Wie sich in der Behinderung die Seinsphilosophie entfaltet

Discapacidad / Physical Disability

Ich bin daf√ľr den Begriff "Mensch" durch den Begriff "Behinderter" zu ersetzen

Die durchschnittliche K√∂rpernormalit√§t ist eine gesellschaftlich-biologisch etablierte. Allein durch seine Abweichung stellt der Behinderte diese K√∂rpernormalit√§t jedoch philosophisch in Frage. Erst diese Differenz des Behinderten zum Menschen in uns macht uns zum Menschen. So ist letztlich auch der Durchschnittsmensch eine stete Abweichung seines selbst und als Behinderter zu erfassen. Wie ich dieses bereits ausf√ľhrte sind wir alle behindert, die Frage ist nur in welcher Weise uns dieses bewusst ist und zur Philosophie wird. Daher spreche ich zwar √ľber behinderte Menschen, meine aber die viel urspr√ľnglichere Behinderung Mensch zu sein, die die Philosophie eines Transhumanismus beispielsweise zu √ľberspringen versucht.

Aufgrund dieser Philosophie rede ich teilweise f√§lschlich teilweise richtigerweise vom Behinderten. Die politisch korrekte Notation liegt mir dabei allerdings wenig am Herzen, da mein eigentliches Herzensziel ohnehin die St√§rkung der Freiheit jeder sich entfaltenden Freiheit (und so auch der Tiere) ist. Mir geht es prinzipiell darum: Anstatt die eigens konstruierte und gesellschaftlich-etablierte Inad√§quatheit zu den K√∂rperwelten anderer zu akzeptieren, die St√§rkung der eigenen F√§higkeiten in den Blick zu nehmen. Die grundlegende zu st√§rkende F√§higkeit ist es dabei Mensch zu sein. Sehr wohl betrachte ich die Aufgabe, Mensch zu sein, nicht als nat√ľrlich, sondern als eine Aufgabe, die jeder stetig realisieren muss und soll. Wir wollen menschlich sein und daher gibt es zwar behinderte Menschen. Dieser Ausdruck (behinderte Menschen) l√§sst uns aber vergessen, dass wir alle erst und immer wieder unsere Menschlichkeit philosophisch unter Beweis stellen m√ľssen. Mensch sein ist kein Faktum. Mensch sein hei√üt die Behinderung einzusehen.

Zu behinderten Menschen

Ich bin der tiefen √úberzeugung, dass wir in einer arbeitsteiligen Gesellschaft alle elit√§res K√∂nnen und Wissen antrainieren k√∂nnen. Ich meine daher, dass die fortw√§hrende Integration Behinderter in Billigwerkst√§tten Ausbeutung darstellt. Da sich behinderte Menschen im Vergleich zu den „normal“ Behinderten weniger wehren, beuten Tr√§gervereine, die einst das Beste wollten, diese als billige Arbeitskr√§fte aus. Behindertenwerkst√§tten sind oftmals die erweiterte Infrastruktur eines bequemen Sesselw√§rmers, eines Schreibtischpaladins, der Menschen in Schraubensortieranlagen klein h√§lt, aber unter dem Deckmantel des guten Willens sie fein s√§uberlich nur verwaltet. Was in Behindertenwerkst√§tten passiert, ist Ausbeutung. Auch wenn wir damit diesen Menschen kurzfristig Sinn durch die Integration in eine Arbeitsathmosph√§re gew√§hrleisten, h√§lt unsere Gesellschaft behinderte Menschen mit minderwertigen Aufgaben klein. Der Skandal zeigt sich schon allein in dem Gedanken, dass „normale Menschen“ f√ľr die gleiche Arbeit besser bezahlt werden m√ľssten. Da aber behinderte Menschen aufgrund ihrer vernachl√§ssigten Bildung diese Sachverhalte nicht durchdringen, wehren sie sich auch nicht. Ich frage mich, wie es sein kann, dass wir ein ganzes Herr von behinderten Menschen in einer Anlage zusammenferchen als m√ľssten wir sie als Ungleiche behandeln, die nur unter Ungleichen gleich sein k√∂nnten. Interessant ist zudem, dass wir gerade dort politisch korrekt von behinderten Menschen sprechen, wo wir so doch ihre gesellschaftliche Abgrenzung betreiben.

Indem wir nun aber den Behinderten dort sprachlich-formal zum behinderten Menschen transformieren, verschleiern wir die Möglichkeit zur eigenen Philosophie der Behinderung. Wir sind alle Behinderte und nicht dort ist ein behinderter Mensch und hier ein Mensch.

Der Film „Me Too – Wer will schon normal sein?“

Der Film „Me Too“ (wenn auch kitschig und schlecht arrangiert) zeigt den Lebensweg eines Menschen mit Downsyndrom, der sich nach erfolgreichem Studium¬†in seine „normale“ Mitarbeiterin verliebt.¬†¬†Weltweit gibt es zwei F√§lle von studierten Menschen mit Downsyndrom. Ich habe allerdings auch einen Freund in Hong Kong, der ebenso expressiv Comics malt und studiert hat, bei dem aber aufgrund christlichen Hintergrunds niemals diagnostiziert worden ist, dass er behindert, noch dass er ein Mensch ist. Beachtlich ist jedoch, dass wir mit den Klassifikationen Lebenswege vorzeichnen und einige Chancen im Vagen lassen. Talente sind auch immer Fragen der √úbung und Selbststeigerung. Dar√ľber hinaus sollte unser Pluralismus gerade die existentiellen Lebenswege offen halten.

In dem Film also erk√§mpft sich der Hauptdarsteller beruflichen Erfolg. Und wird √§hnlich wie der Geiger Untan f√ľr sein Talent¬†daf√ľr gesch√§tzt, auf die Stufe der Normalit√§t als Kuriosit√§t zu steigen. Doch die Zuneigung der Gesellschaft fehlt ihm. Ihm gegen√ľber steht eine „normale“ Frau, die zwischen den ‚Äěintakten‚Äú M√§nnern (wobei ich wom√∂glich m√§nnliche Menschen sagen m√ľsste) herumeifert, aber sich doch in ihrer seelischen Verlassenheit in die Oberfl√§chlichkeit ihrer Normalit√§t h√ľllt. ¬†Sie mag Chancen in ihrem Leben nicht genutzt haben. Diese Scham aber empfindet sie gegen√ľber dem behinderten Hautdarsteller und Menschen nicht. Keine Scham, was politisch korrekt ist, denn mittlerweile sind wir so in die Individualit√§t involviert und gerechtfertigt, dass wir uns Schuldgef√ľhle prinzipiell nicht einreden lassen. So reagiert auch der Kollege vom behinderten Menschen (politisch wohl korrekt formuliert):

Kollege: „Wenn du auf normale Frauen stehst, wird das nie was werden.“

Behinderter Mensch (politisch korrekt formuliert): ¬†‚ÄěDu hast eine Frau und erwartest ein Baby‚Äú

Kollege: „Ich lass mir von dir keine Schuldgef√ľhle machen.“

Mit der Fokussierung auf das politisch Korrekte sind wir allerdings dialektisch von dem urspr√ľnglichsten Verst√§ndnis der Behinderung entfernt und damit sehen wir auch nicht die Schuldgef√ľhle, die wir prinzipiell alle als Behinderte haben m√ľssen: Wir haben diese Schnittstelle in der Zeit als Menschen besetzt, die auch ein anderer h√§tte ausf√ľllen k√∂nnen. Wir stehen hier und dr√§ngen die Pflicht nach Vergebung fort. Menschen sind schuld allein daf√ľr, dass sie sind. Wenn sie sich als Menschen erkennen und dies sage ich ohne christliche Konfession, so f√ľhrt an der Schuld kein Weg vorbei. Der Philosoph Alfred Eisleben formulierte es besser:

‚ÄěWie ein Blitz in uns gefahren, sind wir hier, umh√ľllt von Fleisch, hinausblickend in die Welt. Wir kamen vom Nichts, allein, die Weltspende, das fremde Herz in uns, um dann in die leere Hand, in das Nichts zur√ľckzufallen. Was sind wir mehr als durch Schuld und Unschuld zugleich?‚Äě (Alfred Eisleben ‚ÄěSinn und Sinnhaftigkeit‚Äú HansaVerlag 1963:25)

Der ein oder andere mag die philosophische Dialektik verkennen, die uns als Behinderte durchdringt. Wir sind ein Pendel, dass von der Befreiung immer wieder in den K√∂rper zur√ľckf√§llt und sich selbst hassen und lieben muss, sich schuldig und unschuldig zu gleich f√ľhlt und so auch Mensch und Nicht-Mensch, er selbst und nicht er selbst ist und sein kann.

Warum nun ist die Hauptfigur im Film „Me too“ „intelligenter“ (was immer das auch hei√üen soll) als andere Behinderte, weil – so bekundet der Film – seine Mutter viel mit ihm gesprochen habe. Sie habe sich mit ihm und Politik auseinandergesetzt. An dieser Stelle ist klar (wenn auch nicht empirisch durchforscht), Gesellschaften haben in der Bildung ihr Steigerungspotential. Gerade bei behinderten Menschen sollte dieser Gedanke an den Menschen als √ľberhaupt Behinderter deutlich werden. ¬†F√ľr Behidnerte kann daher gelten, gleich, ob sie sich auf das Plateau der Normalitit√§t gek√§mpft haben oder selbst √ľberhaupt von einer Selbststeigerungsphilosophie erfasst sind, sie sind doch sogleich von der M√∂glichkeit des Werdens erf√ľllt. Dieses zeichnet den „behinderten Menschen“ (ich hoffe der Leser versteht die Ironie meiner Formulierungen) im Film wie auch jeden anderen Behinderten √ľberhaupt aus. Im Film ist klar: Warum sollte der Hauptdarsteller also mit anderen Menschen, die diese K√§mpfe nicht gef√ľhrt haben, eine Beziehung pflegen? Die berechtigte Frage, warum also eine „normale“ Frau einen Behinderten lieben sollte, w√§hrend der „Behinderte“ nur bereit ist „normale“ Frauen zu lieben, beantwortet sich leicht: Er wei√ü um den doch hohen Wert der Normalit√§t. Es geht dabei nicht um die √Ąu√üerlichkeit der Normalit√§t einer Frau, sondern um den Wert der Lebensperspektive, die er f√ľr sich gewonnen hat. Mit dieser Lebensperspektive hebt er sich √ľber sich hinaus, um zugleich doch seine Behinderung einzusehen. Behinderte Menschen, die wir daher zwingen, um Normalit√§t zu k√§mpfen, sind daher immer schon die Starken, denn wir m√ľssten eigentlich ebenso unsere Behinderung einsehen. Weil wir aber neben uns die Menschen mit Behinderung anerkennen, erkennen wir nicht unsere urspr√ľngliche Gleichheit als Behinderte.

Nun mag es den ein oder anderen geben, der mit dem Schuldbegriff und dem Begriff der Behinderung √ľberfordert ist, aber ich meine einen befreienden Schuldbegriff f√ľr das Sein, der auf die Anerkennung der eigenen Behinderung zielt. Wer sich in diese dialektische und fortgehende dialektische Philosophie nicht einlassen kann, der wird mir religi√∂sen Eifer unterstellen, dass Diskriminierung mein Anliegen ist. Wir diskriminieren jedoch mit jedem Wort, da das Allgemeine das Besondere immer auseinanderzerrt. Wir d√ľrfen uns nicht auf unsere zu letzt gesprochenen Wort verlassen, sondern m√ľssen erkennen, dass die Worte den Diskurs weiterf√ľhren, andernfalls verinseln wir uns in unseren Vormeinungen. Es gilt gleichsam als Ziel einer Selbststeigerungsphilosophie jeden Tag seine Vormeinungen fallen zu lassen. Selbst die Meinungen von uns selbst gilt es dabei zu √ľberwinden und uns in das zu f√ľhren, was wir nun noch nicht k√∂nnen. Vielleicht gelingt es irgendwann die Behinderung dabei zur√ľckzulassen? Hier aber beginnt die Philosophie des Transhumanismus zu denken.

Anmerkung

Eine notwendige Anmerkung verbleibt noch √ľber die Gesellschaften und die Behinderungen zu sagen. Erschrocken bin ich √ľber das doch immer noch r√ľde Russland, welches starke M√§nner braucht und keine Schw√§chen kennt: In Wikipedia l√§sst sich daher folgendes lesen:

In Russland wird auch heute noch den Eltern nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung, so auch im Falle eines Down-Syndroms, geraten, den S√§ugling in ein Heim zu geben. Durch unzureichende personelle und materielle Ausstattung, Mangelern√§hrung, unhygienische Zust√§nde, wenig Bewegungsfreiheit und so gut wie keine p√§dagogische Zuwendung, F√∂rderung und Therapie lernen die wenigsten Kinder mit Down-Syndrom das Laufen und Sprechen. Die meisten versterben im Kindesalter, da sie medizinisch kaum bzw. nur ungen√ľgend behandelt werden. Eine Schulbildung ist wenn √ľberhaupt nur f√ľr leicht beeintr√§chtigte Kinder und Jugendliche vorgesehen und Arbeitsm√∂glichkeiten f√ľr erwachsene Menschen mit Behinderung nur sporadisch vorhanden. (Wikipedia-Artikel)

Peinlich, liebe Russen!

Ich werde mich noch weiter, von nun an immer Freitags mit dem Thema Behinderung und Selbststeigerung befassen. Da ich momentan in viele andere Projekte involviert bin, ist dies nicht anders möglich. Den Beitrag bitte liken oder weitertwittern. Vielen Dank.

Hier gibt es noch einen weiteren BuchLink, worin sich dem Problem, der physischen Abhänigkeit von unserem Körper angenommen wird. Ansonsten bis demnächst. Norman Schultz.

 

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10 Antworten auf Wie sich in der Behinderung die Seinsphilosophie entfaltet

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  2. Pingback: Von der Sprache in uns – Zur Philosophie in der Taubblindheit – Philosophie EntGrenzen – Die Wissenschaft der Wissenschaften

  3. Pingback: Precht und der Skandal Schule РVerblödung war schon immer blöd | Bewusstes Lernen

  4. Franz Josef Neffe sagt:

    Martin ist mongoloid.
    Das ist ein Vorzug, den jeder sieht,
    den aber nicht jeder versteht.
    Nur die Schwächen zu sehn, ist einfach blöd.
    Martin ist lebendig und gesund.
    Er sp√ľrt den Schatz auf seinem Grund
    und wir, wir sp√ľren ihn nicht.
    Schaut dem Martin gerad ins Gesicht!

    Das ist der Refrain meines Lebens-Liedes, das ich vor ca. 30 Jahren f√ľr Martin gemacht und gesungen habe.
    Die Strophen erzählen von den Talenten in ihm und ihrer Sehnsucht nach achtsamer Herausforderung, die ihm leider in der Schule eher reduziert als als gestärkt und entwickelt und zum Wachsen gebracht. Chancen bekam Martin vor allem von den Eltern und der Kirche.

    Wenn ich in XXX geblieben wär,
    hier oben im Osten und Norden,
    wenn ich in XXX geblieben wär,
    w√§re Martin mein Sch√ľler geworden.
    Er kam in die Schule, die lernbehindert war
    und die Angst hatte, ihm nicht gewachsen zu sein,
    und so steckte man ihn schon nach einem Jahr
    in die geistig behinderte Schule hinein.
    2.
    Der liebe Gott hat seine Kinder lieb,
    drum ist Martin sein Diener geworden
    als Ministrant im Kirchenbetrieb
    hier oben im Osten und Norden.
    Er kam in die Kirche, die offen f√ľr ihn war
    und nicht Angst hatte, ihm nicht gewachsen zu sein.
    Und so lebt er dort auf schon so manches Jahr
    und ich frag Euch: Warum soll das nur an einem Ort so sein?
    3.
    In der geistig behinderten Schule ist
    Martin einsame Spitze geworden.
    Und am Nachmittag, wenn er zu Hause ist
    hier oben im Osten und Norden,
    da sind seine 7 Geschwister f√ľr ihn da,
    die keine Angst haben, ihm nicht gewachsen zu sein.
    Und so lebt er dort auf schon jahr f√ľr Jahr
    und ich frag Euch: Warum soll das nicht √ľberall so sein?

    Als Ich-kann-Schule-Lehrer unterscheide ich immer zwischen dem Menschen und seinen Kr√§ften und Talenten. Die P√§dagogik m√ľht sich meist mit zunehmendem Misserfolg mit den Fehlern und Schw√§chen ab, vergisst die Kr√§fte und Talente hochzuachten, zu st√§rken und zu pflegen. Sie l√§sst die Kr√§fte verhungern, macht Druck und qu√§lt sie mit sinnlosen √úbungen und reibt ihnen dann zynischerweise auch noch dauernd unter die Nase, dass sie nicht k√∂nnen.
    In der neuen Ich-kann-Schule werden die schw√§chsten St√§rken am sorgf√§ltigsten geachtet, gest√§rkt und gepflegt. Mit ihnen sind, wenn sie sich erholt haben, Leistungen m√∂glich, die mit den √ľblichen, unerfahrenen 08/15-Talenten nie erreicht werden k√∂nnen. Statt sie mit Druck erst matt und dann platt zu machen, lenke ich diese entscheidenden Geistes- und Seelenkr√§fte sanft und pr√§zise mit SOG-Wirkung. Wenn ich sie und ihre Gro√üartigkeit verstanden habe, wei√ü ich, was sie ZIEHT.
    Probleme – das ist in der Ich-kann-Schule klar – ertscheinen immer als Sachprobleme, sind aber stets menschliche Probleme. Die P√§dagogik hat das bis heute nicht verstanden und versucht – stets mit wachsendem Misserfolg die Scheinprobleme zu l√∂sen. Wenn wir Seinsprobleme l√∂sen, wird menschliches Wachstum m√∂glich und nur dadurch wird der Mensch seinen Lebensaufgaben gewachsen. Das gilt f√ľr alle Probleme. Probleme sind Lebensuafgaben.
    Guten Erfolg!
    Franz Josef Neffe

    • Ich bin durchaus dabei, diese Forderungen zu unternehmen und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Aber kommt es nicht auch immer auf Funktionalit√§t an, die unsere Gesellschaft miterh√§lt und so doch auch immer ein Teil der Menschlichkeit ist, die wir uns nachdem der Hunger gestillt ist, leisten? Eine Frage f√ľr mich w√§re beispielsweise: Wenn wir alle nur noch das machen, was uns Spa√ü macht, bleibt dann nicht eine Menge Dreck liegen?

      • Franz Josef Neffe sagt:

        Ich f√§nde es √ľberhaupt nicht ok, wenn jemand versuchen w√ľrde, mich in den Mittelpunkt zu stellen, und darum mache ich das auch mit anderen nicht. Es f√§llt uns gar nicht mehr auf, wie sehr wir durch eine lebensblinde P√§dagogik darauf dressiert sind, Menschen als OBJEKTE zu behandeln.
        Ich schaue mir an, wo der Mensch steht, und achte seinen Standpunkt. Das ist das mindeste, wenn ich ihm andere Standpunkte zeigen will. Und dabei geht es √ľberhaupt nicht um Spa√ü. Es geht darum, welche Standpunkt√§nderung dem Leben konkret bessere Entwicklungschacnen gibt.
        Funktionalit√§t erh√§lt unsere Gesellschaft nicht. Wenn etwas funktioniert, ist das nur ein ZEICHEN daf√ľr, dass wir mit den daf√ľr zust√§ndigen Kr√§ften – bewusst oder unbewusst – gut umgegangen sind. Wir sollten klugerweise statt der Forcierung der Anh√§ufung von Papierwissen besser Zeichen erkennen und hinterfragen lernen, wenn wir uns konkret verbessern wollen.
        Ich gr√ľ√üe frezundlich.
        Franz Josef Neffe

        • Der Einwand der Objektivierung ist althergebracht. Die Frage ist, ob es eine andere Handlungsart im menschlichen Dasein gibt, die tats√§chlich die Kluft zwischen Subjekt und Objekt oder pr√§ziser zwischen Denken und Sein √ľberbr√ľcken kann. Zwar gibt es viele, die dies behaupten, allerdings sehe ich nicht auch nur eine Praxis, die eben mehr aufzeigt als Behauptungen. Was √ľbrig bleibt sind Machtstrukturen, indem sich der angebliche Praktiker immer hinter einer Theorie verkriecht, die behauptet keine Theorie zu brauchen. Das aber ist Theorie: Dabei verobjektiviert er eine fortan unzweifelbare Praxis. Das aber ist nicht meine Welt, genau benommen ist das Standpunktphilosophie. Entgegen sehe ich die Geschichte eine fortw√§hrenden Kritik, die eben immer den letzten Standpunkt √ľbernimmt. Aus diesem Grunde vertraue ich auch keinen Revolutionen, die glauben, es gebe einen Resetknopf, um alles neu zu starten. Das Wissen kommt aus eben den Zeichen, die schon bestehen und das ist eben jene besagte Schule. Die Frage w√§re also wie wir Machtstrukturen daraus herausk√ľrzen, anstatt sie mit machtvollen Gesten zu beseitigen und damit die Macht nur indirekt neu zu etablieren.

          • Franz Josef Neffe sagt:

            Es ist nicht die Frage sondern die Aufforderung, das zu pr√ľfen. Sonst schieben wir in tausend Jahren noch unbeantwortete Fragen hin und her.
            Leben wir nicht ein wenig in dem Wahn, wir w√ľrden uns die wirkliche Welt ertst erschaffen, und √ľbersehen dabei, dass sie bereits erschaffen ist – und dass wir nach einigen Jahrtausenden endlich mit ihr umgehen lernen sollten?
            Nehmen wir mal zum Vergleich S.Freud und E,Coué.
            Freud kennt heute alle Welt a) als Vertreter der herrschenden Wissenschaft und b) als THEORIElieferant INS PROBLEM HINEIN. Sein Freund Dr. Breuer schickte ihm die Patientinnen.
            Cou√© hatte f√ľr Theorie keine Zeit. Schon in den 1910er Jahren kamen j√§hrlich einige zehntausend Hilfesuchende aus aller Welt in seine unentgeltlichen, √∂ffentlichen Sitzungen; Misserfolgsberichte man man nicht. Cou√© machte von morgens bis abends PRAXIS AUS DEM PROBLEM HERAUS. Nat√ľrlich hatte auch Cou√© „eine Therorie“. Sie war die einfache, leicht praktisch nachvollziehbare Beschreibung seiner praktischen Erfolge, mit der die Betroffenen in aller Welt (auch ohne ihn) √§hnliche Ergebnisse reprodizieren konnten.
            Während die Wissenschaften stets Freuds Theorien (ohne dazugehörige praktische Lösungen) eifrig propagiert haben, haben sie ebenso eifrig Coués praktische Ergebnisse inclusive seiner einfachen Theorie TABUISIERT und ganz und gar nicht wissenschaftlich behandelt.
            Letzten Endes wählt sich also jeder seine WIRKlichkeit und lebt damit.
            Ich gr√ľ√üe Freundlich.
            Franz Josef Neffe

          • Die Imperative erscheinen mir immer noch machtvolle Gesten zu sein. Die Frage ist die demokratischere Option. Sie werden dies aus ihrer Praxis als Sonderschullehrer und P√§dagoge kennen, denn die Frage nimmt immer schon Bezug auf das K√∂nnen, das vorhanden ist. Vielleicht sollte ihr Vertrauen, das sie in Sch√ľler investieren (und das ich in meiner Praxis auch stetig anwende) auch auf Gesellschaften erweitern?

            Zu ihrem wissenschaftlstheoretischen Diskurs muss ich einwenden, dass Freud heute in der Forschung kaum mehr eine Rolle spielt. Es gibt derweil noch einige Therapeuten, die seine Theorien vorsichtig anwenden (es gibt auch einige, die seine Theorien √ľberh√∂hen). Dar√ľberhinaus war Freuds Theorie niemals mit einer Koordinate wie etwa Newtons oder Einsteins Theorie zu verwechseln. Eher war Freuds Theorie ein offenes Gebilde, das eher offene Diskurse als sture Kalkulation erm√∂glichte (die Betonung liegt auf „eher“, denn Verkrustung gibt es √ľberall). Ich muss allerdings sagen, dass ich keine Theorie favourisiere, sondern immer und best√§ndig nach Beweisen frage. Wir m√ľssten also kl√§ren, was ein Beweis ist.

            Vielleicht stimmen Sie mir zu, dass das Einfache nicht das Wahre ist. Derweil kann es F√§lle geben, in denen das Einfache das Wahre ist, ebenso aber auch F√§lle, wo der Schein des Einfachen uns zu falschen Schlussfolgerungen verleitet. Die Forderung nach Einfachheit ist ein Machtinstrument, um eben gerade die Wissenschaft daran zu hindern, ihren Fortgang zu nehmen. Lassen Sie mich allerdings auch etwas zur Wissenschaft sagen: Die Wissenschaft ist keine ideale und vor allem keine heile Welt. Es geht oftmals um Forschungsgelder, Professuren und um Reputation, wodurch es einige Theorien, die nicht den Anschein von Finanzierbarkeit unter den Tisch fallen. Ich bin daher stets daf√ľr auch die Wissenschaftskritikmit aller n√∂tigen Feinheit voranzutreiben. Lassen Sie es mich so formulieren (wie im Philosophischen) bin ich stets offen f√ľr Probleme, da Wissenschaften noch keine L√∂sungen haben oder wo diese Wissenschaften nur schlechte Ans√§tze liefern. Gleichwohl aber warne ich zu gro√üe Schritte zu machen, denn die Fallstricke k√∂nnen gr√∂√üer sein, als was wir jetzt haben.

            Ich erwarte nicht, dass ich sie hier f√ľr eine bessere Wissenschaftlichkeit zur√ľckgewinnen kann. Aber verstehen Sie, dass sie bei einigen gewinnen k√∂nnen, wenn sie zu ihren Argumentationsstrategien noch weitere Beweise hinzuf√ľgen. Dies hei√üt nicht, dass sie dadurch erfolgreich sind.

            Und eine Frage noch: W√§ren Sie vielleicht sogar bereit sich zu widerlegen? Oder kann ihr Grund nur so sicher sein, dass kein anderer mit seiner Be-Gr√ľnd-ung daneben Platz h√§tte?

          • Pedro sagt:

            In meinem unten nachfolgenden Gedicht blieb und bleibt auch vorrausichtlich in Deutschland leider alles beim ‚ÄěAlten?!‚Äú

            Deshalb bin ich ausgewandert und werde seither im fremden Land als normaler Mensch respektiert von der stark multikulturellen Gesellschaft.

            >>>>>>>>> Biografie in Gedichtform gefasst von

            Ich bin nicht Deutschland

            Ein Junge war ich, noch ziemlich klein,
            Fuhr mit meinem Roller geschwind,
            In die Mitte des Dorfes rein.
            Freute mich, war fast schnell wie der Wind,
            Plötzlich lenkte sich die Stange kurz,
            Zwei Frauen standen dort beim Tratsch,
            Ich fiel neben sie im Sturz!
            Statt Hilfe traf mich mitten ins Herz,
            Unmenschlicher Dorfklatsch,
            Ohnm√§chtig f√ľhlte ich seelischen Schmerz!
            Weil die eine ich hörte fragen,
            Ist das nicht aus der Wilhelmstraße der Depp?
            Darauf die andere erwidernd sagen,
            Oh nein, er gilt sogar als ziemlich schlau!
            Doch, das ist von Meiers der blöde Sepp,
            Blieb standhafter Meinung die böse Frau!

            …….. Ich bin nicht Deutschland

            Fr√ľhjahr f√ľnfundsechzig war Ende der Schulzeit.
            F√ľr Gesunde bl√ľhte das Wirtschaftswunder.
            Wie alle, hatte ich den selben Traum,
            Wusste noch nicht, f√ľr mich unerreichbar weit.
            Denn man ließ mich nicht auch sein,
            Deutschlands Wunder der Baum,
            Musste kämpfen allein,
            Nebenbei mein verhasstes Handicap schleppen.
            Bemerkte Personalchefs kopfsch√ľttelnd sagen,
            Den lassen wir nicht rein,
            Den behinderten Deppen!
            …….. Ich bin nicht Deutschland

            Stattdessen wurde ich gnadenlos verwaltet,
            Gedrängt an den gesellschaftlichen Rand,
            Im Sinne brauner Vergangenheit heuchlerisch veraltet,
            Niemand reichte mir die Hand!
            Nur ne kleine Beschäftigung brauchte ich,
            So wie jeder Teeny auch,
            Allein gelassen und im Stich,
            Fiel ich durch den Ellenbogen-Brauch.
            Als Leben ohne Wert verdammt,
            Kam ich zur Berufs-Rehabilitation,
            Durch’s andauernd ratlose Arbeitsamt,
            Noch besch…….. wurde meine Situation!

            …….. Ich bin nicht Deutschland

            Mit guten Noten wurde ich Geselle,
            Trotzdem vermittelt zum Lohnbetr√ľger.
            Der setzte mir eine Sekretärin zur Stelle.
            Er ahnte nicht, dass ich bin kl√ľger
            Und fand heraus, sie hat mehr Lohn,
            Als ich Ihr gelernter Vorgesetzter.
            Gegen√ľber erkl√§rte er mir voller Hohn,
            Mit Ihnen kann ich’s sehr wohl machen!
            Behindert finden Sie keinen Job,
            Tat mit Gesichts verzerrter Fratze lachen,
            Knallte es an meinen Kopf verroht und grob!

            ……. Ich bin nicht Deutschland

            Eines Tages hatte ich genug,
            Von vieler Arbeit und Lohnbetrug.
            Konsequent hab ich den Lump verlassen.
            Wutentbrannt schrie er hinterher,
            Daf√ľr werde ich Sie f√ľr immer hassen.
            Erfolgreich war ich fortan mein eigener Chef,
            F√ľhrte eine Firma stark im Export.
            Viele Neider wollten nehmen meine Fr√ľchte wieder fort,
            Verloren ihr deutsches Herrengesicht,
            Weil ein Kr√ľppel konnte, was sie aber nicht.
            Ich malochte, machte Knete und kaufte ein Haus,
            Mein Verwandtenpack setzte sich rein wie Maden im Speck,
            Sie warfen mich aus meinem Eigentum in den Dreck.
            Körperlich kam ich Ihnen nicht bei.
            Ihre Chancen stehen schlecht,
            Nach merkw√ľrdig deutschem Recht,
            So lapidar die Polizei!
            Wir versteh’n Ihre Not,
            Können leider erst kommen, wenn Sie sind tot.

            …….. Ich bin nicht Deutschland

            Die Statistik zeigt es haargenau,
            Ausgeglichen ob Mann oder Frau,
            Dass jeder zweite Deutsche stur,
            Sich wohl vorstellen kann,
            Lieber mit einem Kriminellen nur,
            Als mit einem behinderten Mann,
            Gemeinsam leben im selben Haus.
            Sechsundf√ľnfzig Prozent hingegen sagen,
            Jagt endlich diesen Deppen raus,
            Da n√ľtzt kein Bitten und kein Klagen.

            …….. Ich bin nicht Deutschland

            Da gibt es dieses, unser Land,
            Der Rest der Welt ist hoch empört,
            Wo reisende Behinderte durch deren Anblick wie bekannt,
            Haben Vertretern der ‚ÄěHerrenrasse‚Äú Urlaubsfreuden gest√∂rt.
            Zu Hause ging’s dann munter weiter,
            Den Schaden der angeblich erlitten,
            Beauftragt wurden Paragraphenreiter,
            Und erfolgreiche Entschädigung erstritten.

            …….. Ich bin nicht Deutschland

            Das Antidiskriminierungsgesetz wäre ein wahrer Segen!
            Benachteiligte k√§men auch zu Menschenw√ľrde.
            Verantwortliche sich dagegen regen,
            Lasst sie weiter buckeln ihre schwere B√ľrde.
            Zu viel spukt noch rechter brauner Geist,
            Trotz fest verankerter Demokratie
            Oder wie das sonst heißt,
            Kommt auf gar keine Sympathie.
            Ja es ist f√ľrwahr zum kotzen,
            Wenn am heißen fremden Strand,
            Hässlich Fette grinsend glotzen,
            Die Sprache klingt aus deutschem Land.

            …….. Ich bin nicht Deutschland

            Danach lasst uns alle Streben,
            Ganz im Sinn vom großen Fritz,
            Lass jeden, auch den andern leben,
            Erleuchte neu, deutscher Geistesblitz.
            Werde wieder ein Volk der Dichter und der Denker,
            Hilf den Schwachen, Kranken und Armen,
            Sch√ľttle ab das Image der Richter und der Henker,
            Erwarte nicht immer nur f√ľr dich allein Erbarmen,
            Wenn Dich ereilt ein kleines Missgeschick.
            Reich und respektiert bist Du, wenn Du gesund,
            Dazu brutal und skrupellos, in unserm Staat das gr√∂√üte Gl√ľck,
            Darum darfst Du nie vergessen,
            Der Ausgegrenzte ist der wirklich arme Hund.

            …….. Dann bin ich Deutschland!

            Von: © Frapenero 2006 <<<<<<<<<<<

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