Über die Grenzen unserer Sinne hinwegsehen – Kleine Sehschule der Philosophie (Teil2)

Von Fibonaccie. Abgelegt unter Grenzen der Menschheit, Grenzen der Philosophie, Grenzen der Wahrheit, Philosophie & Sinneswelt, Philosophie der Sinnlichkeit, Philosophie des Sehens  |   
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Focus of Attention

Sehen - eine entgrenzbare Grenze (Foto: h.koppdelaney)

In meinem ersten Artikel über die Grenzen unseres Sehens hatte ich ja bereits dargestellt, dass die Welt nicht aus Bildern besteht. Dies ist ein Aberglaube, der sich aus Sicht der Philosophie nicht halten lässt. Die Welt ist keine Fotostrecke, die unser Gehirn als Digitalkamera fotografiert und in einem Kasten abheftet. Vielmehr ist jedes Bild eine beständige Erzeugungsleistung unseres Denkens. Das Bild wäre ein zu begrenzter Gedanke. So ist eine Rose nicht ein Bild, sondern das Ganze ihres Seins.

In ähnlicher alltäglicher Ablehnung behandeln wir wiederum die Behinderung. Wir glauben oftmals, dass die Fülle und Unbegrenztheit des Seins nur aus der Vollständigkeit der Sinne ableitbar wäre. Taubblinde Menschen lehren uns daher den philosophischen Wert unserer Gedanken. Sie lehren uns Entgrenzen. Wie ich bereits in einem anderen Artikel darlegte, gibt es unter Menschen eigentlich keine Behinderungen, sondern nur angebliche Normalitätsgrade. Im philosophischen Denken sind die angeblich “Begrenzteren” näher an der Philosophie, weil sie bereits die wesentlichen Kulissenwelten der eigenen Körperlichkeit oder auch der eigenen Sinne in Auseinandersetzung mit den angeblich Normalen umgehen müssen.

So gibt es für uns “Normale” Unglaubliches, Beeindruckendes, Faszinierendes, weil es Menschen gibt, die zum Beispiel ohne unsere Alltagsideologie des bildhaften Seins existieren können. Ich meine Blinde und spreche zum Beispiel vom Fledermausmann:

Okay, Verzeihung! Ein kleiner Witz meinerseits, aber auch schon ein Verweis auf den Superheldenbeitrag, den ich bald schreiben werde (eine Vorsuperheldenstimmung macht sich breit). Hier also der richtige Fledermausmann:

Trotz Blindheit kann er also Radfahren und sich orientieren. Das Echolotverfahren erlaubt dabei ähnlich wie bei der Fledermaus eine Abbildung des Raumes. Aus dem Gegegenen wird durch ein wie auch immer geartetes “Denken” (aktiv oder passiv) ein Bild erzeugt.

Sehen heißt Denken

Wie können wir uns das also bei einem Blinden vorstellen? Wir könnten auch in Anspielung auf Nagels philosophischen Aufsatz „What is like to be a bat?“ fragen: „How is it to be like a Batman?“ Diese philosophische Frage des Blinden allerdings können wir leichter beantworten als die Fledermausfrage, da wir hier noch innerhalb der Grenzen der menschlichen Natur sind.

Blinde sind noch erforschbar: Es gibt zum Beispiel Fälle, wo Menschen vermittels technischer Apparaturen Geräusche auf die Ohren gespielt bekommen, wobei die Geräusche durch unterschiedliche Lautstärken das Umfeld abbilden sollen. Diese Blinden berichten nach einiger Zeit der Anwendung von ähnlichen Eindrücken, wie sie diese früher beim Sehen empfunden hatten. Andere Apparaturen übertragen die Reize auf die Zunge und erzeugen ebenso “Bilder” im Kopf oder zumindest, was wir in der Regel für Bilder halten. Sehen entspricht nämlich , so viel können wir nach diesen Experimenten sagen, nicht einfach nur einer sensitiven Reizung von Auftrittsflächen, was Evidenzen erzeugt, sondern das, was Sehen ist, ist eine innere Rekonstruktion, die wir vielleicht nicht aktiv mit vollziehen, die aber doch, ganz Kantisch gedacht, in uns erzeugt wird. Sehen ist demnach eine Art von Denken.

Was heißt Sehen philosophisch?

Wenn wir nun fragen, wie wir hier eigentlich Sehen erzeugen, so würde eine Kantische Antwort so ausfallen: Wir reproduzieren das Gegebene nach Aufnahme wieder und wieder, erkennen es im Begriff und haben so eine klare Verknüpfung, die als Gegenstand immer schon in der Welt ist. Was uns Kant hier in einer doch strengeren Deduktion zeigt, ist eine tiefgehende Einheit zwischen gegebener Wirklichkeit und Sprache, anders gesagt, zwischen so genannten Bildern und Sprache. Diese Unauflösligkeit ist mit Sicherheit eine Grenze der Philosophie kann aber in einer letzten transzendentalen Wendung wenigstens angedacht werden. Das heißt (um zu unserem Rosenbeispiel zurückzukommen) wir verstehen die Rose nicht unmittelbar, sondern nur so, wie wir sie als Gegenstand erzeugen. Die Rose ist kein Bild. In diesem Fall lehrt uns die Erfahrung, die ja keineswegs ein Bild ist, dass eine Rose, entsteht, wird, vergeht und stirbt. Wir verknüpfen. Das Sehen ist also als inneres Sehen ein Verstehen, das uns immer begleitet und ohne das wir nicht sein können. Aus diesem Grund verstehen auch Blinde zu gut, was Sehen heißt. Sehen heißt Denken.

Die Blindheit ist vorbei, sobald wir erkennen, dass Blinde als Menschen nicht wirklich blind sind.

Ein Blinder, der sehen kann

Ziehen wir hierzu noch das viel beeindruckendere Beispiel heran: Er kann Videospiele spielen, Skaten, Gegenstande ausfindig machen, Objekte klassifizieren. Er unterscheidet sich kaum von Sehenden.

Was ist Philosophie?

Wir müssen die Grenze des Sehens ausweiten und nach dem wirklichen Sehen forschen und nachphilosophieren. Nein, ich will hier nicht propagieren, dass wir in uns selbst zurückgehen müssen, aber doch soviel sagen, dass wir mit dem Glauben an die Sinne die Problematik der Sinnlichkeit noch gar nicht berühren. Diese vorliegenden Geschichten lehren uns daher zunächst eines: Wir müssen über unsere physischen Grenzen hinaus denken und zu den tatsächlichen Erzeugungsleistungen unserer Vernunft einkehren. Es geht nicht um Sinne, sondern um Sinnlichkeit und schließlich um Sinnhaftigkeit. Die bildlichen Grenzen eines Körper sind daher niemals Grenzen seiner Bedeutung. Und so ist auch der Mensch als bildlich gedachte Natur nicht in seiner Bedeutung erfasst. Die gegebene menschliche Natur ist immer eine Herausforderung, das Unmögliche möglicher zu machen und das heißt sich überwinden, verwinden und sich selbst ständig als sich Erneuernder zu begreifen. Dieses aber geschieht in einer Aneignung der eigenen Grenzen – dies aber ist die höchste Form der Philosophie und mit diesem Artikel beginnen wir erst die kleine Sehschule. Physische Blindheit oder gar Taub-blindheit ist hierbei keine Grenze mehr. Philosophieren kann daher jeder.

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Norman Schultz

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