In einem meiner Beiträge hatte ich ja bereits über das Grenzen zwischen Zufall und Notwendigkeit im eigenen Lebensschicksal aus philosophischer Perspektive geschrieben. Wir können den Lottogewinn nicht einfach in das Reich der statistischen Unmöglichkeit verbannen, denn an uns selbst könnte sich der Zufall ja materialisieren. Insofern ist es nicht irrational auf das Beste zu hoffen, sondern Teil einer wahren Philosophie. Wie groß ist aber nun unser Beitrag dazu?
Montag: Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.
Dienstag: Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.
Mittwoch: Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.
Donnerstag: Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.
Es vergingen Jahre des Betens bis mich irgendwann eine Stimme wie aus einem jenseitigen Off anfuhr: „Dann spiel doch endlich Lotto!“
Wie also verstehen wir unser Lebensschicksal aus philosophischer Perspektive? Ist es Zufall oder Notwendigkeit, was uns zustößt und widerfährt?
Ist der Mensch eine gewebte Textur aus den Strängen des Universums, ein Lebensfaden, der uns aus dem Unverfügbaren (unbegrenzten) uns gegeben ist? Und ist der Mensch, der wir sind, ebenso unverfügbar mit all sein vermeintlich freien Entscheidungen, die wir eben nur vermeintlich frei nennen? Sind wir also nur Beobachter unseres eigenen Lebens und wird irgendwann ohne unser Zutun der Lebensfaden einfach abgeschnitten? Dies sind Fragen, die die Philosophie schon Jahrtausende begleiten und auch deshalb, weil sie immer nur wieder in den Grenzen einer einzelnen Person für sich philosophischgelöst werden können.Oder sind wir als Menschen, wie der Philosoph Nietzsche es formulierte, das Seil über einem Abgrund, worauf wir zugleich als Hinübergehende das eigene Leben in die eigene Hand nehmen können und unser Lebensschicksal aus eigener Kraft verwirklichen?
Wir sind doch, selbst wenn wir alle unsere Erscheinungen unseres Lebens als notwendig erachten, zu gewissen Graden in Freiheit uns selbst übergeben. Das heißt selbst wenn wir vorgeblich philosophisch an den Determinismus glauben, müssen wir uns den ganzen Tag entscheiden und wollen auch von anderen zumindest doch als freie Person behandelt werden. Wir sagen zum Beispiel dem Ober im Restaurant nicht, dass er noch warten soll, bis sich unser Gehirn entscheidet, was wir essen. Darüberhinaus aber können wir gar entscheiden, wann wir unser Leben beenden. Inwiefern dies nun deterministisch in den Genen angelegt sein sollte, ist mir ein Rätsel.
Gut, die Blicke in unsere philosophisch vorausgesetzte Seele sind uns vom Geröll unserer eigenen Begriffe verstellt. Wir können selbst nicht zuverlässig beurteilen, ob die Denkmöglichkeit unserer Freiheit auch Wirklichkeit ist. Gleichsam setzen wir diese Freiheit ständig voraus, wenn wir uns entscheiden. Vor allem, wenn wir fragen, was wir tun oder wie wir handeln sollen. Gerade hier gehen wir dann ja auch davon aus, dass es gute und schlechte Entscheider gibt. Und glauben wir nicht an diese Entscheider? Es heißt, gerade im Management käme es nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern im richtigen Moment richtig zu entscheiden. Top-Manager sind doch Top-Entscheider. Aber was ist eigentlich unsere elitäre Gemeinschaft aus Entscheidern und Bestimmern? Dieser Frage möchte ich mich im Folgenden widmen.
Top-Manager haben irgendwann ihr eigenes Leben in die Hand genommen. Sie sind Herren ihrer Grenzen. Sie sind uns überlegen, denn sie haben die richtigen Entscheidungen getroffen. Sie sind Selfmademillionäre, die immer am Limit, am Rande der Gefahr leben. Sie sind mit ihrem Risikobewusstsein der Wirklichkeit immer einen Schritt voraus. Sie leben aus dem Bauch und dominieren noch den intelligentesten Superschurken.
Aber denken wir kurz nach: Sind Manager wirklich die Besten? Wenn VW einen neuen Top-Manager sucht, wen werden sie aus dem Schwarm der Lebensschicksale herausfischen? Den Besten, so mögen wir unterstellen, denn warum sollte ein Unternehmen nicht tatsächlich den Besten auswählen?
Tatsache ist, dass erfolgreiche Manager nicht die Intelligentesten sein müssen. Schauen wir uns die verschiedenen Biografien an, so haben diese zwar oftmals eine gute Bildungskarriere hinter sich, aber sie selbst zählten zumeist nie zu den Besten (ich muss hier den Einschub machen, dass ich keine empirischen Studien kenne, dieses aber durch Falsifikation der These, dass Top-Manager zugleich die intelligentesten Erdenbewohner sind, an diversen minderwertigen ARD-Talkshows überprüft habe). Aber warum ist Intelligenz nicht wichtig? Intelligenz müsste doch eigentlich die ideale Voraussetzung sein, um ein Unternehmen zu leiten. Nehmen wir an, dass Intelligenz das Vermögen bezeichnet, die Notwendigkeit in der Welt zu erkennen und so die drohenden Folgen abzuschätzen, sogleich aus dieser Erkenntnis auch das richtige Handeln umzusetzen, so wäre dies ja eine ideale Voraussetzung für Manager. Doch wir machen hier einen ganz entscheidenden Fehler, wenn wir auch nur im Ansatz unserer Gesellschaft vertrauen, dass in diesem Sinne der Beste ausgewählt worden ist. Manager werden nämlich nach Erfolg ausgesucht. Es werden Biografien beurteilt und dieses ist der entscheidende Fehler. Eine Wissensphilosophie spielt hier keine Rolle, sondern alles wird entschieden innerhalb falscher, pragmatischer Grenzen.
Nehmen wir also an, VW angelt sich in dem Fall also den Erfolgreichsten und macht diese, indem sie seine Biografie beurteilen. Der Erfolgreichste ist derjenige, der in seiner Vergangenheit bei anderen Unternehmen gute Entscheidungen getroffen hat. Gut, heißt hier, dass die anderen Unternehmen von seiner Entscheidung maßgeblich profitiert haben. Nun ist es aber so, dass wenn wir eine Millionen Affen täglich Entscheidungen treffen lassen würden, wir irgendwann einen Affen übrig hätten, der im Lauf seiner „Karriere“ immer alles richtig gemacht hätte. Insofern könnte VW nach diesem Auswahlkriterium auch durchaus einen Affen versehentlich anstellen (Denn sie stellen ja den an, der alles richtig machte und das heißt nicht, dass er auch intelligent ist). Das Lebensschicksal anderer also als Verwirklichungsgeschichte einer eigenen überlegenen Nutzung ihrer Freiheit zu betrachten, ist ein entscheidender Fehler. Es kann nämlich auch sein, dass der tatsächlich Beste, sich nach allen Gesetzen des Verstandes immer korrekt entscheidet, aber dennoch den Zufall gegen sich hat und damit eine minderwertige Karriere verlebt. Anhand des Lebensschicksals können wir nicht über Menschen urteilen, lautet die philosophische Konsequenz.
Ich hoffe, dass dieses philosophische Argument einsichtig macht, warum wir den Managern im TV nicht vertrauen müssen, denn ihre Lebensgeschichte muss nicht Zeichen ihres Könnens sein, sondern stellt aufgrund der Vielfalt der unterschiedlichen Lebensschicksale auf diesem Planeten nur ein Ausgewähltes dar.
Noch ein Beispiel: Wir hören ähnliches über den Vorzeige-Milliardär Howard Hughes aus Amerika. Dieser habe es verstanden seinen Verstand mit einem Höchstmaß an Risikofreude zu verbinden und so aus einem bescheidenen Ölerbe ein Flug- und Medienunternehmen von Weltrang aufzubauen. Doch ich möchte zu bedenken geben, dass es durchaus möglich ist, dass es Milliarden von Howard Hughes auf dieser Welt gab, die jedoch an der Grenze ihres Lebensschicksals alle gescheitert sein mögen. Wenn es denn nur einer schaffte, sollten wir diesen als hervorragendes Beispiel für eine ganze Gesellschaft auswählen?
*lach* Hervorragend. Amerikaner lieben das Risiko, heißt es. Sie leben an der Grenze. Aber eigentlich interessieren sie sich nur für die, die das Risiko überlebt haben. Die gleiche Idiotie erleben wir bei den russischen Milliardären, die den Anarcho-Turbokapitalismus der 90er überlebt haben und nun behaupten sie wären eben die Stärksten gewesen. Dass aber aus einer Menge von vielen Millionen Russen notwendig ein paar Milliardäre übrig bleiben müssen, bedenken sie dabei nicht.
Wenn wir über die Grenzen der Menschheit aus Sicht der Philosophie nachdenken, müssen wir also die Kriterien zur Bewertung der Leistungsfähigkeit überdenken. Herausragende Biografien sind hiermit kein Schlüssel, um Menschen zu bewerten, denn in einem Universum durchzogen von undurchdringbarer Zufälligkeit (ob nun nur scheinbar oder wirklich) muss es notwendig herausragende Biographien geben.
Dank an alle, die mich bereits unterstützt haben.
Norman Schultz








