Grenzen der Internetphilosophie – Zur jüngeren Debatte um Trolle und Zensur

Der Troll War ist also eröffnet. Auch auf Kantooseconomics ist es nun so weit. Nachdem ein Artikel in den Grenzen des Netz auf Verbreitung geht, sind sich alle im Kampf gegen Trolle einig. Kommentare müssen zensiert werden. Keine Netzphilosophie der Freiheit also mehr, sondern die Begrenzung durch das Vernünftige? Kantooseconomics bezieht sich dabei auf einen Artikel, der das Netz gerade beschäftigt. Dort bemängelt der Autor die Vertrollung der Kommentare und gibt daher seinen Blog gar auf.

Das Netz, das aus philosophisch-idealistischer Sicht eigentlich unzensiert sein sollte zensiert sich also selbst. Da nimmt das Netz seine Grenzen selbst in die Hand. Als jemand, der mit dem unkommerziellen Thema Philosophie ehe auf der anderen Seite des Sichtbarkeitsspektrum steht und sich regelmäßig über keine Kommentare erfreuen darf, wunder ich mich natürlich. Obwohl ich auch weiß, wieviel Zeit es bedarf, anderen Meinungen gerecht zu werden, wenn ich an emotionale Diskussionen zurückdenke, die ich bei netzwerkB in meiner Funktion als Beirat dort veröffentlich habe, weiß ich nicht, wie gerechtfertigt es ist, zu zensieren.

Zu einer anderen Meinung hinsichtlich der Meinungsfreiheit komme ich aber dann, wenn ich mir den Nutzerkommentar von Hamlet auf netzwerkB, einem Netzwerk gegen sexualisierte Gewalt, durchlese. Hamlet (der selbst kein Troll ist) schreibt am 23. September 2011 um 14:03 Uhr

„Die ZEIT hat die Kommetarfunktion nun abgeschaltet, nachdem sie drei Tage brauchte, um sich der Verherrlichung pädophiler Praxis, sexueller Gewalt im Zusammenspiel mit “anarcho-kapitalistischen” Phantasien bewusst zu werden. Dort musste man lesen, dass das Verbot des Konsums von Cannabisprodukten nicht zu befolgen ist, weil dem Verbot die moralische Grundlage fehlt, analog gelte dies auch für pädophile Praktiken, welches deshalb auch nicht beachtet werden müsse. Der “Konsum” von Kleinkindern und Kindern sei deshalb genau so statthaft wie der Konsum von Haschisch, vor allem da es sich einfach um eine “liebevolle” Neigung handle und die Pädophilien selbst Opfer einer Hysterie seien und Ihnen Schandtaten angelastet würden, die ein Pädophiler nicht einmal denken könnte; ihm gehe es vor allem um liebevolles Streicheln, Gerold Becker sei kein Pädophiler, weil er wohl Gewalt angewandt habe…, ansonsten aber müsse man immer davon ausgehen, dass das Kind dem zustimmt. Ein ums andere Mal hat die Community-Redaktion der ZEIT haarsträubende, menschenverachtende, entwürdigende Beiträge ohne jeglichen Eingriff, ohne jegliches Statement seitens der Redaktion veröffentlicht. […] “ http://netzwerkb.org/2011/09/17/weitere-opfer-im-odenwald/#comment-31536

Grenzbestimmung: Was sind Trolle?

Was aber ist nun ein Troll? Der Terminus erscheint mir sehr unterschiedlich gebraucht zu werden. In der Regel werden damit Menschen bezeichnet, die aus reiner Langeweile andere im Netz beschimpfen oder zu kontroversen, unnötigen Diskussionen herausfordern. Netzphilosophen, die nichts als Sinnlosigkeit verbreiten. Diese nihilistisch-philosophische Perspektive kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Mir wäre es mit meiner Zeit zu schade, wenn ich Dinge nur als hypothetischer Anderer vertreten würde. Ich gehe nicht in andere Foren und versuche extreme Meinungen zu vertreten, wenn sie denn nicht meine eigenen wären. Ich glaube daher, dass Menschen diese Meinungen wirklich vertreten. Damit haben wir es aber nicht mehr mit einem Internetphänomen zu tun, sondern mit der Sichtbarmachung einer tatsächlichen gesellschaftlichen Schieflage. Es geht also sehr wohl um die philosophische Frage nach der Meinungsfreiheit. In den Kommentaren zeigt sich, wie in unserer Gesellschaft Tendenzen existieren, die wir womöglich überhaupt nicht annehmen würden. Daher denke ich, dass es bei den Gegnern der Vertrollung dann doch um etwas anderes geht, nämlich um den erleichterten Umgang mit anderen Meinungen und der Angst vor den realen gesellschaftlichen Abgründen an Debilität.

Nach wie vor bin ich mir aber unsicher. Der Kommentar von Hamlet zeigt es. So sind die Grenzen, die wir für unsere Kindheit definieren immer auch porös, da wir sie nur zum Teil auf biologische Erkenntnisse gründen. Es gibt in der Entwicklung von Kindern zu selbstbestimmten Erwachsenen verschwommene Ränder. Dass hier ein Einfallstor für pädokriminelle Argumentationen gegeben ist, wird klar, wenn man versucht nachzuvollziehen, auf welcher Grundlage Pädokriminelle argumentieren. Ich war auch erst kürzlich schockiert wie Freunde von mir für die Sexualität der Kindheit argumentieren, auch wenn diese mit Sicherheit keine Täter sind. Sie bedienten sich aber ohne es genau zu bemerken, einer verharmlosenden Tätersprache, die schließlich die Grenzen der Kindheit porös macht.

In der Philosophie sind eigentlich solche Dammbruchargumente verachtet, dennoch teile ich hier oftmals diese Dammbruchargumente. (Dammbruchargumente bedeuten, dass wir behaupten, wenn wir A zulassen, dann wird irgendwann auch B passieren. Obwohl also A nicht unmoralisch ist, soll es dennoch verboten sein.)

Und dennoch in dem Moment, da wir solche Kommentare sehen, wird uns erst bewusst, dass Pädokriminelle ohne Unrechtsbewusstsein ihre Straftaten ausführen, wir decken also mit diesen kriminellen Äußerungen auch tatsächliche Missstände und Ursachen auf. Aber warum haben wir Angst vor pädokriminellen Argumentationen, denn haltbar sind sie doch nicht? Da wir aber in unseren moralischen Argumentationen immer wieder auf naturalistische Fehlschlüsse Rückbezug nehmen, können wir vermutlich, weil wir selbst nicht argumentieren können, nicht damit umgehen. Könnte dies sein? So versuchen Pädokriminelle beispielsweise immer wieder vor allem naturalistisch zu argumentieren. (Begriffsklärung: Ein naturalistischer Fehlschluss tritt dann auf, wenn ich einen biologischen Sachverhalt zur Norm erhebe. Wenn ich zum Beispiel sage, dass sich der Stärkere in der Natur durchsetze und gleiches auch für das soziale Gefüge von Gesellschaften gilt, so erhalten wir Sozialdarwinismus, der nur  auf einem naturalistischen Fehlschluss beruht.) Für das Argument für ungeschädigte Kindesentwicklung sagen also beispielsweise Neuroscans, dass Männer neuronale Reaktionen aufweisen (wie es Pädokriminelle versuchen als natürlich darzustellen), wenn sie Bilder von Heranwachsenden sehen, nichts. Philosophisch-moralisch betrachtet sagt es nichts über Moral, denn wir müssen uns vor allem auch bewusst machen, dass ein großer Teil unserer moralischen Handlungen darin besteht, eigene Gefühle und Bedürfnisse zurückzustellen. Dies analysierte bereits der Philosoph Kant. Wenn ich beispielsweise eine Brieftasche auf der Straße finde, die Millionen von Euros enthält und ich entschließe mich, diese abzugeben, obwohl keine Gefahr besteht und ich auch kein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich sie behalten würde – wenn ich also keinerlei Gewinn hätte und gar noch Minus machen würde, dann handle ich moralisch. Im Gegensatz dazu ist jemand, der ohne Fehler durchs Leben geht, aber dabei immer nur nach seinem Gefühl handelt, ohne dass ihn irgendetwas hindert, nicht moralischer als der, der sich gegen seine eigenen Bedürfnisse durchsetzt. Können wir also Menschen für ihre Gedanken verurteilen? Wohl kaum, wohl aber für Tatplanung und amoralische Äußerungen, die real Menschen verletzen. An dieser Stelle scheiden sich die Geister und nicht wenige werden mir Verharmlosung vorwerfen. Wohl aber muss doch eins klar sein, wenn es keine solche Gefühle bei Menschen gäbe, gegen die sie sich stellen müssten, dann hätten wir wohl kein Problem, das wir nun diskutieren würden.

Da es also bei Kindern allein um die Freiheit dieser Kinder geht und diese Freiheit nicht biologisch bestimmt ist, sondern durch das Identitätsbewusstsein der Person, sind alle naturalistisch pädokriminellen Argumentationen hinfällig. Naturalistisch verteidigbar werden diese allerdings, wenn wir selbst auf den Pfad der naturalistischen Argumentationen gehen. Naturalismus spielt philosophisch überhaupt keine Rolle bei der Frage, was moralisch geboten ist. Und dabei ist dann ganz klar: Pädokriminelle, die hier verführerisch Kinder mit angeblich kleinen Schritten an die Sexualität heranführen wollen, ignorieren geflissentlich wie sie ihre Machtposition missbrauchen, um Kinder sexualisierte Gewalt anzutun. Diese Freiheit des Heranwachsenden als allgemeine kann jedoch durch keine noch so naturalistische Argumentation beschädigt werden.

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Kampf den Trollen (CC_FotoBild: Marchange)

Tja, aber wie gehen wir dann damit um, wenn zu den komplexen philosophischen transzendentalen Standpunkten die Gesellschaft nicht fähig ist? Ich weiß es nicht und daher bin ich wohl eher für die Zensur aller pädokriminellen Argumentationen, aber der Konflikt besteht, einerseits möchte ich nicht über solche hirnlosen Dinge diskutieren (was ich ja hier nun schon begonnen habe), da sich meines Erachtens eine Diskussion darüber erübrigt, andererseits frage ich mich, wie diese Meinungen überhaupt der Menschheit austreibbar sind und wie die Gedanken der Freiheit dann implementiert oder besser gesagt aufgedeckt werden.

Die Trolldiskussion geht jedenfalls weiter, für mich aber ist es die Frage wie weit Meinungen reichen dürfen. In Amerika sagte mir ein Freund ginge es soweit, dass man lügen dürfe, da diese das Recht auf freie Meinung sei. Dies war sicher seine Meinung, aber Gesellschaften vermitteln Meinungen zu Normen. Überführen wir Meinungen in eine Demokratie so können meines Erachtens bei dieser Vermittlung der Meinungen transzendental demokratisch erreichte Gesetze nicht mehr substantiell gegen die Menschenrechte (die überhaupt nicht im Vorhinein festgelegt sein müssen)in the long run verstoßen. Dies ist philosophischer Idealismus, aber auch weniger idealistische Philosophen sehen dennoch die Demokratie der Meinungsfreiheit als Pflicht. Im Jargon des Philosophen Derrida heißt es daher, dass wir diese Meinungen durchaus riskieren können und müssen, da wir nur so zur Demokratie selbst drängen.

 

 

Weiterführende Videos zu den Grenzen der Zensur und den Trollen

Eine wunderbar-ironische Analyse des Trollphänomens, wie sich Trolle im Netz kannibalisch gegenseitig verspeisen, liefert die Internetanalyseshow „Know your mems“

Müssen wir also mit den Trollen kämpfen? Eine subtile Form der Trollbekämpfung eröffnet Sascha Lobo mit einem Vortrag, der wirklich sehr unterhaltsam ist.

Sascha Lobo – Trollforschung from Christian Cordes on Vimeo.

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2 Antworten auf Grenzen der Internetphilosophie – Zur jüngeren Debatte um Trolle und Zensur

  1. Jutta S. Piveckova sagt:

    Danke für diesen Beitrag. Über das Phänomen der Trolle und der Trolljagd denke ich auch gerade nach. Aber noch im Anfangsstadium…Das gibt mir wertvolle Anregungen.

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