Wie sich in der Behinderung die Seinsphilosophie entfaltet

Discapacidad / Physical Disability

Ich bin dafĂŒr den Begriff "Mensch" durch den Begriff "Behinderter" zu ersetzen

Die durchschnittliche KörpernormalitĂ€t ist eine gesellschaftlich-biologisch etablierte. Allein durch seine Abweichung stellt der Behinderte diese KörpernormalitĂ€t jedoch philosophisch in Frage. Erst diese Differenz des Behinderten zum Menschen in uns macht uns zum Menschen. So ist letztlich auch der Durchschnittsmensch eine stete Abweichung seines selbst und als Behinderter zu erfassen. Wie ich dieses bereits ausfĂŒhrte sind wir alle behindert, die Frage ist nur in welcher Weise uns dieses bewusst ist und zur Philosophie wird. Daher spreche ich zwar ĂŒber behinderte Menschen, meine aber die viel ursprĂŒnglichere Behinderung Mensch zu sein, die die Philosophie eines Transhumanismus beispielsweise zu ĂŒberspringen versucht.

Aufgrund dieser Philosophie rede ich teilweise fĂ€lschlich teilweise richtigerweise vom Behinderten. Die politisch korrekte Notation liegt mir dabei allerdings wenig am Herzen, da mein eigentliches Herzensziel ohnehin die StĂ€rkung der Freiheit jeder sich entfaltenden Freiheit (und so auch der Tiere) ist. Mir geht es prinzipiell darum: Anstatt die eigens konstruierte und gesellschaftlich-etablierte InadĂ€quatheit zu den Körperwelten anderer zu akzeptieren, die StĂ€rkung der eigenen FĂ€higkeiten in den Blick zu nehmen. Die grundlegende zu stĂ€rkende FĂ€higkeit ist es dabei Mensch zu sein. Sehr wohl betrachte ich die Aufgabe, Mensch zu sein, nicht als natĂŒrlich, sondern als eine Aufgabe, die jeder stetig realisieren muss und soll. Wir wollen menschlich sein und daher gibt es zwar behinderte Menschen. Dieser Ausdruck (behinderte Menschen) lĂ€sst uns aber vergessen, dass wir alle erst und immer wieder unsere Menschlichkeit philosophisch unter Beweis stellen mĂŒssen. Mensch sein ist kein Faktum. Mensch sein heißt die Behinderung einzusehen.

Zu behinderten Menschen

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass wir in einer arbeitsteiligen Gesellschaft alle elitĂ€res Können und Wissen antrainieren können. Ich meine daher, dass die fortwĂ€hrende Integration Behinderter in BilligwerkstĂ€tten Ausbeutung darstellt. Da sich behinderte Menschen im Vergleich zu den „normal“ Behinderten weniger wehren, beuten TrĂ€gervereine, die einst das Beste wollten, diese als billige ArbeitskrĂ€fte aus. BehindertenwerkstĂ€tten sind oftmals die erweiterte Infrastruktur eines bequemen SesselwĂ€rmers, eines Schreibtischpaladins, der Menschen in Schraubensortieranlagen klein hĂ€lt, aber unter dem Deckmantel des guten Willens sie fein sĂ€uberlich nur verwaltet. Was in BehindertenwerkstĂ€tten passiert, ist Ausbeutung. Auch wenn wir damit diesen Menschen kurzfristig Sinn durch die Integration in eine ArbeitsathmosphĂ€re gewĂ€hrleisten, hĂ€lt unsere Gesellschaft behinderte Menschen mit minderwertigen Aufgaben klein. Der Skandal zeigt sich schon allein in dem Gedanken, dass „normale Menschen“ fĂŒr die gleiche Arbeit besser bezahlt werden mĂŒssten. Da aber behinderte Menschen aufgrund ihrer vernachlĂ€ssigten Bildung diese Sachverhalte nicht durchdringen, wehren sie sich auch nicht. Ich frage mich, wie es sein kann, dass wir ein ganzes Herr von behinderten Menschen in einer Anlage zusammenferchen als mĂŒssten wir sie als Ungleiche behandeln, die nur unter Ungleichen gleich sein könnten. Interessant ist zudem, dass wir gerade dort politisch korrekt von behinderten Menschen sprechen, wo wir so doch ihre gesellschaftliche Abgrenzung betreiben.

Indem wir nun aber den Behinderten dort sprachlich-formal zum behinderten Menschen transformieren, verschleiern wir die Möglichkeit zur eigenen Philosophie der Behinderung. Wir sind alle Behinderte und nicht dort ist ein behinderter Mensch und hier ein Mensch.

Der Film „Me Too – Wer will schon normal sein?“

Der Film „Me Too“ (wenn auch kitschig und schlecht arrangiert) zeigt den Lebensweg eines Menschen mit Downsyndrom, der sich nach erfolgreichem Studium in seine „normale“ Mitarbeiterin verliebt.  Weltweit gibt es zwei FĂ€lle von studierten Menschen mit Downsyndrom. Ich habe allerdings auch einen Freund in Hong Kong, der ebenso expressiv Comics malt und studiert hat, bei dem aber aufgrund christlichen Hintergrunds niemals diagnostiziert worden ist, dass er behindert, noch dass er ein Mensch ist. Beachtlich ist jedoch, dass wir mit den Klassifikationen Lebenswege vorzeichnen und einige Chancen im Vagen lassen. Talente sind auch immer Fragen der Übung und Selbststeigerung. DarĂŒber hinaus sollte unser Pluralismus gerade die existentiellen Lebenswege offen halten.

In dem Film also erkĂ€mpft sich der Hauptdarsteller beruflichen Erfolg. Und wird Ă€hnlich wie der Geiger Untan fĂŒr sein Talent dafĂŒr geschĂ€tzt, auf die Stufe der NormalitĂ€t als KuriositĂ€t zu steigen. Doch die Zuneigung der Gesellschaft fehlt ihm. Ihm gegenĂŒber steht eine „normale“ Frau, die zwischen den „intakten“ MĂ€nnern (wobei ich womöglich mĂ€nnliche Menschen sagen mĂŒsste) herumeifert, aber sich doch in ihrer seelischen Verlassenheit in die OberflĂ€chlichkeit ihrer NormalitĂ€t hĂŒllt.  Sie mag Chancen in ihrem Leben nicht genutzt haben. Diese Scham aber empfindet sie gegenĂŒber dem behinderten Hautdarsteller und Menschen nicht. Keine Scham, was politisch korrekt ist, denn mittlerweile sind wir so in die IndividualitĂ€t involviert und gerechtfertigt, dass wir uns SchuldgefĂŒhle prinzipiell nicht einreden lassen. So reagiert auch der Kollege vom behinderten Menschen (politisch wohl korrekt formuliert):

Kollege: „Wenn du auf normale Frauen stehst, wird das nie was werden.“

Behinderter Mensch (politisch korrekt formuliert):  „Du hast eine Frau und erwartest ein Baby“

Kollege: „Ich lass mir von dir keine SchuldgefĂŒhle machen.“

Mit der Fokussierung auf das politisch Korrekte sind wir allerdings dialektisch von dem ursprĂŒnglichsten VerstĂ€ndnis der Behinderung entfernt und damit sehen wir auch nicht die SchuldgefĂŒhle, die wir prinzipiell alle als Behinderte haben mĂŒssen: Wir haben diese Schnittstelle in der Zeit als Menschen besetzt, die auch ein anderer hĂ€tte ausfĂŒllen können. Wir stehen hier und drĂ€ngen die Pflicht nach Vergebung fort. Menschen sind schuld allein dafĂŒr, dass sie sind. Wenn sie sich als Menschen erkennen und dies sage ich ohne christliche Konfession, so fĂŒhrt an der Schuld kein Weg vorbei. Der Philosoph Alfred Eisleben formulierte es besser:

„Wie ein Blitz in uns gefahren, sind wir hier, umhĂŒllt von Fleisch, hinausblickend in die Welt. Wir kamen vom Nichts, allein, die Weltspende, das fremde Herz in uns, um dann in die leere Hand, in das Nichts zurĂŒckzufallen. Was sind wir mehr als durch Schuld und Unschuld zugleich?„ (Alfred Eisleben „Sinn und Sinnhaftigkeit“ HansaVerlag 1963:25)

Der ein oder andere mag die philosophische Dialektik verkennen, die uns als Behinderte durchdringt. Wir sind ein Pendel, dass von der Befreiung immer wieder in den Körper zurĂŒckfĂ€llt und sich selbst hassen und lieben muss, sich schuldig und unschuldig zu gleich fĂŒhlt und so auch Mensch und Nicht-Mensch, er selbst und nicht er selbst ist und sein kann.

Warum nun ist die Hauptfigur im Film „Me too“ „intelligenter“ (was immer das auch heißen soll) als andere Behinderte, weil – so bekundet der Film – seine Mutter viel mit ihm gesprochen habe. Sie habe sich mit ihm und Politik auseinandergesetzt. An dieser Stelle ist klar (wenn auch nicht empirisch durchforscht), Gesellschaften haben in der Bildung ihr Steigerungspotential. Gerade bei behinderten Menschen sollte dieser Gedanke an den Menschen als ĂŒberhaupt Behinderter deutlich werden.  FĂŒr Behidnerte kann daher gelten, gleich, ob sie sich auf das Plateau der NormalititĂ€t gekĂ€mpft haben oder selbst ĂŒberhaupt von einer Selbststeigerungsphilosophie erfasst sind, sie sind doch sogleich von der Möglichkeit des Werdens erfĂŒllt. Dieses zeichnet den „behinderten Menschen“ (ich hoffe der Leser versteht die Ironie meiner Formulierungen) im Film wie auch jeden anderen Behinderten ĂŒberhaupt aus. Im Film ist klar: Warum sollte der Hauptdarsteller also mit anderen Menschen, die diese KĂ€mpfe nicht gefĂŒhrt haben, eine Beziehung pflegen? Die berechtigte Frage, warum also eine „normale“ Frau einen Behinderten lieben sollte, wĂ€hrend der „Behinderte“ nur bereit ist „normale“ Frauen zu lieben, beantwortet sich leicht: Er weiß um den doch hohen Wert der NormalitĂ€t. Es geht dabei nicht um die Äußerlichkeit der NormalitĂ€t einer Frau, sondern um den Wert der Lebensperspektive, die er fĂŒr sich gewonnen hat. Mit dieser Lebensperspektive hebt er sich ĂŒber sich hinaus, um zugleich doch seine Behinderung einzusehen. Behinderte Menschen, die wir daher zwingen, um NormalitĂ€t zu kĂ€mpfen, sind daher immer schon die Starken, denn wir mĂŒssten eigentlich ebenso unsere Behinderung einsehen. Weil wir aber neben uns die Menschen mit Behinderung anerkennen, erkennen wir nicht unsere ursprĂŒngliche Gleichheit als Behinderte.

Nun mag es den ein oder anderen geben, der mit dem Schuldbegriff und dem Begriff der Behinderung ĂŒberfordert ist, aber ich meine einen befreienden Schuldbegriff fĂŒr das Sein, der auf die Anerkennung der eigenen Behinderung zielt. Wer sich in diese dialektische und fortgehende dialektische Philosophie nicht einlassen kann, der wird mir religiösen Eifer unterstellen, dass Diskriminierung mein Anliegen ist. Wir diskriminieren jedoch mit jedem Wort, da das Allgemeine das Besondere immer auseinanderzerrt. Wir dĂŒrfen uns nicht auf unsere zu letzt gesprochenen Wort verlassen, sondern mĂŒssen erkennen, dass die Worte den Diskurs weiterfĂŒhren, andernfalls verinseln wir uns in unseren Vormeinungen. Es gilt gleichsam als Ziel einer Selbststeigerungsphilosophie jeden Tag seine Vormeinungen fallen zu lassen. Selbst die Meinungen von uns selbst gilt es dabei zu ĂŒberwinden und uns in das zu fĂŒhren, was wir nun noch nicht können. Vielleicht gelingt es irgendwann die Behinderung dabei zurĂŒckzulassen? Hier aber beginnt die Philosophie des Transhumanismus zu denken.

Anmerkung

Eine notwendige Anmerkung verbleibt noch ĂŒber die Gesellschaften und die Behinderungen zu sagen. Erschrocken bin ich ĂŒber das doch immer noch rĂŒde Russland, welches starke MĂ€nner braucht und keine SchwĂ€chen kennt: In Wikipedia lĂ€sst sich daher folgendes lesen:

In Russland wird auch heute noch den Eltern nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung, so auch im Falle eines Down-Syndroms, geraten, den SĂ€ugling in ein Heim zu geben. Durch unzureichende personelle und materielle Ausstattung, MangelernĂ€hrung, unhygienische ZustĂ€nde, wenig Bewegungsfreiheit und so gut wie keine pĂ€dagogische Zuwendung, Förderung und Therapie lernen die wenigsten Kinder mit Down-Syndrom das Laufen und Sprechen. Die meisten versterben im Kindesalter, da sie medizinisch kaum bzw. nur ungenĂŒgend behandelt werden. Eine Schulbildung ist wenn ĂŒberhaupt nur fĂŒr leicht beeintrĂ€chtigte Kinder und Jugendliche vorgesehen und Arbeitsmöglichkeiten fĂŒr erwachsene Menschen mit Behinderung nur sporadisch vorhanden. (Wikipedia-Artikel)

Peinlich, liebe Russen!

Ich werde mich noch weiter, von nun an immer Freitags mit dem Thema Behinderung und Selbststeigerung befassen. Da ich momentan in viele andere Projekte involviert bin, ist dies nicht anders möglich. Den Beitrag bitte liken oder weitertwittern. Vielen Dank.

Hier gibt es noch einen weiteren BuchLink, worin sich dem Problem, der physischen AbhÀnigkeit von unserem Körper angenommen wird. Ansonsten bis demnÀchst. Norman Schultz.

 

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