Körperentgrenzen und Philosophie der Technik – Zur Verflechtung von Wirtschaft und Technik

Das mit Pflöcken nicht eingrenzbare Meer, so sah der Philosoph Aristoteles die Zukunft. Schon die Antike formulierte philosophisch explizite Technikkritik und diese Technikkritik dominiert auch zu großen Teilen eines meiner favourisierten und doch zumeist sehr philosophischen Genres, da es sich mit den Grenzen der Menschheit auseinandersetzt: Das Science-Fiction-Genre.

Die Einleitung von „Deus Ex: Human Revolution“ ist meines Erachtens künstlerisch als auch philosophisch gelungen, so kombiniert der Film doch den Mythos des Ikarus und den philosophisch-wissenschaftlichen Forschergeist des 17. Jahrhunderts (ausgedrückt in dem berühmten Bild von RembrandtDie Anatomie des Dr. Tulpe„) mit dem Technikpessimismus der Gegenwart. Die philosophische Selbstüberschätzung einer sich über alle Grenzen hinwegsteigernden Menschheit wird hier Thema.

Rembrandts Anatomie des Dr. Tulp

Die Darstellung einer anatomischen Schauveranstaltung gemalt von Rembrandt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Grenze zwischen Innovation und Verschwörung

Während das Bild noch eine recht harmlose Schauveranstaltung von Wissenschaftlern präsentiert, so nimmt der Film bereits die Gewinninteressen des blutigen Tagesgeschäftes der Wirtschaft mit auf. Die Formulierung „blutig“ wirkt übertrieben, allerdings wissen wir, wie sich wirtschaftliche Interessen in grausame Taten (zum Beispiel in Afrika) verwandeln. Forschung hat das Potential durch die Entgrenzung alter Horizonte neue Gewinnspielräume zu eröffnen. Daher ist eine philosophisch-moralische Frage durchaus, ob das Auftreten von Innovationen mit gesamtgesellschaftlichen Verschwörungen zusammenhängt. Dieses halte ich gar sehr wahrscheinlich, denn die großtechnischen Projekte sind immer Projekte, die hochspezialisierte Arbeitskräfte und Ressourcen benötigen und damit Massen an Investitionskapital. Die Rückversicherung für die Investitionen nehmen dann in kleineren Bestechungen ihren Anfang und führen zu Geldströmen, die nebenbei einiges an Abzweigungen erlauben. Letztlich haben wir riesige Kartelle, die vielleicht nicht direkt mit Gewalt eingreifen, aber doch durch eine globale Finanzpolitik das Leid vieler Menschen zu verantworten haben. Sei es Hunger, Umweltkatastrophen oder Krankheiten durch wirtschaftlichen Egoismus. In einer entgrenzten Finanzwelt, die nur noch mit Bildschirmzahlen agiert, bilden sich schnell Kapitalträger, die nicht mehr moralisch agieren, sondern technisch berechnend. In der Großtechnik geht der Bezug zur Verantwortung verloren (wie ich dies schon in meinem Artikel zu Ulrich Becks Begriff „organisierteVerantwortungslosigkeit“ gezeigt hatte).

Die Philosophie für Kleinabnehmer

Aber auch die großtechnischen Lösungen von Staaten, um sich Hoheitsgebiete im Weltraum oder der Gentechnik zu sichern, sind kein zu unterschätzender Faktor. Letztlich aber ist der größte Kapitalbringer immer noch der Ramsch für die Massen. So wie Schönheitsoperationen zu Billigpreisen immer mehr Gesellschaftsschichten erreichen, so ist eine Form der pränatalen Selektion in Kalifornien schon Gang und Gäbe. Eltern können technisch über die Augenfarbe ihrer Kinder entscheiden. In China werden nach Fruchtwasseruntersuchungen Mädchen abgetrieben. Dies bedeutet, dass ein reges Interesse daran besteht, den Körper als Ramschware zu behandeln. Warum zum Beispiel sein Geld noch in einen ego-externalisierenden Ferrari investieren, wenn neue Beine genauso schnell und weit tragen? Während die Technik also lange Zeit externe Apparaturen bereitstellte, geht der Trend in Richtung Bio-Augmentation. Philosophisch hatte ich schon mehrfach darauf hingewiesen (Grenzen des Körpers, Augmentation des Körpers, Augmentation im Sport). Was heute mit kleinen Linsen in den Augen (sehr relevant für den Golfsport – ohne ist ein Profi weit abgeschlagen von der Weltelite) und künstlichen Hüften beginnt, wird eine zunehmende Prothetisierung des Menschen sein.

Hinsichtlich der Kapitalinteressen, die hierbei allerdings ihre Wege nehmen werden, so werden wir immer an der moralisch-philosophischen Grenzen entlang schreiten. Ich selbst bin mir in keinster Weise sicher, ob ich dies positiv oder negativ sehen soll. Aber eines ist klar und so heißt es auch schon ähnlich im Video: Wir mögen Körper heilen, aber die Grenzen der Seele sind damit noch lange erreicht.

Die philosophische Frage nach der Zukunft ist nicht die Frage nach der Körperlichkeit des Menschen. Diese Frage ist zwar eine philosophisch-moralisch Gattungsfrage nach dem Menschen und den Grenzen Menschlichkeit, doch nur eine Frage verbleibt als ernsthafte Philosophie: Was ist das Sein als Seiendes? Diese Grundfrage der Philosophie aber bleibt unbeantwortet, gleich wie viele Körper wir wissenschaftlich zerschneiden. Wenn Heidegger also einst formulierte, die Technik denke nicht, so war es genau jener Aspekt, dass wir mit einer bloßen Werkzeuggestaltung unserer Umwelt und unseres eigenen Körpers keine größere Welt errichten werden, sondern uns womöglich nur noch tiefer in den philosophisch-moralischen Abgründen verstricken. Der letzte Mensch als Erdfloh, der über alle Natur erhaben ist, diesen mahnte bereits der Philosoph Nietzsche an.

Dies ist kein Technikpessimismus, denn ich bin fasziniert von der Technik. Die philosophische Frage allerdings ist, wie ein entgrenzendes und wahres Verhältnis zur Technik bestimmt werden kann. Vielen Dank also für die Aufmerksamkeit und empfehlt diesen Beitrag weiter.

Norman Schultz

 

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