Zum Tode meines Professors Edmund Braun

Von Fibonaccie | Abgelegt unter Grenzen der Philosophie

Rembrandt Harmensz. van Rijn - Jeremia treurend over de verwoesting van Jeruzalem - Google Art ProjectAm 20. März 2015 diesen Jahres verstarb mein Professor, Dr. Edmund Braun.

Als ich im Winter 2007 nach Köln kam, da hatte mich so eben Freiburg wegen eines enormen Verwaltungsfehlers abgelehnt. Die Umstellung nach der Bolognese-Reform hatte für mich erhebliche Konsequenzen. Ich wollte eigentlich Phänomenologie in den Fokus nehmen und mich darauf in Freiburg konzentrieren. Nun gut, immerhin hatte Köln ein Husserl-Archiv und ich besuchte dort auch die Oberseminare.

Bald aber entdeckte ich ein Oberseminar bei einem sehr alten Professor, der schon damals mit erheblichen, gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Professor Braun war damals um die 80 Jahre und hatte schon eine sehr steife Statur. Drehte er sich um, wenn ein Student zu spät in den Seminarraum kam, so grüßte er ihn sehr freundlich, allerdings nur, indem er steif seinen ganzen Oberkörper zu ihm drehte. Wie er damals trotz seiner Gebrechen noch selbstständig mit dem Auto zu den Seminaren kam, schärfte in mir den Gedanken: Philosophie-Professoren wollen bis ins Grab hinein unterrichten. Jedenfalls galt dies für Professor Braun. Kurzzeitig erblindet, ließ er sich meine Magisterarbeit vorlesen und ließ es sich auch nicht nehmen, meine Prüfungen abzunehmen. Akademisch war Professor Braun bereits von den einflussreichen Schnittstellen abgeschnitten, aber intellektuell fühlte ich mich sehr zu ihm hingezogen. Vor allem sein fortwährender Kontakt zu seinem guten Freund Apel machte seine Philosophie lebendig. Was also enthielt seine Philosophie?

Sprache, die zwar schon immer einen wichtigen Gegenstand der Philosophie darstellte, aber bis zum 20. Jahrhundert nie im Zentrum dieser Disziplin stand, hatte in Edmunds Braun Transzendentalpragmatik den höchsten Rang [1]. Sein Buch “Der Paradigmenwechsel in der Sprache” war für mich das Zeugnis von dem umfassenden Verständnis, dass er sich über die Sprach- Philosophie erworben hatte. Seine 20-Jährige Forschung zu Aristoteles wendete sich spät, auch dank Apels Einfluss. Nun versuchte er, eine kantisch verstandene Sprachphilosophie als erste Wissenschaft zu etablieren und dabei auch den Verweis auf ein Transzendentales zu erhalten.

Immer wieder ging es in Professor Brauns Seminaren zur Sache. Die These, dass Sprache der unhintergehbare Kern unseres Denkens war, galt unter Kölnern streng analytischer Lehre als zu radikal. Einmal verließen zwei wütende Studenten das Seminar und riefen noch über den Flur, dass sein Seminar unmöglich wäre. Dennoch war mir Professor Brauns herausfordernde Art zutiefst sympathisch. Nein, er polemisierte nicht, sondern er erlaubte Studenten sich zu artikulieren, den Inhalten selbst nachzuspüren. Interaktivität und Diskurs prägten seine Seminare. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir zwar sehr kleinschrittig vorangingen, dennoch fühlte ich immer einen Kontakt zu den großen Themen der Philosophie, die er mit Sachverstand. doch zugleich verständlich aufschlüsseln konnte.

Für Professor Braun war die instrumentale Auffassung von Sprache, die Sprache nur als bloßes Mittel zur Beschreibung und Übertragung von Gedanken betrachtet, zurückzuweisen und ihre fundamentale Funktion in allen kognitiven Akten aufzuklären.[2] So heißt es etwa bei ihm: „Sprache begleitet, begründet, stützt und formt unser Denken und Handeln.“[3] Folglich konnte es für ihn kein sprachfreies Denken geben. Alles Gedachte vollzog sich in Sprache oder noch genauer im Diskurs.

Hier kam Edmung Braun bald schon auf die Spuren von Robert B. Brandom, der die Auffassung, die Sprache nicht ausschließlich über Repräsentationsleistungen definiert, sondern die fundamentale (Be-)Deutungsleistung der Sprache im semantisch-pragmatischen Vokabular ausbuchstabierte. Auch dies brachte mich schließlich auf die Spur nach Pittsburgh.

Das letzte und wichtigste Ziel der Transzendentalpragmatik war für Professor Braun jedoch, eine universale, normative Ethik zu begründen. Um jedoch überhaupt eine angemessene Diskussion eines sprachlichen Vernunftbegriffes in der Transzendentalpragmatik im Hinblick auf eine normative Ethik gewährleisten zu können, musste für ihn erst die Einsicht erfolgen, dass ein Sein-Sollen nur in der Regelhaftigkeit einer dialogischen Sprache fußen kann [4]. Denn über die Sprache als Bedingung der Möglichkeit und Gültigkeit der kognitiven Vollzüge  hinaus ist diese zudem eine normative Institution, da für die Regeln des Sprachvollzuges konstitutive Voraussetzungen in einer Kommunikationsgemeinschaft anerkannt werden müssen. Insofern Äußerungen sinnvoll sein und Geltung beanspruchen sollen, ist diese Anerkennung notwendig. Diese stets anzuerkennenden Voraussetzungen sind also Bedingungen und somit immer Grundnormen für eine Kommunikationsgemeinschaft. Gesetzt sind damit diese Grundnormen durch die Institution der Sprache. Begründungen können so nur Begründungen sein, wenn Sprache immer als relatives Sinn– und universales Geltungsapriori besteht [5]. 

Sinn ohne Sprache gab es für Prof. Braun daher nicht. Die Sprache als unhintergehbare normative Instanz und für jedwede normative Ethik war für ihn die Grundlage einer normativen, universalen Ethik.

Die frühe Einsicht der Transzendentalpragmatiker, zunächst den semantisch-syntaktischen Sprachbegriff, der sich aus der Annahme einer ausschließlichen Repräsentationsfunktion der Sprache herleitet, pragmatisch zu integrieren, was grob gesagt die Berücksichtung einer Kommunikationsgemeinschaft bedeutet, hatte diese Strömung den gegenwärtigen, führenden Strömungen wie Robert Brandoms Expressivismus/ dem kognitiven Realismus bereits vorweggenommen.

In der Folge dieser Einsichten begann für Prof. Braun eine neue Schaffensperiode, die ihn zu immer neuen Artikeln und Büchern über eine Ethik auf Grundlage transzendentalpragmatischer Einsichten trieb. Ich erinnere mich, wie er selbst im hohen Alter und geplagt von verschiedenen Strahlentherapien an seinen letzten Büchern teilweise bis in die Morgenstunden hinein arbeitete. Müde, aber doch mit voller Energie und Diskussionsleidenschaft erschien er dann dennoch bei den Seminaren. Es war immer sein Ziel noch letzte Bücher auf den Weg zu bringen und so widmete er sich zunächst der Anthropologie und dann vermehrt ethischen Themen, wobei er vor allem die instrumental geleiteten Ethiken angriff und sich auch versuchte gegen die relativistischen Strömungen zu wehren. Ethik war für ihn begründet in einer unbegrenzten Kommunikationsgemeinschaft.

Leider entfielen seine letzten Seminare, weil der Gesundheitszustand, es ihm nicht mehr erlaubte, zum Seminar zu kommen. Leider verließ ich Köln bereits im Jahr 2011. Dennoch behalte ich Prof. Braun nicht als alten Professor in Erinnerung, sondern als jemanden, der auch im Alter und trotz Krankheit noch viel Lebensfreude und Inspiration für seine Studenten aufbrachte. Ich behalte ihn als einen der engagiertesten Professoren in Erinnerung, der immer auf der Höhe der Zeit seine Theorien entwickelte, was auch die rege Teilnahme vieler Studenten an seinen Oberseminaren bezeugte. Ich bin ihm dankbar für die Philosophie der Transzendentalpragmatik, die er für mich aufgeschlossen und entschlüsselt hat. Ich wünschte, ich hätte die Zeit, zu intensiverem Kontakt genutzt.

Norman Schultz, Pittsburgh, 31. Dezember 2015

Quellen:

Braun, Edmund 1996: Der Paradigmenwechsel in der Sprachphilosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt

Braun, Edmund 2007: Sprachapriori in der Kunst.  in Aufgang – Jahrbuch für Denken, Dichten, Musik – Band 4 – Eros, Schlaf, Tod – Herausgegeben von José Sánchez de Murillo und Martin Thurner.

Braun, Edmund 12/2007: K.-O. Apel – Transzendentalpragmatik als normativ-semiotische Transformation der Transzendentalphilosophie. http://www.philosophieren.de/menu1/philosophePERSÖNLICHn/apel/apel.pdf

Kuhlmann, Wolfgang 1992: Sprachphilosophie – Hermeneutik – Ethik. Königshausen & Neumann

 

[1] Vgl. Kuhlmann 1992: 9

[2] Vgl. Braun 2007: 413

[3]  Braun 2007: 413

[4] Vgl. Braun 12/2007: 3

[5] Vgl. Braun 12/20007: 8

[6] Vgl. Braun 12/2007: 8

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Vierter Juli, das ist schon etwas vorbei, ja, ich schreibe selten und mittlerweile weicht sich das Profil auf, mit dem ich hier ursprünglich begonnen hatte zu schreiben. Mein eigentliches Projekt war es ja Grenzen der Menschheit anzudenken. Das war vor 5 Jahren und in der Zwischenzeit habe ich einen Magister, was mich wohl auch damals zu dem Thema bewogen hat, und außerdem arbeite ich mittlerweile an meiner Dissertation. Was also passiert hier nun? Zunächst muss ich sagen, dass sich in Pittsburgh das Gefühl von amerikanischer Unabhängigkeit einstellt. Ich war zum ersten Mal im Sommer hier und bin nicht zurück nach Deutschland geflogen und so habe ich auch den Unabhängigkeitstag zum ersten Mal als wirklich nationales Event kennengelernt.

Im Weiteren ist meine Tochter nun eingetroffen und wir haben ein paar Kinder eingeladen und ihren Geburtstag nachgefeiert.

Hier sind sie beim Versteckspiel:

Außerdem, wie man sehen kann, habe ich mir für diesen Anlass eine neue Linse für meine Kamera besorgt. Eine Feststelllinse mit der ich bestimmte Unschärfeeffekte hervorrugen kann und darüber hinaus, das Licht sehr gut einstellen kann.

Nun aber zum eigentlichen: Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, hier weniger über meine philosophische Arbeit zu berichten und stärker reflektierende Kulturphilosophie zu betreiben. Dies hatte auch einen einfachen Grund: Philosophisches Handwerk ist in den konkreten Begriffen zäher als ungekochte Schuhsohle. Mir fiel schon seit längerer Zeit auf, dass sich dabei philosophische Werke einerseits aus leicht zu verstehenden Slogans, andererseits aus konkreter Detailarbeit zusammensetzen. Mit Slogans meine ich Schlachtrufe, wie “zu den Sachen selbst”, eine Husserlianische Aufforderung, die verstaubten Begriffe von Gott sowie haltlose Spekulation hinter sich zu lassen, der Slogan “Identität der Identität und Differenz”, eine kompliziertere Deutsch-idealistische Formulierung, die davon ausgeht, dass Sein sich nur verstehen lässt, wenn wir eine Einheit aus Sein und Nicht-Sein konstruieren, was natürlich auch Slogans wie das parmenidische “Alles ist Eins”, was eben diese Differenz in der Identität nicht zulässt, oder Slogans wie das heraklitische “Alles fließt” umfässt, wobei die Heraklitische Idee besagt, dass es keine stabilen Realitäten gibt, sich alles verändert und somit neben der Differenz keine Identität sein darf. Von hier aus ist es nicht weit bis zur Hausfrauenapothekenphilosophie: Wo Licht ist, ist auch Schatten, wo Sonne ist, muss es auch Regen geben oder man muss das alles ganzheitlich sehen.

Problematisch ist, dass wir mit solchen Slogans für gewöhnlich unsere Weltbilder zimmern. So ist zum Beispiel das Wort “ganzheitlich” zum tödlichen Schlagwort für Impfgegner und ihre Rechtfertigung in der Regel nicht mit Details begründen, sondern auf Slogans hereinfallen. Daher fällt mir nur immer wieder ein, was mein erster Professor Rainer Enskat damals sagte, dass Wissenschaft bei der Genauigkeit beginne. Ich glaube, ich verstehe das von Jahr zu Jahr besser. Im Gegensatz zur Hausfrauen- oder meinetwegen Hausmannphilosophie ist die Philosophie die Wissenschaft vom Ganzen und beschränkt sich nicht nur darauf, verschiedene Slogans in einen Topf zu werfen und dann einmal kräftig zu rühren. Es geht auch nicht um Schlagworte wie “ganzheitlich”, denn ich behaupte, dass jeder der genuin an Wissen interessiert ist, auch eine ganzheitliche Betrachtung verfolgt. Vielleicht ist gerade der im Unrecht, der eine ganzheitliche Perspektive für sich ohne Weiteres in Anspruch nimmt?

Nun bemerke ich bei meinen Texten, dass ich oftmals diesen Sloganbrei selbst zusammenrühre und die konkrete Arbeit am Begriff hinterherhinkt. So weiß ich zum Beispiel, dass Brandom eine pragmatische Integration der Referenz-Semantik anstrebt, wie er das aber konkret mit anaphorischen Begriffen macht, habe ich noch nicht ganz erarbeitet. Auch seine Unterscheidung zwischen De-Re und De-Dicto-Aussagen ist noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Dennoch weiß ich: Making it Explicit ist Brandoms Meilenstein, was die ganzheitliche Ausarbeitung in Bezug auf das Repräsentationsproblem angeht und selbst Habermas überschüttet es gerne mit Lob. Aber das ist Oberfläche.

Aber damit tauche ich auch schon in die Schwierigkeiten. Also abgesehen von diesen Slogans hat mich immer schon das Detail interessiert. Hier aber kommen wir in eine Welt, die sich vom ersten Anschein verabschiedet und in einen haltlosen Boden driftet. Warum das? Wo Erklärungen immer wieder überworfen werden und keine Wahrheiten bestehen bleiben, weil sich im Detail der Slogan einfach als zu oberflächlich zeigt, dort bleiben wir nicht bei Resultaten stehen. Die Befriedigung, die sich oftmals im Alltag einstellt, weil ein gemeinsamer Nenner gefunden wurde, ist nicht unbedingt das Resultat der Philosophie. Mittlerweile kann ich sagen, das Vorsicht bei Menschen geboten ist, die einem simple Wahrheiten verkaufen. Dabei ist übrigens auch jene angebliche Wahrheit, dass Wahrheit einfach sei, ziemlich verdächtig. Es haben sich schon viele mit Ockhams Rasiermesser geschnitten (Vorsicht: Kalauer).

Nun ja aber warum das alles? Eigentlich hatte ich einen Nachruf auf meinen Professor aus Köln verfasst und dort viele Slogans zusammengezimmert. Leider habe ich vergessen zu speichern. Auf jeden Fall ist der Artikel jetzt mal weg und die Zeit drängt. Nun, was passiert also gerade in meiner Philosophie? Ich frage mich wirklich, ob es Individuen wie Stühle gibt. Das ist natürlich bescheuert, denn natürlich gehen wir damit tagtäglich um und stellen sie von A nach B, aber abgesehen von diesem Resultat, dass wir mit Phänomenen wie “Stuhl” operieren, erscheint mir die Überlegung, dass es Dinge an sich gibt oder dass dort Materie sein soll, doch sehr abstrakt.

Moment ich sage nicht, dass es keine Materie gibt oder keine Gegenstände, aber ist mit den Worten “Materie” und “Dinge” schon alles oder überhaupt etwas gesagt? Wie man die Brille auf seiner Nase nicht mehr sieht, ein hochkomplexes Gerät, ebenso wie man sein Auge nicht sieht oder ebenso wie viele Menschen im Mittelalter nicht wussten, dass sie ein Gehirn haben, so erscheint mir auch der Begriff “Materie” als nahezu unbekannt, denn wir haben Materie einfach nicht erfahren. Es ist ein äußerst schwammiger Begriff, der keine genaue Bestimmung hat. Irgendwie verfahren wir mit dem Resultat, dass Aristoteles unter dem Stichwort Hyle (Holz) als erstes fasste. Ja damals hieß Materie noch Holz, was ein Ausdruck einer Verlegenheit ist, aber diese Verlegenheit haben wir mittlerweile auch wegen der Informationsfülle unserer Alltagswelt vergessen (Wer das Internet benutzt, fühlt sich dabei oftmals nur schlauer, wie Forscher jetzt herausfanden. Das habe ich übrigens gegoogelt und ich fühle mich jetzt tatsächlich schlauer). Was aber soll Materie sein?

Eine Studentin im Seminar bei mir zeigte sich ganz schockiert, dass ich den Begriff Materie nicht voraussetze und ihn auch herleiten möchte. Sie schaute mich an und meinte, dass doch alle Dinge Materie hätten. Daraufhin fragte ich sie, ob sie mir Materie mal zeigen könnte oder ob sie welche zu Hause hätte und mal mitbringen könnte.

Mir erscheint, dass hier oftmals vieles auf sogenannter externer Reflexion fußt, zum Beispiel, dass wir mit Dingen umgehen als wären sie Materie. Was aber heißt “mit einem Ding umgehen”? Und was ist ein Ding? Ich sage dabei nicht, dass es diese nicht gibt, aber wie Russel zum Beispiel behauptet, er habe eine Eimer-mit-Schrot-Theorie während Hegel eine Schüssel-voll-Marmelade-Theorie hätte, so erscheint es mir absurd, zu behaupten, unser Universum wäre ein Eimer gefüllt mit individuellen Schrot-teilchen, denn wie stehen diese Teilchen in Beziehung? Hegel behauptet übrigens nicht, dass gemäß einem Marmeladentopf alles zusammenklebt, sondern seine Kritik entspringt eher daran, einen unbegründeten Atomismus zu behaupten, eben diesen den Russel gleich wieder beginnt, nachdem Russel Hegel wie eine wehrlose Strohpuppe abgeschossen hat (eine sehr gute Analyse des Gründungsmythos bietet hier Redding).

Nun ist es bei Hegel tatsächlich so, dass er sich von einem semantischen Atomismus verabschiedet und damit einen sogenannten holistischen Pragmatismus vorwegnimmt. Für ihn müssen Dinge auch in ihrer Relation geklärt werden. Wäre zum Beispiel dieser Stuhl nur für sich, ein In-sich-sein, dann würde er nicht in Bezug auf anderes sein können. Er würde wie Sein in sich zusammenstürzen, keine Beziehung zu nichts aufweisen und wäre damit für uns nichts. In-sich-sein wie Sein wäre dann epistemologisch nichts. Es würde wie Leere zerfallen, daher muss eine Differenzierung ein Übergang zu dem Sein-für-anderes stattfinden. Der Kniff aber an Hegels Theorie ist nicht, dass er nun behauptet, dass der Stuhl nicht an-sich in-sich wäre, sondern dass Hegel terminologisch einfach die Herkunft unserer Begriffe begründen will, wobei diese Selbstbewegung des Begriffes die ihm angenehme Ontologie und den Inhalt jeder Logik ausmacht. Wir reden also nicht über Identitäten, sondern erst einmal über differente Dinge, die uns auffallen und versuchen sie in immer höherer Auflösung zu beschreiben. Das wäre dann die Arbeit am Detail und stattdessen einen Slogan von Realität vorauszusetzen, versuche ich diese Details mit ein paar historischen Slogans in Berührung zu bringen. Das ist gerade Gegenstand meiner Dissertation.

Soviel also zu dem, was mich philosophisch gerade beschäftigt, ansonsten ist, wie oben gesagt, meine Tochter hier, die sich übrigens von einem Genie drei Dinge wünschen würde: ein Einhorn, eine Prinzessin zu sein und eine Banane.

Weil sie gekommen ist, habe ich die neue Linse gekauft, die diese Unschärfeeffekte gut erzeugen lässt und ich habe auch eine Party für sie gemacht.

Gil, ist übrigens Musiker und wir bei unserer nächsten Party einen Musikworkshop mit alternativen Instrumenten organisieren.


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Norman Schultz, Pittsburgh Juli 2015

Norman Schultz

Pittsburgh, Juni 2015

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Aegina, The Temple of AphaiaDer Grexit soll nun aus einer fortwährenden Krise die Ansteckungsgefahr europäischer Staaten auf die Probe stellen. Inwieweit greift dann das großpolitische Finanzgemetzel in unsere Tasche? Für mich ist das relevant, da meine Familie aus Europa zu Besuch kommt und nächste Woche vielleicht stark entwertete Euros in Dollar wechseln muss. Dabei sind wir natürlich nicht wirklich schockiert. Die Malaise ist eigentlich einer Erscheinung der Moderne und Europa steckte schon immer halb im Geburtskanal, der irgendwie auch immer hin zum Sterbebett führte. Unsere Krankheit über öko-logische Verhältnisse zu leben entspricht einem Räuber-Beute-Prinzip und auch wenn wir darauf keine letzte Zigarette mehr rauchen, wir prosten uns nochmal zu, als wären wären wir auf einer Selbstmörderparty.

Trotz dialektischem Schwelen zwischen Macht und Übermacht sind Krisen dabei nicht nur dumpfe Inhalte unserer Zeitungen, sondern ein mediales Hintergrundrauschen; mit unter auch ein romantisches Lagerfeuerknistern. Wir informieren uns über die Krise morgens im Radio. Lagerfeueratmosphäre kommt auf. Abends schauen wir wie zu einem Feuerwerk am Medienhorizont hinauf. Was ist schon eine Krise? Für uns, eine Generation, die immer mehr brauchte und immer mehr verbrauchte, bleibt auch dieses vermeintliche Gewitter wie eben Nachrichten über ein anderes Wetterungeheuer. Wer einen warmen Sommer aushält, der hält auch mal eine Krise aus. Wer einen Schnupfen hat, der erholt sich auch schon mal mit Homöopathie. Und die Krisenzigarette rauchen killt nur langfristig, aber gelebt wird jetzt. Was ist schon Askese wert im Vergleich zu einer guten alten Selbstmörderparty? Wahre Dialektik aber endet mit dem Genuss und natürlich muss die normale Arbeit auch weiter gehen. Wir erzählen Geschichten nicht zu Ende, weil wir keine Zeit haben. Geschichte übersteigt unsere Lebenszeit. Das ist alles kein Vorwurf. Die Meinung ist dabei die Abkürzung zum Circle-Jerking der Verschwörungstheoretiker. Meinungen sind noch irgendwie in ein Gehirn pressbar.

Aber die Krise hat auch andere Konsequenzen für das europäische Narrativ: Europa kennt keine Helden, denn Medien können keinen Kelmut Hohl mehr installieren. Dafür ist das Internet zu fraktuiert und mit Routineverschwörungstheorien beschäftigt. Es sollte ja nur eine linke Regierung gestürzt werden.

Die Amerikaner haben wirklich das ganze Wochenende ihre neu errungene Freiheit gefeiert, wie dieser Herr hier.

Abstraktes Geld das irgendwo in Sumpflandschaften investiert wird, bleibt unverständlich, selbst für die handelnden Politiker. Aber es sind doch unsere Steuern oder? Ist da nicht irgendwo auch mein Euro drin? Die Idee des Besitzes hat eine ganze Gesellschaft ergriffen und ist dabei so abstrakt geworden, so dass jedem Steuerzahler irgendwie auch Griechenland gehört. Die Dinge in der öffentlichen Welt, sie gehören plötzlich allen. Schaut man genau hin, so erkennt man in jedem öffentlichen Gegenstand auch sein Geld darin. Und obwohl wir nicht einmal eine Schachpartie angemessen verstehen, wissen wir alle irgendwie, was Dr. Merkel machen sollte.
Die Dialektik von Krisen hat mit der Entwicklung neuester Medienkanonen einen weiteren Push in Richtung Meinung bekommen. In Informationsfluten geht man nicht baden, sondern unter. Statt Informationen lassen wir uns daher abends warme Bäder mit Meinungsschaumbad ein. Natürlich gehöre ich dazu, auch wenn ich mich eigentlich politischer Meinung immer enthalten wollte.
Derweil scheint hier allen der Regenbogen aus dem Arsch, da Amerika jetzt schwul ist. Die Medienkanonen feuern hier aus allen Rohren und Menschen laufen mit Regenbogenfahnben über die Straßen. Wie die Ice-Bucket-Challenge gehört es nun zum guten liberalen Ton, sein Profilbild in Regenbogenfarben zu wechseln. Selbst mein Professor fragte mich, ob dies nicht die perfekte Realisierung von Habermas’ Ideal einer entsubstantialisierten Legalität ist. Ich weiß dabei nicht, ob die Welt wirklich substanzlos ist. Ich sollte Eisleben fragen. Eine andere Meinung ist so gut wie meine. Meinungsfreiheit ist Meinungsgleichheit und sie wird zur Währung in entsubstantialisierten Systemen. Youtube macht es vor. Meinungsjongleure sind erfolgreicher, werden Millionäre und interviewen Frauen dann über den schnellen Sex. Vom schnellen Sexgespräch zum schnellen Geld.

Der Trend geht zu diesen Pranks und Interviews. Ansonsten aber weiß ich wirklich nicht, welche Meinung ich von großpolitischen Ereignissen haben soll. Versuche mich aber an dem Thema in meiner Dissertation weiter abzuarbeiten. Mit Meinungen aber geht es im Leben weiter. Denn Meinung ist im Aggregat nicht nur eine Parellelwährung auf Youtube, sondern ein reißender Empörungsfluss, der auch staatlich kanalisiert werden sollte. Schauen wir also nach Russland.
Derweil arbeiten die Russlandversteher daran, ihren Ruf zu verbessern. Jemanden zu verstehen ist ja eigentlich gar nicht mal so schlecht und stattdessen muss man doch erstmal überhaupt verstehen, so sagen sie. Nagut dann mal los. In Russland sind im letzten Jahr fünf neue Stalinstatuen eingeweiht worden. Wie versteht man das? Das hängt alles damit zusammen, dass Amerika zuerst 5 neue Obamastatuen in der Ukraine eingeweiht hatte? Oder wenn China das mit Mao Dse Dung darf, dann ist es sowieso alles egal-legal? Legal ist, was ist gleich ist? Schaut euch weiter eure Sendung-mit-der-Maus-Versteher an, anstatt in der Dialektik nicht auf dem halben Wege stehen zu bleiben. Hier ein Video, dass einiges Kopfnicken erzeugen wird, aber sagt mal geht euch eure Stimme nicht selbst auf den Geist?

Ich beschränke mich hier auf die Kritik der Stimme, denn der Aufwand wäre zu groß, eine Dialektik auszuarbeiten. Ich hoffe nur, dass Russland jetzt auch mal ein paar Gay-Statuten überarbeitet. Den homoerotischen Putin haben sie ja schon. Aber ganz ehrlich unter der Knute von der russischen Regierung würden hier so einige Mäuschen ganz still sein, auch wenn ich zugebe, dass ich mich immer frage, wie viel die NSA von mir ablauscht. Ich muss ja sogar mit der Sevis-Gebühr für meine eigene Überwachung zahlen.

Ach, aber Russland, wohin steuerst du nur? Ich habe so gerne deinen russischen Klavierkadern gelauscht und deine Schachpartien studiert. Es war alles nur Prestige richtig?

Aus Anlass des Weltkrieg-Gedenkens wurden im Mai auch fünf neue Stalin-Denkmäler in verschiedenen russischen Städten eingeweiht. http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-05/wladimir-putin-bueste-statue-verehrung

Hurra, Putin, deine Politik ist genauso gut wie Stalins. Da fällt mir ein: Ich weiß noch wie meine Kindergartenerzieherin in der DDR mir einst ein Zäpfchen gegen Fieber in den Hintern schob. Wir gingen in einen kleinen Raum und dort hing das Bild unseres großartigen Parteiführers, Erich Honecker. Später dann als ich krank war und ihn im Fernsehen sah, rannte ich schnell in die Küche und sagte meiner Mutter, sie sollte schnell ins Wohnzimmer kommen. Als sie ins Wohnzimmer kam, erklärte ich ihr, dass Erich Honecker im Fernsehen sei. Der wollte ja auch nur das beste für uns. Und wie ist das mit Russland?

Der Präsident wird nicht nur freiwillig verehrt. Gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit im Jahr 2000 verordnete Putin, dass sein Konterfei in Behördenbüros zu hängen habe. In der Privatwirtschaft ist es inzwischen nicht mehr nur eine Frage des guten Geschmacks, es den Behörden gleichzutun. http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-05/wladimir-putin-bueste-statue-verehrung  

Völker werden in der Zwischenzeit zu Brüdern, schließlich ist es für China und Russland wichtig, gemeinsame Militärmanöver im Mittelmeer abzuhalten. Und wer jetzt sagt, die Nato macht das ja auch, der folgt einer irren Logik, denn, was falsch ist, wird nicht dadurch richtig, dass andere es machen. Natürlich wissen sie das, ich weiß. Irgendwie weiß ja jeder alles. Aber die Verbrüderung von Russland und China folgt einer Aufrüstung von Staaten, die durch Kooperation nicht viel zu befürchten hatten. Meine These hierzu ist folgende: Da die Verteilung der Macht auf wenige Reiche in ihren Staaten erfolgen soll, rüsten Staaten auf. Reiche wollen nicht kooperieren und dabei Vermögensanteile an die Demokratie abgeben. Das ist die eigentliche Gefahr für Russland und Russland bleibt eine Oligarchie, auch wenn Putin einigen Milliadären den Hals abgeschnitten hat.

Ich gebe zu: Reichtum will keine Demokratie und natürlich ist das auch ein Problem demokratisch stark limitierter Kaptitalismen  wie hier in Amerika. Aber eins ist für mich klar, das ist kein Kommunismus der gegen das böse Amerika antritt, sondern eine prinzipielle Dynamik, die nicht gut zu heißen ist und da hilft auch kein Putin verstehen. Wenn ich mir dann Meinungsfreiheit, Gefängnissysteme, den Umgang mit Kindern anschaue, dann denke ich, dass wir in der westlichen Welt noch einen Vorsprung an Demokratie haben, auf den ich mich konzentrieren möchte, ihn auszubauen. Ich habe keine Zeit Russland zu verstehen.

Im Weiteren gerät der Krieg zu einem Krieg an allen Fronten, so dass Europa zwischen Überwachung der Amerikaner, dem erotischen Putin (der seine populäre Manneskraft an der Front gegen den Westen stählt) und dem IS bedroht wird, der ja Angriffe über das Mittelmeer auf den weichen Leib Europas plant. Von der inneren Bedrohung einer entfesselten Meinungsdemokratie ganz zu schweigen. Es scheint aber als müsste Deutschland sich damit begnügen für Gerechtigkeit zu streiken, obwohl es internationale Gerechtigkeit noch nicht verstanden hat. Warum aber ist Deutschland und Amerika besser? Ich habe mir tatsächlich eines der Schlächtervideos der IS angeschaut und bin entsetzt wie professionalisiert die Abschlachtung von Menschen dort im Namen einer Religion ästhetisiert wird. Amerika foltert ohne Frage, ob es sind nicht Millionen an Menschen, die in Konzentrationslagern verdampft, ertränkt und enthauptet werden. Natürlich muss auch Amerika sein Demokratieverständnis überarbeiten. Wenn ihr das anführt, dann ist das ohne Frage. Aber Amerika ist entsubstantialisiert eben doch zu Selbstkritik in der Lage. Warum müsst ihr hier zwei schlechte Karten konstant gegeneinander auszuspielen versuchen?

Was passiert derweil in China? Man schüttet Sandburgen im Meer auf, weil Vietnam damit angefangen hat: http://blog.zeit.de/china/2015/05/19/chinas-landgrabbing-im-suedchinesischen-meer/

China glaubt, wer das stärkere Militär hat, der verliert auch kein Gesicht. Und so kann China auch schon mal anmerken, dass sie den internationalen Gerichtshof nicht anerkennen werden, es sei denn er entscheidet sich natürlich für ihre Rechte. Und was sagt der Meinungsmacher neben mir: Internationaler Gerichtshof, das ist doch dieses amerikanische Instrument, das Bush wegen seiner Kriegsverbrechen nicht verurteilt. Wohin fällt euer Nihilismus letztlich, wenn ihr darin nicht auch eine Errungenschaft sehen könnt, die der Kampf für Demokratie gebracht hat? In Demokratien können nicht alle gesellschaftlichen Gebilde von wenigen Entscheidern kontrolliert werden, und darum lehnen autoritäre Regime demokratische Instrumente ab. Der Ausbau bestehender Institutionen ist nicht viel Wert im Hinblick auf den Kindergartenstreit, wer angefangen hat. Stattdessen aber pusht das Internet an harte Meinungsfronten:

Viele deutsche Verdrossene haben ein Jahr der Erweckung hinter sich. Sie haben sich auf Demos kennengelernt und in Facebookgruppen vernetzt. Sie haben sich gegenseitig bestätigt, dass es nicht radikal sei, Schwule für krank zu halten und Muslime für gewalttätig. Im diffusen Milieu der Unzufriedenen hat sich eine handelnde Gruppe der Wütenden herausgebildet. Die AfD, und zwar der nationalkonservative Flügel, hat Zugang zu ihnen. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-05/afd-lucke-ausstieg-weckruf2015/seite-2

Man hat sich bereits auf die richtige Strategie innerhalb Europas geeinigt, nämlich seine Feindbilder zu kultivieren. Es passt zu den Gefahren, die den Horizont Europa umschließen. Und ja dazu gehört auch Putin, aber nicht Russland. Es wird Zeit Festungen zu bauen oder? Die Globalisierung erfährt ihre Grenze in den Meinungsverschiedenheiten, die sich mit der Anzahl der Diskursteilnehmer potenziert. Frigida, Ausländerfeinde aus Freising haben sich dabei bereits im Namen klar definiert: Intellektuell fruchtlos. Aber was sagt der vermeintlich intellektuell Potente dazu, der mir nun vorwirft, dass ich Putin als Feindbild institutiere?

Ich tauge einfach nicht für die reine Lehre. Egal ob Kapitalismus, Sozialismus oder Liberalismus: Ich konnte noch nie etwas mit –Ismen anfangen. Sobald nämlich eine Idee zur Bewegung wird, fordert sie Anpassung. Und das löst ihn mir reflexhaften Widerstand aus. http://www.huffingtonpost.de/2015/04/20/veganer-erziehen_n_7099460.html

Gut hier ist nicht Russland im Kern des Gesprächs, aber die Umlenkung des eigentlich Skandalösen in eine entsubstantialisierte Dialektik ist prekär. Die Frage nach den Ursachen und von gesellschaftlichen Dynamiken ist ein Teil unserer gesellschaftlichen Selbstkritik, aber sie ist in einigen Punkten schlichtweg falsch und täuscht über die Substanz hinweg. Wir sehen in diesem Clickbait-Artikel, der eben nur darauf angelegt ist, Klicks zu erzeigen, dass diese Meinung sogleich zur Ablehnung dessen führt, was pure Ausbeutung des Sein anprangert. Die Ausbeutung der Umwelt durch den Menschen und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Dies sind die wahren Themen, die zusammengehören. Was also haben Veganer mit Meinungen zu tun?

So geht es mir auch mit dem Veganismus. [...] Ich bin nur noch genervt von deinen Hühnerhof-Schockvideos. Warum? Du sprichst nicht mit mir. Du brüllst mich nur noch an. Das finde ich nicht nur unhöflich, sondern auch verdammt ignorant. http://www.huffingtonpost.de/2015/04/20/veganer-erziehen_n_7099460.html

Lieber Herr Ignorant, die Welt brüllt, weil das Leid so unglaublich ist.  Wo das Mitgefühl aufhört, dort beginnt dann das großpolitische Gezanke und Theater. Dein -Ismus, vor dem du dich so reflektiert flüchtest, heißt, Nihilismus, und genau dahin führt eine entsubstantialisierte Dynamik von puren Rechtsstaaten, in reines Meinungsgerangel und eine egalen Gleichheit. Und was passiert mit Griechenland morgen? Es werden noch nicht alle Instrumente abgestellt, der komatöse Patient hängt noch am Tropf der EZB. Griechenland wird sich zum Referendum retten und für nach einer Woche mit Schrecken und blauem Auge für das Hilfspaket stimmen. Gut, mit all diesen halben Fragmenten gebe ich zurück nach Deutschland und widme mich wieder meiner Dissertation, um das ganze systematisch auszuarbeiten. Ach und wer noch einen wirklichen, guten Text zum Thema Griechenland lesen will, der sollte sich natürlich nicht mit meiner halben Meinungsmache auseinandersetzen, sondern Habermas studieren:

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/europa-sand-im-getriebe-1.2532119

Wenn ihr auch in Zukunft hier weiterlesen wollte, dann Emailadresse eintragen:

 

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Norman Schultz

Pittsburgh, Juni 2015

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Da Vinci Vitruve Luc Viatour Norman Schultz: Was ist Kunst?

Alfred Eisleben: Gegenfrage: Ist Kunst Kunst?

Norman Schultz: Womöglich ist die Frage falsch gestellt und sie wollen darauf verweisen das Kunst kein Ding unter Dingen ist?

Alfred Eisleben: Vielleicht ist es das nicht. Ist Kunst daher ein Strom, etwas Wandelndes, etwas Elektrifizierendes, eine Euphorie, die im Medium des Fleisches und Datenpaketen die Welt umspannt? Ein Schleier, der Wirklichkeiten umhüllt? Ist Kunst ein Formwandler, etwas, das von Körper zu Körper springt, ein Virus, der sich Leben in Körpern sucht, etwas, das nutzlos für uns ist, so nutzlos wie das Sternfeuer oder so nutzlos wie Existenz, nämlich etwas, das einfach nur ist? Ist Kunst vielleicht einfach nur ein Potenzial in den Dingen, das zur reinen Aktualität verführt? Nichts anderes an den Dingen zeigt als ihr Sein? Ich meine, nacktes Sein ohne alle Zusätze, ein Fenster aus dem Universum heraus, in ein anderes weniger effizientes Sein? Ein Fenster aus dem Universum der Dinge heraus, in bloßes, reines Sein?

Norman Schultz: Sie schreiben, dass Kunst über die Materialien hinausgehe, dass es nicht direkte Eigenschaft des Materie ist. Das würde sich decken mit Ihrer Andeutung, dass Kunst nur Sein ist.

Alfred Eisleben: Nein, so konkret würde ich das nicht behaupten. Für mich ist der Streit der Autoritäten auf diesem Gebiet nicht so eindeutig geklärt. Sie wissen, der Streit zwischen diesen Berghallenkönigen, Aristoteles und Platon.

Norman Schultz: Ich kann mir denken, was Sie meinen, aber bitte führen Sie aus.

Alfred Eisleben: Ach, es ist einfach die Frage, wie wir eine Befreiung von den Materialzwängen erreichen. Damit meine ich, ob ein Gedanke ohne Material möglich ist, ob so etwas wie reines Sein sein kann. Für Platon waren die Dinge zum Beispiel immer noch ein zweites mal als Dinge-an-sich gegeben. In diesem Sinne sahen wir die Dinge immer durch den Seinsverstärker des Ideals. Der Mensch war nur eine schlechte Kopie vom Menschen-an-sich so wie jedes Ding irgendwie immer nur eine schlechte Kopie war von dem, was da an-sich war. Da war es schon schwer positiv zu bleiben und an regnerischen Tagen im Diesseits musste der Königsphilosoph vom Reich der Seelen träumen. Er träumte von einem wahren, ewigen Jenseits, wo wir noch wirklichen Hunden, wirklichen Menschen, wirklicher Kunst begegnen würden.

Norman Schultz: Aus diesem Grunde nennen wir ja Platon auch einen Idealisten. Er meinte, dass anders Erkenntnis nicht zu erklären wäre.

Alfred Eisleben: Richtig, für Aristoteles aber stand bei dieser Weltentheorie zuviel über. Eine Verdoppelung der Welt im Ideal konnte er nicht akzeptieren, da wir nicht erklären konnten, wie denn die realen Dinge, in diesen Dingen an sich partizipieren. Die Dinge waren nicht Teilhaber an etwas besserem. Er meinte daher, dass wir viel eher die Formen von den Dingen abschürfen. Diese Dinge sind irgendwie ein Amalgam aus Material und Form. Unsere Perspektive aber würde sie nach verschiedenen Gründen sortieren. Einmal würden wir die Dinge als Materie sehen, dann wieder als Form. Für Aristoteles war aber im Material immer schon etwas Geistiges enthalten, so wie im Geistigen immer etwas Materie. Beides waren nur Weisen wie vom Sein in mannigfaltiger Bedeutung sprachen. Wir erstellen sozusagen billige Kopien von den wirklichen Dingen, wobei etwas von den Dingen in unseren Kopien enthalten ist, andernfalls wäre es ja keine Kopie.

Norman Schultz: Das heißt also für Plato war die Welt schlicht, während über ihr das Reich der wirklichen Wirklichkeit thronte.

Alfred Eisleben: Ja, für Platon war unsere Welt immer nur eine plumpe Version von dem, was wir erreichen können, während Aristoteles uns eher als Formenabstrahierer sah. Das heißt wir haben die Formen irgendwie aus den Dingen herausgesaugt. Aber das Thema ist natürlich komplizierter. Auch meine Zwei-Welten-Interpretation von Platon ist schief. Die Frage jedoch bleibt, woher kommt die Kunst? Aus dem Ding wie bei Aristoteles oder aus einem, inneren Genie, das wir innerlich spüren und das schon immer Kontakt zum Besseren, zum inneren Licht hatte?

Norman Schultz: Mit Aristoteles könnten wir sagen, dass sich die Kunst in ihrer heutigen Profession nur entwickeln konnte, weil nach und nach die Materialien günstiger wurden. In diesem Sinne hätten wir die Kunst vom Material abgewonnen.

Alfred Eisleben: Ja, das ist eine simple These im Hinblick auf die Entwicklung der Kunst. Halten wir jedoch zunächst fest: Kunst erlaubt sich weniger Materialschlachten als Kriege, ist aber dennoch eine eigenartige Maschine, die Materialien bedarf. Nur schauen Sie! Es ist nicht so, dass Kunst allein vom Material profitiert. Es geht bei Kunst wenig um Profit, auch weil die Kunst nur gering auf Gesellschaften einwirkt und wenn dann in so langen Zeitzyklen, so dass schließlich eine Kosten-Nutzen-Kalkulation abwegig ist. Niemand investiert in Kunst, weil sie Kriege gewinnt. Kunst hat keine konkreten Effekte. Niemand veröffentlicht sein Gemälde und die Gesellschaft erfährt einen grundsätzlichen Wandel. Weil Kunst also so minimal in ihrem konkreten Nutzen war, verblieb sie oftmals ein Nebenprodukt von Gesellschaften, die Überschüsse zuließen. Dann aber können wir davon sprechen, dass Kunst Material zur Verfügung gestellt wurde, das anders nicht benötigt wurde. Dass ein Fortschreiten in der Materialialgewinnung ein Fortschreiten in der Kunst bedeutete, tritt also womöglich nur korrelativ auf, ist aber nicht kausal. Ich könnte also ebenso durch die Überschussproduktion Kunst erklären. Plötzlich waren da diese Energien.

Norman Schultz: Welche Überschussenergien sind das also für Kunst?

Alfred Eisleben: Kunst ragt aus Gesellschaften über die Zeit hinaus. Das Tierreich der Vergangenheit hinterließ uns wenig. Ihre Knochen kommunizieren mit uns nur sehr beschränkt und wir sind eher beeindruckt von dem Formenreichtum der Geschöpfe und bauen ein paar Evolutionstheorien daraus. Von den Pflanzen verheizen wir die Reste pragmatisch. Kunst aber erzählt uns von einer höheren Geschichte in uns. Die Vergangenheit redet hier mit uns in der Sprache der Ewigkeit. Wobei wir hier nicht profitieren, sondern gar investieren, um diese Geschichte als Sinnbild der Menschheit zu erhalten. Es geht um eine Menschheit, die sich sich Überfluss erlaubt, weil sie nur darin Ewigkeit an sich entdeckt. Dieser Überschuss wird daher nicht in die Atmosphäre verprasst, sondern als Andenken erhalten. Die primäre Überschussenergie ist dabei Zeit. Wir haben Zeit, weil wir glauben, dass die wesentlichen Gefahren gebannt sind. Stellen wir uns auf Kunst ein, so steht die Welt still und ist einfach nur Welt.

Norman Schultz: Okay, aber warum wollen wir in unserer verbleibenden Zeit dann diese Vergangenheit erhalten, warum wollen wir in der Kunst sein?

Alfred Eisleben: Weil sie die Welt aus ihrem nackten Dasein in die Geschichtlichkeit des Menschen emporhebt. Damit meine ich nicht, die geschichtliche Entwicklung, sondern das Sein im Moment, der zur Ewigkeit wird, also keinen körperlicher Akt, der bald schon in Erinnerung verblasst. Wir hoffen an der Ewigkeit teilzuhaben. Diese Kunst aber ebenso wie Ethik kostet. Die gibt es nicht zum Nulltarif und beide, Ethik und Kunst, sind in diesem Sinne nicht profitabel. Aus diesem Grund wirkt Kunst ebenso bedrohlich für streng gezügelte Systeme. Kunst konkuriert mit instrumentalisierten, angeblichen Ewigkeitssprachen. Die Kunst, die sich aus Kausalzwängen des Nutzen befreit steht für Freiheit und diese Freiheit geht nicht überein mit dem Korsett der Fundamentalisten, die Macht akkumulieren wollen. Fundamentalisten missbrauchen das Transzendente. Sie verpacken das Leben lieber in seinen biologischen Funktionen angereichert mit ein wenig religiöser Praxis und sie akzeptieren keine Sphäre, die über die eigenen Horizonte hinausgehen könnte. So wie es neben ihrem Gott keine Götter geben darf, so darf es ebenso keine anderen Kulturen neben der Kultur geben.

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Zum zweiten Teil des Gesprächs geht es hier.

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Da Vinci Vitruve Luc ViatourNorman Schultz: Wir fürchten dabei das Rohe, Kunstlose in den Religionen. (Fortsetzung des ersten Teils)

Alfred Eisleben: Das große Schweigen, das sich über die westlichen Medien legt, feiern bestimmte Religionsführer als Erfolg ihres Gottes. Ein großer Gott aber sollte doch mit Gelassenheit reagieren, wenn Menschen endliche Pläne machen und mit Endlichkeit in Unendlichkeit teilhaben wollen. Ohnehin wie könnte ein Mensch einen Gott verhöhnen? Ein großer Gott verbietet keine Wochenendausflüge ins Jenseits, die uns die Kunst erlaubt. Diese Ausflüge ins Jenseits, sind vielleicht mit den Sternwarten vergleichbar, die gerade mal einen Blick von der Unendlichkeit des Universums erhalten. Überhaupt: Wenn Gott unendlich ist,  dann sind die Endlichkeitsspiele, die wir in unseren Gesellschaften erfinden, ohnehin nicht vergleichbar, denn im Unendlichen ist jede endliche Größe, und sei sie noch so groß, unendlich klein.

Norman Schultz: Versuchen wir aber doch beim Thema zu bleiben. Was bedarf Kunst?

Alfred Eisleben: Zeit ist eine Ressource, die sich, wenn sie vorhanden ist, in Kreativität wie ein Gewitter entlädt. Erreichen Gesellschaften ein Gemütlichkeitsniveau werden Überschussenergien wie eben Freizeit reinvestiert und zwar in zwei Arten von Sinnlosigkeit: Kunst und Hobbies. Gibt es diese Frei-Zeit nicht, wird das Leben ein reiner Mechanismus. In diesem Sinne unterscheiden wir Menschen uns dann nicht von einem Vulkanausbruch, einem Erdbeben oder einem Meteoriteneinschlag. Wir sind dann Naturgewalten, die wie sich einst das Meer über die Erde legte eben mit ihrem Fleisch an den Planeten schmiegen und ihn wie Naturgewalten langsam verwittern lassen. Gibt es jedoch Kunst, so wird das Leben und das Umfeld sanft, sinnvoller. Kunst erfüllt in diesem Sinne keinen Sinn selbst und ist der reine Gegensatz zur kriegerischen oder roh-religiösen Verwaltung der Welt. Sie ist sinnlos und darin besteht ein Sinn. Ihre Sinnlosigkeit setzt nicht auf Material oder Verbrauch, sondern auf Erhalt.

Norman Schultz: Wie meinen sie das Kunst sanft macht?

Alfred Eisleben: Wir könnten wohl noch am ehesten von den Umweltaktivisten als Künstler sprechen. Sie haben ein Interesse daran, etwas zu bewahren, das keinen direkten Profit bringt. Zudem müssen wir auch sagen, dass wer ewige Wahrheiten will, sich auch noch am ehesten um die Vergänglichkeit der Welt sorgen muss. Wer in seiner Kunst Ewigkeit finden will, sollte dieser nicht genauso um die Ewigkeit der Welt bemüht sein?

Norman Schultz: Aber Welt ist materiell und sind nicht auch Materialien immer treibende Kraft der Kunst gewesen? Materieller Fortschritt hat mehr Entfaltungsmöglichkeiten gebracht.

Alfred Eisleben: Wie gesagt, ich bin mir da nicht ganz so sicher. Selbstverständlich, wer sich nicht dem Material zuwendet, der findet keine Nähe in der Kunst. Derjenige bleibt abstrakt im Gedankenpalast zurück. Ohne Materie sind die Dinge nicht wirklich, aber das heißt im Umkehrschluss nicht, dass die Dinge materiell sind. Wir können mit dem geringsten Aufwand Kunst produzieren. Hier ein paar Beispiele: Höhlenmaler hatten nicht viele Farben zur Auswahl. In diesem Sinne stand den Höhlengenies nur eine beschränkte Gestaltungsdimension zur Verfügung. Doch Gestaltungsdimensionen des Materials sind mit grenzenloser Virtuosität überschreitbar. Nehmen sie die Salzmalerei, die die Perspektivität der Ebene mit dem simpelsten Material ergründet.

Heutzutage wird mit allem gemalt. Im amerikanischen Bürgerkrieg diente Kaffee, der andere malt mit Ketchup, wieder ein anderer glaubte sich ganz existentialistisch zu kennen und musste sein Blut nehmen. Mit der Tinte unter der Haut und dem Herz auf der Stirn, so verkehrte Hugo Ball noch die Dimensionen des Materiellen. Aber schauen wir weiter: Es sind nicht nur die Materialien: Die Merzbauten eines Kurt Schwitters, all diese Dadaisten, die die Überbleibsel einer beginnenden Konsumgesellschaft verarbeiteten. Das war die Vorlage zur Recycle-Kunst, einer Idee, das Materialien nicht einfach auf Müllhalden verschwinden sollten, sondern ihren Wert als Teil der Materie behalten. Dieser Wert kam aber nicht von der Materie. Dann zupfen andere wieder auf Seiten und erzeugen Geräusche. Die Musik aber entsteht dabei nicht im Instrument, sondern in uns. Am eindrucksvollsten ist dann aber die Reduktion auf kleinste Graphithügeleien oder digitale Rechenpakete, Poetik und Twitter nutzen ein Minimum an Material, aber niemals ist das Material allein da, sondern es ist eindrucksvoll kontextualisiert und sei es durch unseren biologischen Mechanismus, der wir sind.

Für mich ist überraschend, dass feiner Sand ein Medium ist, dass die Tiefe aller Perspektiven zulässt. Den Sand aber dürfte es auch schon zu anderen Zeiten gegeben haben. Daher kann es sein, dass auch die Höhlenmaler schon zu einigen perspektivischen Leistungen in der Lage waren. Die Materialsteigerung war also nicht alleiniger Grund für das Kunstvermögen. Auf dern anderen Seite zeigen uns die Malereien des Mittelalters, die ja nun mehr Materialien zur Verfügung hatten, dass simple Methoden, die selbst 16 Jährige heute schon beherrschen, erst entdeckt werden mussten und nicht das Material ausschlaggebend war, sondern die Geschichte der Menschen. Wir erweitern unsere Grenzen des Geistes und nicht das Material gibt uns die Möglichkeit zu ferneren Grenzen vorzudringen, sondern unser Verhältnis zur Geschichte des Geistes im Einklang mit verschiedenen Materialien. Nur wer seine Geschichte dann im Material bewahrt, entwickelt sich weiter! Deswegen nochmal: Es geht um Ewigkeit.

Norman Schultz: Sie widersprechen also Aristoteles, dass wir die Formen aus den Dingen gewinnen?

Alfred Eisleben: Nein, das tue ich nicht. Aber die Frage ist, wann wir sie aus den Dingen abgewinnen. Dies ist eine geschichtliche Frage und es passiert nicht einfach so.

Norman Schultz: Was also hat die Grenzen der Malerei erweitert?

Alfred Eisleben: Ja, das sind Fragen! Wie ist es dem Menschen möglich über seine physische Umwelt, die vorrangig aus begrenzten Ressourcen und Materialen besteht, hinauszukommen? Offensichtlich begrenzt das Material nicht absolut. Es begrenzt relativ zu unserer geschichtlichen Entwicklung. Warum also sind Künstler heute zu so vielem in der Lage? Ist es vielleicht die neue Auswahl an Talenten bei Milliarden von Menschen? Oder katapultieren wir uns in eine sich unendlich überbietende Kultur, die einfach aus der ständigen Aufbietung von neuen Memen besteht? Den Einwand, dass sich die großen Genies der Steinzeit uns nicht überliefert haben, glaube ich nicht, denn auch die Meister des Mittelalters zeichneten noch eindimensional. Ich glaube, wir haben tatsächlich eine geschichtliche Entwicklung durchgemacht.

Norman Schultz: Der These würden viele widersprechen angesichts der Zunahme von Kriegen.

Alfred Eisleben: Das möchte ich auch überhaupt nicht verneinen. Aber mit dem ungeheuren Potenzial der Selbstvernichtung ist zugleich das ungeheure Potenzial der Selbstbewahrung gewachsen. Es bleibt nach wie vor eine Wahl zwischen Gutem und Bösem.

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Norman Schultz

Pittsburgh, Mai 2015

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Bonifacio de Pitati - God the Father over the Piazza San Marco - WGA02420Norman Schultz: Was halten Sie von Thomas von Aquin?

Alfred Eisleben: Aquin ist ein Systematisierer, dessen Wortgebrauch klar ist wie Wasser. Das Gebäude, dass er aus Worten errichtet hat, besitzt eine äußergewöhnliche Architektur. Sie erscheint mir so unglaublich stabil, so durchsichtig und verständlich. Darüber hinaus ist es auch nicht so, dass Aquin nur seine eigenen Argumente vortragen würde, sondern er hat jeder Position eine gewisse Plausibilität zugerechnet, sich nicht gegen blasse Puppen verteidigt, sondern die Gegenpositionen stets als bestmöglichen Gegner aufgebaut. Es ist schade, dass wir im Unterricht diesem Denken keinen Rang mehr einordnen. Wenn wir in der Schule noch nach den mittelalterlichen Riten verfahren würden, wo am Nachmittag sich die Studierenden trafen, um Argumente zu konstruieren, die sie dann später mit dem Professor zusammen vortrugen, dann würden wir dialektisches Denken trainieren und endlich wesentliche Prozesse unserer Geschichte verstehen.

Norman Schultz: Glauben Sie, dass der Schulunterricht von diesem Denken profitieren würde?

Alfred Eisleben: Ich wüsste nicht, warum Schüler dazu nicht in der Lage sein sollte. Jedes Stückchen Denken enthält immer nur wieder den selben deduktiven oder induktiven Schluss. Das hat wenig mit Intelligenz zu tun, sondern eher etwas mit Kondition. Der Mensch hat nicht Häuser gebaut, weil er besonders intelligent war, sondern auch weil er erkannte, was tägliche Arbeit bedeutet. Bei Schülern mag Konzentration noch nicht herhalten. Da kenne ich mich zu wenig aus, aber die Philosophie bewahrt in sich kein Geheimnis, das anderen nicht zugänglich wäre. Sie setzt sich zusammen aus kritischem Denken und langfristigem Atem. Dabei geht es natürlich um Systematizität wie Sie ja kürzlich auch in Ihrer Dissertation zeigen. Entgegen also mystischen Positionen, dass uns nachts das Wissen in den Schoss fällt, formuliert auch Thomas seine Thesen.
Norman Schultz: Dann würde ich sagen, beginnen wir uns die Stücke der Questiones zu erarbeiten: Wissen wir dass es einen Gott gibt?

Alfred Eisleben: Nun, es gab zu Zeiten von Thomas viele, die glaubten, dass ein verbohrter Atheist nur geistig verwirrt ist. Gott war ja nicht nur ein Mann mit weißem Bart, sondern war viel eher als der systematische Grund zu bezeichnen, warum wir Wahrheit und das Gute haben. Für viele ist das heute nicht mehr verständlich. Deswegen sollten wir uns zunächst klar sein, dass wir keine Kausalität haben, ohne indirekt den Freiheitsbegriff anzunehmen. Der Freiheitsbegriff ist dann schon sehr nah, an dem Gottverständnis von damals.

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig. Das ist das Grundgesetz unseres kausalen Verständnisses von der Welt. Stellten wir uns eine Sache vor, die keinen Grund hätte, dann wäre es ein Effekt, der in der Welt, wie ein Wunder auftreten würde. Nein, wir wollen schon Begründung haben, zumindest in unserem kausal-deterministischen Modell. Der Determinismus macht aber einen entscheidenden Fehler.

God belief reasons de

Es sind wohl kaum Menschen zu finden, die aus systematischen Gründen, Gott annehmen. Eine Position, die leider selten verstanden wird. By Magenspülung (Own work)


Norman Schultz: Sie meinen, dass er nicht erkennt, dass wir für Kausalität auch immer Freiheit annehmen müssen?

Alfred Eisleben: Ich behaupte nicht, dass es beide gibt, aber wenn ich “Kausalität” sage, so sage ich interessanter Weise auch “Freiheit”.

Gentile da Fabriano 052

Aquinas war ein Systematisierer, dessen Kenntnisse tief in die Tradition hinabreichten, der zugleich aber auch die Gedanken seiner Gegenwart bündelte

Norman Schultz: Lassen sie uns das näher betrachten!

Alfred Eisleben: Es gibt zwei Möglichkeiten, das Kausalitätsmodel auf die Spitze zu treiben. Beginnen wir mit der einfachen Variante.

Erstens) Nehmen wir an, alles was ist, hat einen Grund, so gehen wir in die Vergangenheit zurück. Wenn wir nun aber sagen, dass das Universum ja begonnen haben muss, so würden wir dafür einen Grund annehmen. Nun kann es aber in der Folge nicht sein, dass der Grund für das Universum einen Grund hatte, denn dann wäre das ja eine von unserem Universum verschiedene Kausalitätskette. Daher nehmen wir an, dass dieser erste Grund ein besonderer Grund war, der selbst keinen Grund benötigte. Schon jetzt aber verletzen wir unserer Kausalitätsgesetz, dass wir ja zuvor für unser Realiätsverständnis zu Grund gelegt haben, nämlich dass alles einen Grund hat. Wir haben nun einen besonderen Grund und diesen besonderen Grund können wir auch als Grund ohne Grund bezeichnen, was unserem Freiheitsverständnis sehr nah kommt. Freiheit ist nämlich etwas, dass ohne Grund passiert. Das ist aber erstmal nicht so wichtig, wichtiger ist, dass wir unseren Determinismus nicht durchhalten.

Norman Schultz: Wenn das Universum also einen ersten Grund hätte, dann müsste dies ein freier Grund sein, dass heißt, es gäbe für diesen Grund keine weiteren Gründe. Wir könnten doch aber sagen, dass es das Universum schon ewig gab.

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig und hier steigen wir nun wirklich tief in die Metaphysik ein. Nehmen wir ein unendliches Universum an, so scheint unserer Prinzip der Kausalität gelten zu können. Es erscheint so. Dies ist der zweite Fall, den ich unterscheiden wollen. Aber machen wir folgendes Gedankenexperiment: Stellen wir uns einen Zug mit unendlichen Waggons vor. Sagen wir er wird getrieben von einer Lokomotive. Diese Lokomotive gibt es natürlich nicht, weil wir ja unendlich in die Zeit zurück gehen dürfen. Nun stehen wir also vor den Waggons und dann, sie beginnen sich zu bewegen. Was aber ist der Grund dafür? Wir wissen, dass jeder Waggon von seinem vorherigen Waggon angetrieben wird und so gehen wir auch unendlich in die Zeit zurück.

Norman Schultz: Dann aber gibt es keinen Grund, warum sich die Waggons überhaupt bewegen. Kommen wir also zum unbewegten Beweger?

Alfred Eisleben: Lassen wir das hier mit dem unbewegten Beweger erstmal. Die meisten Menschen lehnen ja die Einführung solcher Begriffe prinzipiell ab, ohne jedoch zu verstehen, welche konzeptionelle Notwendigkeit dahinter steckt. Bei den Waggons allerdings ist es so, dass auch wenn wir keinen ersten Grund annehmen, so sagen wir, dass jeder Waggon durch den Waggon zuvor bewegt wird. Die Analogie zu unserer Kausalität ist klar. Wir denken Gleiches bei einer unendlichen Kett von Gründen. Jeder Grund hat einen spezifischen anderen Grund, der ihm vorausgeht. Das vorausgehende Grund heißt dann übrigens akzidentieller Grund. Es ist akzidentiell, weil er nur zufällig diesen Abschnitt der Bewegung erklärt, aber nicht, warum sich das alles bewegt.

Norman Schultz: Nun, dass mit akzidentiellen Gründen ist hier womöglich verwirrend, aber ich gehe davon aus, dass sie auf einen notwendigen Grund, einen Grund per se schlussfolgern wollen?

Alfred Eisleben: Ja, das ist richtig. Ich meine Waggons, die sich unendlich anschieben? Wir wollen doch dann wissen, warum bewegt sich das Ganze überhaupt? Genauso verhält es sich bei den Gründen. Es kann zwar ewig akzidentielle Gründe geben, aber wir möchten doch wissen, warum sich das Ganze überhaupt bewegt. In anderen Worten ist das auch die berühmte Frage: Warum ist eigentlich Sein und nicht vielmehr Nichts? Wir stellen die Frage, welchen Grund die Annahme, dass alles was ist, einen Grund hat. Um dieses zu erklären, müssen wir nun auch einen besonderen Grund annehmen, der selbst keinen Grund hat.

Norman Schultz: Das verstehe ich nicht: Warum können wir hier nicht sagen, dass auch die Prinzipien unendliche Gründe haben?

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Alfred Eisleben: Weil wir dann auf gleiche Problem stoßen würden, wir hätten in alle Richtungen unendliche Waggons. Wir würden aber nie wissen, warum sich die Waggons überhaupt bewegen. Was also ist der Grund für Bewegungen oder besser: Was ist der Grund für Gründe?

Norman Schultz: Das heißt also dieser besondere Grund, wäre auch wieder ein Grund, der selbst keinen Grund haben könnte und das bezeichneten sie ja zuvor als Freiheit.

Alfred Eisleben: Das ist richtig. Und da wir nun beide Positionen, nämlich dass die Kette der Gründe einen ersten Grund hat und dass die Kette der akzidentiellen Gründe unendlich ist, untersucht haben, so sehen wir, dass wenn wir den Begriff der Kausalität denken, einen bestimmten Begriff der Freiheit immer mitdenken.

Norman Schultz: Das heißt also, es kann keinen konsequenten Deterministen geben.

Alfred Eisleben: Ja, ich befürchte, dass ist der Fall. Der Determinismus erscheint logisch nicht ganz aufzugehen. Stattdessen müssen wir zwei Modelle für Weltbeschreibung annehmen: Erstens, das Prinzip des Grundes, dass alles, was ist, einen Grund hat (Kausalität) und zweitens, einen besonderen Grund, der selbst keinen Grund hat, Freiheit.

Norman Schultz: Freiheit und Kausalität widersprechen sich aber oder nicht?

Alfred Eisleben: Doch sie widersprechen sich. Deswegen möchte ich nicht sagen, dass sie beide absolute Realität sind. Konzeptionell lösen wir dieses durch den Gottesbegriff, indem wir sagen, dass Gott die Idee aller Gegenstände des Denkens überhaupt ist. Hiermit sind wir dann in der systematischen Auffassung von Welt, wo die Idee Gottes, keinen anderen Grund hat, als unser widersprüchliches Denken als dennoch möglich zu charakterisieren. Wir können uns selbst als determinierter Körper sehen oder als freier Geist, der einen Leib hat. Dieser Widerspruch lässt sich in einer höheren Idee vielleicht lösen, einer Idee, die weder frei noch kausal ist, sondern als transzendentaler Grund angenommen wird.

Norman Schultz: Da mischen sie jetzt aber Kants Kritik der Urteilskraft mit rein.

Alfred Eisleben: Das stimmt bei Thomas von Aquinas verhält sich das ein bisschen anders. Mit all dem Gesagten wollte ich jedoch nur darauf verweisen, dass Aquinas den Gottesbegriff in einem gewissen Sinne systematischer auffasst, als die meisten Atheisten es sich vorstellen. Und diese Systematik müssen wir zunächst akzeptieren.

 

 

Norman Schultz: Das setzen wir, wann anders fort.

Vielen Dank für das Gespräch

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Norman Schultz

Pittsburgh, Mai 2015

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Claustrophobia by Nina Valetova

Durch die Welt zur Normalität (Behinderung und Philosophie)

 

Wise Old Man (5719871205)

Im Gespräch mit Alfred Eisleben: Picture by Helgi Halldórsson from Reykjavík, Iceland CC-BY-SA-2.0

Der Deutsche, Alfred Eisleben, lebt in seinem freigewählten Exil in Island. Nach dem zweiten Weltkrieg hat es ihn aus Deutschland fortgetrieben. Als Winterprofessor an der Carlson University (Pittsburgh) hat er mir ein weiteres Interview zum Thema Behinderung gegeben.

 

Norman Schultz: Sie sprechen vom Krüppel. Ist dies nicht politisch inkorrekt?

Alfred Eisleben schmunzelt: Ein Schimpfwort? Wie kann es sein, dass die Benachteiligung eines Menschen sich zu einer Beschimpfung umformen konnte? Erleben wir nicht dieselbe Verformung gegenwärtig auf Schulhöfen bei dem Wort “Opfer”. Es ist doch mittlerweile so, dass Menschen, die schwere Überfälle oder Missbräuche erlebt haben, diesen Begriff ungern benutzen. Es sind heutzutage Betroffene. Ähnlich verhält es sich beim Krüppel, er wurde zum Behinderten, bald zum Andersbegabten, mal als Sorgenkind bezeichnet und von einer nicht genannten Organisation zwangsläufig zum Menschen (und zwar in einer Aktion) umgetauft (Der gesamte Ansatz ähnelt stark den Prämissen, die Peter Sloterdijk präsentiert: vgl. Sloterdijk. Du musst dein Leben ändern 2008).

Norman Schultz: Aber warum betrachten wir die Behinderung mit so starker Negativität? Wird dies den Behinderten eigentlich gerecht?

Alfred Eisleben: Es ist keine Diskriminierung, wenn wir von Krüppeln reden! Es ist keine Diskriminierung, weil die Bezeichnung nicht notwendig normgebunden ist, das heißt, sich an gegenwärtigen Standards der Gesellschaft orientiert. Es ist so wie der Schwule “schwul” ist. Es gibt jedoch noch einen anderen, viel wichtigeren Grund, warum es keine Diskriminierung ist.

Norman Schultz: Ich weiß, worauf sie hinaus wollen: weil wir alle Krüppel sind.

Alfred Eisleben: Richtig, diese Sichtweise der Gleichheit im Hinblick auf unsere Verkrüppelung bildet sich nämlich genau dann heraus, wenn wir den Vergleichspunkt erhöhen. Wieso sollten uns gerade zwei Arme und Beine ermöglichen, um Höheres zu spielen? Wenn wir die Welt in ihrem Sinn durchforschen, so sind alle unsere Gedanken ähnlich bescheiden, egal ob von Menschen mit Armen und Beinen oder vom “Krüppel”.

Norman Schultz: Können Sie dies näher erläutern. Ein Beigeschmack verbleibt irgendwie, wenn sie “Krüppel” sagen, ähnlich wie beim Wort “Schwarzer”, “Farbiger”, “Afroamerikaner” oder was uns da für Worte einfallen.

Alfred Eisleben: Diese Worte verlieren nur in einer Hinsicht an Bedeutung. Eine Verbannung erhöht ihren Wert. Ein verbotenes Wort ist immer ein böses Wort. Wenn wir sie jedoch so häufig verwenden, dass sich ihr Bedeutungshorizont verändert, dann kommen wir in einer gleichen Welt an.

Norman Schultz: Nun, das ist eine These, können Sie dies vielleicht an einem Beispiel fest machen?

Alfred Eisleben: Hellen Keller, taublinde Philosophin, muss ich beinah als Kurriousum erwähnen, aber es sollte doch eine Alltäglichkeit sein, dass körperlich Behinderte sich genau in den Bereichen engagieren, die immer offen bleiben. Philosophie ist nicht die Wissenschaft der Gesunden und so müssen wir eine Welt ansteuern, in der es nicht speziell Berufe für Behinderte gibt. Behindertenwerkstätten mögen ihren Sinn erfüllen und Menschen einen geregelten Arbeitstag geben, aber es reintegriert in Beschäftigungsfelder, die nicht unbedingt den Behinderten als Menschen gerecht werden. Wir gestatten den Menschen dort nicht einmal den Mindestlohn. Grund genug sich zu empören.

Norman Schultz: Aber Menschen ohne Behinderung können doch bestimmte Tätigkeiten besser ausführen.

Alfred Eisleben: Natürlich das stimmt! Menschen ohne Behinderung haben gesellschaftlich bessere Chancen.  Es ist hier die Aufgabe eines Staates für Ausgleich zu sorgen. Müssen Behinderte aber gesellschaftlich auf ihre Behinderung reduziert bleiben? Wir sollten eher die Felder erforschen, wo sie es nicht sind. Natürlich ist es bei den Behinderten (Krüppeln) oftmals der Kampf um Normalität, das heißt ein Leben wie die anderen führen zu können. Während wir meinen, um das Höhere zu ringen, wollen sie erst auf das Plateau der Normalität. Dabei sind sie jedoch schon normal. Ihr denken zieht die Grenze ihres Körpers; sie messen sich mit Körperkonturen an der Welt. Doch die Schablonen der Körper können keine Grenze sein für die einzige Befreiung. Nur eine Philosophie nach innen kann von diesem Unsinn der Körper befreien.

Norman Schultz: Sie meinen also, dass hier eine prinzipiell andere Philosophie wirken soll?

Alfred Eisleben: Ja, ich halte die Einstellung eines Kampfes um Normalität für falsch, wenn auch gesellschaftlich für notwendig. Es muss jedoch allein zum Resultat haben, dass wir nicht alle gleich sind, sondern durch unsere Beschränkungen normal werden. Zwar muss der Staat Behinderten ihr Leben erleichtern, aber es darf nicht ihr Kampf sein. Der Kampf um die Normalität verhindert die Zeit für die Kämpfe um die Kunst und die Philosophie des Lebens, die den anders Behinderten bereits frei stehen. Auch Krüppel sind mit uns auf Augenhöhe bei denselben Fragen um das Leben. Nur dort haben Behinderte und “Unbehinderte” die gleiche Fallhöhe. Es bleibt die Frage, was ist eigentlich eine Behinderung? Ist der Wirtschaftsingenieur, der sein Leben an der Börse mit ethisch bedenklichen Derivaten verdient nicht viel stärker behindert und zwar in seinem Denken als der, der mit seinem Körper hadert? Stattdessen bewundern wir Menschen, die sich in unsere nutzlose Normalität der Ungerechtigkeit zurückkämpfen, auch wenn dies keineswegs ein Vorwurf an den Behinderten ist, sondern ein Vorwurf an die Bewunderer:

Norman Schultz: Ich verstehe nicht genau, warum sie die Geschichte, derer, die sich zurückkämpfen kritisieren.

Alfred Eisleben: Wir feiern die Erfolgsgeschichte eines Menschen, der sich die Normalität erkämpft. Ungeachtet der ungeheuren Lebensleistung ist damit aber für eine Philosophie nicht viel gewonnen. Sollen wir jetzt etwa schätzen, dass wir schließlich Arme und Beine hätten und uns daher nicht beschweren über das, was das Leben aus uns macht? Ist die Bewunderung dann nicht eine geheuchelte, wenn wir es mit dem Blick auf unsere angebliche Mehrwertigkeit tun? Eine Bewunderung aus Überlegenheit? So als stünden wir auf einem Berggipfel und laben uns daran wie andere zu uns hinaufkrackseln? Wenn wir Nick Vujciic dafür schätzen, dass er sich einen Platz neben uns erkämpft hat, dann schätzen wir ihn nicht wirklich. Aber Nick Vujicic kann mehr als andere. Er erschließt sich neben dem Alltag die Felder, die für ein Menschenleben angemessen sind: Die Frage nach dem Geist, der Kunst, die Frage nach dem Ganzen, nach der Philosophie. Damit ist er bei weitem sogar mehr als wir mit Armen und Beinen sind und das ist Punkt, worauf es ankommt. Die zukünftigen Behinderungen bestehen nicht im Körper, sondern in Einstellungen.

Norman Schultz: Der Behinderte ist also prinzipiell näher am wahren Seinsgesetz?

Alfred Eisleben: So absurd es klingt, der Behinderte ist weiter als der anders Behinderte, denn erweitern wir nur den Standpunkt unserer Erfahrung um die Möglichkeit einer höheren, besser ausgestatteten Existenz, so erfahren wir uns selbst als Kränkung: Ein Menschengeschlecht, das nur aus Haut und Knochen besteht! Die Grenze des Körpers besteht für Behinderte und anders Behinderte. Die Grenze ist also keineswegs im Körper zu suchen und daher sind die Benachteiligungen auch nicht als solche zu betrachten. Die Kranken und Schwachen, die Behinderten sind somit in bestimmten Fällen die starken unserer Gesellschaft und wenn wir bedenken, dass der Starke überlebt, dann könnten wir eigentlich nur mit ihnen überleben. Benachteiligungen geben die eigentliche Aufgabe frei, sich von der Hülle seiner alltäglichen Bedrängnisse zu befreien und sich dem eigentlichen Reichtum zu öffnen, nämlich der inneren Freiheit der Entwicklung. In diesem Sinne ist die Technik auch eine ständige Überwindung menschlicher Grenzen. Aus den materialen Behinderungen entstehen nun jedoch auch die ersten Überwindungen des Geistes, bald sind wir alle im Angesicht einer computergestützten Welt behindert. Es gilt, sich darauf mit einer besseren Ethik vorzubereiten. Genaugenommen sehe ich hier also in Nick Vujcic kein Motivationsschicksal. Es geht nicht darum aus einer Minderwertigkeit das Beste zu machen, sondern darum überhaupt das Richtige im Sinn einer Ethik in Angriff zu nehmen. Hierin und nicht im Erfolg sind wir gleich und bewundernswert.

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Norman Schultz

Pittsburgh, April 2015

 

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Joseph Ducreux (French - Self-Portrait, Yawning - Google Art Project

Persönlicher Einschub zum Problem des Interesses

Vor vielen Jahren hatte ich eine interessante Diskussion mit dem Programmchef von Arte bei einer Premierenfeier in Leipzig. Ich fragte ihn, warum Arte stets bereits bekannte Dinge zeige und nicht innovativ nach vorne gehe. Er führte aus: Zwar sei das Medium Fernsehen ein Breitenmedium, aber das Problem liege noch tiefer verborgen. Menschen würden sich so im Fernsehen vor allem für das interessieren für das sie sich schon interessierten.

Ich erinnerte mich: In einer Vorlesung in Halle saß ich so bei Harald Seubert, der überraschend eine Professorin für Theologie aus Polen einband. Ich freute mich keineswegs, denn über die gesamte Sitzung hinweg, langweilte ich mich zu Tode. Sie erzählte vom Protestantismus in einem katholischen Land in einer piepsigen Stimme und überzog gnadenlos. Niemand traute sich aufzustehen und als sie ihr Programm beendet hatte und sie allen Ernstes eine Fragerunde eröffnete, dachte ich nur innerlich: “Du dummes Ding, wer sollte sich denn in einem Philososphiekurs für deine piepsige Stimme und dein langweiliges Thema über Protestantismus in Polen interessieren?” Gott hatte keine Gnade mit mir und schon fragte eine Studentin der Professorin Löcher in den Bauch, was meine Qual nochmals um eine halbe Stunde verlängerte. Warum aber konnte sich jemand für die langweiligste Sache der Welt interessieren?

So ging ich in meinen ersten Semestern in die Vorlesungen von Prof. Dr. Kovtyk, einem alten Professor, der immer noch nervös war, wenn er vor mehr als drei Leuten sprechen sollte. Nur ganz wenige hörten ihm zu. Stets schaltete er den Overheadprojektor (in Halle den Polylux) an und ließ sich die gesamte Sitzung von dem grellen Licht in die Augen scheinen. Dabei hantierte er nervös mit seinem Zeigestock, schraubte ihn zusammen und auseinander. Seine Folien mussten immer mit von seiner Stirn abgeschrieben werden und oft musste ich schmunzeln, wenn zum Beispiel auf seiner Stirn Seelengärtchen geschrieben stand. Ich bot jeden Montag um 17:45 Uhr meine volle Konzentration auf, um ihm zu folgen. Versuchte seinen Humor nachzuvollziehen. Am Ende des Semesters als wir in einer Schlange standen, um unseren Schein zu bekommen, nahm er sich meinen Schein und schaute genau hinauf. “So, so Herr Schultz”, sagte er. “Es war mir eine Ehre Sie in meiner Vorlesung gehabt zu haben.” Ich war verlegen und sagte, man tue, was man könne, doch er erwiderte “Nein, dieses Semester hat mir sehr viel Spaß gemacht, da ich bemerkte, dass bei ihnen Reaktionen kommen und sie mit dem Stoff mitgehen.”

Warum erzähle ich dies? Ich hatte meine Lektionen gelernt. Wenn ich vor den langweiligen Stoffen von Hegel oder anderen Philosophen sitze, so hole ich das Interessante aus meiner Konzentration. Konzentration ist aber nicht anderes als seinen Verstand arbeiten zu lassen. Da die Welt häufig redundant funktioniert, aktivieren wir unseren Verstand recht selten.

Das heißt nun nicht, dass ihr überall mit höchster Konzentration den Tag verbringen müsste. Bei vielen Laber-Professoren schäme ich mich nicht mehr ein Nickerchen zu machen. Aus so mancher Redundanz des Alltags lässt sich kein Material zum Denken ziehen. Dafür ist mir meine Zeit zu kostbar. Vorlesungen kann ich übrigens aus dem Grund überhaupt nicht empfehlen. Zumeist kriechen die Professoren durch ihr Fachgebiet ohne es jemals mit interessanten Fragestellungen zu würzen.

Und dennoch frage ich mich häufig, warum ich mich für eine bestimmte Sache interessiere und für andere nicht. Demzufolge versuche ich mich für alles zu interessieren und ich denke dafür ist unser Verstand geschaffen. Wir können für alles offen sein und allein aufgrund des Interesses können wir uns gleichsam für Musik, Kunst, Philosophie, Physik oder gar für Mathematik interessieren. Wir sollten es sogar.

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Argumente für Homöopathie

Von Fibonaccie | Abgelegt unter Grenzen der Philosophie

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Konditionierung auf Medikamente, dies machen "sanfte" Mütter mit Homöopathie By Jorge Royan (Own work) CC-BY-SA-3.0

Höomopathie ist mittlerweile zu einer ganzen Industrie angewachsen. Hier ein paar Argumente für Homöopathie:

Argument: “Warum muss man etwas bekämpfen, dass offensichtlich nicht wirkt?”

Gegenargument: Weil Menschen, die vielfältigen Placeboeffekte nicht auseinander halten können. So hat unser Körper ein enormes Selbstheilungspotenzial und die meisten Krankheiten werden besser mit der Zeit, nimmt man ein Mittel in dieser Zeit, so schreibt man den Effekt dem Mittel zu.

Argument: “Auch wenn es nur der Placeboeffekt ist, Hauptsache es wirkt.”

Gegenargument: Der Placeboeffekt beschreibt nicht notwendig den Suggestionseffekt. Der Placeboeffekt beschreibt alle Ergebnisse in der Kontrollgruppe einer Doppel-Blind-Studie, die nicht durch die gemessenen Parameter erklärt werden können. Dies können zufällige Schwankungen sein, wie zum Beispiel die Selbstheilungskraft des Körpers. Die Ausmaße der Abweichung sind dabei in der Regel sehr gering. Schauen wir uns diese Studien an, so ist klar, dass Homöopathie keine Wirkung hat. Stattdessen verschreiben einige “ganzheitliche” Ärzte Homöopathie bei Malerie, AIDS und anderen Erkrankungen. Wenn es zudem nur auf den Suggestionseffekt für Kinder geht, so empfehle ich, auf die vielen harmlosen Hausmittel zurückzugreifen.

Argument: “Die traditionelle Medizin arbeitet nicht ganzheitlich, deswegen müssen wir auf ganzheitliche Homöopathen zurückgreifen.”

Gegenargument: Es gibt Ärzte, die nicht ganzheitlich arbeiten und dabei auf wissenschaftliche Ergebnisse vertrauen, ohne dabei selbst wissenschaftlich zu sein. Die Tatsache aber, dass einige oder viele Ärzte nicht vernünftig arbeiten, heißt nicht, dass Homöopathen richtig arbeiten. Die Wissenschaft vom Ganzen ist im Übrigen die Philosophie. Während die Einzelwissenschaften nur partikular beobachten, systematisiert die Philosophie diese Erkenntnisse. Aus dieser Perspektive ist es sehr fragwürdig, ob Homöopathen ganzheitlich arbeiten. Auf der anderen Seite haben Homöopathen gute Beziehungen zu Patienten, dieses führt zu besseren Erfolgen bei der Behandlung, warum aber müssen Homöopathen dann homöopathische Mittel verschreiben? Es gäbe genug natürliche Substanzen, die durch neuere Studien ausprobiert werden können.

Argument: “Wir haben aber so durchschlagende Erfolge.”

Gegenargumente: Wissenschaftliche Studien können dies nicht bestätigen. Einzelbeobachtungen können eine Vielzahl von Ursache haben, wenn wir Wissen durch Einzelbeobachtungen zulassen, so ist dies eben nicht ganzheitlich, sondern wird auch dazu führen, dass wir Hähnchenschenkel um den Hals wickeln, weil der Patient anschließend gesund wurde. Unstrittig ist, dass Körper sich selbst heilen. Ob es sich um Selbstheilung oder um die Wirkung eines Medikaments handelt kann nur in großangelegten Studien überprüft werden.

Argument: Die Pharmaindustrie fälscht Beweise.

Gegenargument: Es gibt Pharmaunternehmen, die Beweise fälschen. Bei der Vielfalt der Studien zur Homöopathie ist es aber fragwürdig, alles durch ein operierendes Kartell zu beschreiben. Es wäre schlichtweg zu teuer. Homöopathie im Gegensatz ist ein boomendes Geschäft, bei dem die Alternativindustrie gut verdient. Die Ablehnung von Studien kommt dieser Industrie zu Gute, denn Studien sind das einzige Mittel, um Wissen zu objektivieren. Nach Angaben des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller liegt der Gesamtumsatz 2011 liegt der Gesamtumsatz der Branche bei 400 Millionen Euro, weltweit zwei Milliarden Euro.

Zum Thema Ganzheitlichkeit stellt sich daher die Frage:

Wissen Sie, was Wissenschaft ist? Wissen Sie, was Wissen ist? Ja, dann werden Sie auch den Gehalt des folgenden Satzes verstehen:

“Wir brauchen keine Anekdoten, wir brauchen wissenschaftliche Studien.”

Hier ein sehr interessantes Video, dass ich empfehlen möchte, um sich kritisch zur Homöopathie zu informieren.

http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=35076

Und nein, ich nehme kein Geld von der Pharmaindustrie und ziehe es auch vor keine Medikamente zu nehmen. Ich nehme vielleicht einmal im Jahr Kopfschmerztabletten und vielleicht zweimal etwas im Jahr um die Nase frei zu kriegen.

Hier gibt es noch ein weiteres Interview von mir mit Ulf Wanderer zu dem Thema: http://gesundheit-lernen.blogspot.com/2015/04/ulf-wanderer-zur-homoopathie-und-zu.html?spref=fb

 

 

Norman Schultz

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Pittsburgh Skyline

Zeitgeiststadt Pittsburgh, meine intellektuelle Wahlheimat... Foto by Robpinion (Own work) CC BY-SA 3.0

Romane müssen für mich mit der Traurigkeit von vergehenden Novembertagen beginnen. Mit ihnen zieht ein Gewittergemüt auf, ein Seelensturm, den es durchzuhalten gilt. Aus einer inneren Reflexionspower heraus erkennen diese traurigen Seelen den Verfall der Geschichte, die falsche Verwirblung im Machtspiel und irgendwann steht der Leser im Auge des Sturmes und versteht. November sind leise und historisch passiert in ihnen wenig, wie in allen Monaten eigentlich, aber geschichtlich passiert etwas in diesen Seelen. Es verschieben sich die Gletscher der Zeit durch die Seelen hindurch und sie, die Seelen, müssen hinaus, hinaus zur See, zu dem unruhigen Meer, zu dem unruhigen Meer, das die Unruhe in den Herzen zu aller erst bewegte. So beginnt Melville sein Buch Moby Dick in eben dieser Weise:

“Whenever it is a damp, drizzly November in my soul; [...] then I account it to get to sea as soon I can.”

Dann genau dann zieht es die Männer zur See, sie fordern Geschichte, ein Abenteuer, eine Welt, für die es sich lohnt zu leben. Der November zieht ins Abenteuer und hier beginnen, diejenigen, die gerne Abenteurer wären, doch eigentlich feige sind, weil zuviel Reflexion ihr Herz beseelt. Während wir Glück zumeist einfach nur konsumieren, entsteht im nordisch, kalten Gemüt, bei diesen Menschen, die sich im Herbst zurückziehen und Leser werden, eine negative Verdopplung der Welt. Es geschieht hier die wirkliche Geschichte, weil die Welt eine Welt ist, an die wir uns erinnern sollen. Denn Geschichte, so heißt es auch bei Wikipedia, sind die Aspekte der Vergangenheit, die vom Menschen erinnert und gedeutet werden und im November beginnt eine Reflexion, die irgendwann am Neujahrstag ihr Finale haben soll. Geschichte ist eine äußere Welt von Innen heraus. Geschichte, das sind Romane, das ist unser Leben in Seinsmomenten innerlich abgelichtet, in die Gehirnschale gepresst und in Worten wiederum ausgedrückt. Problem ist nur, dass wir das für gewöhnlich selten tun, wenn wir glücklich sind. Geschichte entsteht am Unglück der Menschen.

Diesen Monat also spazierte – denn, was sollte ein November anderes hergeben? – ich mit John Harwey (Professor an verschiedenen Colleges hier) am Carnegy Museum (Pittsburgh) vorbei und als  Vin Diesel  ebenso wie eine verlorene Seele vorbeispazierte, fragten wir uns, ob dies für uns ein historischer Moment war.

2008-05-25 Pittsburgh 133 Oakland, Carnegie Museum of Art - Museumof Natural History (2671453205)

Carnegie war ein Multimilliadär, der irgendwann Amerika mit seinem Geld überschwemmte. Es ist amerikanische Tradition, nachdem die Arbeiter ausgebeutet waren, es in die Welt zurückzupusten (Foto von Allie_Caulfield from Germany CC-BY-2.0)

Hier in Pittsburgh also spazieren Stars über die Straßen, aber warum? Pittsburgh ist eine raue Stadt mit Geschichte und auch eine Stadt, durch die immer der Glamour des Reichtums hindurchwehte. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten die reichsten Menschen der Welt in Pittsburgh und überschwemmten es mit Geld. Der Himmel in Pittsburgh verdunkelte sich im 20. Jahrhundert – vom Rauch der Stahlschmieden, die Geld brachten und Pittsburgh in eine doppelte Geselschaft spalteten – so wurde die raue Stahlschmiede bald zu einer Stadt mit Novembergeist umgeschmolzen. Gescheiterte Existenzen und Geld für Kultur rissen die Seelen in die Geschichte fort. Hier am Grunde der verlassenen Schicksale, in einem Schmelztiegel aus arm und reich entstand eine andere Geschichte. Männer wussten nicht wohin mit dieser Größe, suchten, ließen sich für den Vietnamkrieg rekrutieren, doch schufen unter dem rauen Arbeiterpathos eine verletzliche Seele, die genug Kraft zur Reflexion hatte. In Pittsburgh sollte fortan Geschichte sein.

Die Stahlvergangenheit gab Pittsburgh mehr Brücken als Venedig und mit der Anreicherung durch Geist wurde Pittsburgh das Zentrum der Gegenwartsphilosophie. Es wäre also falsch von Zufall zu sprechen, dass die fortschrittlichsten Ideen der Gegenwart in vielen Bereichen aus Pittsburgh kommen. Es passt, dass irgendwo hier eine Nachfahrin Hegels in einem Buchladen arbeitet und es ist als hätte der Weltgeist sich in Pittsburgh niedergelassen, um traurig zu sein und um trotz aller Geschichtlichkeit ein bodenständiges Leben zu führen.

Nicht nur Batman wurde in Pittsburgh gedreht, nicht nur Christina Aguilera kommt von hier, nicht nur dass die Pinguins und Steelers gewinnen die nationalen Meisterschaften, es ist auch nicht, dass Zombieamerika seine Ursprünge in Pittsburgh hat und die ersten Zombiefilme hier gedreht wurden (ich sehe Menschen aus Tarantinos Gemetzeln oftmals hier beim Einkaufen), Pittsburgh hat außerdem die Wahl zum  schlechtesten, amerikanischen Akzent gewonnen und ist laut Economist dennoch die most liveable City in den USA.

Nun aber John und ich spazierten durch den beeindruckenden Herbst Pittsburghs, durch den Shenley Park hinter Carnegie Mellon, durch den Herbst, der nirgendwo so “blüht” wie her und neben der Frage, ob wir jemals so eiskaltcool wie Vin Diesel mit Schweißerbrille sein werden und warum die wildwachsende Haarkranzglatze außer Mode gekommen ist, überlegten John und ich, ob es im 19. Jahrhundert noch ein Jahr gab, ein einziges Jahr, in dem nichts Weltbewegendes geschah, ein Jahr, in dem die Geschichte einfach anhielt, der Weltgeist eine Pause machte.

Plato-raphael

Irgendwann kam Platons Haarkranzglatze einfach außer Mode und womöglich geschah das in einem November. Einschub Maja: "Ich weiß überhaupt nicht, was Männer haben, wenn sie eine Glatze bekommen. Ich würde einfach Vin Diesel werden."

Gleiches gilt jedoch auch für heute: Während die Medien uns heute mit angeblichen Nachrichtenbeben überwältigen, fragt sich, ob diese Dauereruption in der Medienlandschaft tatsächlich von Geschichte berichtet oder einfach nur Zeit kostet. Zumindest gilt es bei der modernen Geschichte, die angeblich wie ein Vulkan brodelt, als amoralisch, wenn man sein Interesse an Nachrichten verweigert. Für meinen Teil brauche ich schon längere Zeit nicht mehr das wärmende Medienlagerfeuer am Abend, für mich ist das keine Vulkanglut und ich brauche keine externe Wärme, um mich aktualisiert, ubgedated und demokratisch zu fühlen. Im Folgenden gibt es also Einblicke in meine, zugegeben idealisierten, Gesprächsnotizen und Einfügungen von Korrespondenzen aus dem November zu sehen. Aber vielleicht findet sich darin ein wenig Novembergeist aus Pittsburgh.

Was war also die historische Dimension eines kalten, traurigen Novembers?

John Harwey: Zumeist erscheint Geschichte nicht im Horizont unserer Medien. Diese veröffentlichen nur geschichtliches Fastfood. Der Todesschütze von Osama Bin Laden veröffentlichte so ungefragt seine Identität (Verweis hier). Ein kurzes Echo im Mediengebirge, aber die Tatsache das ein Mensch einen anderen tötet, ist nur relevant, weil es kommuniziert wird.

Abgesehen davon aber stellt dieser Moment tatsächlich eine historische Qualität dar. Auf der einen Seite, ist es ebenso unbedeutend wie ein Löwe, der seine Beute reißt, zugleich aber ist es die moralische, spezifisch-menschliche Frage nach Mord, die medial in den USA jedoch nicht diskutiert wird, was eher auf ein prämoralisches Stadium und ungeschichtliches Moment hindeutet. Stattdessen instrumentalisieren die Medien den Täter, um zu fragen, ob es legitim ist, geheime Informationen zu veröffentlichen und ob er nun um sein Leben fürchten muss, weil ihn die Terroristen ja kennen. Natürlich können wir den Helden nicht verurteilen, denn das Individuum wird hier medial gewichtet und verschwindet dann hinter der Schablone des Helden, die wiederum die Frage nach der Moral hier gänzlich verdeckt. Gesellschaften aber, die ihre Moralsysteme nicht in Frage stellen, haben keine Geschichte. Das geschichtliche Moment ist also, dass sich der Weltgeist hier gerade nicht zeigt.

Anmerkung Norman Schultz: Wie also ging es mit der Tötung von IHM zu? Nun, das können wir ganz nüchtern berichten:

Nach der Beschreibung des Todesschützen hatte sein LEADER, der Kopf des Tötungskommandos, bereits Osama Bin Laden verfehlt, so dass unser Held, von dem wir wie ein Homer berichten, mit einer Heldenrolle in den Raum hinein hechtete und den dreckigen Halunken, der sich auch noch hinter eine seiner Frauen versteckte, niederstreckte. Durch sein Nachtsichtgerät konnte er das Böse eindeutig identifizieren und mit einem präzisen Vollstreckungsschuss brachte er den Amerikanern die ersehnte Rache. Damit hatte der Todesschütze den Hinterbliebenen vom 11. September sein Versprechen eingelöst und gezeigt, dass die Amerikaner Gerechtigkeit besitzen. Gerechtigkeit als Waffe der Verletzten.

Norman Schultz: Die nackte Wirklichkeit der Zeit gibt es nicht. Das sind nur die erotischen bis pornographische Phantasien von Historikern und Bibelgläubigen. Unsere Wirklichkeit wird durch die mediale Schneiderei gut eingekleidet, bis zur Unkenntlichkeit modisch frisiert. Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit, als Königin der Wissenschaft, in unserer Welt nicht nackt sein kann. Sie wäre vielleicht zu öde und langweilig oder aber immer relativ zu unserem gegenwärtigen Gerede. Die Wahrheit wäre nach der Moral von Tötung in einem Diskurs zu fragen, in einem Diskurs, in dem nichts als geklärt gilt, alles sich wenden. Wahrheit darf nicht aktual, sondern muss prozedural betrachtet werden (ich kann hierzu das Buch von meinem Professor aus Köln, Edmund Braun, empfehlen: Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch). Doch die Öffentlichkeit fragt nach Helden, Rächern und Ruhm, nach dem Glanz des Momentes und nicht nach der gähnenden Langeweile und knarrenden Weite von Ewigkeiten, die sich in Diskursen als das fortwährende Spiel unserer Sinnsuche enthüllen.

John Harwey: Unser moralisches Mikroskop wird niemals die Stärke für tiefgreifende, moralische Fragen haben, die nämlich in die Ewigkeit der Unendlichkeit mäandern. Wir können nur verschwommene Ränder für den Zeitgeist sichtbar machen. Das Ewige entzieht sich der simplen Sichtbarkeit. Für die Medien ist dies untauglich. In der öffentlichen Meinung und dies gilt auch für Verschwöungstheorien sollen die Dinge konkret sein, Gesellschaften lassen sich aber nun mal nicht im Ganzen und in Detailschärfe zugleich deutlich machen, das kann nur die Dialektik, die im Diskurs unvereinbare Argumente durcheinanderwühlt, aufrüttelt und sensibilisiert. Die Gesellschaft ist kein Gegenstand, sie kann nicht einfach betrachtet werden, und zwar ist sie genauso kein Gegenstand wie Tische und Stühle keine Gegenstände sind. Die Gesellschaft muss dynamisch bleiben, so dynamisch wie die Wirklichkeit.


Norman Schultz: Ich weiß noch wie ich mich mit einem Standardphilosophen in Köln, definitiv kein Novembergeist, über den Linguistic Turn unterhielt und er mir vorhielt, dass er bei allem, was ich sage nur mit dem Kopf schütteln könne. Es war schlicht alles, was ich sagte für ihn falsch. Dabei sind dies genau die Positionen von Brandom, die ich vertrete, einem Philosophen, bei dem er dann doch gerne studieren wollte und der ja als großer Zeitgeist aus Pittsburgh gilt. Es ist etwas schwer für Menschen zu begreifen, dass der Großteil der Wissenschaft im Moment davon ausgeht, dass Objekte eher Resultate sind von der Art, wie wir die Welt begreifen, wie unser Gehirn operationalisiert und wie wir uns in Diskursen austauschen. Es sind nicht erst Objekte in der Welt und dann begreifen wir sie. Unser Zugriff auf die Realität muss daher anders rekonstruiert werden und da ist der Begriff “Objekt” sehr schwammig.

John Harwey: Genauso ist ein weitere Punkt, dass Verbrechen soziale Entitäten sind, die eben keine Objekte sind. Verbrechen entstehen immer im Verborgenen von Gesellschaften und übersteigen unklare Grenzen. Viele von uns wandern in Grauzonen: Ist es zum Beispiel angemessen Tiere zu essen? Menschen, die ungeschichtlich argumentieren, kennen hier ein klares “Ja”, ganz einfach weil der Mensch für sie bereits feststeht und ein Raubtier sein muss. Für andere mag der Mensch noch nicht festgestellt sein und angesichts der Bedrohung durch künstliche Intelligenz, die Hawking nun sichtbar macht, ist es vielleicht auch Selbstschutz nach einer angemessenen Ethik für Beute zu fragen. Ist es angemessen Tiere zu essen? Wir sollten darüber länger diskutieren und nicht zum Alltag übergehen, dem gleichen Alltag, der uns andere Menschen ohne Gerichtsverfahren töten lässt. Alles, was nicht rational in Diskursen durchgekaut wird, müssen wir daher Irrationalismus nennen.

Die Amerikaner haben kein Instrument, um hinter ihrer Rache eine gesetzlose Tötung zu sehen, so wie wir wenig Argumente haben, die Moral von Tierrechten festzustellen. Weil also der Ursprung von Verbrechen im Verborgenen liegt, an einem blinden Fleck unseres Sichtfelds, haben viele dieser Verbrechen oft noch keinen, wirklichen Platz in uns, wir kennen einfach ihre Dimension nicht und wir wissen nicht, wie der Mensch sich vor dem Forum der Geschichte verantworten werden muss (ein Gedanke, den Plessner ja stark machte).

Norman Schultz: Unser analytische Blick ist verstellt durch konfuse Gefühle, die aus der Größe des ewigen Moments hervorströmen. Würden wir aber nur im Moment leben, so fände keine Geschichte statt und de facto gäbe es keine Geschichte. Geschichtslosigkeit ist Irrationalismus und die, die meinen wir sähen nur mit dem Herzen gut, diejenigen sehen nicht, das Herzhandlungen oftmals eben auch Spontantötungen sind. Nachrichten reduzieren Geschichte auf den Moment, er muss klar sektierbar und berichtbar sein. Aber das Herz muss aus der Gegenwart gehoben werden und sich dialektisch mit dem Verstand entwickeln. Das Tier das Geist hat, soll eins mit sich werden. Wegen des Irrationalismus aber ist es für die Amerikaner auch kein wirkliches Verbrechen sich spontan zu rächen. Spontane Rache ist ein ungeschichtlicher Moment, ein Augenblick, in dem etwas passiert und doch passiert nichts in der Geschichte. Rache ist eine schlichte Reaktion, die Gleichgewichte eines metaphysischen Kharmas herstellend darf. Ein gänzlich absurder Gedanke und der Weltgeist fällt zurück in ein animalisches Moment. Wenn hier in diesem November Geschichte geschah, dann war es nur ein Rückschritt, dass wir uns den Blick auf Wirklichkeiten verbauen. Wenn in diesem November Geschichte geschah, dann war es eher die Geschichte davon wie keine Geschichte geschah.

Alfred Eisleben (schriftlicher Kommentar zu diesen Notizen):

Geschichtlich sind es heute auch die ausbleibenden Entwicklungen und vielleicht ist das unsere Geschichte, die mein Freund Derrida im Hinblick auf die Demokratie als Autoimmunisierung erkannte (Der Verweis bezieht sich womöglich auf Derridas letztes Werk Rogues, zu Deutsch Schurken). Das heißt Systeme versuchen, einen Ewigkeitstatus zu erreichen, indem sie wirkliche Veränderung verhindern. Das Verborgene soll auch weiter im Verborgenen bleiben, damit alles so weiter gehen kann, wie bisher. Das ist die Tyrannei, die ja Platon schon am weitesten von der Wahrheit entfernt sah.

Norman Schultz (Anmerkung zur Notiz von Alfred Eisleben):

Die ausbleibende Aufhebung der Verjährungsfristen bei sexualisierter Gewalt ist mit Sicherheit eine solches Verfehlen. Sexualisierte Gewalt verschwindet hinter dem kindlichen Erinnerungsvermögen und kommt oftmals nicht zur Anzeige, daher haben wir auch keine Informationen über die Auswirkungen (unbeachtete Argumente, die ich verfasst habe, dazu hier bei netzwerkB). Verdrängung ist ein Element von unterdrückenden Gesellschaften.

Anmerkung Alfred Eisleben: Genauso soll die angestrebte Totalüberwachung der Menschheit eine Unvermeidlichkeit darstellen, doch die Wirklichkeit des Verbrechens bleibt immer im Verborgenen. Deswegen weiß niemand genau, wie politische Wirklichkeit wirkt. Totalüberwachung ist schlicht nicht möglich, weil wir nur begrenzte Verarbeitungskapazitäten haben, wir die Geschichte machen. Wir sollten uns nicht auf alle Details einlassen, sondern das Ganze der Moral besprechen. Deswegen ist es auch für die Medien schwierig, aus der Überkomplexitität in entsprechenden Abständen Skandale zu produzieren, weil es keine Skandale gibt, sondern nur sehr komplexe Sachverhalte. Für den Durchschnittskritiker aber gerät die Frage nach den Verantwortlichen zu einer Frage nach dunklen Verschwörern. Der Verschwörer aber ist nur ein Strohmann für die Unerklärlichkeiten, die sich aus super-komplexen Systemen ergeben. Früher nahmen wir dafür den Teufel an, heute sind es menschlich widerwärtige Seelen, die unter dem Deckmantel von Wirtschaftskartellen operieren sollen.

Als Resultat sind die entdeckten Skandale dann das, was weder wahr noch gänzlich falsch ist und was Aristoteles die Meinung nannte. So ist Schröder ein Genosse der Bosse und Merkel käuflich. Diese Meinungen sind gesprächstauglich, weil sie klar abgegrenzte Inhalte anbieten. Die Zeit aber wird meines Erachtens nicht bestimmt durch das, was Meinungen transportieren, sondern durch die komplexen Mechaniken, die Meinungen nicht repräsentieren können.

Anmerkung John Harwey hierzu: Da kommen die zwischenmenschlichen Tötungskommandos gelegener, denn offensichtlich hatte der Mörder Bin Ladens einem der Hinterbliebenen von September 11 versprochen, IHN zu töten. Es sind also nicht die Drohnen, die in afghanischen Teezeromonien einschlagen, die die Medien reizen. Dies ist aber nicht, weil die Medien dies wollen und Schattenmänner über ein Verdunklungsunternehmen verfügen, sondern weil die Medien genauso von der Dynamik des Geredes ergriffen sind. Jeder, der meint Klarheit ein für alle male produzieren zu können, gerät dabei in eine Sackgasse.

Aus allem gesagten ergibt sich aber, dass es nicht die Oberflächen sind, die von Bedeutung sind. Daher ist Guantanamo weiterhin das Ereignis, das dieses Jahr bestimmt. Es ist die Unmenschlichkeit die eher Kontinuität besitzt. Dieser Moment aber ist nicht direkt medientauglich, denn Unmeschlichkeit braucht seine Bestimmung am Ewigen. Es ist absehbar, dass das Thema im historischen Rückblick die Amerikaner als Friedensmacht herausfordern muss, aber dazu müssen wir erstmal die Geduld haben uns auf das Ewige einzulassen. Und wer hat die Geduld um sich ewig zu binden? Insofern sich das Ewige nicht als Event vermarkten lässt, gibt es wenig Berichtenswertes. Man stelle sich eine Sendung vor: Das Ewige – Live!

ENDE Teil 1

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Norman Schultz

Pittsburgh, November 2014

 

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