Eine Ablehnung der Minderwertigkeitsphilosophie – Wir sind alle Krüppel!

Claustrophobia by Nina Valetova

Durch die Welt zur Normalität (Behinderung und Philosophie)

Krüppel, dies ist politisch inkorrekt. Ein Schimpfwort? Wie kann es sein, dass die Benachteiligung eines Menschen sich zu einer Beschimpfung umformen konnte? Erleben wir nicht dieselbe Verformung bei dem Wort Opfer, so dass Menschen, die schwere Überfälle oder Missbräuche erlebt haben, diesen Begriff mittlerweile ungern benutzen und sich als Betroffene bezeichnen? So auch beim Krüppel, er wurde zum Behinderten, bald zum Andersbegabten, mal als Sorgenkinder bezeichnet und von einer nicht genannten Organisation zwangsläufig zum Menschen (und zwar in einer Aktion) umgetauft (vgl. Sloterdijk. Du musst dein Leben ändern 2008). Verlegenheit macht sich breit, aber warum betrachten wir die Behinderung mit so starker Negativität? Wird dies den Behinderten eigentlich gerecht?

Unser Denken setzt die Grenze

Keine Diskriminierung also, wenn wir von Krüppeln reden! Es ist keine Diskriminierung, da wir alle Krüppel sind. Diese Sichtweise der Gleichheit bildet sich nämlich genau dann heraus, wenn wir den Vergleichspunkt erhöhen. Wieso sollten uns gerade zwei Arme und Beine ermöglichen, um Höheres zu spielen? Wenn wir die Welt in ihrem Sinn durchforschen, so sind alle unsere Gedanken ähnlich bescheiden. Hellen Keller, taublinde Philosophin, muss ich beinah als Kurriousum erwähnen, aber es sollte doch eine Alltäglichkeit sein, dass körperlich Behinderte sich genau in den Bereichen engagieren, die immer offen bleiben. Philosophie ist nicht die Wissenschaft der Gesunden und so müssen wir eine Welt ansteuern, in der es nicht speziell Berufe für Behinderte gibt. Behindertenwerkstätten mögen ihren Sinn erfüllen und Menschen einen geregelten Arbeitstag geben, aber es reintegriert in Beschäftigungsfelder, die nicht unbedingt den Behinderten als Menschen gerecht werden.

Natürlich es stimmt! Menschen ohne Behinderung haben gesellschaftlich bessere Chancen.  Es ist hier die Aufgabe eines Staates für Ausgleich zu sorgen. Müssen Behinderte aber gesellschaftlich auf ihre Behinderung reduziert bleiben? Wir sollten eher die Felder erforschen, wo sie es nicht sind. Natürlich ist es bei den Behinderten (Krüppeln) oftmals der Kampf um Normalität, das heißt ein Leben wie die anderen führen zu können. Während wir meinen, um das Höhere zu ringen, wollen sie erst auf das Plateau der Normalität. Dabei sind sie jedoch schon normal. Ihr denken zieht die Grenze ihres Körpers; sie messen sich mit Körperkonturen an der Welt. Doch die Schablonen der Körper können keine Grenze sein für die einzige Befreiung. Nur eine Philosophie nach innen kann von diesem Unsinn der Körper befreien.

Eine Philosophie der Behinderung?

Ich halte die Einstellung eines Kampfes um Normalität für falsch, wenn auch gesellschaftlich für notwendig. Zwar muss der Staat Behinderten ihr Leben erleichtern, aber es darf nicht ihr Kampf sein. Der Kampf um die Normalität verhindert die Zeit für die Kämpfe um die Kunst und die Philosophie des Lebens, die den anders Behinderten bereits frei stehen. Auch Krüppel sind mit uns auf Augenhöhe bei denselben Fragen um das Leben. Nur dort haben Behinderte und „Unbehinderte“ die gleiche Fallhöhe. Es bleibt die Frage, was ist eigentlich eine Behinderung? Ist der Wirtschaftsingenieur, der sein Leben an der Börse mit ethisch bedenklichen Derivaten verdient nicht viel stärker behindert und zwar in seinem Denken als der, der mit seinem Körper hadert?

Stattdessen bewundern wir Menschen, die sich in unsere nutzlose Normalität der Ungerechtigkeit zurückkämpfen, auch wenn dies keineswegs ein Vorwurf an den Behinderten ist, sondern ein Vorwurf an die Bewunderer:

Wir feiern die Erfolgsgeschichte eines Menschen, der sich die Normalität erkämpft. Ungeachtet der ungeheuren Lebensleistung ist damit aber für eine Philosophie nicht viel gewonnen. Sollen wir jetzt etwa schätzen, dass wir schließlich Arme und Beine hätten und uns daher nicht beschweren über das, was das Leben aus uns macht? Ist die Bewunderung dann nicht eine geheuchelte, wenn wir es mit dem Blick auf die Mehrwertigkeit tun? Eine Bewunderung aus Überlegenheit? Wenn wir Nick Vujciic dafür schätzen, dass er sich einen Platz neben uns erkämpft hat, dann schätzen wir ihn nicht wirklich. Aber Nick Vujicic kann mehr als andere. Er erschließt sich neben dem Alltag die Felder, die für ein Menschenleben angemessen sind: Die Frage nach dem Geist, der Kunst, die Frage nach dem Ganzen, nach der Philosophie. Damit ist er bei weitem sogar mehr als wir mit Armen und Bein sind un das ist Punkt, worauf es ankommt.

Der Behinderte als Übermensch

Damit ist der Behinderte weiter als der anders Behinderte, denn erweitern wir nur den Standpunkt unserer Erfahrung um die Möglichkeit einer höheren, besser ausgestatteten Existenz, so erfahren wir uns selbst als Kränkung: Ein Menschengeschlecht, das nur aus Haut und Knochen besteht! Die Grenze des Körpers besteht für Behinderte und anders Behinderte. Die Grenze ist also keineswegs im Körper zu suchen und daher sind die Benachteiligungen auch nicht als solche zu betrachten. Die Kranken und Schwachen, die Behinderten sind somit in bestimmten Fällen die starken unserer Gesellschaft und wenn wir bedenken, dass der Starke überlebt, dann könnten wir eigentlich nur mit ihnen überleben. Benachteiligungen geben die eigentliche Aufgabe frei, sich von der Hülle seiner alltäglichen Bedrängnisse zu befreien und sich dem eigentlichen Reichtum zu öffnen, nämlich der Freiheit.

Genaugenommen sehe ich hier also in Nick Vujcic kein Motivationsschicksal. Es geht nicht darum aus einer Minderwertigkeit das Beste zu machen, sondern darum überhaupt das Richtige in Angriff zu nehmen. Hierin und nicht im Erfolg sind wir gleich und bewundernswert.

Vielen Dank für das Lesen, ihr könnt auch gerne weiterempfehlen oder verlinken. Wenn ihr ähnliche Artikel habt, dann schreibt mir und ich verlinke euch im Text.

Norman Schultz

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11 Antworten auf Eine Ablehnung der Minderwertigkeitsphilosophie – Wir sind alle Krüppel!

  1. … du bedauerst die möglichkeit, dass nick nur gehört wird, weil er verkrüppelt ist? dass nicht er als mensch, sondern nur seine behinderung zählt? seine worte wären nutzlos(er) hätte er arme und beine?
    … das ist vielleicht die gleiche frage, wie die, warum anne franks tagebücher erfolgreich waren – nur, weil sie gestorben ist?

    • Anonymous sagt:

      Nein, ganz so sehe ich das nicht. Ich bewundere Nick. Ich denke aber, dass er nicht Dinge sagt, die ihn als Behinderten auszeichnen, sondern Dinge, die ihn unabhängig davon qualifizieren. Und das ist mir sehr wichtig, denn ich möchte Behinderte nicht als Behinderte sehen, sondern als Menschen.

      Ich werde noch über den armlosen Geiger Unthan berichten, der in seinen Memoiren genau dieses Problem beschreibt. Er wurde von Franz Liszt gelobt und auf der ganzen Welt als Violinist gefeiert. Er selbst aber konnte sich nie von dem Gefühl befreien, als Kuriosum gehandelt zu werden. Die Frage ist also, was wir eigentlich bewundern: den Behinderten oder den Menschen.

      Zu Anne Frank muss ich sagen, dass ich niemals ihr Buch gelesen habe und davon nur gehört habe. Intuitiv würde ich sagen, dass ein tragisches Schicksal sich natürlich gut verkauft. Es wäre denkbar, dass die Bücher sich dann nicht so gut verkauft haben. Die Frage ist, was sie in dem Buch zu sagen hat. Leider ist es doch so, dass sich Marketing und schnell mit solchen Dingen verbindet.

      So wie es sich aber anhört, hast du mehr in dem Buch als ihr tragisches Schicksal entdeckt. Vielleicht sollte ich es mal lesen :)

      • ich finde die message von nick wunderschön… aber wie unthan das gefühl hat, dass er als ein kuriosum gilt… hab ich bei nick den eindruck, dass er zu sehr für etwas gehypt wird, was andere viel tiefgründiger mitteilen…
        wer auf seine shows geht, will den arm-und beinlosen sehen… oder?

        anne frank hat mich damals sehr berührt.. aber anhand anderer autoren, die nicht gestorben sind, fühle ich eine große ungerechtigkeit, dass ihnen nicht die gleiche aufmerksamkeit und achtung zuteil wird. gerade anfang dieses jahres habe ich „iwan das panjepferd“ gelesen und auch so bücher wie „blauer schnee“ von bednarski sind unglaublich berührend und weitertragendwert!

      • Hängt es nicht davon ab, wie weit wir als Mensch selbst gereift sind, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen. Wenn ich einen Behinderten bewundere, weil er trotz seiner Behinderung sein leben hervorragend meistert, bedeutet dass nicht auch, dass ich gleichzeitig meine eigenen Unzulänglichkeiten reflektiere?

        Sind nicht meist diejenigen, die am lautesten diskriminieren, diejenigen, die selbst die grössten Probleme haben?

        Nick wird sich seiner körperlichen Andersartigkeit sicherlich bewusst sein, genauso wie seiner mentalen Stärke, die aber (vielleicht ) erst aus der körperlichen Schwäche entstanden ist. Andererseits, wurde er so geboren, somit ist das Fehlen von Gliedmassnahmen für ihn der Normalzustand.

        Das ist ohnehin die grosse Frage, was ist normal?

        Anne Frank ist tatsächlich ein wunderschönes Buch, dass ich seit Jahren nicht mehr gelesen habe. Werde ich wohl wiedereinmal hervorholen müssen….

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