Anschlag auf Berlin am Sonntag – Verschwörungstheorien auf dem Prüfstand – Teil 4

Licorne
Die Frage nach einem atomaren Terroranschlag Foto: Pierre J.

Nun habe ich mich ja in meinen letzten Beiträgen aus logischer Sicht mit den Argumentationslinien von Conrebbi auseinandergesetzt. Dieser behauptete ja, Obama hätte eine Gesichtstransplantation hinter sich und wir würden die Zeichen nicht richtig deuten, da wir wie die Römer einst sich nicht vorstellen konnten, dass Archimedes Sonnenreflexionswaffen gegen ihre Schiffe aufbringen würden, wir uns heute nicht vorstellen können, dass es Weltverschwörer gibt. Heute geht es, um Conrebbis Einwürfe zu den angeblichen Atombombenanschlägen auf das Fußballweltmeisterschaftseröffnungsspiel morgen in Berlin. Wir wollen heute nicht die gesamte Argumentation von Conrebbi auseinandernehmen, sondern nur auflisten und kurz kommentieren. Zu lernen gibt es dabei nicht mehr viel. 

Conrebbi zu den angeblichen Anschlägen auf die Fußballweltmeisterschaft
Zunächst das Video und dann mein ausführlicher Kommentar:


  • Conrebbi: Die Daten des Anschlags in London (7.7. 05) und dem atomaren Unfall in Fukushima (11.3.11) seien verdächtig. Mein Komemntar: Bei einer großen Menge an historischen Ereignissen und der Flexibilität der Zahlendreherei gibt es notwendig Ereignisse, die auf den Zahlenlinien stattfinden. Ein Beweis wäre nur, wenn jemand mittels dieser Zahlenmystik präzise Voraussagen machen könnte und das in mehr als nur einem Fall (am besten wären 1024). Rückwirkende Erklärungen sind keine Wissenschaft.

  • Conrebbi: Merkel hab
    football
    Spekluationen über Anschläge auf die Fussbal-WM Foto von 

    e am 33. (eine von den Millionen verdächtigen Zahlen) Kirchentag in Bezug auf Globalisierung gesagt, dass man nicht immer Demokratie haben könne. Mein Kommentar: Die Zahlen vermehren sich bei Conrebbi ja beinah wilkürlich, somit sind dann nicht mehr nur die Ereignisse 1932, sondern auch 1933, sowie 1939 für ihn relevant (wie ich in einem vorherigen Postzu seiner Kabbalistik Theorie und den Illuminati schon dargestellt habe). Mit der willkürlichen Zitation, dass Merkel so etwas gesagt habe, ist es problematisch, da ich nun die Nadel im Heuhaufen suchen muss. Ein Wissenschaftler könnte sich nicht leisten, zu behaupten Kant hätte einen bestimmten kontroversen Satz gesagt, ohne die Stelle anzugeben. Er ist nämlich dazu verpflichtet, den anderen den Rechercheaufwand zu ersparen. Zudem könnte durch eine Nichtangabe Verschleierung unterstellt werden. Ich habe übrigens auch ein Zitat, das schön aus dem Zusammenhang gerissen ist:

  • Conrebbi: Aus diesem Grund habe Merkel auch die Freiheitsmedaille der U.S.A. bekommen und habe dann jenen ominösen Satz gesagt: „Wenn das Brandenburger Tor noch steht“. Mein Kommentar: Die Aussage von Merkel verstehe ich allerdings auch nicht. Nur was dürfen wir jetzt daraus schlussfolgern? Nicht viel, denn es ist nur ein Konjunktiv und vielleicht ein diplomatischer Witz. Also spekulieren wir besser nicht und warten auf Beweise.
  • Da Conrebbi selbst erkennen muss, dass er keine harten Beweise hat, muss er auf irgendwelche Nasa-Warnungen zurückgreifen. Die Nasa  habe demnach eine Terrorwarnung am 10.06.11 herausgegeben. Formulierungen der Nasas wie, dass man sich auch zuständig für die Menschen im Orbit fühle, und dass etwas in der Größenordnung vom 11.09 passieren werde, geben Conrebbi naturgemäß Grundlagen für seine Spekulation. Mein Kommntar: Dazu kann ich nicht viel sagen, denn wir haben es hier nicht mit einem Argument zu tun, sondern nur noch mit Kaffeesatzleserei von irgendwelchen Aussagen, die schlecht zitiert sind. Wir können immer irgendetwas aus der Erinnerung hervorziehen, aber wir müssen es auch wirklich deutlich machen. Mir fällt zum Beispiel dabei ein, dass ich den Chef der Nasa sogar kenne (irgendwie bin ich darauf ein wenig Stolz). Dieser ging nämlich regelmäßig in eine Kirche in der Nähe Washington, wo ich mit ihm oft einen Plausch während meiner Zeit in Washington hatte. Natürlich kann ich seine Fassade von diesen Treffen nicht durchblicken, aber er hat sich sehr eingesetzt für seine Kirche. Was kann ich daraus schlussfolgern? Nicht viel. Aber ich bin mir sicher, ich würde ein paar dubiose Sätze schon finden, da er naturgemäß viel über die Marsroboter gesprochen hat und das in Verbindung mit der Schöpfung Gottes gebracht hat. Wahrscheinlich bestätigt aber, dass ich diesen Herren dunkel kenne, Conrebbis Verschwörungstheorie, da ich mit den Verschwörern unter einer Decke stecke. Schließlich bin ich ja mit ihm per Du. Aber wie ihr wisst ist das in Amerika nichts Ungewöhnliches ;)

Konkrete Anschlagspläne in Deutschland
In einem Punkt aber hat Conrebbi recht, nämlich dass in Deutschland konkret offizielle Terrorwarnungen herausgegeben werden. Aus diesem Grund ist es auch nicht abwegig über Anschläge nachzudenken, allerdings muss dies in einer vernünftigen Art und Weise geschehen. Alles andere kostet nur Zeit und bringt niemanden weiter. Ich analysiere Conrebbis Videos nur, weil ich hoffe, dass einige Prinzipien des Denkens deutlich werden. Ich habe die Hoffnung, dass einige meine Argumentationen nachvollziehen können und in Zukunft ähnliche Denkmuster anwenden, wenn sie versuchen Sachverhalte zu beurteilen. Dieses verstehe ich frei nach Habermas: Der Mensch kann nicht nicht lernen.

Conrebbi verlangt vom BKA-Chef nun mal „Butter bei die Fische -was passieren soll, wenn er das so genau weiß“. „“Wen wundert’s“ fügt er hinzu, wenn Spekulationen ins Kraut schießen. Hier muss aber gesagt werden, dass der Warnende nicht verantwortlich ist für debile Spekulationen gemacht werden kann, dafür sind die Verrückten schön selbst verantwortlich. Dass der BKA-Chef laufende Ermittlungen nicht durch konkrete Informationen stören will, ist ohnehin klar. Darüberhinaus hatten wir schon genügend Terrorversuche in Deutschland, womöglich aber ist das für Conrebbi auch nur Verschwörungspropaganda.


Weitere Argumentationsbruchstücke von Conrebbi

  • Conrebbi: Kabbalistik sei für die Illuminati Gottes Plan und stelle nicht ein Muster beliebiger Zahlen dar, die „man sich mal zusammenschustern kann“. Mein Kommentar: Zu der Schwierigkeit anhand von Zahlen Pläne nachzuvollziehen, hatte ich im letzten Post geschrieben. Und ja ich glaube, dass wir uns Zahlen zusammenschustern können. Darauf fiel aber sogar Phytagoras rein als er behauptete, alles sei Zahl. Heute sind Mathematiker mit solchen Aussagen vorsichtiger. Philosophen wie Descartes schon haben nämlich festgestellt, dass Zahlen nicht etwas Reales abbilden, sondern genutzt werden um Verhältnisse anzugeben. Daraus entstand dann ja die Descartesische Lehre der Mathematik, die uns heut so wunderbare Gleichungssysteme schenkt wie 12=3x+5y. Nach dieser Gleichung sind die Zahlen nur in Abhängigkeit von einer Realität als Verhältnis zu bestimmen. Demgemäß umgeben wir uns nicht mehr mit einer Zahlenmystik, insofern wir Wissenschaft betreiben, sondern verstehen den konstruktiven Gehalt der Zahlen selbst oder aber zumindest die Schwierigkeit ihre Realität aus einem menschlichen Verstand heraus zu verstehen. Natürlich gibt es immer Wissenschaftler, die glauben, die Realität von Zahlen nachweisen zu können. Ich glaube aber, dass diese mittlerweile in der Minderheit sind. Mathematik ist daher auch keine Naturwissenschaft; sie bedarf nämlich nicht der Natur, um sich selbst betreiben zu können. Mathematik ist eine Geisteswissenschaft und Mathematiker haben es dementsprechend selten mit Gegenständen zu tun. 
  • Mein Kommentar zu Conrebbis Farbenlehre: Spekulationen auf Farbensymbolik sind nun noch verrückter als Zahlenmystik, da die Anzahl der Farben noch geringer ist und wir überall diese Farben finden werden. Dass die Atomrakete im Illuminati-Kartenspiel in Rosa daher kommt, sagt mir daher nichts. Ich vermute damit nicht gleich neben jeder Pink-Rosa-Style-Tante eine Verschwörung wie es vielleicht Conrebbi tun würde.

Zu Conrebbis blauen Weg im Stadion, der auch in Barcelona blau sei und dass dort schließlich ein Terroranschlag stattgefunden habe, möchte ich eigentlich nichts mehr sagen. Auch dass er das Tartan (weil er sich in der Nordseeölförderung auskenne) sofort mit einem Vorfall bei einer Bohrinsel „Tartan“ in Verbindung bringen könne, tut überhaupt nichts zur Sache. Ich frage mich, warum wir in einer Welt leben, da so etwas ernsthaft noch argumentiert werden müsste. Der Argumentationsstrang, da Tartan ein schottisches Muster sei, irgendwo in Schottland das Schwert Claymore in einer Sage vorkomme und beim Rechtsanwalt eine Organisation Gladio (das römische Schwert, eine Geheimarmee die schon Terrorakte gegen Zivilisten durchgeführt hat) ist wohl an Dibilität kaum zu überbieten. Der schlechteste Porno enthält höhere Logik. Hier das Beispiel:

Es nützt auch nichts, wenn Conrebbi sogar zugibt, dass das Spekulation sei, wenn er im Nachgang wiederum feststellt: „Man kann zwar was konstruieren, aber dafür bedarf es auch eines gewissen Wissens.“ Warum spekulieren, wenn man nichts genaues weiß? Was soll bei dieser sinnlosesten Gedankenverkrüppelung noch sinnvolles herauskommen?

 Conrebbis fehlerhafte Argumentation am Beispiel der Farbe Blau als Hinweis auf Ufos

  • Conrebbi bringt die Farbe Blau mit Ufos in Verbindung und ist der Meinung, dass alles was damit zu tun habe, mit Blau gekennzeichnet würde. Mein Kommentar: Das kann natürlich sogar tatsächlich so sein. Das heißt aber nicht, dass wenn ich in irgendeinem Stadion auf der Welt etwas Blaues entdecke oder wenn ich irgendwo überhaupt etwas Blaues sehe, es mit Ufos zu tun hätte. Dieser Fehler wird jedem Logikstudenten bereits im ersten Semester ausgetrieben. Und es ist eigentlich meines Erachtens von sich aus logisch. Aber vielleicht sollte es in der Schule unterrichtet werden, da mir dieser Fehler häufig bei Studenten in meinen Tutorien unterkommt. Schauen wir uns das daher mal an.

Ein logischer Fehlschluss

Die logische Form: „Wenn A, dann B“ bedeutet, dass wenn A eintritt definitiv auch B eintreten muss. Das heißt aber nicht, dass wenn ich B beobachte auch A sein muss. Machen wir mal ein Beispiel draus:

Prämisse 1: Wenn es regnet, dann wird die Straße nass.
Prämisse 2: Die Straße ist nass.
Konklusion: Also?

Wir können nicht sagen, es hätte geregnet, denn die nasse Straße könnte auch von etwas anderem wie einer gebrochenen Wasserleitung verursacht worden sein. Das Argument ist daher nicht deduktiv gültig. Wenn es hingegenregnet und Prämisse 1 wahr ist, nur dann könnten wir schlussfolgern, dass die Straße nass sein muss. Schauen wir uns mal an, was Conrebbi macht:

Prämisse 1: Wenn etwas mit Ufos zu tun hat, dann ist es blau.
Prämisse 2: Ich sehe etwas Blaues
Konklusion: Also hat es mit Ufos zu tun ???

Diese Konklusion, lieber Herr Conrebbi, ist einfach falsch. Es ist auch nicht so, dass wir mit der Farbe Blau einen statistisch signifikanten Hinweis hätten, wenn sie so argumentieren wollten. Denn angesichts der Mengen an Blau, die es gibt, müssten wir verrückt werden, wenn wir jedes mal damit Verschwörungen identifizierten. Aber sie haben Recht (um bei der Logik zu bleiben): Nur weil Sie verrückt sind, heißt das nicht, dass SIE Sie nicht verfolgen. 

  • Conrebbi fügt noch hinzu, dass das auch zufällig sein könnte. Soviel Einsicht hätten wir ihm nicht zugetraut und so viel Einsicht hat er auch nicht, wenn er gleich wieder kontert: „Nur einige Sachen sind nicht zufällig.“ Dankbarer Weise macht er uns dann noch auf einen enormen Denkfehler aufmerksam, den wir angeblich alle begehen würden. Normale Menschen würden nämlich schlussfolgern, dass, was sie sich nicht tun würden, weil es so abstrus wäre, auch andere nicht tun würden, er fügt hinzu: „Und das ist ein fataler Denkfehler“. Mein Kommentar: Ich glaube, wir wissen schon alle sehr gut, zu welcher Bestialität andere Menschen in der Lage sind. Wir aber wollen Logik und Beweise und keine Spekulationen, die nicht mal logisch stimmig sind.

Das WM-Motivationsvideo von Lira Bajramaj

  • Das WM-Motivationsvideo von Lira Bajramaj gibt dann noch weiteren Anlass zu Spekulationen, denn dort gäbe es ein Werbeplakat mit Huxleys „Neue Welt“ im Hintergrund. Und da könne Conrebbi mit Sicherheit sagen, dass das nicht zufällig sei. Wie schwierig es aber ist Zufälligkeit überhaupt auszuschließen, habe ich immer wieder in Blogbeiträgen zum Zufall und Schicksal dargelegt. Nur weil etwas gut auf unsere kausalen Interpretationen passt, heißt das nicht, dass etwas nicht zufällig sei.
  • Im weiteren redet Conrebbi noch von einem Flughafen in Denver, wo irgendwie so etwas wie ein Berliner Fernsehturm in Brand stehen könnte, darauf aber gehe ich jetzt nicht mehr ein. Ich vertraue darauf, dass alle Leser, die bis hierher durchgehalten haben, das Video selbst entlarven konnten

Ein Video zu Lira Bajramajs Werbefilm habe ich auch noch gefunden (das allerdings nicht von Conrebbi ist). Ich hoffe, dass sich auf diesem Blog nun keine Leser mehr befinden, die sich von den Argumenten überzeugen lassen und kritisch prüfen können, ob die Argumentation stimmig ist.

Conrebbi steht unter Druck
Conrebbi steht natürlich nach öffentlicher Kritik deutlich unter Druck, schließlich werde sogar die Kanzlerin im Stadion sitzen (was nicht gerade seine These unterstützt, dass die Kanzlerin damit unter einer Decke stecke). Dass die Verballhornung von irgendwelchen aufgefundenen Informationen zu nichts führt, dürfte ich meinen Beiträgen mehr als deutlich gemacht haben. Prinzipiell möchte ich atomare Anschläge nicht ausschließen, zumal Schäuble als Verteidigungsminister bereits warnte, dass dieses nicht eine Frage sei, ob es passiert, sondern nur noch wann. Die Bedrohung ist real. Mir allerdings geht es um die Form, wie Beweise geführt werden. Hinweise in dieser Art gleichen eher Schamanismus und Wahrsagekunst als tatsächlich in irgendeiner Weise logisch oder gar wissenschaftlich zu sein. Ich gehe davon aus, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass morgen etwas passiert, aber wie die ganzen Ufo-Sekten, so wird dann das Weltuntergangsdatum einfach verschoben. Dieses Weltuntergangsdatum muss dann natürlich wieder so nah wie nötig sein, um genügend Angst zu produzieren, aber auch so fern wie möglich, um die Angst lange Zeit aufrecht zu erhalten. 2025 ist immer so ein Datum bei Conrebbi.

Hier also noch das Video, da Conrebbi selbst in Erklärungsschwierigkeiten kommt. Er verweist im Weiteren nur noch darauf, dass Leute, die ein Buch nicht gelesen hätte, darüber nicht sprechen sollten, dem kann ich nur entgegensetzen, wir müssen nicht allen Schwachsinn der Welt gelesen haben, um diesen abzulehnen, denn dazu würde unsere Zeit mit einer Millionen Leben nicht ausreichen.

Damit belassen wir es zunächst mit Conrebbis Verschwörungskunst und freuen uns morgen auf ein schönes Fussballspiel. Warum sich aber mit Conrebbi auseinandersetzen? Nun ich denke, wir haben viel über Argumentation und Logik gelernt und zum Anderen haben wir eine unterschwellige Bewusstseinsverfassung in unserer Gesellschaft wahrgenommen. Es schadet meines Erachtens nicht, zu wissen, was die Sorgen, Ängste und Nöte von den Internetgemeinschaften sind. Daher wird auch in Zukunft nochmal der ein oder andere Beitrag über Verschwörungstheorien auftauchen. Die Verschwörungsidee macht sich ja immer die Grenzen der Menschheit in falscher Weise bewusst und hier gilt es die Grenzen unseres Verstandes auf die wirklich zu betrachtenswerten Grenzen der Menschheit zu richten. Dieses geschieht durch kritisches Denken. Was das genau ist, werde ich in einem anderen Beitrag klären. Es bedeutet nämlich nicht, alles zu hinterfragen.

Bis dann erstmal Norman und abonniert doch diesen Blog oder liked diesen Artikel.

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Verschwörungstheorien auf dem Prüfstand (Teil 3) – Schwache Argumentationen gegen Kritiker des Verschwörungswahnsinns (Conrebbi)

Könnt ihr euch einen Archimedes der Wetterwaffen vorstellen? (Bild:wikimedia)

Da natürlich viel Kritik mit Conrebbis Argumentationen verbunden ist, muss Conrebbi diese kognitive Dissonanz ausgleichen. Entsprechend hat er ein Video produziert. Sein Argument dabei ist natürlich, dass die anderen sich nicht vorstellen können, was er schon lange kapiert hat. Den Bewusstseinszustand unserer Gegenwart vergleicht er daher mit einer historischen Situation.

So hätte Archimedes als die Römer Syrakus belagerten, deren Schiffe mit riesigen Strahlenwaffen (Hohlspiegeln) bekämpft und deren Schiffe in Brand gesetzt. Danach sei die Hälfte der römischen Flotte zu Bruch gegangen. Da die Römer „wissensmäßig“ (Conrebbis Lieblingsausdruck) sich nicht hätten vorstellen können, dass Archimedes solche Waffen besitzt, hätte selbst eine Warnung nicht dazu geführt, dass sie vom Angriff abgeblasen hätten. Hier begegnen wir bereits dem ersten argumentativen Fehler. Aber bevor wir uns diesen genau anschauen, schaut vielleicht erstmal das Video und überlegt, welche Fehler gemacht werden.

Das Archimedes-Argument

Kommen wir also zunächst zu Conrebbis Vergleichsargument hinsichtlich Archimedes. Das Argument ist wie folgt strukturiert:

Prämisse 1: Die Römer werden vor Strahlenwaffen vor einem geplanten Angriff gewarnt.
Prämisse 2: Die Römer können sich nicht vorstellen, was Strahlenwaffen sein sollen.
Konklusion: Also die Römer greifen Syrakus dennoch an.

Deduktiv ist die Argumentation nicht gültig (den Begriff deduktive Gültigkeit hatte ich bereits in einem anderen Blogbeitrag im Hinblick auf Conrebbis Theorie zur Obamagesichtstransplation geklärt). Das Argument ist nicht deduktiv gültig, denn wenn die Prämissen wahr sind, so muss die Konklusion keineswegs wahr sein. Dies ist zum Beispiel genau dann der Fall, wenn die Römer von einer dubiosen Quelle gewarnt werden (ein antiker Geistesverwandter von Conrebbi zum Beispiel). Sie können sich dann vielleicht auch nicht vorstellen, was Strahlenwaffen sind, allerdings ist das unerheblich. Wenn eine Quelle unzuverlässig ist, höre ich nicht auf diese. Und überlegen wir uns mal die Konsequenz, die Römer hätten bei jeder Warnung den Kopf in den Sand gesteckt. Es gab mit Sicherheit viele Warnungen vor Göttern oder anderen Dingen, die sie sich nicht hätten vorstellen können, dann aber hätten die Römer niemals einen Kampf begonnen. Die Zuverlässigkeit der Quelle muss also gewährleistet sein. Und so ergibt das Argument keinen Sinn mehr:

Prämisse 1: Die Römer werden vor einem Angriff von einer zuverlässigen Quelle vor Strahlenwaffen gewarnt.
Prämisse 2: Die Römer können sich die Strahlenwaffen nicht vorstellen.
Konklusion: Also greifen die Römer dennoch Syrakus an.

Genau jetzt gibt das Argument keinen Sinn mehr. Denn wenn ich gewarnt werde von jemandem der vertrauenswürdig ist (zum Beispiel einem hochrangigen Wissenschaftler), dann ist es unerheblich, ob ich es mir den Grund vorstellen kann oder nicht. So einen Fall haben wir zum Beispiel bei der Kernkraft. Viele von uns verstehen nicht, worin die Gefahren eigentlich genau bestehen (ich auch nicht), aber die Warnungen von zuverlässigen Quellen reichen uns aus. Conrebbis Argument funktioniert also nicht.

Die Parallele zu heutigen Wetterwaffen

Kommen wir zu einem weiteren problematischen Punkt der Argumentation von Conrebbi und wovon wir im Übrigen viel lernen können. Conrebbi stellt nämlich in Bezug auf die gegenwärtige Bedrohung durch eine wirtschaftlich kontrollierte Nutzung des Wetters fest. Er behauptet nun dass viele Menschen, die sich das nicht vorstellen können, in einer ähnlichen Lage wären wie die Römer vor Syrakus. Einerseits sei diese Wettermanipulation nun zwar sehr schwer vorzustellen und nicht in wenigen Worten zu erklären; andererseits sagt Conrebbi aber auch, dass die Prinzipien doch so einfach seien. Der problematische Punkt aber betrifft die Vorstellbarkeit, denn nur weil etwas vorstellbar ist, heißt es nicht, dass es auch wahr ist. Zunächst wollen wir aber erstmal Conrebbis Gedankengang etwas rekonstruieren bevor wir das genau klären.

Nun ist Conrebbi natürlich nach eigener Aussage in der glücklichen Situation, dass ihm Informationen zugeführt werden. So weiß er auch, dass australische Organisation negativ geladene Wolken durch eine Antennenanlage ionisieren und damit ein Abregnen bewirken. Natürlich ist das ganz einfach. Hinzu kommt nun, dass Antennenanlagen zur Wetterbeeinflussung überall auf der Welt herum stehen würden und es sogar Riesenanlagen gäbe, die transportabel sind. Anfang 2011 wurden diese alle dann synchronisiert und hätten ein Potenzial entwickelt, das nicht mehr beschreibbar sei. Wetterberichte verweisen darauf eindeutig, wobei unsere Medien natürlich nicht unabhängig genug sind, um solche Wetterphänomene zu hinterfragen. Stattdessen, so argumentiert Conrebbi, werde uns ein Klimawandel verkauft, der natürlich Non-Sense sei (Mit Klimaskepsis habe ich mich bereits einem anderem Blog zum Klimawandel auseinandergesetzt. Was Conrebbi hier aber entfaltet, hat eine andere Dimension als die Klimaskeptiker, die ich dort thematisiert habe. Er lässt nämlich gemäß der verschwörungstheoretischen Grundposition verlautbaren, dass Lehrer und Wissenschaftler unter einer Decke mit den Verschwörern stecken. Dass hier dann eine so breite Front von Verschwörern am Werke wäre, die die entsprechende Geheimhaltung unpraktikabel machen würden, kommt ihm nicht mal in den Sinn. Aus diesem Grund aber ist mein Argument gegen Conrebbis Klimaskeptizismus auch fruchtlos. Ich argumentiere nämlich in meinem anderen Blog, dass sich nahezu 90% von amerikanischen Klimaforschern einig darüber sind, dass es diesen gibt und dieser durch Menschen verursacht ist. Nun halte ich dafür, dass die Wissenschaft immer noch für die zuverlässigste Quelle ist, insofern wir solcherlei Dinge beurteilen wollen).

Statt aber nun auch noch die Klimawandeldebatte zu führen, richten wir lieber unseren Fokus auf Conrebbis Hauptargumente. Conrebbi setzt nämlich eine abstruse Argumentationsfigur an. Er arumentiert ungefähr so, dass wenn ich mir etwas vorstellen kann, dieses auch der Wahrheit entspräche. Dies ist aber falsch, denn wir können vieles logisch denken, die Frage ist, ob es auch tatsächlich so ist. So könnte ich mir beispielsweise vorstellen, dass ein Bakterium sich so mit einer Ammoniakschutzhülle umgeben könnte, dass es in der Magensäure überleben könnte. Nur weil ich mir das aber vorstellen kann, heißt es noch nicht, dass es dieses gibt. Und selbst wenn es ein solches gibt, hieße das noch nicht, dass es mit Krankheiten wie zum Beispiel Magengeschwüren in Verbindung stehe (zum Helicobacter Pylori hatte ich ja schon im ersten Beitrag zu Conrebbi argumentiert. Natürlich glaube ich daran, dass H-Pylori Magengeschwüre verursacht, allerdings kommt es mir auf den Beweisgang an). Die Beweisführung muss sich hier auf Empirie stützen und die nutzt Conrebbi kaum, sondern stellt wilde Spekulationen in den Raum.

Wir machen das mal am Beispiel von Archimdes deutlich. Dieses Beispiel nämlich, was Conrebbi als real voraussetzt, entspricht womöglich nicht der Realität. Wissenschaftler (die ja bestimmt Verschwörer sind) des MIT (einem der besten Technology-Instutes in der Welt) haben versucht diese Strahlenwaffe des Archimedes nachzubauen, allerdings mit sehr mäßigem Erfolg. Archimides und seine Strahlenwaffe ist daher wohl eher ein Mythos der Antike. Der Witz dabei ist, dass wir es uns beim Hören sehr gut vorstellen können. Wir bauen in Gedanken einen riesigen Hohlspiegel, mit dem wir Schiffe entzünden. Dass das dann aber in der Praxis nicht funktioniert, hängt damit zusammen, dass unser endliches Erkennen immer abstrahiert und damit nicht alle Parameter der Realität entsprechend würdigt, aus diesem Grund muss jede Vorstellung stets auf die Welt zurückbezogen sein. (Ein anderes Beispiel wäre die Idee, dass wir mit Fasten unseren Körper entgiften und entschlacken. Das hört sich plausibel an, aber die Frage ist, ob wir dabei nicht zuviel in den Gegenstand unseres Körpers hineingedacht haben. Wissenschaftliche Lehrmeinung ist mittlerweile, dass eine Entschlackung des Körpers Unsinn ist).

Was heißt das nun für Conrebbis Wetterwaffen? Ich kann mir sehr wohl vorstellen, dass Wettermanipulation möglich ist, aber die Frage ist, welche Grenzen meine Vorstellung hat. Hier nun darauf zu vertrauen, dass allein unsere Vorstellungen Beweis für die Funktionabilität unserer Vorstellungen wären, wäre ein radikaler Fehlschluss, den Wissenschaftler seit der Descartesischen Wende unseres Denkens nicht mehr machen. Erst als man in der Neuzeit begann riesige Hochöfen zu bauen, die ein mal mehr oder weniger gewünschtes Produkte hervorbrachten, begann man über die subjektiven Bedingungen des Denkens nachzudenken. In Zusammenarbeit mit der aufkommenden Chemie entwickelten Philosophen die wissenschaftlichen Standards, die die Entdeckung des Neuen zuverlässig begründen. Dieses Denken ist ja vor allem dann problematisch, wenn wir das Geschehen, was wir vorhersagen wollen nicht mehr beobachten können. Der Laborwissenschaftler war damit geboren, der in empirischen Versuchen alle Versuche genau dokumentiere und mit statistischen Methoden der Wahrheit auf die Spur kam. So muss jede Theorie heute empirisch überprüft werden, andernfalls gibt es auch keinen Nobelpreis, wie wir beispielsweise von Higgs wissen (Insofern dieses Higgs-Teilchen tatsächlich empirisch nachgewiesen würde, so würde Higgs sofort den Nobelpreis bekommen).

Konsequenzen für unser Denken
Der Grundfehler im Denken vieler liegt also darin: Etwas hört sich plausibel an, also muss es so sein. Und das ist falsch. Deswegen denkt daran, ihr müsst auch daran arbeiten jeden noch so plausiblen Gedanken, den ihr habt, empirisch zu überprüfen. Dies ist gerade die Schwierigkeit und der Garant für Weiterentwicklung sowie die Vorteile, die ihr im Wettbewerb erlangen könnt. Es würden sich also Fragen stellen wie: Inwiefern kann ich mein theoretisches Konstrukt empirisch bestätigen? Diese Frage hat auch nochmal einige Hürden in sich, ist aber tatsächlich ein Schlüssel von leistungsfähigen Unternehmen. Visionen und Ideen sind die Grundlage, das ist klar, aber einige Ideen und Visionen sind falsch. Wie könnt ihr also die richtigen von den falschen Visionen und Ideen unterscheiden? Ich kann so viel sagen, dass ein Verstand dazu nicht immer ausreicht, da dieser die Bedingungen der Welt nicht alle in sich erschöpfend darstellen kann, sondern von den Bedingungen der Welt, von der Reichhaltigkeit dieser abhängt, auch wenn er zugleich die Grundbedingungen ihres Erscheinens enthält.

Conrebbis weitere Schlussfolgerungen zu korrupten Regierungen
Da Conrebbi von der Simplizität der Wetterbeeinflussung überzeugt ist, so stellt er nun natürlich die Frage, warum die Regenfälle in Thailand und Australien nicht verhindert worden sind. Vorausgesetzt natürlich, dass seine Prämisse, dass so etwas möglich ist, wahr ist, würde es sich natürlich um einen Skandal handeln. Aber ist das theoretische Konzept wahr? Hierbei handelt es sich daher um einen Grundfehler in der Schlüssigkeit (und nicht in der Gültigkeit):

Prämisse 1: Wettermanipulation ist Regierungen möglich.
Prämisse 2: Es gibt große Überschwemmungen in Bevölkerungsregionen.
Konklusion: Die Regierungen wollen diese Überschwemmungen.

Das Argument ist gültig, aber keineswegs schlüssig. Es setzt nämlich voraus, dass Wettermanipulation im großen Stil tatsächlich möglich ist. Vorstellbar wäre es, aber das heißt noch nichts. Es kommt also auf die Vertrauenswürdigkeit der Quelle an, die die Warnung ausspricht und da Herr Conrebbi schon mehrfach mangelnde Kompetenz bewiesen hat, so möchte ich ihm einfach nicht mehr vertrauen, so wie ich es anfangs aufgrund des wissenschaftlichen Anstrichs, den er sich selbst gab, getan habe.

Lieber Herr Conrebbi, ich kann mir sehr wohl Wetterwaffen vorstellen, aber nur weil ich mir etwas vorstellen kann, heißt das noch nicht, dass diese Vorstellung auch wahr ist. Daher leide ich wohl nicht an geistiger Verstocktheit, wie sie ihren Kritikern vorwerfen, sondern Sie kennen eher nicht die Grundbedingungen unseres Denkens und leben noch in der Zeit eines Archimedes als das Denken noch als Wahrheit galt, da die Welt ja offenbar ist. Um es mal an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen: Ich kann mir auch vorstellen, wie Leben auf dem Mars möglich wäre, das heißt aber nicht, dass es dieses dort gibt. Und nur weil Sie sich die Existenz einer Weltverschwörung vorstellen, glaube ich nicht daran. Mehr Beweise bitte!

Ich würde es begrüßen, wenn Conrebbi in seiner zur Verfügung stehenden Zeit, Informationen kritisch wertet und klar abgrenzt, welche Quellen vertrauenswürdig sind und welche nicht. Solcherlei Recherche leistet meines Erachtens Noam Chomsky. Die bloße Spekulation eines Conrebbi allerdings bringt niemanden weiter. Da Conrebbi sich aber als Künstler wider die Mächtigen sieht, so denkt er auch, dass es Gründe von Seiten der anonymen Macht sind, die ihn bei Youtube abmahnen, um sein weiteres konfuses Denken zu verhindern:

Ich kenne natürlich die genauen Gründe für die Abmahnung nicht, vermute aber, dass es sich eher um Urheberrechtsverstöße handelt, da Conrebbi immer wieder Bilder verwendet, die nicht von ihm sind. Sein Argument jedenfalls, dass das Video schon 6 Monate Online sei und es erst jetzt auffalle, zieht nicht, denn solche Urheberrechtsverstöße werden häufig mit Verzögerung festgestellt. Conrebbi wird uns erhalten bleiben, da sich viele von seiner Angstmache beeindrucken lassen. Das Einzige, was sich dagegen setzen lässt, ist eine weitere Schärfung des Wissens über Argumentation, denn Conrebbis Argumentationen sind bis jetzt zumeist haltlos.

Im nächsten Beitrag werde ich mich daher Conrebbis Spekulationen zu einem atomaren Anschlag auf die Fussballweltmeisterschaft am Sonntag konzentrieren. Ich nehme das nicht sehr ernst, würde es aber auch nicht ausschließen. Meine Mutter wird bei diesem Spiel sein, deswegen werde ich mir das nochmal genauer anschauen.

Bis später also Norman.

Nachtrag: Offensichtlich ist es doch gelungen archimedische Strahlenwaffen allerdings mit veränderter Technik zu bauen: Den Artikel dazu seht er hier: Archimedes und seine Strahlenwaffen. Das Argument aber, dass wir unsere Vorstellungen durch Experimente überprüfen müssen, bleibt bestehen.

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Die Zahlendreher der Illuminati-Verrückten – Conrebbis konfuse Zahlentheorien (Verschwörungstheorien auf dem Prüfstand – Teil 2)

the cap is missing ! who stole the cap ?
Haben die Illuminati die Herrschaft über Conrebbi übernommen? (Foto: v i p e z)

Dieser Artikel ist sehr lang, deswegen möchte ich in Aussicht stellen, was ihr am Ende gewinnt: Ihr werdet ein klareres Verständnis von Argumentationen haben und davon, was wir zuverlässig annehmen können. Dieses hilft euch in Zukunft auch berufliche oder andere Entscheidungen auf der Basis von Vernunft zu treffen, denn Vernunft ist das einzige Instrument, was wir haben und zuverlässig benutzen können. Ich setze mich in diesem Artikel intensiv mit der Argumentationsstrategie von Conrebbi zur Kabbalistik auseinander und zeige auf, dass diese des Titels Argumentation eigentlich nicht würdig ist.


Conrebbis Theorie
Es ist mir ja fast schon peinlich, mich diesem Thema überhaupt zu zuwenden, aber der wissenschaftliche Anstrich, den sich Conrebbi gerne verleiht, fordert dazu heraus. Diesmal geht es also um das Kartenspiel der selbsterfüllenden Prophezeiung, das zukünftige Katastrophen beschreibt, die von den Illuminati geplant seien. Nun ist es so, dass unser Verstand die Erscheinungen in Raum und Zeit ständig nach kausalen Zusammenhängen durchforscht. Die Kausalität aber legt er in die Erscheinungen hinein und erzeugt damit die Gegenstande unserer Vorstellung selbst. (Kant hatte einige Mühe damit nachzuweisen, dass diese subjektive Tätigkeit der Gegenstandskonstitution durch Kausalität dennoch als objektiv notwendig gelten konnte. Das ist zwar ein anderes Thema, aber ich will nicht sagen, dass jede Form von Kausalitätserzeugung falsch ist. Wir müssen uns dabei aber bewusst machen, dass wir dennoch den Gegenstand in einem endlichen Erkennen erzeugen und gerade bei abstrakten Gegenständen wie Geschichte müssen wir daher sehr vorsichtig mit voreiligen Schlüssen sein.) Worum es hier also geht, ist die haarsträubende Kreativität, die Conrebbi bei der kausalen Interpretation von Erscheinungen an den Tag legt oder besser welch unbegründete Kausalität er in die Welt hineinlegt. Dabei verwendet er kein einziges Mal ein gültiges Argument. Dieses will ich nun aufzeigen. Für euch als Leser kann es von Vorteil zu sein, zu erkennen, was ein Argument ist, um selbst zuverlässigere Vorhersagen machen zu können.

Dabei möchte ich garnicht so sehr in Zweifel ziehen, dass es Verschwörungen einzelner Parteien geben mag, sondern eher aufzeigen, dass die Beweisführung Conrebbis weniger Substanz als ein Loch hat.

Conrebbi beginnt also zunächst mit einer äußerst wirren Einleitung, denn so sagt er, er lege nicht seine Meinung dar, sondern was er zu diesem Thema recherchieren konnte. Das wäre okay, würde er es nicht mit dem Zusatz versehen, dass er seine Gedanken dazu beifüge. Also ist es doch eine Meinung? Gut diese sprachliche Unreinheit mag noch dem Live-Charakter des Videos geschuldet sein. Kommen wir mal zum Thema:

Das Spiel der selbst erfüllenden Prophezeiung (Illuminati)
Conrebbi bekam von einem „Fan“ zwei Fragen gestellt. Erstens, wie Steve Jackson an das Wissen für die Illuminaten-Karten – diese beschreiben nämlich als ein Spiel schon einige Ereignisse, die tatsächlich eingetreten sind – herankommen konnte. Hierauf antwortet Conrebbi in seinem lässigen Norddeutschen Dialekt: „Weil’s geplant war“. Gut die Antwort habe ich auch nicht verstanden (nicht mal ansatzweise). Die zweite Frage, ob die amerikanische Regierung von den Anschlägen gewusst hätte, beantwortet Conrebbi mit einem Verweis, dass es hier nicht mehr um Regierungen ginge, sondern um eine weltweite Verschwörung.

Mein Einwand: Es ist natürlich immer gut, auf eine unsichtbare Kraft zu verweisen, denn so können wir das Diffuse immerhin annähernd bestimmen, denn, so wusste bereits Kant, Objekte lassen sich nur denken, wenn wir Kausalität in Anspruch nehmen. Die Weltgeschichte zum Beispiel, die sich uns zeigt, ist ein diffuses Objekt, da wir nicht alle Fakten zur Verfügung haben und sie rekonstruieren müssen. Wir müssen also gewisse Ereignisse extrahieren und dann diese nach Kausalverbindungen zusammenziehen, um überhaupt etwas wie ein Objekt „Geschichte“ zu erhalten. Aus gleichem Grunde übrigens sprechen Juristen nicht mehr davon, die Wahrheit festzustellen. In der Rechtssprechung geht es nur noch darum, ob Beweise für eine Verurteilung ausreichen. Worum es also bei den Illuminati vorrangig geht, ist diese als kausale Kraft zu nehmen, um dem Gegenstand der Geschichte einen Sinn zu geben. Dieses aber geschieht oftmals nach einem merkwürdigen Schlussverfahren, das keinerlei Validität enthält.

Was sind also die Illuminati?
Conrebbi schickt hier naturgemäß eine andere Erklärungen als ich ins Rennen: Illuminaten seien Extremisten, die den Sinn der biblischen Prophezeiung, das Armageddon, vorweg nehmen wollen. In diesem Sinne haben diese natürlich das bedrohliche Weltbild, dass viele von uns es maximal wert sind, verbrannt zu werden. Conrebbi geht nun im Weiteren davon aus, dass die Illuminati zugleich „diebische Freude“ hätten uns diese Dinge, die sie tun, anzukündigen.

Haben wir bis jetzt ein Argument gehört? Nein, wir müssen äußerst wirren Hintergrundannahmen folgen. Erst im Anschluss folgen Argumente, in denen Conrebbi die erstaunliche Übereinstimmung von Ereignissen mit dem Fahrplan des Zahlensystems der Illuminati hervorhebt. Bevor ich aber das Video komplett nacherzähle, könnt ihr es ja selbst mal anschauen und überlegen, wo die problematischen Fehlschlüsse von Conrebbi versteckt sind (*lach* Das hört sich wie nach einer Rätselseite in der Mickey Mouse an).

Es mute schon komisch an, wie Zahlen hier zusammen passen. So stellt Conrebbie fest, dass annähernd 66 Jahre und 6 Monate nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima wieder ein atomarer Unfall stattfinde. Genau genommen seien es zwar 66 Jahre und sieben Monate, da wir aber nicht wüssten, wie die dubiosen Planer das geplant hätten, kann es sein, dass diese bereits einen Monat zuvor die entscheidenden Schritte initiiert hätten. Anstatt aber dieses wacklige Hilfsargument zu analysieren (denn so können wir ja noch mehr historische Daten als mysteriös klassifizieren), schauen wir uns das Argument mal an:

Prämisse 1: Zwei atomare Vorfälle liegen 66 Jahre und 6 Monate auseinander.
Prämisse 2: Für die Illuminati ist diese Zahl „666“ eine wichtige Zahl.
Konklusion: Also haben die Illuminati die atomaren Ereignisse bewirkt.

Wir können nun das Argument auf Gültigkeit prüfen. Wir erkennen leicht, dass die Konklusion nicht notwendig aus den Prämissen folgt. Wenn nämlich die Prämissen wahr sind, könnten die Illuminati immer noch den Zwischenfall nicht bewirkt haben. Die Konklusion kann also falsch sein, obwohl beide Prämissen wahr sind. Es ist nämlich so, dass die Illuminati zwar Zahlen wählen, aber ob sie nun den 06.06.06 wählen oder nicht oder ähnliche Daten, die diese Zahlen enthalten, ist anscheinend immer ihnen überlassen, andernfalls müsste an jeder Zahlenkonstellation die 23 oder 666 in Abwandlungen enthalte, etwas geschehen. Das Argument ist also schon mal nicht deduktiv gültig (deduktive Gültigkeit hatte ich im ersten Teil hierzu geklärt). Es sei denn wir behaupten, dass an jedem Datum dieser Zahlenkonstellationen etwas passiere.

Was wäre aber eigentlich, wenn die Illuminati ein Datum wählen würden, das nicht diese Zahlen enthält? Damit kommen wir zu einem zweiten Schwachpunkt der Argumentation, nämlich der Schlüssigkeit (auch im letzten Artikel erklärt). Woher weiß Conrebbi, dass Prämisse 2 (Die Zahl 666 ist eine wichtige Zahl für die Illuminati) wahr ist? Wenn er nämlich nur an Beobachtungen, die er auswählt nachweist, dass hier Zusammenhänge bestehen, dann setzt er das Zu-Beweisende bereits voraus und gerät in einen logischen Zirkel. Würde er auf diesem empirischen Wege die Zahlen der Illuminati ermitteln wollen, so müsste er alle Ereignisse nehmen, die die Illuminati bewirkt haben und zeigen, dass diese eine Zahlenordnung aufweisen. Da er aber die Ereignisse der Illuminati an den Zahlen erkennt, kann er dies nicht so durchführen ohne einen logischen Zirkel zu haben. Er wäre also angewiesen auf den Masterkey des Codes. Das heißt, er bräuchte ein Dokument, das nachweislich die Vorgehensweise der Illuminati beschreibt. Nun steht aber nicht mehr die Frage danach, wie die Zahlen zueinander passen, sondern die Frage steht allein nach der Vertrauenswürdigkeit des Dokuments, dass die Illuminati nachweist.

Um das mal zusammenzufassen: Es ist nutzlos derart Kausalität nach Zahlen zwischen Ereignissen zu unterstellen, weil sich der Argumentierende so immer in logische Widersprüche verstricken muss. Die wesentliche Frage ist: Aus welcher Quelle weiß Conrebbi, dass die Illuminati nach diesem Zahlenplan verfahren? Dies wird allenfalls diffus angedeutet, aber niemals überzeugend argumentiert.

Zu der Kabbalistik werde ich am Ende dieses Beitrags noch etwas sagen, möchte aber auch hierzu noch etwas anmerken: Da es in einer großen Zahlenmenge von 2000 Jahren unglaublich viele Zahlen gibt, die sich nach dem Muster 23 und 666 verknüpfen lassen (es werden ja auch gerne noch Quersummen hinzugenommen), werden wir immer wieder fatale Ereignisse finden, die auf diesen Zahlen oder Zahlenspannen liegen. Conrebbis Argumente basieren darauf, dass es kein Zufall sein könne, wie die Zahlen aufeinandertreffen, ein wahrer Wissenschaftler schließt den Zufall aber durch eine klare Statistik aus. Bei dieser klaren Statistik geht es nicht, dass er die Stichproben nach dem Zu-Suchenden bereits vorauswählt. Das wäre einfach nur ein Auswahlfehler. Er muss alle Ereignisse, die relevant sein könnten nach ihrem Zahlenzusammenhang überprüfen. Dies aber ist bei der Anzahl an Ereignissen innerhalb der Geschichte aber unmöglich statistisch zu ermitteln, vermutlich würde kein Zusammenhang herauskommen. Das heißt, wenn es Illuminati gibt, so können wir über eine Kabalistik nichts über sie in Erfahrung bringen.

Für die Argumentation ist daher die ganze Kabbalistik hinfällig. Geschichtszahlen sind kein Beweis für die Illuminati. Diese Zahlen sind aber der einzige Beweis, den Zahlenmystiker bisher angaben. Weil es aber nur eine unterstellte Kausalität ist, nimmt die Kabbalistik einen unrechtmäßigen Beweisplatz in der Argumentation von Verschwörungstheoretikern ein.

Listen wir mal die restlichen Zahlenspielereien und andere Argumente von Conrebbi auf

FIC
So geheim: Sie wissen von sich selbst nichts (Foto:Miso.Susanowa
  • Conrebbi: Die Anschläge in Madrid sind 7 Jahre her. Es käme auf den Tag genau nicht an, denn die Wahrnehmung derer, die ausführen, ist ja entscheidend. Mein Kommentar: Achso! Dann wird’s ja noch schwieriger die Zahlen zuzuordnen. Und warum jetzt auch noch die 7? Reichen die anderen Zahlen etwa nicht mehr?
  • Conrebbi: 1923 kam es zu einem Putsch in einem Keller. Mein Kommentar: Fand da eigentlich nochmehr statt im Jahre 1923? Konklusion: Alles was 1923 stattfand waren die Illuminati.
  • Conrebbi: Diese Verschwörer würden nicht kurzfristig denken, sondern in großen Zusammenhängen. Mein Kommentar: Achja, deswegen ist das nochmal schwieriger für uns, das zu erkennen und deswegen ist meine Vorstellungskraft nicht geeignet, aber die vom Herrn Conrebbi natürlich. Wir wäre es mal mit einem Bisschen Skepsis Herr Conrebbi?
  • Conrebbi: Die Illuminati wurden schon von Goethe als satanisch beschrieben, nämlich als die, die stets umdrehen und verdrehen. Mein Kommentar: Soll das Argument also sein, dass es die Illuminati geben muss, weil der Universaldilletant Goethe auch kein guter Wissenschaftler war? Tut mir leid. Autoritätsargumente ziehen bei mir selten.
  • Conrebbi: 1932 ist „die nächste Schicksalszahl“. Mein Kommentar: Is klar. Machtergreifung Hitlers + 1932 = Illuminati. Fragt sich nur, warum jetzt 1932 als Zahl relevant ist.
  • Conrebbi:: 1939 fand der zweite Weltkrieg statt. Mein Kommentar: 1939 ist natürlich auch eine interessante Zahl, andernfalls würde ja Conrebbi den Weltkrieg nicht deuten können. Übrigens wurde 1939 auch Paul Müller geboren, daher sollten wir ihn verhaften lassen.
  • Conrebbi: Fussball ist böse, denn nach dem Prinzip „Herrsche und teile!“ würde vor allem das Teilen beim Wort genommen. Zwei Mannschaften und die Welt ist geteilt. Im Übrigen haben wir zwar nur 22 Spieler, aber der Schiedsrichter ist ja auch noch da (22+1). Linienrichter zählen nicht mehr, weil sonst haben wir ja nicht mehr die schöne Zahl. Mein Kommentar: Langsam komme ich mir blöd vor, das hier überhaupt noch zu kommentieren
  • 22+1 – Ach das erinnert uns doch an was! Genau an Psalm 22:1 und da steht es ja „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln“ Mein Kommentar: Ähem wenn das jetzt aber kein Beweis ist.
  • Conrebbi: Fussball hetzt Leute gegeneinander auf, damit die Illuminati im stillen Kämmerlein ihr Unwesen treiben könnten. Mein Kommentar: Ich dachte, die wollen das wir das wissen? Was denn nun Herr Conrebbi?
  • Conrebbi: Auf irgendwelchen Steinen steht der Plan in Geheimsprache und natürlich nicht auf Deutsch, damit wir es nicht verstehen. Mein Kommentar: Ahja das zuverlässige Dokument verstehen wir also auch nicht ganz.
  • Conrebbi: Die Herren „Illuminati“ wollen die Erdbevölkerung auf 5 Millionen reduzieren, um sie besser beherrschbar zu machen. Mein Kommentar: 5 Millionen? Damit lässt sich unsere arbeitsteilige Gesellschaft bestimmt nicht mehr betreiben. Ergo: Die Illuminati sind ganz schön doof und werden die Herrschaft ohnehin nicht übernehmen, weil sie so doof sind. Hey, aber denkt dran, wahrscheinlich bin ich auch Illuminati und will euch nur verwirren. Da lach ich mir ins Fäustchen.
  • Conrebbi: Es sei enorm wie die Zahlen immer wieder eine Rolle spielen. So wurde Hitler am selben Tag wie die Queen geboren und die Explosion der Deep Water Horizon war auch am 20.04. Mein Kommentar: Ich habe übrigens mal mein Geburtsdatum genommen 12.01.83. Wenn ich das zusammenrechne 8+3=11 +12 = 23 + 1 mal Januar. Ich habe es gewusst, meine Geburt war von den Illuminati geplant und dass ich die Illuminati jetzt vertusche Teil ihres satanischen Plans. Vielleicht sollte ich mal in der Bibel nachschauen, was mein Name bedeutet: Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln (ähm ja).
  • Conrebbi: Auch für uns Deutsche hat die Schicksalszahl 23 eine Beduetung, Artikel 23 wurde nämlich weggenommen, wodurch die BRD kein Staatsgebiet hat. Mein Kommentar: Jetzt ist aber genug hier.
  • Und last but not least der Knaller von Conrebbi: Das Parfum 4711 verweist auf Japan und die 650 Erdbeben (??? (47+11=58) – keine Ahnung, was der Herr Conrebbi meint). Auf jeden Fall hätte man aus Psalm 11 wissen können: Fliehet wie ein Vogel auf die Berge. Mein Kommentar: ???

Wir müssen zum letzten „Argument“ von Conrebbi mal anfügen, dass eine Theorie immer so valide ist, je nach dem wie genau ihre Vorhersagen sind. Rückwärtig erklären funktioniert immer und dann zu sagen, ich hätte es gewusst, ist peinlich. Das Wort „Vernunft“ kommt von „Die Zukunft vernehmen“. Diese Zukunft aber lässt sich nicht durch billige Zahlentricks und undurchsichtige Dreher herstellen.

Für Conrebbi ist natürlich klar, warum die Illuminati so offensichtlich agieren. Weil sie wissen, wie die Menschen funktionieren, könne man ihnen auch ein Kartenspiel vorlegen und hätte nebenbei noch Spaß. Ich würde eher sagen, da hat ein schlauer Marketingstratege gewusst, wie Menschen wie Conrebbi funktionieren.

Das Boshafte ist eher, dass Menschen sich an solchen Theorien beteiligen und die wahren Missstände und Verschwörungen auf der Welt übersehen. Ich bin der Meinung, es gibt viele Akteure mit unterschiedlichen Zielen und dass es daher keine Dachorganisation der Verschwörer geben kann, allerdings glaube ich, dass es Subversionen im Kleinen gibt: Mafia, korrupte Regierungen, Waffenindustrie, Finanzlobby etc.

Was bezwecke ich also mit diesen Beiträgen? Nun, ich hoffe, die Grenze des Denkens klarer zu ziehen. Ich bezwecke zu zeigen, wann wir in maßlose Spekulationen abdriften und wann unser Verstand uns verwirrt, weil er doch nach Kausalität suchen muss und also schnell glaubt, welche gefunden zu haben. Abschließend möchte ich daher noch ein gutes Video von „Qualia Soup“ anbieten. Qualia Soup macht zwar meines Erachtens auch entscheidende Fehler zur Frage der Metaphysik, zeigt aber dennoch wie unser Verstand durch misconceptions verwirrt wird.Wie wahrscheinlich ist es zum Beispiel, dass in einer Gruppe zwei Menschen am gleichen Tag Geburtstag haben? Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, um das vorweg zu nehmen. Am folgenden Video können Sie daher sehen, wie leicht es ist, solche Zahlenzusammenhänge wie Conrebbi sie formuliert zu unterstellen, ohne aber, dass dies qualitativen Wert hätte. Ihr könnt dabei lernen, wie sinnvolles Denken funktioniert.

„Qualia Soup“ zeigt also, dass gerade Dinge, bei denen wir glauben, dass diese kein Zufall sein können, eben doch ein Zufall vorliegt. Er zeigt, dass wir mit unserem Alltagsverstand eine falsche Vorstellung von Geschichte haben. Daher ist dieses Video wirklich ein hervorragendes Lehrvideo. Ich hoffe dieser Beitrag, hat euch etwas gebracht.

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Eingeborene treffen erstmals einen weißen Mann

Viel lässt sich zu diesem Video eigentlich nicht sagen, außer, dass es unglaublich faszinierend ist und unsere kulturelle Homogenität mittlerweile noch einmal ins Verhältnis setzt zu der Verschiedenheit, die sie mittlerweile zu ihrer Ursprünglichkeit besitzt.

Solcherleich Grenzerfahrungen gibt es heute wohl kaum mehr. Mittlerweile ist die Welt fast überall eine verknüpfte und verbundene. Aus diesem Grund kann ich übrigens immer nicht die Zukunft abwarten. Ich sehe die Menschheitsgeschichte als die größte Geschichte, die ich kenne und ich möchte einfach wissen, wie es weiter geht und ob es ein Happy End gibt ;)

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Wurde Obamas Gehirn ausgetauscht? Conrebbis Theorie von Obamas Gesichtstransplantation – Verschwörungsargumentationen auf dem Prüfstand (Teil 1)

Wurde Obama womöglich ein anderes Gehirn eingepflanzt?

Einst stellte ich ja noch Conrebbis Spekulationen zu den Erdbebenwaffen hier ein. Angeblich war das Erdbeben in Japan durch eine Erdbebenwaffe ausgelöst worden. Auch wenn ich es nicht glaubte, empfand ich den Gedanken zunächst interessant und ließ mich auch von der Argumentationsführung Conrebbis leicht beeindrucken. Bald schon aber bemerkte ich, dass der Herr sehr schnell reihenweise Argumentationsfehler begeht, die für Verschwörungstheoretiker typisch sind. Diese möchte in den folgenden Beiträgen mal abhandeln. Ich hoffe das ich dabei einen Sinn für stringente Argumentationführung vermitteln kann.

Conrebbis letzter Coup war seine Interpretation zu Obamas mysteriösen Narben. „Welche Operation hinterlasse solche Narben?“ fragt Conrebbi beschwörend. Dabei aber setzt er schon voraus, dass es sich überhaupt um „mysteriöse“ Narben handelt. Da er schließlich 25 Jahre im medizinischen Bereich gearbeitet habe, könne er sich nicht erklären, was das für Narben seien. Ein weiterer Argumentationsschritt ist der Verweis auf die negative Darstellung des Präsidenten in den Medien. Was genau Conrebbi damit meint, bleibt natürlich im Vagen, allerdings müsse wohl eine große Geschichte dahinter stecken [dass sich die Amerikaner in einer großen politischen Krise befinden, weil die Amerikaner sich intellektuell auseinander gelebt haben und es zwei Wählerklassen gibt, die kein vernünftiges Wort mehr miteinander wechseln können, ist dafür wohl keine plausible Erklärung]. Im Übrigen müsse auch Osama Bin Ladens kürzlich geschehener Tod hiermit in Zusammenhang gebracht werden, welcher natürlich eine Fälschung ist, weil der Mann schon lange tot sei. Hier liegt schonmal ein Problem, das all diese Dinge unmotiviert in Zusammenhang gebracht werden ohne dass die Motivation für diese Zusammenhänge klar erkennbar ist.

Nach all der Einschwörung auf die Verschwörung kommt nun der Beweis: Die Narbenführung von Obamas Gesicht sei identisch mit der Narbenführung eines Mannes, bei dem eine Gesichtstransplantation durchgeführt worden sei. Conrebbi daher geht davon aus, dass diese auch bei Obama durchgeführt worden sei. Aber seht selbst, wie er argumentiert:

 Das Argument lautet also:
Prämisse 1: Obama hat Narben.
Prämisse 2: Ähnliche Narben hat ein Mann bei einer Gesichtstransplantation.
Konklusion: Obama hatte eine Gesichtstransplantation.

Dieses Argument ist noch nicht mal deduktiv logisch gültig, geschweige denn schlüssig. Wir haben noch die Hilfsargumente:

Prämisse 1: Osama Bin Laden wurde umgebracht, obwohl dieser schon lange tot ist.
Prämisse 2: Der erste Mann eines einflussreichen Landes wird in den Medien schlecht dargestellt.
Prämisse 3: Obamas Urkunde wurde gefälscht.
Konklusion: Alle Fakten zusammengenommen verweisen darauf, dass Argument 1 anzunehmen ist.

Bei all diesen Argumenten ist kein wirkliches Argument zu erkennen. Nur weil zwei Narbenverläufe ähnlich sind, heißt dies noch lange nicht, dass diese die gleiche Ursache haben. Selbst wenn wir es uns nicht erklären könnten, woher diese stammen sollen, heißt das nicht, dass die nächstbeste Erklärung der Beweis wäre. Ich glaube zu dem Hilfsargument brauche ich eigentlich kein Wort verlieren. Selbst wenn eine Verschwörung im Gange wäre, hieße das auch noch nicht, dass Obama ein transplantiertes Gesicht hätte.

Wissenschaftliche Argumentation

Conrebbi gibt sich immer den Anschein als würde er vieles logisch durchdenken und nach wissenschaftlichen Kriterien arbeiten. Das ist leider keineswegs der Fall. Ich werde in Zukunft mehr dieser Videos analysieren. Möchte hier allerdings mal den Wert unserer Wissenschaftsgeschichte darstellen:

In dem wohl prägensten Werk für unsere Gegenwartsgeschichte, der „Kritik der reinen Vernunft“, heißt es gleich in der Einleitung, dass unsere Vernunft, sich in uns selbst Fragen aufzwingt, die aber zugleich ihr Vermögen übersteigen, so schreibt Kant:

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sei nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ (KdrV: AIIV)

Was auf über 800 Seiten folgt, ist eine Grenzbestimmung des menschlichen Verstandesvermögen und dessen Vernunft, die sich allzu schnell in Scheinwidersprüche verstrickt. Allein aus der Weise wie wir uns selbst immer nur auf Welt bestimmen können, soll nun das Leistungsvermögen unseres Erkennens und Denkens abgegrenzt werden. Solche und ähnliche Grundlegungen in der Wissenschaftstheorie haben dazu beigetragen, dass gerade die europäische Wissenschaftsgeschichte die erfolgreichsten Wissenschaften in der Erforschung der Natur, des Geistes und der Religion hervorgebracht hat. Kant war hier ein ungeheurer Meilenstein, der wie das Zentrum eines schwarzen Loches, die Theorien bis heute, um seine Theorie versammelt und angezieht.

Der von der Philosophie eingeleitetete Wandel bedeutete nämlich zum Beispiel auch, dass sich die Wissenschaftstheorie von vorschnellen ontologischen Bestimmungen (zum Beispiel der Bestimmung des Wesen Gottes) enthielt und eine skeptische Tradition der Theoriebildung begann. Ab sofort war nicht mehr alles, was plausibel galt [oder klang] Wahrheit, sondern nur die Theorie anerkannt, die sich in wissenschaftlichen Experimenten auch bestätigen ließ.

Kant schaffte aber zugleich noch auf die Metaphysik zu verweisen, die wir aus Vernunftgründen immer in Anspruch nehmen müssen, ohne dass wir behaupten könnten, dass sie wahr sei. Er schaffte es so zum Beispiel zu zeigen, warum wir Gott in einem Denksystem immer annehmen müssen, obwohl das noch lange nicht der Beweis ist, dass es ihn gibt. Meines Erachtens ist Kant dabei wie kein anderer Denker zuvor oder nach ihm, in die Tiefe unseres Denkens eingedrungen.

Und dennoch: Da die Philosophie sich niemals als Grundfähigkeit neben Rechnen, Schreiben und Lesen an der Schule als Lehre für das stringente Denken und dessen einzig mögliche Überprüfung durchsetzen konnte, verlassen viele Schüler die Schulen, ohne zu wissen, was überhaupt ein gültiges Argument von einem schlüssigen Argument unterscheidet. Daher machen wir das hier an dieser Stelle mal in Ansätzen, zumindest um die Grundlegung der basalsten Fundamente von den Basics überhaupt zu besprechen [;)]:

Was ist ein gültiges Argument?
= Ein Argument ist gültig, wenn die Konklusion nicht falsch sein kann, insofern die Prämissen des Arguments wahr sind/wären.

Beispiel für ein gültiges Argument:
Prämisse 1: Der Mond ist aus Käse
Prämisse 2: Käse kann man essen.
Konklusion: Also kann man den Mond essen.

Das Argument ist natürlich Quatsch, aber dennoch gültig, denn die Konklusion folgt deduktiv logisch aus den Prämissen.

Was ist ein schlüssiges Argument?

= Ein Argument ist schlüssig, wenn es gültig ist und die Prämissen tatsächlich wahr sind.

Wichtig ist meines Erachtens hieran Folgendes: Die Wahrheit eines Arguments muss immer nochmal spezifisch nachgewiesen werden und zwar empirisch. Das heißt: Wir müssen zuerst prüfen, ob das Argument deduktiv gültig ist (das ist schon häufig nicht der Fall). Wenn das Argument deduktiv gültig ist, dann müssen wir prüfen, ob die Prämissen auch tatsächlich wahr sind. Schlussendlich kommt noch eine weitere Schwierigkeit: Selbst wenn das Argument schlüssig ist, kann das immer noch bedeuten, dass wir vielleicht in der Auswahl der Prämissen, den Problembereich falsch eingegrenzt haben. In diesem Sinne kann es sein, dass selbst ein schlüssiges Argument in der Wirklichkeit nicht zutrifft. Wir machen das mal am Beispiel des Magenbakteriums Helicobacter Pylor.

Wahrheitstheorie am Beispiel den Fall des Helicobacter Pyloris

Das Bakterium Helicobacter Pylori ist bei 75% aller Fälle von Magengeschwüren vorzufinden. Diese hohe Korrelation lässt darauf schließen, dass dieses Bakterium Magenkrebs verursacht. Vor der Entdeckung des H. pylori galt jedoch etwas anderes als Ursache, nämlich die „Übersäurung des Magens“ als auch psychische Faktoren.

Im Jahre 1983 entdeckten dann Barry Marshall und John Robin Warren das Bakterium H. pylori. 
Zuvor aber war die Theorie, dass Bakterien dem hohen Säureghalt des Magens widerstehen könnten und den Magen besiedeln könnten unvorstellbar. Es gab zwar schon einen Bericht aus dem Jahr 1906 von einem Arzt aus Halberstadt, ernst nahm diesen aber niemand. Dieses weil zu einer guten Theorie immer noch ein stichhaltiger Nachweis gehört (ähnliches hatte ich auch am Beispiel des Ozons und FCKW demonstriert; allein die Annahme und der Nachweis im Labor, dass Ozon durch FCKW zerfällt, beweist noch nicht, dass das tatsächlich auch in der Atmosphäre passiert. Auch wenn das heute Kinderwissen ist (Quelle: wikipedia). 

Erst Robin Warren gelang es eindeutig den Keim „H-pylori“ in Schleimhaut-Biopsien des Magens nachzuweisen und gleichzeitig in Studien zu zeigen, dass es in der Umgebung der Bakterien zu einer entzündlichen Reaktion gekommen war. Nach langem Hin und Her bekamen Warren und Marshall schließlich den Nobelpreis zugesprochen (Quelle: http://www.p-e-g.org/print/aktuelles/114).

Was war aber zuvor das plausible also gültige Argument?

Prämisse 1: Ein Patient hat Magengeschwüre.
Prämisse 2: Die Senkung der Salzsäureproduktion heilt das Magengeschwür.
Konklusion: Also, Magengeschwüre entstehen durch zu hohen Salzsäuregehalt.

Hier wird also die Kausalität zwischen peptischen Ulzera und Säuregahelt geschlussfolgert. Was ist daran nun falsch gelaufen? Nun wir haben zunächst nur eine Korrelation. Dies bedeutet, dass zwei Ereignisse gemeinsam auftreten, das heißt aber noch nicht, dass das eine Ereignis das andere bedingt. Umgekehrt gilt aber auch nicht, dass nur die Existenz eines Magenkeims für Magengeschwüre verantwortlich ist. Aus solchen Gründen veränderte sich auch nicht gleich die Gastroenterologie.

Daher entschied sich Marschall zu einem radikalen Selbstversuch. Als nachweislich nicht infiziert, schluckte er die Erregerkultur. Daruf bekam er akute Gastritis. Aber auch diese Ergebnisse konnten die Fachwelt nicht vollständig überzeugen. Das aber war kein Mangel der Fachwelt, sondern nur ein Nachweis für die hohen Anforderungen, um eine kausalen Zusammenhang wissenschaftlich nachzuweisen. Denn auch wenn es sich abstrus anhört, aber ein Einzelfall bestätigt noch nicht die Kausalität. Es beobachtet ja niemand, wie das Bakterium dann tatsächlich wirkt und es könnte zum Beispiel sein, dass Marschall mit dem Streß plötzlich verstärkt Magensäure produziert hätte und dies zu dem Magengeschwür geführt hätte. Der wichtigste Schritt stand also erst noch bevor: In klinischen Studien, wiesen Marshall und Warren schließlich statistisch nach, dass Patienten, nur wenn die Bakterien vollständig vernichtet wurden, eine dauerhafte Heilung erfuhren. (Quelle: Newsletter Deutsches Ärzteblatt vom 4. Oktober 2005 nach http://www.p-e-g.org/print/aktuelles/114)
Natürlich war nun noch der Weg dieser Theorie durch die Patientenzimmer nötig. Alternde Ärzte, die keine Weiterbildungen mehr machten, bekamen erst langsam von dieser Innovation mit oder andere hörten einfach garnicht davon. Daher ist natürlich immer nochmals ein Weg der Erkenntnisse durch die Gesellschaft anzutreten. Verschwörungstheoretiker wie Conrebbi meinen natürlich, dass diese so genannten Diffusionsprozesse eine Anerkennung ihrer Theorien noch verhindert. Auch eine geschickte aber falsche Argumentationsweise (dazu kommen wir aber noch).
Was lernen wir also daraus?
Zunächst müssen wir Argumente verwenden und diese müssen deduktiv gültig sein. Dann gilt, dass wir die Gültigkeit auch auf Schlüssigkeit überprüfen müssen. Das heißt wir müssen herausfinden, ob die Prämissen wahr sind. Zu guter letzt aber nützt uns die logische Struktur nur, um Hypothesen zu entwickeln, die wir dann gezielt in der Empirie statistisch an möglichst großen Stichproben überprüfen.
Was könnte das nun praktisch heißen? Nehmen wir an, ihr führt einen Blog und ihr wollt euren Traffic steigern, dann werdet ihr euch im Internet belesen, was man dafür so tun kann. Ihr werdet viele Seiten finden, die vielerlei Hinweise geben. Ihr befolgt diese Hinweise und dennoch steigert sich der Traffic nicht. Woran liegt das? Nun der Blogbetreiber hat versucht zu ergründen, wie er es geschafft hat seinen Traffic zu steigern. Dabei waren ihm Mannöver in Erinnerung, die er bewusst durchgeführt hat, weil sie ihm selbst als plausibel erschienen. Aber nur aus der Korrelation zwischen Trafficsteigerung und Maßnahme lässt sich Kausalität nicht direkt schließen. Ähnliches beobachten wir bei der Politik, die regelmäßig Wirtschaftsauschwünge mit ihren Maßnahmen in Verbindung bringen. Was machen daher viele Direktvermarkter aus der Blog-Branche? Nun sie testen tatsächlich mit guten Statistikprogrammen.
Conrebbis Argumentation
Bei diesem Verschwörungstheoretiker haben wir nun das Problem (und es ist ein generelles Problem auch bei Esoterikern, Coaches oder Managementberatern), dass er einerseits sich einen wissenschaftlichen Anschein gibt, letztlich aber nicht wirklich wissenschaftlich arbeitet. Deswegen kann es sein, dass er auch mal richtige Aussagen macht. Insgesamt wird es allerdings so mit dubiosen Argumenten vermischt, dass das nicht mehr ohne Weiteres unterscheidbar ist. Daher ist von Conrebbi abzuraten. Um das anständig zu belegen, werde ich in den nächsten Beiträgen mehr von Conrebbis Argumentationen besprechen und auf Logik überprüfen. Er geht ja zum Beispiel auch von einem atomaren Anschlag auf Berlin am Sonntag aus. Das kann natürlich passieren, ergibt sich aber keineswegs zwingend aus seiner Argumentation. Diese werden wir dann prüfen. 
Da Conrebbi im Übrigen noch fragt, wie die Narben von Obama zu interpretieren seien, möchte ich hinweisen, dass die Nerven so dermaßen geschädigt sein werden, dass er womöglich das Gesicht niemals wie ein normaler Mensch benutzen können wird, daher schlage ich Conrebbi vor, darüber nachzudenken, ob vielleicht sein Gehirn ausgetauscht worden ist. Ich bin sicher Conrebbi hält das für plausibel.

Bis dahin :) Und abonniert doch meinen Blog :)
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Dolce & Gabbana, die Mode der Zukunft? Zur Einfallslosigkeit einer Trendindustrie

monsieur wears everything monsieur owns

Monsieur wears everything he owns, also himself (Foto:Bunnymonsieur

 

Ein paar wenige Prinzipien der Modeentwicklung

Natürlich bleibt es in diesem Blog nicht aus, sich auch einem der größten Themen unserer Oberflächengesellschaft zu widmen: Die Mode. Es fragt sich, ob wir den individuellen Stil als Mode tatsächlich als einen Grenzgang der Persönlichkeitsentwicklung werten sollen und ihr damit einen gleichwertigen Rang neben der Kunst geben dürfen. Bei Mode gehe es schließlich um Menschen, die ihre inneren Werte über äußere Bekleidung ausdrücken. An den Kleidungsstücken sollen wir also ihr Inneres erkennen?

Betrachten wir Mode, so fallen uns zunächst merkwürdige Zwänge ins Auge. Der Verdienst der Modeindustrie richtet sich danach, ob sie jedes Jahr etwas Neues verkaufen können. Demnach gibt es einige Gesetze: Erstens lassen sich die Hose und das Hemd oder das Kleid und der Hosenanzug nicht wirklich neu erfinden. Daher muss die stetig neue Erfindung der Bekleidung den Markt bedienen, um überhaupt den Absatzmarkt zu erhalten. Zum zweiten ist Mode jedes Jahr das Neueste vom Neuen, das man jetzt halt eben aber doch ja so trägt. Das Neue muss zumindest durch kleine Entwicklungen suggeriert und angedeutet werden. Dadurch ergibt sich drittens, dass der neue Trend sich nicht zu weit vom vorherigen entfernen kann, doch aber wesentlich anders sein muss, damit bei Menschen der Druck erzeugt wird, mit der Zeit zu gehen beziehungsweise zu kaufen. Zum Vierten kommt noch der Konkurrenzesdruck hinzu, so dass die nötigen Weiterentwicklungen, sich so weit wie möglich von der Konkurrenz durch Auffälligkeit unterscheiden sollen. Es geht also letztlich um eine merkwürdige Balance zwischen dem Mainstream einer eingewöhnten Tragepraxis im Verhältnis zu marktnotwendiger Weiterentwicklung in maximaler Abgrenzung zur Konkurrenz. Und was soll dabei nun für das Individuum herauskommen, dass doch gerade seine Individualität in diesen Modekonserven ausleben soll?

Sinnentleerte Mode am Beispiel von Dolce und Gabbana
Bei Dolce und Gabbana zeigt sich, wie hohl die Mode ist und dass dort niemand einen Sinn für das Neue als Grenze unserer Kultur hat. Für die neue Frühjahrskollektion 2012 bedienen sich die Mode“schöpfer“ (ein reichlich unangemessener Ausdruck) eines so simplen Tricks ihren „neuen“ Stil am Markt zu etablieren: Sie bilden eine Metapher. Bei Dolce & Gabbana sieht das dann so aus: Wenn das Internet ein Netz ist, warum machen wir dann nicht eine Mode aus Netzen, um das „Internetz“ zu repräsentieren? Aber hier machen die Herren und Damen doch einen eigenartigen „Faux pas“. Die Bezeichnung Internetz ist nämlich bereits eine Metapher, die ihre Anleihe bei Netzen bezieht, wenn nun aber das Netz bei Dolce & Gabbana wiederrum eine Metapher für das „Internetz“ sein soll, dann befinden wir uns in nichts anderem als einer hohlen Phrase. Gerade der Ausdruck Netz sollte das Internet ja in seiner verbindenden Funktion verständlich machen, dennoch aber ist das Internet kein Internetz, sondern in diesem passiert mehr. Dass sich die Modeschöpfer nicht hätten einfallsloser zeigen können, zeigt sich genau an dieser hohlen Kopie der bereits geprägten Ikongrafie. Die reine Ornamenthaftigkeit ihrer Mode hätte Loos noch als Verbrechen verurteilt (Ornament als Verbrechen als Kritik am Jugendstil). Aber vielleicht steht auch gerade diese Leere der Metaphernhülse als Lehre von der Leere der Mode, die uns nämlich rein garnichts zu sagen hat. Aber seht erstmal selbst:

Natürlich gehe ich mit der Mode hart ins Gericht. Denke aber, dass hier, anders als Modezombies behaupten, keine großen inneren Werte ihren Ausdruck finden oder zum Tragen kommen. Wir haben es vorrangig mit einer Hohlraumwelt aus hohlen Köpfen zu tun, die im Grunde für nichts weiter als ihre Schönheit und ihren Reichtum gefeiert werden. Nochmal zur Erklärung: Die Netzmode hat doch wirklich rein gar nichts mit dem Internet zu tun. Worin kommt in einem Netz denn die Eigenart des Internets zum tragen? Würden Sie eine Metapher zum Internet sehen, nur weil einer sich mit Netzen bekleidet? Natürlich die Eigenart von Netzen kommt im Internet zum Ausdruck, aber umgekehrt ist das leider nicht der Fall.

Designermode verliert ihre Bedeutung

Nerdiebird-Bewegung: Endlich kommen meine Augen besonders gut zum Ausdruck

Natürlich verliert diese Leerheit der Konservenmode mittlerweile ihre Bedeutung. Was sich in Berlin und anderen Städten langsam entfaltet, ist eine Mode, die von der tatsächlichen Netzöffentlichkeit geprägt wird. Bewegungen wie die der Nerdiebirds sind davon sicher ein Ausdruck. Auch, wenn das Nerd-Sein mittlerweile zu einem Trend gerät und auch schon Unsympatlinge wie Joko Winterscheidt ihre Nerdbrillen durch die Landschaften tragen, so zeigt doch das Netz Individuen, die versuchen eine individuelle Tragekultur zu entwickeln, die sich bewusst von den Plattitüden der Konservenindustrie verabschiedet. Natürlich wird dieses Moment auch wieder sinnentleert und von einigen simpel kopiert. Allerdings sehen wir bei einigen Individuen nun tatsächlich, wie sie ihren Ausdruck über ihre Kleidung finden und sich nicht leiten lassen von dem, was auf den Laufstegen der Welt als Limit der Bekleidungsentfaltung gefeiert wird.



Männer führen eher sinnvolle Blogs, Frauen Blogs über Nagellack und Mode
Und nun noch eine Sache, die mir in diesem Zusammenhang auffällt: Warum machen Männer tendentiell über alle Bereiche Blogs, während Frauen vorrangig leere Styleblogs online stellen, die fast nichts außer Bilder von sich selbst in neuen Kleidern von H&M enthalten? Der Stil kommt dann noch über die Kamera, die Tiefenunschärfen erzeugen kann und voila haben wir eine neue Seite von einer Dame, die im zusammengekauften Zara und H&M-Stil ihren doch inhaltsleeren Style feiert. Ich möchte auch mehr Frauen, die gehaltvolle Blogs entwickeln, wo natürlich Mode auch eine Rolle spielen darf. Aber bitte spielt die gesellschaftliche Geschlechtertrennung nicht gleich im Internet aus, dann war’s das nämlich mit der Gleichberechtigung im Netz.

Wenn sich nun also die Kollektion von Dolce & Gabbana durchsetzt, werden wir diese Damen bald in noch billigeren H&M-Netzkopien im Netz in tausenden von Netzkopien sehen. So kommt schließlich das Hohle zurück zum Hohlen. Und da muss man Dolce & Gabbana vielleicht als subversive Verschwörung verstehen und ihnen doch Intelligenz zusprechen. Wollen sie vielleicht die Hohlheit zurück ins Internet bringen, um nicht den Absatzmarkt zu verlieren? Wird im Internt also das Äußere in seiner Hohlheit bis zum Äußersten getrieben, um es schließlich als Massenmedien zu korrumpieren?

Mehr Netzkultur daher bitte. Wir müssen zeigen, dass das Internet eines kann: Qualität liefern, die sich nicht auf Äußerlichkeiten beschränkt.

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Bewirken freie Märkte per se qualitatives Wirtschaftswachstum?

Chomsky
Meistzitierter Mann der Welt und Rockstar der Intellektualität: Noam Chomsky

Chomskys gefeierter Besuch in Köln hat mich wieder dazu gebracht, mehr über Wirtschaft nachzudenken (schließlich wollte ich ihm dazu ja eine Frage stellen – aber dazu in einem anderen Beitrag mehr). Chomsky konzentrierte sich in seinem Vortrag darauf, die amerikanische Politik, die weltweit die wirtschaftliche Hegemonialstellung als Free-Market erhalten will, zu kritisieren. Chomsky bestach dabei wie gewohnt durch seine enorme Detailkenntnis. Für Europäer ist die Amerikakritik natürlich ein alter Hut; für Amerikaner ist aber der Gedanke der Einschränkung eines freien Marktes immer noch strenger Sozialismus und Chomsky gilt damit vielen als Feind Amerikas. Selbst Obama, der hier in Deutschland Politik am rechten Rand der CDU betreiben würde, gilt in Amerika ja als Sozialist.

Der freie Markt führt zu merkwürdigen Konstellationen in den USA: Ich musste dort selbst erleben, wie trotz Krankenversicherung der Eigenanteil an einer Magenspiegelung 500 Dollar kostete. Die unbegrenzte Wirtschaft hat in Amerika das Krankenwesen ruiniert. Wie Chomsky darstellte, könnte selbst das deutsche Krankensystem, in den USA angewendet, den USA ihr riesiges Defizit von jetzt auf Gleich einsparen. Stattdessen hat die Wirtschaft einen Werbefeldzug gegen Obamas Politik begonnen und Obama wird zu einem weiteren Abziehbild amerikanischer Durchschnittspräsidenten. Im Mittelpunkt der amerikanischen Politik wird weiterhin das Wirtschaftswachstum stehen. Doch was ist das eigentlich – Wirtschaftswachstum?
 
Zweifel am Wirtschaftswachstum
Mittlerweile setzt sich ja in den europäischen Wirtschaftswissenschaften auch die Entdeckung der Glücksforschung durch. Nach dem so genannten Easterlinparadox zeigt sich nämlich, dass nach einer gewissen Steigerung des Wirtschaftswachstums sich das Glück der Menschen nicht mehr in gleicher Weise steigert. Während Glück und Einkommen bis zu einem Bruttosozialprodukt von ca. 15.000 Dollar pro Kopf noch gut korrelieren, verliert diese Korellation darüberhinaus an Bedeutung. Aus diesem Grund hat es viele Wissenschaftler gegeben, die eine Politik forderten, die sich nicht nur am Wirtschaftswachstum orientiere (Layard – als Wissenschaftler eines zentralen „Glücksinstituts“ in Großbritanien und als Berater der Blaire Regierung wäre hier zu nennen).

Das Schaubild zeigt die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens und des Glücksempfindens in den USA. Quelle: Layard, R., a.a.O., S. 44
Ein Beispiel für das Easterlin-Paradox: Die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens und des Glücksempfindens in den USA. Quelle: Layard, Richard, Die glückliche Gesellschaft, Frankfurt/New York 2005:44

 

Qualitatives Wirtschaftswachstum 
Wirtschaftswachhstum sieht der Politiker per se immer als etwas Gutes. Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Nehmen wir mal das Beispiel der Prostitution: Man mag nun über Prostitution denken, was man will. Die Legalisierung in Deutschland mag in Anbetracht des Grundsatzes der sexuellen Selbstbestimmung des Menschen noch rechtfertigbar sein. Wir alle wissen aber, dass die Möglichkeit der Versteuerbarkeit eines legalen Gewerbes, die politischen Entscheidungen in diesem Bereich erheblich beschleunigt hat. Wie sieht es aber aus mit der Wirtschaftlichkeit der Prostitution? Viele mögen nun argumentieren, dass die Prostituierten ja Geld verdienen und damit dem Staat Steuern einbringen; andererseits werde das eingenommene Geld ausgegeben und damit die Wirtschaft in Schwung gehalten. Die Vorstellung vom Geld als Blut im Wirtschaftskreislauf dominiert hier. Diese Vorstellung ist allerdings nur bedingt richtig, wenn wir überlegen, dass die Prostitution damit nämlich ein zusätzliches Organ ist, durch das Blut gepumpt werden muss, umgekehrt aber wenig dazu beiträgt, dass andere Organe dadurch ihre Produktivität erhöhen. So müssen wir es doch so sehen, dass genau für diese Zeit, da das Blut im Organ der Prostitution ist, das Blut in anderen Organen fehlt. Wer sich dann überlegt, warum notwendige Investitionen in Krankenhäusern etc. fehlen, könnte sich überlegen, dass eine schnellere richtige Zirkulation des Geldes im Kreislauf durch produktivere Organe mehr Ertrag bringt. Wir brauchen daher qualitatives Wirtschaftswachstum, doch daran hat der freie Markt nur bedingt Interesse. Welche Prostituierte würde zum Beispiel aus diesem Grund ihren Job aufgeben? Gut das Beispiel der Prostitution ist nun etwas überbelastet, aber überlegen wir uns mal, was alles verkauft werden kann. Zum Beispiel:  
Nehmen wir also an, die ganze Welt fände diese „most useless“ Maschine unglaublich komisch und jeder würde diese kaufen. Nehmen wir an, Deutschland hätte das Monopol darauf und würde nun anfangen, dieses in Milliardenstückzahlen zu produzieren und zu verkaufen. Dieses würde natürlich ein riesiges Wirtschaftswachstum für Deutschland bedeuten, ohne aber dass es tatsächlich das Wirtschaftswachstum in Deutschland oder anderen Ländern langfristig unterstützen würde. Denn dieses Gerät erhöht nicht die Produktivität. Es wäre ein bedeutungsloses Strohfeuer und hätte nicht den Effekt einer nützlichen Erfindungen wie zum Beispiel die Einführung des Handybezahlsystems in afrikanischen Staaten. So verzeichnet Kenia ein enormes Wirtschaftswachstum, weil die Männer nicht mehr ewig zurück in ihr Dorf fahren müssen, um das Geld abzuliefern, sondern es schnell transferieren können und so mehr Zeit haben zum Arbeiten. Leistung ist schon nach physikalischer Definition Arbeit geteilt durch Zeit. Wahres Wirtschaftswachstum ist daher nachhaltig, wenn wir immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit verrichten können. 
 Weitere Überlegungen zu einem Wirtschaftswachstum, das auch ökologische Konsequenzen miteinbezieht, müssten wir bedenken. Hinsichtlich der Wirtschaft teile ich daher Chomskys These: „All our democratic institutions can run, but we have to make them run.“ Wenn wir also schneller die Grenzen der Menschheit erweitern wollten, dann müssten wir uns fragen, wie wir unsere Wirtschaft tatsächlich wachsen lassen und nicht nur die kurzfristigen Entscheidungen von singulären Marktteilnehmern zulassen. Das ist natürlich nicht einfach; ohne Staat, wie es viele Amerikaner gerne hätten, geht es meiner Meinung aber nicht. Für Europäer nichts Neues, denke ich.
 Bis dann Norman.

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Probleme von Gestern? Ozonlöcher und die Erfindung der Erfindung als Problem von Heute

2011 Arctic Ozone Loss
Beweisfotos vom Ozonloch

FCKW und das Ozonloch sind Schnee von gestern. Da die Ozonlöcher sich langsam regenieren, so zumindest angenommen, besitzt das Thema keine Dringlichkeit mehr. Wo keine Problemwahrnehmung, da auch keine Risikokalkulation. Wer würde schon hören wollen, dass Distickstoffoxid (Lachgas), der Hauptersatzstoff für FCKW, ähnliche Wirkungen entfaltet wie FCKW (Beitrag zur ozonschädigenden Wirkung von Lachgas in der Financial Time Deuschland)? Womöglich lässt sich die Komplexität der modernen, produzierenden Industrie doch nicht in der Art reduzieren, so dass die externalisierten Ausdünnstungen in die Natur keine Konsequenzen hätten. Wir glauben, wir hätten die Ursache für Ozonlöcher ausgeschlossen, dabei sehen wir nur die weiteren Fernwirkungen unseres Handelns nicht mehr.

In der folgenden Dokumentation zum Ozonloch heißt der Schlussspruch eines Wissenschaftlers zu dem Problem der schwer beobachhtbaren Fernwirkungen: 

„Lasst uns die Umwelt so langsam wie möglich verändern. Nur so können wir die Konsequenzen unseres Handelns abschätzen.“ 

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit würde aber in diesem Falle der nicht Reduzierbarkeit von Komplexität bedeuten, dass wir an allen Zeitenrädern der Moderne drehen müssten, um in die Steinzeit zurückzukehren. Vielleicht wird dieser Planet ja tatsächlich zu klein für eine stark externalisierende Rasse?

Vielleicht haben wir auch mit der bisherigen Externalisierung unserer Produktionskosten in die Umwelt die Möglichkeit zur Langsamkeit auch schon verpasst? Das Montrealer Protokoll, auf dem Vorsorgeprinzip gegründet, wird nach Wikipedia jedenfalls als ein Meilenstein im Umwelt-Völkerrecht gefeiert. Womöglich aber ist nicht das FCKW, sondern schon die Erfindung des Kühlschrankes das grundlegendere Problem oder gar die Erfindung der Erfindung. Gibt es eine Modernisierung ohne Nebenfolgen und Fernwirkungen?

Interessant an dem FCKW-Problem ist aber auch, welche Immunisierungsmechanismen in der Verwaltungsindustrie der Erfindungen ausgelöst wurden. So reagierte die Miliardenindustrie des FCKW mit Gegenanzeigen und beschäftigte viele Kritiker der FCKW-Ozontheorie. Sie verbreiteten die Botschaft, dass die Zerstörung der Ozonschicht mit FCKW nur eine Theorie sei und damit hatten sie in gewisser Hinsicht auch Recht. Eine bloße Risikoannahme aufgrund von Laborexperimenten ist niemals letztgültig überzeugend. 
Zunächst mussten daher von staatlichen Forschungsgeldern (nicht von Industriegeldern) Nasa-Programme zur Erforschung der Atmosphäre eingerichtet werden. Letztlich entdeckte man tatsächlich am Südpol ein Ozonloch, das plastisch auf Aufnahmen dargestellt werden konnte. Die Ozonschicht war in wenigen Jahren um 30% – 40% über dem Südpol geschrumpft. Im Gegensatz zum Klimawandel gab es nun eindeutige Beweisfotos für eine Ozonreduktion. Aber selbst damit war es nicht getan. Erst als auch eine negative Korrelation zwischen Chlor und Ozon im Ozonloch nachgewiesen wurde. Galt die Theorie als gesichert. Als dann Ozonlöcher über Nordamerika und Europa festgestellt wurden, reagierten Amerika und andere Industrieländer mit einem weltweiten Verbot von FCKW. Für die Wissenschaftler gab es den Nobelpreis.

Das folgende Video zeichnet die Entdeckung von FCKW recht nostalgisch und die Entdeckung der schädigenden Wirkung nach. Es hat einen gewissen Unterhaltungswert. Interessanter aber ist der folgende Kommentar. 

Der Kommentar des Nutzers Silmarillyon lässt uns überrascht zurück. Er schreibt:

„seit wann kann man das ozonloch messen? das war wahrscheinlich schon immer da nur hat es keiner bemerkt ^^ co2 lüge, impflüge, nwo, und jetzt wiedermal ozon. Tztztz“

Gut, hier wird eine eindeutige Beweislage nun wieder in die Anfechtbarkeit überführt
 und damit als Beweis für eine Verschwörungstheorie umgedeutet. Eine Meinung mag jeder haben dürfen, dennoch: Warum gilt diesen Verschwörungstheoretikern die Argumentation für das Ozonloch durch Einwirken von FCKW als schwach, während die ungenauere Verschwörungstheorie als stark vertreten wird? Ich werde mich daher im nächsten Beitrag zu einigen Verfahrensweisen von Verschwörungstheoretikern äußern. Dazu werde ich ein Video von Conrebbi analysieren und einige seiner abstrusen Überlegungen anführen. Bis dann Norman.

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Die unfassbare Realität und komplexe Probleme wie Fukushima

PhotonQ-Beauty on the Horizon of Complexity
Die im Detail zerfallende Realität zur Komplexität von PhOtOnQuAnTiQuE

Nach der bisherigen Darlegung der Irreduzibilität von Komplexität und damit der Unabschätzbarkeit von bestimmten Risiken stellt sich nun die Frage, wie wir mit einer für uns abstrakten Welt umgehen sollen. Die technische Urbarmachung des Atoms, der Schlag durch das Gestrüpp des Unsichtbaren ist zwar partiell gelungen, aber das kleine Teilstück konstruierter Realität lässt doch nur im Modell erahnen, wie wir entfesselte, reale Energien an die menschliche Beherrschbarkeit binden wollen. Das heißt: Auf dem Papier lässt sich ein Kraftwerk entwerfen, Notabschaltungen und Redundanz lassen sich planen, doch anhand welcher Vorhersagen sind diese Planungen für die Realität auch wirklich? Die Verwaltung des Unerfassbaren lässt Ingenieure träumen, wie wir aus folgendem Filmtrailer erfahren:

 Gemächliche Verwaltung von Risiken?
So gemächlich wie in den deutschen Atomplanbüros geht es in Fukushima wohl nicht mehr zu. Können wir in Deutschland das ungeheure Restrisiko, welches sureal ist, noch in einem Verwaltungsakt auf die Rechengröße einer Glaubensgemeinschaft reduzieren, ist dort nicht einmal klar, wo das Problem liegt. Tepco steuert die Reaktoren ja teilweise nur noch im Blindflug. Radioaktivität lässt sich ganz beschaulich und ruhig in die Welt hinab und die Ingenieure haben nicht mal die nötigen Messgeräte. Das Reaktorinnere ist bei gegenwärtigem Kenntnisstand beinah eine Black Box. Daher wird nicht mehr geplant, sondern vorrangig reagiert; teilweise wird sogar experimentiert, was überhaupt funktioniert (ein weiterer Hinweis auf die Unplanbarkeit solcher Ereignisse).

Es scheint als wäre eine weitere Zerstörung des Reaktor abgewandt, da die Temperaturen der Außenhüllen des Reaktors bei ungefähr bei 100° Celsius liegen. Es scheint als ließe sich die Radioaktivität mit Kunstharz am Boden halten. Weitere Ereignisse wie Stromausfälle oder Taifune jedoch verringern nicht gerade das Restrisiko, denn dieses ist höher als jemals zuvor.

Lassen sich Schlüsse auf Fukushima auf andere Länder übertragen?
Nun lässt sich schnell schlussfolgern, dass die Schlüsse aus Fukushima für andere Regionen der Welt nicht gelten, da in Fukushima eine außerordentliche Kombination von Unwägbarkeiten zusammengetroffen sei. Aber gerade das ist ja das Problem. Dieses habe ich unter dem Beitrag Das Risiko vom Restriko darzulegen. Risiken lassen sich nicht planen. Wer mit Risiken rechnet, geht immer schon von einer möglichen Verrechnbarkeit des Ernstfalles aus.  Bei AKW’s kommt nun hinzu, dass das Restrisiko ungemein groß ist. Ich sage nichts Neues, wenn ich behaupte: Unverrechenbare und in Teilen bekannte Restrisiken müssen beseitigt werden.

Die Fantasie der Beherrschbarkeit der Realität
Zugegeben, ich war lange Zeit auch ein Befürworter der Atomkraft; wohl auch deswegen weil ich einen technikafinen Grundgestus in mir trage. Für mich war die technische Beherrschbarkeit der Natur immer ein zu bewunderndes Gut. Kernkraftwerke erfüllten diese Vision von einer Natur als Untertanen. Kernkraftwerke sehen innen aus wie die Zukunftsvisionen einer Science-Fiction-Fantasy der 80er, einer besseren Welt. Kontrollgerätschaften, schimmerndes, blaues Wasser in den Abklingbecken, moderne Castor-Behälter; das Design spiegelt den Glauben an die Beherrschbarkeit der Natur in einer steril geordneten Technikhülle. Keine Natur, nur menschentworfenes und geplantes Milieu. Die Atomkraft versprach lange Zeit kostengünstige, saubere Energie für alle und damit das Herausbrechen der menschlichen Natur aus unverschuldetem Leid. Das Restrisiko nahm ich dabei selbst als irreales war. Es ist ja auch so herrlich unter Beton verpackt und wir ummanteln die Gefahr in silbrig-glänzenden Gegenständen (und wenn es ein Sarkophag ist). So als würde einer das Übel an der Wurzel packen und in eine hübsche Blechdose pressen, dann wie eine Kaffebox in den Schrank oder die Medizin in den Giftschrank. Unabhängig davon dachte ich lange Zeit, wir könnten doch den Müll zum Mond schießen, so wie Superman, der nach einer Rede an die Vereinten Nationen, es schaffte, alle Atomwaffen in der Sonne zu entsorgen:

Technikfantasien sind kleine Jungsfantasien, unausgereift und schon tausendmal gedacht. So wie jede URL, die man als Namen für seinen Blog reservieren möchte, schon belegt ist, so hat auch schon jede simple Jungsidee den Weg vom Reißbrett in den Papierkorb gefunden. Es gibt keine simplen Lösungen, wenn es überhaupt Lösungen gibt. Noch vor 6 Monaten hätte ich anhand von Statistiken und dem Nicht-Bestehen von kausalen Zusammenhängen ein Risiko ausgeschlossen; vor allem, da ich statistisches Denken gewohnt bin. Das heißt nicht, dass ich nun die Statistik verleugne. Es gibt sehr wohl noch gute Anwendungsbereiche. Ich hatte aber bei der Atomkraft die fehlerhafte Anwendung bei Minimalwahrscheinlichkeiten mit maximalen Folgekosten nie richtig in Betracht gezogen. Nun gut, was ein Kratzer in meinem wissenschaftlichen Bewusstsein ist, ist woanders die Obdachlosigkeit vieler Menschen. Aber wer ist nun der Verantwortliche? Der generalisierte Andere, das System, hatte ja dieses wissenschaftliche Fehldenken nicht ganz ohne Grund verfolgt. Die Frage ist nur, welche System eigentlich zusammenwirken? Kann mit Risiken in einem Finanzsystem nicht wunderbar Geld verdient werden?

Fehler beim Umgang mit der Katastrophe in Fukushima
Über das Restrisiko hinaus ist nun die Frage wie mit dem eingetretenen Störfall umgegangen wird, der auch Risiken birgt. Ein Verzicht auf Atomkraft ist nun zu spät. Doch auch diese Situation ist deutlich komplex. Kritik am Krisenmanagement der Japaner ist daher unvermeidlich, da angesichts der komplexen Problemlage ohnehin keine treffsicheren Entscheidungen getroffen werden können. Jede Entscheidung kann falsch sein. So zeichneten Presseberichte zur Anfangsphase der Nuklearkrise ein Bild von Mitarbeitern, Verantwortlichen und Experten als überfordert. Sechs „Super-GAUs“ gleichzeitig waren zuviel für wenige 100 Arbeiter am Ort, eine mögliche Liste ist daeher lang (im Wesentlichen vom Wikipediaartikel zu Fukushima entlehnt):

  • Es heißt der Diplom-Physiker und Premierminister Kan überschätze seine Kompetenzen in Nukleartechnik. Zudem seien die Tepco-Vertreter vom Premierminister stark unter Druck gesetzt. Nach Tetsunari Iida wolle er bei zu vielen technischen Details mitreden. Zudem verhindere aber auch die für Japan typische Konsensorientierung schnelle Entscheidungen.
  • Kommunikationsprobleme sind wohl selbstverständlich (siehe Dokumentation der Abläufe und Veröffentlichungen im Artikel Chronik der Nuklearkatastrophe von Fukushima).
  • Die entsprechende Druckentlastung der Reaktoren und das Einleiten von Meerwasser hätte, früher durchgeführt, die Ausmaße der Katastrophe verringern können.
  • Die Abwesenheit von Tepco-Präsident Tsunehisa Katsumata und dem Vorsitzenden Masataka Shimizu hätte solcherlei Entscheidungen entsprechend verzögert.
  • Es gab technische Probleme des firmeninternen Kommunikationssystems
  •  Zeitung berichtete auch von einer hitzigen Diskussion zu der Frage der Salzwassereinleitung, in der sich Tepcos Kernenergie-Chef Sakae Muto und Fukushima-I-Kraftwerksleiter Masao Yoshida gegenseitig angeschrien hätten.
  •  Druckentlastungen mussten von Hand und im Dunkeln durchgeführt werden.
  • Es gibt widersprüchliche Informationen zur Druckentlastung: Nach Wall Street Journal habe Tepco mit der Meerwassereinleitung gezögert, weil die wertvollen Reaktoren nicht durch Salzwasser beschädigt werden sollten (was eine Zerstörung der Reaktoren hätte bedeuten können). Nach eigenen Angaben und Aufzeichnungen stellte Tepco jeweils auf Meerwasser mit Verzögerung von 4 Stunden um.
  • Zu späte Kühlung der Abklingbecken: Sowohl Tepco als auch die Regierung hätten sich in den ersten zwei Tagen nur auf die Reaktoren konzentriert und die Abklingbecken außer Acht gelassen.
  • Keine Beteiligung des Militärs: Das Militär konnte lange Zeit nicht aktiv werden, da es nicht angefordert worden sei. 
  • Nach Wikipedia kritisierten vor allem US-amerikanische Experten eine zu späte Kühlung des Abklingbeckens von Block 4.
  • Auch andere Organisationen vertreten die Ansicht, dass Tepco ihre Unterstützung zu spät erwogen habe.
  • Die japanische Regierung habe verschiedene Gesuche und Angebote der USA, ihre Experten am Krisenmanagement zu beteiligen, abgelehnt.

Die Liste ließe sich mit Sicherheit bei genauerer Kenntnis der Umstände erweitern. Nun mag der eine oder andere analysieren, dass Menschen eben Fehler machen und dieses ist auch unbestreitbar. Ich sehe allerdings mehr noch als dieses Problem des fehlerhaften Menschen. Ich sehe Menschen, befangen in komplizierten Abwägungsprozessen bei eingeschränktem Wissen und das ist kein spezifisch menschliches Problem. Ich wüsste so zum Beispiel nicht, welches Reglungssystem hier unbedingt besser funktionieren sollte. Warum sollten Computer besser agieren? Bis 2024 soll ja das erste menschliche Gehirn mit Computern nachgebaut sein (ähnliche Projekte gab es ja schon in den 80ern). Alle, die nun aber auf eine Ablösung der Menschen von der Weltwache hoffen, möchte ich ernüchtern. Ich gehe nämlich davon aus, dass auch Computer an dem Syndrom der perzeptiven Intelligenz leiden. Das heißt: Wir können nur das bedenken, was wir auch angemessen perzepieren. Können wir aber eine angemessene Perzeption der Realität erreichen? Bei minimal-invasiven Eingriffen in die Natur vielleicht. Bei großtechnischen Vorhaben wohl eher Nein. Auch Super-Computer werden an der Realität leiden, diese nicht kennen, sondern nur erschließen können. Auch wenn sie schneller und weiter rechnen und uns vielleicht überlegen sind, ist die Umwelt immer noch überkomplex und irreduzibel.

Zur Denkbarkeit der komplexen Realität
Zwar denken wir auf diesem Blog bereits Gedankenmodelle zur Größe des Universum, was ja als unvorstellbar gilt, aber womöglich haben wir nicht nur keine Ahnung von der Größe des Alls, sondern vielleicht auch keine Ahnung von der Komplexität der uns umgebenden Realität. Wir wissen nicht, inwieweit wir mit unserer Forschung bisher Komplexität reduziert haben. Wir wissen nicht, ob unser Wissen das Sandkorn und unser Unwissen das weite Meer ist. Vielleicht sind wir nah dran, vielleicht aber auch Lichtjahre von der Realität entfernt. Angesichts der Katastrophenentwicklung in Fukushima und auch angesichts unserer Unfähigkeit eigens initiierte Wirtschaftsprozesse zu steuern, tippe ich aber darauf, dass wir eher entfernt von wahrhaftem Verständnis sind. Im Übrigen wäre allerdings auch das Verstädnis, als jede Abbildung der Realität immer noch einen Tick zu spät, denn die Realität denkt einfach schneller als jedes Gehirn und rechnet tiefer als jeder Computer. Es geht also beim Erfassen der Realität noch mal um das größere Problem, nicht nur eine Kopie von der Welt zu erstellen (hinterher ist man schließlich immer schlauer), sondern den Chaosmos als Kosmos in die Zukunft zu entwerfen.

Natürlich kann der beinharte Realist nicht nachvollziehen, warum das Problem der Realität seit gut 3000 Jahren die Philosophie nicht aus dem Schwitzkasten lässt; doch die Alltagswelten, an denen sich unser Verstand geschult hat, waren nie als Schule für die Realität gedacht. Unser Alltagsverstand ist konstruiert für ein Kontinuum der Zeit in einer begrenzt erfahrbaren und begrenzt gefährlichen Wirklichkeit. Und selbst wenn wir vom Standpunkt des im Alltag eingebetteten Verstandes zur prosyllogistischen Vernunft aufsteigen, die ja als prosyllogistische immer noch tiefer in die Ursachen unseres Denkens einzudringen versucht, selbst dann ist nach Kant der höchste Begriff, den wir erreichen können, der zweideutige Begriff vom Begriff, untauglich für die Beherrschung der Realität. Auf den Begriff gebracht ist nämlich das Sein die Realisierung aller möglichen, anwendbaren Prädikate. Erläutern wir das mal kurz: Wenn ich einen Stein angemessen charakterisieren möchte, das heißt, dass ich mit meiner Beschreibung nur diesen Stein und keinen anderen in seinem eigentümlichen Wesen erfasse, dann muss ich dazu Begriffe verwenden. Ich verwende dazu aber nicht nur eine eingeschränkt Anzahl an Begriffen, sondern alle Begriffe (um genauer zu sein alle Prädikate), denn entweder kommt der Begriff dem Stein zu oder er kommt dem Stein nicht zu. Wenn mich also einer fragt: „Ist der Stein ein Tier.“, dann weiß ich: „Nein“. Fragt mich einer ist „Ist der Stein aus dem und dem Material“, so sage ich „ja“. In dieser Weise beziehe ich alle Begriffe auf den Stein und erfasse sein Wesen. Analog gilt dies, wenn wir das Sein, also die gesamte Realität, beschreiben wollen. Das Sein oder die Realität ist die Realisierung aller möglichen und anwendbaren Prädikate. Hierbei würden wir aber nach Kant auch wieder einen Fehlschluss haben, und zwar dann, wenn wir diesen Begriff für das Sein als real nehmen würden, da dieser Begriff ja nur die Möglichkeit des Sein nach dem Begriffe bedeute, was zwar gut, aber bei weitem noch beschränkt ist. Wir haben damit nur den Begriff unserer Realität, die (aber das kann ich hier nicht erläutern) auf Realität durch die Denkbarkeit der Realität bezogen ist. Realität denken reicht aber nicht und diese Erfahrung muss jeder machen, bei dem ein gut geplantes Projekt wegen kleiner Widerlichkeiten grundlegend in die Hose geht. Jeder Realismus kann daher nur ein fallibler Konstruktivismus sein.

Konsequenzen für die Praxis?
Was heißt das nun aber für unsere praktischen Gebote; was heißt dies für Fukushima? Abwarten Tee trinken und dann die Hände über den Kopf schlagen sowie panisch durch die Gegend laufen? Ich halte tatsächlich angesichts solcher Nuklearkatastrophen wie in Fukushima Aktionismus für angebracht. Ich glaube das Fukushima noch ein geringeres, beherrschbareres Problem ist, vor allem in Anbetracht der Probleme, die uns noch bevorstehen. Daher müsste größtmöglicher Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel auch Erfolge bringen. Zwar ist das Problem komplex und wir können es keineswegs perfekt auflösen, aber es bedeutet auch noch nicht den Weltuntergang. Zwar erwog Tepco zwischenzeitlich schon alle Arbeitere abzuziehen und das Kraftwerk aufzugeben, aber so weit sind wir nicht, da eine Kühlung offensichtlich erfolgreich ist. Ich bin überzeugt, dass Ingeniere daher bessere Lösungen parat haben als ich. Dies heißt aber allgemeiner gesprochen nicht, dass sie diese notwendig haben müssen und es heißt nicht, dass Ingeniere eine der Gesamtrealität angemessene Risikokalkulation überhaupt durchführen können, sondern nur, dass sich Fukushima noch als menschkonstruierte Wirklichkeit auf entsprechende Handhabbarkeit reduzieren lässt. Beim Klima oder anderen Problemen, die auf uns zu kommen, mag das anders sein. Mehr als Komplexität zu reduzieren, können wir daher nicht versuchen.

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Vom Umgang mit Risiken – Beck zur Externalisierung von Risiken in der Industrie

Lillian Boyer,stunt flying acrobat
Vom richtigen Umgang mit Risiken

Nach der prinzipiellen Schwierigkeit, Risiken von Technik zugänglich zu machen, kommen wir in erhebliche Probleme. Die Externalitäten der nicht ganz wirklichen, aber auch nicht nur ganz möglichen Risiken der Modernisierung können nur schwerlich beherrscht werden. Durch die Vorstellung von Grenzwerten zum Beispiel versuchen wir diese zwar, bestmöglich zu beherrschen und zu reduzieren, dabei aber ergeben sich, wie in meinem letzten Beitrag zu Grenzwerten dargelegt, einige Probleme. Auch die Grenzwertreduzierung ist ein technisch nicht einwandfrei beherrschbares Problem. In diesem Beitrag will ich mal den Umgang mit Risiken anschauen.

Das Insektizit DDT als Beispiel für Externalisierung
Mit Grenzwerten wird deutlich, dass Risiken in den Industriestaaten schnell als Vermeidungsgut enttarnt werden. Zwar sind Risiken nur projizierte und konstruierte Variablen, dennoch sind sie handlungsleitend. Aufgrund der Sensibilisierung der Bevölkerung für Risiken wurden die Risikoindustrien recht schnell in Länder externalisiert, wo die mangelnde Abdeckung der Grundbedürfnisse noch Risikoblindheit verursachte. So berichtet Beck noch davon, wie in Drittweltländern die Arbeiter puderweiß von DDT sind. DDT ist ohnehin ein Paradebeispiel für Grenzwertbestimmungsprobleme und für die Externalisierung von Risiken in Drittweltländer.

DDT ist ein Insektizid, das lange Zeit als Kontakt– und Fraßgift benutzt wurde. Es hat nur sehr geringe Toxizität für Säugetiere und wegen einfacher Herstellungsverfahren war es jahrzehntelang das weltweit meistverwendete Insektizid. Aufgrund der chemischen Stabilität aber und der guten Fettlöslichkeit im Gewebe von Menschen und Tieren reicherte es sich bald in der Nahrungskette an. DDT verdächtigte man bald, beim Menschen Krebs auslösen zu können. Weltweit ist die Herstellung und Verwendung von DDT daher verboten (Stockholmer Konvention 2004). Es darf nur noch zur Vorbeugung gegen krankheitsübertragenden Insekten, von Malaria eingesetzt werden  (vergleich auch http://de.wikipedia.org/wiki/Dichlordiphenyltrichlorethan). Am DDT lässt sich sehr gut beobacht, wie Grenzwerte zunächst als zulässig bestimmt worden sind, dann aber in Langzeitanwendung Bedenken dazu führten, dieses Risiko zu externalisieren. In Drittweltländern wurde es dann stark genutzt. Auch aufgrund der Rückführung von DDT-Chemikalien durch belastete Importe wurde im Jahr 2004 DDT-Anwendung weltweit verboten.

Vergleichweise weiß niemand, wieviele Zwischenfälle es bei Kernkraftwerken geben muss, damit sich auch dort die Einsicht in ein weltweites Verbot durchsetzt. Am DDT wird der Fakt deutlich, dass die Risikoforschung immer der Realität hinterhinkt. Da die Folgewirkungen von DDT aber gut untersucht werden können und es sich nicht auf Einzelfälle wie bei Kernkraftwerken handelt, führt das Risiko eher zu einem Verbot der Anwendung. Bei AKW’s führen hingegen einzelne Kernschmelzen nicht zu einem notwendigen Umdenken.

Warum kann die Wissenschaft nicht vor Risiken warnen?
Die Wissenschaft funktioniert im Moment im Wesentlichen so, dass Plausibiltätsthesen aufgestellt werden, diese aber erst in ihrer Gültigkeit nachgewiesen werden, wenn sie denn auch empirisch bestätigt sind. Obwohl dieses Verfahren sehr gut ist, um sich Wahrheiten anzunähern, was Ziel der Wissenschaften ist, ist dieses Verfahren für den praktischen Umgang mit Risiken ungeeignet. Wenn Risken durch Grenzwertbestimmungen auf scheinbare Marginalien reduziert werden, können wir nämlich wissenschaftlich nicht mehr von Kausalzusammenhängen sprechen. Diese Beobachtungsebene der Wissenschaft (auf die wir alle beschränkt sind) schließt aber nicht aus, dass unter veränderten Betrachtungsbedingungen doch Kausalzusammenhänge bestehen. Der Abstand zwischen wahrgenommenen Risiken und tatsächlichen Risiken ist einfach nicht überbrückbar.

Was bedeutet die wissenschaftliche Beschränktheit für Restrisiken?

Extreme Risikodeutungen können im Falle der AKW’s durch Störfälle wissenschaftlich nicht mehr widerlegt werden. Dafür sind die Fallzahlen viel zu gering. Aus diesem Grunde erschüttert Fukushima auch nicht notwendig das Vertrauen in die Wissenschaft oder in die Technik der Kernkraftwerke. Die Risikobetrachtung ist sogar wissenschaftlich korrekt. Dieses bedeutet auch, dass eine Diskussion über das Restrisiko an sich keine argumentative Basis hat; vielmehr muss über die prinzipielle Unausschließbarkeit von Gefahren gesprochen werden, die zwar nicht kausal, dennoch aber möglich sind. Wenn sich nun zeigt, dass das AKW in Fukushima bereits vom Erdbeben und nicht erst vom Tsunami erheblich beschädigt worden ist, so müssen wir doch im Mindesten die vorherige Risikoberechnung hinterfragen und darauf verweisen, dass auch die Risikoberechnungen in Deutschland problematisch sind.

Fehler in der Technik geschehen durch Menschen?
Mein Freund Dairi Matsumoto, der seinen Doktor hier in Deutschland gemacht hat und nun wieder in Japan ist, vertritt die Meinung, dass die Technik fehlerlos sei, allerdings durch Menschen entscheidende Fehler entstehen würden. Dabei übersieht er aber meines Erachtens folgendes Problem: Es gibt keine Technik, die unabhängig vom Menschen existiert. Atomkraftwerke werden eben nach Risikodeutungen der Menschen gebaut und sind damit unweigerlich schon als unbeherrschbares Konstrukt errichtet. Wir produzieren Risiken.

Mit möglichen Störfällen in AKW’s sind Grenzen der Risikoproduktion erreicht, da die Folgekosten einer möglichen Katastrophe einfach nicht mehr verrechenbar sind. AKW’s müssten, so lauten einige Schätzungen, auf bis zu 10 Billionen Dollar versichert werden. Das übersteigt bei weitem das Bruttosozialprodukt fast aller Länder. Es würde immer hin 1/5 des weltweiten Bruttosozialproduktes bedeuten. Das dürfte aber hinreichend bekannt sein.

Doch noch etwas, was wir von Dörners Darlegung der Kul-Welt-Probleme wissen: Jeder technische Eingriff in die Natur kann mit Fern- und Nebenwirkungen verbunden sein. Nun also die Fehler bei der Tepco-Mangelwirtschaft zu suchen, mag zwar den Grund für das Versagen in Japan erläutern, widerlegt aber nicht prinzipielle Vorbehalte, die gegen Atomkraft und Technik angebracht werden können, nämlich eine mögliche Langzeitfolgewirkung.

Reflexivwerden der Moderne
Wo aber sammeln sich Risiken? Während sich Reichtümer oben sammeln, werden Risiken nach unten externalisiert. Doch auch diese Externalisierung hat ihre Grenzen. Belastete Textilien kommen so beispielsweise aus den Billiglohnländern zurück. Beck bringt es auf die polemische Formel: „Not ist hierarchisch, aber Smog demokratisch.“  Summierte Minimalrisiken schlagen irgendwann in die deutliche Gefahr um. So ist Strahlung nicht mehr auf Ländergrenzen begrenzt und Klimawandel erst recht nicht.


Insofern also die Industrie lange Zeit noch die Kosten für ihre Modernisierung externalisieren konnte, zum Beispiel technische Nebenfolgen in die nicht industrialisierten Länder verlagerten, so wird dies mit steigenden Risikopotentialen wie zum Beispiel bei AKW’s einfach nicht mehr möglich sein. Aber auch mit der zunehmenden Aggregation der Schadstoffe in der Luft müssen Gesellschaften erkennen, dass die Externalisierung ihre Grenzen in einer begrenzten Erde hat. Damit werden die Nebenfolgen der Industrialisierung für die Gesellschaft rückwirkend ein Problem. Die Moderne wird, um mit Beck zu sprechen, reflexiv. Da wir aber die Risiken nicht erschöpfend kennen können, haben wir tatsächlich ein Problem des Unwissens und dieses ist ernüchternd. Dennoch gibt unser Möglichkeitssinn ein Gefühl für die Frage, wie wir uns verhalten sollten. Auf Risikotechnologien daher eher zu verzichten, muss ein normatives Ideal für unsere Handlungen sein. Dieses Ideal wird allerdings dort nicht befolgt, wo Risiken industriell ausgeschöpft werden. Wir können zwar nicht prinzipiell Risiken beseitigen, doch dort wo unser Umweltbewusstsein mitschwingt, können wir wenigstens versuchen, die großindustrielle Ausschöpfung von Risiken zu kritisieren. Denn (das wäre noch ein eigentständiger Punkt, den ich hier aber nicht erörtern möchte) hohe Risiken versprechen hohe Gewinne, da Produzenten als Verursacher aufgrund geringer Kausalität nicht mehr belangt werden können oder aber mit hohen Restrisiken eine Art russisches Weltroulette spielt (als Konsequenz ergibt sich damit auch, dass ich für Menschen, die durch das Eingehen hoher Risiken Reichtum erzeugen, Unverständnis habe, auch wenn sie viel dafür geleistet haben. In unserer Gesellschaft sollte eher Leistung als russisches Roulette belohnt werden.)

Soviel zu Beck. Lieber Leser, dieser lange Anlauf war nötig, denn mit all diesem theoretischen Rüstzeug will ich meine Beitrage über Fukushima überdenken und neue Überlegungen darüber anschließen. Das Thema ist ja fast aus der Öffentlichkeit verschwunden, dennoch ist das Restrisiko dort am besten zu beobachten und es bestehen auch noch Risiken. Dieses möchte ich demnächst nochmal andenken.

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