Archiv fü Kategorie Grenzen der Politikphilosophie

Die verlorene Wahrheit – Von der Wertlosigkeit der Philosophie

7. Dezember 2016
Nicholas Rescher 2

Rescher, eine lebende Enzyclopädie, picture By Rescherpa (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


Ich hatte heute eine Unterhaltung mit Nicholas Rescher. Der Mann hat seine hundert Bücher und Tausende von Artikeln veröffentlicht. Hat zu dem ein Arsenal an Ehrendoktorwürden (9). Wäre ich er, würde ich darauf bestehen, dass jeder, der mit mir spricht, diese Dr.Titel nennt und falls nicht, würde ich so tun, als hörte ich ihn nicht.

Wie dem auch sei. Die Epistemologie, Reschers Hauptbetätitigungsfeld, die Lehre vom Wissen, ist derweil ein wenig in Verruf gerraten und viele behaupten wir bräuchten diese nicht mehr. Rescher ist nun einer der wenigen, die glauben, dass wir noch die Ausarbeitung einer Epistemologie bewirken müssten und stellt hierzu die These auf, dass es noch koheränter Systeme bedarf.

Ich habe ihn ausgiebig zu einer Epistemologie und ihrer sozialen Relevanz befragt. Ich zweifle zum Beispiel stark daran, dass uns eine bessere Theorie von Dreiecken eine bessere Politik beschert. Ich glaube im Gegensatz, dass das Gute jeder Theorie vorausgesetzt sein muss.

Reschers Buch zur Epistemologie ist eine Zusammenfassung aller epistemologischen Probleme unter der Idee dass wir keine repräsentationalistischen Wahrheitstheorien bedürfen, sondern Koheränzsysteme. Natürlich schreibt der Mann im analytischen Feld (was auch seine erste Frage war, ob ich denn auch analytisch geschult sei). Dennoch ist Rescher im kontinentalen Bereich unglaublich belesen und auf den Hinweis, dass er sich ja auf Leibniz beziehe, antwortete er nur, dass dieser immer noch sein großer Held wäre. Das Buch zur Epistemologie ist Beitrag zur Philosophie und Lehrbuch zugleich:

Was sonst?

Ich habe soviel an Cybermonday nach Thanks Giving gekauft. Nach 6 Jahren kann ich sagen, dass Thanks Giving der wichtigste, amerikanische Feiertag ist, weil hier alle Familien zusammen kommen. Weihnachten wir nicht von allen gefeiert und selbst Christen fliegen eher an Thanks Givin als an Weihnachten nach Hause. Ich habe endlich einen neuen PC, so dass ich meine Fotographie endlich wieder schneller bearbeiten kann. Ich habe mich für ein Mittelklassemodell entschieden und fahre damit wirklich, wirklich gut. Ich denke nach langen Recherchen, dass das wirklich das beste Preisleistungsverhältnis ist:

DSC_0107

Ich suche übrigens auch fake Converse-Schuhe. Ich will hier nicht 50 Dollar für die ausgeben.


Zur gegenwärtigen Bedeutung der Philosophie 

Im folgenden Artikel geht es eben darum, dass die Philosophie ihre epistemologische Zentralfunktion verloren hat.

Kernthese des verlinkten Artikels:

Philosophie wurde gereinigt und zu einer Wissenschaft unter vielen. Damit ist die Philosophie keine Tugend mehr und der Philosoph ein Durchschnittsdetlef, der sich wie ein fauler Beamter in Archiven ein Biotop aus abzuarbeitenden Büchern errichtet hat und in der Zwischenzeit auf einen Monitor starrt.

Bewertung:

Simple Darstellung historischer Zusammenhänge innerhalb der Philosophie. Der Artikel hat beinahe Precht-Niveau. Die historische Transformation der Tugendphilosophie in das Archivars- und Verwaltungsleben ist leider nur allgemein dargestellt. Der Artikel verpasst es, einen reflektierten Standpunkt zu erreichen, das heißt auf die eigenen Voraussetzungen der eigenen historischen Position einzugehen oder interessante Beobachtungen einzustreuen.

Zusammenfassung:

Philosophie wurde insitutionalisiert und damit “gereinigt”. Der Artikel verortet die Abspaltung der Philosophie um 1870. Die Naturwissenschaften  ebenso wie die Sozialwissenschaften werden zu eigenständigen Wissenschaften entwickelt, die sich nicht mehr vor der Philosophie verantworten müssen. Unter dem Druck der Abspaltung muss sich die Philosophie als eigene Wissenschaft rechtfertigen (dies wird als Demarkation bezeichnet). Unter der Neuausrichtung bleiben verschiedene Betätigungsfelder:

  1. Synthese verschiedener Erkenntnisse aus Regionaldisziplinen
  2. Entwicklung des formalen Grundvokabulars (Logik)
  3. Übersetzung von Erkenntnissen für die Gesellschaft
  4. Disziplinspezialisten
  5. Kombination aller

Nach dem Artikel hätte Philosophie niemals gereinigt werden sollen, denn mit dem Fokus auf Wissensproduktion wurde die Philosophie ebenfalls von der Tugend abgegespalten.

“The individual scientist is no different from the average Joe; he or she has, as Shapin has written, “no special authority to pronounce on what ought to be done.” For many, science became a paycheck, and the scientist became a “de-moralized” tool enlisted in the service of power, bureaucracy and commerce.

Philosophie ist zu einem Gehaltsscheck geworden, einem Beruf unter vielen. In diesem Sinne ketten sich Philosophen an ihre Computer und produzieren angeblich wissenschaftliche Artikel, die von ihren peers bewertet werden.

“Today, a hyperactive productivist churn of scholarship keeps philosophers chained to their computers.”

Ich stimme damit überein, dass die Philosophie unnötig, verwissenschaftlicht worden ist, denke aber dass die Reduktion auf den Wahrheitsgehalt problematisch ist. Ich glaube ich habe zuviel Rorty gelesen und kann nur mit einem Zitat von Tom Rockmore zur Relevanz der Theorie enden. Für ihn sind Platon, Kant und Husserl Verteidiger, dass wir nur praktisch handeln können, wenn wir eine gesicherte Wissenschaft haben, während Aristoteles, Hegel und Marx der Praxis den Vorrang geben:

“On the one hand, there are those, such as Plato, Kant, Husserl and even Whitehead […] on the other hand there are those, such as Aristotle, Hegel, and Marx, who are concerned to limit, or even to reject, some claims for the relevance of reason.” (Rockmore, Tom Habermas on Historical Materialism 1989:173)

Sonnenuntergang Winter

Mein Philosophie-Projekt neight sich dem Ende entgegen, sohwohl Dr.-Arbeit als auch die Beschäftigung mit Epistemologie.

 

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Das Ego, letzter metaphysischer Rest – Wie Demokratie Antidemokratie bedingt

5. Juli 2012
Democracy www.kunst-und-gedanke.de

Demokratie zwischen Egozentrismus und Gleichheit (Bild: Veronika Kluscar www.kunst-und-gedanke.de)

Europa stemmt seit mehr als 300 Jahren den Druck der Revolutionen. Wie ein Atlas, der die ganze Welt auf seinen Schultern tragen will, ächzt dabei ein Kontinent, der es allen irgendwie durch demokratische Gleichheit recht machen will, aber damit nur allen irgendwie auf die Füße tritt. Inzwischen wollen mehr als 300 Millionen Menschen einen Nenner. Mit dieser Aufgabe aber besiedeln Demokraten seit 300 Jahren metaphysisches Neuland. Wie sollten mehr als 300 Millionen Individuen, die irgendwie im selben Boot der metaphysisch Obdachlosen rudern, für einander ein Dach bauen? Moderne Menschen treffen auf ein Problem: Wir können uns nicht mehr kennen. Würden wir eine Sekunde an jeden EU-Bürger denken wollen, würden wir mehr als 10 Jahre benötigen. Ohne ein metaphysisches Konzept, das mehr darstellt, als die laue Suppe an Realität, in der wir schwimmen, kommen wir nicht weit. Welche Metaphysik soll uns nun helfen? Viel bleibt nicht übrig: Vor allem der aufklärerische Glaube an den Menschen entpuppt sich nach und nach als spezizistisch und verachtet die Natur. Nach den Religionen gehen uns irgendwie die Konzepte aus. Lesen Sie den gesamten Eintrag »

Frauen züchten sich klein – Stylingklassengesellschaftenen im Internet

17. Januar 2012
Soziale Gruppen im Internet

Soziale Gruppen im Internet haben härtere Standesschranken

Eigentlich bin ich kein herzenskranker Kulturpessimist und eigentlich sehe ich die Medien als Negation von Freiheit. Bei dem Schlachtruf “Zurück zur Natur” habe ich mich immer gefragt, zu welcher Natur eigentlich. Dennoch gibt es Effekte, bei denen das Medium “Internet” tatsächlich gesellschaftliche Prozesse steuert. Derzeit frage ich mich, inwiefern das Internet Frauen zurück zum Hausfrauen-Dasein sozialisiert.

Philosophie erzeugt ja kaum Resonanzeffekte. Daher schreibe ich den trockenen Kram auch auf einem anderen Blog: www.fibonaccie.blogspot.com. Die Aufmerksamkeitsverteilung im Internet folgt anderen Kriterien. Das Internet besteht aus Katzenbildern, Schuhshops und zu gut 98 Prozent aus Pornos.  Dieser Blog ist daher eine Frage der Ehre, wo ich mich selbst hin und wieder vom Denken überraschen lassen will. Was aber ist das Gegenstück zu derartigen Blogs, die sich mit überzogener Selbstüberschätzung dem elitären Anspruch nähern?

Das Internet ist böse und obwohl ich Luhmanns und Marshal McLuhans philosophische Thesen ungerne teile, bin ich geneigt zu glauben, dass das Medium die Botschaft wird. Jawohl das Internet ist böse und meine These ist, vor allem Frauen fallen ihm zum Opfer. Da haben sich die Frauen ihre Position im Mediengeschäft halbwegs erkämpft, Spots wie der folgende gehören fast der Vergangenheit an…

 

 

 

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…da bekommen also Frauen dank der Einbindung in das Marktgeschehen eine bessere Position, werden entsprechend der kapitalistischen Produktivitätsmaxime mehr und mehr in das Ehrgeizunternehmen Aufklärung eingeflochten, da steht zugleich eine Schminkgilde von jungen Youtubern auf und vermittelt, dass Frauen über Basteln, Kinder, Schmuck und Styling bloggen müssen, während sie Männern das Nerdbusiness, Computer, Autos und andere Computerteile überlassen. Es ist daher legitim zu fragen, ob das Internet die Schwächung der Frau zum Modepüppchen verstärkt?

AdornoIm Club der Schönen: Adorno by Jeremy J. Shapiro CC-BY-SA-3.0

Kurzer Vergleich zwischen Interaktionen in einer Stadt und im Internet

Wo eine Gesellschaft früher durch viele Interaktionen im Leben auf der Straße durchwachsen war, so solidarisieren sich im Internet Intelligenzgruppen über Bundesländergruppen hinweg. Bei Facebook adden sich die Modepüppchen gegenseitig, was zu einer sozialen Abgrenzung gegenüber “Andersaussehenden” führt (Im Club der Schönen werden dann mal schnell 30.000 Hässlichgewordene von ihren liebgewordenen Kontakten abgeschnitten). Hier zeichnet sich bereits eine andere Sozialhierarchie ab: Während in einer Stadt Zusammenleben Pflicht ist, wird im Internet das Zusammenleben komplett auf den Erwartungshorizont der eigenen Bedürfnisse eingeschränkt. Lokal entgrenzt sich daher der Zusammenhalt zwischen den Menschen, unserer Kontakte reichen immer weiter in die Welt hinaus, während sich unsere Kontakte inhaltlich auf unseren Themenstream einschränken. Wir bilden soziale Standesschranken. Die Standesehre der Blogger vermittelt eine neue gesellschaftliche Trennung. Der Nerd gesellt sich zum Nerd, die Stylebloggerin zur Stylebloggerin. Der Geist trennt sich von der Unart und die Bild- und Modeblogs stellen sich die zukünftig Doofen untereinander bereit.

Ich habe nichts gegen Mode und halte diese für eine interessante Form der Entäußerung, solange es auf künstlerischem Niveau passiert (ich sehe nur nicht, dass dieses in der Mode tatsächlich passiert, eher ist das ganze markttechnisch organisiert). So wie der Philosoph Adorno einst meinte, sobald sich der Protest über Vietnam mit kommerziell vertriebener Musik vermische, entstehe ein unterträgliches Gebräu aus Schnulze und falschem Anspruch. Ebenso verhält es sich auch mit Kleidungsstücken, die immer nur für Repräsentationszwecke und Gewinnwirtschaft entfremdet wurden. Styleblogger haben nur einen Anspruch: Noch stylischer Aussehen. Nicht aber Kunst als mystische Überbrückung zwischen beherrschter Natur und pseudo-freiem Subjekt.

Ganz im Sinne Adornos zeigt der Postmoderne Klassiker “Watchmen”, dass Schnulzen den Krieg eher als Lebensgefühl begleiten, denn in irgendeiner Weise den Krieg und seine Absurdität zu zeigen. Die Medien der Postmoderne sind bereits auf eine Massenumwandlung geeicht und dies führt dazu, dass das Subjekt sich in der Anerkennung der anderen als in der Erfüllung der Kunst findet.

Wie die Schnulzen den Krieg nicht repräsentieren können, so repräsentieren Styleblogger mit Mode auch nur Oberfläche und Form. Die zu erfragende Qualität ist darin wenig zu entdecken. Es geht um Konsum, der auch nur formalisiert existieren kann.

Auch wenn es darüber hinaus viele Selbstnähblogger gibt (ich dachte übrigens, dass derartige Hausarbeit in die vorindustrielle Zeit der Weberknechte gehört, aber heute keimt es wieder auf) und diese Selbstnähblogger tatsächlich näher am Schaffen sind, so verstehen viele Style als die Bewaffnung mit Kreditkarten, um an teuren Schnitten den Körper zu beweisen. Diese extreme Form der formalen Äußerlichkeit aber ist keine Kunst, dies ist Selbstbetrug und Illusion.

Die Blöden wählen das Blöde – Wie das Medium Konsum ermöglicht

Beim Fernsehen wusste es kaum jemand: Aber nicht das Fernsehen hat vordergründig verblödet, sondern die Blöden haben blödes Fernsehen gewählt. Das Medium Fernsehen konnte allein aufgrund seiner Struktur als Breitenmedium niemals wirklich Philosophie in ihrer Tiefgründigkeit aufgreifen, da Tiefgründigkeit nur in schriftliche Textform passt. Das Internet kann dies, es kann texten, aber es schaltet den Prozess der Selektivität zwischen und so suchen die Intelligenten, was sie intelligenter macht, während die Blöden suchen, was sie blöd hält. Selbststeigerungsphilosophie kann immer nur die Klasse, der die sich nach oben bewegen verstehen. Im Internet aber sucht sich jeder seine Klasse selbst aus und so lautet meine These: Das Internet verleitet dazu, dass Frauen eher auf ihrem Plateau bleiben und sich tendenziell eher dem Mediengeschäft als der Mathematik widmen werden.

Ich hoffe der Artikel hat ein paar Perspektiven auf die Frage der Internetbeschränkung der Frauen eröffnet. Wenn euch für mehr solcher Texte interessiert dann added mich doch bitte bei Google+, abonniert mich per E-mail oder tretet der Facebookgruppe oben rechts bei. Ein RSS-Feed  ist natürlich auch vorhanden sowie eine “gewaltig interessante” Pinterestwall zum Thema “Philosophie”. Ansonsten könnt ihr mich gerne anschreiben, wenn ihr mal gemeinsame Projekte im Sinn habt. Schaut euch mal um oder kommentiert, damit ich weiß, wer sich hier so mal auf die Seite verirrt.

Norman Schultz

Demokratiephilosophie und das Spiel “Wer wird Milliardär” in Libyen

31. August 2011
Democracy

Wofür steht die Philosophie der Demokratie? (CC_Foto: PaDumBumPsh)

Eigentlich lassen mich politische Ereignisse als Philosophen kalt. Meistens sind doch die tagespolitischen Ereignisse, wenn einer diese denn aus einer fiktiven Zukunft entgrenzt philosophisch als auch geschichtlich relativ unwichtig. Welche Ereignisse fallen mir denn ein, wenn ich 1000 Jahre zurück denke? Ehrlich gesagt, klafft da bei mir ein dunkles Loch im Gehirn. Blicken wir in die Vergangenheit zurück, so fallen uns zumeist sehr globale Entwicklungslinien ein, kaum einer erinnert sich aber an alle Schlachten der Griechen oder die politischen Tagesereignisse des Mittelalters. Genauso ist für mich das aktuelle Westerwellebashing kaum erwähnenswert. Ein Mann, der auf der Abschussliste, wie ein schmuddliges Klassenkind gemobt wird, interessiert mich als Philosophen herzlich wenig. Rein menschlich finde ich es allerdings unfair. Dennoch verbindet uns der Fall Westerwelle mit sehr spezifischen Ereignissen, die uns sehr deutlich im Gedächtnis verbleiben werden. Wie die Französische Revolution die philosophischen Freiheitsmomente, die in der Philosophie bereits angedacht waren, entgrenzte, dringt nun auch diese Philosophie der Freiheit in die arabischen Grenzen.

Dieser Tage fragen wir uns also, ob in der arabische Flächenbrand ähnliche, geschichtliche Züge wie der Französischen Revolution enthält. Der philosophische Gedanke nach demokratischer Mitbestimmung erfässt die Länder des nahen Ostens. Ich hatte allerdings mehrfach angedeutet, dass allein eine gewaltvolle Machtübernahme nicht alte Strukturen überwindet. Zu einer autoritären Tätergesellschaft gehören mehr Gegner einer Freiheitsphilosophie als nur ein diktatorischer Machthaber. Und so zeigte sich auch schon, dass die französische Revolution in der Art wie sie Europa erfasste über 200 Jahre dauerte bis alle diktatorischen Regime durchgespielt waren und sich eine Demokratie etablieren konnte. Auch in Tunesien und Ägypten zeigt sich, dass die Beseitigung eines Machthabers nicht sogleich Demokratie bedeutet.

Zur westlichen Realisierung von Demokratie müssen wir auch hinzufügen: Natürlich ist auch diese westliche Demokratie eine Diskriminierungsform der politischen Minderheit, was so zum Beispiel gerade bei einem Zweiparteinsystem wie in den USA schnell zu einer schmerzhaften Ohnmachtserfahrung führt. Unabhängig aber von der Annäherung an das philosophische Ideal der Demokratie, ist auch schon die Durchsetzung und Übernahme der Demokratie nur selten eine philosophisch vernünftige.

Gewalt der Freiheitsphilosophie? Demokratie aber wie?

Demokratie Jetzt! Gibt es hier eine Wahl? Denn auch die Forderung nach entgrenzender Demokratie entspringt einem Dilemma, denn Demokratie muss doch in dieser Form immer erst durchgesetzt werden. Ist das aber demokratisch? Und wie setzt sich eine Demokratie eigentlich durch?

Zunächst haben wir doch die Grenzen in einem Staat, der meinetwegen die Bürger vor sich selbst schützt und vielleicht auch den Staat und seine Grenzen nach außen verteidigt. Dass die Grenzen sich in der Philosophie immer als notwendiges Übel des Denkens manifestieren, hatte schon der Philosoph Hegel erkannt, warum aber diese Grenzen in der Wirklichkeit auch Bestand haben, war seine wesentlich philosophische Frage. Grenzen der Staaten sind also mit einem Schlag in der Welt, warum aber? Die wohl historische Erklärung lautet: Grenzen klären Besitzansprüche. Wo einst ein Mann sagte, dies ist meins und es noch niemandem gehörte, dort war der Rechtsanspruch geregelt. Einer wirklichen Philosophie der Freiheit konnte dies aber nicht gerecht werden. Staaten sind Gebilde, die Menschen willkürlich setzen, die in einem Moment der Geschichte entspringen und mit der Willkür immer auch eine Form der vernunftlosen Gewalt enthalten.

Was spielt sich nun in Libyen ab? Es lässt sich durchaus mit Russland vergleichen. Als dort die Demokratie doch wohl philosophisch eingeführt worden war, startete eines der größten Gesellschaftsspiele des Kapitalismus: “Wer wird Milliardär?” Dieses Spiel wurde moderiert von Jelzin und Putin und es schlachteten sich die Russen ab, um am Ende die riesigen Güter eines Landes verteilt zu haben. Historiker vergleichen dieses Gesellschaftsspiel durchaus mit einem Bürgerkrieg. Die Forderung nach Demokratie ist bestimmten Mächtigen genehm, und wie auch in Russland gibt es einen riesigen Schatz in Libyen zu verteilen. War Gaddafi vor kurzem noch der reichste Mann der Erde (vielleicht ist er es mit seinen über 100 Milliarden über windige Kanäle noch immer), so warten schon andere Staaten, Industrielle und wer auch immer auf die “demokratische” Verteilung der Güter.

Demokratie ist ein philosophisches Ideal, die Realisierung aber eine tagespolitische Tragödie, die in verschiedenen Ereignissen historische Ausmaße annehmen kann. Auch eine Demokratie muss durchgesetzt werden. Klar ist, herrschen soll das Volk. Welches Volk aber?

Wenn 10.000 Menschen sich auf einer Versammlung in Kairo zusammen finden, so handelt es sich ja gerade mal um 0,01 % der Bevölkerung. Selbst wenn eine Millionen Gegner auf den Straßen sind, so haben wir es gerade mal mit 1% zu tun. Mit welcher Menge an Protestestierenden ist also der kritische Grenzwert erreicht, da ein Regime sich nicht mehr schützen kann? In jedem Fall aber wird mit einer Masse unter 50% nicht demokratisch darüber abgestimmt, ob Demokratie sinnvoll wäre.

Demokratie soll es also sein, aber wie kommen wir dazu? Abstimmen können wir ja darüber nur, wenn wir Demokratie schon haben. Wir wissen aus der Geschichte, dass sich ein Volk gegen Demokratie entscheiden kann, aber wie entscheidet es sich dafür? Demokratie geht zurück auf Gewalt. Können wir in diesem Falle von Gerechtigkeitsgewalt sprechen? Heiligt der Zweck die Mittel? Demokratie um jeden Preis? In dieser Frage bin ich mir unsicher, wohl aber zeigt sich so, dass die Demokratie ihre Gönner hat. Wahre Demokratie hätten wir wohl erst, wenn die Demokratie nicht mehr durchgesetzt werden müsste, sondern wenn sie ohne Revolution erscheint. Aber wer will darauf hoffen?

Norman Schultz

 

 

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