Das Risiko begrenzen? Becks Kritik an Grenzwerten (Risikophilosophie)

risk of death
Wie sollen wir die Gefahr begrenzen? Foto von Haury

Grenzwerte sind nun tatsächlich eins der problematischsten Kapitel an unserem Risikomanagement, denn wie kommen wir überhaupt zu den Grenzwerten? Die Relativität dieser Grenzwerte ist teilweise erschreckend und es ist unklar woher der Maßstab für diese kommt.
Dass Grenzwerte, die im Tierversuch ermittelt werden, problematisch sind, sollte jedem bereits bewusst sein. Bis auf Tiger hat man wohl mittlerweile schon so gut wie jede Rasse auf Ähnlichkeit zum Menschen untersucht. Selbst Elefanten waren nach Beck wohl schon im Gespräch. Problematischer ist aber, wie uns die Grenzwerte überhaupt etwas sagen sollen. So wird zum Beispiel naturwissenschaftlich eine Schadstoffverteilung veranschlagt, soziale Gefährdungslagen werden aber nicht berücksichtigt. Im Mittel sind Deutsche Bürger zum Beispiel nur geringer Bleibelastung ausgesetzt. Was bedeutet das aber? Wenn zwei Männer einen Apfel haben, so Beck, und einer ist einen, haben beide einen halben Apfel gegessen.


Gemittelt kommen wir natürlich zu anderen Gefährdungslagen, wichtig ist aber die Gesamtheit der Schadstoffkonzentrationen. Wir können daher nicht ausschließen, dass sich untere Gesellschaftsschichten ganz anders vergiften als reichere. Unsere Gesellschaft ist im Mittel vielleicht wenig belastet. Einzelne Exemplare unsere Gattung werden aber als Versuchstiere in Langzeitstudien verbraucht.

Ich verstehe Beck nun so, dass wenn wir auf allen Ebenen die einzelnen Grenzwerte senken, wir bei den dann vorkommenden minimalen Schadstoffkonzentrationen statistisch kaum noch Korrelationen nachweisen können. Wie im letzten Artikel dargestellt, gilt es dann als Qualitätsplus der Wissenschaften, darauf zu bestehen, dass hier kein gesicherter Zusammenhang bestehe. Die Mikrowelle, das Handy, die Spritzstoffe für Gemüse, die Zusatzstoffe im Essen, die Autoabgase, das Ozon, die Spülmittel, die Medikamente überall summieren sich aber, so Becke, die „Unbedenklichkeiten bedenklich“. Beck spricht von einer Giftmörderbande, wo vor Gericht keiner zur Verantwortung gezogen werden kann, da ja alle im Rahmen der zulässigen Grenzwerte niemanden vergiftet haben. Das „Endsammelbecken“ Mensch wird dabei zum möglichen Wechselwirkungsort aller Stoffe, die zusammen kommen. Empirisch lasse sich da kaum noch etwas nachweisen. Da die Unbedenklichkeiten, denen wir aber täglich ausgesetzt sind, in der Summe fragwürdig sind, schlussfolgert Beck: Wer die Verschmutzung an einer Stelle begrenze, habe einer allgemeinen Verschmutzung sogleich zugestimmt. Grenzwertdefinition basieren daher auf der Irrannahme des Einzelvorkommens eines Grenzwertes. Ein gesamtgesellschaftlicher Umgang aber ist kaum diskutabel. Im Grunde müsste eine Erforschung von ungiftigen Stoffen erfolgen und nicht die Ermittlung von Grenzwerten.

Organisierte Unverantwortlichkeit
Gleichzeitig lässt die Wissenschaft, die der Politik Grenzwerte vorlegt, das Verursacherprinzip verschwinden. Die Schadstoffgehalte in der Luft kommen aus vielen Schloten, die Schadstoffe in unserem Essen von vielen Akteuren. Wer nun auf die Kausalität besteht, findet plötzlich keinen Verursacher mehr. Die Wissenschaft unterstützt diese ungesicherten Kausalzusammenhänge. Rationalität verwandelt sich in Irrationalität. Auf einmal stehen wir nur noch vor dem generalisierten Anderen, dem System, was nichts mehr mit seinen Akteuren gemein hat. Die organisierte Unverantwortlichkeit nimmt ihren Lauf. Im Falle eines ökologischen Desasters kann dann mit Bedacht das „Schwarzer-Peter-Spiel“ gespielt werden. Denn letztlich war es tatsächlich niemand. Dieses ist die Insitutionenkrise die Beck beschreibt.
Die Institutionen müssen also irgendwo sozial wieder zurückintegriert werden. Beck schlussfolgert in Anlehnung an Kant daher: „Wissenschaft ohne soziale Rationalität bleibt leer, soziale ohne wissenschaftliche Rationalität blind.“


Die Grenzwertanalyse gehört wohl zu Becks überzeugensten Abschnitten in „Risikogesellschaft.

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Becks Überlegungen zur Risikoproduktion in der Wissenschaft – Wie Gesellschaften sich selbst verschaukeln

Compania Engranaje
Verschaukeln wir uns selbst? Foto von sulamith.sallman

Im letzten Beitrag haben wir uns mit Restrisiken hinter der Grenze des menschlichen Verstehens auseinandergesetzt. Im Schatten unserer sozialen Wissensbildung (denn antropogenen Klimawandel und Ozonlöcher kennen wir durch gemeinschaftliche Anstrengungen) lagert das unzerstörbare Nichtwissen. Dieses Nichtwissen war lange Zeit ein abgetrennter Teil des Menschen in der Natur. Nichtwissen wurde zumeist für uns erst dann relevant, wenn es uns potentiell gefährlich sein konnte. Die Idee mit den institutionellen Techniken der Wissenschaft dieses Nichtwissen, gelagert in der Natur, zu beherrschen, produzierte aber dann den Schatten der Technik, in dem die von uns selbst produzierten Risiken lagerten. Eine Konsequenz die Dörner mit seinen Überlegungen zur Beherrschbarkeit von Kul-Welten womöglich nicht gesehen hat, ist, dass es sich vielleicht um mehr als ein Problem unseres intuitiven Verständnisses von Welt handelt, nämlich vielleicht um ein institutionelles Problem unserer Technik und damit vielleicht auch um ein nicht lösbares Problem. In diesem Artikel will ich mich zunächst mit Becks Überlegungen zum institutionellen Problem beschäftigen. 

Was sind die sozialen Ursachen von Risiken?
Beck nimmt hier in seiner Diskussion vor allem eine Institutionenkrise ins Visier. Demnach verhandeln vor allem Politik und Forschung Risiken. Beck schreibt:

 „Die Verwandlung der ungesehenen Nebenfolgen industrieller Produktion in globale ökologische Krisenherde ist gerade kein Problem, der uns umgebenden Welt – kein sogenanntes ‚Umweltproblem‘ -, sondern eine tiefgreifende Institutionenkrise der ersten, nationalstaatlichen Industriemoderne selbst.“(Beck 1996: 131)

Beck meint zunächst, dass das Katastrophenpotenzial verursacht wird durch unsere Modernisierung. Das ist ja keineswegs strittig. Warum wir die Risiken dieser Modernisierung aber nicht in den Begriff bekommen, liegt an der Struktur unserer Institutionen. Dieses wollen wir zunächst klären.

Risiken basieren auf kausalen Interpretationen und sind damit offen für soziale Definitionsprozesse (wie bereits im letzten Beitrag zu den Restrisiken hinter der Grenze des menschlichen Verstehens gezeigt). In diesem Sinne bestimmt das Bewusstsein tatsächlich das Sein der sozialen Handlungsmöglichkeiten; wir haben es mit einem Konstruktivismus zu tun. Hier aber liegen Schwierigkeiten. Angesichts komplexer Welten, können wir die Ursache-Wirkungs-Relation nicht mehr genau beobachten; Kausalität kann daher nur zu gewissen Graden angenommen werden, bleibt aber dennoch unsicher und nur vermittelt. An dieser Stelle der Vermittlung setzen die Mechanismen von Wissenschaft, Politik und Medien ein. Dabei analysiert Beck zunächst die Wissenschaft, worauf ich auch mein Hauptaugenmerk richten möchte:

Wie produzieren Wissenschaften Risiken?
Fehler in der Wissenschaft bedeuten vielleicht einen Kratzer am Lack der Reputation auf, der anderen Seite aber treten bei den Betroffenen durch Fehler irreversible Schäden auf. Die individuelle Karriere steht daher oftmals dem menschlichen Wohl im Weg. In der Gentechnik kann die Wissenschaft ganz froh darüber sein, dass sie nicht mehr auf ihre praktischen Konsequenzen bezogen ist, denn angesichts der produzierten Risiken müssten Forscher eher zurückschrecken, genmanipulierten Mais raus auf das Feld zu bringen. Daher ist es auch ganz nützlich, dass der Begriff „Risiko“ vor allem einen ungesicherten Kausalzusammenhang beschreibt. Fragen wir uns doch noch mal, was ein Risiko eigentlich ist? Beschreiben wir es mal auf einer semantischen Ebene: Ein Risiko ist ja keine Wirklichkeit, sondern beschreibt eine Möglichkeit, die niemand als wirklich annimmt. Ein Geschäftsunternehmer beispielsweise geht ein Risiko ein, weil er glaubt, es schaffen zu können. Würde er davon ausgehen, dass die Gefahr eintreten würde, so würde er das Risiko nicht in Kauf nehmen. Ein Risiko ist daher gerade das, was ungesichert gilt. In der Wissenschaft nun ist ein Bestehen auf ungesicherte Kausalzusammenhänge ein Qualitätsplus. Ein Wissenschaftler warnt daher nicht vor Risiken, da es für die Realität derselben ja keine Beweise, keine Kausalität gibt, sondern nur die Möglichkeit in Betracht gezogen wird. Es ist nur eine angenommene Möglichkeit, mit diesen aber argumentiert die Wissenschaft nicht. Dieses führt nun nur zu einer Minimierung der wahrgenommenen Risiken und nicht zu einer Minimierung der tatsächlichen Risiken durch Wissenschaft. Das ist recht problematisch, weil wir uns nun vergegenwärtigen müssen, dass insofern uns die Wissenschaften Kausalitäten nachweist, wir dies ernst nehmen müssen, umgekehrt aber gilt nicht, dass die wir die Wissenschaft ernst nehmen können, wenn sie keine Korrelationen oder Kausalitäten entdeckt.

Je höher die Gütekriterien der Wissenschaft also, desto geringer sind prognostizierte Risiken.
Mit der Wissenschaft bekommen wir also Informationen aus zweiter Hand. Gleichzeitig flutet uns die Wissenschaft nach Beck mit selbstungewissen, zusammenhanglosen Detailergebnissen und machen auch noch ihre Interpretation schwierig. Hinzu kommt, da die Wissenschaftler nicht mehr bezogen sind auf die praktische Anwendung ihrer Technik, Lernerfolge hinsichtlich von Restrisiken verunmöglicht werden. Risiken fallen schließlich durch das Sieb einer Überspezialisierung von isolierten Laborweltenwissenschaftlern in ihren Mondlandschaften.
Die Defintitionsvielfalt der Wissenschaften wird hier zu einem Pluralisierungsrisiko. Ursachen verkrümeln sich so im Diskurs und Gegendiskurs dieser Wissenschaften. Beck schlussfolgert je nötiger wir die Wissenschaft haben, desto unmöglicher wird es ihr, Kausalzusammenhänge darzulegen.

Becks Buch ist aufgrund solcher Analysen trotz seiner zeitweiligen Unübersichtlichkeit durchaus zu empfehlen:

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Sind Risiken kalkulierbar? Vom Risiko des Restrisikos

Was ist ein Risiko?

Risk to fall
Be-inhaltet Aufstehen zu viele Restrisiken?

Rein mathematisch betrachtet ist ein Risiko der statistische Erwartungswert eines Ereignisses multipliziert mit den Kosten bei Eintritt des Risikofalls. Diese Berechnungsgrundlage ist ganz hilfreich, denn nach dieser Kosten-Nutzen-Kalkulation kann zum Beispiel die Anhebung einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h auf 50 km/h kalkuliert werden. Wir können politisch etwas inkorrekt hier sogar deutlich machen wieviel ein Toter in Minuten bedeutet. Wir könnten alle Verkehrstoten in Deutschland zählen und mit der Geschwindigkeit von überall 30 km/h verrechnen und wüssten wie viel uns schnelles, individuelles Reisen heute bedeutet. Gut das ist übertrieben. Kalkulierbare Risiken machen es uns einfacher, mit Problemen umzugehen. Und diese Forschung hat Frankreich im 19. Jahrhunderte an die Spitze der Casinobranche befördert.


Die Handhabbarkeit von Risiken gilt aber nur für Fälle, da das Risiko leicht berechenbar ist. Bei Atomkraftwerken ist es unwahrscheinlich schwierig einen Erwartungswert für schwere Störfälle zu generieren (das Lieblingswort der Bloggerszene übrigen, weil neuerdings wird alles generiert: Traffic, Content, Besucher, Bildung. Wir können alles generieren. Das Legowort, das überall passt, aber das nur um noch was am Rande zu generieren). Störfälle haben die Eigenschaft selten aufzutreten und dadurch sind wir darauf angewiesen, die möglichen Störvariablen zu kennen. Unterschiedliche Expertenteams kommen nun aber zu unterschiedlichen Einschätzungen des Risikos, was darauf deuten, dass wir die Störvariablen vom gesellschaftlichen Hintergrund her abschätzen. Das spricht nicht gerade für die Naturwissenschaft. Die Anwendungsbereiche der Naturwissenschaft sind daher noch begrenzt. Natürlich will diese irgendwann alles erklären. Die Frage, ob das möglich ist, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Naturwissenschaft auch an den Grenzen an Aussagekraft verliert.

Ebenso ist übrigens die Tatsache, dass Kraftwerke nicht versicherbar sind, ein Hinweis darauf, dass auch die Kosten aufgrund von zu vielen Störvariablen nicht kalkulierbar sind. Daher kommt hier unsere Risikoforschung an eine Grenze und auch die Wissenschaft, denn diese kann keine gesicherten Kausalzusammenhänge aufweisen. Bei ungewissen Risiken in Kul-Welten gibt es keine statistisch auswertbaren Daten und keine eindeutigen Strategien. Womöglich sollten wir daher auf Hochrisikotechnologien verzichten? Das Problem aber ist, dass unsere Welt schon so mit Risiken durchsetzt ist. Risiken sind unvermeidbar geworden. Leben an sich, aufstehen ist gefährlich und ich kann nicht abschätzen, ob die Weichen schon gestellt sind., ob das Kind vielleicht schon in den Brunnen gefallen ist Es ist das Risiko des Risikos, das nicht zu wissen.

Für alle die mehr wissen wollen, kann ich natürlich Becks „Risikogesellschaft“ empfehlen, muss allerdings hinzufügen, dass es nicht sonderlich gut strukturiert ist, sondern eher aphoristisch daher kommt. Der Vorteil ist: Es gibt viele Zitate, die man sich rausschreiben kann ;)

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Umweltwissenschaft zwischen Realismus und Konstruktivismus – So objektiv wie ein Objektiv?

Ein wesentlicher Fehlschluss ist wohl die Aussage von Ökofans, dass die Erde den Menschen nicht verdient habe, gefolgt von dem Witz, wie zwei Planeten sich treffen, wobei der eine gerade die Krankheit „Mensch“ hat und der andere ihm erklärt, dass das vorbei ginge. Dennoch eine Natur-an-sich als Selbstwert zu setzen, würde einen unzulässigen naturalistischen Fehlschluss bedeuten, da aus dem Sein einer Welt ein Sollen abgeleitet werden würde. Nur weil es aber in der Welt zum Beispiel Evolution gibt, heißt das nicht, dass damit ein Sozialdarwinismus gerechtfertigt wäre. Dass bloße Sein der Welt, spricht nämlich auch nicht für die Rechtmäßigkeit ihres Daseins. Umwelt ist keineswegs aus sich selbst heraus normativ, andernfalls müssten wir mehr noch als die die Mönche des Jainismus, die ständig mit Handfeger herumlaufen und alle Natur aus ihrem Weg kehren, uns selbst aus der Welt kehren. Diese Möglichkeit der Verneinung im Menschen wird nie konsequent genutzt, denn konsequent wäre diese Argumentation mit der Negation seiner selbst im Selbstmord. Stattdessen werden potentielle Verwandte instrumentalisiert: „Ich will keine Kinder, da die Welt den Menschen nicht verdient hat.“ Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob solche Kinder Eltern verdient hätten, die so etwas sagen. Eltern die wegen der potentiellen Schlechtigkeit der Kinder sich gegen sie entscheiden, sind doch wohl wirklich merkwürdig oder?

Verhandlungsbasis „Mensch“

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Naturwissenschaft: So objektiv wie ein Objektiv? Fot von Kriechstrom

Aber ist der Mensch nicht selbst ein Stück Natur und müsste dieses Stück Natur dann nicht auch normativ sein? Auch die radikale Ökologie kann daher nicht ohne Verhandlungsbasis „Mensch“ eine Kritik begründen. Alternativ zur Normativität der Natur-an- sich von Ökofans gesellt sich die Objektivität der Erforscher der Natur-an-sich, den Naturwissenschaften. Diese Sperrspitze des Realismus soll uns sagen, was Sache ist. Diese Naturwissenschaften allerdings, die sogleich die Natur als abgetrennt von der Menschheit sehen, gehen von einer prinzipiell beherrschbaren Welt aus, die man sich mit den richtigen Formeln, Geräten und Schwellwerten Untertan machen kann. Aber ist Naturwissenschaft so objektiv? Die französischen Kernforscher schätzen die Risiken der Kernkraft zum Beispiel ganz anders ein als die deutschen Kernforscher. Sollten die Forscher hier nicht zu einem einheitlichen Votum kommen, wenn die Wissenschaft selbst objektiv ist? Kann die Naturwissenschaft mithin tatsächlich Weltdeutung leisten? Kann sie die Natur-an-sich kennen? Beinharte Realisten würden diese These bis aufs Messer verteidigen.

Kulturelle Deutungen in der Naturwissenschaft
Irgendwo aber mischen sich auch bei den so nüchternen Naturwissenschaftlern kulturelle Deutungen mit ein. Kulturelle Deutungen sind immens wichtig für die jeweilige Ausprägung des Umwelthandelns. Während in Deutschland zum Beispiel die Abschaltung der AKW’s gerade beschlossen wird, denken die Japaner darüber nach, wie man Atomkraftwerke nun ein für alle male sicher machen kann (wobei die Fragen der Endlagerung noch nicht einbezogen sind). Beck folgert daher ganz kantisch und richtig: Naturwissenschaften ohne soziale Rationalität seien leer.

Dieser Aussage setzt er aber auch entgegen, reine soziale Rationalität ohne Naturwissenschaften sei blind. Denn ohne die partielle Aufklärung der Naturwissenschaften (egal wie weit sie nun konstruktivistisch oder realistisch sind) würde es auch kein Ökologiebewusstsein geben. Erst die Naturwissenschaft hat das Ozonloch größeren Öffentlichkeiten zugänglich gemacht, die sich dann entschied, dagegen zu agieren. Die Umwelt, in der wir handeln, ist gefährlich. Aber diese Gefahren müssen erst erkannt und so konstruiert werden. Die Frage ist nur: Welche Teile der Realität bearbeiten wir gerade? Können wir Kul-Welten durch Mathematik so reduzieren, dass wir alle Gefahren erkennen? Es könnte zum Beispiel sein, dass gewisse Ausstöße unserer Industrie noch gar nicht als Risikopotenzial eingeschätzt werden, aber erst in einigen Jahrzehnten ihre Entdeckung finden werden.

Wir sind uns also soweit einig, dass es reale Gefahren der Modernisierung gibt. Wie wir uns dieser aber bewusst werden, haben wir noch nicht einmal angefangen zu bedenken. Und hier sind wir eben bei einer konstruktivistischen Position, die nicht besagt, dass es nur das gibt, was wir uns vorstellen, sondern dass wir nur das kennen können, was wir selbst konstruieren (ganz kantisch also). Wir müssten nun überlegen, ob es bessere Möglichkeiten gibt, mit den potentiellen Gefährdungen, also den Risiken, umzugehen als die bisherigen. Zugegeben dabei bin ich auch etwas ratlos, daher ist es vielleicht sinnvoll, zunächst die Risikoproduktion genauer zu durchdenken.

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Der Mensch als Risikofabrikant (Becks Risikogesellschaft)

Risk Factory
 Finanzindustrie vergibt Großauftrag – Foto von Kyz

Da wir nun in komplexe Welten eingreifen (KUL-Welten) geht Ulrich Beck davon aus, dass Gefahren sich darin räumlich, zeitlich und sozial nicht mehr vollständig eingrenzen lassen. Gefahren verschwimmen an den Grenzen unseres Wissens und des Wissbaren. Sie werden zu Risiken; überall, zugleich betreffen sie einfach alle. Wir kennen Fernwirkungen und Nebenwirkungen nicht mehr genau. Kausalitäten lassen sich nicht mehr eindeutig zuordnen.

Risiken, die wir hier eingehen, sind dabei keineswegs Wirklichkeit, sondern wesentlich Möglichkeit. Es ist etwas womit jeder rechnen muss, aber eigentlich niemand rechnen will. Außer die Finanzindustrie, die zu gewissen Graden ein Dealer der Risiken geworden ist. Gerade das Unberechenbare bietet sich als Form eines seriösen Wettmarktes an. Risiken sind daher erwünscht. Welches Risiko besteht aber bei Eingriffen in die Natur? Wir sehen ja keine direkte Gefahr, ansonsten würden wir die Finger davon lassen. Was meinen wir also mit Risiko?

Wir meinen die Unsicherheit, die wir uns bei jeder Handlung unter Unsicherheit stellen müssen. Die Antwort über die Größe des Risikos aber hängt ab von kulturellen Einflüssen und Interpretationen, denn wir beziehen uns nicht mehr auf die Natur an-sich, sondern diese hängt, wie im Artikel über die Konstruktion der Natur gezeigt, von den Interpretationen der gesellschaftlichen Gruppe und den Lebensräumen ab. Damit aber bewegen wir uns im Rahmen von konstruierten Wirklichkeiten, die vielleicht entscheidende Details weglassen. Welche Variablen isolieren wir und welche haben wir womöglich vergessen?

Auch die Gefahr ist abhängig von der Lebensweise des Menschen
Aber nicht nur das Risiko, sondern auch schon die Gefahr ist ursprünglich in Abhängigkeit von uns strukturiert. Unter dem Eindruck der Gefährlichkeit deuten wir Umweltphänomene um. So wird ein Erdbeben auf der Erde zu einer Katastrophe, während Wüstenstürme auf dem Mars eigentlich niemanden interessieren. Natürlich was unser Leib und Leben gefährdet ist eine Gefahr. Damit sind Gefahren nicht direkt konstruiert, aber dennoch werden die Gefahren indirekt von der Gesellschaft konstruiert. Im gesellschaftlichen Maßstab transformiert sich ein nüchterner Prozess in ein gefährliches Ereignis. So sind Tsunamis zum Beispiel deswegen ein Problem, weil wir Gesellschaftsgruppen haben, die zu nah am Wasser gebaut haben. In diesem Sinne ist die Realität der Bedrohung vom Konstruktionspotenzial der Menschen abhängig. Zu einem gewissen Maße entscheidet die Menschheit, welche möglichen Gefahren sie in Form von Risiken bereit ist, einzugehen. Risiko und Gefahr sind daher zu gewissen Graden auf das Verhalten von modernen Gesellschaften zurückzuführen. Sie sind selbst fabriziert.

Die Natur der Gesellschaft oder die Gesellschaft der Natur? – Zum Dualismus
Aufgrund verschiedener Lebensstile und gesellschaftlicher Gruppen gibt es verschiedene Naturwahrnehmungen (das haben wir ja schon ausführlich unter „Haben Sie schon die Natur gesehen“ dargelegt): Die sensible Natur der Umweltaktivisten, die Natur des Touristen, die robuste Natur des Managers und wesentlich für unsere Überlegungen die Natur der Naturwissenschaftler. Nach Beck interessiert uns die Natur an sich jedoch relativ selten (vielleicht den einsamen Sternenforscher in der Sternwarte, wenn er nicht gerade vom weltweiten Ruhm träumt oder ein Sternensystem für die eingeschränkte Ewigkeit der Menschheit nach sich benennen möchte), sondern uns interessieren in der Regel nur verschiedene Vergesellschaftungsformen und symbolische Vermittlungen der Natur. Eine Erkenntnis ohne Interesse scheint mir schwerlich vorstellbar (ich folge dabei Habermas‘ grundlegender Streitschrift der 60er Jahre „Erkenntnis und Interesse“). Natur und Gesellschaft verschmelzen daher nach Beck, was das Erkenntnisproblem dramatisch verschärft. Wir haben es nicht mehr mit einem Ingenieur zu tun, der sich überlegt, wie er mit konkreten Problemen umgeht, sondern wir denken darüber nach, wie die Menschheit eigentlich Gefahren und zwar nur durch Anwesenheit produziert und dann auch Gefahren fabriziert, wenn versucht wird einzugreifen. Wir haben daher zwei Gefahren, die Gefahren, die wir durch bloße Anwesenheit hervorrufen und dann die Gefahren, die wir durch konkretes Verhalten als Risiken aufbrinen. Da wir sowohl die Natur als auch die Folgen unseres Verhaltens nicht kennen, sind wir vor eine doppelte Ungewissheit gestellt.

Becks Risikogesellschaft
Das Relfexivwerden der Moderne in Form des Umweltbewusstseins zeigt diese Bewegung unserer Gesellsschaft. Atomschlagartig ist es für Politik und Industrie auf einmal wichtig, auf die Umwelt zu achten. Wenn die Industrie daher mit Rücksicht auf die Umwelt produziert, so können wir hier von einer Reflexion sprechen. Dennoch sind diese Reflexionen institutionell zu gewissen Teilen fehlgeleitet. Hierzu lese ich gerade das Buch „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck. Morgen gibt es mehr dazu.

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Haben Sie schon mal die Natur gesehen? Überlegungen zum sozialen Wissen von der Natur

 

Earth Asia Terminator View
Was können wir über komplexe Welten wissen?

Der Weg vom Kopf zur Hand ist lang. Es bedeutet, dass eine Veränderung des Umweltbewusstseins nicht zu einer Veränderung des Umweltverhaltens führt. Diese Einsicht steht in der Soziologie für die generelle Theorie der Einstellungs-Verhaltens-Relation. Teure Aufklärungskampagnen erzielen daher nur minimale Effekte bei Verbrauchern. Inwieweit können wir also nun Verbraucher zum nachhaltigen Umwelthandeln bewegen?

Durch Sanktionen und Anreize lautet die Lieblingsantwort der Rational-Choice-Theoretiker. Sanktionen und Anreize werden aber nur erhoben, wenn auch politischer Wille gegeben ist, zum Beispiel der Wille, Klimaziele einzuhalten. Der politische Wille aber ist wieder umgekehrt von den Einstellungen der Bürger abhängig. Daher kann es nicht Unsinn sein über Umweltbewusstsein zu reden, denn beim Einzelnen hat es vielleicht keine Konsequenzen, aber es hat Auswirkungen auf die Gestaltungen der Rahmenbedingungen unseres Systems. In anderen Worten: Das Verhalten des Einzelnen ist nicht so wichtig wie seine Einstellung.


Nachdem wir also die Intuitionsprobleme Dörners im Hinblick auf KUL-Welten analysiert haben, kommt nun die eigentliche Schwierigkeit. Die Frage, wie wir die KUL-Welt überhaupt, nämlich unsere Erde, in den Blick bekommen und wie wir als Gesellschaft reagieren auf mögliche Umweltprobleme. Ich glaube daher nicht, dass Dörner nur ein Intuitionsproblem diskutierte, so wie Klaus Waldmann eine mögliche Interpretation vorschlug. Nach Dörners Darlegungen im Band zur Umweltsoziologie denke ich, dass auch die Frage, wie wir strategisch mit KUL-Welten umgehen zur Debatte steht.

Dualismus von Natur und Gesellschaft
Während sich Ingenieure mit den dramatischen Schwierigkeiten in Drittweltländern herumschlagen, dabei aber Bedingungen des Handelns noch gut isolieren können, kommen wir zu der Frage, wie wir mit einem überkomplexen von uns konstruierten System umgehen. Dieses wird in der Umweltsoziologie sogar so weit gefasst, dass wir nicht nur von einer abgetrennten Natur sprechen, sondern von einer Natur, die nur vergesellschaftet und symbolisch vermittelt existiert. Zum Beispiel die Natur des Manager, des Touristen, des Naturwissenschaftlers oder des Öko-aktivisten. Dieses erschwert nochmals die Bezugnahme auf die Natur, weil es sie als offenen Gegenstand, der nur in Gesellschaftskreisen existiert, nochmals komplexer macht. Warum das? Nun wissen Sie, was Realität ist? Wir kennen doch nur einen Teil von der Welt, aber wollen diese sogleich doch so behandeln als wüssten wir, wie sie funktioniert. Weil wir aber die Natur als Ganzes nur annehmen, können wir die Natur nicht mehr als Gegenstand außer uns behandeln, sondern behandeln auch immer zugleich die Natur, wie sie für uns als Bewusstsein erscheint. Genau genommen behandeln wir auch unser Bewusstsein, so wie Hegel es dachte, dass wer einmal angefangen hat Wissenschaft zu betreiben, bei den ständigen Korrekturen durch das wissenschaftliche Arbeiten, irgendwann vom Selbstbewusstsein zum absoluten Geist kommen würde. Wir diskutieren hier also vorrangig unsere Vorstellungen von der Natur und nicht die Natur. Diese Vorstellung von der Natur werden ständig im Verbund mit hinzukommenden Vorstellungen korrigiert, so dass wir nicht in einen bodenlosen Konstruktivismus abdriften. Zwar ist uns das An-Sich der Natur nicht zugänglich, aber es wirkt im Hintergrund unseres beständigen Korrigierens unserer Betrachtungen und Bezugnahmen. Beim Umwelthandeln müssen wir also auch immer unsere Gesellschaft und ihren Bezug auf die Natur verstehen.

Wir wollen also unsere gesamte Gesellschaft verstehen, die untrennbar mit dem Schicksal der Natur verbunden ist und selbst nochmal ein Stück zweiter Natur ist, daher fragen wir vereinfacht: Wie kommt unsere Gesellschaft zum Umweltbewusstsein? Wie gewinnt das Umweltbewusstsein der Bürger Einfluss auf die Politik? Wie kann die Politik Umwelt behandeln, wenn sie denn nur nach unseren Vorstellungen von der Natur reagiert? Ich möchte zunächst die erste Frage thematisieren (ich weiß nicht, ob ich irgendwann die anderen Fragen behandeln kann):

Die Vorstellung der Natur als endliche Kugel
Wir müssen doch überlegen, dass das Umweltbewusstsein schon allein eine herausragende Leistung der Moderne ist. Ein Mensch im Mittelalter dachte wohl noch, dass die gesamten Ausdünstungen, die die Menschheit produzierte, wohl eher in der Unendlichkeit der Welt und des Alls verdampfen würden. Als die Welt noch so groß war, dass sie nur als Scheibe einen Sinn „machte“, gab eine scheinbar unerschöpferliche Natur selten Anreize über diese als Ganze nachzudenken. Aber das Unendliche wurde mit Kolumbus und später mit den Blicken von Nils Armstrong auf den blauen Mutterplaneten nach und nach durch Begriffe der Endlichkeit ersetzt. Heute glaubt doch nur noch der rein profitbesessene, hartgesottene, amerikanische Republikaner an die Unerschöpflichkeit der Natur. Da es für viele schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist, müssen wir nochmal überlegen, dass Umweltbewusstsein keineswegs selbstverständlich ist und dann stellt sich ja auch noch die Frage, welches Umweltbewusstsein wir wollen.

Global Warming. The Earth became the newest Waterworld.
Wir wissen vielleicht dass die Erde eine abgeschlossene Kugel ist, behandeln sie aber wie eine grenzenlose Scheibe Foto von Cherrylynx

Die Frage nach dem Weg von Öffentlichkeit mit Umweltbewusstsein zu einer Politik sind nun sehr komplex. Luhmann betrachtet zum Beispiel die verschiedenen Systeme Politik und Öffentlichkeit als unterschiedlich codiert (Ein Bankautomat versteht zum Beispiel nur Zahlen und Nicht-Zahlen. Wenn der Bankautomat nicht-zahlt, so haben wir keine Möglichkeit das mit dem Bankautomaten auszudiskutieren. Wie wir kommunizieren und Bankautomaten sind unterschiedliche Systeme.) Auch die Politik sei demnach binär codiert (Wiederwahl oder Nichtwahl) und reagiere daher nach ihren Systembedingungen. Die Diskrepanzen bei den Bürgern zwischen langfristigen Wünschen nach umweltgerechten Bedingungen des Lebens und deren kurzfristigen Interessen an finanziellem Wohlstand lassen Entscheidungen der Politik eher in Richtung Wirtschaft tendieren, da Legislaturperioden ja relativ kurz sind. Dieses zeigt sich im Übrigen, dass in Phasen des Wohlstands Menschen das Umweltthema in politischer Hinsicht als höher bewerten und die Politik Umweltthemen eher auf die Agenda hebt. Nach Luhmann hat das Politiksystem daher nur eine geringe Resonanz für das System der Öffentlichkeit und nur in Ausnahmesituationen öffnen sich diese Systeme.

Soziales Wissen von der Natur
Dieses Thema aber müsste noch gesondert bearbeitet werden. Bevor wir allerdings als Bürger etwas von der Politik erwarten, steht die Frage aus, wie wir gesellschaftlich Umweltprobleme überhaupt in den Blick bekommen. Da diese Umweltprobleme als Bestandteil von KUL-Welten nicht direkt wahrnehmbar sind, ist hier eine Vermittlung durch Medien und eine Darlegung aus der Wissenschaft nötig. Dieses aber bedeutet auch, dass wir keine sinnliche Gewissheit mehr von der Umwelt erlangen. Wir denken über sprachliche Konstrukte nach, die sich nach wissenschaftlichen Methoden irgendwie auf Welt beziehen sollen. Wir erzeugen das Wissen über die Natur sozial. Ich nenne es daher soziales Wissen. Wir erzeugen wir aber dieses Wissen? Wenn es zum Beispiel nur noch um geringe CO2-Konzentrationen ist es weither mit eindeutigen Kausalitäten. Wir gehen dann eher von Grenzwerten und Risiken aus. Dieses möchte ich später diese Woche in den Blick heben.

Amerikaner und der Klimawandel
Das heißt nun, wenn Wissen sozial ist, dass der Wissensstand von der Gesellschaft abhängig ist. Und tatsächlich: Im Denken eines durchschnittlichen Europäers ist der antropogene Klimawandel zum Beispiel beschlossene Sache, während bis zu 50% der Amerikaner noch nicht mal an Klimawandel glauben. Es gibt Reportagen, die die Argumente von Klimaskeptikern so gut verdichten, dass selbst der gut gebildete Bürger das Gefühl bekommt, Klimawandel gibt es nicht. Ich habe mich mit diesem Problem auf einem anderen Blog (der grüne Planet) auseinandergesetzt. Da selbst der IPCC (Intergovermental Panel of Climate Change) medial diskreditiert wird (es heißt, es werden nur Wissenschaftler, die die These des antropenen Klimawandels vertreten, ausgewählt und Gegenstimmen verschwiegen), stellt sich die Frage, warum wir uns einbilden, über Klimawandel Bescheid zu wissen. Viele meiner Freunde (Biologen, Physiker, Mathematiker) argumentieren dann schnell, dass dies so offensichtlich wäre, so als würden wir uns ans Fenster stellen und die Hitzewellen und Feuerstürme am Horizon sehen. (An anderen Tagen wird dann im Übrigen die Frage diskutiert, wann es mal wieder richtig Sommer werde, so wie er früher einmal war.) Offenbar ist der Klimawandel nicht Teil unserer Warhnehmung, denn es können ja nicht 50% der Amerikaner an Fehlwarhnehmungen ihrer Umwelt leiden. Klimawandel ist ein schleichendes, langsam wirkendes Gift, dass wir nur mit Instrumenten, Statistiken und mit Bildung erfassen. Es ist ähnlich wie wir wie die Belastung mit Giften oder Radioaktivität nicht spüren.

Verschwörungstheorien und der Klimawandel
Aber selbst wenn wir annehmen, dass Klimawandel gut wahrnehmbar wäre, so stellt sich die Frage, warum wir glauben, dass dieser vom Menschen verursacht wäre.Verschwörungstheoretiker glauben beispielsweise, dass eine solch geringe Menge von CO2 in der Athmosphäre niemals Klimawandel auslösen würde und halten das Ganze für eine breitangelegte Verschwörung. Hier mal ein Beispiel (hört mal kurz tein)

Nun ja zu dem Herren Conrebbi und seinen Argumentationsstrategien werde ich im Juli kommen. Da werde ich zu vielen Argumentationen der Verschwörungstheoretiker Bezug nehmen. Aber eins will ich hier mal andeuten: Nur weil etwas plausibel ist, heißt das noch nicht, dass es auch der Wahrheit entspricht. Wir werden das dann diskutieren. Eine Lösung für das Wahrnehmungsproblem liefert das Gallup-Institut, die 10.000 Klimawissenschaftler in den USA befragt haben. Demnach glauben über 90% der Wissenschaftler, dass es Klimawandel gibt. Wenn wir uns auf solche Statistiken berufen, können wir davon ausgehen, dass wir entsprechend wahres Wissen haben, auch wenn es nicht auf unserer Eigenwarhnehmung beruht. Allerdings müssen wir mit dem Vertrauen in die Wissenschaft auch vorsichtig sein, wie ich diese Woche noch über Grenzwerte argumentieren werde, heißt nicht, nur weil Wissenschaftler keinen Zusammenhang zwischen bestimmten Schadstoffen und Krebs zum Beispiel korellieren können, dass dort kein Zusammenhang ist. Wir müssen es bei den Wissenschaften so nehmen, wenn die Wissenschaften Zusammenhänge nachweisen, dann können wir das als sehr gesichert annehmen, wenn die Wissenschaften etwas noch nicht nachweisen, heißt das für uns einfach mal nichts. Zu den Gründen komme ich dann.

Eine wesentliche Frage aber ist jetzt: Wie entsteht eine dermaßen große Diskrepanz zu der Meinung der Bevölkerung in Amerika und den Wissenschaftlern in Amerika? Nun dazu müssten wir wahrscheinlich Medien- und Politikanalysen durchführen. Unterste Ursache ist aber, dass wenn wir über Umwelt sprechen, nicht über Erfahrungswissen reden, sondern über institutionelles Wissen, darunter verstehe ich Wissen, dass wir nur durch Institutionen erreichen können. Und dieses Wissen ist schneller diskreditierbar als Erfahrungswissen.

Lieber Leser, Sie merken schon, ich komme aus dem präliminieren meiner Überlegungen zum Umwelthandeln nicht hinaus. Es ist ein komplexes Thema, wie ich es nicht erwartet hatte, aber hätte erwarten sollen. In der Regel denken wir doch, wenn wir alle schon recyceln und weniger Energie verbrauchen klappt das schon. Die Sachverhalte sind anders. Ich werde diese Woche noch viel zu diesem Thema veröffentlichen, bevor ich zu anderen Fragen zurückkomme.

Abschließend möchte ich Ihnen noch folgenden, kleinen Artikel empfehlen. http://fibonaccie.blogspot.com/2011/05/die-risikogesellschaft-und-der-das-ende.html

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Dörner Logik des Misslingens (Teil 2 zur Frage nach dem richtigen Handeln in komplexen Systemen)

In Dörners „Logik des Misslingens“ befindet sich ein Negativbeispiel zu den Konsequenzen von gut gemeinten großtechnischen Eingriffen in so genannte KUL-Welten (KUL-Welten sind Welten, die entgegen unserer mit dem Verstand leicht erschließbaren Alltagswelt vor allem lange Reaktionszeiten besitzen und damit schwer zu kontrollieren sind):

complexity
Komplexe Wirklichkeit lässt mich verzweifeln Foto: Jaybird

„Mit einem folgenreichen Fehlschlag von Entwicklungshilfe beschäftigen sich Tarina Kleyn und Jürgen Jozefowicz in ihrer Reportage „Wüstenland durch Menschenhand“ […] Das Rezept zur wirksamen Bekämpfung des Hungers in Teilen des Okavangodeltas im südlichen Afrika war einfach, aber kurzsichtig. Nach Plänen von Wissenschaftlern wurden die dort lebenden Wildtierherden von Nutztieren verdrängt und der karge Boden zur Produktion von Rindfleisch verwendet. Vorher bekämpfte man erfolgreich die Tsetse-Fliege, die auf bestimmte Rinderrassen tödliche Krankheiten überträgt.
Zuerst lief alles wie gewünscht, doch bald zogen Hunderte von Viehzüchtern in dieses Gebiet. Die Folge: Durch Überweidung wurde keines der Tiere satt, und als der Regen ausblieb, verfiel das ehemals fruchtbare Land in der Sonnenglut zu Sand und Staub.“ (Dörner 1989:12)“
Es geht nun in Dörners Überlegungen darum, warum solche Fälle überhaupt passieren. Dieses möchte ich im Folgenden anhand seiner Tanalandsimulation zum Volk der Moros weiter ausführen.

Im letzten Beitrag wurde mir ja von Herrn Waldmann Ahnungslosigkeit vorgeworfen, wobei ich viele verschiedene Aspekte zusammenmixe. Ganz unberechtigt sind diese Vorwürfe natürlich nicht. Das Zusammentragen verschiedener Theorien und Informationen halte ich dabei nicht für problematisch, da diese jeder kritisch auf Plausibilität prüfen kann. Problematisch war eher, dass ich „Ingenieure ohne Grenzen“ in einem schlechten Licht dastehen lassen habe. Dieses ist mir erst im Laufe des Tages aufgefallen, was ich dann entsprechend korrigiert habe. Ich hatte mich dabei auf einen Artikel in der Zeit aus dem Kopf bezogen, den ich vor 3 Monaten las. Dadurch kam es zu einer unglücklichen Formulierung. Ich muss hier gewissenhafter arbeiten. Ich gehe davon aus, dass mir Herr Waldmann aus diesem Grund etwas erbost Ahnungslosigkeit unterstellt hatte. Ich habe aber soweit auch weniger ein Problem mich zur Ahnungslosigkeit zu bekennen, da ich es so verstehe, dass ich die Artikel zur kritischen Prüfung vorlege. Bitte entschuldigen Sie also Herr Waldmann, ich denke natürlich über den Vorwurf nach, da ich ja auch nicht sinnlos vor mir her brabbeln will ;)

Diktator in Tanaland (Dörners Experiment)
Zurück zum Thema also: Dörners Versuch bestand ja darin, dass verschiedene Probanden Diktator in Tanaland über das Volk der Moros (Viehzüchter) und der Tupis (Ackerbauern) spielen durften. Die Frage im letzten Beitrag bestand darin, was nun in diesem Land als KUL-Welt („KUL-Welt“ habe ich hier erläutert) zu tun sei. In diesem Versuch hatten die Probanden zu sechs frei wählbaren Zeitpunkten die Möglichkeit, Informationen zu sammeln, Maßnahmen zu planen und Entscheidungen zu treffen (vgl. Dörner 1989:22).

Die vorläufigen Ergebnisse einer durchschnittlichen Versuchsperson waren dabei zunächst sehr befriedigend. Die Bevölkerungszahl stieg, da das Nahrungsangebot und die medizinische Versorgung verbessert wurden.  Ab dem 88. Monat aber kam es zu einer nicht mehr auffangbaren Hungerskatastrophe.

Dörner sah den Grund für die katastrophale Entwicklung nun in einer linearen Entwicklung des Nahrungsangebots, während die Bevölkerung allerdings exponentiell steigt. Dieser Zusammenhang wurde von den Versuchsteilnehmern egal welchen Bildungsgrades nur selten berücksichtigt (wie andere Versuche zeigen, sind Menschen ganz gut darin lineare Zusammenhänge zu schätzen, aber bei exponentiellen Zusammenhängen sind die Schätzungen schnell stark abweichend. Nicht-lineare Systeme sind daher ein Problem für das Alltagsdenken).

Verhalten der Probanden

Dörner analysiert nun das Verhalten der Probanden und es zeigt sich, dass diese zunächst sehr vorsichtig agieren und viel reflektieren. Sobald aber ihr Verhalten durch die zunächst positiven Ergebnisse bestätigt wird, wandeln sich diese von „zögerlichen Philosophen zu entscheidungsfrohen Tatmenschen“ (Dörner 1989:29).

Die Reaktionen auf die Hungersnot fielen dann bei den Probanden entsprechend zynisch aus, nach anfänglicher Betroffenheit und ernüchternden Lösungsversuchen kam es zu Aussagen wie „Die müssen halt den Gürtel enger schnallen und für ihre Enkel leiden!“ oder „Sterben muss jeder mal!“

Es ist natürlich problematisch diese doch kleine Stichprobe von 12 Versuchspersonen zu verallgemeinern, aber ähnliche Probleme zeigt Dörner auch bei weniger plastischen Experimenten, wo Versuchspersonen zum Beispiel ein Kühlhaus manuell steuern sollen und immer stark entfernt von möglichen Optimallösungen liegen. Der Aktionismus ist nach einer ersten Reflexionsphase dabei oftmals zu groß.

Natürlich war es im Tanalandversuch auch möglich, die langfristigen Fernwirkungen von zu starkem Eingreifen zu verhindern. Dieses betraf allerdings nur wenige Versuchspersonen, die kaum in das System eingriffen und äußerst vorsichtig agierten. Dieses könnte einen Hinweis liefern, dass ein Nichteingreifen in natürliche Systeme geboten wäre, da wir die Fernwirkungen unserer Handlungen prinzipiell nicht abschätzen können, macht aber auch die Voraussetzung, dass es natürliche Gleichgewichte in natürlich Systemen gibt (auch einer der Gründe, warum Amerikaner so sehr auf die Kraft des Marktes vertrauen. Die gewöhnliche Marktsituation schwebt demnach in einem ursprünglichen Gleichgewicht. Eingriffe des Staates wären nur störend). Dörner zeigt nun aber in einem anderen Experiment, dass Personen, die wenig Entscheidungen treffen auch ins Abseits geraten können. In dem so genannten Lohnhausen-Experiment, wo die Probanden nun Bürgermeister einer Kleinstadt sind, musste eine andere Lösungsstrategie als im Tanaland-Experiment gewählt werden. Diese Strategie zeichnete sich durch hohe und spezifische Aktivität aus.

Keine Patentrezepte
Dörner schlussfolgert nun weiter, dass es keine Patentrezepte für komplexe Probleme gibt. Zu der Frage, wie nun die richtige Strategie gefunden werde, sagt er daher nicht viel. Er sagt auch nicht, dass es überhaupt Lösungen oder Idealzustände für KUL-Welten gibt. Verzweiflung könnte daher tatsächlich ein unvermeidbares Resultat seiner Ergebnisse sein.

Verzweiflung liegt natürlich nicht in dem Horizont dessen, was ich mir wünschen würde; der Optimismus aber, dass wir die Welt mit dem nötigen Wissen kontrollieren könnten, hat ebensowenig empirische Beweise wie der Pessimismus. Verzweiflung könnte zum Beispiel dann gerechtfertigt sein, wenn wir bestimmte Kippwerte bei der Klimaveränderung schon überschritten haben. Es könnte sein, dass die abnehmende Eismasse weltweit zu einer Verringerung des Albedoeffekts führt und dieses eine Erhöhung der Wassertemperatur weltweit zur Folge hat, was wir nun langfristig und technisch einfach nicht rückgängig machen könnten. Da wir dies aber auch nur als Möglichkeiten diskutieren, bleibt uns nichts anderes übrig als nach Lösungen zu suchen. Es geht mir hier aber nicht darum, die Frage zwischen Pessimismus und Optimismus zu entscheiden, sondern ich halte KUL-Welten nach Darlegung von Dörner für schwerlich beherrschbar. Ich empfände es aber ähnlich ernüchternd wie wahrscheinlich jeder andere auch, wenn KUL-Welten tatsächlich nicht beherrschbar sind. Gerechtfertigtes Wissen habe ich davon nicht, ich denke aber die Möglichkeit an, die auch nicht widerlegt ist.

Inadäquate Denkmuster beim Umgang mit KUL-Welten
Dörner zeigt nun noch in dem Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Sozialforschung zur Umweltsoziologie ein paar inadäquate Denkmuster beim Umgang mit KUL-Realitäten auf:

  • Reduktive Hypothesenbildung – meint, dass die KUL-Welten nach Alltagswelten begriffen werden und die unterschiedlichen Phänomene als unabhängig behandelbare Probleme begriffen werden. Dieses bezeichnet Dörner auch als „Handeln nach dem „Reperaturdienstprinzip“
  • Einkapselung in einen gut bekannten Themenbereich (so haben sich Ökonomen wohl auf Gewinn- und Verlustrechnungen beim Rinderhandel in Tanaland fokussiert und sich alle anderen Hypothesenbildungen erspart).
  • Einkapselung trete häufig nach Phasen des thematischen Vagabundierens (auch horizontale Flucht genannt) auf, wo verschiedene Probleme nacheinander aufgegriffen werden, aber immer sofort wieder fallengelassen werden.
  • Vertikale Flucht, was nach Dörner das Abheben auf die Meta-Ebene bezeichnet, wo über die Probleme als solche nachgedacht werde und über die Frage reflektiert werde, ob Probleme überhaupt welche wären (zugegeben den Punkt verstehe ich nicht ganz)
  • Fehlende Lernbereitschaft (?) – Dörner zeigt, dass es eben schwierig ist, den Umgang mit komplexen Systemen im Alltag zu erlernen, so würde ein Polizeipräsident zum Beispiel nur eine Geiselnahme in seinem Leben erleben
  • Was Lernen allerdings auch verhindere sei eine immunisierende Marginalkonditionierung (Misserfolge werden demnach auf marginale, zufällige Ereignisse zurückgeführt, auf die die Versuchsperson ohnehin keinen Einfluss haben könnte (das Ausbleiben von Regen beispielsweise)
  • Dem entgegen stellt Dörner die progressive Konditionalisierung, wobei der Probanden die Lösungsidee als richtig einschätzen, die Umsetzung aber schlecht kritisieren
  • Als letzten Punkt erwähnt Dörner schlicht Realitätsverweigerung

 Dörner spricht im weiteren noch Ursachen an, warum wir KUL-Welten nicht ohne weiteres behandeln können oder warum wir sie übersehen. So betrachtet er unser Denken als langsam und sieht darin nur eine geringe Kapazität. Er meint weiter, wir hätten kein verlässliches Organ zur Wahrnehmung von Zeitabläufen. Fernliegende Ereignisse könnten wir daher nur noch schwer in Zusammenhang bringen. Zukünftige Probleme, die zum Beispiel nach intensiven Brunnenbohrungen erst in 20 Jahren erscheinen, erzeugen noch keinen Leidensdruck, daher werde darüber auch nicht nachgedacht. Zudem würden wir eher dazu tendieren, uns auf Probleme zu konzentrieren, von deren Lösbarkeit wir überzeugt sind, als Probleme zu bedenken, die wir lösen sollten.

Schlussfolgerungen
Es mag nun sein, dass ich als verkapselter Philosoph in Ahnungslosigkeit vor mir hertreibe. Die Darstellung von Dörner halte ich zumindest für plausibel und in gewissen Graden an empirischen Versuchen gewonnen. Natürlich hinterfragt Dörner auch die Leistungsfähigkeit von Computersimulationen, hebt aber sogleich hervor, dass die Aufstellung eines solchen Models auch schon ein Mehrwert für sich sei, da so der Versuch unternommen werden müsste, KUL-Welten auf mathematische Formeln herunterzubrechen. Für Naturphänomene wie die Tanaland-Umgebung mögen wir denken, dass die Auflösung dieser KUL-Welt schon nicht so kompliziert sein kann, weil uns vielleicht Bilder dieser Welt vor Augen schweben. Bei der Mathematisierbarkeit von Finanzmärkten oder verlässlichen Prognosen für das Wirtschaftswachstum zeigt sich aber, welche Schwierigkeiten bestehen, Entwicklungen vorrauszusagen. Ich behaupte, dass die Prognose für eine bestimmte Region in Brasilien auf 30 Jahre hinaus schwierig ist. Bleibt uns aufgrund dieser Schwierigkeiten vielleicht nur Reperaturdienstverhalten? Oder wollen wir wirklich in KUL-Welten intensiv eingreifen? Die Frage von Klaus Waldmann, ob ich stattdessen tatsächlich Verzweiflung vorschlage, ist vielleicht als sanfte ironische Ohrfeige gemeint, aber tatsächlich glaube ich, dass vielleicht auch Verzweiflung angebracht ist. Die Soziologie hat sich mittlerweile zu einer Wissenschaft verformt, die nicht mehr von einer Vorhersagbarkeit von Makrophänomenen ausgeht (zum Beispiel bei den Scheidungsraten). Stattdessen verlagert man sich nun aufs Beschreiben. Nichts desto trotz ist natürlich die Arbeit der „Ingenieure ohne Grenzen“ nicht abzuwerten, nach Kant zählt ja ohnehin nur die moralische Gesinnung. So negativ will ich das natürlich auch nicht auf allein eine positive Gesinnung reduzieren. Bei den Projekten handelt es sich ja auch nicht um großtechnische Eingriffe in Regionen, sondern verbessern kleinschrittig Lebensbedingungen. Dennoch stellen sich Fragen, die zynisch klingen: Angenommen eine Verbesserung der Lebensbedingung führt zu einem Anstieg der Geburtenraten. Dörner würde nun anmahnen, dass hier über Regulation nachgedacht werden müsste, da womöglich das Land sich in der momentanen Situation in einem Gleichgewicht befinde. welche Entwicklungshilfe ist also die richtige? Natürlich sind diese Überlegung weit von einer empirischen Realität entfernt, ich habe kein genaues Bild von den Lebensbedingungen in Sierra Leone und auch keine Vorstellung von den kulturellen Realitäten dort. Ich denke aber, dass Anfragen und auch gewagte Hypothesen im Diskurs erlaubt sein müssen.

Das nächste mal möchte ich das Dargelegte in Bezug auf Fukushima spezifizieren. Nun könnte natürlich ein Vorwurf lauten, dass ich nicht das nötige, physikalische Wissen hätte, um mich zu Fukushima äußern zu können. Dass sich natürlich Expertenkulturen demokratisch von anderen Expertenkulturen, von politischen Bürgern und unpolitischen Privatpersonen entfernen, mag sein. Der Anspruch muss aber sein, dass wissenschaftliches Denken in die Sphäre der Demokratie der Bürger und in die Sphäre der Privatpersonen zurückgeholt wird, andernfalls driften wir in eine Diktatur der Forschung und der intransparenten Politik (wie es bei der Festlegung von Grenzwerten, der Gentechnik teils schon der Fall ist oder bei Stuttgart 21 auch ohne Beteiligung der Bevölkerung geschieht). In einer Demokratie aber darf jeder seine Einwände äußern. Ideal muss das in der Form gewährleistet sein, dass niemand Sanktionen für solche Äußerungen befürchten sollte. Die einzig zulässige Sanktion ist nach Habermas daher der zwanglose Zwang des besseren Arguments.

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Fukushima und die Frage nach dem richtigen Handeln – Alltagswelten und komplexe Welten im Vergleich (Teil 1)

Nach Spiegel-Online liegen die Brennstäbe in Fukushima trocken und sind nicht gekühlt (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,762838,00.html) Das ist natürlich eine sehr schlechte Nachricht, denn, so wird auch auf Spiegel-Online geschlussfolgert, ist davon auszugehen, dass große Teile der Brennstäbe in Block 1 zu einem Uranklumpen verschmolzen sind, der sich nun auf dem Boden des Reaktordruckbehälters befindet. Desweiteren heißt es, dass dieser womöglich schon Löcher in die Schweißnähte am Boden gefressen habe. Eine Möglichkeit sei daher, dass der Klumpen sich durch den Stahl weiter nach unten hindurch brenne und es im Kontakt mit Wasser zu einer „verherrenden Dampfexplosion“ kommen könne. Tepco verweist aber die geringe Außentemperatur des Reaktors und gehe daher nicht von dem heißen Souffléklumpen aus.

Verwirrung
Was also tun? Wenn nur alle Wege richtig wären. Wohl eher nach links, denn 2 Strichmänchen haben Recht ;)

Genau genommen aber gäbe es zu wenig Informationen und so finden sich auch Gegenstimmen, nach denen zu urteilen, eine katastrophale Entwicklung jederzeit noch möglich ist. Zumindest müssen wir aber meiner Meinung festhalten, dass das eher „unwahrscheinliche“ Restrisiko höher ist als jemals zuvor.

Zu meinen vorherigen Fukushima-Artikeln
Ich hatte mich ja im Monat zuvor in vier Artikeln zu Fukushima geäußert. Vorrangig habe ich mich dabei auf ethische Aspekte angesichts einer Katastrophe, die eine ganze Bevölkerung bedroht, konzentriert (Beitrag zu: Das Leben der Vielen wiegt mehr als das Leben der Wenigen). Ich hatte aber auch das zögerliche Eingreifen der japanischen Regierung angemahnt und dieses mit dem wesentlich effektiverem Eingreifen in Tschernobyl verglichen. Im Nachhinein wirken meine Forderungen zugegebener Maßen etwas naiv. Zum Beispiel, dass Tepco die Kontrolle entzogen werden solle und wir die ganze Sache militärisch lösen sollten. Es wirkt naiv, da die Lage nun unter Kontrolle erscheint. Ich denke aber, dass die Aspekte weiterhin Gültigkeit besitzen, wenn wir überlegen, dass Tepco zwischenzeitlich andachte, alle Arbeiter abzuziehen und die Anlage sich selbst zu überlassen.


Ein kritischer Punkt ist immer wieder der Vergleich mit Tschernobyl. Ein solcher Vergleich wird von vielen Kommentatoren als unseriös abgelehnt. Hier möchte ich jedoch einwenden, dass ein Vergleich jederzeit seriös ist, nur eine entsprechende Gleichsetzung könnte unseriös erfolgen. Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen (das sollte sich doch rumgesprochen haben). Das Krisenmanagement der Russen schätze ich nach wie vor als besser ein, zwar wurde erst 48 Stunden nach dem Ereignis die Evakuiierung durchgeführt. Dieses aber auch, weil in Moskau wenig Informationen zum tatsächlichen Vorfall bereit standen, sobald die Lage aber klar war, wurden alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt.
Über diese Frage können wir aber an anderer Stelle streiten. Die Frage nun ist: Was kann ich mit weiteren Blogbeiträgen zu diesem Thema leisten? Nun, ich denke, wir können die Katastrophe als Ausgangspunkt nehmen, um über das Verhalten in komplexen Situationen nachzudenken. Ist es sinnvoll so viel wie möglich zu handeln, auch Überschusshandlungen zu vollziehen oder ist es besser, abzuwarten und Informationen zu sammeln? Bevor ich allerdings diese Frage in Ansätzen klären kann, will ich einen theoretischen Rahmen erarbeiten. Dieses will ich mit Bezug auf Dietrich Dörners „Logik des Misslingens“ durchführen.

Dietrich Dörners „Logik des Misslingens“
Nehmen wir an, Sie sind Diktator (ein guter Diktator natürlich). Sie regieren das Volk der Moros, einer fiktiven Population irgendwo in Ostafrika. Ihnen steht Geld zur Verfügung und sie können entwas gegen die Tsetsefliege unternehmen und damit die Rinderherden pushen, sie können Gesundheitsdienste einrichten. Sie können düngen, verbesserte Getreidsorten anbauen, Weideflächen besser bewässern. Sie können Brunnen bohren. Ihnen stehen alle Möglichkeiten offen. Was würden Sie tun? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und denken Sie darüber nach.

Dietrich Dörner hat Ende der 80er solche und ähnliche Simulationsspiele mit Probanden durchgespielt. In vielen Fällen gingen die Eingriffe der Probanden allerdings gründlich schief. Die Versuchsteilnehmer agierten natürlich mit viel Ehrgeiz und machten sich daran Probleme zu lösen, ohne zu bedenken, welche Konsequenzen eben diese Problemlösungen haben würden. Man übersah, dass unsere Welt ein „System von interagierenden Teilsystemen“ ist und auch der Morostaat ein solch komplexes Geflecht darstellt (Dörner 1989:12). Es gibt keine einfachen Probleme in einer komplexen Welt.

Unser alltägliches Denken und die komplexe Welt
Allein aus evolutionärer Perspektive ergäbe sich schon, dass unsere Denkmechanik nicht dazu geboren wurde, um die Welt zu erkennen, wie sie ist, sondern um Probleme „ad hoc“ zu bewältigen (vgl. auch Dörner 1989:13). Es mag Überschüsse an ontologischer Einsicht geben; Momente, in denen wir den Kopf zum Horizont heben oder hoch in den Sternenhimmel schauen; im Großem und Ganzem aber ist unser Denken vor allem an die Alltagswelt angepasst. In dem Sonderband der Kölner Zeitschrift für Sozialforschung unterscheidet Dörner daher zwischen diesen zwei Welten: zwischen  einer Welt auf die unser Denken passt, nämlich die Alltagswelt und einer Welt der komplexen, unbestimmten und langsamen Prozesse, kurzerhand KUL-Welt genannt. Bei den Moros, wo Sie ja jetzt Diktator sind, handelt es sich um eine KUL-Welt.

Was bedeutet nun der Fakt, dass es eine Welt der komplexen, unbestimmten und langsamen Prozesse ist? Nun, das heißt, dass unser Eingreifen immer mit unsichtbaren Problemen behaftet ist. Zwar hat zum Beispiel das Mannöver, die Tse-Tse-Fliege zu bekämpfen den Effekt, dass die Häufigkeit der Schlafkrankheit verringert wird und damit der Bestand der Rinder sich erhöht, es ergeben sich aber einer Reihe langfristiger Kehreffekte. Zum Beispiel ist die Vernichtung einer Insektenpopulation ein Eingriff in einen urwüchsigen Regelkreis. Verschwindet eine Population wirkt sich dieses auf die Räuberpopulation aus. Die Veränderung von Räuberpopulationen hat den Effekt, dass sich wiederrum Konkurrenz und andere Beutepopulation anders entwickeln, die dann das ökologische Gleichgewicht verändern. Zwar wird zunächst ein Anstieg der Rinderpopulation erzielt, damit aber wird der Regelkreis der natürlichen Umwelt sensibilisiert. Zunächst hat dies keine Konsequenzen. Mit dem Anstieg der Rinder aber zugleich, erfolgt auch ein Anstieg der Lebenserwartung der Menschen aufgrund verbesserter Nahrungsmittelversorgung. Ohne effektive Geburtenregulation erhöht sich damit der Populationsdruck der Menschen. Das Gesamtsystem kommt also näher an den Rand von Kippwerten, unbemerkte Wendepunkte, wo sich ein eigentlich stabiles System mit einem Schlage unwiderruflich verändert. Zum Beispiel könnten dann plötzlich ausfallende Regenfälle das nun veränderte System einem Streßtest aussetzen. Was aber in dem zuvorigen System hätte gut kompensiert werden können, stellt sich für das neue System als Katastrophe heraus. Eine unmerklich veränderte Vegetation aufgrund der stärkeren Beweidung und der veränderten Räuber-Beutebeziehungen kann wird nun so stark beschädigt, dass die nun größere Bevölkerung nun plötzlich mit einer Nahrungsmittelnot konfrontiert wird. Rinderherden sterben weg und auch große Teile der Bevölkerung. Dörner zitiert Fälle in denen genau dies eingetreten ist.

In den Simulationsspielen sind aufgrund mehrdimensionaler Ursachen die Population nach zwanzigjähriger Prorperation oftmals überraschend vermindert worden. Es gab unvorhergesehene Hungerskatastrophen, die fast die gesamte Population überhaupt ausgelöscht hätten. Nach 20 Jahren lassen sich natürlich keine eindeutigen Ursachen mehr spezifizieren, wir können darüber nun spekulieren, welche Regelkreise dafür verantwortlich waren. Es ist wie die Frage, was Krebs ursprünglich ausgelöst hätte: Was wir auf kurze Sicht schnell erklären können, ist bei langfristigen Problemen aus der Masse der möglichen Ursachen heraus nicht mehr eindeutig zu klären. Es muss daher keineswegs die beschriebene Ereigniskette sein, die zu Überlastung des Systems führt. Mit jedem Eingriff aber, stellen sich hingenommene und noch nicht erkannte Risiken ein.

Der Umgang mit komplexen Welten muss daher den gewöhnlichen Gutmenschenverstand verzweifeln lassen. Das sind jene Menschen, die Sätze faseln wie: „Die Vernunft darf niemals siegen!“ oder: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Was aber für die Alltagswelt vielleicht ganz nett klingen mag, darf nicht ohne weiteres auf Systeme der komplexen Umwelt übertragen werden. Leider können wir den Hunger als Systemproblem nicht ohne weiter lösen (hierzu auch mein Artikel zum Welthunger als überschätztes Problem); es ist äußerst schwierig Lebensbedingungen durch aktive Politik zu verbessern. Die neugegründeten Organisation „Ingenieure ohne Grenzen“ sicher als ergänzendes Pendant zu den Ärzten ohne Grenzen versuchen natürlich sehr bedacht Hilfsleistungen mit Rücksicht auf die Nebenfolgen zu dosieren, dennoch stellt sich die Frage nach der richtigen Hilfe (Diesen Punkt hatte ich zunächst falsch dargelegt und entsprechend korrigiert. Leider finde ich den Zeit-Artikel dazu nicht mehr; eine Aussage war aber, dass Hilfe bedingt, dass Menschen Hilfe als selbstverständlich annehmen und so zum Beispiel technische Geräte auch dementsprechend halbherzig behandeln würden. Gerade in Sierra Leone wäre die Ergebnisse daher oftmals ernüchternd. Dies schmälert aber nicht den Wert solcher Organisationen. Es zeigt nur auf, dass die Frage sehr dringend ist, welche Hilfsleistungen die richtigen sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Entwicklungspolitik seit der Veröffentlichung von Dörners Buch – immerhin Ende der 80er – gewandelt hat. Es wäre interessant hierzu Einschätzungen zu hören. Ob aber Nachhaltigkeit prinzipiell möglich ist ist eine andere Frage). Die Komplexität der KUL-Welten übersteigt oftmals leider den guten Willen der Helfer. Hilfreich ist es daher erstmal, die Funktionsweisen von KUL-Welten und Alltagswelten systematisch zu unterscheiden.

Alltagswelt
KUL-Welt
Wir haben es hier mit kurzen so genannten Totzeiten/Reaktionszeiten zu tun. Wenn ich zum Beispiel beim Auto auf das Gaspedale trete, dann beschleunigt es. Der Lichtschalter knipst das Licht an.
Hier können die Totzeiten sehr lang sein. Es kann sein, dass ich eine Maßnahme durchführe, die die erhofften Wirkungen zeigt; Nebenfolgen aber treten erst nach 20 Jahren ein, wobei dann die Ursache, wenn es denn nur eine ist, schwer zu ermitteln ist. Es kann aber auch sein, dass die Reaktionszeiten sehr lang sind. So ist zum Beispiel in der Politik mit den Folgen einer Gesundheitsreform zumeist nicht in einer Legislaturperiode zu rechnen.
Die Eingriffe in Alltagswelten erfolgen unabhängig voneinander. Beim Auto schalte ich das Licht an und dies hat keine Auswirkungen auf die Scheibenwischer oder die Beschleunigung. Alles kann selbstständig geregelt werden.
Die Eingriffe bewirken erwünschte und unerwünschte Ereignisse, denn…, so wie Adorno noch die Indifferenz der Natur zum Ausdruck brachte,: „…alles hängt mit allem zusammen.“ In welchem Maße muss natürlich bestimmt werden. Es ist aber irrig, davon auszugehen, dass es in der Natur viele unabhängige Ereignisse gibt. Natürlich wird der Flügelschlag eines Schmetterlings nicht unbedingt einen Wirbelsturm auslösen. Diese Chaosmos-Theoreme sind maximal Stürme im Wasserglas. Es handelt sich aber bei unseren Eingriffen in KUL-Welten meistens um großtechnische Versuche. KUL-Welten zeichnen sich also durch Abhängigkeit aus.
Wir haben es mit starken Kausalketten zu tun. Kurz, wenn ich einen Baum fälle, fälle ich einen Baum. Oder wie Tom Hanks es feststellt:
Die Kausalketten sind hier schwach, das macht es auch so schwierig, diese zu identifizieren. Überlegen wir uns nur wie schwierig es ist, nachzuweisen, dass die minimale Erhöhung von wenigen zehntel Prozent an CO2 in der Stratosphäre zum Klimawandel führen soll. Was ist die Ursache, dass Arbeiter X mit seinem Auto zur Arbeit fährt? Oder was ist die Ursache von Arbeitslosigkeit? Es kann aber auch so verstanden werden, dass ein schwacher Grund starke Wirkungen hätte. So genannte Trigger-Effekte, wo wir durch unbedachte Tätigkeit ein System aus den Fugen werfen. Langfristig wirkende Strahlung von Stromnetzen könnte so etwas sein.
Es gibt kaum relevante Nebenwirkungen.
Da alles irgendwie mit allem zusammenhängt, hat alles Nebenwirkungen und Fernwirkungen.
Das System ist sehr transparent. Wir können schnell Gesetzmäßigkeiten ohne Probleme ableiten.
Intransparenz – Gesetze lassen sich aufgrund der schwachen Kausalketten und der vielen möglichen Gründe nur schwerlich ausmachen und sind sehr fallibel.
Das ist System ist linear und geordnet.
Das System weist nicht-lineare Lebenszyklen und Funktionsmechanismen auf und kann eher durch den Begriff „Chaos“  als durch den Begriff „System“ beschrieben werden
Alltagswelten können wir akkumulieren. Das Auto zum Beispiel ist die Summe aller in ihm verschalteten Regelkreise.
Bei KUL-Welten handelt es sich um Netzwerke, wobei das Ganze mehr ist als die Summe aller Teile. Das heißt, so viele Teile wir auch beobachten, fehlt uns der Begriff des Ganzen, ist unsere Betrachtung nie vor Fehlern gesichert. Was also ist zum Beispiel die Umwelt
Alltagswelten ähneln sich.
KUL-Welten reagieren fast immer anders. Sie sind fast nie gleich. Es gibt keine Regeln oder Rezepte.
Der letzte Punkt ist wohl der dramatischste. Wenn wir Probleme behandeln, dann berufen wir uns zumeist auf Erfahrungen; wir bilden Analogien. Diese Analogieschlüsse gelten aber nur für ähnliche Probleme. Nur weil ein Problem, aber ähnlich aussieht, heißt es nicht, dass es auch ähnlich ist. Ähnlichkeit ist zwar definiert durch viele Gemeinsamkeiten und wenige Unterschiede (andernfalls wäre es Identität), gerade minimale Differenzen können aber zu einem klassifikatorisch anderem Problemfall führen. In der Medizin (um ein einfacheres Beispiel zu bemühen) gibt es Krankheiten bei denen die Symptome nahezu identisch sind, Behandlungen für die eine Krankheit aber zu Todesfällen bei der anderen Krankheit führen können.
Zu den möglichen Eingriffen in KUL-Welten möchte ich im nächsten Teil etwas sagen. Wir werden dort das Morobeispiel näher erläutern und die Fehlerquellen der Handelnden erläutern. In einem dritten Teil will ich andere Simulationsspiele erwähnen und gemeinsam mit den Leser verzweifeln. Die Mathematisierbarkeit von nicht-linearen, dynamischen und sozialen Systemen steckt nämlich noch nicht mal in den Kinderschuhen. Es gibt diffuse, theoretische Rahmen, aber keinen Ansatz mit KUL-Welten überhaupt umzugehen. Mit diesem theoretischen Rüstzeug, das eher ein sanftes Seidenhemd der Theorie ist, werden wir dann nochmal über Fukushima nachdenken. Zwar werde ich auch keine Lösungen anbieten können, meine anfangs naiven Beiträge werden aber dann hoffentlich weniger naiv erscheinen.

Für alle, die sich in das Buch von Dörner mal hinlesen möchte, muss es nicht die teure, gebundene Ausgabe sein:

Teil 2 ist unter folgendem Link zu finden und weiterempfehlen nicht vergessen. Bis dann Norman.

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Von Affen, die Shakespeare schreiben, und der Wiederholung – Zwischen Zufall und Notwendigkeit (Teil3)

William Shakespeare
Hat es Shakespeare nicht gegeben und wurden seine Werke von Affen geschrieben?

Shakespeare ist der Held aller High School People in America, der ähnlich wie Geothe in Deutschland nur von Abiturienten gelesen wird. Aber woher kommt der Kitsch dieser Epoche? War er nicht immer schon in der Sprache angelegt? Könnten wir nicht rein zufällig Worte aneinander reihen und irgendwann müsste ein großartiges Gedicht bei rauskommen?

Zunächst aber schauen wir uns mal den Charakter der Wiederholung und der Auswahl an. Seitdem es einfacher ist, Videos zu machen und Speicher en masse zur Verfügung steht; seitdem wir viel Freizeit haben, gibt es immer mehr Videos von spektakulären Kunstwürfen und Kunstschüssen. Ich selbst bin mir unschlüssig, ob ich diese folgenden Leistungen noch als Leistungen bewerten soll oder als notwendige Ereignisse, die sich nach Hunderten von Versuchen eben notwendig einstellen. Aber schaut euch erstmal das Video an, denn spektakulär ist es doch:

Die Wiederholung ist das Konzept, was den Übenden zum Meister macht. Den Meister hingegen führt letztlich jeder Versuch zum Erfolg. Doch der Zufall lehrt uns wie der Meister das Unglaubliche, wenn wir ihm nur genug Zeit geben und die besonderen Ereignisse auswählen können. Es ist wie die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Affe, der seit unendlich langer Zeit auf einer Schreibmaschine zufällig Buchstaben tippt, die Werke von Shakespeare geschrieben hat.


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Nun die die Wahrscheinlichkeit, dass der Affe Shakespeares Werk abgetippt hat, ist 1. Und er hat es nicht nur einmal geschrieben, sondern unendlich mal als auch unendlich mal mit meinem Namen als Autor als auch auch mit allen möglichen Rechtschreibfehlern, die es gibt. Nebenbei hat er aber auch alle anderen Bücher der Weltgeschichte geschrieben als auch die, die noch gar nicht veröffentlicht sind. Er wird aber auch alles geschrieben haben, was überhaupt möglich ist und das auch unendlich mal. Viel schlimmer an der Tatsache ist aber, dass wenn jemand diesen Schatz finden würde (den Quell, in dem alle Bestseller der Zukunft verborgen sind), er sich durch die Masse dessen, was einfach Unfug ist, nicht hindurcharbeiten könnte. Diesen Unfug gibt es nämlich auch unendlich oft.

Es kommt also auch für den Affen auf die Fähigkeit an, auszuwählen. Aus dem Wust der Möglichkeiten muss der Bestseller und Shakespeares Werk erst herausgesucht werden. Daher stehen wir auch vor der Unendlichkeit der Zeit und wollen wählen. Weil das Leben selbst nicht unendlich ist, müssen wir sogar versuchen intelligent zu wählen; wir können nicht alle Varianten durchexerzieren. So meinte es auch Heidegger: Wir können das Leben nur vom Ende, vom Tode her verstehen, denn der mögliche Tod bringt den Zeitdruck möglichst bald zu wählen, aber dazu schreibe ich ein andern mal ;) Auch wenn die Ergebnisse des Videos also erzwungener Zufall sind, so sind sie doch beeindruckend gut ausgewählt.

Wen das Thema weiter interessiert, der kann sich in meinen älteren Beiträgen über das Verhältnis von Notwendigkeit und Zufall belesen:

 – (Teil 1) An der Grenze zwischen Zufall und Notwendigkeit und von der Wirklichkeit des Lebens
(Teil 2) Zwischen Zufall und Notwendigkeit – Das Lebensschicksal von Managern

Viele Grüße Norman. Und weiterempfehlen und Blogabonnieren nicht vergessen ;)

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Können wir die Natur nach Gesetzen erfassen? Fragen nach der Komplexität eines Systems

Wie kommt es eigentlich, dass wir die Natur überhaupt erkennen können? Es ist doch merkwürdig, dass sich für alle Naturdinge, die uns begegnen, ein Begriff (um genau zu sein, ein empirischer) finden lässt. Es ist doch auch so, wenn uns etwas begegnet, das wir noch nie gesehen haben, wir dann nicht etwa einen unbekannten Fleck sehen, sondern sogleich diesem Gegenstand die ontologischen Eigenschaften seiner Beschaffenheit überstulpen. Denken wir über Zeit oder Räume nach, so sagen wir uns, dass diese Repräsentation des Gegenstandes als etwas auf Prinzipien der Materie zurückzuführen sei. Wir gehen von einem natürlichen Dawider der Welt aus. Dieses Dawider muss aber doch durch uns auch erst in seiner Gegenspannung gesetzt sein. Ein Dawider der Welt setzt ein Dawider von uns voraus.


Das Dawider der Welt
Das gegenseitige Dawider bedeutet nur: Der Mensch passt in die Natur, wie die Natur gleichsam nur zu ihm passt. Und so schlussfolgert Kant beispielsweise ganz richtig: Weil die Natur prinzipiell immer beschreibbar und reflektierbar sei, sich diese auch als das zugrunde liegendes System unserer Urteilskraft vorstellen lasse. Die Bedingungen der Gegenstände sind daher nicht in einem außen, sondern in uns zu suchen. Das heißt, um nochmals einfacher zu sagen, überall wo der Mensch hinsieht, erkennt er die dazugedachten, abstrahierten Zusammenhänge. Die Bedingungen für die Natur können also auch in unserem Denken selbst untersucht werden. Es wäre schön, wenn die Natur aus diesen Zusammenhängen des Denkens dann tatsächlich bestehen würde. Ob dieses aber tatsächlich der Fall ist, lässt sich nicht letztgültig beweisen. Die Fibonacci-Zahlen zum Beispiel sind wohl die beeindruckensten numerischen Größen, die sich in der Welt finden lassen und ein Beweis für die zumindest partielle Harmonie der Natur mit unserem Denken, ob aber letztlich alles Zahl sei, wissen wir nicht.

Heißt das aber, dass die Natur nur nach Zahlen strukturiert wäre? Oder passt es nur sehr häufig sehr gut? Wenn wir Natur denken, dann versuchen wir sie stets reduktiv zu denken, was bedeutet, dass wir die Komplexität ihres Systems auf ein einfacheres System herunterklären wollen. Die Physik verbleibt dabei das gewünschte mathematisierte Endprodukt. Hiernach lassen sich dann alle Naturerscheinungen und auch sozialen Phänomene grundsätzlich auf die Prinzipien der Quantentheorie heruntertransformieren. Aber so einfach ist die Sache leider noch nicht.

Einwände gegen die Erfahrungswissenschaft der Physik

Wir müssen doch erstmal festhalten, dass Beobachtungswissenschaften wie die Physik induktiv arbeiten. Das heißt sie leiten aus der Beobachtung von Vergangenheit die Zukunft ab.

         Gestern ging die Sonne auf.
         Heute geht die Sonne auf.
         Also geht die Sonne morgen wieder auf.

 Anhand von beobachteter Phänomene wird die Zukunft erschlossen. Dieses schließt aber nicht aus, dass die Reihe der Phänomene einen Abbruch erleidet, aus welchen Gründen auch immer. Vereinfachen wir das mal: Wenn beim Roulette dreimal die 0 erscheint, gehen wir ja auch nicht davon aus, dass dieses wieder geschieht. Die Physik vermutet nun Kräfte, die die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung zwar erhöhen, diese Kräfte leitet sie aber immer nur anhand von beobachtbaren Phänomenen ab. Die Kräfte selbst sind nicht beobachtbar, sondern werden durch unseren Verstand hinzu gedacht, um die Phänomenabfolgen überhaupt denken zu können. Es könnte aber auch sein, dass wir es genau falsch gedacht hätten und einem Pseudozusammenhang aufgesessen sind. So wie der Roulettespieler beispielsweise glaubt ein System der Zahlen zu erkennen oder der Wünschelroutengänger sich selbst von seiner Fähigkeit überzeugt, so überzeugt sich der Physiker von der Gültigkeit seines Denkens an Erfahrungsphänomenen. Gültigkeit ist aber nicht durch eine Andemonstration von passenden Beispielen zu erreichen, sondern nur durch die Begründung des Vorgehens überhaupt. Das Vorgehen der Physik ist jedoch immer fallibel. Schauen wir uns erstmal an, wie der Wünschelroutengänger widerlegt wird. Achtet dabei bitte darauf, an was der Physiker jedoch glaubt:

Die Plausibilität verleitet uns oftmals etwas als real anzunehmen. Nur weil aber etwas schlüssig (plausibel) ist, ist es noch lange nicht wahr. Selbst wenn der Physiker hier also an ein geschlossenes Universum glaubt, weil es plausibel ist, heißt das daher nicht, dass es auch so ist. Es könnte durchaus Wünschelrutengänger geben, deren Wunderkraft nicht mit den Gesetzen der Physik erklärbar ist. Ich sage „könnte“, ich behaupte nicht, dass es diese gibt. Eines aber muss für Wünschelrutengänger gelten, wenn es sie denn gibt: Sie müssen im Experiment statistisch ihre Kräfte nachweisen können. Das aber können Wünschelrutengänger bisher nicht (genauso wie übrigens auch die Homöophatie nicht nachgewiesen ist).

Egal aber, was nun Wünschelrutengänger betrifft, bei vielen Wissenschaftler herrscht partielle Unkenntnis über den logischen Sachverhalt, dass auch sie nicht beweisen können, dass die Welt durch Gesetze bestimmt ist. Sie haben nur den entscheidenden Vorteil, dass ihre Gesetze häufig zutreffen und sind damit höher zu bewerten. Es könnte aber immer noch auch einen unverortbaren Zufall oder eben Wunder geben. Alfred Eisleben hat dieses wunderbar in seinen Reflexionen über die Natur und das Denken festgehalten.

„Ein Stein in meiner Hand fällt zu Boden und Sie sagen mir, Sie hätten es kommen sehen. Aber was wenn er nicht zu Boden gefallen wäre? Sind wir verrückt die Welt als Welt zu glauben oder ist die Welt so verrückt unserem Denken zu glauben?“

Als ich in Köln Professor Nattermann (Professor für theoretische Physik) diesbezüglich fragte, wie er Phänomene behandeln würde, die nun seinen Annahmen überraschend widersprechen würden, da sagte er, dass nach allen Beobachtungen im Mikro- und Makrobereich des Universums er die Wahrscheinlichkeit mit 0 für solche Phänomene ansetze. Aber nach welchem Gesetz setzt er diese Wahrscheinlichkeit mit 0 an? Gesunder Menschenverstand?

Da wir nur 40 Milliarden Lichtjahre des Universums sehen, was womöglich 300 Milliarden Lichtjahre groß ist und nur 15 Millliarden Jahre alt ist, kann es genauso sein, dass wir viele Phänomene noch überhaupt nicht gesehen haben. Die Physik kann keine Letztbegründung des Wissens liefern, da sie einfach bei den Phänomenen ihren Ausgang nimmt und mit dem induktiven Schlussverfahren niemals apriorische Letztbegründung erreichen kann. Das heißt natürlich nicht, dass ich eine praktische Leistungsfähigkeit der Physik ausschließe. Bisher leitet sie aus den Beobachtungen statistisch sehr treffsichere Gesetzmäßigkeiten ab, die für uns den normativen Status von Gesetzen haben und uns den Alltag technisch erleichtern. Dieses ist aber kein Beweis.

Was leistet die Philosophie?
Die Philosophie ist nun die Wissenschaft, die in die Bedingungen der Phänomene hineinfragt. Wieso könenn wir Phänomene erkennen und welche Bedingungen gehören dazu. Dadurch ist sie für die Physik die Grundlagenwissenschaft, die zugleich die Physik vor Anmaßung bewahrt. Die Philosophie fragt, ob die Gesetzmäßigkeiten auch strengen Gesetzen folgen oder ob es zum Beispiel in unserem Universum Emergenz gibt, dass heißt, gibt es mögliche Gesetze, die nicht notwendig aus unterkomplexen Gesetzen folgen müssen. Sie fragt auch hypothetisch: Wandeln sich etwa die Gesetze und zwar nicht gesetzmäßig? Sind die Gesetze zufällig? In diesem Falle wäre nämlich mit den Gesetzen der Physik überhaupt nichts erklärt als die Phänomene bei denen sie funktioniert. Das ist auch der Grundgestus einer Theorie: Sie passt genau dort, wo sie passt, so wie der Stein mit Präzision genau auf die Stelle zufliegt, an der er aufschlägt.

Emergente Phänomene und Alternativen zur Physik
Da wir nicht wissen, ob es auch Gesetze gibt, die nicht notwendig aus den Gesetzen der Quantenphysik folgen, ist es sinnvoll, Soziologie, Politikwissenschaft, Sprachwissenschaft oder andere Wissenschaften zu betreiben. Diese arbeiten zwar auch in gewisser Weise reduktiv, aber sie nehmen ihren Ausgang von einer anderen Phänomenebene. Eine Wissenschaft ist daher immer durch die jeweilige Beobachtungsebene bestimmt und es steht noch die Frage aus, ob sich alle Wissenschaften in einem großen Gesetz vereinen ließen, wonach sich alle und wirklich alle Phänomene des Universums beschreiben ließen. Die Physik setzt dies ja einfach nur voraus. Ab und an kann die Physik natürlich hilfreich zur Seite springen. Ich will hier schließlich keine Anti-Interdisziplinarität verbreiten. Angesichts aber einer komplexen Umwelt, wobei wir noch nicht mal unsere eigenen Handlungen am Finanzmarkt mit Gesetzen als vorhersagbare Phänomene beschreiben können, ist jeder Systemglaube an die Geschlossenheit des Universums erstmal fehl am Platze. Wir müssen uns eher fragen, wie wir mit der noch nicht erfassten Komplexität umgehen lernen.

Management of Complexity
Von Michael Heiss und die Frage ob Komplexität erfassbar und behandelbar ist.

Mögliche Komplexität der Umwelt

In meinen nächsten Beiträgen möchte ich daher, die Komplexität in Bezug auf Umwelthandeln darstellen. Dieses Thema ist auch der Grund, warum ich mich hier im Blog nicht zu Wort gemeldet habe. Und vielleicht auch absehbar wenig Zeit dafür zur Verfügung habe. Wie gehen wir mit der Komplexität der Umwelt um, die wir noch nicht in ein eindeutiges System einfügen können? Wobei nichts dringlicher wäre als dieses.

Ich durchforste im Moment die empirischen Weiten der soziologischen Forschung nach den Regelkreisen des gesellschaftlichen Umweltbewusstseins. Ich weiß natürlich, dass viele voraussetzen, dass wir die Umwelt schon kontrollieren könnten und uns nur noch die Technik fehle. Aber dieser Technikglaube setzt schon voraus, dass wir Umwelt verstehen. Warum das kompliziert ist, möchte ich darlegen.  Klimawandel, wie ich hier schon dargestellt habe, ist ja zum Beispiel keineswegs leicht zu erschließen. Immer wieder begegnen uns zur Debatte des Klimawandels Menschen, die mit physikalischem Rüstzeug schnell vom Gegenteil überzeugen: antropgenen Klimanwandel gibt es nicht. Daher analysiere ich im Moment, welche Bedingungen für Gesellschaften überhaupt dazugehören, um über die Umwelt (oder weiter gefasst die Natur) nachdenken zu können. Im Alltagsverstand wird Umwelt nun als sehr simpler Sachverhalt angenommen, der vor allem linear nach dem Ursache- Wirkungsmechanismus (physikalisch) funktioniere. Das kann so sein, muss aber nicht so sein. Es könnte auch sein, dass Umwelt chaotisch offenes System ist, dass nur in Sonderfällen funktioniert und in diesen Fällen Bedingung unserer technischen Welt ist. Genau in diesen Sonderfällen, wäre der Klimawandel nur eine Frage des Wirtschaftswachstums. Umwelt ist aber vorrangig komplex, denn es konnte noch nicht auf eindeutige Regelkreise reduziert werden.

Aber auch die Gutmensch-alltags-hypothese, dass die Natur sich im Gleichgewicht befände und den Menschen, der das Chaos mit sich und seiner Technik bringe, möchte ich behandeln. Diese ist nämlich ebenso voraussetzungsreich, wenn ausgesagt wird: Es gibt natürliche Gleichgewichte. Wie kann das aber geschlussfolgert werden, wenn 98% der Arten bisher ausgestorben sind? Leben ist eine kurze Erfolgsgeschichte, die auch einfach in einem Misserfolg verpuffen kann. Ich möchte nur daran erinnern, dass jede noch so große Karriere bisher zumindest mit einem Misserfolg geendet hat: dem Tod. Wo würden wir hier vom Gleichgewicht sprechen?

Ich argumentiere also weder für technische Lösungen des Umweltproblems, noch für Einsichtshandlungen des bescheidenen, umweltgerechten Lebens, sondern will zunächst nur das Problem der Umwelt überhaupt thematisieren. Ich hoffe, dass dieses den Lesern dieses Blogs mit gleicher Neugier am Herzen liegt.

Viele Grüße und wenn ihr es noch nicht habt, abonniert meinen Blog oder empfehlt mich weiter, Norman ;)

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