Archiv fü Kategorie Philosophie des Lesens

Schnelllesen – Philosophie und die Grenzen des Lesbaren (Teil 3)

7. Oktober 2011
Reading monk - Lesender Mönch in Dharamsala

Schnelllesen heißt vor allem effizien lesen (CC_Foto:Von alles-schlumpf)

Schnelllesen erscheint mir als eine sehr elitäre Veranstaltung. Offensichtlich ist dieses Bildungsgut für eine Oberschicht reserviert, die auch das nötige Kleingeld hat (12.000 Euro für einen Seminar mit unzureichender Erfolgsaussicht? Selbst Juristen haben da höhere Erfolgsaussichten während ihres Studiums). Philosophisch betrachtet ist das nicht gerecht, denn trotz meiner vorherigen Kritik Schnelllesen ist eine Technik, die höchst effektiv ist, andererseits aber wohl wenig bekannt. Mein Lösung wäre es hier Trainingsprogramme von staatlicher Seite kostengünstig bis kostenlos einzurichten . Erfolgreiche Teilnehmer verpflichten sich dann in weiteren Seminaren dieses Wissen an andere weiterzugeben, insofern sie kostenlos teilnehmen. Der komparative Vorteil für unsere Gesellschaft wäre immens.

In den letzten Beiträgen hatte ich zu diesen elitären Veranstaltungen ja noch zusätzlich angemerkt, dass die Geschwindigkeiten von 6.000 Wörter pro Minute nicht für jedwede Literatur gelten vor allem nicht für Philosophie. Unser Verstehen diktiert die Geschwindigkeit. Philosophisch betrachtet ist das Verstehen die Grenze der Welt. Bei belletristischer Literatur allerdings ist unser Verstehen oftmals unterfordert. Wir kämpfen uns vor allem durch ein Gestrüpp von Redundanz (ein Grund, warum ich das Lesen von nicht-philosophischen Romanen nie wirklich genießen konnte). Mit der amerikanischen Philosophie allerdings kommt ein Zug in die Philosophie, wobei behauptet wird, dass Texte besonders einfach sein müssten. Zu gewissen Graden stimme ich diesem Sachverhalt auch zu, wir sollten immer bestrebt sein Sachverhalte so einfach wie möglich darzustellen. In der Regel aber sind die einfachen Dinge, auch die Dinge, die jeder schon weiß. In der Folge sind die einfachen Dinge auch oftmals die langweiligen Dinge. Ohne Herausforderung geht einer durch die Ödnis der Gedanken. Mein Philosophieprofessor sagte zu uns Studenten immer, es tue ihm leid, er interessiere vorrangig für die schweren Texte. Erst diese Texte ermöglichen das Vorankommen.

Der Trend zur Einfachheit führt zu vielen Papierbergen. Philosophische Bibliotheken beispielsweise werden zu grenzenlosen Papierlandschaften. Wer sollte das alles lesen? Kim Peak, der als Autist eine enorme Geschwindigkeit beim Lesen hatte, las jeweils mit einem Auge eine Buchseite, aber selbst er schaffte es “nur” auf 10.000 Bücher in seinem Leben. Der Schlüssel zum Erfolg liegt daher nicht unbedingt in unserer Lesegeschwindigkeit, sondern in unserer Leseeffizienz. Was aber sollten wir daher lesen? Die möglichst einfache Literatur? Wo nicht mehr die Klassiker in ihrer Strukturtiefe erforscht werden, sondern immer nur wieder das dargestellt wird, was ohnehin schon klar ist, dort werden wir keine interessanten Gedanken finden. Dort werden wir uns langsamer bewegen als wir könnten.

 Was ist Redundanz?

Ich selbst konnte meine Schnelllesegeschwindigkeit auf 1000 Wörter pro Minute steigern, dies war allerdings nur für sehr redundante Literatur möglich, wo ich aus dem Zusammenhang den nächsten Schritt immer schnell erschließen konnte. Daher müsste die Angabe genauer heißen: Ich habe einen Range von ca. 30 – 1000 Wörtern pro Minute. Um das mal zu verdeutlichen: Euch ist bestimmt dieser Text bekannt:

"Nach eienr Stidue der Cmabridge Uinverstiaet, ist es eagl in wlehcer Reiehnfogle die Bchustebaen in Woeretrn vokrmomen.  Es ist nur withcig, dsas der ertse und lettze Bchusatbe an der ricthgien Stlele snid. Der Rset knan total falcsh sein und man knan es onhe Porbelme leesn. Das ist so, wiel das mneschilcge Geihrn nihct jeedn Bchustbaen liset sodnern das Wrot als gaznes."

Sehr überzeugend oder? In der Erklärung heißt es dann ganz plausibel, dass das Gehirn immer nur den ersten und letzten Buchstaben brauche, um ein Wort zu identifizieren. Nun wer das glaubt, ist einem klassischen Plausibilitätsargument aufgesessen, denn er versuche sich mal an folgendem Text:

“Der ainemglele Gtarusdnz alelr drei Aoiglnean buehrt auf der neoitgenwdn Eenhiit der Atepropeipzn, in Asnhnueg alles mcghiöeln eehipsrimcn Btsuewenißs, (der Wemnhhnaurg,) zu jdeer Zeit, fcilolgh, da jene a priroi zum Grunde lgeit, auf der stnhysihetecn Eniheit aellr Encnhsurigeen ncah irehm Vesihtsrnäle in der Zeit. Dnen die uhrnrgclspüie Azptipeerpon bziheet sich auf den ienernn Sinn (den Iebngriff alelr Vtruonengllse), und zwar a priroi auf die Form dlseebsen, d. i. das Vilärneths des meilgninaafgtn eihirspemcn Buwistßenes in der Zeit. In der uihrrpcüglsenn Apetizporepn soll nun alle deeiss Magnliantfgie, senien Zäveihetslsrntein nach, veiriegnt wrdeen; denn dseeis sagt die tnannredtalzese Eihenit dlersbeen a prorii, utenr wehlcer alels steht, was zu meneim (d. i. meienm eiineng) Ernnsistekne greeöhn slol, mtihin ein Getnesgand für mich wdeern knan. Disee scnyesthihte Eihinet in dem Zrslsnhetiieätve alelr Whhnnrueeamgn, wchlee a poirri bmmeistt ist, ist aslo das Getsez: daß alle eehpiimrscn Zimtbngimuseteen uentr Regeln der aengebn Zmnsietbteiumg stehen msesün, und die Aigaleonn der Ehrraufng, von dneen wir jetzt hleadnn weolln, messün delrgecihen Relegn sein.”

Dieser Textabschnitt zeigt Kants philosophische Behandlung der Analogien der Erfahrung und ich glaube kaum, dass ihr durch diesen Text durchgekommen seid. So viele Fremdwörter enthält er nicht, allerdings ein geringes Maß an Redundanz. Kant argumentiert philosophisch streng logisch, dies hat zumindest den Vorteil, dass sich nicht ganz so vieles wiederholt. Nun die Interpretation solcher Textabschnitte füllt selbst wieder Bände, aber nicht weil der Philosoph Kant sich unbedingt so kompliziert ausdrückte, sondern weil das Problem selbst unglaublich schwer zu fassen ist. Immerhin nimmt die “Kritik der reinen Vernunft” 700 Seiten in Anspruch. Kant selbst formulierte, dass man es ihm verzeihen möge, dass er auf Beispiele an der ein oder anderen Stelle verzichtet hätte, aber es war ihm daran gelegen, den wissenschaftlich-philosophisch erforschbaren Ansatz erstmal aufzuschreiben, damit wir dann daran weiter forschen können. Bei schwierigen Problemen müssen wir daher zunächst auch durch die Dunkelheit einer noch unfertigen Sprache. Worte müssen für diese Probleme noch erfunden werden und hier spielt sich der texteffiziente Inhalt der Philosophie ab, es geht um eine Grenzbestimmung dessen, was wir noch nicht kennen können.. 

Beim Lesen solltet ihr also effizient erkennen, was ist relevant und was ist redundant. Wer dieses schafft, ist schon ein gutes Stück weiter und spart viel Zeit. Lesegeschwindigkeit ist nicht alles, auch wenn ich es gerne in der Weise von Kim Peak oder Sean Adams könnte.

 Norman Schultz

Grenzen des Lesens und die Philosophie – Schnelllesen (Teil2)

4. Oktober 2011
The Simple Joy Of Reading

Philosophie des Schnelllesens? (CC_Foto: Von Martin Gommel)

Im letzten Beitrag hatte ich mich ja zu den dubiosen Kehrseiten und Grenzen des Schnelllesens geäußert. Diesen verquasten Theorien von Menschen im Selbststeigerungswahn fehlt die Skepsis der Philosophie. Eine philosophische Wissenschaftstheorie würde der gesamten Gesellschaft nicht schaden und ich wundere mich, dass dies in der Schule keine Rolle spielt. Derweil beschränken sich die Menschen auf den Austausch von Argumenten, während die philosophische Wertung dieser Argumente in Bezug auf das Ganze mehr bringen würde. Genau dann würde nicht viel übrig bleiben von den meisten Heilsversprechen der Speedreader und Mental Coaches. Obwohl ich aber auch aus Erfahrung den meisten Schnellleseversprechen skeptisch gegenüber stehe, stellt sich mir dennoch die Frage, ob es im Gehirn Hebel gibt, die einfach umgestellt, alte Grenzen des Geistes überwinden lassen. Ist es möglich sein Gehirn zu tunen oder wie einen Muskel zu trainieren?

Nun im Bereich des Schnelllesens gibt es zumindest Menschen, die zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage sind. Der Verdacht liegt nah, dass nicht nur Kim Peak, sondern tendenziell auch andere Menschen in der Lage sind, dieses zu erlernen. So wie eine philosophische Grundeinstellung oder das Klavierspiel durch Übung möglich sind, sollten doch andere Grenzleistungen möglich sein. Klären wir also mal zum Schnelllesen ein paar Fragen

Kann mit Schnelllesetechniken auch ein philosophisch schweres Buch vernascht werden?

Mit einer Geschwindigkeit von 10.000 Wörtern pro Minute kann dieses nicht möglich sein, es sei denn derjenige besitzt hinzukommend noch ein außergewöhnliches Maß an Intelligenz. Der reine Lesevorgang bedeutet ja nicht, dass wir damit schon verstanden hätten. Wohl aber stellt die meiste Belletristik mit ihrer Redundanz, das heißt der beständigen Wiederholung derselben Gedanken eine Unterforderung dar, so dass es vorstellbar ist, diese mit hoher Geschwindigkeit aufzunehmen. Bei der Philosophie hingegen bedarf es eines Höchstmaßes an genauem Überlegen als auch der entsprechend philosophischen Wertung der Gedanken. Das reine Lesen eines philosophischen Werkes ist daher keine Vermehrung von Wissen, sondern Zeitverschwendung.

An dieser Stelle kann sogleich auch mit dem Mythos aufgeräumt werden, das Wissen eine bloße Aufnahme von Daten wäre. Gut, das ist den meisten hier schon bekannt, es kommt philosophisch betrachtet allerdings auch darauf an, einen Gegenbegriff in Bezug auf das Ganze zu entwickeln. Ein moderner Wissensbegriff wurde von dem Linguisten Gerd Antos aus Halle entwickelt. Für alle die dieser Wissensbegriff in seiner groben Konzeption interessiert habe ich diesen auf meinem Philosophieblog “Fahrenheit” hinterlegt.

Es sei hier soviel gesagt, dass ihr mit viel Lesen meines Erachtens nicht intelligenter oder weiser werdet. Die Verknüpfung des Gelesenen zu eigenen Texten ist für mich als Philosophen das entscheidende Kriterium. Daher ist das Thema des Schnelllesens wohl auch nur für Menschen geeignet, die sich schnell Überblicke verschaffen müssen. Einer gesamtphilosophische Sicht ist damit allerdings nicht erreicht. Genauer bedacht kann ich aber das schnelle Lesen wohl helfen, überflüssige Literatur schnell zu selektieren. Hier aber kommen wir eher zum Thema Leseeffizienz.

Wie schnell kann ich lesen?

Die Lesegeschwindigkeiten müssten genauer in einem Range angeben werden. Mein Range beträgt derzeit 30-1000 Wörter pro Minute. Bei philosophischer Literatur lese ich extrem langsam, obwohl es zumeist auch sehr lohnend ist, bei nicht-philosophischer Literatur, wo ich den Bereich von 1000 Wörtern pro Minute vordringe, hätte ich mir die Lektüre zumeist auch sparen können. Dies ist aber vielfältig von meinen Interessen abhängig. Für einen Germanistikstudenten mit Schwerpunkt auf Deutsche Literatur kann es sehr sinnvoll sein, sich bestimmte einfache Literatur schnell reinzuziehen.

Wie teuer sind solche Seminare?

Nach etwas älteren Recherchen entsinne ich mich auf einen Preis von 12.000 Euro für verschiedene Trainingstreffen und telefonisches Coaching über einen Zeitraum von 6 Monaten. Ich erzähle dies allerdings nur aus der Erinnerung. Für Autodidakten lautet die schlechte Nachricht, dass sie Grenzen über 1000 Wörtern pro Minute nicht erreichen werden, da eine ganz andere Art zu lesen erlernt werden muss. So geben auch die Michelmanns einen qualitativen Sprung von 1000 WpM zu 6000 an. Bis 1000 Wörter pro Minute könnt ihr euch mit den alten Techniken Möglichkeiten maximal steigern. Für Geschwindigkeiten von 4000 Wörtern pro Minute ist allerdings eine ganz andere Technik nötig. Der Lernprozess ist sehr aufwändig, da ihr erstmal Text lest, aber nichts versteht. Der Trainer achtet dann darauf, ob ihr alle Bewegungen richtig durchführt, die Augen werden beispielsweise mit speziellen Videokameras abgefilmt. Es kommt darauf an, zunächst nur die Bewegungen zu verinnerlichen und dies über einen langen Zeitraum.

Bei einer kleinen Stichprobe deren Auswertung ich entdecken konnte, betrug die Erfolgsquote allerdings auch nur um die 15%. Das heißt es ist eine hohe Risikoinvestition mit einer fragwürdigen Gewinnausschüttung. Vielleicht kauft ihr euch lieber einen Kleinwagen, um eure Zeit bei öffentlichen Verkehrsmitteln zu sparen?

Zweitägige Seminare mit mehreren Teilnehmern zum simplen Geschwindigkeitssteigern kostet ca. 100 Euro. Diese Techniken könnt ihr allerdings autodidaktisch erwerben, was für viele immerhin noch eine 2 bis 4-fache Zeitersparnis bedeutet. Habt ihr früher ein Buch in einer Stunde gelesen, so könnt ihr es dann in 15 Minuten. Zudem nehmt ihr die Inhalte besser und nachhaltiger auf. Wie gesagt für komplexe Stoffe gilt aber vor allem langsames und verstehendes Lesen.

Wo finde ich echtes Schnelllesen?

Lasst euch von den Seiten im Internet nicht verwirren, die wollen euch nur etwas verkaufen. Auf den Seiten diverser Schnelllesetrainer heißt es da:

“Es ist, als ob mein Gehirn seinen Turbolader eingeschaltet hat – und das nicht nur beim Lesen! Ich kann jedem nur empfehlen, eins der Seminare mitzumachen! Man lernt mit Leichtigkeit und viel Spaß – eben gehirngerecht.”

Die Michelmanns sind wohl die erfahrensten Trainer im Schnelllesen, allerdings möchte ich mich auch nicht für diese Seite verbürgen. Darüberhinaus ist die Seite der Deutschen Gesellschaft für Schnelllesen wohl eine erste Anlaufstelle.

Was bringt Schnelllesen für anspruchsvolle Projekte wie Philosophie?

Eine Philosophie des Schnelllesens kann es in der Philosophie selbst nicht geben. Die Lesegeschwindigkeit ist hier nicht steigerbar, sondern immer abhängig von der Geschwindigkeit des Verstehens. Während wir von Bellestristik oder simpler technischer Literatur in der Regel selbst noch mit Geschwindigkeiten von 20.000 Wörtern pro Minute unterfordert wären, so überfordert eine Seite des Philosophen Kant den Verstand auf Jahre hinaus. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass wir in der Philosophie nicht hier oder dort über ein Problem sprechen, sondern das Ganze in seinen Grenzen versuchen zu denken. Schnelllesen mag uns dabei helfen, sinnvolle von sinnloser Literatur schnell zu trennen, die Grenze dieser Unterscheidung legt aber das Denken mit seiner Zielorientierung auf die Vernunft und dies ist die Geschwindigkeit der Philosophie. Die Philosophie ist damit die Konstante, zu der sich all unser Denken in seiner möglichen Geschwindigkeit verhält.

Vielen Dank Norman Schultz.

 

Grenzen des Lesens und die Philosophie – Schnelllesen (Teil1)

2. Oktober 2011
Lonely Reader - A5

Philosophie und die Grenzen des Lesens (CC_Foto von h.koppdelaney)

Für die Philosophie wie auch für andere Geisteswissenschaften sei angeblich ein hohes Lesepensum erforderlich. Diese Einschätzung teile ich nicht ganz, da meines Erachtens die Diskussion von philosophischen Ansätzen und die produktive Aneignung durch Vertextung im Mittelpunkt der Philosophie stehen. Es geht nicht um passives Lernen, sondern darum durch eigene Vertextung und Diskussion relevantes Wissen zu aktiveren und zu philosophieren. Dennoch kann auch für Philosophen eine schnelle Lesefähigkeit nicht schaden. Es gibt hohe Lesegeschwindigkeiten, die tatsächlich erlernbar sind. Wikipedia gibt Recht: Sean Adam aus den vereinigten Staaten wird mit einem Lesegeschwindigkeitsweltrekord von 3850 Wörter pro Minute referenziert. Dies bedeutet grob geschätzt 14 Seiten pro Minute (kommt ein bisschen auf das Buch und die Schriftgröße an). Ein 300- seitiges Buch ließe sich so weniger als 30 Minuten lesen. Der Witz an der Sache ist gar, dass wenn jemand diese Technik beherrscht, er den Inhalt sogar besser aufnehmen kann, da das Gehirn sich von der Langeweile des langsamen Lesens nicht ablenken muss. Auch die Augen werden durch weniger Bewegung geschont.  Was ist aber dran an den Lesetechniken, die 10.000 und mehr Wörter pro Minute versprechen?

Probleme beim Schnelllesen

Seit meinem 16. Lebensjahr beschäftige ich mich neben der Philosophie nun mit den Techniken des Schnelllesens. Ich wollte vor allem viele Inhalte schnell und nachhaltig aufnehmen. Hierbei habe ich mir verschiedenste Techniken antrainiert, die es mir ermöglichten Texte schnell und vor allem genau aufzunehmen. Zum Training verwendete ich viele Bücher, die ich allerdings allesamt nicht empfehlen kann. Es gibt kein gutes Buch zu diesem Thema, da es ohnehin um das individuelle Training mit einem Experten ankommt. Peter Rösler, selbst Experte im Schnelllesen, erhebt folgenden Einwand gegen die meisten Wunderbücher :

“entweder das Buch taugt nicht zur Lesebeschleunigung, oder das Buch basiert auf dem verfehlten Hoch-Üben”

Eine Erfahrung, die ich durchaus bestätigen kann. Die meisten Bücher setzen auf die Verringerung der Subvokalisation (das heißt der Effekt, dass unser Kehlkopf automatisch mitschwingt, wenn wir an ein Wort nur denken) als auch auf der Verhinderung von Regressionen (das heißt, dem beständigen Zurückspringen im Text, wenn wir etwas nicht verstanden haben). Zumeist sind diese Ansätze dann mit einer dünnen Theorie unterfüttert, wo am Ende mehr Versprechungen als Resultate übrig bleiben.

Was ich daraus aber zumindest erreichen konnte, waren Lesetemposteigerungen um das 2- bis 3-fache, was dann zu Lesegeschwindigkeiten von maximal 1000 Wörtern pro Minute führte. Ich übte an guten Suhrkamp Büchern und schaffte vielleicht 3 Seiten pro Minute, was ungefähr dieser Lesegeschwindigkeit entsprach. Von philosophischen Büchern die “Wissenschaft der Logik” des Philosophen Hegel war allerdings nicht zu träumen. Um ganz ehrlich zu sein, dort quäle ich mich noch heute in 10 Minuten-Sitzungen über nur eine Seite. Die ersehnten 10.000 Wörter pro Minute, die Techniken wie das Photo-Reading versprachen, blieben aus. Es wäre auch zu schön gewesen, das Buch “Kritik der reinen Vernunft” des Philosophen Kant in 30 Minuten zu vernaschen.

Die Grenzen des Schnelllesens und die Grenzen des Übens

Den Text nur noch optisch aufnehmen, bedeutet eine Schallmauer zu durchbrechen und Texte wie ein Bild zu verarbeiten. Einer liest dann mit dem “Schwingfinger”, seine Augen versuchen nicht Sätze von Anfang bis Ende zu lesen, sondern in einer Bewusstseinseinheit aus Seitenelementen zusammenzusetzen, aber mehr als oberflächliches Lesen kommt beim autodidaktischen Lesen nicht heraus. Einer irrt mit seinen Augen über Worttürmchen, die beständig breiter werden. Er versucht dabei seine Blickwinkel zu weiten, aber was kommt dabei heraus? Nicht viel außer, dass einer sich selbst verwirrt.

Die Pseudowissenschaftsszene der Persönlichkeitsentfaltung verkauft dabei alles. Ohnehin glauben ja Manager an ihren eigenen Erfolg als unabhängig von der Gesellschaft, warum also auch nicht an anderen Unfug? Die die Szene protzt dabei mit Begriffen: Dynamisches Lesen, Photographisches Lesen, Speed-Reading, Photreading, Scan-Reading (30 – 90.000 WpM !) und Alpha-Wellen-Lesen. Je tiefer ich in die Szene der dubiosen Bücher vordrang, desto verquaster wurden die Begriffe. Ich bin mir sicher, wäre ich diesen Pfaden gefolgt, so würde ich heute nicht Philosoph sein (was schon genügend verrückt ist), sondern in irgendeinem weltfremden Sex-Kloster in Swaziland sitzen und über Inschriften in Grashalmen meditieren.

Das Kurioseste war wohl Alpha-Wellen-Reading. Dieses war wohl der abgehobenen Idee aufgesessen, dass unser Gehirn schließlich jeden Moment speichere. Der Undercover-Agent “Unterbewusstsein”, der uns stets begleitet und insgeheim wie in einer Verschwörung gegen unser Bewusstsein die Strippen zieht, konnte im Alpha-Wellen-Modus des Gehirns aktiviert werden. In der Regel waren diese Bücher nur der Einstieg in die Hoffnung auf Persönlichkeitsentfaltung. Wer tiefer in diese Persönlichkeitsmanagementtheorie hinabstieg, konnte auch erfahren, dass das gesamte Weltwissen in einer geheimen Meditationsebene gespeichert wäre, die nur zugänglich gemacht werden musste. Eine innere Bewusstseinssperre sollte nur entriegelt sein, um den Weg zur grenzenlosen Genialität freizugeben. Und wer glaubt nicht insgeheim, dass in ihm hinter einer noch nicht entdeckten Grenze ein Genie verborgen sei? Dieser Riegel vor dem inneren Geist würde nur geöffnet werden müssen und der Einfall des Lichts in die Unterwelt des Unterbewusstseins würde unser selbst zum Guten wenden.

Die Szene der Bewusstseinssteigerung

Wohl ist es jener Mangel an Bildung über Wissenschaftlichkeit, der die Menschen in diese Kreise hinabstößt. Scientology entwickelte schließlich auch ein abgehalfteter Science-Fiction Autor, der mit einer Mischung aus schlechter Philosophie, Religion und Psychologie eine Religion aufbaute. Ron Hubbard war wohl einer der ersten, die das Interesse nach Selbststeigerung, das eigentlich der Philosophie und Religion als Überzeugung zu Grund lag, entsprechend kommerzialisieren konnte, indem er eine Religion daraus machte.

Einst war ich in der Scientologyzentrale in Hamburg und hatte auf eine komplexe Gehirnwäsche gehofft. Ich wollte sehen, wie dies geht, mehr als Unfug konnten sie mir aber nicht erzählen. Auch die transzendentale Meditation verfährt ähnlich. David Lynch, der mir mit fuchtelnden Armbewegungen sein erleuchtetes Gehirn vorstellte, konnte mich auch nicht überzeugen. “The whole brain enlightened” betonte er als er von angeblichen PET-Scans transzendental Meditierender sprach. Doch seine Methode der transzendentalen Meditation hat wohl ähnlich nur mit Wunschdenken zu tun. Den meisten dieser Anhänger würde ein grundständiges Studium der Philosophie mit dem Schwerpunkt auf Wissenschaftstheorie nicht schaden.
Aber halt! Vielleicht gehe ich zu weit, denn trotz aller abschreckenden Beispiele glaube ich dennoch an die Techniken des Schnelllesens. Doch wo beginnt es mit der Seriösität? Den viel nüchterneren Ausdruck “Schnelllesen” ist eher zu vertrauen. In der Organisation um das “Echte Schnelllesen” vereinen sich dann auch viele Wissenschaftler und Professoren.
Doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn die deutschen Schnelllesegurus, die Michelmanns, geben bei ihrer eigenen Technik selbst  Lesegeschwindigkeiten von 10.000 Wörter Wörtern pro Minute an. Da kommt einem doch schnell die Frage in den Sinn, warum sie dann nicht den Weltschnellleserekord halten. Es gibt allerdings echtes Schnelllesen. Wer nun hofft in einen Kurs investieren zu können, den  muss ich allerdings enttäuschen, der Kurs ist sehr teuer und die Erfolgsquote sehr gering. Im nächsten Beitrag dazu werde ich euch den Preis verraten. Bis dahin könnt ihr ja davon träumen wie es wäre Kim Peak zu sein. Der Autist kann mit jedem Auge jeweils eine Buchseite gleichzeitig lesen und erinnert sich an ca. 99 Prozent des Gelesenen im Wortlaut. Es gibt diese Möglichkeiten also, die Frage ist allerdings, ob sie jedem zugänglich sind. Als Philosoph muss ich allerdings betonen, dass es auch auf die Qualität und auf die Verwertung des Gelesenen ankommt. Durch gute Selektion ist auch vieles zu erreichen, aber dazu später mehr.

Ihr könnt auch meine anderen Artikel zum Thema Lesen nachschauen:

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Die Philosophie und Grenzen des Lesens – Von der Weltfremdheit

1. Oktober 2011
Magic Mushrooms

Von den Grenzen der Lesephilosophie (CC_Bild: h.koppdelaney)

“Seinen Horizont umstellen Bücher. Schnell gleiten seine Blicke über die Seiten, behutsam blättert er um. ” Der Kampf mit den Worten fände ohne Waffen statt.”, so heißt in einem alten Artikel des Rheinischen Merkur von 1969. Damals entdeckte die Menschheit die Möglichkeit des Schnelllesens. John F. Kennedy konnte so angeblich schon als Schüler von Evelyn Wood in unglaublicher Geschwindigkeit die Tageszeitung durchblättern.

Im Artikel über den vergessenen Philosophen Alfred Eisleben heißt es weiter: “Nur das gezielte Schauen und ein gutes Gedächtnis dienen dem Meister. Tausend Seiten pflügt er in fünf Stunden durch. Der Philosoph  Alfred Eisleben trägt den schwarzen Gürtel in der Philosophie des Lesens.”

Seine Wohnung gleiche dabei einer Bibliothek, die Wände mit Buchrücken tapeziert. Lächelnd spreche der Hochgeschwindigkeitsphilosoph vom „Feinkostladen für das Gehirn“, zwar würde er niemals die Bücher verkaufen, Gedanken verteile er allerdings gratis. Nach einem kleinen Rundgang durch seinen heiligen Bücherpalast, lässt er sich vor dem Journalisten an seinem Schreibtisch nieder. Zwischen den Türmen von Nachschlagewerken wirke er, wie ein souveräner Herrscher auf seinem Thron. Nicht bibliomanisch, sondern nur bibliophil sieht er seine Beziehung zu den „in das Wort gelassenen Gedanken“. Wertvolle Sammlerstücke über Byzantinistik, und eine signierte Erstausgabe von Thomas Mann „Die Buddenbrooks“ zieren seine Sammlung. Vorrangig interessiere ihn aber der Inhalt, da nicht das Sammeln ihm Leidenschaft sei, sondern die Philosophie Lesen.

“Schon am frühen morgen wandelt er auf den philosophischen Spuren Kants „für den Geist die kalte Dusche“. Mittags bewässert er mit Célan sein „Metaphernbiotop“. Abends bereitet er mit einem ruhigen Rilke die Nacht vor. Regnet es, zieht er oft russische Literatur aus einem seiner Schränke, meistens Dostojewski.Um Eleganz zu verspüren, bevorzugt er Franzosen. Quillt in ihm der Drang nach Erlebnis, so wähle er einen Amerikaner. Für die kleine Pause zwischendurch, als „Neuronensnack“, empfehle sich Morgenstern und Forderungen nach Härte pariert er mit Hemingway, „denn“, so fügt er hinzu „viele seiner Bücher gleichen einem mit Schönschrift überzogenem Tierkadaver“. Kurz: Für jeden Anlass besitzt der Philosoph Alfred Eisleben das passende Buch.

Enthusiastisch erzählt er von Oblomow, „Literatur für Gelangweilte“. Stunden für Stunden einfach nur sitzen und nachdenken, vor allem darüber, welches Buch als nächstes in Angriff zu nehmen sei. Der Philosoph Alfred Eisleben ist ein Bücherjunkie, wie er nur im Buche steht. Weltentrückt, nennt er die Literaten „kleine Weltenbaumeister“, so ist es nicht verwunderlich, dass er Thomas Mann als seinen philosophischen Ziehvater angibt. Der „literarische Actionphilosoph mit dem metaphysischen Flammenwerfer“, garantiere stets „ein kortikales Kettensägenmassaker“. Mit realistischer Gelassenheit und teutonischem Tiefsinn komponiere Mann oftmals einen überwältigenden philosophischen Showdown aufs Papier.

Phantasmen aller Art durchspülen die Hirnwindungen des Philosophen Alfred Eisleben. Entwickelt er solche Bilder, kann er sein Lachen kaum verbergen. Natürlich weiß er das Literatur nicht der Realität entspricht, dennoch erreiche so die Überlieferung eine höhere Qualität. Mit ernster Miene formuliert er:„Schrift verleiht dem Denken Dauer.“ Jedes Buch leiste einen Beitrag zum großen philosophischen Gespräch, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Alles Abseitige, Verbrecherische, meist Entsetzliche werde als Teil einer menschlichen Möglichkeit gezeigt, in das menschlich Verstehbare zurückgeholt.

Beim Lesen werde der unverhohlene Blick in das intime Interieur einer Seele gewährt, „aber“, so betont Eisleben, „je mehr sich der Horizont durch Lesen erweitert, desto mehr ungelesene Bücher brechen in die Welt.“ Am Ende seines Lebens werde nicht nur der Tod ihm Erfurcht abverlangen, auch die vielen ungelesen Bücher werden schwer im Gewissen liegen.

Seine Welt dreht sich um die gebundenen Gedanken, die auf das Blatt geworfenen Worte, um eine Realität anderer Gesetze, wo wir wissen, dass es immer der Held ist, der am Anfang seinen Weg beginnt. Später möchte er sich in diese Welt einschalten, sich durch den Geist der Bücher mit Philosophie ewig vergegenwärtigen. Momentan beschäftige ihn noch die Vergangenheitsbewältigung. Philosophiestudien über die Philosophen Kant, Hegel und Heidegger soll die Zeit der nächsten Jahre füllen. Danach wird sich zeigen, ob der Philosoph Alfred Eisleben von der Kunst des Lesens zu der Meisterschaft des Schreibens emporsteigt, ob alles eingeatmete in ihm selbst Atem entwickelt. Soviel viel stand jedenfalls schon damals im Vorfeld fest, den Nobelpreis würde er ablehnen.”

Soviel also zum Entdeckerdrang und Aufwärtsstreben der Schriftgelehrten. Das Thema des Schnelllesens aber interessiert: In den nächsten Beiträgen werden wir uns also um die Schnelllesetechniken bemühen. Wenn ihr es nicht verpassen wollt, könnt ihr ja gerne abonnieren (haha).

Grenzen des Lesbaren – Daniel Kehlmann und die Dozentur für Weltliteratur in Köln

9. Dezember 2010

 Okay, das wird ein langer Beitrag zur Philosophie des Lesens und deswegen die Essenz gleich am Anfang: Ich werde aus Protest gegen Frau Professor ZENSIERT Marquez’ Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ nicht lesen. Es tut mir leid, dass ich hierfür einen so berühmten Mann in meinen Protest mit einbeziehen muss und womöglich hätte ich ihn einfach nicht gelesen, wenn ich Frau Professor ZENSIERT nicht kennen gelernt hätte. Aufgrund der enormen Buchmengen und Weltliteraturen sowie individuellen Philosophien sind dem privaten Lesen Grenzen gesetzt. Dies ist aber den Berufslesern nicht klar und sie reagierne mit Arroganz. Deswegen entschuldigen Sie bitte Herr Marquez, da ich sie nicht wirklich kenne und hier instrumentalisiere, aber ich hoffe, dass auch sie die Gründe dafür verstehen werden.

Daniel Kehlmann und die Dozenzur für Weltliteratur

Daniel Kehlmann ist im Mindesten der nächste Literatur- und Friedensnobelpreisträger und Super-Philosoph aus Deutschland. Jedenfalls müsste seine Karriere in diesen Schritten vorangehen, wenn wir den Ausführungen von Prof. Dr. Günter Blamberger an diesem Abend, den 8.10.10, glauben. Denn nach dessen Aussage, sei der Platz Deutschlands im UN-Sicherheitsrat auf ein Gespräch von Daniel Kehlmann und dem UN-Generalsekretär zurückgegangen.

„Kehlmann holt den UN-Sicherheitsratssitz für Deutschland“

Die Personifizierung des Ernstes: Schopenhauer - so ernst sahen die Gäste aus (Foto:wikipedia)

Die Personifizierung des Ernstes: Schopenhauer - so ernst sahen die Gäste aus (Foto:wikipedia)

Eine gute Schlagzeile. Doch Kehlmann nun amtlicher Würdenträger, Dozent für Weltliteratur, stellte bei seiner Antrittsvorlesung sofort richtig, dass er sich lediglich mit seinem Kollegen Eugenides unterhalten hätte. Wie diese Geschichte entstanden sei, wüsste er auch nicht. Und so begann er seine Antrittsvorlesung als großer “Literator” (wie seine Stelle auch elitär bezeichnet worden ist).

Doch der große „Literator“, Daniel Kehlmann, mittlerweile ja weltberühmt, schaffte es nicht einen großen Hörsaal zum Platzen zu bringen. Viele Leere Plätze und dazu schläfrige Pflichtbesucher verteilten sich auf den Rängen. Vielleicht waren zweihundert bis dreihundert Leute anwesend, und mindestens die Hälfte davon, so behaupte ich, waren aufgrund ihrer Karriere hier. Die Lage war also ernst. Die Lage war wirklich ernst.

An Daniel Kehlmann lag es zumindest nicht, dass die wenigen Besucher mit ernster Miene kamen. Er legte seine Interpretation zu der Stilistik von Gabriel Garcia Marquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ vor:
Er richtete seine Aufmerksamkeit auf allerlei Kuriositäten, die in diesem Roman zum Tragen kamen. Während ich und meine Begleiter jedoch regelmäßig lachten, schien der Saal von der entfalteten Ironie des magisch-unwirklich wirklichen Lebens im Roman und der kuriosen Erzählweise nichts zu merken. Starre Mine und ernstes Dreinschauen beherrschten den Saal und kratzten an den Grenzen zur Langeweile. Auch ein paar Dahinschlummernde waren zu entdecken. Wirklich Daniel Kehlmann hat eine wunderbare Vorlesung gehalten, gespickt mit allerlei Kuriositäten und interessanten Beobachtungen. Doch zumindest auch so ausgetüftelt, dass Prof. Blamberger ihm gleich eine Professur in Köln anbot. Den Großteil der Zuschauer erreichte das aber nicht. Es fragt sich und darauf möchte ich im Wesentlichen eingehen, warum nicht? Lesen Sie den gesamten Eintrag »
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