Gottesbeweis: Gott als systematische Notwendigkeit um Kausalität und Freiheit zu verstehen РIm Gespräch mit Alfred Eisleben zu Thomas von Aquin

Bonifacio de Pitati - God the Father over the Piazza San Marco - WGA02420Norman Schultz: Was halten Sie von Thomas von Aquin?

Alfred Eisleben: Aquin ist ein Systematisierer, dessen Wortgebrauch klar ist wie Wasser. Das Geb√§ude, dass er aus Worten errichtet hat, besitzt eine √§u√üergew√∂hnliche Architektur. Sie erscheint mir so unglaublich stabil, so durchsichtig und verst√§ndlich. Dar√ľber hinaus ist es auch nicht so, dass Aquin nur seine eigenen Argumente vortragen w√ľrde, sondern er hat jeder Position eine gewisse Plausibilit√§t zugerechnet, sich nicht gegen blasse Puppen verteidigt, sondern die Gegenpositionen stets als bestm√∂glichen Gegner aufgebaut. Es ist schade, dass wir im Unterricht diesem Denken keinen Rang mehr einordnen. Wenn wir in der Schule noch nach den mittelalterlichen Riten verfahren w√ľrden, wo am Nachmittag sich die Studierenden trafen, um Argumente zu konstruieren, die sie dann sp√§ter mit dem Professor zusammen vortrugen, dann w√ľrden wir dialektisches Denken trainieren und endlich wesentliche Prozesse unserer Geschichte verstehen.

Norman Schultz: Glauben Sie, dass der Schulunterricht von diesem Denken profitieren w√ľrde?

Alfred Eisleben: Ich w√ľsste nicht, warum Sch√ľler dazu nicht in der Lage sein sollte. Jedes St√ľckchen Denken enth√§lt immer nur wieder den selben deduktiven oder induktiven Schluss. Das hat wenig mit Intelligenz zu tun, sondern eher etwas mit Kondition. Der Mensch hat nicht H√§user gebaut, weil er besonders intelligent war, sondern auch weil er erkannte, was t√§gliche Arbeit bedeutet. Bei Sch√ľlern mag Konzentration noch nicht herhalten. Da kenne ich mich zu wenig aus, aber die Philosophie bewahrt in sich kein Geheimnis, das anderen nicht zug√§nglich w√§re. Sie setzt sich zusammen aus kritischem Denken und langfristigem Atem. Dabei geht es nat√ľrlich um Systematizit√§t wie Sie ja k√ľrzlich auch in Ihrer Dissertation zeigen. Entgegen also mystischen Positionen, dass uns nachts das Wissen in den Schoss f√§llt, formuliert auch Thomas seine Thesen.
Norman Schultz: Dann w√ľrde ich sagen, beginnen wir uns die St√ľcke der Questiones zu erarbeiten: Wissen wir dass es einen Gott gibt?

Alfred Eisleben: Nun, es gab zu Zeiten von Thomas viele, die glaubten, dass ein verbohrter Atheist nur geistig verwirrt ist. Gott war ja nicht nur ein Mann mit wei√üem Bart, sondern war viel eher als der systematische Grund zu bezeichnen, warum wir Wahrheit und das Gute haben. F√ľr viele ist das heute nicht mehr verst√§ndlich. Deswegen sollten wir uns zun√§chst klar sein, dass wir keine Kausalit√§t haben, ohne indirekt den Freiheitsbegriff anzunehmen. Der Freiheitsbegriff ist dann schon sehr nah, an dem Gottverst√§ndnis von damals.

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig. Das ist das Grundgesetz unseres kausalen Verst√§ndnisses von der Welt. Stellten wir uns eine Sache vor, die keinen Grund h√§tte, dann w√§re es ein Effekt, der in der Welt, wie ein Wunder auftreten w√ľrde. Nein, wir wollen schon Begr√ľndung haben, zumindest in unserem kausal-deterministischen Modell. Der Determinismus macht aber einen entscheidenden Fehler.

God belief reasons de

Es sind wohl kaum Menschen zu finden, die aus systematischen Gr√ľnden, Gott annehmen. Eine Position, die leider selten verstanden wird. By Magensp√ľlung (Own work)


Norman Schultz: Sie meinen, dass er nicht erkennt, dass wir f√ľr Kausalit√§t auch immer Freiheit annehmen m√ľssen?

Alfred Eisleben: Ich behaupte nicht, dass es beide gibt, aber wenn ich „Kausalit√§t“ sage, so sage ich interessanter Weise auch „Freiheit“.

Gentile da Fabriano 052

Aquinas war ein Systematisierer, dessen Kenntnisse tief in die Tradition hinabreichten, der zugleich aber auch die Gedanken seiner Gegenwart b√ľndelte

Norman Schultz: Lassen sie uns das näher betrachten!

Alfred Eisleben: Es gibt zwei Möglichkeiten, das Kausalitätsmodel auf die Spitze zu treiben. Beginnen wir mit der einfachen Variante.

Erstens) Nehmen wir an, alles was ist, hat einen Grund, so gehen wir in die Vergangenheit zur√ľck. Wenn wir nun aber sagen, dass das Universum ja begonnen haben muss, so w√ľrden wir daf√ľr einen Grund annehmen. Nun kann es aber in der Folge nicht sein, dass der Grund f√ľr das Universum einen Grund hatte, denn dann w√§re das ja eine von unserem Universum verschiedene Kausalit√§tskette. Daher nehmen wir an, dass dieser erste Grund ein besonderer Grund war, der selbst keinen Grund ben√∂tigte. Schon jetzt aber verletzen wir unserer Kausalit√§tsgesetz, dass wir ja zuvor f√ľr unser Reali√§tsverst√§ndnis zu Grund gelegt haben, n√§mlich dass alles einen Grund hat. Wir haben nun einen besonderen Grund und diesen besonderen Grund k√∂nnen wir auch als Grund ohne Grund bezeichnen, was unserem Freiheitsverst√§ndnis sehr nah kommt. Freiheit ist n√§mlich etwas, dass ohne Grund passiert. Das ist aber erstmal nicht so wichtig, wichtiger ist, dass wir unseren Determinismus nicht durchhalten.

Norman Schultz: Wenn das Universum also einen ersten Grund h√§tte, dann m√ľsste dies ein freier Grund sein, dass hei√üt, es g√§be f√ľr diesen Grund keine weiteren Gr√ľnde. Wir k√∂nnten doch aber sagen, dass es das Universum schon ewig gab.

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig und hier steigen wir nun wirklich tief in die Metaphysik ein. Nehmen wir ein unendliches Universum an, so scheint unserer Prinzip der Kausalit√§t gelten zu k√∂nnen. Es erscheint so. Dies ist der zweite Fall, den ich unterscheiden wollen. Aber machen wir folgendes Gedankenexperiment: Stellen wir uns einen Zug mit unendlichen Waggons vor. Sagen wir er wird getrieben von einer Lokomotive. Diese Lokomotive gibt es nat√ľrlich nicht, weil wir ja unendlich in die Zeit zur√ľck gehen d√ľrfen. Nun stehen wir also vor den Waggons und dann, sie beginnen sich zu bewegen. Was aber ist der Grund daf√ľr? Wir wissen, dass jeder Waggon von seinem vorherigen Waggon angetrieben wird und so gehen wir auch unendlich in die Zeit zur√ľck.

Norman Schultz: Dann aber gibt es keinen Grund, warum sich die Waggons √ľberhaupt bewegen. Kommen wir also zum unbewegten Beweger?

Alfred Eisleben: Lassen wir das hier mit dem unbewegten Beweger erstmal. Die meisten Menschen lehnen ja die Einf√ľhrung solcher Begriffe prinzipiell ab, ohne jedoch zu verstehen, welche konzeptionelle Notwendigkeit dahinter steckt. Bei den Waggons allerdings ist es so, dass auch wenn wir keinen ersten Grund annehmen, so sagen wir, dass jeder Waggon durch den Waggon zuvor bewegt wird. Die Analogie zu unserer Kausalit√§t ist klar. Wir denken Gleiches bei einer unendlichen Kett von Gr√ľnden. Jeder Grund hat einen spezifischen anderen Grund, der ihm vorausgeht. Das vorausgehende Grund hei√üt dann √ľbrigens akzidentieller Grund. Es ist akzidentiell, weil er nur zuf√§llig diesen Abschnitt der Bewegung erkl√§rt, aber nicht, warum sich das alles bewegt.

Norman Schultz: Nun, dass mit akzidentiellen Gr√ľnden ist hier wom√∂glich verwirrend, aber ich gehe davon aus, dass sie auf einen notwendigen Grund, einen Grund per se schlussfolgern wollen?

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig. Ich meine Waggons, die sich unendlich anschieben? Wir wollen doch dann wissen, warum bewegt sich das Ganze √ľberhaupt? Genauso verh√§lt es sich bei den Gr√ľnden. Es kann zwar ewig akzidentielle Gr√ľnde geben, aber wir m√∂chten doch wissen, warum sich das Ganze √ľberhaupt bewegt. In anderen Worten ist das auch die ber√ľhmte Frage: Warum ist eigentlich Sein und nicht vielmehr Nichts? Wir stellen die Frage, welchen Grund die Annahme, dass alles was ist, einen Grund hat. Um dieses zu erkl√§ren, m√ľssen wir nun auch einen besonderen Grund annehmen, der selbst keinen Grund hat.

Norman Schultz: Das verstehe ich nicht: Warum k√∂nnen wir hier nicht sagen, dass auch die Prinzipien unendliche Gr√ľnde haben?

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Alfred Eisleben: Weil wir dann auf gleiche Problem sto√üen w√ľrden, wir h√§tten in alle Richtungen unendliche Waggons. Wir w√ľrden aber nie wissen, warum sich die Waggons √ľberhaupt bewegen. Was also ist der Grund f√ľr Bewegungen oder besser: Was ist der Grund f√ľr Gr√ľnde?

Norman Schultz: Das heißt also dieser besondere Grund, wäre auch wieder ein Grund, der selbst keinen Grund haben könnte und das bezeichneten sie ja zuvor als Freiheit.

Alfred Eisleben: Das ist richtig. Und da wir nun beide Positionen, n√§mlich dass die Kette der Gr√ľnde einen ersten Grund hat und dass die Kette der akzidentiellen Gr√ľnde unendlich ist, untersucht haben, so sehen wir, dass wenn wir den Begriff der Kausalit√§t denken, einen bestimmten Begriff der Freiheit immer mitdenken.

Norman Schultz: Das heißt also, es kann keinen konsequenten Deterministen geben.

Alfred Eisleben: Ja, ich bef√ľrchte, dass ist der Fall. Der Determinismus erscheint logisch nicht ganz aufzugehen. Stattdessen m√ľssen wir zwei Modelle f√ľr Weltbeschreibung annehmen: Erstens, das Prinzip des Grundes, dass alles, was ist, einen Grund hat (Kausalit√§t) und zweitens, einen besonderen Grund, der selbst keinen Grund hat, Freiheit.

Norman Schultz: Freiheit und Kausalität widersprechen sich aber oder nicht?

Alfred Eisleben: Doch sie widersprechen sich. Deswegen m√∂chte ich nicht sagen, dass sie beide absolute Realit√§t sind. Konzeptionell l√∂sen wir dieses durch den Gottesbegriff, indem wir sagen, dass Gott die Idee aller Gegenst√§nde des Denkens √ľberhaupt ist. Hiermit sind wir dann in der systematischen Auffassung von Welt, wo die Idee Gottes, keinen anderen Grund hat, als unser widerspr√ľchliches Denken als dennoch m√∂glich zu charakterisieren. Wir k√∂nnen uns selbst als determinierter K√∂rper sehen oder als freier Geist, der einen Leib hat. Dieser Widerspruch l√§sst sich in einer h√∂heren Idee vielleicht l√∂sen, einer Idee, die weder frei noch kausal ist, sondern als transzendentaler Grund angenommen wird.

Norman Schultz: Da mischen sie jetzt aber Kants Kritik der Urteilskraft mit rein.

Alfred Eisleben: Das stimmt bei Thomas von Aquinas verh√§lt sich das ein bisschen anders. Mit all dem Gesagten wollte ich jedoch nur darauf verweisen, dass Aquinas den Gottesbegriff in einem gewissen Sinne systematischer auffasst, als die meisten Atheisten es sich vorstellen. Und diese Systematik m√ľssen wir zun√§chst akzeptieren.

 

 

Norman Schultz: Das setzen wir, wann anders fort.

Vielen Dank f√ľr das Gespr√§ch

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Norman Schultz

Pittsburgh, Mai 2015

Veröffentlicht unter Grenzen der Philosophie | 1 Kommentar

Alfred Eisleben: Der Mensch als Behinderter und der Behinderte als Mensch РZum Selbstverständnis einer Spezies

Claustrophobia by Nina Valetova

Durch die Welt zur Normalität (Behinderung und Philosophie)

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Der Deutsche, Alfred Eisleben, lebt in seinem freigewählten Exil in Island. Nach dem zweiten Weltkrieg hat es ihn aus Deutschland fortgetrieben. Als Winterprofessor an der Carlson University (Pittsburgh) hat er mir ein weiteres Interview zum Thema Behinderung gegeben.

 

Norman Schultz: Sie sprechen vom¬†Kr√ľppel. Ist dies nicht politisch inkorrekt?

Alfred Eisleben schmunzelt: Ein Schimpfwort? Wie kann es sein, dass die Benachteiligung eines Menschen sich zu einer Beschimpfung umformen konnte? Erleben wir nicht dieselbe Verformung gegenw√§rtig auf Schulh√∂fen bei dem Wort „Opfer“. Es ist doch mittlerweile so, dass Menschen, die schwere √úberf√§lle oder Missbr√§uche erlebt haben, diesen Begriff ungern benutzen. Es sind heutzutage Betroffene. √Ąhnlich verh√§lt es sich beim Kr√ľppel, er wurde zum Behinderten, bald zum Andersbegabten, mal als Sorgenkind bezeichnet und von einer nicht genannten Organisation zwangsl√§ufig zum Menschen (und zwar in einer Aktion) umgetauft (Der gesamte Ansatz √§hnelt stark den Pr√§missen, die Peter Sloterdijk pr√§sentiert: vgl. Sloterdijk. Du musst dein Leben √§ndern 2008).

Norman Schultz: Aber warum betrachten wir die Behinderung mit so starker Negativität? Wird dies den Behinderten eigentlich gerecht?

Alfred Eisleben: Es ist keine Diskriminierung, wenn wir von Kr√ľppeln reden! Es ist keine Diskriminierung, weil die Bezeichnung nicht notwendig normgebunden ist, das hei√üt, sich an gegenw√§rtigen Standards der Gesellschaft orientiert. Es ist so wie der Schwule „schwul“ ist. Es gibt jedoch noch einen anderen, viel wichtigeren Grund, warum es keine Diskriminierung ist.

Norman Schultz: Ich wei√ü, worauf sie hinaus wollen: weil wir alle Kr√ľppel sind.

Alfred Eisleben: Richtig, diese Sichtweise der Gleichheit im Hinblick auf unsere Verkr√ľppelung bildet sich n√§mlich genau dann heraus, wenn wir den Vergleichspunkt erh√∂hen. Wieso sollten uns gerade zwei Arme und Beine erm√∂glichen, um H√∂heres zu spielen? Wenn wir die Welt in ihrem Sinn durchforschen, so sind alle unsere Gedanken √§hnlich bescheiden, egal ob von Menschen mit Armen und Beinen oder vom „Kr√ľppel“.

Norman Schultz: K√∂nnen Sie dies n√§her erl√§utern. Ein Beigeschmack verbleibt irgendwie, wenn sie „Kr√ľppel“ sagen, √§hnlich wie beim Wort „Schwarzer“, „Farbiger“, „Afroamerikaner“ oder was uns da f√ľr Worte einfallen.

Alfred Eisleben: Diese Worte verlieren nur in einer Hinsicht an Bedeutung. Eine Verbannung erhöht ihren Wert. Ein verbotenes Wort ist immer ein böses Wort. Wenn wir sie jedoch so häufig verwenden, dass sich ihr Bedeutungshorizont verändert, dann kommen wir in einer gleichen Welt an.

Norman Schultz: Nun, das ist eine These, können Sie dies vielleicht an einem Beispiel fest machen?

Alfred Eisleben: Hellen Keller, taublinde Philosophin, muss ich beinah als Kurriousum erw√§hnen, aber es sollte doch eine Allt√§glichkeit sein, dass k√∂rperlich Behinderte sich genau in den Bereichen engagieren, die immer offen bleiben. Philosophie ist nicht die Wissenschaft der Gesunden und so m√ľssen wir eine Welt ansteuern, in der es nicht speziell Berufe f√ľr Behinderte gibt. Behindertenwerkst√§tten m√∂gen ihren Sinn erf√ľllen und Menschen einen geregelten Arbeitstag geben, aber es reintegriert in Besch√§ftigungsfelder, die nicht unbedingt den Behinderten als Menschen gerecht werden. Wir gestatten den Menschen dort nicht einmal den Mindestlohn. Grund genug sich zu emp√∂ren.

Norman Schultz: Aber Menschen ohne Behinderung k√∂nnen doch bestimmte T√§tigkeiten besser ausf√ľhren.

Alfred Eisleben: Nat√ľrlich das stimmt! Menschen ohne Behinderung haben gesellschaftlich bessere Chancen. ¬†Es ist hier die Aufgabe eines Staates f√ľr Ausgleich zu sorgen. M√ľssen Behinderte aber gesellschaftlich auf ihre Behinderung reduziert bleiben? Wir sollten eher die Felder erforschen, wo sie es nicht sind. Nat√ľrlich ist es bei den Behinderten (Kr√ľppeln) oftmals der Kampf um Normalit√§t, das hei√üt ein Leben wie die anderen f√ľhren zu k√∂nnen. W√§hrend wir meinen, um das H√∂here zu ringen, wollen sie erst auf das Plateau der Normalit√§t. Dabei sind sie jedoch schon normal. Ihr denken zieht die Grenze ihres K√∂rpers; sie messen sich mit K√∂rperkonturen an der Welt. Doch die Schablonen der K√∂rper k√∂nnen keine Grenze sein f√ľr die einzige Befreiung. Nur eine Philosophie nach innen kann von diesem Unsinn der K√∂rper befreien.

Norman Schultz: Sie meinen also, dass hier eine prinzipiell andere Philosophie wirken soll?

Alfred Eisleben: Ja, ich halte die Einstellung eines Kampfes um Normalit√§t f√ľr falsch, wenn auch gesellschaftlich f√ľr notwendig. Es muss jedoch allein zum Resultat haben, dass wir nicht alle gleich sind, sondern durch unsere Beschr√§nkungen normal werden. Zwar muss der Staat Behinderten ihr Leben erleichtern, aber es darf nicht ihr Kampf sein. Der Kampf um die Normalit√§t verhindert die Zeit f√ľr die K√§mpfe um die Kunst und die Philosophie des Lebens, die den anders Behinderten bereits frei stehen. Auch Kr√ľppel sind mit uns auf Augenh√∂he bei denselben Fragen um das Leben. Nur dort haben Behinderte und „Unbehinderte“ die gleiche Fallh√∂he. Es bleibt die Frage, was ist eigentlich eine Behinderung? Ist der Wirtschaftsingenieur, der sein Leben an der B√∂rse mit ethisch bedenklichen Derivaten verdient nicht viel st√§rker behindert und zwar in seinem Denken als der, der mit seinem K√∂rper hadert? Stattdessen bewundern wir Menschen, die sich in unsere nutzlose Normalit√§t der Ungerechtigkeit zur√ľckk√§mpfen, auch wenn dies keineswegs ein Vorwurf an den Behinderten ist, sondern ein Vorwurf an die Bewunderer:

Norman Schultz: Ich verstehe nicht genau, warum sie die Geschichte, derer, die sich zur√ľckk√§mpfen kritisieren.

Alfred Eisleben: Wir feiern die Erfolgsgeschichte eines Menschen, der sich die Normalit√§t erk√§mpft. Ungeachtet der ungeheuren Lebensleistung ist damit aber f√ľr eine Philosophie nicht viel gewonnen. Sollen wir jetzt etwa sch√§tzen, dass wir schlie√ülich Arme und Beine h√§tten und uns daher nicht beschweren √ľber das, was das Leben aus uns macht? Ist die Bewunderung dann nicht eine geheuchelte, wenn wir es mit dem Blick auf unsere angebliche Mehrwertigkeit tun? Eine Bewunderung aus √úberlegenheit? So als st√ľnden wir auf einem Berggipfel und laben uns daran wie andere zu uns hinaufkrackseln? Wenn wir Nick Vujciic daf√ľr sch√§tzen, dass er sich einen Platz neben uns erk√§mpft hat, dann sch√§tzen wir ihn nicht wirklich. Aber¬†Nick Vujicic¬†kann¬†mehr als andere. Er erschlie√üt sich neben dem Alltag die Felder, die f√ľr ein Menschenleben angemessen sind: Die Frage nach dem Geist, der Kunst, die Frage nach dem Ganzen, nach der Philosophie. Damit ist er bei weitem sogar mehr als wir mit Armen und Beinen sind und das ist Punkt, worauf es ankommt. Die zuk√ľnftigen Behinderungen bestehen nicht im K√∂rper, sondern in Einstellungen.

Norman Schultz: Der Behinderte ist also prinzipiell näher am wahren Seinsgesetz?

Alfred Eisleben: So absurd es klingt, der Behinderte ist weiter als der anders Behinderte, denn erweitern wir nur den Standpunkt unserer Erfahrung um die M√∂glichkeit einer h√∂heren, besser ausgestatteten Existenz, so erfahren wir uns selbst als Kr√§nkung: Ein Menschengeschlecht, das nur aus Haut und Knochen besteht! Die Grenze des K√∂rpers besteht f√ľr Behinderte und anders Behinderte. Die Grenze ist also keineswegs im K√∂rper zu suchen und daher sind die Benachteiligungen auch nicht als solche zu betrachten. Die Kranken und Schwachen, die Behinderten sind somit in bestimmten F√§llen die starken unserer Gesellschaft und wenn wir bedenken, dass der Starke √ľberlebt, dann k√∂nnten wir eigentlich nur mit ihnen √ľberleben.¬†Benachteiligungen geben die eigentliche Aufgabe frei, sich von der H√ľlle seiner allt√§glichen Bedr√§ngnisse zu befreien und sich dem eigentlichen Reichtum zu √∂ffnen, n√§mlich der inneren Freiheit der Entwicklung. In diesem Sinne ist die Technik auch eine st√§ndige √úberwindung menschlicher Grenzen. Aus den materialen Behinderungen entstehen nun jedoch auch die ersten √úberwindungen des Geistes, bald sind wir alle im Angesicht einer computergest√ľtzten Welt behindert. Es gilt, sich darauf mit einer besseren Ethik vorzubereiten. Genaugenommen sehe ich hier also in Nick Vujcic kein Motivationsschicksal. Es geht nicht darum aus einer Minderwertigkeit das Beste zu machen, sondern darum √ľberhaupt das Richtige im Sinn einer Ethik in Angriff zu nehmen. Hierin und nicht im Erfolg sind wir gleich und bewundernswert.

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Norman Schultz

Pittsburgh, April 2015

 

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Warum sich interessieren? Meine Erfahrungen mit der Langeweile

Joseph Ducreux (French - Self-Portrait, Yawning - Google Art Project

Persönlicher Einschub zum Problem des Interesses

Vor vielen Jahren hatte ich eine interessante Diskussion mit dem Programmchef von Arte bei einer Premierenfeier in Leipzig. Ich fragte ihn, warum Arte stets bereits bekannte Dinge zeige und nicht innovativ nach vorne gehe. Er f√ľhrte aus: Zwar sei das Medium Fernsehen ein Breitenmedium, aber das Problem liege noch tiefer verborgen. Menschen w√ľrden sich so im Fernsehen vor allem f√ľr das interessieren f√ľr das sie sich schon interessierten.

Ich erinnerte mich: In einer Vorlesung in Halle sa√ü ich so bei Harald Seubert, der √ľberraschend eine Professorin f√ľr Theologie aus Polen einband. Ich freute mich keineswegs, denn √ľber die gesamte Sitzung hinweg, langweilte ich mich zu Tode. Sie erz√§hlte vom Protestantismus in einem katholischen Land in einer piepsigen Stimme und √ľberzog gnadenlos. Niemand traute sich aufzustehen und als sie ihr Programm beendet hatte und sie allen Ernstes eine Fragerunde er√∂ffnete, dachte ich nur innerlich: „Du dummes Ding, wer sollte sich denn in einem Philososphiekurs f√ľr deine piepsige Stimme und dein langweiliges Thema √ľber Protestantismus in Polen interessieren?“ Gott hatte keine Gnade mit mir und schon fragte eine Studentin der Professorin L√∂cher in den Bauch, was meine Qual nochmals um eine halbe Stunde verl√§ngerte. Warum aber konnte sich jemand f√ľr die langweiligste Sache der Welt interessieren?

So ging ich in meinen ersten Semestern in die Vorlesungen von Prof. Dr. Kovtyk, einem alten Professor, der immer noch nerv√∂s war, wenn er vor mehr als drei Leuten sprechen sollte. Nur ganz wenige h√∂rten ihm zu. Stets schaltete er den Overheadprojektor (in Halle den Polylux) an und lie√ü sich die gesamte Sitzung von dem grellen Licht in die Augen scheinen. Dabei hantierte er nerv√∂s mit seinem Zeigestock, schraubte ihn zusammen und auseinander. Seine Folien mussten immer mit von seiner Stirn abgeschrieben werden und oft musste ich schmunzeln, wenn zum Beispiel auf seiner Stirn Seeleng√§rtchen geschrieben stand. Ich bot jeden Montag um 17:45 Uhr meine volle Konzentration auf, um ihm zu folgen. Versuchte seinen Humor nachzuvollziehen. Am Ende des Semesters als wir in einer Schlange standen, um unseren Schein zu bekommen, nahm er sich meinen Schein und schaute genau hinauf. „So, so Herr Schultz“, sagte er. „Es war mir eine Ehre Sie in meiner Vorlesung gehabt zu haben.“ Ich war verlegen und sagte, man tue, was man k√∂nne, doch er erwiderte „Nein, dieses Semester hat mir sehr viel Spa√ü gemacht, da ich bemerkte, dass bei ihnen Reaktionen kommen und sie mit dem Stoff mitgehen.“

Warum erzähle ich dies? Ich hatte meine Lektionen gelernt. Wenn ich vor den langweiligen Stoffen von Hegel oder anderen Philosophen sitze, so hole ich das Interessante aus meiner Konzentration. Konzentration ist aber nicht anderes als seinen Verstand arbeiten zu lassen. Da die Welt häufig redundant funktioniert, aktivieren wir unseren Verstand recht selten.

Das hei√üt nun nicht, dass ihr √ľberall mit h√∂chster Konzentration den Tag verbringen m√ľsste. Bei vielen Laber-Professoren sch√§me ich mich nicht mehr ein Nickerchen zu machen. Aus so mancher Redundanz des Alltags l√§sst sich kein Material zum Denken ziehen. Daf√ľr ist mir meine Zeit zu kostbar. Vorlesungen kann ich √ľbrigens aus dem Grund √ľberhaupt nicht empfehlen. Zumeist kriechen die Professoren durch ihr Fachgebiet ohne es jemals mit interessanten Fragestellungen zu w√ľrzen.

Und dennoch frage ich mich h√§ufig, warum ich mich f√ľr eine bestimmte Sache interessiere und f√ľr andere nicht. Demzufolge versuche ich mich f√ľr alles zu interessieren und ich denke daf√ľr ist unser Verstand geschaffen. Wir k√∂nnen f√ľr alles offen sein und allein aufgrund des Interesses k√∂nnen wir uns gleichsam f√ľr Musik, Kunst, Philosophie, Physik oder gar f√ľr Mathematik interessieren. Wir sollten es sogar.

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Argumente f√ľr Hom√∂opathie

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Konditionierung auf Medikamente, dies machen "sanfte" M√ľtter mit Hom√∂opathie By Jorge Royan (Own work) CC-BY-SA-3.0

H√∂omopathie ist mittlerweile zu einer ganzen Industrie angewachsen. Hier ein paar Argumente f√ľr Hom√∂opathie:

Argument: „Warum muss man etwas bek√§mpfen, dass offensichtlich nicht wirkt?“

Gegenargument: Weil Menschen, die vielfältigen Placeboeffekte nicht auseinander halten können. So hat unser Körper ein enormes Selbstheilungspotenzial und die meisten Krankheiten werden besser mit der Zeit, nimmt man ein Mittel in dieser Zeit, so schreibt man den Effekt dem Mittel zu.

Argument: „Auch wenn es nur der Placeboeffekt ist, Hauptsache es wirkt.“

Gegenargument: Der Placeboeffekt beschreibt nicht notwendig den Suggestionseffekt. Der Placeboeffekt beschreibt alle Ergebnisse in der Kontrollgruppe einer Doppel-Blind-Studie, die nicht durch die gemessenen Parameter erkl√§rt werden k√∂nnen. Dies k√∂nnen zuf√§llige Schwankungen sein, wie zum Beispiel die Selbstheilungskraft des K√∂rpers. Die Ausma√üe der Abweichung sind dabei in der Regel sehr gering. Schauen wir uns diese Studien an, so ist klar, dass Hom√∂opathie keine Wirkung hat. Stattdessen verschreiben einige „ganzheitliche“ √Ąrzte Hom√∂opathie bei Malerie, AIDS und anderen Erkrankungen. Wenn es zudem nur auf den Suggestionseffekt f√ľr Kinder geht, so empfehle ich, auf die vielen harmlosen Hausmittel zur√ľckzugreifen.

Argument: „Die traditionelle Medizin arbeitet nicht ganzheitlich, deswegen m√ľssen wir auf ganzheitliche Hom√∂opathen zur√ľckgreifen.“

Gegenargument: Es gibt √Ąrzte, die nicht ganzheitlich arbeiten und dabei auf wissenschaftliche Ergebnisse vertrauen, ohne dabei selbst wissenschaftlich zu sein. Die Tatsache aber, dass einige oder viele √Ąrzte nicht vern√ľnftig arbeiten, hei√üt nicht, dass Hom√∂opathen richtig arbeiten. Die Wissenschaft vom Ganzen ist im √úbrigen die Philosophie. W√§hrend die Einzelwissenschaften nur partikular beobachten, systematisiert die Philosophie diese Erkenntnisse. Aus dieser Perspektive ist es sehr fragw√ľrdig, ob Hom√∂opathen ganzheitlich arbeiten. Auf der anderen Seite haben Hom√∂opathen gute Beziehungen zu Patienten, dieses f√ľhrt zu besseren Erfolgen bei der Behandlung, warum aber m√ľssen Hom√∂opathen dann hom√∂opathische Mittel verschreiben? Es g√§be genug nat√ľrliche Substanzen, die durch neuere Studien ausprobiert werden k√∂nnen.

Argument: „Wir haben aber so durchschlagende Erfolge.“

Gegenargumente: Wissenschaftliche Studien k√∂nnen dies nicht best√§tigen. Einzelbeobachtungen k√∂nnen eine Vielzahl von Ursache haben, wenn wir Wissen durch Einzelbeobachtungen zulassen, so ist dies eben nicht ganzheitlich, sondern wird auch dazu f√ľhren, dass wir H√§hnchenschenkel um den Hals wickeln, weil der Patient anschlie√üend gesund wurde. Unstrittig ist, dass K√∂rper sich selbst heilen. Ob es sich um Selbstheilung oder um die Wirkung eines Medikaments handelt kann nur in gro√üangelegten Studien √ľberpr√ľft werden.

Argument: Die Pharmaindustrie fälscht Beweise.

Gegenargument: Es gibt Pharmaunternehmen, die Beweise f√§lschen. Bei der Vielfalt der Studien zur Hom√∂opathie ist es aber fragw√ľrdig, alles durch ein operierendes Kartell zu beschreiben. Es w√§re schlichtweg zu teuer. Hom√∂opathie im Gegensatz ist ein boomendes Gesch√§ft, bei dem die Alternativindustrie gut verdient. Die Ablehnung von Studien kommt dieser Industrie zu Gute, denn Studien sind das einzige Mittel, um Wissen zu objektivieren. Nach Angaben des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller liegt der Gesamtumsatz 2011 liegt der Gesamtumsatz der Branche bei 400 Millionen Euro, weltweit zwei Milliarden Euro.

Zum Thema Ganzheitlichkeit stellt sich daher die Frage:

Wissen Sie, was Wissenschaft ist? Wissen Sie, was Wissen ist? Ja, dann werden Sie auch den Gehalt des folgenden Satzes verstehen:

„Wir brauchen keine Anekdoten, wir brauchen wissenschaftliche Studien.“

Hier ein sehr interessantes Video, dass ich empfehlen möchte, um sich kritisch zur Homöopathie zu informieren.

http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=35076

Und nein, ich nehme kein Geld von der Pharmaindustrie und ziehe es auch vor keine Medikamente zu nehmen. Ich nehme vielleicht einmal im Jahr Kopfschmerztabletten und vielleicht zweimal etwas im Jahr um die Nase frei zu kriegen.

Hier gibt es noch ein weiteres Interview von mir mit Ulf Wanderer zu dem Thema: http://gesundheit-lernen.blogspot.com/2015/04/ulf-wanderer-zur-homoopathie-und-zu.html?spref=fb

 

 

Norman Schultz

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Mein Pittsburgh und der Zeitgeist – Novembernous 2014: Stimmen und Notizen von Eisleben und Harwey zu unbedeutenden Geschehnissen (Teil 1)

Pittsburgh Skyline

Zeitgeiststadt Pittsburgh, meine intellektuelle Wahlheimat... Foto by Robpinion (Own work) CC BY-SA 3.0

Romane m√ľssen f√ľr mich mit der Traurigkeit von vergehenden Novembertagen beginnen. Mit ihnen zieht ein Gewittergem√ľt auf, ein Seelensturm, den es durchzuhalten gilt. Aus einer inneren Reflexionspower heraus erkennen diese traurigen Seelen den Verfall der Geschichte, die falsche Verwirblung im Machtspiel und irgendwann steht der Leser im Auge des Sturmes und versteht. November sind leise und historisch passiert in ihnen wenig, wie in allen Monaten eigentlich, aber geschichtlich passiert etwas in diesen Seelen. Es verschieben sich die Gletscher der Zeit durch die Seelen hindurch und sie, die Seelen, m√ľssen hinaus, hinaus zur See, zu dem unruhigen Meer, zu dem unruhigen Meer, das die Unruhe in den Herzen zu aller erst bewegte. So beginnt Melville sein Buch Moby Dick¬†in eben dieser Weise:

„Whenever it is a damp, drizzly November in my soul; […] then I account it to get to sea as soon I can.“

Dann genau dann zieht es die M√§nner zur See, sie fordern Geschichte, ein Abenteuer, eine Welt, f√ľr die es sich lohnt zu leben. Der November zieht ins Abenteuer und hier beginnen, diejenigen, die gerne Abenteurer w√§ren, doch eigentlich feige sind, weil zuviel Reflexion ihr Herz beseelt. W√§hrend wir Gl√ľck zumeist einfach nur konsumieren, entsteht im nordisch, kalten Gem√ľt, bei diesen Menschen, die sich im Herbst zur√ľckziehen und Leser werden, eine negative Verdopplung der Welt. Es geschieht hier die wirkliche Geschichte, weil die Welt eine Welt ist, an die wir uns erinnern sollen. Denn Geschichte, so hei√üt es auch bei Wikipedia, sind die Aspekte der Vergangenheit, die vom Menschen erinnert und gedeutet werden und im November beginnt eine Reflexion, die irgendwann am Neujahrstag ihr Finale haben soll. Geschichte ist eine √§u√üere Welt von Innen heraus. Geschichte, das sind Romane, das ist unser Leben in Seinsmomenten innerlich abgelichtet, in die Gehirnschale gepresst und in Worten wiederum ausgedr√ľckt. Problem ist nur, dass wir das f√ľr gew√∂hnlich selten tun, wenn wir gl√ľcklich sind. Geschichte entsteht am Ungl√ľck der Menschen.

Diesen Monat also spazierte – denn, was sollte ein November anderes hergeben? – ich mit John Harwey (Professor an verschiedenen Colleges hier) am Carnegy Museum (Pittsburgh) vorbei und als¬†¬†Vin Diesel¬†¬†ebenso wie eine verlorene Seele vorbeispazierte, fragten wir uns, ob dies f√ľr uns ein historischer Moment war.

2008-05-25 Pittsburgh 133 Oakland, Carnegie Museum of Art - Museumof Natural History (2671453205)

Carnegie war ein Multimilliad√§r, der irgendwann Amerika mit seinem Geld √ľberschwemmte. Es ist amerikanische Tradition, nachdem die Arbeiter ausgebeutet waren, es in die Welt zur√ľckzupusten (Foto von Allie_Caulfield from Germany CC-BY-2.0)

Hier in Pittsburgh also spazieren Stars √ľber die Stra√üen, aber warum? Pittsburgh ist eine raue Stadt mit Geschichte und auch eine Stadt, durch die immer der Glamour des Reichtums hindurchwehte. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten die reichsten Menschen der Welt in Pittsburgh und √ľberschwemmten es mit Geld. Der Himmel in Pittsburgh verdunkelte sich im 20. Jahrhundert – vom Rauch der Stahlschmieden, die Geld brachten und Pittsburgh in eine doppelte Geselschaft spalteten – so wurde die raue Stahlschmiede bald zu einer Stadt mit Novembergeist umgeschmolzen. Gescheiterte Existenzen und Geld f√ľr Kultur rissen die Seelen in die Geschichte fort. Hier am Grunde der verlassenen Schicksale, in einem Schmelztiegel aus arm und reich entstand eine andere Geschichte. M√§nner wussten nicht wohin mit dieser Gr√∂√üe, suchten, lie√üen sich f√ľr den Vietnamkrieg rekrutieren, doch schufen unter dem rauen Arbeiterpathos eine verletzliche Seele, die genug Kraft zur Reflexion hatte. In Pittsburgh sollte fortan Geschichte sein.

Die Stahlvergangenheit gab Pittsburgh mehr Br√ľcken als Venedig und mit der Anreicherung durch Geist wurde Pittsburgh das Zentrum der Gegenwartsphilosophie. Es w√§re also falsch von Zufall zu sprechen, dass die fortschrittlichsten Ideen der Gegenwart in vielen Bereichen aus Pittsburgh kommen. Es passt, dass irgendwo hier eine Nachfahrin Hegels in einem Buchladen arbeitet und es ist als h√§tte der Weltgeist sich in Pittsburgh niedergelassen, um traurig zu sein und um trotz aller Geschichtlichkeit ein bodenst√§ndiges Leben zu f√ľhren.

Nicht nur Batman wurde in Pittsburgh¬†gedreht, nicht nur¬†Christina Aguilera¬†kommt von hier, nicht nur dass die Pinguins und Steelers gewinnen die nationalen Meisterschaften, es ist auch nicht, dass Zombieamerika seine Urspr√ľnge in Pittsburgh hat und die ersten Zombiefilme hier gedreht wurden (ich sehe Menschen aus Tarantinos Gemetzeln oftmals hier beim Einkaufen), Pittsburgh hat au√üerdem die Wahl zum ¬†schlechtesten, amerikanischen Akzent gewonnen und ist laut Economist dennoch die most liveable City in den USA.

Nun aber John und ich spazierten durch den beeindruckenden Herbst Pittsburghs, durch den Shenley Park hinter Carnegie Mellon, durch den Herbst, der nirgendwo so „bl√ľht“ wie her und neben der Frage, ob wir jemals so eiskaltcool wie Vin Diesel mit Schwei√üerbrille sein werden und warum die wildwachsende Haarkranzglatze au√üer Mode gekommen ist, √ľberlegten John und ich, ob es im 19. Jahrhundert noch ein Jahr gab, ein einziges Jahr, in dem nichts Weltbewegendes geschah, ein Jahr, in dem die Geschichte einfach anhielt, der Weltgeist eine Pause machte.

Plato-raphael

Irgendwann kam Platons Haarkranzglatze einfach au√üer Mode und wom√∂glich geschah das in einem November. Einschub Maja: "Ich wei√ü √ľberhaupt nicht, was M√§nner haben, wenn sie eine Glatze bekommen. Ich w√ľrde einfach Vin Diesel werden."

Gleiches gilt jedoch auch f√ľr heute: W√§hrend die Medien uns heute mit angeblichen Nachrichtenbeben √ľberw√§ltigen, fragt sich, ob diese Dauereruption in der Medienlandschaft tats√§chlich von Geschichte berichtet oder einfach nur Zeit kostet. Zumindest gilt es bei der modernen Geschichte, die angeblich wie ein Vulkan brodelt, als amoralisch, wenn man sein Interesse an Nachrichten verweigert. F√ľr meinen Teil brauche ich schon l√§ngere Zeit nicht mehr das w√§rmende Medienlagerfeuer am Abend, f√ľr mich ist das keine Vulkanglut und ich brauche keine externe W√§rme, um mich aktualisiert, ubgedated und demokratisch zu f√ľhlen. Im Folgenden gibt es also Einblicke in meine, zugegeben idealisierten, Gespr√§chsnotizen und Einf√ľgungen von Korrespondenzen aus dem November zu sehen. Aber vielleicht findet sich darin ein wenig Novembergeist aus Pittsburgh.

Was war also die historische Dimension eines kalten, traurigen Novembers?

John Harwey: Zumeist erscheint Geschichte nicht im Horizont unserer Medien. Diese ver√∂ffentlichen nur geschichtliches Fastfood. Der Todessch√ľtze von Osama Bin Laden ver√∂ffentlichte so ungefragt seine Identit√§t (Verweis hier). Ein kurzes Echo im Mediengebirge, aber die Tatsache das ein Mensch einen anderen t√∂tet, ist nur relevant, weil es kommuniziert wird.

Abgesehen davon aber stellt dieser Moment tats√§chlich eine historische Qualit√§t dar. Auf der einen Seite, ist es ebenso unbedeutend wie ein L√∂we, der seine Beute rei√üt, zugleich aber ist es die moralische, spezifisch-menschliche Frage nach Mord, die medial in den USA jedoch nicht diskutiert wird, was eher auf ein pr√§moralisches Stadium und ungeschichtliches Moment hindeutet. Stattdessen instrumentalisieren die Medien den T√§ter, um zu fragen, ob es legitim ist, geheime Informationen zu ver√∂ffentlichen und ob er nun um sein Leben f√ľrchten muss, weil ihn die Terroristen ja kennen. Nat√ľrlich k√∂nnen wir den Helden nicht verurteilen, denn das Individuum wird hier medial gewichtet und verschwindet dann hinter der Schablone des Helden, die wiederum die Frage nach der Moral hier g√§nzlich verdeckt. Gesellschaften aber, die ihre Moralsysteme nicht in Frage stellen, haben keine Geschichte. Das geschichtliche Moment ist also, dass sich der Weltgeist hier gerade nicht zeigt.

Anmerkung Norman Schultz: Wie also ging es mit der T√∂tung von IHM zu? Nun, das k√∂nnen wir ganz n√ľchtern berichten:

Nach der Beschreibung des Todessch√ľtzen hatte sein LEADER, der Kopf des T√∂tungskommandos, bereits Osama Bin Laden verfehlt, so dass unser Held, von dem wir wie ein Homer berichten, mit einer Heldenrolle in den Raum hinein hechtete und den dreckigen Halunken, der sich auch noch hinter eine seiner Frauen versteckte, niederstreckte. Durch sein Nachtsichtger√§t konnte er das B√∂se eindeutig identifizieren und mit einem pr√§zisen Vollstreckungsschuss brachte er den Amerikanern die ersehnte Rache. Damit hatte der Todessch√ľtze den Hinterbliebenen vom 11. September sein Versprechen eingel√∂st und gezeigt, dass die Amerikaner Gerechtigkeit besitzen. Gerechtigkeit als Waffe der Verletzten.

Norman Schultz: Die nackte Wirklichkeit der Zeit gibt es nicht. Das sind nur die erotischen bis pornographische Phantasien von Historikern und Bibelgl√§ubigen. Unsere Wirklichkeit wird durch die mediale Schneiderei gut eingekleidet, bis zur Unkenntlichkeit modisch frisiert. Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit, als K√∂nigin der Wissenschaft, in unserer Welt nicht nackt sein kann. Sie w√§re vielleicht zu √∂de und langweilig oder aber immer relativ zu unserem gegenw√§rtigen Gerede. Die Wahrheit w√§re nach der Moral von T√∂tung in einem Diskurs zu fragen, in einem Diskurs, in dem nichts als gekl√§rt gilt, alles sich wenden. Wahrheit darf nicht aktual, sondern muss prozedural betrachtet werden (ich kann hierzu das Buch von meinem Professor aus K√∂ln, Edmund Braun, empfehlen: Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch).¬†Doch die √Ėffentlichkeit fragt nach Helden, R√§chern und Ruhm, nach dem Glanz des Momentes und nicht nach der g√§hnenden Langeweile und knarrenden Weite von Ewigkeiten, die sich in Diskursen als das fortw√§hrende Spiel unserer Sinnsuche enth√ľllen.

John Harwey: Unser moralisches Mikroskop wird niemals die St√§rke f√ľr tiefgreifende, moralische Fragen haben, die n√§mlich in die Ewigkeit der Unendlichkeit m√§andern. Wir k√∂nnen nur verschwommene R√§nder f√ľr den Zeitgeist sichtbar machen. Das Ewige entzieht sich der simplen Sichtbarkeit. F√ľr die Medien ist dies untauglich. In der √∂ffentlichen Meinung und dies gilt auch f√ľr Verschw√∂ungstheorien sollen die Dinge konkret sein, Gesellschaften lassen sich aber nun mal nicht im Ganzen und in Detailsch√§rfe zugleich deutlich machen, das kann nur die Dialektik, die im Diskurs unvereinbare Argumente durcheinanderw√ľhlt, aufr√ľttelt und sensibilisiert. Die Gesellschaft ist kein Gegenstand, sie kann nicht einfach betrachtet werden, und zwar ist sie genauso kein Gegenstand wie Tische und St√ľhle keine Gegenst√§nde sind. Die Gesellschaft muss dynamisch bleiben, so dynamisch wie die Wirklichkeit.


Norman Schultz: Ich wei√ü noch wie ich mich mit einem Standardphilosophen in K√∂ln, definitiv kein Novembergeist, √ľber den Linguistic Turn¬†unterhielt und er mir vorhielt, dass er bei allem, was ich sage nur mit dem Kopf sch√ľtteln k√∂nne. Es war schlicht alles, was ich sagte f√ľr ihn falsch. Dabei sind dies genau die Positionen von Brandom, die ich vertrete, einem Philosophen, bei dem er dann doch gerne studieren wollte und der ja als gro√üer Zeitgeist aus Pittsburgh gilt. Es ist etwas schwer f√ľr Menschen zu begreifen, dass der Gro√üteil der Wissenschaft im Moment davon ausgeht, dass Objekte eher Resultate sind von der Art, wie wir die Welt begreifen, wie unser Gehirn operationalisiert und wie wir uns in Diskursen austauschen. Es sind nicht erst Objekte in der Welt und dann begreifen wir sie. Unser Zugriff auf die Realit√§t muss daher anders rekonstruiert werden und da ist der Begriff „Objekt“ sehr schwammig.

John Harwey: Genauso ist ein weitere Punkt, dass Verbrechen soziale Entit√§ten sind, die eben keine Objekte sind. Verbrechen entstehen immer im Verborgenen von Gesellschaften und √ľbersteigen unklare Grenzen. Viele von uns wandern in Grauzonen: Ist es zum Beispiel angemessen Tiere zu essen? Menschen, die ungeschichtlich argumentieren, kennen hier ein klares „Ja“, ganz einfach weil der Mensch f√ľr sie bereits feststeht und ein Raubtier sein muss. F√ľr andere mag der Mensch noch nicht festgestellt sein und angesichts der Bedrohung durch k√ľnstliche Intelligenz, die Hawking nun sichtbar macht, ist es vielleicht auch Selbstschutz nach einer angemessenen Ethik f√ľr Beute zu fragen. Ist es angemessen Tiere zu essen? Wir sollten dar√ľber l√§nger diskutieren und nicht zum Alltag √ľbergehen, dem gleichen Alltag, der uns andere Menschen ohne Gerichtsverfahren t√∂ten l√§sst. Alles, was nicht rational in Diskursen durchgekaut wird, m√ľssen wir daher Irrationalismus nennen.

Die Amerikaner haben kein Instrument, um hinter ihrer Rache eine gesetzlose Tötung zu sehen, so wie wir wenig Argumente haben, die Moral von Tierrechten festzustellen. Weil also der Ursprung von Verbrechen im Verborgenen liegt, an einem blinden Fleck unseres Sichtfelds, haben viele dieser Verbrechen oft noch keinen, wirklichen Platz in uns, wir kennen einfach ihre Dimension nicht und wir wissen nicht, wie der Mensch sich vor dem Forum der Geschichte verantworten werden muss (ein Gedanke, den Plessner ja stark machte).

Norman Schultz: Unser analytische Blick ist verstellt durch konfuse Gef√ľhle, die aus der Gr√∂√üe des ewigen Moments hervorstr√∂men. W√ľrden wir aber nur im Moment leben, so f√§nde keine Geschichte statt und de facto g√§be es keine Geschichte. Geschichtslosigkeit ist Irrationalismus und die, die meinen wir s√§hen nur mit dem Herzen gut, diejenigen sehen nicht, das Herzhandlungen oftmals eben auch Spontant√∂tungen sind. Nachrichten reduzieren Geschichte auf den Moment, er muss klar sektierbar und berichtbar sein. Aber das Herz muss aus der Gegenwart gehoben werden und sich dialektisch mit dem Verstand entwickeln. Das Tier das Geist hat, soll eins mit sich werden. Wegen des Irrationalismus aber ist es f√ľr die Amerikaner auch kein wirkliches Verbrechen sich spontan zu r√§chen. Spontane Rache ist ein ungeschichtlicher Moment, ein Augenblick, in dem etwas passiert und doch passiert nichts in der Geschichte. Rache ist eine schlichte Reaktion, die Gleichgewichte eines metaphysischen Kharmas herstellend darf. Ein g√§nzlich absurder Gedanke und der Weltgeist f√§llt zur√ľck in ein animalisches Moment. Wenn hier in diesem November Geschichte geschah, dann war es nur ein R√ľckschritt, dass wir uns den Blick auf Wirklichkeiten verbauen. Wenn in diesem November Geschichte geschah, dann war es eher die Geschichte davon wie keine Geschichte geschah.

Alfred Eisleben (schriftlicher Kommentar zu diesen Notizen):

Geschichtlich sind es heute auch die ausbleibenden Entwicklungen und vielleicht ist das unsere Geschichte, die mein Freund Derrida im Hinblick auf die Demokratie als Autoimmunisierung erkannte (Der Verweis bezieht sich womöglich auf Derridas letztes Werk Rogues, zu Deutsch Schurken). Das heißt Systeme versuchen, einen Ewigkeitstatus zu erreichen, indem sie wirkliche Veränderung verhindern. Das Verborgene soll auch weiter im Verborgenen bleiben, damit alles so weiter gehen kann, wie bisher. Das ist die Tyrannei, die ja Platon schon am weitesten von der Wahrheit entfernt sah.

Norman Schultz (Anmerkung zur Notiz von Alfred Eisleben):

Die ausbleibende Aufhebung der Verj√§hrungsfristen bei sexualisierter Gewalt ist mit Sicherheit eine solches Verfehlen. Sexualisierte Gewalt verschwindet hinter dem kindlichen Erinnerungsverm√∂gen und kommt oftmals nicht zur Anzeige, daher haben wir auch keine Informationen √ľber die Auswirkungen (unbeachtete Argumente, die ich verfasst habe, dazu hier¬†bei netzwerkB). Verdr√§ngung ist ein Element von unterdr√ľckenden Gesellschaften.

Anmerkung Alfred Eisleben: Genauso soll die angestrebte Total√ľberwachung der Menschheit eine Unvermeidlichkeit darstellen, doch die Wirklichkeit des Verbrechens bleibt immer im Verborgenen. Deswegen wei√ü niemand genau, wie politische Wirklichkeit wirkt. Total√ľberwachung ist schlicht nicht m√∂glich, weil wir nur begrenzte Verarbeitungskapazit√§ten haben, wir die Geschichte machen. Wir sollten uns nicht auf alle Details einlassen, sondern das Ganze der Moral besprechen. Deswegen ist es auch f√ľr die Medien schwierig, aus der √úberkomplexitit√§t in entsprechenden Abst√§nden Skandale zu produzieren, weil es keine Skandale gibt, sondern nur sehr komplexe Sachverhalte. F√ľr den Durchschnittskritiker aber ger√§t die Frage nach den Verantwortlichen zu einer Frage nach dunklen Verschw√∂rern. Der Verschw√∂rer aber ist nur ein Strohmann f√ľr die Unerkl√§rlichkeiten, die sich aus super-komplexen Systemen ergeben. Fr√ľher nahmen wir daf√ľr den Teufel an, heute sind es menschlich widerw√§rtige Seelen, die unter dem Deckmantel von Wirtschaftskartellen operieren sollen.

Als Resultat sind die entdeckten Skandale dann das, was weder wahr noch gänzlich falsch ist und was Aristoteles die Meinung nannte. So ist Schröder ein Genosse der Bosse und Merkel käuflich. Diese Meinungen sind gesprächstauglich, weil sie klar abgegrenzte Inhalte anbieten. Die Zeit aber wird meines Erachtens nicht bestimmt durch das, was Meinungen transportieren, sondern durch die komplexen Mechaniken, die Meinungen nicht repräsentieren können.

Anmerkung John Harwey hierzu: Da kommen die zwischenmenschlichen T√∂tungskommandos gelegener, denn offensichtlich hatte der M√∂rder Bin Ladens einem der Hinterbliebenen von September 11 versprochen, IHN zu t√∂ten. Es sind also nicht die Drohnen, die in afghanischen Teezeromonien einschlagen, die die Medien reizen. Dies ist aber nicht, weil die Medien dies wollen und Schattenm√§nner √ľber ein Verdunklungsunternehmen verf√ľgen, sondern weil die Medien genauso von der Dynamik des Geredes ergriffen sind. Jeder, der meint Klarheit ein f√ľr alle male produzieren zu k√∂nnen, ger√§t dabei in eine Sackgasse.

Aus allem gesagten ergibt sich aber, dass es nicht die Oberfl√§chen sind, die von Bedeutung sind. Daher ist Guantanamo weiterhin das Ereignis, das dieses Jahr bestimmt. Es ist die Unmenschlichkeit die eher Kontinuit√§t besitzt. Dieser Moment aber ist nicht direkt medientauglich, denn Unmeschlichkeit braucht seine Bestimmung am Ewigen. Es ist absehbar, dass das Thema im historischen R√ľckblick die Amerikaner als Friedensmacht herausfordern muss, aber dazu m√ľssen wir erstmal die Geduld haben uns auf das Ewige einzulassen. Und wer hat die Geduld um sich ewig zu binden? Insofern sich das Ewige nicht als Event vermarkten l√§sst, gibt es wenig Berichtenswertes. Man stelle sich eine Sendung vor: Das Ewige – Live!

ENDE Teil 1

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Norman Schultz

Pittsburgh, November 2014

 

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Herta M√ľller – Atemschaukel (Kritik) Von Hunger und Menschlichkeit

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Herta M√ľllers Atemschaukel¬†(Literaturnobelpreis 2009) ist ein Klagelied aus dem Hunger, aus einer Gefahr, die t√§glich wie hungriges Getier an einem nagt, aus einer Gefahr, die sich in die Seele wie ein hohles Nichts gr√§bt und wie ein best√§ndiges, unverwindbares Gef√ľhlstropfen den Seelenstein aush√∂hlt. Dieses Buch ist auch ein Bericht √ľber die Verwandlungen der Menschlichkeit am Menschen zu dem, was er kausal ist, zu dem, was er sein muss, ein Metabolismus, ein Stoffwechsler und so hei√üt es bald:

‚ÄěWir sind das Gestell f√ľr den Hunger‚Äú

Der nach dem 2. Weltkrieg deportierte Leo soll als Rum√§nien-Deutscher in einem Arbeitslager der Russen f√ľr die Verbrechen der Deutschen Wiedergutmachung leisten. Unter widrigsten Bedingungen, verlausen die Gefangenen, d√ľrsten nach Wasser, arbeiten bis auf Haut und Knochen und ihr Lebensfokus richtet sich weg von aller Kultur auf nur eines: Brot.

So erb√§rmlich sich das Leben der Protagonisten daher zeigt, so roh wie die Ungerechtigkeit in die Magenkuhle schl√§gt, so handlungsarm ist das Buch. Alle Handlungsstr√§nge laufen in der Kargheit des hohlen Hungers zusammen und bl√ľhen paradox in poetischer Reflexion auf. Aus der Schaukel zwischen k√∂rperlichen Verlangen und der Frage nach innerer Gerechtigkeit entsteht die Poesie des Romans. Es ist die poetische Auseinandersetzung mit dem, was wir als Mechanismus sind:

„Ich w√ľnschte die Herzschaufel w√§re mein Werkzeug. Aber sie ist mein Herr. Das Werkzeug bin ich.“

Die Verspannung des menschlichen Lebens in das Kausalwerk einer Welt, dort wo der Hunger unkontrollierbar w√ľtet, zeigt wie Freiheit an unserer K√∂rperlichkeit verschwinden kann. Doch auch bei Herta M√ľller bleibt ein unverwechselbarer Rest an Poetik vom Menschen √ľbrig. Hinter aller Effizienz, war es Kultur, die den Menschen √ľberlebte und ihn in andere Zeiten trug.

Hunger als existentiales Thema in der Weltliteratur

Hunger ist gängiger Begleiter in der Weltliteratur. Auch Nobelpreisträger Knut Hamsun schreibt hierzu in seinem Roman Hunger:

‚ÄěIch hatte es ganz deutlich bemerkt, immer wenn ich l√§ngere Zeit hungerte, war es gleichsam, als rinne mein Gehirn langsam aus dem Kopf und als w√ľrde er leer. Das Haupt wurde leicht und abwesend, ich f√ľhlte seine Schwere nicht mehr auf meinen Schultern, und ich hatte das Gef√ľhl, dass meine Augen allzu weit ge√∂ffnet glotzten, wenn ich jemand ansah.‚Äú

In Hamsuns Roman Hunger str√∂mt das Bewusstsein eines Mannes, der unter der psychischen Belastung der Leere, um ein Leben in W√ľrde k√§mpft. Der Roman lehrt: Es mag sein, dass einige elegante M√§nner durch die Welt stock und steif spazieren. Der Stil aber zeigt sich nicht darin, dass einer sich einkleiden kann, wie es ihm mit unermesslichen finanziellen M√∂glichkeiten beliebt, sondern, dass er mit der Armut sich noch die entsprechende W√ľrde zu geben wei√ü.

Auch bei Herta M√ľller vegetieren die Gefangenen an der Grenze ihrer Menschlichkeit. Ihr Brotgericht versucht hier die Gerechtigkeit im Kleinen aufrechtzuerhalten. Gleichm√§√üig verteilter Hunger ist gerecht. Abends dann tauschen die Gefangenen Brot, weil das Brot des anderen immer gr√∂√üer aussieht. Sie ertauschen mit dem ertauschten Brot oftmals neues Brot, denn immer sieht das Brot des Anderen gr√∂√üer aus. Sie tauschen solange, bis sie oftmals wieder mit dem urspr√ľnglichen Bissen Brot dastehen. Als eines Tages dann einer der Mitgefangenen einem anderen sein erspartes Brot, das er unter dem Kopfkissen verwahrt, tags√ľber wegisst, so wird er vom Brotgericht ohne Verhandlung blutig geschlagen.

Der Wahnsinn des Hungers

M√ľller, Herta.IMG 9379

Foto von Ave Maria M√Ķistlik CC-BY-3.0

Nat√ľrlich gilt das Gebot der W√ľrde nicht absolut, denn wer aus fetten Jahren gen√§hrt, sollte hier urteilen k√∂nnen? Als am 20. November 1820 der Walf√§nger Essex von einem Pottwal gerammt wurde und schlie√ülich sank, begannen die Matrosen, die sich auf kleinen Walfangbooten gerettet hatten, nach mehreren Wochen die ersten Toten zu verspeisen. Bald schon losten die halb verhungerten Seeleute aus, wer als n√§chstes get√∂tet werden w√ľrde. Als sie schlie√ülich von einem anderen Walf√§nger gerettet wurden, hei√üt es:

‚Äě[D]ie Haut mit Geschw√ľren √ľbers√§t, nagten die Schiffbr√ľchigen mit hohlwangigen Gesichtern an den Knochen ihrer toten Kameraden. Selbst als schon die Retter herbeieilten, wollten sie nicht von ihrem grausigen Mahl lassen.‚Äú (http://de.wikipedia.org/wiki/Essex_%28Walfangschiff%29)

Auch in „Schiffbruch mit Tiger“ stellt sich das Thema im Gewand eines Magischen Realismus dar. Bei Schiffbruch andere Menschen verspeisen? Stan Nadolny greift das Thema in Die Entdeckung der Langsamkeit auf, wo bei der Suche nach der Nordwestpassage eine Mannschaft verungl√ľckt. Die Frage ist in jedem Werk immer wieder, ob wir unter Extrembedingungen des Hungers es doch noch mit der Moral halten k√∂nnen. Herta M√ľller aber geht in poetische N√§he zum Hunger und entdeckt, wo die W√ľrde des Menschen existentiell gegen √úberleben eingetauscht wird:

Und wenn die letzte Freiheit des Menschen schwindet, die letzte Freiheit f√ľr etwas zu sein, dann holt der Hungerengel seine Opfer und gibt die Freiheit von ihm:

„Aber die ersten drei Toten im Lager sind:
Die taube Mitzi von zwei Waggons zerquetscht.
Die Kati Meyer im Zementturm versch√ľttet.
Die Irma Pfeifer im Mörtel erstickt.
[…]
Die Todesursache heißt bei jedem anders, aber mit ihr dabei war immer der Hunger. (89)

Der Hunerengel ist damit eine unbemerkte Grundbedingung des menschlichen Lebens, vom Leben selbst als Restriktion auferlegt. Wie ein fremdes Gesch√∂pf, dass sich in den Eingeweiden ausbreitet und alle Gegenst√§nde in Illusionen der Nahrung verwandelt. Doch da wo der Hungerengel nicht regiert, ist es die Sprache, die die Seele noch n√§hrt und f√ľhrt:
„Ich sage: Du betr√ľgst mich mit meinem Fleisch. Es ist dir verfallen.

Aber ich bin nicht mein Fleisch.“ (87)

Poetik ist der unauslöschliche Rest des Menschen.

 

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Norman Schultz

Neubrandenburg 2014

 

Weitere Kritiken zu Herta M√ľllers Atemschaukel

http://www.tagesspiegel.de/kultur/herta-mueller-atemschaukel-roman-aus-dem-versunkenland/1582856.html

http://www.dieterwunderlich.de/Mueller_atemschaukel.htm

http://www.perlentaucher.de/buch/herta-mueller/atemschaukel.html

http://www.zeit.de/2009/35/L-B-Mueller-Contra

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Kultur als endliches Prinzip im unendlichen Prinzip der Natur: Interview mit Prof. Dr. Eisleben

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Seit nunmehr 40 Jahren lebt der Deutsche Alfred Eisleben mit seiner Frau Adele Sch√ľmer in seinem freigew√§hlten Exil in Island. Nach dem zweiten Weltkrieg hat es ihn aus Deutschland fortgetrieben. Als Winterprofessor an der Carlson University (Pittsburgh) hat er mir ein Interview zum Begriff Kultur gegeben.

Entgrenzen: Herr Prof. Eisleben, Sie haben gut 80 Jahre Geschichte bewusst erlebt, wie schätzen Sie die Leistungen der menschlichen Zivilisation in diesem Zeitabschnitt ein?

Eisleben: Kulturleistungen sind nach Aristoteles Umgestaltungen der Natur. Das hei√üt, wir implementieren in die Natur der Natur fremde Prinzipien, und das obwohl die Natur ein Prinzip der Bewegung in sich selbst enth√§lt. Es ist eine gef√§hrliche Operation am offenen Herzen. Wir w√ľhlen in diesem lebendigen Leib der Natur herum. Schlie√ülich geht es dahin, das Herz der Natur ein f√ľr alle Male austauschen zu wollen.

Entgrenzen: Wenn ich da kurz einhaken darf. Sie meinen also, Kultur ist ein Eindringling in die Natur?

Eisleben: In einem gewissen Sinne dr√§ngen wir in unbeherrschte R√§ume. Aber so einfach ist das nat√ľrlich nicht. Kultur, dieses der Natur fremde Prinzip, dieses Herzst√ľck kann doch aber die Natur nur nachahmen. Verstehen sie, auch wenn sie ein k√ľnstliches Herz einpflanzen, es muss doch die gleiche Struktur haben, andernfalls funktioniert das ganze nicht. Dieses k√ľnstliche Herz soll die Bewegungen, die in der Natur sind, imitieren und muss sie imitieren. Das bedeutet, die Kultur ist an sich kein eigenst√§ndiges Prinzip, sondern wie eben ein Herzst√ľck in die Natur eingebettet. F√ľr uns hei√üt das, wir leben nicht auf Wolken der Freiheit, sondern so weit wir auch √ľber die vermeintlichen Grenzen der Natur hinaus tr√§umen, wir stehen mit unseren Beinen in der Wirklichkeit. Wir sind Teil eines lebendigen Organismus, der wirklich leidet und sich freut, sich selbst ver√§ndert, aber stets doch nicht die endliche Einrahmung, diese Einklammerung in eine Naturgewalt √ľbersteigt. Was sind also Kulturleistungen? Es sind Freuden- und Schmerzensschreie einer sich in Prinzipien entwickelnden und dr√§ngenden Natur. Ein st√§ndiges Schlagen dieses einen Herzens ins uns, der Natur und allem was so unerkannt unser fremdes Sein durchwaltet. Weiterlesen

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Oktobernous: Hinter Ebola, Faschisten und der Nato-Verschwörung von dem schwachen Verbund der Gesellschaft

6136 PHIL scientists PPE Ebola outbreak 1995

Eines nachts irgendwo in Afrika steht ein Krankenwagenfahrer am Fenster seines Vehikels und beurteilt durch das Fenster hindurch den Zustand seiner Patientin. Sie √ľbergibt sich, doch die Krankenh√§user sind voll, haben keine Kapazit√§ten mehr, die Ambulanz muss sie zur√ľckbringen und der Krankenwagen wird danach desinfiziert.

Eine Krankheit schlägt wie das Schicksal in den Körper ein. Eine unbequeme Angst breitet sich in der Unsichtbarkeit aus; auf den Straßen liegen die Ebola-Toten, das Individuum in der Menge, die Menge ist aufgebracht (By Photo Credit: Content Providers(s): CDC/ Ethleen Lloyd [Public domain], via Wikimedia Commons).

Der Oktober erz√§hlt von diesen √Ąngsten des Individuums, die sich in den Str√∂men der Massen materialisieren. Jene Angst materialisiert sich in Erz√§hlungen und hat wenig Zeit auf die √ľberkomplexe Wirklichkeit zu achten. Ebola ist nur einer von vielen Katalysatoren, die Bedrohungen hervorbringen. Hierzu geh√∂ren auch die Religionen, Faschisten und Kriege in der Ukraine. Alle sind nur zur H√§lfte Wirklichkeit.

Irgendwo in Afrika stirbt eine 17-Jährige am nächsten Morgen zu Hause, allein. Sie wäre womöglich ohnehin gestorben. So verdirbt uns unser zynischer Verstand des Mitleid, aber dennoch sagt eine Stimme in uns: Sie starb allein.http://www.nytimes.com/video/world/africa/100000003161313/fighting-ebola-outbreak-street-by-street.html Weiterlesen

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Filmempfehlung „Edge of Tomorrow“

Wir motivieren uns st√§ndig morgen ein besseres Leben zu f√ľhren. Im Alltag aber vaporisiert sich das neugegr√ľndete Selbstbewusstsein. Die best√§ndige Reinkarnation des Besseren in uns, ist eine Art Unabh√§ngigkeitserkl√§rung an den K√∂rper, aber doch fallen wir zur√ľck hinter die fleischigen Gardinen einer vom Schweinehund dominierten Unterwelt. Tiny Habits so verspricht nun die Verhaltensforschung w√ľrde uns dar√ľber hinaus bringen (Hier mein Artikel dazu).

Das Thema aber begegnet uns auch in Tom Cruise neuen Film „Edge of Tomorrow“. Aufgrund von Feigheit wird dort Major William Cage zum Fu√üsoldaten degradiert. Er wird in eine unausweichliche Schlacht gegen einen √ľberm√§chtigen, au√üerirdischen Gegner hineingeschickt. [SPOILER: Dieser √ľberm√§chtige Gegner kann die Zeit zur√ľcksetzen, und ist dadurch eben im Kampf unbesiegbar]. Doch zun√§chst unerkl√§rlich erlangt Cage eben diese Kr√§fte durch ein Siegfriedbad im Alienblut und findet sich nun im selben Tag immer und immer wieder. Doch obwohl er dabei nahezu unbesiegbar wird, seinen Tod kann er nicht verhindern.

Womöglich schafft es Cruise in diesem Film häufiger als Sean Bean zu sterben.

Nun Sean Bean ist ein lebendiger Spoiler, in jedem Film stirbt er seinen Helden. Weiterlesen

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Putin’s Zarbombe, sein Zarbewusstsein und der wirkungslose Impfstoff der Bildung

Meine Studenten fragten mich vor ca. 2 Wochen, wie ich die Situation in der Ukraine einsch√§tzen w√ľrde. Ich antworte, dass das normative Gebot, die Freiheit sei, aber dass Entscheidungen die Frage des Politischen sind. Wir Philosophen brauchen vor allem Zeit.

Wenn zwei Menschen auf hoher See ertrinken und nur noch ein rettendes Holzbrett vor ihnen schwimmt, dann d√ľrfen sie um den letzten Strohalm bis auf den Tod k√§mpfen. Wenn zwei Philosophen auf hoher See ertrinken und nur noch ein rettendes Holzbrett vor ihnen schwimmt, dann werden sie diskutieren, bis sie beide allein sterben. Kurz: Sie haben den falschen gefragt. Ich w√ľrde ihnen allerdings etwas Vernunft verkaufen, damit sie dann vielleicht Dinge etwas rationalisieren k√∂nnten. Weiterlesen

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