dies noch viel deutlicher sehen.

Mit der Frage nach der Einheit in der Vielfalt ist auch bis heute die Grundfrage der Philosophie beschlossen und welche die Postmoderne bei ihren philosophischen Bemühungen der Wahrheitssuche bestimmt. Auch wenn Gott als einendes Thema aus den philosophischen Horizonten der Musik verschwindet, so ist der Einheitsgedanke bei Beethoven in Klarheit enthalten (und damit philosophisch zu Ende gedacht letztlich auch der Gottesbezug). Eine Gewährleistung der Einheit wohl aber gibt es auch bei Beethoven nicht. Freiheit ist kein Garant für eben diese Freiheit und schon gar nicht für Lebensglück. Neben allem Heorismus mischt sich Beethovens Musik immer mit dem gleichzeitigen Überschwang der Emotion, die doch die Fehlschläge von Revolutionen hervorrufen. In der Freiheit liegt eher Gefahr begründet, denn so konnten auch die großen Revolutionen, die ja doch die Freiheit des Menschen feierten, der Welt bis jetzt keine geordnete Einheit geben. Kommunismus, Linke, Gutmenschentum alle philosophischen Ideale waren immer mit metaphysischer Naivität überladen. Noch hadern wir mit den Konsequenzen unserer überschwänglichen Freiheit und suchen die Befreiung. Musik im Gegensatz zu den großen Revolutionären der Weltgeschichte scheiterte aber nur als Komposition ohne große Wunden zu hinterlassen. Und hören wir genau hin, so überbetonte auch Beethoven das Thema der Freiheit nicht als Heilversprechen, sondern als offene Entwicklungsfrage innerhalb der Menschheit und der Musikgeschichte.

Mit dem Gesagten lässt sich nun der  Gehalt von Beethovens neunter Sinfonie mit anderer philosophischer Geisteshaltung hören. Zur Demonstration dieser neunten Sinfonie habe ich ein Beispiel rausgesucht, in der Gott persönlich versucht, das Werk zu entfalten und der philosophischen Frage mit größtmöglicher Klarheit gerecht zu werden. Wohl kann Gott nur Meister des Bombastischen sein und dies ist, wie Musiker im Allgemeinen wissen, Karajan.

Stellen, die nicht für Jugendliche unter 18 Jahren geeignet sind, habe ich gekürzt. Spaß bei Seite, ich habe mal durchgehört und die Reihenfolge stimmt nicht, also müsst ihr euch leider das ganze bei Youtube selbst zusammensuchen.



Gott und die Grenzen der Musik bei Bach – Reflexionen zur Musikphilosophie

14. September 2011
1970s Advertising - Poster - Johann Sebastian Bach (Germany)

Musikphilosophie gebrochen an Gott (CC_Foto: Pink Ponk)

Die letzte Woche habe ich mit dem Dirigenten Kiril Stankow genutzt, um Philosophie und ihre Grenzen zur Musik als auch die Musik in ihren Grenzen zur Philosophie auszuarbeiten. Unser Ziel ist es, die Musik im Hinblick auf ihren philosophischen Wahrheitsgehalt in einer postmodernen Welt zu befragen. Letztlich ist es gerade daran, mit der Stellung der Musik zum Wahrheitsgehalt auch die darin enthaltende politische Komponente philosophisch aufzuzeigen.

Wir sind unter anderem an den Komponisten Bach, Beethoven und Wagner  die philosophische Bedeutung der Musik abgeschritten, um sie in ihrem heutigen postmodernen, komplexen Status zu verstehen. Die philosophische Frage dabei ist also: Was sind die Grenzen der Musik, wenn wir sie im Ganzen philosophisch betrachten? Hierbei geht es also nicht um Musik als Form der Unterhaltung und Stimulierung von etwaigen biologischen Bedürfnissen, wie es schnell angenommen wird. Ein biologisches Verständnis von Musik wäre philosophisch verkürzt und würde ihr nicht gerecht werden. Bei Wikipedia heißt es zur Kontroversität dieses Themas lapidar: ”

“Warum der Mensch im Verlauf seiner Evolution musikalische Fähigkeiten erlangt hat, ist unklar.”

Nun gut Evolutionstheorie ist aus philosophischem Blickwinkel oftmals ohnehin nur metaphysische Spekulation. Musik muss mehr sein als Rausch und Extase, die wir für die Entspannung brauchen, da uns andernfalls der Schädel explodiert. Aber was ist sie dann? Dieser Bezug zum Ganzen ist keinesfalls Mittelpunkt des Musikschaffens, aber doch immer wieder eine tragende Säule der Auseinandersetzung mit Musik im Ganzen. Dieses Thema der Musikphilosophie wollen wir hier daher mit Bach beginnen. Sicher ist, dass es sich dabei nicht um eine soziologisch korrekte Interpretation handelt, die den Vorstellung aller damaligen Komponisten gerecht wird und auch nicht Bach in seinem gesamten Schaffensritus entspricht, wohl aber ist diese Auffassung, die wir hier aufgreifen, ein treibendes Element der damaligen Zeit, was sich mit der synthetisierenden Kraft der Philosophie darstellen lässt.

Gott und die Musikphilosophie

Zu Zeiten von Bach interessierte musikphilosophisch vor allem die Vorstellung, dass Musik innere Affekte abbilde, das heißt eine Verknüpfung zwischen Seele und Stimme stattfinde, viel mehr aber noch, dass die Musik in einem göttlichen Verhältnis zum Buch Gottes, der Natur, stünde. Besonders zum Ausdruck kam dies in der Kunst der Fuge.  Hiernach entfaltete sich aus einer sehr simplen, musikalischen Idee  (nach der göttlichen Vielfalt der Natur) das Abbild der Schöpfung. In einem kleinen Stück der Musik fing der Komponist (in eigenschöpferischer Leistung) nochmals das Ganze der Schöpfung ein. Musik und Schöpfung kamen hier in einen einmaligen Kontakt, der noch im Ohr aller Hörenden wie ein Nachklang des Urknalls zu vernehmen war. In dieser Schöpfung der Musik konnte der Mensch als Geschöpf die eigentliche Schöpfung erfahren. Musik war damit eine Himmelsleiter, die ihre Kenner hinauf zu den Gesetzen des einzig herrschenden Prinzips führte. Was die Philosophie niemals vermochte und die Religion sich niemals zu philosophieren getraute schaffte daher die Musik. Die Ästhetik der Kunst vereinte Glauben und Wissen.

Gottes Philosophie der Strenge an der Grenze zur Freiheit

Da Gott nun ein Mann ist, der keine Kompromisse machen musste, so konnte es diese auch nicht in der Musik geben. Das hieß, die Musik verfuhr nach strengen Naturgesetzen, ohne dabei jedoch an Mannigfaltigkeit einzubüßen. Obwohl die Kunst der Fuge wie der zornige Bartträger mit ihren Gesetzen sehr streng war, ließ diese sich in allen erdenklichen Variationen entfalten. Im Rahmen der musikalischen Gebote ließ sich die Schöpfung immer noch mit menschlicher Naivität feiern und in alle Winkel der Klangwelt hinaustreiben. Musiker wurden damit ganz im philosophischen Zeitgeist Entdecker eines unendlichen, göttlichen Klangmeeres. Musik war damit eine Gabe Gottes, die aber zugleich nicht nur strenge Regeln auferlegt, sondern auch die Freiheit der Unendlichkeit mitbrachte.

Wie wir an das Göttliche angrenzen

Es ist sehr schnell ersichtlich, dass die Wahrheit der Musik und damit die Musikphilosophie damals noch im Angrenzen an das Göttliche bestand. Als würden wir an eine Wand aus Klängen unser Ohr legen und hinein ins göttliche Arbeitszimmer lauschen, so als würde durch den Schleier der Musik, der unsichtbare göttliche Arbeitsritus ästhetisch verstehen lassen. Der Musiker hatte damals als noch recht einfältig einen göttlichen Kontakt zum größeren Kontext, zum Ganzen. Sie waren mehr als nur Showmänner, sondern immer auch schon Philosophen der Religion. Der Musiker war eine Nahtstelle zwischen Welt und Geist. Unter den Händen des Komponisten formte sich daher nur der göttliche Wille, Unterhaltung war höchstens Nebenprodukt einer viel fruchtbareren Produktion. Das immer Wahre, das die Musik damals also philosophisch zum Ausdruck brachte, war im Kern Gottesidee. Und was war die Gottesidee?  Eine vielfältigen Entfaltung, die sich dann allerdings nicht mehr mit wahr oder falsch- Aussagen darstellen ließ, sondern nur in der Schönheit des Blühens und Wachsens ihren Ausdruck fand.

Was war musikphilosophisch diese Schönheit?

Die Schönheit bestand darin, dass das Musikstück immer nur auf den ersten Schöpfungsmoment durch die Gesetze der Entfaltung zurückbezogen sein konnte. Die göttliche Gabe des Gesetzes brachte die Schönheit in die Welt. Zwar schöpfte der Mensch, aber letztlich ahmte er nur nach, was Gott bereits in allen Dingen angelegt hatte. Aber war dieser klare Gedanke der Naturgesetzlichkeit nicht auf der anderen Seite die Unterbetonung menschlicher Freiheit?

Der Musikphilosoph und seine Freiheit

Diese Wahrheit der Gottheit ging später unter dem pragmatischen Star-Status des Virtuosen verloren. Mit den Revolutionen ging es zunehmend mehr um gesellschaftliche Probleme. Die Befreiung der Völker von dogmatischen Systemen nahm auch ihren Verlauf in der Musik. Die Musik verlor mit der Schwächung des Adels und der Aufwertung des Pöbels den Kontakt zum göttlichen Ganzen und vereinzelte sich hinter den Komponisten, die im heroischen Star-Status für die Masse performten. Da der Gedanke der göttlichen Schönheit verloren ging, fragte wohl der Mathematiker Gauß auch ganz mit Recht als er eine Beethoven-Sinfonie hörte, was denn damit nun bewiesen sei.

Bach allerdings war nicht in dieser Hysterie um sich selbst befangen. Er war kein Star, sondern nur um die wahre Musik und damit um Gott bemüht. Die göttliche Musik musste Bestand haben und so ohrfeigte er gar noch seinen Sohn, als dieser die abendliche Improvisation abbrach. Der Sohn dachte doch tatsächlich, dass sein Vater im Schlummer keine Acht mehr auf die göttliche Entfaltung der Schöpfung geben würde. Der alte Bach jedoch sprang nach der Ohrfeige sofort zum Klavier und beendete die letzten Akkorde, um der göttlichen Sphäre und seiner Wahrheit keinen Schaden zuzufügen.

Grenzen der Musikphilosophie

Dennoch philosophisch lief diese Musikauffassung in ihr Verderben. Hätte die gesellschaftliche Entwicklung nicht ihren Untergang in der Unterhaltung vorweggenommen, so wäre diese Musik durch die Endlosschleife ihrer Idee kein Stück vorangekommen. Die philosophisch-metaphysische Voraussetzung, dass die Musik schon Wahrheit enthielt, ließ die Musikphilosophen nicht die Grenzen der Musik erkennen. Musik allein gibt keinen Sinn und auch nicht ein Gott, sondern Gesellschaft und die Musik kann nur in der Gesellschaft bestehen. Diesen Fragen werde ich mich in weiteren Beiträgen zuwenden.

Nachtrag:

Musikphilosophie bei Bach

Wir haben eher unseren Blick auf die elitären Zirkel der Musik geworfen. Das heißt, auch wenn Bach zwar für die Bürger Leipzigs komponiert haben mag, so lebte der größte Teil der Bevölkerung auf dem Land. Auch für viele bürgerliche Familien war ein Cembalo nur schwer erschwinglich, da diese damals noch nicht in Massenproduktion zur Verfügung standen. Ich behaupte daher, dass auch wenn Bach damals seine Musik für kirchliche Anlässe als auch für Liebhaber schrieb, der Hauptteil seiner Hörerschaft entfiel auf Musikkenner.

 

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...