Blognotizen: Mensch gegen Maschine – Go und Deeplearning und ein paar andere Notizen

1. Notiz: Mensch gegen Maschine

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Alpha-Go schlug im Januar den europ√§ischen Meister. Ein √úberraschung. Vor einem Jahr w√§re dies noch undenkbar gewesen. Nun wenige Monate sp√§ter spielt AlphaGo gegen einen der st√§rksten, menschlichen Gegner. Lee Sedol besitzt den neunten Dan auf dem professionellen Level. Es gibt nur wenige, die das Spiel so sehr beherrschen wie er. Sedol k√ľndigte im Vorfeld bereits an, dass er das Match klar f√ľr sich entscheiden w√ľrde und AlphaGo selbst um einen Punkt k√§mpfen m√ľsste. Die Kommentaren, Michael Redmond, selbst 9-dan Professional und Chris Garlock,¬†waren √§hnlich √ľberzeugt von der St√§rke Sedols. Gestern die √úberraschung: W√§hrend AlphaGo nur noch 5 Minuten auf der Uhr hat, positioniert Sedol, selbst die schwarzen Steine f√ľhrend, einen wei√üen Stein merkw√ľrdig auf dem Brett. Garlock und Redmond, noch in die Analyse vertieft, bemerken es nicht, doch Sedol hatte mit diesem Zug ¬†aufgegeben. Nach einiger Verwirrung stellt Redmond verbl√ľfft fest, Sedol h√§tte wohl resigniert, w√§hrend Garlock antwortet, dass Sedol noch zu z√§hlen scheine. Redmond bekr√§ftig jedoch: Sedol hat aufgegeben. Mit einem Schlag war es Gewissheit und Redmond musste eingestehen: AlphaGo hat gewonnen, gefolgt von der Feststellung, dass nun wohl viele Siege folgen w√ľrden.

Heute, am zweiten Tag gestaltet sich das Spiel wesentlich langsamer und Sedol begegnet AlphaGo mit Respekt. Eine vorsichtige Spielweise, ein konservatives Spiel des Menschen. Der √ľberraschende Punkt ist, dass AlphaGo √§hnlich intuitiv spielt wie ein Mensch, nur besser. Dadurch, dass AlphaGo Deeplearning anwendet, ist es ein anderer Ansatz, der einen Durchbruch in der A.I.-Forschung darstellt. Ich habe mich dazu heute mit Michelle unterhalten, die hier bei Google arbeitet und selbst an der CMU (einer der gro√üen Kaderschmieden f√ľr Computer-Scientists) studiert hat. Deeplearning w√ľrde nach ihr auf viele andere Prozesse noch nicht √ľbertragbar sein. Vor allem bei Open-World-Problems w√ľrden sie bei Google tendentiel auf Deep-Learning-Ans√§tze verzichten oder zumindest sie nur zu sehr kleinen Teilen anwenden. Dennoch ist dies ein weiterer Durchbruch in der Entwicklung der A.I. So stellte Redmond heute in seiner Analyse fest, dass er den Stil von AlphaGo m√∂ge und davon wom√∂glich noch viel lernen k√∂nne. F√ľr jeden der dem Go-Spiel n√§her kommen m√∂chte, dem sei diese japanische Anime-Serie „Hikaru No Go“ zu empfehlen. Nat√ľrlich etwas √ľbertrieben (da wird man ja panisch), geht es darum, den besten Go-Move aller Zeiten zu finden.

Erg√§nzung: Nachdem zweiten Verlust erscheint es so als w√ľrde es ein kompletter Durchmarsch f√ľr das Go-Programm werden. Hinzu kommt, dass das Program eher sicher spielt und nicht auf viele Punkte setzt, so dass der Abstand zwischen Go und dem Profi unklar ist, aber wahrscheinlich wird es niemals mehr knapp zwischen Mensch und Go-Maschine werden.

2. Notiz zur Ernährung

Im Moment esse ich Sardinen. Aus nachhaltigem Fischfang in kaltgepressten Oliven√∂l. Eine gute Zwischenmahlzeit ohne viel Zeit f√ľr die Zubereitung zu verlieren. Ich kombiniere es mit meinen vorbereiteten, veganen Gem√ľselasagnen und ich w√ľnschte diese Variante w√ľrde es als gut gew√ľrzten Tofu geben, denn es spart mir viel Vorbereitungszeit.

3. Meine Fotografie

Ich habe mich mit Marwa (Tunesien) und Alexa (China) in Pittsburgh Downtown getroffen:

Pittsburgh

 

Ich komme nun besser mit der Feststelllinse klar und kann genauere Fotos machen. Vor allem bei meinen Sch√§rfeeinstellungen mache ich nicht mehr so viele Fehler wie fr√ľher. Meine Kamera ist dabei eher „old-fashioned“:

4. Philosophische Notizen

Im Moment bearbeite ich Hegel f√ľr meine Dissertation und bin im Mai beim internationalen Hegelkongress in Deutschland. Mich interessiert dabei vor allem der Zusammenhang zwischen ewigen logischen Gesetzen und ihrer zeitlichen Feststellung, das hei√üt der Idee, dass Logik etwas Ewiges, vom Menschen Unabh√§ngiges sei.

Ich verfolge jedoch weniger die konservative Interpretation, und glaube dass Logik zwar universal verstanden werden muss, die Kategorien dieser Logik aber durch Bewegung charakterisiert sind und deswegen nicht genau als unzeitlich festgestellt werden können.

Hegel betont hierzu in der Philosophie der Natur, dass die Logik einen diamantenen Kern darstellen könnte. Wobei meine These darauf zielt, dass dieser Diamant, die höchste Kompression von Gedanken sei, die wir bisher erreicht haben, aber deswegen nicht als unzerstörbar gelte. Denken und seine Kategorien sind die Höhepunkte unserer Zeit, wichtiger aber als ihr totes Skelett ist die Frage, ob sie sich in der Zeit realisieren lassen und wie sie sich realisieren.

Hierzu ist auch Hegels Geschichtsauffassung interessant, die ich der Einfachheit halber mit ein paar Notizen von Sparknotes darstelle:

http://www.sparknotes.com/philosophy/hegelphilhist/summary.html

Hegel unterscheidet in seinen Geschichtsvorlesungen 3 Arten von Geschichte:

1. die urspr√ľngliche Geschichte, geschrieben w√§hrend ihrer Zeit

2. Reflektierte Geschichte: Nachdem die Geschichte bereits vergangen ist

3. Philosophische Geschichte, wobei a priori Gedanken genutzt werden, um Geschichte als rationalen Prozess zu verstehen

Wir wollen Geschichte nicht als zuf√§llige Abfolge von Ereignissen verstehen, sondern sie nach einem inneren Plan charakterisieren. Wenn wir diese Art der Geschichtskonstruktion nicht verstehen, dann sind wir einer ungenauen Geschichtsschreibung hilflos ausgeliefert. Ich behaupte, dass unphilosophische Geschichtsschreibung auch zu Chemtrail-Theorien, Anti-Impf-Kampagnen, Auslandsverschw√∂rungen und Antiamerikanismus f√ľhrt. Letztlich ist es auch diese unreflektierte Geschichtsphilosophie, wonach die verl√§sslicheren Medien als L√ľgenpresse geschm√§ht werden und was letztlich den Erfolg von Programmen wie der AfD ebnet. Ich behaupte, dass jeder, der Pseudotheorien vertritt, auch f√ľr die politischen Konsequenzen verantwortlich ist. Aber das sind zun√§chst nur Thesen √ľber die ich in der Zukunft nachdenken m√∂chte. F√ľr die philosophische Geschichtsschreibung m√ľssen wir √ľber den inneren Geist der Geschichte nachdenken. Dieser Geist ist Vernunft:

  • Vernunft ist unendlich frei, da sie sich selbst gen√ľgt
  • Vernunft ist in und f√ľr sich selbst (bitte nicht fragen, was das bedeutet :), nichts ist au√üerhalb des Prozesses
  • Vernunft ist demnach die Substanz der Weltgeschichte. „since world history is caused and guided by a rational process“ (http://www.sparknotes.com/philosophy/hegelphilhist/summary.html), denn andernfalls k√∂nnten wir es nicht verstehen

Was ist Freiheit f√ľr Hegel? Geist ist Freiheit realisiert in der menschlichen Geschichte. Menschen sind das Mittel in dem sich der Geist √ľber ihre K√∂pfe hinweg realisiert. Auf der anderen Seite sind Menschen aber auch Subjekte und nur dadurch dass der Geist seiner selbst im Menschen bewusst wird, realisiert sich Geschichte (see http://www.sparknotes.com/philosophy/hegelphilhist/summary.html).

Wie kommen also dieses Subjektive, das Partikul√§re des Individuums und das Objektive der Universalien zusammen? F√ľr Hegel erscheint dieses Dritte im Staat, der Gesamtheit aller Individuen und der Regierung (see http://www.sparknotes.com/philosophy/hegelphilhist/summary.html). [Ein Staat ist daher f√ľr Hegel immer gut, oder im platonischen Sinne zumindest besser als der v√∂llige Zerfall. Die Umw√§lzung durch Revolutionen wird dabei auch immer als Gefahr interpretiert, dass alles riskiert werden w√ľrde]. Im Staat realisiert sich etwas, das allen Indivduen doch gemeinsam sein sollte und zugleich universal verschieden. Etwas, dass die meisten nicht verstehen, denn der Staat repr√§sentiert die Menschen nur, aber dr√ľckt nicht direkt ihren Willen aus (auch ein l√§ngeres Thema). Er ist eine Synthese von partikularen und universalen Interessen.

Nat√ľrlich bleibt der Staat niemals in seiner optimalen Form. Geist muss √ľber die Modi der Zerst√∂rung in immer st√§rkeren Formen zur√ľckkehren. Alle Selbstnegationen bringen Geist zu einer kompletten Realisierung im Selbstbewusstsein als rationale Freiheit und dies ist Vernunft.

Soviel Unklarheit mit Hegel f√ľr heute. Es ist aber ersichtlich, dass sich meine Forschung zunehmend von epistemologischen Problemen in den ethisch-politischen Bereich verschiebt.

 

5. Motivation zum Trainieren und Weitergehen:

Da das alles schwer genug war: Ich lese gerade ein Buch zum Flow und Steph Curry, der letztes Jahr mit Golden State die NBA gewann, scheint zu wissen wie das geht. Seine Vorspielroutine hier:

 

Zum Flow-Buch bald mehr

 

Das war‚Äôs. Wenn ihr mir anderweitig folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Facebook¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oder der Googleplus Gruppe oben rechts bei. Ein¬†RSS-Feed¬†ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen.

Norman Schultz

Pittsburgh, März 2016

 

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Trivia, Donald Trump, Waterboarding, Oscars und mehr: Unphilosophischer Bericht aus Pittsburgh – Meine Woche in 5 Punkten

Ashok und Ben demonstrieren unser neues Hover-Board

1. Trivia-Erfolge

Amerika ist die optimistische Alpha-Kultur, die das Banale zum h√∂chsten Gut erkl√§rt und seri√∂se Fragen wie zum Beispiel Klimawandel Europa √ľberl√§sst. Dem Banalen werden Oscars und Grammies verliehen und auf Superbowlparties feiern die Amies ihre Skand√§lchen mit Beyonce. Ansonsten h√§lt der Amerikaner gerne die die Hand auf der Herz-Brust. Ganz ehrlich, erst letzte Woche habe ich mir ein LaCrosse-Spiel unserer Duquesne Frauen angeschaut. Durchweg blond standen sie am Anfang mit der Hand auf dem Herz und lauschten der Nationalhymne. Das wird hier bei jedem Spiel sogar bei der Jugend zelebriert.

Deswegen gibt es auch Trivias, also Spiele, bei denen man banale Fragen zu einer eigentlich banalen Kultur beantworten muss. Es gibt Trivias nat√ľrlich auch in Deutschland, aber die Amerikaner waren wom√∂glich die ersten, die das Triviale zum Aush√§ngeschild ihrer Kultur umfunktioniert und kommerzialisiert haben (noch vor Herr Tutorial). In Amerika ist Trivia keineswegs trivial, sondern eine ernste Angelegenheit und deswegen haben wir bei unserem letzten gro√üen Erfolg v√∂llig √ľberraschend
ein Hoverboard gewonnen.

Bis zu dem Zeitpunkt als wir die Treppen hinaufstiegen, wussten wir nicht, dass es √ľberhaupt etwas zu gewinnen gab.

Nat√ľrlich haben wir hierf√ľr ein Team einzigartiger Individuen zusammengestellt, so dass wir einen m√∂glichst breiten trivialen Bereich abdeckten. Roly, Experte f√ľr asiatische Kultur, und Go-Spieler, Ellen, Ballett√§nzerin, Cellospielering und Philosophin, Ashok, Statistik in Berkley studiert und Sportenthusiast, Ben, Krebsforscher, Ian, ehemals beim Milit√§r und Globetrotter, meine Wenigkeit und John Harvey.

The smartes man of Pittsburgh

 

John Harvey unser Mann f√ľr ernste Angelegenheiten. Er spricht flie√üen Deutsch, Franz√∂sisch und √ľbersetzt fehlerlos Latein und Griechisch. Er ist beseelt in Mathematik, Geschichte, Chemie, Biologie, Physik und allen anderen Wissenschaften, die interessant sind und ist nat√ľrlich auch Professor f√ľr Philosophie. Als der Moderator verk√ľndete, dass die n√§chste Frage zur Antike w√§re, jubelten wir bereits und ich begann Johns Schultern zu massieren. John parierte die Frage (die ich √ľberhaupt nicht beantworten konnte und deswegen vergessen habe) selbstbewusst mit Attila. John wusste alles √ľber Attila und und zog ein selbstverfasstes Theatherst√ľck aus der Tasche zu ziehen, betitelt mit „Attila, der Hunnenk√∂nig“.

Nicht nur die Hoverboards hovern

 

Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Nat√ľrlich waren wir zu sp√§t in der Bar, weil das Trivia in einer anderen Bar gecancelt war und wir verpassten eine ganze Runde (aus 6 Runden a drei Fragen). Wir holten aber Runde um Runda auf. In der finalen Frage konnte ich mit meinem exorbitanten Tom Cruise Wissen gl√§nzen (mein ganzes Leben bel√§chelt daf√ľr, dass ich¬†Tom Cruise Filme als gut einstufte). Wir setzten volle Punkte und zogen mit der letzten Frage an die Spitze und gewannen mit einem Punkt Vorsprung ein Hoverboard im Wert von 300 Dollar, das Ian dann gleich im Anschluss die Treppe hinunter schmiss. Nun fahren wir in meiner WG t√§glich mit dem Hoverboard durch das Haus. Und billig sind die Dinger nicht:


2. Nicht ganz so trivial: Der Wahlkampf wird heiß

Die rhetorische Verrohung feiert die Befreiung von den Fesseln der politischen Korrektheit und sinkt dabei ins banale Stammtischgebrabbel. In den sozialen Medien b√ľndeln die Gerade-so-Alphabetisierten ihre Energien und setzen die klassischen Demokratieorgane unter Druck. Das Internet wird zum globalen Stammtisch und als Alternative zur intellektualisierten L√ľgenpresse gefeiert. Sarah Palin will so zum Beispiel Terroristen mit Waterboarding taufen und erntet daf√ľr den erwarteten Social-Media-Applaus.

Nat√ľrlich ergibt die Aussage keinen Sinn. Werden Menschen etwa durch derart Taufen zu Terroristen? Oder anders herum, haben sie mit Waterboarding die Chance Christ zu sein? Vergibt sie ihnen damit die S√ľnden? √Ąhnliches Entr√ľcktheit gilt dann auch f√ľr Donald Trump, der gerne noch weitere Techniken einf√ľhren m√∂chte und Waterboarding als zu sanft einstuft.

Der Trend geht also dank Social Media dahin, dass sich nicht nur Wissen vermehrt, sondern auch Dummheit potenziert. Wer daher Verschw√∂rungstheorien unterst√ľtzt und sich zuvor nicht mit Wissenschaftstheorie auseinandersetzt, der unterst√ľtzt eben auch die Stammtischparolen.

3. Journaling

Neben diesen Lebensereignissen empfehle ich dringensT mit dem Journaling zu beginnen.  Mein Journal folgt dabei einer bestimmten Routine. Wahrscheinlich interessant anzusehen, ein paar Beispiele.

Hier ist die beste Einleitung, was so ein Journal erreichen kann. Es geht dabei vor allem um den Aufbau. Ein Journal hat den Vorteil, dass es nicht wie ein Planer jeden Tag einzeln gef√ľhrt werden muss.

Das folgende Journal ist absolut √ľberw√§ltigend und sicher nicht notwendig f√ľr den Beginner, aber es zeigt, was damit in der Zukunft m√∂glich ist.

Der Vorteil eines selbstentworfenen Journals ist die Flexibilität und es verfährt kontinuierlich. Lässt man es einen Tag aus, so geht es eben den nächsten Tag weiter. Ebenfalls eine wunderbare Idee ist ein Kinderjournal. Hier das Beispiel eines Vaters, der all die Lebensereignisse seines Sohnes festgehalten hat, erklärt von seinem Sohn. Wirklich emotional, leider alles auf English.

Hier ein etwas weniger elaboriertes Modell, das gute Ideen enth√§lt, die man f√ľr sein eigenes Journal im Hinblick auf die Struktur nutzen kann.

Bei Amazon gibt es ganz gute Produkte. Beim letzten sieht man, dass es nicht so √ľbersichtlich war. Ich glaube, dass es auch an den K√§stchen liegt. Beim Bulletjournal ist liniert ganz sinnvoll und man kann damit auch wunderbar seine Schrift √ľben.

 

4. Oscarparty

N√§chste Woche Sonntag finden die Oscars statt und wir organisieren daf√ľr bereits unsere Oscarparty. Es gibt einen roten Teppich. Und wer die meisten Oscarvorhersagen macht gewinnt unseren kleinen Oscar.

 

Gemein wie ich bin, hoffe ich insgeheim, dass Leonardo DiCaprio nicht den Oscar gewinnt. Aber nehmen wir an, er gewinnt ihn sein ganzes Leben nicht und dann machen sie einen Film √ľber diesen guten Schauspieler, der niemals den Oscar gewann und dann gewinnt ihn der Schauspieler, der ihn in diesem Film spielt. Das w√§re eine Tragik des Lebens und der Stoff aus dem gute Geschichten sind.

Ach und zum Film Deadpool. Der Film passt zu oben erw√§hnten Stammtischparolen, denn er besticht vor allem darauf Witze im Vulg√§r- und F√§kalbereich auszuschlachten und dabei mit diesem Image auch noch zu kokettieren. Im Grunde ist Deadpool ein platter Actionrei√üer zur√ľckgeschrumpft auf Bud Spencer und Terence Hill-Humor. Nicht das Bud Spencer und Terence Hill-Filme schlecht w√§ren, aber sie geh√∂ren eher in den Bereich des wirklich Trivialen.

Krankheit

Letzter Punkt: ich war mal wieder krank, aber mittlerweile verstehe ich mehr worum es geht. Der Grund warum ich krank war, ist nicht notwendig eine Infektion, sondern kann zu gro√üen Teilen durch Stress bedingt. Was mir nun im weiteren aufgefallen ist, dass ich ca. 2 mal im Jahr f√ľr jeweils 3 Tage krank bin. Das ist ein absolut normaler Wert und nicht bedenklich, allerdings merke ich, dass es immer genau der gleiche Ablauf ist. Erst Jucken nachts meine Ohren, der Hals schmerzt etwas, und dann f√§ngt meine Nase unnormal an zu laufen. Einen Tag sp√§ter habe ich leichten Husten. Wenn ich sofort meine Nase mit Schnupfenspray behandle schwillt nichts mehr an und auch das Fieber h√§lt sich in Grenzen. Ich lutsche gute Halsbonbons, was vielleicht meinen Hals etwas desinfiziert und nicht viel zur Ausbreitung der Keime beitr√§gt und ich trinke viel Wasser. Fr√ľher waren diese Infekte viel schlimmer, was auch daran liegen mag, dass ich mittlerweile kalt dusche, jeden Tag mit dem Fahrrad einen Berg erklimme und nebenbei noch laufen gehe. Au√üerdem habe ich mein Fr√ľhst√ľck und Mittag standardisiert, so dass immer Gem√ľse auf dem Essensplan steht. Da der Ablauf meiner Krankheiten jedoch immer derselbe ist, habe ich nun folgende These: Da unser K√∂rper mit vielen Bakterienkulturen besiedelt ist, l√∂sen bestimmte Infektionen ein Ungleichgewicht aus, so dass bestimmte Bakterienkulturen in meinem K√∂rper, oder meinetwegen auch Viren, sich rasant vermehren und vom K√∂rper nicht mehr im Gleichgewicht gehalten werden. Dieses f√ľhrt dann zu der immer gleichen Krankheit. Man k√∂nnte es auch eine Immunschw√§che nennen. Ich will mich also in Zukunft darauf konzentrieren, diese Krankheit zu bek√§mpfen, die ich offenbar chronisch habe, so dass es im Alter nicht schlimmer wird.

Warum erz√§hle ich das? Nun ich glaube in diesem Sinne an Naturheilverfahren, aber nicht an Hom√∂opathie. Hierzu ist wieder eine Meta-Studie erschienen, die feststellt, dass Hom√∂opathie nicht wirkt. Aber die L√ľgenwissenschaft ist ja von der L√ľgenpresse gekauft und Donald Trum wei√ü auch, dass man Kinder nicht impfen sollte.

Das war’s. Wenn ihr mir anderweitig folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Facebook¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oder der Googleplus Gruppe oben rechts bei. Ein¬†RSS-Feed¬†ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen.

Norman Schultz

Pittsburgh, Februar 2016

 

 

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Zum Tode meines Professors Edmund Braun

Rembrandt Harmensz. van Rijn - Jeremia treurend over de verwoesting van Jeruzalem - Google Art ProjectAm 20. März 2015 diesen Jahres verstarb mein Professor, Dr. Edmund Braun.

Als ich im Winter 2007 nach K√∂ln kam, da hatte mich so eben Freiburg wegen eines enormen Verwaltungsfehlers abgelehnt. Die Umstellung nach der Bolognese-Reform hatte f√ľr mich erhebliche Konsequenzen.¬†Ich wollte eigentlich Ph√§nomenologie in den Fokus nehmen und mich darauf in Freiburg konzentrieren. Nun gut, immerhin hatte K√∂ln ein Husserl-Archiv und ich besuchte dort auch die Oberseminare.

Bald aber entdeckte ich ein Oberseminar bei einem sehr alten Professor, der schon damals mit erheblichen, gesundheitlichen Problemen zu k√§mpfen hatte. Professor Braun war damals um die 80 Jahre und hatte schon eine sehr steife Statur.¬†Drehte er sich um, wenn ein Student zu sp√§t in den Seminarraum kam, so gr√ľ√üte er ihn sehr freundlich, allerdings nur, indem er steif seinen ganzen Oberk√∂rper zu ihm drehte. Wie er damals trotz seiner Gebrechen noch selbstst√§ndig mit dem Auto zu den Seminaren kam, sch√§rfte in mir den Gedanken: Philosophie-Professoren wollen bis ins Grab hinein unterrichten. Jedenfalls galt dies f√ľr Professor Braun. Kurzzeitig erblindet, lie√ü er sich meine Magisterarbeit vorlesen und lie√ü es sich auch nicht nehmen, meine Pr√ľfungen abzunehmen. Akademisch war Professor Braun bereits von den einflussreichen Schnittstellen abgeschnitten, aber intellektuell f√ľhlte ich mich sehr zu ihm hingezogen. Vor allem sein fortw√§hrender Kontakt zu seinem guten Freund Apel machte seine Philosophie lebendig. Was also enthielt seine Philosophie?

Sprache, die zwar schon immer einen wichtigen Gegenstand der Philosophie darstellte, aber bis zum 20. Jahrhundert nie im Zentrum dieser Disziplin stand, hatte in Edmunds Braun Transzendentalpragmatik den h√∂chsten Rang [1].¬†Sein Buch „Der Paradigmenwechsel in der Sprache“ war f√ľr mich das Zeugnis von dem umfassenden Verst√§ndnis, dass er sich √ľber die Sprach- Philosophie erworben hatte. Seine 20-J√§hrige Forschung zu Aristoteles wendete sich sp√§t, auch dank Apels Einfluss. Nun versuchte er, eine kantisch verstandene Sprachphilosophie als erste Wissenschaft zu etablieren und dabei auch den Verweis auf ein Transzendentales zu erhalten.

Immer wieder ging es in Professor Brauns Seminaren zur Sache. Die These, dass Sprache der unhintergehbare Kern unseres Denkens war, galt unter K√∂lnern streng analytischer Lehre als zu radikal. Einmal verlie√üen zwei w√ľtende Studenten das Seminar und riefen noch √ľber den Flur, dass sein Seminar unm√∂glich w√§re. Dennoch war mir Professor Brauns herausfordernde Art zutiefst sympathisch. Nein, er polemisierte nicht, sondern er erlaubte Studenten sich zu artikulieren, den Inhalten selbst nachzusp√ľren. Interaktivit√§t und Diskurs pr√§gten seine Seminare. Ich hatte immer das Gef√ľhl, dass wir zwar sehr kleinschrittig vorangingen, dennoch f√ľhlte ich immer einen Kontakt zu den gro√üen Themen der Philosophie, die er mit Sachverstand. doch zugleich verst√§ndlich aufschl√ľsseln konnte.

F√ľr Professor Braun war die instrumentale Auffassung von Sprache, die Sprache nur als blo√ües Mittel zur Beschreibung und √úbertragung von Gedanken¬†betrachtet, zur√ľckzuweisen und ihre fundamentale Funktion in allen kognitiven Akten aufzukl√§ren.[2]¬†So hei√üt es etwa bei ihm: ‚ÄěSprache begleitet, begr√ľndet, st√ľtzt und formt unser Denken und Handeln.‚Äú[3]¬†Folglich konnte es f√ľr ihn kein sprachfreies Denken geben. Alles Gedachte vollzog sich in Sprache oder noch genauer im Diskurs.

Hier kam Edmung Braun bald schon auf die Spuren von Robert B. Brandom, der die Auffassung, die Sprache nicht ausschlie√ülich √ľber Repr√§sentationsleistungen definiert, sondern die fundamentale (Be-)Deutungsleistung der Sprache im semantisch-pragmatischen Vokabular ausbuchstabierte. Auch dies brachte mich schlie√ülich auf die Spur nach Pittsburgh.

Das letzte und wichtigste Ziel der Transzendentalpragmatik war f√ľr Professor Braun jedoch, eine universale, normative Ethik zu begr√ľnden. Um jedoch √ľberhaupt eine angemessene Diskussion eines sprachlichen Vernunftbegriffes in der Transzendentalpragmatik im Hinblick auf eine normative Ethik gew√§hrleisten zu k√∂nnen, musste f√ľr ihn erst die Einsicht erfolgen, dass ein Sein-Sollen nur in der Regelhaftigkeit einer dialogischen Sprache fu√üen kann¬†[4].¬†Denn √ľber die Sprache als Bedingung der M√∂glichkeit und G√ľltigkeit der kognitiven Vollz√ľge¬† hinaus ist diese zudem eine normative Institution, da f√ľr die Regeln des Sprachvollzuges konstitutive Voraussetzungen in einer Kommunikationsgemeinschaft anerkannt werden m√ľssen. Insofern √Ąu√üerungen sinnvoll sein und Geltung beanspruchen sollen, ist diese Anerkennung notwendig. Diese stets anzuerkennenden Voraussetzungen sind also Bedingungen und somit immer Grundnormen f√ľr eine Kommunikationsgemeinschaft. Gesetzt sind damit diese Grundnormen durch die Institution der Sprache. Begr√ľndungen k√∂nnen so nur Begr√ľndungen sein, wenn Sprache immer als relatives Sinn‚Äď und universales Geltungsapriori besteht¬†[5].¬†

Sinn ohne Sprache gab es f√ľr Prof. Braun daher nicht. Die Sprache als unhintergehbare normative Instanz und f√ľr jedwede normative Ethik war f√ľr ihn die Grundlage einer normativen, universalen Ethik.

Die fr√ľhe Einsicht der Transzendentalpragmatiker, zun√§chst den semantisch-syntaktischen Sprachbegriff, der sich aus der Annahme einer ausschlie√ülichen Repr√§sentationsfunktion der Sprache herleitet, pragmatisch zu integrieren, was grob gesagt die Ber√ľcksichtung einer Kommunikationsgemeinschaft bedeutet, hatte diese Str√∂mung den gegenw√§rtigen, f√ľhrenden Str√∂mungen wie Robert Brandoms Expressivismus/ dem kognitiven Realismus bereits vorweggenommen.

In der Folge dieser Einsichten begann f√ľr Prof. Braun eine neue Schaffensperiode, die ihn zu immer neuen Artikeln und B√ľchern √ľber eine Ethik auf Grundlage transzendentalpragmatischer Einsichten trieb. Ich erinnere mich, wie er selbst im hohen Alter und geplagt von verschiedenen Strahlentherapien an seinen letzten B√ľchern teilweise bis in die Morgenstunden hinein¬†arbeitete. M√ľde, aber doch mit voller Energie und Diskussionsleidenschaft erschien er dann dennoch bei den Seminaren. Es war immer sein Ziel noch letzte B√ľcher auf den Weg zu bringen und so widmete er sich zun√§chst der Anthropologie und dann vermehrt ethischen Themen, wobei er vor allem die instrumental geleiteten Ethiken angriff und sich auch versuchte gegen die relativistischen Str√∂mungen zu wehren. Ethik war f√ľr ihn begr√ľndet in einer unbegrenzten Kommunikationsgemeinschaft.

Leider entfielen seine letzten Seminare, weil der Gesundheitszustand, es ihm nicht mehr erlaubte, zum Seminar zu kommen. Leider verlie√ü ich K√∂ln bereits im Jahr 2011. Dennoch behalte ich Prof. Braun nicht als alten Professor in Erinnerung, sondern als jemanden, der auch im Alter und trotz Krankheit noch viel Lebensfreude und Inspiration f√ľr seine Studenten aufbrachte. Ich behalte ihn als einen der engagiertesten Professoren in Erinnerung, der immer auf der H√∂he der Zeit seine Theorien entwickelte, was auch die rege Teilnahme vieler Studenten an seinen Oberseminaren bezeugte. Ich bin ihm dankbar f√ľr die Philosophie der Transzendentalpragmatik, die er f√ľr mich aufgeschlossen und entschl√ľsselt hat. Ich w√ľnschte, ich h√§tte die Zeit, zu intensiverem Kontakt genutzt.

Norman Schultz, Pittsburgh, 31. Dezember 2015

Quellen:

Braun, Edmund 1996: Der Paradigmenwechsel in der Sprachphilosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt

Braun, Edmund 2007: Sprachapriori in der Kunst.¬† in Aufgang – Jahrbuch f√ľr Denken, Dichten, Musik – Band 4 – Eros, Schlaf, Tod – Herausgegeben von Jos√© S√°nchez de Murillo und Martin Thurner.

Braun, Edmund 12/2007: K.-O. Apel – Transzendentalpragmatik als normativ-semiotische Transformation der Transzendentalphilosophie.¬†http://www.philosophieren.de/menu1/philosophePERS√ĖNLICHn/apel/apel.pdf

Kuhlmann, Wolfgang 1992: Sprachphilosophie ‚Äď Hermeneutik ‚Äď Ethik.¬†K√∂nigshausen & Neumann

 

[1] Vgl. Kuhlmann 1992: 9

[2] Vgl. Braun 2007: 413

[3]  Braun 2007: 413

[4] Vgl. Braun 12/2007: 3

[5] Vgl. Braun 12/20007: 8

[6] Vgl. Braun 12/2007: 8

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Oberflächliche Ideen und konzentriertes Arbeiten im Detail РZum Stand meiner Dissertation in Pittsburgh

Vierter Juli, das ist schon etwas vorbei, ja, ich schreibe selten und mittlerweile weicht sich das Profil auf, mit dem ich hier urspr√ľnglich begonnen hatte zu schreiben. Mein eigentliches Projekt war es ja Grenzen der Menschheit anzudenken. Das war vor 5 Jahren und in der Zwischenzeit habe ich einen Magister, was mich wohl auch damals zu dem Thema bewogen hat, und au√üerdem arbeite ich mittlerweile an meiner Dissertation. Was also passiert hier nun? Zun√§chst muss ich sagen, dass sich in Pittsburgh das Gef√ľhl von amerikanischer Unabh√§ngigkeit einstellt. Ich war zum ersten Mal im Sommer hier und bin nicht zur√ľck nach Deutschland geflogen und so habe ich auch den Unabh√§ngigkeitstag zum ersten Mal als wirklich nationales Event kennengelernt.

Im Weiteren ist meine Tochter nun eingetroffen und wir haben ein paar Kinder eingeladen und ihren Geburtstag nachgefeiert.

Hier sind sie beim Versteckspiel:

Au√üerdem, wie man sehen kann, habe ich mir f√ľr diesen Anlass eine neue Linse f√ľr meine Kamera besorgt. Eine Feststelllinse mit der ich bestimmte Unsch√§rfeeffekte hervorrugen kann und dar√ľber hinaus, das Licht sehr gut einstellen kann.

Nun aber zum eigentlichen: Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, hier weniger √ľber meine philosophische Arbeit zu berichten und st√§rker reflektierende Kulturphilosophie zu betreiben. Dies hatte auch einen einfachen Grund: Philosophisches Handwerk ist in den konkreten Begriffen z√§her als ungekochte Schuhsohle. Mir fiel schon seit l√§ngerer Zeit auf, dass sich dabei philosophische Werke einerseits aus leicht zu verstehenden Slogans, andererseits aus konkreter Detailarbeit zusammensetzen. Mit Slogans meine ich Schlachtrufe, wie „zu den Sachen selbst“, eine Husserlianische Aufforderung, die verstaubten Begriffe von Gott sowie haltlose Spekulation hinter sich zu lassen, der Slogan „Identit√§t der Identit√§t und Differenz“, eine kompliziertere Deutsch-idealistische Formulierung, die davon ausgeht, dass Sein sich nur verstehen l√§sst, wenn wir eine Einheit aus Sein und Nicht-Sein konstruieren, was nat√ľrlich auch Slogans wie das parmenidische „Alles ist Eins“, was eben diese Differenz in der Identit√§t nicht zul√§sst, oder Slogans wie das heraklitische „Alles flie√üt“ umf√§sst, wobei die Heraklitische Idee besagt, dass es keine stabilen Realit√§ten gibt, sich alles ver√§ndert und somit neben der Differenz keine Identit√§t sein darf. Von hier aus ist es nicht weit bis zur Hausfrauenapothekenphilosophie: Wo Licht ist, ist auch Schatten, wo Sonne ist, muss es auch Regen geben oder man muss das alles ganzheitlich sehen.

Problematisch ist, dass wir mit solchen Slogans f√ľr gew√∂hnlich unsere Weltbilder zimmern. So ist zum Beispiel das Wort „ganzheitlich“ zum t√∂dlichen Schlagwort f√ľr Impfgegner und ihre Rechtfertigung in der Regel nicht mit Details begr√ľnden, sondern auf Slogans hereinfallen. Daher f√§llt mir nur immer wieder ein, was mein erster Professor Rainer Enskat damals sagte, dass Wissenschaft bei der Genauigkeit beginne. Ich glaube, ich verstehe das von Jahr zu Jahr besser. Im Gegensatz zur Hausfrauen- oder meinetwegen Hausmannphilosophie ist die Philosophie die Wissenschaft vom Ganzen und beschr√§nkt sich nicht nur darauf, verschiedene Slogans in einen Topf zu werfen und dann einmal kr√§ftig zu r√ľhren. Es geht auch nicht um Schlagworte wie „ganzheitlich“, denn ich behaupte, dass jeder der genuin an Wissen interessiert ist, auch eine ganzheitliche Betrachtung verfolgt. Vielleicht ist gerade der im Unrecht, der eine ganzheitliche Perspektive f√ľr sich ohne Weiteres in Anspruch nimmt?

Nun bemerke ich bei meinen Texten, dass ich oftmals diesen Sloganbrei selbst zusammenr√ľhre und die konkrete Arbeit am Begriff hinterherhinkt. So wei√ü ich zum Beispiel, dass Brandom eine pragmatische Integration der Referenz-Semantik anstrebt, wie er das aber konkret mit anaphorischen Begriffen macht, habe ich noch nicht ganz erarbeitet. Auch seine Unterscheidung zwischen De-Re und De-Dicto-Aussagen ist noch nicht in Fleisch und Blut √ľbergegangen. Dennoch wei√ü ich:¬†Making it Explicit ist Brandoms Meilenstein, was die ganzheitliche Ausarbeitung in Bezug auf das Repr√§sentationsproblem angeht und selbst Habermas √ľbersch√ľttet es gerne mit Lob. Aber das ist Oberfl√§che.

Aber damit tauche ich auch schon in die Schwierigkeiten. Also abgesehen von diesen Slogans hat mich immer schon das Detail interessiert. Hier aber kommen wir in eine Welt, die sich vom ersten Anschein verabschiedet und in einen haltlosen Boden driftet. Warum das? Wo Erkl√§rungen immer wieder √ľberworfen werden und keine Wahrheiten bestehen bleiben, weil sich im Detail der Slogan einfach als zu oberfl√§chlich zeigt, dort bleiben wir nicht bei Resultaten stehen. Die Befriedigung, die sich oftmals im Alltag einstellt, weil ein gemeinsamer Nenner gefunden wurde, ist nicht unbedingt das Resultat der Philosophie. Mittlerweile kann ich sagen, das Vorsicht bei Menschen geboten ist, die einem simple Wahrheiten verkaufen. Dabei ist √ľbrigens auch jene angebliche Wahrheit, dass Wahrheit einfach sei, ziemlich verd√§chtig. Es haben sich schon viele mit Ockhams Rasiermesser geschnitten (Vorsicht: Kalauer).

Nun ja aber warum das alles? Eigentlich hatte ich einen Nachruf auf meinen Professor aus K√∂ln verfasst und dort viele Slogans zusammengezimmert. Leider habe ich vergessen zu speichern. Auf jeden Fall ist der Artikel jetzt mal weg und die Zeit dr√§ngt. Nun, was passiert also gerade in meiner Philosophie? Ich frage mich wirklich, ob es Individuen wie St√ľhle gibt. Das ist nat√ľrlich bescheuert, denn nat√ľrlich gehen wir damit tagt√§glich um und stellen sie von A nach B, aber abgesehen von diesem Resultat, dass wir mit Ph√§nomenen wie „Stuhl“ operieren, erscheint mir die √úberlegung, dass es Dinge an sich gibt oder dass dort Materie sein soll, doch sehr abstrakt.

Moment ich sage nicht, dass es keine Materie gibt oder keine Gegenst√§nde, aber ist mit den Worten „Materie“ und „Dinge“ schon alles oder √ľberhaupt etwas gesagt? Wie man die Brille auf seiner Nase nicht mehr sieht, ein hochkomplexes Ger√§t, ebenso wie man sein Auge nicht sieht oder ebenso wie viele Menschen im Mittelalter nicht wussten, dass sie ein Gehirn haben, so erscheint mir auch der Begriff „Materie“ als nahezu unbekannt, denn wir haben Materie einfach nicht erfahren. Es ist ein √§u√üerst schwammiger Begriff, der keine genaue Bestimmung hat. Irgendwie verfahren wir mit dem Resultat, dass Aristoteles unter dem Stichwort Hyle (Holz) als erstes fasste. Ja damals hie√ü Materie noch Holz, was ein Ausdruck einer Verlegenheit ist, aber diese Verlegenheit haben wir mittlerweile auch wegen der Informationsf√ľlle unserer Alltagswelt vergessen (Wer das Internet benutzt, f√ľhlt sich dabei oftmals nur schlauer, wie Forscher jetzt herausfanden. Das habe ich √ľbrigens gegoogelt und ich f√ľhle mich jetzt tats√§chlich schlauer). Was aber soll Materie sein?

Eine Studentin im Seminar bei mir zeigte sich ganz schockiert, dass ich den Begriff Materie nicht voraussetze und ihn auch herleiten möchte. Sie schaute mich an und meinte, dass doch alle Dinge Materie hätten. Daraufhin fragte ich sie, ob sie mir Materie mal zeigen könnte oder ob sie welche zu Hause hätte und mal mitbringen könnte.

Mir erscheint, dass hier oftmals vieles auf sogenannter externer Reflexion fu√üt, zum Beispiel, dass wir mit Dingen umgehen als w√§ren sie Materie. Was aber hei√üt „mit einem Ding umgehen“? Und was ist ein Ding? Ich sage dabei nicht, dass es diese nicht gibt, aber wie Russel zum Beispiel behauptet, er habe eine Eimer-mit-Schrot-Theorie w√§hrend Hegel eine Sch√ľssel-voll-Marmelade-Theorie h√§tte, so erscheint es mir absurd, zu behaupten, unser Universum w√§re ein Eimer gef√ľllt mit individuellen Schrot-teilchen, denn wie stehen diese Teilchen in Beziehung? Hegel behauptet √ľbrigens nicht, dass gem√§√ü einem Marmeladentopf alles zusammenklebt, sondern seine Kritik entspringt eher daran, einen unbegr√ľndeten Atomismus zu behaupten, eben diesen den Russel gleich wieder beginnt, nachdem Russel Hegel wie eine wehrlose Strohpuppe abgeschossen hat (eine sehr gute Analyse des Gr√ľndungsmythos bietet hier Redding).

Nun ist es bei Hegel tats√§chlich so, dass er sich von einem semantischen Atomismus verabschiedet und damit einen sogenannten holistischen Pragmatismus vorwegnimmt. F√ľr ihn m√ľssen Dinge auch in ihrer Relation gekl√§rt werden. W√§re zum Beispiel dieser Stuhl nur f√ľr sich, ein In-sich-sein, dann w√ľrde er nicht in Bezug auf anderes sein k√∂nnen. Er w√ľrde wie Sein in sich zusammenst√ľrzen, keine Beziehung zu nichts aufweisen und w√§re damit f√ľr uns nichts. In-sich-sein wie Sein w√§re dann epistemologisch nichts. Es w√ľrde wie Leere zerfallen, daher muss eine Differenzierung ein √úbergang zu dem Sein-f√ľr-anderes stattfinden. Der Kniff aber an Hegels Theorie ist nicht, dass er nun behauptet, dass der Stuhl nicht an-sich in-sich w√§re, sondern dass Hegel terminologisch einfach die Herkunft unserer Begriffe begr√ľnden will, wobei diese Selbstbewegung des Begriffes die ihm angenehme Ontologie und den Inhalt jeder Logik ausmacht. Wir reden also nicht √ľber Identit√§ten, sondern erst einmal √ľber differente Dinge, die uns auffallen und versuchen sie in immer h√∂herer Aufl√∂sung zu beschreiben. Das w√§re dann die Arbeit am Detail und stattdessen einen Slogan von Realit√§t vorauszusetzen, versuche ich diese Details mit ein paar historischen Slogans in Ber√ľhrung zu bringen. Das ist gerade Gegenstand meiner Dissertation.

Soviel also zu dem, was mich philosophisch gerade besch√§ftigt, ansonsten ist, wie oben gesagt, meine Tochter hier, die sich √ľbrigens von einem Genie drei Dinge w√ľnschen w√ľrde: ein Einhorn, eine Prinzessin zu sein und eine Banane.

Weil sie gekommen ist, habe ich die neue Linse gekauft, die diese Unsch√§rfeeffekte gut erzeugen l√§sst und ich habe auch eine Party f√ľr sie gemacht.

Gil, ist √ľbrigens Musiker und wir bei unserer n√§chsten Party einen Musikworkshop mit alternativen Instrumenten organisieren.


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Norman Schultz, Pittsburgh Juli 2015

Norman Schultz

Pittsburgh, Juni 2015

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Griechenland, EZB, Russland und der ganze Rest – Meine Meinung zur Gegenwartspolitik – Juninous 2015

 

Aegina, The Temple of AphaiaDer Grexit soll nun aus einer fortw√§hrenden Krise die Ansteckungsgefahr europ√§ischer Staaten auf die Probe stellen. Inwieweit greift dann das gro√üpolitische Finanzgemetzel in unsere Tasche? F√ľr mich ist das relevant, da meine Familie aus Europa zu Besuch kommt und n√§chste Woche vielleicht stark entwertete Euros in Dollar wechseln muss. Dabei sind wir nat√ľrlich nicht wirklich schockiert. Die Malaise ist eigentlich einer Erscheinung der Moderne und Europa steckte schon immer halb im Geburtskanal, der irgendwie auch immer hin zum Sterbebett f√ľhrte. Unsere Krankheit √ľber √∂ko-logische Verh√§ltnisse zu leben entspricht einem R√§uber-Beute-Prinzip und auch wenn wir darauf keine letzte Zigarette mehr rauchen, wir prosten uns nochmal zu, als w√§ren w√§ren wir auf einer Selbstm√∂rderparty.

Trotz dialektischem Schwelen zwischen Macht und √úbermacht sind Krisen dabei nicht nur dumpfe Inhalte unserer Zeitungen, sondern ein mediales Hintergrundrauschen; mit unter auch ein romantisches Lagerfeuerknistern. Wir informieren uns √ľber die Krise morgens im Radio. Lagerfeueratmosph√§re kommt auf. Abends schauen wir wie zu einem Feuerwerk am Medienhorizont hinauf. Was ist schon eine Krise? F√ľr uns, eine Generation, die immer mehr brauchte und immer mehr verbrauchte, bleibt auch dieses vermeintliche Gewitter wie eben Nachrichten √ľber ein anderes Wetterungeheuer. Wer einen warmen Sommer aush√§lt, der h√§lt auch mal eine Krise aus. Wer einen Schnupfen hat, der erholt sich auch schon mal mit Hom√∂opathie. Und die Krisenzigarette rauchen killt nur langfristig, aber gelebt wird jetzt. Was ist schon Askese wert im Vergleich zu einer guten alten Selbstm√∂rderparty? Wahre Dialektik aber endet mit dem Genuss und nat√ľrlich muss die normale Arbeit auch weiter gehen. Wir erz√§hlen Geschichten nicht zu Ende, weil wir keine Zeit haben. Geschichte √ľbersteigt unsere Lebenszeit. Das ist alles kein Vorwurf. Die Meinung ist dabei die Abk√ľrzung zum Circle-Jerking der Verschw√∂rungstheoretiker. Meinungen sind noch irgendwie in ein Gehirn pressbar.

Aber die Krise hat auch andere Konsequenzen f√ľr das europ√§ische Narrativ: Europa kennt keine Helden, denn Medien k√∂nnen keinen Kelmut Hohl mehr installieren. Daf√ľr ist das Internet zu fraktuiert und mit Routineverschw√∂rungstheorien besch√§ftigt. Es sollte ja nur eine linke Regierung gest√ľrzt werden.

Die Amerikaner haben wirklich das ganze Wochenende ihre neu errungene Freiheit gefeiert, wie dieser Herr hier.

Abstraktes Geld das irgendwo in Sumpflandschaften investiert wird, bleibt unverst√§ndlich, selbst f√ľr die handelnden Politiker. Aber es sind doch unsere Steuern oder? Ist da nicht irgendwo auch mein Euro drin? Die Idee des Besitzes hat eine ganze Gesellschaft ergriffen und ist dabei so abstrakt geworden, so dass jedem Steuerzahler irgendwie auch Griechenland geh√∂rt. Die Dinge in der √∂ffentlichen Welt, sie geh√∂ren pl√∂tzlich allen. Schaut man genau hin, so erkennt man in jedem √∂ffentlichen Gegenstand auch sein Geld darin. Und obwohl wir nicht einmal eine Schachpartie angemessen verstehen, wissen wir alle irgendwie, was Dr. Merkel machen sollte.
Die Dialektik von Krisen hat mit der Entwicklung neuester Medienkanonen einen weiteren Push in Richtung Meinung bekommen. In Informationsfluten geht man nicht baden, sondern unter. Statt Informationen lassen wir uns daher abends warme B√§der mit Meinungsschaumbad ein. Nat√ľrlich geh√∂re ich dazu, auch wenn ich mich eigentlich politischer Meinung immer enthalten wollte.
Derweil scheint hier allen der Regenbogen aus dem Arsch, da Amerika jetzt schwul ist. Die Medienkanonen feuern hier aus allen Rohren und Menschen laufen mit Regenbogenfahnben √ľber die Stra√üen. Wie die Ice-Bucket-Challenge geh√∂rt es nun zum guten liberalen Ton, sein Profilbild in Regenbogenfarben zu wechseln. Selbst mein Professor fragte mich, ob dies nicht die perfekte Realisierung von Habermas‘ Ideal einer entsubstantialisierten Legalit√§t ist. Ich wei√ü dabei nicht, ob die Welt wirklich substanzlos ist. Ich sollte Eisleben fragen. Eine andere Meinung ist so gut wie meine. Meinungsfreiheit ist Meinungsgleichheit und sie wird zur W√§hrung in entsubstantialisierten Systemen. Youtube macht es vor. Meinungsjongleure sind erfolgreicher, werden Million√§re und interviewen Frauen dann √ľber den schnellen Sex. Vom schnellen Sexgespr√§ch zum schnellen Geld.

Der Trend geht zu diesen Pranks und Interviews. Ansonsten aber weiß ich wirklich nicht, welche Meinung ich von großpolitischen Ereignissen haben soll. Versuche mich aber an dem Thema in meiner Dissertation weiter abzuarbeiten. Mit Meinungen aber geht es im Leben weiter. Denn Meinung ist im Aggregat nicht nur eine Parellelwährung auf Youtube, sondern ein reißender Empörungsfluss, der auch staatlich kanalisiert werden sollte. Schauen wir also nach Russland.
Derweil arbeiten die Russlandversteher daran, ihren Ruf zu verbessern. Jemanden zu verstehen ist ja eigentlich gar nicht mal so schlecht und stattdessen muss man doch erstmal √ľberhaupt verstehen, so sagen sie. Nagut dann mal los. In Russland sind im letzten Jahr f√ľnf neue Stalinstatuen eingeweiht worden. Wie versteht man das? Das h√§ngt alles damit zusammen, dass Amerika zuerst 5 neue Obamastatuen in der Ukraine eingeweiht hatte? Oder wenn China das mit Mao Dse Dung darf, dann ist es sowieso alles egal-legal? Legal ist, was ist gleich ist? Schaut euch weiter eure Sendung-mit-der-Maus-Versteher an, anstatt in der Dialektik nicht auf dem halben Wege stehen zu bleiben. Hier ein Video, dass einiges Kopfnicken erzeugen wird, aber sagt mal geht euch eure Stimme nicht selbst auf den Geist?

Ich beschr√§nke mich hier auf die Kritik der Stimme, denn der Aufwand w√§re zu gro√ü, eine Dialektik auszuarbeiten.¬†Ich hoffe nur, dass Russland jetzt auch mal ein paar Gay-Statuten √ľberarbeitet. Den homoerotischen Putin haben sie ja schon. Aber ganz ehrlich unter der Knute von der russischen Regierung w√ľrden hier so einige M√§uschen ganz still sein, auch wenn ich zugebe, dass ich mich immer frage, wie viel die NSA von mir ablauscht. Ich muss ja sogar mit der Sevis-Geb√ľhr f√ľr meine eigene √úberwachung zahlen.

Ach, aber Russland, wohin steuerst du nur? Ich habe so gerne deinen russischen Klavierkadern gelauscht und deine Schachpartien studiert. Es war alles nur Prestige richtig?

Aus Anlass des Weltkrieg-Gedenkens wurden im Mai auch f√ľnf neue Stalin-Denkm√§ler in verschiedenen russischen St√§dten eingeweiht.¬†http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-05/wladimir-putin-bueste-statue-verehrung

Hurra, Putin, deine Politik ist genauso gut wie Stalins. Da f√§llt mir ein: Ich wei√ü noch wie meine Kindergartenerzieherin in der DDR mir einst ein Z√§pfchen gegen Fieber in den Hintern schob. Wir gingen in einen kleinen Raum und dort hing das Bild unseres gro√üartigen Parteif√ľhrers, Erich Honecker. Sp√§ter dann als ich krank war und ihn im Fernsehen sah, rannte ich schnell in die K√ľche und sagte meiner Mutter, sie sollte schnell ins Wohnzimmer kommen. Als sie ins Wohnzimmer kam, erkl√§rte ich ihr, dass Erich Honecker im Fernsehen sei. Der wollte ja auch nur das beste f√ľr uns. Und wie ist das mit Russland?

Der Pr√§sident wird nicht nur freiwillig verehrt. Gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit im Jahr 2000 verordnete Putin, dass sein Konterfei in Beh√∂rdenb√ľros zu h√§ngen habe. In der Privatwirtschaft ist es inzwischen nicht mehr nur eine Frage des guten Geschmacks, es den Beh√∂rden gleichzutun. http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-05/wladimir-putin-bueste-statue-verehrung¬†¬†

V√∂lker werden in der Zwischenzeit zu Br√ľdern, schlie√ülich ist es f√ľr China und Russland wichtig, gemeinsame Milit√§rman√∂ver im Mittelmeer abzuhalten. Und wer jetzt sagt, die Nato macht das ja auch, der folgt einer irren Logik, denn, was falsch ist, wird nicht dadurch richtig, dass andere es machen. Nat√ľrlich wissen sie das, ich wei√ü. Irgendwie wei√ü ja jeder alles. Aber die Verbr√ľderung von Russland und China folgt einer Aufr√ľstung von Staaten, die durch Kooperation nicht viel zu bef√ľrchten hatten. Meine These hierzu ist folgende: Da die Verteilung der Macht auf wenige Reiche in ihren Staaten erfolgen soll, r√ľsten Staaten auf. Reiche wollen nicht kooperieren und dabei Verm√∂gensanteile an die Demokratie abgeben. Das ist die eigentliche Gefahr f√ľr Russland und Russland bleibt eine Oligarchie, auch wenn Putin einigen Milliad√§ren den Hals abgeschnitten hat.

Ich gebe zu: Reichtum will keine Demokratie und nat√ľrlich ist das auch ein Problem demokratisch stark limitierter Kaptitalismen ¬†wie hier in Amerika. Aber eins ist f√ľr mich klar, das ist kein Kommunismus der gegen das b√∂se Amerika antritt, sondern eine prinzipielle Dynamik, die nicht gut zu hei√üen ist und da hilft auch kein Putin verstehen. Wenn ich mir dann Meinungsfreiheit, Gef√§ngnissysteme, den Umgang mit Kindern anschaue, dann denke ich, dass wir in der westlichen Welt noch einen Vorsprung an Demokratie haben, auf den ich mich konzentrieren m√∂chte, ihn auszubauen. Ich habe keine Zeit Russland zu verstehen.

Im Weiteren ger√§t der Krieg zu einem Krieg an allen Fronten, so dass Europa zwischen √úberwachung der Amerikaner, dem erotischen Putin (der seine popul√§re Manneskraft an der Front gegen den Westen st√§hlt) und dem IS bedroht wird, der ja Angriffe √ľber das Mittelmeer auf den weichen Leib Europas plant. Von der inneren Bedrohung einer entfesselten Meinungsdemokratie ganz zu schweigen. Es scheint aber als m√ľsste Deutschland sich damit begn√ľgen f√ľr Gerechtigkeit zu streiken, obwohl es internationale Gerechtigkeit noch nicht verstanden hat. Warum aber ist Deutschland und Amerika besser? Ich habe mir tats√§chlich eines der Schl√§chtervideos der IS angeschaut und bin entsetzt wie professionalisiert die Abschlachtung von Menschen dort im Namen einer Religion √§sthetisiert wird. Amerika foltert ohne Frage, ob es sind nicht Millionen an Menschen, die in Konzentrationslagern verdampft, ertr√§nkt und enthauptet werden. Nat√ľrlich muss auch Amerika sein Demokratieverst√§ndnis √ľberarbeiten. Wenn ihr das anf√ľhrt, dann ist das ohne Frage. Aber Amerika ist entsubstantialisiert eben doch zu Selbstkritik in der Lage. Warum m√ľsst ihr hier zwei schlechte Karten konstant gegeneinander auszuspielen versuchen?

Was passiert derweil in China? Man sch√ľttet Sandburgen im Meer auf, weil Vietnam damit angefangen hat:¬†http://blog.zeit.de/china/2015/05/19/chinas-landgrabbing-im-suedchinesischen-meer/

China glaubt, wer das st√§rkere Milit√§r hat, der verliert auch kein Gesicht. Und so kann China auch schon mal anmerken, dass sie den internationalen Gerichtshof nicht anerkennen werden, es sei denn er entscheidet sich nat√ľrlich f√ľr ihre Rechte. Und was sagt der Meinungsmacher neben mir: Internationaler Gerichtshof, das ist doch dieses amerikanische Instrument, das Bush wegen seiner Kriegsverbrechen nicht verurteilt. Wohin f√§llt euer Nihilismus letztlich, wenn ihr darin nicht auch eine Errungenschaft sehen k√∂nnt, die der Kampf f√ľr Demokratie gebracht hat? In Demokratien k√∂nnen nicht alle gesellschaftlichen Gebilde von wenigen Entscheidern kontrolliert werden, und darum lehnen autorit√§re Regime demokratische Instrumente ab. Der Ausbau bestehender Institutionen ist nicht viel Wert im Hinblick auf den Kindergartenstreit, wer angefangen hat. Stattdessen aber pusht das Internet an harte Meinungsfronten:

Viele deutsche Verdrossene haben ein Jahr der Erweckung hinter sich. Sie haben sich auf Demos kennengelernt und in Facebookgruppen vernetzt. Sie haben sich gegenseitig best√§tigt, dass es nicht radikal sei, Schwule f√ľr krank zu halten und Muslime f√ľr gewaltt√§tig. Im diffusen Milieu der Unzufriedenen hat sich eine handelnde Gruppe der W√ľtenden herausgebildet. Die AfD, und zwar der nationalkonservative Fl√ľgel, hat Zugang zu ihnen.¬†http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-05/afd-lucke-ausstieg-weckruf2015/seite-2

Man hat sich bereits auf die richtige Strategie innerhalb Europas geeinigt, nämlich seine Feindbilder zu kultivieren. Es passt zu den Gefahren, die den Horizont Europa umschließen. Und ja dazu gehört auch Putin, aber nicht Russland. Es wird Zeit Festungen zu bauen oder? Die Globalisierung erfährt ihre Grenze in den Meinungsverschiedenheiten, die sich mit der Anzahl der Diskursteilnehmer potenziert. Frigida, Ausländerfeinde aus Freising haben sich dabei bereits im Namen klar definiert: Intellektuell fruchtlos. Aber was sagt der vermeintlich intellektuell Potente dazu, der mir nun vorwirft, dass ich Putin als Feindbild institutiere?

Ich tauge einfach nicht f√ľr die reine Lehre. Egal ob Kapitalismus, Sozialismus oder Liberalismus: Ich konnte noch nie etwas mit ‚ÄďIsmen anfangen. Sobald n√§mlich eine Idee zur Bewegung wird, fordert sie Anpassung. Und das l√∂st ihn mir reflexhaften Widerstand aus.¬†http://www.huffingtonpost.de/2015/04/20/veganer-erziehen_n_7099460.html

Gut hier ist nicht Russland im Kern des Gespr√§chs, aber die Umlenkung des eigentlich Skandal√∂sen in eine entsubstantialisierte Dialektik ist prek√§r. Die Frage nach den Ursachen und von gesellschaftlichen Dynamiken ist ein Teil unserer gesellschaftlichen Selbstkritik, aber sie ist in einigen Punkten schlichtweg falsch und t√§uscht √ľber die Substanz hinweg. Wir sehen in diesem Clickbait-Artikel, der eben nur darauf angelegt ist, Klicks zu erzeigen, dass diese Meinung sogleich zur Ablehnung dessen f√ľhrt, was pure Ausbeutung des Sein anprangert. Die Ausbeutung der Umwelt durch den Menschen und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Dies sind die wahren Themen, die zusammengeh√∂ren. Was also haben Veganer mit Meinungen zu tun?

So geht es mir auch mit dem Veganismus. […]¬†Ich bin nur noch genervt von deinen H√ľhnerhof-Schockvideos. Warum? Du sprichst nicht mit mir. Du br√ľllst mich nur noch an. Das finde ich nicht nur unh√∂flich, sondern auch verdammt ignorant.¬†http://www.huffingtonpost.de/2015/04/20/veganer-erziehen_n_7099460.html

Lieber Herr Ignorant, die Welt br√ľllt, weil das Leid so unglaublich ist. ¬†Wo das Mitgef√ľhl aufh√∂rt, dort beginnt dann das gro√üpolitische Gezanke und Theater. Dein -Ismus, vor dem du dich so reflektiert fl√ľchtest, hei√üt, Nihilismus, und genau dahin f√ľhrt eine entsubstantialisierte Dynamik von puren Rechtsstaaten, in reines Meinungsgerangel und eine egalen Gleichheit. Und was passiert mit Griechenland morgen? Es werden noch nicht alle Instrumente abgestellt, der komat√∂se Patient h√§ngt noch am Tropf der EZB. Griechenland wird sich zum Referendum retten und f√ľr nach einer Woche mit Schrecken und blauem Auge f√ľr das Hilfspaket stimmen. Gut, mit all diesen halben Fragmenten gebe ich zur√ľck nach Deutschland und widme mich wieder meiner Dissertation, um das ganze systematisch auszuarbeiten. Ach und wer noch einen wirklichen, guten Text zum Thema Griechenland lesen will, der sollte sich nat√ľrlich nicht mit meiner halben Meinungsmache auseinandersetzen, sondern Habermas studieren:

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/europa-sand-im-getriebe-1.2532119

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Norman Schultz

Pittsburgh, Juni 2015

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Ist Kunst Kunst? Alfred Eisleben zur Dialektik der Kunst zwischen Materie und Form (Teil 1)

Da Vinci Vitruve Luc Viatour Norman Schultz: Was ist Kunst?

Alfred Eisleben: Gegenfrage: Ist Kunst Kunst?

Norman Schultz: Womöglich ist die Frage falsch gestellt und sie wollen darauf verweisen das Kunst kein Ding unter Dingen ist?

Alfred Eisleben: Vielleicht ist es das nicht. Ist Kunst daher ein Strom, etwas Wandelndes, etwas Elektrifizierendes, eine Euphorie, die im Medium des Fleisches und Datenpaketen die Welt umspannt? Ein Schleier, der Wirklichkeiten umh√ľllt? Ist Kunst ein Formwandler, etwas, das von K√∂rper zu K√∂rper springt, ein Virus, der sich Leben in K√∂rpern sucht, etwas, das nutzlos f√ľr uns ist, so nutzlos wie das Sternfeuer oder so nutzlos wie Existenz, n√§mlich etwas, das einfach nur ist? Ist Kunst vielleicht einfach nur ein Potenzial in den Dingen, das zur reinen Aktualit√§t verf√ľhrt? Nichts anderes an den Dingen zeigt als ihr Sein? Ich meine, nacktes Sein ohne alle Zus√§tze, ein Fenster aus dem Universum heraus, in ein anderes weniger effizientes Sein? Ein Fenster aus dem Universum der Dinge heraus, in blo√ües, reines Sein?

Norman Schultz: Sie schreiben, dass Kunst √ľber die Materialien hinausgehe, dass es nicht direkte Eigenschaft des Materie ist. Das w√ľrde sich decken mit Ihrer Andeutung, dass Kunst nur Sein ist.

Alfred Eisleben: Nein, so konkret w√ľrde ich das nicht behaupten. F√ľr mich ist der Streit der Autorit√§ten auf diesem Gebiet nicht so eindeutig gekl√§rt. Sie wissen, der Streit zwischen diesen Berghallenk√∂nigen, Aristoteles und Platon.

Norman Schultz: Ich kann mir denken, was Sie meinen, aber bitte f√ľhren Sie aus.

Alfred Eisleben: Ach, es ist einfach die Frage, wie wir eine Befreiung von den Materialzw√§ngen erreichen. Damit meine ich, ob ein Gedanke ohne Material m√∂glich ist, ob so etwas wie reines Sein sein kann. F√ľr Platon waren die Dinge zum Beispiel immer noch ein zweites mal als Dinge-an-sich gegeben. In diesem Sinne sahen wir die Dinge immer durch den Seinsverst√§rker des Ideals. Der Mensch war nur eine schlechte Kopie vom Menschen-an-sich so wie jedes Ding irgendwie immer nur eine schlechte Kopie war von dem, was da an-sich war. Da war es schon schwer positiv zu bleiben und an regnerischen Tagen im Diesseits musste der K√∂nigsphilosoph vom Reich der Seelen tr√§umen. Er tr√§umte von einem wahren, ewigen Jenseits, wo wir noch wirklichen Hunden, wirklichen Menschen, wirklicher Kunst begegnen w√ľrden.

Norman Schultz: Aus diesem Grunde nennen wir ja Platon auch einen Idealisten. Er meinte, dass anders Erkenntnis nicht zu erklären wäre.

Alfred Eisleben: Richtig, f√ľr Aristoteles aber stand bei dieser Weltentheorie zuviel √ľber. Eine Verdoppelung der Welt im Ideal konnte er nicht akzeptieren, da wir nicht erkl√§ren konnten, wie denn die realen Dinge, in diesen Dingen an sich partizipieren. Die Dinge waren nicht Teilhaber an etwas besserem. Er meinte daher, dass wir viel eher die Formen von den Dingen absch√ľrfen. Diese Dinge sind irgendwie ein Amalgam aus Material und Form. Unsere Perspektive aber w√ľrde sie nach verschiedenen Gr√ľnden sortieren. Einmal w√ľrden wir die Dinge als Materie sehen, dann wieder als Form. F√ľr Aristoteles war aber im Material immer schon etwas Geistiges enthalten, so wie im Geistigen immer etwas Materie. Beides waren nur Weisen wie vom Sein in mannigfaltiger Bedeutung sprachen. Wir erstellen sozusagen billige Kopien von den wirklichen Dingen, wobei etwas von den Dingen in unseren Kopien enthalten ist, andernfalls w√§re es ja keine Kopie.

Norman Schultz: Das hei√üt also f√ľr Plato war die Welt schlicht, w√§hrend √ľber ihr das Reich der wirklichen Wirklichkeit thronte.

Alfred Eisleben: Ja, f√ľr Platon war unsere Welt immer nur eine plumpe Version von dem, was wir erreichen k√∂nnen, w√§hrend Aristoteles uns eher als Formenabstrahierer sah. Das hei√üt wir haben die Formen irgendwie aus den Dingen herausgesaugt. Aber das Thema ist nat√ľrlich komplizierter. Auch meine Zwei-Welten-Interpretation von Platon ist schief. Die Frage jedoch bleibt, woher kommt die Kunst? Aus dem Ding wie bei Aristoteles oder aus einem, inneren Genie, das wir innerlich sp√ľren und das schon immer Kontakt zum Besseren, zum inneren Licht hatte?

Norman Schultz: Mit Aristoteles k√∂nnten wir sagen, dass sich die¬†Kunst¬†in ihrer heutigen Profession nur entwickeln konnte, weil nach und nach die Materialien g√ľnstiger wurden. In diesem Sinne h√§tten wir die Kunst vom Material abgewonnen.

Alfred Eisleben: Ja, das ist eine simple These im Hinblick auf die Entwicklung der Kunst. Halten wir jedoch zun√§chst fest: Kunst erlaubt sich weniger Materialschlachten als Kriege, ist aber dennoch eine eigenartige Maschine, die Materialien bedarf. Nur schauen Sie! Es ist nicht so, dass Kunst allein vom Material profitiert. Es geht bei Kunst wenig um Profit, auch weil die Kunst nur gering auf Gesellschaften einwirkt und wenn dann in so langen Zeitzyklen, so dass schlie√ülich eine Kosten-Nutzen-Kalkulation abwegig ist. Niemand investiert in Kunst, weil sie Kriege gewinnt. Kunst hat keine konkreten Effekte. Niemand ver√∂ffentlicht sein Gem√§lde und die Gesellschaft erf√§hrt einen grunds√§tzlichen Wandel. Weil Kunst also so minimal in ihrem konkreten Nutzen war, verblieb sie oftmals ein Nebenprodukt von Gesellschaften, die √úbersch√ľsse zulie√üen. Dann aber k√∂nnen wir davon sprechen, dass Kunst Material zur Verf√ľgung gestellt wurde, das anders nicht ben√∂tigt wurde. Dass ein Fortschreiten in der Materialialgewinnung ein Fortschreiten in der Kunst bedeutete, tritt also wom√∂glich nur korrelativ auf, ist aber nicht kausal. Ich k√∂nnte also ebenso durch die √úberschussproduktion Kunst erkl√§ren. Pl√∂tzlich waren da diese Energien.

Norman Schultz: Welche √úberschussenergien sind das also f√ľr Kunst?

Alfred Eisleben: Kunst ragt aus Gesellschaften √ľber die Zeit hinaus. Das Tierreich der Vergangenheit hinterlie√ü uns wenig. Ihre Knochen kommunizieren mit uns nur sehr beschr√§nkt und wir sind eher beeindruckt von dem Formenreichtum der Gesch√∂pfe und bauen ein paar Evolutionstheorien daraus. Von den Pflanzen verheizen wir die Reste pragmatisch. Kunst aber erz√§hlt uns von einer h√∂heren Geschichte in uns. Die Vergangenheit redet hier mit uns in der Sprache der Ewigkeit. Wobei wir hier nicht profitieren, sondern gar investieren, um diese Geschichte als Sinnbild der Menschheit zu erhalten. Es geht um eine Menschheit, die sich sich √úberfluss erlaubt, weil sie nur darin Ewigkeit an sich entdeckt. Dieser √úberschuss wird daher nicht in die Atmosph√§re verprasst, sondern als Andenken erhalten. Die prim√§re √úberschussenergie ist dabei Zeit. Wir haben Zeit, weil wir glauben, dass die wesentlichen Gefahren gebannt sind. Stellen wir uns auf Kunst ein, so steht die Welt still und ist einfach nur Welt.

Norman Schultz: Okay, aber warum wollen wir in unserer verbleibenden Zeit dann diese Vergangenheit erhalten, warum wollen wir in der Kunst sein?

Alfred Eisleben: Weil sie die Welt aus ihrem nackten Dasein in die Geschichtlichkeit des Menschen emporhebt. Damit meine ich nicht, die geschichtliche Entwicklung, sondern das Sein im Moment, der zur Ewigkeit wird, also keinen k√∂rperlicher Akt, der bald schon in Erinnerung verblasst. Wir hoffen an der Ewigkeit teilzuhaben. Diese Kunst aber ebenso wie Ethik kostet. Die gibt es nicht zum Nulltarif und beide, Ethik und Kunst, sind in diesem Sinne nicht profitabel. Aus diesem Grund wirkt Kunst ebenso bedrohlich f√ľr streng gez√ľgelte Systeme. Kunst konkuriert mit instrumentalisierten, angeblichen Ewigkeitssprachen. Die Kunst, die sich aus Kausalzw√§ngen des Nutzen befreit steht f√ľr Freiheit und diese Freiheit geht nicht √ľberein mit dem Korsett der Fundamentalisten, die Macht akkumulieren wollen. Fundamentalisten missbrauchen das Transzendente. Sie verpacken das Leben lieber in seinen biologischen Funktionen angereichert mit ein wenig religi√∂ser Praxis und sie akzeptieren keine Sph√§re, die √ľber die eigenen Horizonte hinausgehen k√∂nnte. So wie es neben ihrem Gott keine G√∂tter geben darf, so darf es ebenso keine anderen Kulturen neben der¬†Kultur¬†geben.

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Zum zweiten Teil des Gesprächs geht es hier.

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Ist Kunst Kunst? Alfred Eisleben zur Dialektik der Kunst zwischen Materie und Form (Teil 2)

Da Vinci Vitruve Luc ViatourNorman Schultz: Wir f√ľrchten dabei das Rohe, Kunstlose in den Religionen. (Fortsetzung des ersten Teils)

Alfred Eisleben: Das gro√üe Schweigen, das sich √ľber die westlichen Medien legt, feiern bestimmte Religionsf√ľhrer als Erfolg ihres Gottes. Ein gro√üer Gott aber sollte doch mit Gelassenheit reagieren, wenn Menschen endliche Pl√§ne machen und mit Endlichkeit in Unendlichkeit teilhaben wollen. Ohnehin wie k√∂nnte ein Mensch einen Gott verh√∂hnen? Ein gro√üer Gott verbietet keine Wochenendausfl√ľge ins Jenseits, die uns die Kunst erlaubt. Diese Ausfl√ľge ins Jenseits, sind vielleicht mit den Sternwarten vergleichbar, die gerade mal einen Blick von der Unendlichkeit des Universums erhalten. √úberhaupt: Wenn Gott unendlich ist, ¬†dann sind die Endlichkeitsspiele, die wir in unseren Gesellschaften erfinden, ohnehin nicht vergleichbar, denn im Unendlichen ist jede endliche Gr√∂√üe, und sei sie noch so gro√ü, unendlich klein.

Norman Schultz: Versuchen wir aber doch beim Thema zu bleiben. Was bedarf Kunst?

Alfred Eisleben: Zeit ist eine Ressource, die sich, wenn sie vorhanden ist, in Kreativit√§t wie ein Gewitter entl√§dt. Erreichen Gesellschaften ein Gem√ľtlichkeitsniveau werden √úberschussenergien wie eben Freizeit reinvestiert und zwar in zwei Arten von Sinnlosigkeit: Kunst und Hobbies. Gibt es diese Frei-Zeit nicht, wird das Leben ein reiner Mechanismus. In diesem Sinne unterscheiden wir Menschen uns dann nicht von einem Vulkanausbruch, einem Erdbeben oder einem Meteoriteneinschlag. Wir sind dann Naturgewalten, die wie sich einst das Meer √ľber die Erde legte eben mit ihrem Fleisch an den Planeten schmiegen und ihn wie Naturgewalten langsam verwittern lassen. Gibt es jedoch Kunst, so wird das Leben und das Umfeld sanft, sinnvoller. Kunst erf√ľllt in diesem Sinne keinen Sinn selbst und ist der reine Gegensatz zur kriegerischen oder roh-religi√∂sen Verwaltung der Welt. Sie ist sinnlos und darin besteht ein Sinn. Ihre Sinnlosigkeit setzt nicht auf Material oder Verbrauch, sondern auf Erhalt.

Norman Schultz: Wie meinen sie das Kunst sanft macht?

Alfred Eisleben: Wir k√∂nnten wohl noch am ehesten von den Umweltaktivisten als K√ľnstler sprechen. Sie haben ein Interesse daran, etwas zu bewahren, das keinen direkten Profit bringt. Zudem m√ľssen wir auch sagen, dass wer ewige Wahrheiten will, sich auch noch am ehesten um die Verg√§nglichkeit der Welt sorgen muss. Wer in seiner Kunst Ewigkeit finden will, sollte dieser nicht genauso um die Ewigkeit der Welt bem√ľht sein?

Norman Schultz: Aber Welt ist materiell und sind nicht auch Materialien immer treibende Kraft der Kunst gewesen? Materieller Fortschritt hat mehr Entfaltungsmöglichkeiten gebracht.

Alfred Eisleben: Wie gesagt, ich bin mir da nicht ganz so sicher. Selbstverst√§ndlich, wer sich nicht dem Material zuwendet, der findet keine N√§he in der Kunst. Derjenige bleibt abstrakt im Gedankenpalast zur√ľck. Ohne Materie sind die Dinge nicht wirklich, aber das hei√üt im Umkehrschluss nicht, dass die Dinge materiell sind. Wir k√∂nnen mit dem geringsten Aufwand Kunst produzieren. Hier ein paar Beispiele: H√∂hlenmaler¬†hatten nicht viele Farben zur Auswahl. In diesem Sinne stand den H√∂hlengenies nur eine beschr√§nkte Gestaltungsdimension zur Verf√ľgung. Doch Gestaltungsdimensionen des Materials sind mit grenzenloser Virtuosit√§t √ľberschreitbar. Nehmen sie die Salzmalerei, die die Perspektivit√§t der Ebene mit dem simpelsten Material ergr√ľndet.

Heutzutage wird mit allem gemalt. Im amerikanischen B√ľrgerkrieg diente Kaffee, der andere malt mit Ketchup, wieder ein anderer glaubte sich ganz existentialistisch zu kennen und musste sein Blut nehmen. Mit der Tinte unter der Haut und dem Herz auf der Stirn, so verkehrte Hugo Ball noch die Dimensionen des Materiellen. Aber schauen wir weiter: Es sind nicht nur die Materialien: Die Merzbauten eines Kurt Schwitters, all diese Dadaisten, die die √úberbleibsel einer beginnenden Konsumgesellschaft verarbeiteten. Das war die Vorlage zur Recycle-Kunst, einer Idee, das Materialien nicht einfach auf M√ľllhalden verschwinden sollten, sondern ihren Wert als Teil der Materie behalten. Dieser Wert kam aber nicht von der Materie. Dann zupfen andere wieder auf Seiten und erzeugen Ger√§usche. Die Musik aber entsteht dabei nicht im Instrument, sondern in uns. Am eindrucksvollsten ist dann aber die Reduktion auf kleinste Graphith√ľgeleien oder digitale Rechenpakete, Poetik und Twitter nutzen ein Minimum an Material, aber niemals ist das Material allein da, sondern es ist eindrucksvoll kontextualisiert und sei es durch unseren biologischen Mechanismus, der wir sind.

F√ľr mich ist √ľberraschend, dass feiner Sand ein Medium ist, dass die Tiefe aller Perspektiven zul√§sst. Den Sand aber d√ľrfte es auch schon zu anderen Zeiten gegeben haben. Daher kann es sein, dass auch die H√∂hlenmaler schon zu einigen perspektivischen Leistungen in der Lage waren. Die Materialsteigerung war also nicht alleiniger Grund f√ľr das¬†Kunstverm√∂gen.¬†Auf dern anderen Seite zeigen uns die¬†Malereien des Mittelalters, die ja nun mehr Materialien zur Verf√ľgung hatten, dass simple Methoden, die selbst 16 J√§hrige heute schon beherrschen, erst entdeckt werden mussten und nicht das Material ausschlaggebend war, sondern die Geschichte der Menschen. Wir erweitern unsere Grenzen des Geistes und nicht das Material gibt uns die M√∂glichkeit zu ferneren Grenzen vorzudringen, sondern unser Verh√§ltnis zur Geschichte des Geistes im Einklang mit verschiedenen Materialien. Nur wer seine Geschichte dann im Material bewahrt, entwickelt sich weiter! Deswegen nochmal: Es geht um Ewigkeit.

Norman Schultz: Sie widersprechen also Aristoteles, dass wir die Formen aus den Dingen gewinnen?

Alfred Eisleben: Nein, das tue ich nicht. Aber die Frage ist, wann wir sie aus den Dingen abgewinnen. Dies ist eine geschichtliche Frage und es passiert nicht einfach so.

Norman Schultz: Was also hat die Grenzen der Malerei erweitert?

Alfred Eisleben: Ja, das sind Fragen! Wie ist es dem Menschen m√∂glich √ľber seine physische Umwelt, die vorrangig aus begrenzten Ressourcen und Materialen besteht, hinauszukommen? Offensichtlich begrenzt das Material nicht absolut. Es begrenzt relativ zu unserer geschichtlichen Entwicklung. Warum also sind K√ľnstler heute zu so vielem in der Lage? Ist es vielleicht die neue Auswahl an Talenten bei Milliarden von Menschen? Oder katapultieren wir uns in¬†eine sich unendlich √ľberbietende Kultur, die einfach aus der st√§ndigen Aufbietung von neuen¬†Memen¬†besteht? Den Einwand, dass sich¬†die gro√üen Genies der Steinzeit¬†uns nicht √ľberliefert haben, glaube ich nicht, denn auch die Meister des Mittelalters zeichneten noch eindimensional. Ich glaube, wir haben tats√§chlich eine geschichtliche Entwicklung durchgemacht.

Norman Schultz: Der These w√ľrden viele widersprechen angesichts der Zunahme von Kriegen.

Alfred Eisleben: Das m√∂chte ich auch √ľberhaupt nicht verneinen. Aber mit dem ungeheuren Potenzial der Selbstvernichtung ist zugleich das ungeheure Potenzial der Selbstbewahrung gewachsen. Es bleibt nach wie vor eine Wahl zwischen Gutem und B√∂sem.

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Norman Schultz

Pittsburgh, Mai 2015

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Gottesbeweis: Gott als systematische Notwendigkeit um Kausalität und Freiheit zu verstehen РIm Gespräch mit Alfred Eisleben zu Thomas von Aquin

Bonifacio de Pitati - God the Father over the Piazza San Marco - WGA02420Norman Schultz: Was halten Sie von Thomas von Aquin?

Alfred Eisleben: Aquin ist ein Systematisierer, dessen Wortgebrauch klar ist wie Wasser. Das Geb√§ude, dass er aus Worten errichtet hat, besitzt eine √§u√üergew√∂hnliche Architektur. Sie erscheint mir so unglaublich stabil, so durchsichtig und verst√§ndlich. Dar√ľber hinaus ist es auch nicht so, dass Aquin nur seine eigenen Argumente vortragen w√ľrde, sondern er hat jeder Position eine gewisse Plausibilit√§t zugerechnet, sich nicht gegen blasse Puppen verteidigt, sondern die Gegenpositionen stets als bestm√∂glichen Gegner aufgebaut. Es ist schade, dass wir im Unterricht diesem Denken keinen Rang mehr einordnen. Wenn wir in der Schule noch nach den mittelalterlichen Riten verfahren w√ľrden, wo am Nachmittag sich die Studierenden trafen, um Argumente zu konstruieren, die sie dann sp√§ter mit dem Professor zusammen vortrugen, dann w√ľrden wir dialektisches Denken trainieren und endlich wesentliche Prozesse unserer Geschichte verstehen.

Norman Schultz: Glauben Sie, dass der Schulunterricht von diesem Denken profitieren w√ľrde?

Alfred Eisleben: Ich w√ľsste nicht, warum Sch√ľler dazu nicht in der Lage sein sollte. Jedes St√ľckchen Denken enth√§lt immer nur wieder den selben deduktiven oder induktiven Schluss. Das hat wenig mit Intelligenz zu tun, sondern eher etwas mit Kondition. Der Mensch hat nicht H√§user gebaut, weil er besonders intelligent war, sondern auch weil er erkannte, was t√§gliche Arbeit bedeutet. Bei Sch√ľlern mag Konzentration noch nicht herhalten. Da kenne ich mich zu wenig aus, aber die Philosophie bewahrt in sich kein Geheimnis, das anderen nicht zug√§nglich w√§re. Sie setzt sich zusammen aus kritischem Denken und langfristigem Atem. Dabei geht es nat√ľrlich um Systematizit√§t wie Sie ja k√ľrzlich auch in Ihrer Dissertation zeigen. Entgegen also mystischen Positionen, dass uns nachts das Wissen in den Schoss f√§llt, formuliert auch Thomas seine Thesen.
Norman Schultz: Dann w√ľrde ich sagen, beginnen wir uns die St√ľcke der Questiones zu erarbeiten: Wissen wir dass es einen Gott gibt?

Alfred Eisleben: Nun, es gab zu Zeiten von Thomas viele, die glaubten, dass ein verbohrter Atheist nur geistig verwirrt ist. Gott war ja nicht nur ein Mann mit wei√üem Bart, sondern war viel eher als der systematische Grund zu bezeichnen, warum wir Wahrheit und das Gute haben. F√ľr viele ist das heute nicht mehr verst√§ndlich. Deswegen sollten wir uns zun√§chst klar sein, dass wir keine Kausalit√§t haben, ohne indirekt den Freiheitsbegriff anzunehmen. Der Freiheitsbegriff ist dann schon sehr nah, an dem Gottverst√§ndnis von damals.

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig. Das ist das Grundgesetz unseres kausalen Verst√§ndnisses von der Welt. Stellten wir uns eine Sache vor, die keinen Grund h√§tte, dann w√§re es ein Effekt, der in der Welt, wie ein Wunder auftreten w√ľrde. Nein, wir wollen schon Begr√ľndung haben, zumindest in unserem kausal-deterministischen Modell. Der Determinismus macht aber einen entscheidenden Fehler.

God belief reasons de

Es sind wohl kaum Menschen zu finden, die aus systematischen Gr√ľnden, Gott annehmen. Eine Position, die leider selten verstanden wird. By Magensp√ľlung (Own work)


Norman Schultz: Sie meinen, dass er nicht erkennt, dass wir f√ľr Kausalit√§t auch immer Freiheit annehmen m√ľssen?

Alfred Eisleben: Ich behaupte nicht, dass es beide gibt, aber wenn ich „Kausalit√§t“ sage, so sage ich interessanter Weise auch „Freiheit“.

Gentile da Fabriano 052

Aquinas war ein Systematisierer, dessen Kenntnisse tief in die Tradition hinabreichten, der zugleich aber auch die Gedanken seiner Gegenwart b√ľndelte

Norman Schultz: Lassen sie uns das näher betrachten!

Alfred Eisleben: Es gibt zwei Möglichkeiten, das Kausalitätsmodel auf die Spitze zu treiben. Beginnen wir mit der einfachen Variante.

Erstens) Nehmen wir an, alles was ist, hat einen Grund, so gehen wir in die Vergangenheit zur√ľck. Wenn wir nun aber sagen, dass das Universum ja begonnen haben muss, so w√ľrden wir daf√ľr einen Grund annehmen. Nun kann es aber in der Folge nicht sein, dass der Grund f√ľr das Universum einen Grund hatte, denn dann w√§re das ja eine von unserem Universum verschiedene Kausalit√§tskette. Daher nehmen wir an, dass dieser erste Grund ein besonderer Grund war, der selbst keinen Grund ben√∂tigte. Schon jetzt aber verletzen wir unserer Kausalit√§tsgesetz, dass wir ja zuvor f√ľr unser Reali√§tsverst√§ndnis zu Grund gelegt haben, n√§mlich dass alles einen Grund hat. Wir haben nun einen besonderen Grund und diesen besonderen Grund k√∂nnen wir auch als Grund ohne Grund bezeichnen, was unserem Freiheitsverst√§ndnis sehr nah kommt. Freiheit ist n√§mlich etwas, dass ohne Grund passiert. Das ist aber erstmal nicht so wichtig, wichtiger ist, dass wir unseren Determinismus nicht durchhalten.

Norman Schultz: Wenn das Universum also einen ersten Grund h√§tte, dann m√ľsste dies ein freier Grund sein, dass hei√üt, es g√§be f√ľr diesen Grund keine weiteren Gr√ľnde. Wir k√∂nnten doch aber sagen, dass es das Universum schon ewig gab.

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig und hier steigen wir nun wirklich tief in die Metaphysik ein. Nehmen wir ein unendliches Universum an, so scheint unserer Prinzip der Kausalit√§t gelten zu k√∂nnen. Es erscheint so. Dies ist der zweite Fall, den ich unterscheiden wollen. Aber machen wir folgendes Gedankenexperiment: Stellen wir uns einen Zug mit unendlichen Waggons vor. Sagen wir er wird getrieben von einer Lokomotive. Diese Lokomotive gibt es nat√ľrlich nicht, weil wir ja unendlich in die Zeit zur√ľck gehen d√ľrfen. Nun stehen wir also vor den Waggons und dann, sie beginnen sich zu bewegen. Was aber ist der Grund daf√ľr? Wir wissen, dass jeder Waggon von seinem vorherigen Waggon angetrieben wird und so gehen wir auch unendlich in die Zeit zur√ľck.

Norman Schultz: Dann aber gibt es keinen Grund, warum sich die Waggons √ľberhaupt bewegen. Kommen wir also zum unbewegten Beweger?

Alfred Eisleben: Lassen wir das hier mit dem unbewegten Beweger erstmal. Die meisten Menschen lehnen ja die Einf√ľhrung solcher Begriffe prinzipiell ab, ohne jedoch zu verstehen, welche konzeptionelle Notwendigkeit dahinter steckt. Bei den Waggons allerdings ist es so, dass auch wenn wir keinen ersten Grund annehmen, so sagen wir, dass jeder Waggon durch den Waggon zuvor bewegt wird. Die Analogie zu unserer Kausalit√§t ist klar. Wir denken Gleiches bei einer unendlichen Kett von Gr√ľnden. Jeder Grund hat einen spezifischen anderen Grund, der ihm vorausgeht. Das vorausgehende Grund hei√üt dann √ľbrigens akzidentieller Grund. Es ist akzidentiell, weil er nur zuf√§llig diesen Abschnitt der Bewegung erkl√§rt, aber nicht, warum sich das alles bewegt.

Norman Schultz: Nun, dass mit akzidentiellen Gr√ľnden ist hier wom√∂glich verwirrend, aber ich gehe davon aus, dass sie auf einen notwendigen Grund, einen Grund per se schlussfolgern wollen?

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig. Ich meine Waggons, die sich unendlich anschieben? Wir wollen doch dann wissen, warum bewegt sich das Ganze √ľberhaupt? Genauso verh√§lt es sich bei den Gr√ľnden. Es kann zwar ewig akzidentielle Gr√ľnde geben, aber wir m√∂chten doch wissen, warum sich das Ganze √ľberhaupt bewegt. In anderen Worten ist das auch die ber√ľhmte Frage: Warum ist eigentlich Sein und nicht vielmehr Nichts? Wir stellen die Frage, welchen Grund die Annahme, dass alles was ist, einen Grund hat. Um dieses zu erkl√§ren, m√ľssen wir nun auch einen besonderen Grund annehmen, der selbst keinen Grund hat.

Norman Schultz: Das verstehe ich nicht: Warum k√∂nnen wir hier nicht sagen, dass auch die Prinzipien unendliche Gr√ľnde haben?

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Alfred Eisleben: Weil wir dann auf gleiche Problem sto√üen w√ľrden, wir h√§tten in alle Richtungen unendliche Waggons. Wir w√ľrden aber nie wissen, warum sich die Waggons √ľberhaupt bewegen. Was also ist der Grund f√ľr Bewegungen oder besser: Was ist der Grund f√ľr Gr√ľnde?

Norman Schultz: Das heißt also dieser besondere Grund, wäre auch wieder ein Grund, der selbst keinen Grund haben könnte und das bezeichneten sie ja zuvor als Freiheit.

Alfred Eisleben: Das ist richtig. Und da wir nun beide Positionen, n√§mlich dass die Kette der Gr√ľnde einen ersten Grund hat und dass die Kette der akzidentiellen Gr√ľnde unendlich ist, untersucht haben, so sehen wir, dass wenn wir den Begriff der Kausalit√§t denken, einen bestimmten Begriff der Freiheit immer mitdenken.

Norman Schultz: Das heißt also, es kann keinen konsequenten Deterministen geben.

Alfred Eisleben: Ja, ich bef√ľrchte, dass ist der Fall. Der Determinismus erscheint logisch nicht ganz aufzugehen. Stattdessen m√ľssen wir zwei Modelle f√ľr Weltbeschreibung annehmen: Erstens, das Prinzip des Grundes, dass alles, was ist, einen Grund hat (Kausalit√§t) und zweitens, einen besonderen Grund, der selbst keinen Grund hat, Freiheit.

Norman Schultz: Freiheit und Kausalität widersprechen sich aber oder nicht?

Alfred Eisleben: Doch sie widersprechen sich. Deswegen m√∂chte ich nicht sagen, dass sie beide absolute Realit√§t sind. Konzeptionell l√∂sen wir dieses durch den Gottesbegriff, indem wir sagen, dass Gott die Idee aller Gegenst√§nde des Denkens √ľberhaupt ist. Hiermit sind wir dann in der systematischen Auffassung von Welt, wo die Idee Gottes, keinen anderen Grund hat, als unser widerspr√ľchliches Denken als dennoch m√∂glich zu charakterisieren. Wir k√∂nnen uns selbst als determinierter K√∂rper sehen oder als freier Geist, der einen Leib hat. Dieser Widerspruch l√§sst sich in einer h√∂heren Idee vielleicht l√∂sen, einer Idee, die weder frei noch kausal ist, sondern als transzendentaler Grund angenommen wird.

Norman Schultz: Da mischen sie jetzt aber Kants Kritik der Urteilskraft mit rein.

Alfred Eisleben: Das stimmt bei Thomas von Aquinas verh√§lt sich das ein bisschen anders. Mit all dem Gesagten wollte ich jedoch nur darauf verweisen, dass Aquinas den Gottesbegriff in einem gewissen Sinne systematischer auffasst, als die meisten Atheisten es sich vorstellen. Und diese Systematik m√ľssen wir zun√§chst akzeptieren.

 

 

Norman Schultz: Das setzen wir, wann anders fort.

Vielen Dank f√ľr das Gespr√§ch

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Norman Schultz

Pittsburgh, Mai 2015

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Alfred Eisleben: Der Mensch als Behinderter und der Behinderte als Mensch РZum Selbstverständnis einer Spezies

Claustrophobia by Nina Valetova

Durch die Welt zur Normalität (Behinderung und Philosophie)

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Der Deutsche, Alfred Eisleben, lebt in seinem freigewählten Exil in Island. Nach dem zweiten Weltkrieg hat es ihn aus Deutschland fortgetrieben. Als Winterprofessor an der Carlson University (Pittsburgh) hat er mir ein weiteres Interview zum Thema Behinderung gegeben.

 

Norman Schultz: Sie sprechen vom¬†Kr√ľppel. Ist dies nicht politisch inkorrekt?

Alfred Eisleben schmunzelt: Ein Schimpfwort? Wie kann es sein, dass die Benachteiligung eines Menschen sich zu einer Beschimpfung umformen konnte? Erleben wir nicht dieselbe Verformung gegenw√§rtig auf Schulh√∂fen bei dem Wort „Opfer“. Es ist doch mittlerweile so, dass Menschen, die schwere √úberf√§lle oder Missbr√§uche erlebt haben, diesen Begriff ungern benutzen. Es sind heutzutage Betroffene. √Ąhnlich verh√§lt es sich beim Kr√ľppel, er wurde zum Behinderten, bald zum Andersbegabten, mal als Sorgenkind bezeichnet und von einer nicht genannten Organisation zwangsl√§ufig zum Menschen (und zwar in einer Aktion) umgetauft (Der gesamte Ansatz √§hnelt stark den Pr√§missen, die Peter Sloterdijk pr√§sentiert: vgl. Sloterdijk. Du musst dein Leben √§ndern 2008).

Norman Schultz: Aber warum betrachten wir die Behinderung mit so starker Negativität? Wird dies den Behinderten eigentlich gerecht?

Alfred Eisleben: Es ist keine Diskriminierung, wenn wir von Kr√ľppeln reden! Es ist keine Diskriminierung, weil die Bezeichnung nicht notwendig normgebunden ist, das hei√üt, sich an gegenw√§rtigen Standards der Gesellschaft orientiert. Es ist so wie der Schwule „schwul“ ist. Es gibt jedoch noch einen anderen, viel wichtigeren Grund, warum es keine Diskriminierung ist.

Norman Schultz: Ich wei√ü, worauf sie hinaus wollen: weil wir alle Kr√ľppel sind.

Alfred Eisleben: Richtig, diese Sichtweise der Gleichheit im Hinblick auf unsere Verkr√ľppelung bildet sich n√§mlich genau dann heraus, wenn wir den Vergleichspunkt erh√∂hen. Wieso sollten uns gerade zwei Arme und Beine erm√∂glichen, um H√∂heres zu spielen? Wenn wir die Welt in ihrem Sinn durchforschen, so sind alle unsere Gedanken √§hnlich bescheiden, egal ob von Menschen mit Armen und Beinen oder vom „Kr√ľppel“.

Norman Schultz: K√∂nnen Sie dies n√§her erl√§utern. Ein Beigeschmack verbleibt irgendwie, wenn sie „Kr√ľppel“ sagen, √§hnlich wie beim Wort „Schwarzer“, „Farbiger“, „Afroamerikaner“ oder was uns da f√ľr Worte einfallen.

Alfred Eisleben: Diese Worte verlieren nur in einer Hinsicht an Bedeutung. Eine Verbannung erhöht ihren Wert. Ein verbotenes Wort ist immer ein böses Wort. Wenn wir sie jedoch so häufig verwenden, dass sich ihr Bedeutungshorizont verändert, dann kommen wir in einer gleichen Welt an.

Norman Schultz: Nun, das ist eine These, können Sie dies vielleicht an einem Beispiel fest machen?

Alfred Eisleben: Hellen Keller, taublinde Philosophin, muss ich beinah als Kurriousum erw√§hnen, aber es sollte doch eine Allt√§glichkeit sein, dass k√∂rperlich Behinderte sich genau in den Bereichen engagieren, die immer offen bleiben. Philosophie ist nicht die Wissenschaft der Gesunden und so m√ľssen wir eine Welt ansteuern, in der es nicht speziell Berufe f√ľr Behinderte gibt. Behindertenwerkst√§tten m√∂gen ihren Sinn erf√ľllen und Menschen einen geregelten Arbeitstag geben, aber es reintegriert in Besch√§ftigungsfelder, die nicht unbedingt den Behinderten als Menschen gerecht werden. Wir gestatten den Menschen dort nicht einmal den Mindestlohn. Grund genug sich zu emp√∂ren.

Norman Schultz: Aber Menschen ohne Behinderung k√∂nnen doch bestimmte T√§tigkeiten besser ausf√ľhren.

Alfred Eisleben: Nat√ľrlich das stimmt! Menschen ohne Behinderung haben gesellschaftlich bessere Chancen. ¬†Es ist hier die Aufgabe eines Staates f√ľr Ausgleich zu sorgen. M√ľssen Behinderte aber gesellschaftlich auf ihre Behinderung reduziert bleiben? Wir sollten eher die Felder erforschen, wo sie es nicht sind. Nat√ľrlich ist es bei den Behinderten (Kr√ľppeln) oftmals der Kampf um Normalit√§t, das hei√üt ein Leben wie die anderen f√ľhren zu k√∂nnen. W√§hrend wir meinen, um das H√∂here zu ringen, wollen sie erst auf das Plateau der Normalit√§t. Dabei sind sie jedoch schon normal. Ihr denken zieht die Grenze ihres K√∂rpers; sie messen sich mit K√∂rperkonturen an der Welt. Doch die Schablonen der K√∂rper k√∂nnen keine Grenze sein f√ľr die einzige Befreiung. Nur eine Philosophie nach innen kann von diesem Unsinn der K√∂rper befreien.

Norman Schultz: Sie meinen also, dass hier eine prinzipiell andere Philosophie wirken soll?

Alfred Eisleben: Ja, ich halte die Einstellung eines Kampfes um Normalit√§t f√ľr falsch, wenn auch gesellschaftlich f√ľr notwendig. Es muss jedoch allein zum Resultat haben, dass wir nicht alle gleich sind, sondern durch unsere Beschr√§nkungen normal werden. Zwar muss der Staat Behinderten ihr Leben erleichtern, aber es darf nicht ihr Kampf sein. Der Kampf um die Normalit√§t verhindert die Zeit f√ľr die K√§mpfe um die Kunst und die Philosophie des Lebens, die den anders Behinderten bereits frei stehen. Auch Kr√ľppel sind mit uns auf Augenh√∂he bei denselben Fragen um das Leben. Nur dort haben Behinderte und „Unbehinderte“ die gleiche Fallh√∂he. Es bleibt die Frage, was ist eigentlich eine Behinderung? Ist der Wirtschaftsingenieur, der sein Leben an der B√∂rse mit ethisch bedenklichen Derivaten verdient nicht viel st√§rker behindert und zwar in seinem Denken als der, der mit seinem K√∂rper hadert? Stattdessen bewundern wir Menschen, die sich in unsere nutzlose Normalit√§t der Ungerechtigkeit zur√ľckk√§mpfen, auch wenn dies keineswegs ein Vorwurf an den Behinderten ist, sondern ein Vorwurf an die Bewunderer:

Norman Schultz: Ich verstehe nicht genau, warum sie die Geschichte, derer, die sich zur√ľckk√§mpfen kritisieren.

Alfred Eisleben: Wir feiern die Erfolgsgeschichte eines Menschen, der sich die Normalit√§t erk√§mpft. Ungeachtet der ungeheuren Lebensleistung ist damit aber f√ľr eine Philosophie nicht viel gewonnen. Sollen wir jetzt etwa sch√§tzen, dass wir schlie√ülich Arme und Beine h√§tten und uns daher nicht beschweren √ľber das, was das Leben aus uns macht? Ist die Bewunderung dann nicht eine geheuchelte, wenn wir es mit dem Blick auf unsere angebliche Mehrwertigkeit tun? Eine Bewunderung aus √úberlegenheit? So als st√ľnden wir auf einem Berggipfel und laben uns daran wie andere zu uns hinaufkrackseln? Wenn wir Nick Vujciic daf√ľr sch√§tzen, dass er sich einen Platz neben uns erk√§mpft hat, dann sch√§tzen wir ihn nicht wirklich. Aber¬†Nick Vujicic¬†kann¬†mehr als andere. Er erschlie√üt sich neben dem Alltag die Felder, die f√ľr ein Menschenleben angemessen sind: Die Frage nach dem Geist, der Kunst, die Frage nach dem Ganzen, nach der Philosophie. Damit ist er bei weitem sogar mehr als wir mit Armen und Beinen sind und das ist Punkt, worauf es ankommt. Die zuk√ľnftigen Behinderungen bestehen nicht im K√∂rper, sondern in Einstellungen.

Norman Schultz: Der Behinderte ist also prinzipiell näher am wahren Seinsgesetz?

Alfred Eisleben: So absurd es klingt, der Behinderte ist weiter als der anders Behinderte, denn erweitern wir nur den Standpunkt unserer Erfahrung um die M√∂glichkeit einer h√∂heren, besser ausgestatteten Existenz, so erfahren wir uns selbst als Kr√§nkung: Ein Menschengeschlecht, das nur aus Haut und Knochen besteht! Die Grenze des K√∂rpers besteht f√ľr Behinderte und anders Behinderte. Die Grenze ist also keineswegs im K√∂rper zu suchen und daher sind die Benachteiligungen auch nicht als solche zu betrachten. Die Kranken und Schwachen, die Behinderten sind somit in bestimmten F√§llen die starken unserer Gesellschaft und wenn wir bedenken, dass der Starke √ľberlebt, dann k√∂nnten wir eigentlich nur mit ihnen √ľberleben.¬†Benachteiligungen geben die eigentliche Aufgabe frei, sich von der H√ľlle seiner allt√§glichen Bedr√§ngnisse zu befreien und sich dem eigentlichen Reichtum zu √∂ffnen, n√§mlich der inneren Freiheit der Entwicklung. In diesem Sinne ist die Technik auch eine st√§ndige √úberwindung menschlicher Grenzen. Aus den materialen Behinderungen entstehen nun jedoch auch die ersten √úberwindungen des Geistes, bald sind wir alle im Angesicht einer computergest√ľtzten Welt behindert. Es gilt, sich darauf mit einer besseren Ethik vorzubereiten. Genaugenommen sehe ich hier also in Nick Vujcic kein Motivationsschicksal. Es geht nicht darum aus einer Minderwertigkeit das Beste zu machen, sondern darum √ľberhaupt das Richtige im Sinn einer Ethik in Angriff zu nehmen. Hierin und nicht im Erfolg sind wir gleich und bewundernswert.

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Norman Schultz

Pittsburgh, April 2015

 

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Warum sich interessieren? Meine Erfahrungen mit der Langeweile

Joseph Ducreux (French - Self-Portrait, Yawning - Google Art Project

Persönlicher Einschub zum Problem des Interesses

Vor vielen Jahren hatte ich eine interessante Diskussion mit dem Programmchef von Arte bei einer Premierenfeier in Leipzig. Ich fragte ihn, warum Arte stets bereits bekannte Dinge zeige und nicht innovativ nach vorne gehe. Er f√ľhrte aus: Zwar sei das Medium Fernsehen ein Breitenmedium, aber das Problem liege noch tiefer verborgen. Menschen w√ľrden sich so im Fernsehen vor allem f√ľr das interessieren f√ľr das sie sich schon interessierten.

Ich erinnerte mich: In einer Vorlesung in Halle sa√ü ich so bei Harald Seubert, der √ľberraschend eine Professorin f√ľr Theologie aus Polen einband. Ich freute mich keineswegs, denn √ľber die gesamte Sitzung hinweg, langweilte ich mich zu Tode. Sie erz√§hlte vom Protestantismus in einem katholischen Land in einer piepsigen Stimme und √ľberzog gnadenlos. Niemand traute sich aufzustehen und als sie ihr Programm beendet hatte und sie allen Ernstes eine Fragerunde er√∂ffnete, dachte ich nur innerlich: „Du dummes Ding, wer sollte sich denn in einem Philososphiekurs f√ľr deine piepsige Stimme und dein langweiliges Thema √ľber Protestantismus in Polen interessieren?“ Gott hatte keine Gnade mit mir und schon fragte eine Studentin der Professorin L√∂cher in den Bauch, was meine Qual nochmals um eine halbe Stunde verl√§ngerte. Warum aber konnte sich jemand f√ľr die langweiligste Sache der Welt interessieren?

So ging ich in meinen ersten Semestern in die Vorlesungen von Prof. Dr. Kovtyk, einem alten Professor, der immer noch nerv√∂s war, wenn er vor mehr als drei Leuten sprechen sollte. Nur ganz wenige h√∂rten ihm zu. Stets schaltete er den Overheadprojektor (in Halle den Polylux) an und lie√ü sich die gesamte Sitzung von dem grellen Licht in die Augen scheinen. Dabei hantierte er nerv√∂s mit seinem Zeigestock, schraubte ihn zusammen und auseinander. Seine Folien mussten immer mit von seiner Stirn abgeschrieben werden und oft musste ich schmunzeln, wenn zum Beispiel auf seiner Stirn Seeleng√§rtchen geschrieben stand. Ich bot jeden Montag um 17:45 Uhr meine volle Konzentration auf, um ihm zu folgen. Versuchte seinen Humor nachzuvollziehen. Am Ende des Semesters als wir in einer Schlange standen, um unseren Schein zu bekommen, nahm er sich meinen Schein und schaute genau hinauf. „So, so Herr Schultz“, sagte er. „Es war mir eine Ehre Sie in meiner Vorlesung gehabt zu haben.“ Ich war verlegen und sagte, man tue, was man k√∂nne, doch er erwiderte „Nein, dieses Semester hat mir sehr viel Spa√ü gemacht, da ich bemerkte, dass bei ihnen Reaktionen kommen und sie mit dem Stoff mitgehen.“

Warum erzähle ich dies? Ich hatte meine Lektionen gelernt. Wenn ich vor den langweiligen Stoffen von Hegel oder anderen Philosophen sitze, so hole ich das Interessante aus meiner Konzentration. Konzentration ist aber nicht anderes als seinen Verstand arbeiten zu lassen. Da die Welt häufig redundant funktioniert, aktivieren wir unseren Verstand recht selten.

Das hei√üt nun nicht, dass ihr √ľberall mit h√∂chster Konzentration den Tag verbringen m√ľsste. Bei vielen Laber-Professoren sch√§me ich mich nicht mehr ein Nickerchen zu machen. Aus so mancher Redundanz des Alltags l√§sst sich kein Material zum Denken ziehen. Daf√ľr ist mir meine Zeit zu kostbar. Vorlesungen kann ich √ľbrigens aus dem Grund √ľberhaupt nicht empfehlen. Zumeist kriechen die Professoren durch ihr Fachgebiet ohne es jemals mit interessanten Fragestellungen zu w√ľrzen.

Und dennoch frage ich mich h√§ufig, warum ich mich f√ľr eine bestimmte Sache interessiere und f√ľr andere nicht. Demzufolge versuche ich mich f√ľr alles zu interessieren und ich denke daf√ľr ist unser Verstand geschaffen. Wir k√∂nnen f√ľr alles offen sein und allein aufgrund des Interesses k√∂nnen wir uns gleichsam f√ľr Musik, Kunst, Philosophie, Physik oder gar f√ľr Mathematik interessieren. Wir sollten es sogar.

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